Das Lied der Sterne
Kapitel 9
Erschöpft ließ sich Fé auf ihren Stuhl fallen.
Das viele Tanzen war wohl doch etwas zu viel des Guten. Außerdem war
sie sich noch nicht ganz sicher, ob sie den – ja man konnte es durchaus
so nennen – Schock schon verwunden hatte, dass dieser dreiste Elb,
der sie halb zur Weißglut getrieben hatte, tatsächlich ihr Kindheitsfreund
Legolas war.
Wo war er überhaupt? Nachdem er sie Elrohir übergeben
hatte, schien er förmlich vom Mittelerdboden verschwunden zu sein.
Eigentlich hatte sie gehofft ...
„Nach wem hältst du denn so angestrengt Ausschau?“
Vor Schreck fiel Fé fast vom Stuhl. Mit vorwurfsvoller
Miene drehte sie sich um. „Féagil, musst du dich eigentlich
immer so anschleichen?“
Ihr Bruder grinste. „Natürlich muss ich das. Übrigens
hast du meine Frage noch nicht beantwortet.“
„Wie kommst du darauf, dass ich nach jemandem Ausschau
halten könnte?“ erwiderte sie trotzig.
„Ach, ich hab geraten“, sein Grinsen wurde noch
breiter, „Aber nun erzähl doch mal Fé: Kennst du Legolas
von irgendwoher ? Ihr saht beide sehr erschrocken aus, als ihr euch vorgestellt
wurdet.“
Fé wurde rot. Warum musste ihr Bruder auch immer alles
bemerken?
„Was? Ich meine... Wie bitte?“ Sehr gut, das Stottern
war ja auch überhaupt nicht verräterisch. „Man hat das gesehen?“
„Selbst ein blinder Mensch aus einer Meile Entfernung
hätte das gesehen. Also, woher kennt ihr euch?“
„Als wir noch klein waren, hat man dich nach Lórien
geschickt, um schon mit deiner Ausbildung zu beginnen. Erinnerst du dich?
Und ich blieb bei Cousine Anóriel. Legolas hat uns jeden Sommer besucht.
Sein Vater schickte ihn zu uns. Frag mich aber nicht, wo er den Winter verbracht
hat. Vielleicht in Imladris, wer weiß?“
„Und du hältst es nicht für nötig, dein
liebstes Zwillingsbrüderchen darüber zu informieren, mmh?“
„Woher, mein einziges Zwillingsbrüderchen, sollte
ich denn vorher wissen, dass er der Thronfolger von Düsterwald ist,
mmh?“
„Du wusstest ...?“ Féagil blickte zufällig
auf und schluckte seine Frage hinunter. „Wenn man vom Teufel spricht...“,
sprach er statt dessen und schaute in die Richtung der Terrassen.
Fé folgte seinem Blick und sah, dass Legolas gerade
den Festsaal betrat in Begleitung eines Elben, der einen äußerst
unorthodoxen Haarschnitt trug. Fé blinzelt, um sicher zugehen. Ein
Elb mit kurzen Haaren? Ihrem Bruder stand die Überraschung ebenfalls
ins Gesicht geschrieben. Als die beiden näher kamen, räusperte
sie sich laut, um sich und Féagil aus der Starre zu befreien.
Wenn sie sich Legolas genauer ansah, erkannte sie, dass er
sehr blass war. War irgendetwas passiert? Sie hatte keine Zeit weiter darüber
nachzugrübeln.
„Fé“, sprach Legolas sie an, „Ich
möchte dir jemanden vorstellen.“ Sie stand auf und der Düsterwald-Prinz
schob seinen Begleiter nach vorn. „Das ist mein ältester und
bester Freund Aldalor. Aldalor, Féathila.“
Aldalor gab Fé die Hand: „Sehr erfreut.“
Fé knickste. „Ich ebenso.“
„Und ihr Bruder Féagil.“ Die beiden Elben
reichten sich ebenfalls die Hände.
„Lasst euch von seiner furchterregenden Haarpracht nicht täuschen“,
bemerkte Legolas, „Sieht man davon einmal ab, verhält er sich
recht normal.“ Er hielt inne und schien kurz zu überlegen. „Jedenfalls
meistens“, setzte er dann noch hinzu.
