Das Lied der Sterne
Kapitel 12 – Teil 2
Féathila seufzte und legte die Schreibfeder beiseite.
War es denn so schwierig einen Brief an ihre Cousine Anoriel zu verfassen?
Müde fuhr sie sich mit der Hand über die Augen. Wenn man tagelang
nicht mehr richtig geschlafen hat und außerdem von innerer Unruhe
erfasst war, vermutlich schon. Ein gequältes Lächeln huschte über
ihr Gesicht und sie erhob sich von ihrem Stuhl. Sie würde es später
noch einmal versuchen, wenn sie wieder Ordnung in ihre Gedanken gebracht
hatte.
Einstweilen würde sie Nell aufsuchen und sie fragen,
ob es bereits Neuigkeiten aus Bruchtal gab. Sie verließ die Bibliothek
über die geschwungene Treppe und fragte sich, wo ihre Freundin wohl
stecken mochte. Kurzentschlossen fragte sie einen der Wachtposten, die ständig
in Caras Galadhon patrouillierten, ob er sie gesehen hätte. Doch sie
hörte seine Antwort nicht. Aus den Augenwinkeln sah sie Arwen - zumindest
glaubte sie, dass es sich um Elronds Tochter handelte – in Begleitung
eines blonden Elben. Sie stiegen zusammen mit dem Wachhauptmann gerade die
geschwungene Treppe zum Thronsaal hinauf. Konnte das wirklich Legolas sein?
„Prinzessin? Geht es Euch gut?“
Fé schreckte zusammen. Den Wachtposten hatte sie ja
ganz vergessen.
„Ähm, was sagtet Ihr? ... Ja, es geht mir gut.
Danke für die Auskunft.“
Und schon folgte sie der kleinen Gruppe die Treppe hinauf.
Oben angekommen sah sie noch, wie der Wachhauptmann den Thronsaal betrat.
Doch als sie ebenfalls hineingehen wollte, versperrten ihr zwei Wachen den
Weg.
„Es tut uns leid, Prinzessin, aber die Versammlung darf
auf Befehl von Herrn Celeborn nicht gestört werden.“
„Aber Prinzessin Arwen durfte auch hinein.“ Sie
wusste, sie hörte sich wie ein bockiges Menschenkind an, aber es war
doch wirklich ungerecht.
Allerdings erübrigte sich der Grund für ihre Nörgelei
in diesem Augenblick, denn Arwen trat aus dem Raum und schloss die Tür
lautstark hinter sich.
„So eine Frechheit. Ich habe auch ein Recht darauf zu
erfahren, worüber sich alle so aufregen.“
Mit forschen Schritten wollte sie die Treppe hinunter stürmen,
blieb aber sofort stehen, als sie Féathila bemerkte.
„Lass mich raten: Sie haben dich nicht hinein gelassen.“
Ihre Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen, als sie fortfuhr. „Aber
um die Frage zu beantworten, die dir förmlich ins Gesicht geschrieben
steht: Ja, bei dem blonden Elben handelt es sich nicht um eine wandelnde
Halluzination, sondern wahrhaftig um Legolas Grünblatt.“
Fé konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
Arwen hakte sich bei ihr unter. „Jedoch kann ich dir nicht versprechen,
dass du ihn bald zu Gesicht bekommst. Wie mir scheint, handelt es sich hier
um eine ziemlich ernste Angelegenheit. Und solche Besprechungen können
sehr, sehr lange dauern.“
Arwen verdrehte theatralisch die Augen und zog sie mit sich
die Treppe hinunter. „Lass uns überlegen, wie wir dir die Wartezeit
etwas verkürzen könnten...Was hältst du davon, wenn wir Nell
suchen und sie fragen, ob sie nicht einen Vorschlag hat.“
+++++++
Aldalor stand wieder auf der Wachplattform, auf der er am
vorigen Tag Nenellinwen und Féagil getroffen hatte. Der arme Elb
hatte noch immer sehr niedergeschlagen gewirkt, als er ihm am Nachmittag
begegnet war. Aber er würde schon darüber hinwegkommen. Er war
ja nicht der erste, der sich vergeblich um die Prinzessin bemüht hatte.