„Hört nicht auf ihn“, meinte Aldalor in verschwörerischen
Ton, „ Er ist nur noch deprimiert, weil er selbst sein Haar nicht
so tragen darf. Als ich nämlich gerade auf den persönlichen und
ausdrücklichen Wunsch unseres guten Prinzen die Schere anlegte, platze
der König herein. Der arme Legolas wurde einer fürchterlichen
Standpauke unterzogen, die man bestimmt noch bis nach Valinor gehört
hat. Seitdem hält er lieber Abstand von Scheren und behauptet er würde
meine Frisur furchtbar finden.“
Fé versuchte ihre zuckenden Mundwinkel unter Kontrolle
zu bringen, während sie beobachten konnte, wie Legolas Ohrenspitzen
eine tiefrote Farbe annahmen und er seinem Freund auf den kleinen Zeh trat.
„Aber“, fuhr Aldalor unbeirrt fort, „Wir
wollen ja nicht aus dem Nähkästchen plaudern.“ Er klopfte
Legolas freundschaftlich auf die Schulter. „Immerhin, steht ihm ja
noch eine gewisser Rest seiner königlichen Würde zu.“
Dann wandte er sich an Fé: „Féathila,
meine Teure, würdet ihr mir die Ehre des nächsten Tanzes erweisen?“
Er positionierte sich neben ihr und hielt ihr seinen Handrücken hin.
„Aber gewiss doch“, antwortete sie lächelnd
und legt ihre linke auf die angebotene Hand.
„Dann wollen wir die übrigen Anwesenden mal in
Erstaunen versetzen“, meinte Aldalor und marschierte übertrieben
wichtig mit ihr los, was sie zum Lachen brachte. Sie konnte sehr gut verstehen,
warum Legolas schon so lange mit ihm befreundet war.
Sie nahmen Aufstellung zum Tanz. Die Orchestermusik ging gerade
in ein äußerst schwungvolles Stück über.
„Na dann“, er sah sie schelmisch grinsend an,
„Bereit?“
„J..ja ?!?“ antwortete sie zögernd.
Er grinste noch breiter. „Na, dann kann es ja losgehen.“
+++++++
Lächelnd beobachtete Legolas, wie Fé von Aldalor
über die Tanzfläche gewirbelt wurde. Ihr zunächst von leichter
Panik gezeichnetes Gesicht ließ erkennen, dass sie mit einem solchen
Ausbruch seitens ihres Tanzpartners nicht gerechnet hatte. Doch ihre Züge
entspannten sich schnell und ihr fröhliches Lachen erfüllte den
Raum. Die übrigen Paare hatten bald einen Kreis um Aldalor und Fé
gebildet und klatschten im Takt.
Je länger er diese ausgelassene Szene betrachtete, desto
mehr ergriff eine kalte Angst Besitz von ihm, desto inständiger hoffte
er, dass er sich irrte.
„Verzeiht, Euer Hoheit?“ Eine besorgt klingende
Stimme riss ihn aus den Gedanken. Er drehte sich um und konnte Féagil
als ihren Ursprung ausmachen. Legolas versuchte zu lächeln, doch es
sah wohl etwas gequält aus. „Bitte, nennt mich Legolas.“
„Einverstanden, ich bin Féagil“, erwiderte
sein ebenfalls hoheitlicher Gegenüber. Nach kurzer Pause begann Fés
Bruder von neuem: „Verzeiht, Legolas, aber geht es Euch gut? Ihr seht
sehr blass aus.“
Sehr gut, jetzt war es schon so weit, dass man es ihm an der
Nasenspitze ablesen konnte.
„Es ist nichts“, erwiderte er nur. Innerlich seufzte
er auf; wenn es doch nur so wäre.
„Versprecht mir nur, immer gut auf Eure Schwester aufzupassen.“
Soweit er es selbst nicht konnte.
„Natürlich“, antwortete Féagil, sah
jedoch etwas irritiert aus.
Am liebsten hätte Legolas ihm erzählt in welcher
Gefahr seine Schwester womöglich schwebte, aber ... nein, er musste
warten bis er sich sicher war, bevor er alle vielleicht grundlos in Sorgen
stürzte.
„Ihre Vorliebe für plötzliches Verschwinden
ist ihrer Sicherheit ja nicht sehr zuträglich“, sagte er statt
dessen.
Féagil machte den Eindruck, als ob er nicht wüsste,
ob er lachen oder weinen sollte. „Ihr sagt es“, seufzte er bloß.
„Was sagt wer?“ Eine glücklich aussehende
Féathila war hinter ihnen aufgetaucht und sah neugierig von einem
zum anderen. Leicht außer Atem strich sie sich eine verirrte Strähne
aus dem Gesicht.
„Wir waren nur gerade zu dem Schluss gekommen, dass
es keine leichte Aufgabe ist, dich im Auge zu behalten“, meinte ihr
Bruder und stupste sie auf die Nasenspitze.
Fé rümpfte die Nase und grinste: „Wenn ihr
zwei so gern den Beschützer spielen wollt, solltet ihr mich beim nächsten
Mal nicht so ohne Weiteres mit einem Elben gehen lassen, der mit kurzen
Strubbelhaaren durch die Geschichte Ardas wandelt.“
„Oh, das hat mich getroffen“, rief eben jener
Elb theatralisch und trat zu ihnen, „Meine liebe Féathila,
damit ihr Eure Furcht vor meinem Wesen verliert, werdet ihr wohl noch einen
Tanz mit mir wagen müssen.“
„Ihr habt Glück, dass ich keine Gefahr scheue“,
meinte sie in heldenhafter Pose.
„Was nur zu wahr ist und womit wir wieder beim Thema
wären“, schloss ihr Bruder.
„Sei kein Spielverderber“, schmollte Fé,
„Immerhin bin ich ein großes Mädchen.“
Und schon waren Legolas bester Freund und Féathila
wieder auf der Tanzfläche verschwunden.
Nein, Legolas würde sie nicht einfach so sterben lassen.
Niemals.
„Entschuldigt mich“, bat Féagil und entfernte
sich in Richtung Nells, die soeben von ihrem Tanz mit Elrohir zurück
an den Tisch kam.
„Nun, utinu en amin, amüsierst du dich?“
Legolas wandte sich seinem Vater zu, der prompt hinzufügte:
„Im Moment zumindest siehst du nicht so aus. Was bedrückt dich,
Legolas?“
„Das ist ein Thema, dass ich gern morgen mit dir besprechen
würde, Adar. Sofern du Zeit hast.“
„Welch Vater wäre ich, wenn ich für die Probleme
meines Sohnes keine Zeit hätte?“
„Ich danke dir, Adar.“
„Und nun, utinu en amin, sage mir, wann du herausgefunden
hast, dass es sich bei unserem weiblichen Ehrengast um deine Freundin aus
Eryn Vorn handelt.“
Legolas Augen wurden groß: „Du hast es gewusst?“
„Nicht sofort, aber als ich hörte, dass sie Frau
Galadriels Nichte ist, wusste ich es natürlich, da sie nur eine Nichte
hat, die nicht in Valinor lebt.“
„Ich habe es gewusst, als du uns vorstelltest.“
„Das erklärt auch deinen Gesichtsausdruck“,
erwiderte sein Vater in belustigtem Ton. „Sieh nur, da kommt Melonndil“,
rief er dann erfreut aus.
Legolas Kopf ging sofort nach oben. Melonndil? Er hatte ja
das Donnerwetter fast vergessen, das ihm noch bevorstand.
„Ich denke, ich sollte mich ein wenig unters Volk mischen“,
meinte er schnell zu seinem Vater und ergriff die Flucht, wobei er einen
verdutzten Thranduil zurückließ.
Doch statt sich wirklich in die Menge zu begeben, führte
ihn sein Weg zu den Außenterrassen, die nun, da das Fest begonnen
hatte, völlig verlassen waren. Er konnte sich heute einfach nicht lange
unter vielen Leuten aufhalten ohne das Gefühl zu bekommen, jeden Moment
schreien zu müssen.
Mit den Unterarmen stütze Legolas sich auf einem Geländer
ab und betrachtete das Mondlicht, das sich seinen Weg durch das Blätterdach
des Schlossgartens bahnte. Er schloss die Augen und atmete tief die würzige
Luft des Waldes ein, die sich mit dem süßen Duft der Gartenblumen
vermischte. Dazu wehten die harmonischen Klänge aus dem Saal zu ihm
herüber.
Jemand tippte ihm auf die Schulter. Es war Féathila.