Sie war bei den Elben ebenso begehrt, wie Legolas bei den Elbinnen. Aber
was kümmerte ihn das. Aldalor zuckte zur Selbstbestätigung mit
den Schultern und sah in den Nachthimmel hinauf, der wieder im Licht von
Tausenden von Sternen erstrahlte, nachdem er in der vorigen Nacht von dichten
Wolken verhangen gewesen war. Nur wenn man die Augen Richtung Dol Guldur
wendete, blickte man wieder in undurchdringliche Schwärze. Dort war
eindeutig etwas am Werk, womit nicht zu spaßen war.
Seufzend ließ er sich auf dem Rand der Plattform nieder.
Legolas saß jetzt schon den halben Tag mit Celeborn, Galadriel und
dem Wachhauptmann zusammen. Er hätte zu gern gewusst, worum es ging.
Auf jeden Fall waren es keine guten Neuigkeiten, die sein Freund mitgebracht
hatte, denn sofort nach seinem Eintreffen hatte man sämtliche Wachen
auf das Doppelte verstärkt und ihnen gesagt sie sollten verstärkt
nach Orks Ausschau halten.
Ein sich näherndes, eindeutig weibliches Kichern unter
den Bäumen unterbrach seine Gedankengänge. Wer war denn um diese
Zeit noch hier draußen; noch dazu, wenn man in erhöhter Alarmbereitschaft
war? Zu dem einen Kichern gesellten sich noch zwei weitere. Und eines davon
kam ihm sehr bekannt vor. Aldalor konnte sich denken, wem die beiden anderen
zuzuordnen waren.
„Ge..genau. Das ist eine ... Warum dreht sich bloß
alles? ... eine Frechheit“, kam eine Stimme von unten, die wohl Féathila
gehörte. Dann kicherten sie wieder durcheinander
Aldalor zog die Augenbrauen zusammen. Bei den Valar, waren
sie etwa alle drei betrunken? Schnell und behände kletterte er die
Leiter hinunter und sah sich drei Prinzessinnen gegenüber, die sich
gegenseitig an der Schulter festhielten um nicht vor Lachen umzukippen.
Jede von ihnen hielt einen Lederschlauch in der Hand, in dem man normalerweise
Wasser auf Reisen aufbewahrte, der im Moment aber wahrscheinlich mit Met
gefüllt war.
Arwen sah auf und kniff die Augen zusammen, als könnte
sie ihn nicht richtig sehen. Als sie ihn erkannte, strahlte sie erfreut.
„Schaut ... hicks...schaut mal, wen wir da haben.“
Die anderen beiden hörten auf zu kichern und blickten
in die angegebene Richtung.
„Aldalor“, rief Féathila aus, „Was
macht Ihr denn hier?“
„Das gleiche könnte ich Euch drei fragen“,
gab er mit strenger Miene zurück, „Was habt Ihr Euch bloß
dabei gedacht, Euch zu betrinken?“
Nenellinwen baute sich leicht schwankend und mit angriffslustigem
Gesichtsausdruck vor ihm auf. „Wenn ich Euch daran erinnern darf ...
hicks ... werter Aldalor, dann musste ich Euch erst vor ein paar Tagen von
den Folgen eines Eurer Weingelage kurieren. Glauben die Männer etwa,
sie hätten ein Alleinrecht darauf?“
Um ihre Aussage zu unterstreichen, boxte sie schwungvoll mit
der Faust in die Luft. Etwas zu schwungvoll, denn dabei verlor sie das Gleichgewicht.
Bevor sie sich auf den Boden setzte, fing Aldalor sie auf.
„Ich denke, das genügt für heute, Prinzessin.
Ich werde Euch ins Bett bringen.“ Er wandte sich an Féathila
und Arwen, die sich alles mit schiefgelegten Köpfen angehört hatten.