Und sie sah in dem Moment fast so aus, wie an jenem Abend vor über
zweitausend Jahren, als sie ihn von Mond- und Sternenlicht bat, ihr eine
Geschichte zu erzählen.
„Ähm“, begann sie zaghaft, „Warum ...
warum bist du denn gegangen?“
Und er kam sich wieder vor wie der Einundzwanzigjährige,
dessen ganze Welt aus den Sommern mit der kleinen Elbe von Eryn Vorn bestand.
Er wünschte, er könnte die Zeit noch einmal zurückdrehen.
„Und warum willst du das wissen?“ fragte er zurück
und setzte dabei das spitzbübische Grinsen auf, das sie damals immer
so geärgert hatte.
Ihre Reaktion war auch noch dieselbe. Mit verärgert verzogenem
Mund schnappte sie zurück: „Bild dir bloß nichts ein.“
Doch dann fuhr sie etwas leiser fort und verhakte dabei nervös die
Finger. „Ich hab mich nur darauf gefreut, vielleicht noch einmal mit
dir zu tanzen.“
Legolas zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Diese Aufforderung
war allerdings nicht so energisch wie damals, und auch nicht, dass seine
Herz daraufhin ein wenig schneller schlug.
„Wer sagt denn, dass wir das nicht hier draußen
tun können?“
„Was hier?“ Sie blickte ihn erstaunt an; und da
waren sie wieder: Die Sterne in ihren Augen, die so hell funkelten wie Earendil
selbst. Doch der Anblick Earendils brachte wieder die Erinnerung zurück
und Legolas kämpfte gegen die Schreckensbilder an, die vor seinem inneren
Auge aufzutauchen drohten. Féathilas bleiches Gesicht, dass nach
Hilfe schrie und dann verschwand.
„Legolas? Legolas, ist alles in Ordnung?“
Wie aus einem Albtraum erwacht schreckte er auf. „Was?“
„Ist alles in Ordnung? Du sahst gerade irgendwie furchtbar
abwesend aus.“
„Es ist nichts.“ Er konnte es ihr einfach nicht
sagen. Nicht jetzt.
Er sah in ihre Sternenaugen und lächelte. „Lass
uns tanzen.“
Legolas nahm seine Tanzhaltung ein. Sie nickte und sah leicht
nach unten. Ein Rotschimmer krönte ihre Ohrenspitzen. Dann folgte sie
seinem Beispiel. Als sie ihre Hand in seine schob prickelte sein ganzer
Arm und als sie die andere auf seine Schulter legte, fuhr Wärme durch
den Stoff seiner Kleider. Was stellte sie hier bloß mit ihm an?
Langsam bewegten sie sich zum Takt der Musik, die durch die
der Wind zu ihnen trug. Fé lehnte ihren Kopf an seinen Oberkörper.
Legolas schloss die Augen und wünschte, dass er die Ewigkeit seines
Elbenlebens genauso verbringen könnte. Doch seine Tanzpartnerin schien
nicht dieser Auffassung zu sein.
Nach einiger Zeit wurde ihr Gewicht immer schwerer, bis sie
sich völlig auf ihn stützte. Er öffnete irritiert die Augen
und bemerkte ihren verschleierten Blick. Herrlich, sie war eingeschlafen.
Wahrlich, das war noch keine Elbe vor ihr, die mit ihm getanzt hatte.
Nicht wirklich wissend, was er jetzt davon halten sollte,
nahm er sie behutsam hoch, darauf achtend, dass er sie nicht weckte. Der
Tag war wohl doch etwas anstrengend gewesen und immerhin, war sie heute
morgen erst wieder aufgewacht, nachdem er sie im Wald aufgelesen hatte.
In der Hoffnung, dass sie niemand gesehen hatte, schlich er
mit ihr auf dem Arm durch den Garten zu hinteren Eingang in der Nähe
der Treppe, die zum Obergeschoss führte. Als er diese erklommen hatte,
stand er unschlüssig auf dem Gang. Welches der vielen Gästezimmer
wohl ihres war? Er konnte unmöglich sämtliche Zimmer durchsuchen.
Was wäre das für einen Vertrauensbruch ihren Gästen gegenüber?
Dann blieb wohl nur noch sein eigenes Zimmer übrig. Er würde sich
wohl oder übel heute nacht mit dem Liegesofa im Wohnbereich seiner
Zimmer begnügen müssen.
Lautlos schlich er durch den Gang und öffnete umständlich
die Tür zu seinen Gemächern, was in Anbetracht der Tatsache, dass
er Fé auf dem Arm trug, nicht so leicht zu bewerkstelligen war. Er
brachte sie zu seinem Bett und legte sie sanft darauf ab. Ihr friedliches
Gesicht betrachtend, dessen Konturen durch das Licht der Gestirne umspielt
wurden, stand er einige Minuten schweigend vor ihr. Als sie noch klein waren
hatte er nie bemerkt, wie vollkommen sie aussah. Mochten andere vielleicht
auch das Gegenteil behaupten für ihn war sie perfekt. Sollte Aldalor
doch im Recht sein?
Langsam fuhr er die Zeichnung ihrer Wangenknochen nach und
strich sacht durch ihre vollen haare, die sich wie Wasser um ihren Kopf
ergossen.
Bei den Valar, er würde sie mit seinem Leben verteidigen,
wenn es sein müsste.
Legolas hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn und trat dann
auf seinen Balkon.
„Hörst du“, flüsterte er zu Earendil
hinauf, „Mit meinem Leben!“
+++++++
Es war nacht. Die Sterne glitzerten am Firmament und drohten
die schmale Mondsichel verblassen zu lassen. Fé lag bäuchlings
auf ihre Baumhausplattform und schaute über den Rand. Sie beobachtete,
wie Legolas, etwa im Alter von achtundzwanzig Jahren, prustend sein Kreise
im Fluss zog.
„Fé, komm doch runter“, rief er zu ihr
herauf, „Das Wasser ist vom Tag noch ganz warm.“
„Ich habe keine Lust zu schwimmen, schon gar nicht bei
der Dunkelheit.“
„Das ist doch das Spannende daran. Außerdem kannst
du dich mit deinen Elbenaugen nun wirklich nicht über schlechte Sicht
im Dunkeln beklagen.“
„Na schön...“ Umständlich stand sie
auf. „Aber du bist mir was schuldig.“
Sie kletterte den Baum hinunter und begann ihr Oberkleid auszuziehen.
Allerdings kam sie damit nicht sehr weit, weil sie sich in den Schnüren
des Korsagenteils verheddert hatte. Was gäbe sie nicht dafür noch
einmal sechzehn zu sein. Damals hatte man ihr noch keine Kleider mit Korsett
aufgezwungen.
Sie musste mit dem Rockteil über dem Kopf wirklich ein
sehr elegantes Bild abgeben, denn ein Kichern kam aus Richtung des Flusses.
„Warte, bis ich dich erwische“, murmelte sie in
den Stoff des Kleides hinein.
„Versuch ’s doch“, sagte eine Stimme direkt
neben ihr. Vor Schreck machte sie einen Satz. Das Kichern entfernte sich
etwas.
„Worauf du dich verlassen kannst.“
Als sie sich endlich befreit hatte, war von ihm keine Spur
zu sehen.
„Legolas?“
„Hier oben.“
Er war auf die Plattform geklettert, stand nun an deren Rand
und schaute auf den Fluss.
„Du willst doch da nicht etwa hinunter springen?“
„Und wenn doch?“
„Legolas aus dem Grünwald“, brauste Fé
auf und stemmte die Hände in die Luft, „Du kommst sofort herunter.
Das Wasser ist viel zu flach. Nur weil du normalerweise unsterblich bist,
heißt das nicht, dass du dir nicht das Genick brechen kannst.“
„Sei kein Angsthase.“
„Ich bin kein Angsthase. Ich bin nur realistisch.“
Aber eigentlich hatte sie doch ein wenig Angst. Er würde nicht wirklich
springen, oder?
Und während sie noch darüber nachdachte, war er
schon mit einem lauten Platschen kopfüber im Wasser gelandet. Fé
ging zum Ufer, um darauf zu warten, dass er wieder auftauchte. Ungeduldig
trat sie von einem Fuß auf den anderen. Legolas würde eine Standpauke
bekommen, dass ihm die Ohren rauschen würden.
Doch als sein Schopf nicht auftauchen wollte, verrauchte die
Wut. Furcht schnürte ihr die Kehle zu.