„Und Ihr beide, folgt mir. Wenn möglich ohne viel Lärm zu
machen.“ Damit legte er sich Nenellinwens Arm um die Schulter und
marschierte los.
„Seid doch nicht so streng“, schmollte Arwen und
begann ihm zu folgen.
„Ihr solltet lieber auch ein Schlückchen trinken“,
meinte Fé.
„Nein, danke“, antwortete der Elb, „heute
nicht.“
+++++++
Nell rieb sich mit dem Handrücken über die Augen.
Warum drehte sich der Boden nur so unkontrolliert? Und weshalb war ihr plötzlich
nur so übel?
Sie musste sich hinsetzen, nur für einen Moment.
„Nein, nicht ausruhen. Erst wenn wir bei Eurer Plattform
sind.“
Nanu, wo kam die Stimme denn her? Sie drehte vorsichtig den
Kopf zur Seite und sah mit verschwommenen Blick einen Elben, der bei genauerer
Betrachtung Aldalor sein konnte. Nell erinnerte sich, dass sie ihm vorhin
begegnet waren.
„Wo sind Fé und Arwen?“ Sie fragte sich,
weshalb ihre Zunge so schwer war.
„Wir haben sie bereits nach Hause gebracht.“
„Das habe ich gar nicht mitbekommen.“
„Obwohl Ihr Euch unter ständigem Gekichere verabschiedet
habt, wundert mich das nicht.“
Sie versuchte aus diesem Satz schlau zu werden, gab es aber
auf, als ihr davon schwummerig wurde.
„Ich möchte mich ausruhen“, verlangte sie
in gequältem Tonfall.
„Erst, wenn wir angekommen sind. Es ist nicht mehr sehr
weit.“
„Aber ich kann nicht mehr.“ Unwillig blieb sie
stehen und wollte sich zu Boden sinken lassen. Zwei Arme umfasten ihre Taille
und zogen sie wieder hoch.
„Nein Prinzessin, erst wenn wir angekommen sind“,
wiederholte Aldalor.
Doch Nell war fest entschlossen, nicht einen Schritt mehr
mit ihren wackeligen Beinen zu tun.
„Also gut“, hörte sie schließlich Aldalor
sagen und merkte dann wie sie hochgehoben wurde. Das war angenehm. Schließlich
war sie so müde. Kraftlos ließ sie ihren Kopf gegen seine Schulter
sinken und schlief ein.
+++++++
Die Tür des Thronsaals fiel leise ins Schloss. Gierig
sog Legolas die frische Nachtluft ein. Er hatte schon geglaubt, diese Besprechung
würde nie ein Ende finden. Auf dem Platz vor dem Thronsaal konnte er
beobachten, wie der Wachhauptmann, ein blonder Elb namens Haldir, die Soldaten
Aufstellung nehmen ließ. Er nahm an, sie würden letzte Anweisungen
bekommen, bevor sie an den Grenzen ihre Posten beziehen würden, um
die Orks abzufangen. Glücklicherweise waren diese Gestalten nur nachts
unterwegs. Das und die Tatsache, dass sie in der Gruppe waren, dürfte
ihm etwa einen oder zwei Tage Vorsprung verschafft haben.
Er hatte dem Königspaar alles berichtet, was er wusste.
Auch sie waren über seinen Traum und seine Beobachtungen sehr besorgt
gewesen. Das Treffen des Weißen Rates sollte nach zwei Mondwechseln
stattfinden. Solange konnte er nur warten.
Mit müden Schritten schritt er die Treppe hinab und folgte
den Straßen der Elbenstadt, um die ihm zugewiesene Plattform zu erreichen.
Als er ein angestrengtes Flüstern hörte, blieb er stehen. Wer
war um diese Zeit denn noch unterwegs? Legolas ging dem Geräusch nach
und kam zu der Leiter, die zum Schlafplatz seiner Schwester führte.