„Legolas?“ Keine Antwort. „Komm schon, das
ist nicht witzig...Legolas?“
Als immer noch keine Antwort kam, fing sie an ins Wasser zu
waten. „Oh Eru, bitte nicht.“ Sie ließ die Hände
durchs Wasser gleiten, um vielleicht auf ihn zu stoßen.
Mittlerweile stand sie, bis zu den Hüften nass, in der
Mitte des Flusses. Tränen stiegen ihr in die Augen. „Ich habe
ihm doch gesagt, es wäre zu flach. Wieso, verdammt, kann er nie auf
mich hören?“ flüsterte sie verzweifelt.
Sie wollte gerade zum Tauchen ansetzen, als sie am Fuß
gepackt und hinunter gezogen wurde. Ihr überraschter Aufschrei erstickte
im Wasser, das über ihr hereinbrach. Sie öffnete die Augen und
sah verschwommen ein paar Beine und Arme. Ein grinsendes, wohlbekanntes
Gesicht kam hinter einer wallenden blonden Haarmähne in Sicht. Erleichterung
durchströmte sie, die aber schnell von einer schnell aufkeimenden Wut
abgelöst wurde.
Sie befreite sich aus seinem Griff und tauchte auf. Als er
fast gleichzeitig mit ihr auftauchte, ließ sie ihm nicht einmal Zeit
sich die Haare aus dem Gesicht zu streichen.
„Sag mal, was fällt dir eigentlich ein“,
bestürmte sie ihn sofort, „Weißt du, was du mir für
einen Schrecken eingejagt hast.“
Grinsend klemmte er sich seine verirrten Strähnen hinter
die Ohren. „Aber Fé...“ Am liebsten hätte sie ihm
das Grinsen mit einer Ohrfeige aus dem Gesicht gewischt.
„Nein, nicht ‚Aber Fé...’, du weißt
gar nicht was für eine Angst ich um dich hatte. Wahrscheinlich findest
du das noch lustig.“
„Es war doch nur Spaß.“
„Das war es nicht, nicht für mich.“ Sein
Grinsen verschwand. Unter vor Wut aufsteigenden Tränen konnte sie nur
noch flüstern. „Tut mir leid. Aber wenn du so etwas witzig als
witzig empfindest, möchte ich dich momentan nicht mehr sehen.“
Damit drehte sie sich um und schickte sich an ans Ufer zurückzuwaten.
„Fé, bitte“, Legolas ergriff ihr Handgelenk.
Unwillig wandte sie sich um. „Es tut mir leid, wirklich. Ich wusste
doch nicht, dass du so darauf reagieren würdest.“
Sie befreite sich und ging zurück, bis sie direkt vor
ihm stand. Dann gab sie ihm eine Ohrfeige. „Du, Idiot“, schrie
sie ihn an, „Du, Idiot, Idiot, Idiot.“ Sie hämmerte mit
beiden Fäusten auf seine Brust ein. „Du, Idiot.“
Er bekam ihre Handgelenke zu fassen und hielt sie von sich. Und dann konnte
sie die Tränen nicht mehr zurückhalten und ließ ihre Hände
kraftlos in seinen Fäusten erschlaffen. „Du, Idiot.“
Sein Gesicht verriet ihr durch den Schleier vor ihren Augen
hindurch, dass er es wirklich bedauerte. Sie musste ein jämmerliches
Bild abgeben. Aber er hatte es verdient sich schlecht zu fühlen.
Legolas zog sie an sich und umarmte sie fest. Mit einer Hand
fuhr er ihr über die Haare. „Es tut mir leid, Féathila,
es tut mir leid.“ Sie spürte, dass er einen Kuss auf ihr Haar
drückte und langsam verblasste ihre Wut.
Sie schaute nach oben und sah ihn mit großen Augen an.
„Versprich mir, dass du so was nie wieder tust. Vest’ amin!*“
„Amin vestin**“, wisperte er und fuhr mit seiner
Nasenspitze über ihre. „Amin vestin.“ Und dann kam sein
Gesicht immer näher und seine Lippen streiften die ihren.
+++++++
Fé erwachte überrascht und saß aufrecht
im Bett. Was hatte sie da gerade geträumt? Sie konnte sich an den Vorfall
erinnern. Sehr gut sogar, aber nicht daran, dass sie sich geküsst hatten.
Hatte sie das nur vergessen, oder hatte ihre Fantasie das hinzugefügt?
Moment mal - Bett? Wie war sie denn in ein Bett gekommen.
Als sie an sich hinunter sah, bemerkte sie, dass sie noch das gleiche Kleid
trug, wie am Abend zuvor. Fé versuchte sich zu erinnern, was sie
als letztes getan hatte.
Sie hatte mit Legolas getanzt und dann...? Sie wusste es nicht
mehr. War sie etwa eingeschlafen? Und wo zum Melkor befand sie sich hier.
Sie betrachtete verwirrt ihre Umgebung, die in das Licht der Sonne getaucht
wurde, die gerade hinter den Baumspitzen hervorkam. Das sah nicht aus, wie
das Gästezimmer, das man ihr zugeteilt hatte.
Vorsichtig stand sie auf, um kein Geräusch zu verursachen.
Langsam schlich sie auf einen Balkon, der vom
Zimmer mit dem Bett hinausführte. Überwältigt von der Aussicht,
die sich ihr hier bot, sog sie die frische Morgenluft ein. Wenigstens erkannte
sie den Garten von Düsterwalds Schloss wieder. Das hieß, sie
war nicht wieder einmal spurlos verschwunden. Versonnen lehnte sie sich
auf das Balkongeländer.
Der Traum kehrte in ihr Bewusstsein zurück. Und ein Kribbeln
durchfuhr sie. Sie wüsste zu gern ..., aber konnte sie ihn so etwas
fragen? Ein Gesang, der von irgendwo unter ihr kam, unterbrach ihre Grübeleien.
Sie sah nach unten und erkannte Aldalor, der unter dem Balkonvorsprung hervortrat.
Er blickte nach oben und hörte abrupt auf zu singen.
Erschrocken fuhr sie zurück. Aus irgendeinem Grund wollte sie nicht,
dass er sie sah. Wer wusste schon, wo sie sich hier befand? Vielleicht war
es ja irgendwie verboten, obwohl es nicht den Anschein machte.
Fé ging wieder in das Zimmer hinein. Sie musste einfach
nur den Ausgang finden und dann in ihr Zimmer zurückgehen. Und niemand
würde merken, dass sie gewesen war... na ja, wo immer sie gewesen war.
Lautlos schlich sie durch den Raum und erblickte die einzige Tür in
diesen Gemächer. Sie wollte sich gerade dorthin begeben, als sie ein
dumpfes Geräusch innehalten ließ. Hoffentlich war sie nicht entdeckt
worden. Sie drehte ihren Kopf in Richtung der Geräuschquelle und sah,
dass es sich um ein Kissen handelte, das zu Boden gefallen war. Von einem
Sofa, auf dem ein Elb lag. Bei näherer Betrachtung sah er von ihrem
Standort fast aus wie – nein, das war Legolas. Also befand sie sich
wohl in seinen Räumen.
Ihre Vorsicht war also berechtigt gewesen. Hätte sie
jemand hier gesehen, in ihren Kleidern vom Vorabend, wie hätte das
denn auf einen Außenstehenden gewirkt. Sie schlich zu Legolas und
betrachtete den schlafenden Elben. Seine blauen Augen hatten im Schlaf die
Farbe des blassen Morgenhimmels angenommen und er trug nur noch eine weite
Hose. Ihr Blick schweifte über seinen Oberkörper und sein Gesicht.
Eindeutig war er der schönste Elb, den sie jemals gesehen
hatte. Er war von den Füßen bis zum Haar perfekt. Und sie konnte
das beurteilen, immerhin... ihre Wangen färbten sich leicht rot, als
sie an ihre Begegnung beim Waldsee zurückdachte.
Er gähnte und drehte sich auf die Seite. Fé wurde
sich bewusst, dass sie ihn anstarrte. Eru, wenn er jetzt aufgewacht wäre.
Sie nahm eine Decke vom Hocker, der neben dem Sofa lag und breitete sie
über ihm aus. Dann küsste sie ihn leicht auf die Nasenspitze –
sie wusste selbst nicht warum – und schlich sich aus dem Zimmer.
---------------------------------------------------------
*Versprich es mir!
**Versprochen.
~*~*~