Irritiert blickt er nach oben. Eine Augenbraue nach oben gezogen beobachtete
er amüsiert das Geschehen.
Sein bester Freund flüsterte eindringlich auf Nell ein
und versuchte allem Anschein nach, die halb schlafende Elbe die Leiter hinauf
auf die Plattform zu schaffen.
„Sollte ich wissen, was hier vorgeht“, fragte
er in gespielt gebieterischem Ton. Aldalor hielt erschrocken inne und wandte
seinen Blick nach unten.
„Es ist nicht nett, jemanden so zu erschrecken“,
meinte er vorwurfsvoll. „Deine Schwester, Arwen und Féathila
hatten den sehr intelligenten Einfall, sich zu betrinken. Ich habe sie nur
nach Hause gebracht. Die anderen beiden liegen hoffentlich schon in ihren
Betten.“
Überrascht sah Legolas seinen Freund an. „Du meinst,
sie sind wirklich alle drei betrunken.“
„Wenn ich es dir doch sage.“ Aldalor versuchte
während des Gesprächs mit Nell weiter die Leiter hinaufzuklettern.
„Und ich kann dir berichten, dass es nicht sehr einfach ist, Betrunkene
heil nach Hause zu bringen.“
„Was du nicht sagst“, meinte Legolas belustigt
und verschränkte die Arme, „Ich werde dich das nächste Mal
daran erinnern, wenn du wieder einmal auf die Idee kommen solltest, dem
Metgenuss zügellos zu verfallen.“
Sein Freund verdrehte die Augen. „Statt mir Moralpredigten
zu halten, könntest du mir auch helfen.“
Legolas überlegte kurz. „Nein, ich denke, das gehört
zu den Erfahrungen, die jeder einmal machen muss. Ich wünsche euch
beiden eine gute Nacht.“
Grinsend drehte er sich um und setzte seinen Weg fort. Als
er an Fés Plattform vorbeikam, die neben seiner lag, schaute er nach
oben. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie tatsächlich betrunken
war. Obwohl es ihr wahrscheinlich durchaus zuzutrauen war. Seine Überlegungen
wurden von einem lauten Poltern oben auf der Plattform unterbrochen, gefolgt
von einem leisen Stöhnen und ein paar Flüchen.
„Fé“, rief er besorgt nach oben, „Féathila,
geht es dir gut?“
Es dauerte einen Moment. Dann öffnete sich die Luke in
der Plattform und ein bleiches Gesicht umrahmt von einer leichten zerzausten
Haarpracht blickte auf ihn herab. Am liebsten hätte er sie sofort in
den Arm genommen.
Sie kniff die Augen zusammen. „Wer ... ? Le ... Legolas?“
Ihr Gesicht verschwand. Dann tauchte es wieder auf. „Bist du es wirklich?“
Er lächelte. „Ja, das bin ich. Bist du in Ordnung?
Das hörte dich gerade nicht sehr sanft an.“
Sie brachte ebenfalls ein etwas gequältes Lächeln
zustande. „Ich ... ich bin nur gestolpert, weil ich mit dem Fuß
umgeknickt bin. Ich hab irgendwie mein Gleichgewicht verloren.“
Ein breites Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit.
„Das soll passieren, wenn man zuviel Met genossen hat.“
„Woher weißt du ...?“ fragte sie erstaunt.
„Ich habe Aldalor getroffen. Tut der Fuß weh?“
„Nur ein wenig. Es ist nicht schlimm.“
„Soll ich es mir ansehen?“
Schon schwang er sich auf die Leiter.
„Nein, es ... es ist wirklich nicht schlimm“,
stammelte sie verlegen, „Und außerdem sehe ich wahrscheinlich
gerade wirklich furchtbar aus. Jedenfalls fühlt sich mein Kopf so an.“
Doch während sie noch sprach, war er schon oben und war
auf die Plattform geklettert. „Keine Widerrede. Ich werde mir deinen
Fuß ansehen.“ Sie trug immer noch ihr Gewand vom Tag. Als er
auf dem Weg zum Thronsaal gewesen war, hatte er sie kurz gesehen, als sie
mit einer Wache gesprochen hatte. Es hatte seine ganze Willenskraft gekostet,
seinen Weg fortzusetzen.
Fé lehnte sich gegen den Baumstamm, der die ein Seite
ihrer Behausung begrenzte, und streckte ihre Beine aus. Sie war wirklich
sehr bleich im Gesicht. „Mit welchem bist du umgeknickt?“ fragte
er.
„Mit dem rechten. Aber das ist wirklich nicht notwendig.“
„Doch das ist es“, widersprach er und betastete
vorsichtig ihren Fuß. Sie stöhnte leicht auf und zischte leise
vor Schmerz. „Siehst du. Es ist ein wenig geschwollen, aber es ist
nichts ernstes. Wenn wir deinem Fuß einen Umschlag mit ein paar Kräutern
machen, dürfte er schnell wieder in Ordnung sein.“
„Danke.“
„Gern geschehen“, meinte er und sah sie an. Stille
breitete sich aus. Sie blickte kurz in seine Augen und wandte sich wieder
ab, während ihre Ohrenspitzen sich mit einem leichten Rot überzogen.
Legolas bemerkte, dass er sie regelrecht anstarrte. Er räusperte sich
und blickte nach unten.
„Ich werde dann wohl wieder gehen. Gute Nacht.“
„Gute Nacht“, gab sie fast heiser zurück,
als er sich wieder auf den Weg nach unten machte.
„Legolas“, rief sie ihm nach. Er kletterte das
kleine Stück wieder nach oben und sein Kopf erschien am Rand der Plattform,
nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt, denn sie hatte sich dort auf den
Boden gesetzt.
Er lächelte sie an. „Ja?“
„Hast du .. Ich meine ...“ Ihre Ohrenspitzen wurden
tiefrot. „Vor zwei Nächten ... da ...“
Er lächelte noch etwas mehr, setzte sich auf den Rand
der Plattform und beugte sich zu ihr hinüber. „Lle nae’min
edraith(1)“, flüsterte er ihr ins Ohr.
„Etwas ähnliches sagtest du mir vor zwei Nächten
auch. Aber wovor denn?“
Er schluckte. Irgendwann musste er es ihr sagen. Doch musste
das denn schon so bald sein.
„N’amin daerwain achas(2)“, antwortete er
mit belegter Stimme und sie fragte nicht weiter. Sie schien nachzudenken.
„Ich muss dich noch etwas fragen.“
Er sah sie auffordernd an, doch sie schien noch mit sich selbst
zu kämpfen.
„Ich habe geträumt. Von der Zeit, als wir noch
die Sommer zusammen verbracht haben.“ Sie atmete tief durch. „Es
ist schon so lange her. Ich habe mich daran erinnert, dass du mir einmal
eine Streich spieltest. Du bist von unserem Baumhaus in den Fluss gesprungen
und hast vorgegeben, ertrunken zu sein.“ Sie sah ihm in die Augen.
„Ist das wirklich passiert oder hat mir meine Fantasie einen Streich
gespielt?“
Er atmete innerlich auf, dass die Frage nichts mehr mit seinem
Traum zu tun hatte. Angestrengt versuchte er sich zu erinnern. Das war wirklich
schon sehr lange her. Und doch ...
„Ich denke, das ist wirklich geschehen.“ Die Bilder
kehrten langsam zurück. „Ich muss etwa siebenundzwanzig oder
achtundzwanzig gewesen sein. Du warst so wütend auf mich, dass du mit
den Fäusten auf mich eingeschlagen hast. Ich musste dir hoch und heilig
versprechen, das nicht noch einmal zu machen und dann...“ Er brach
ab. Gaukelte ihm seine Erinnerung etwas vor oder hatte er sie damals wirklich...?
„Und dann?“ Sie blickte ihn erwartungsvoll an.
Erinnerte sie sich auch daran? Er spürte wie Hitze in ihm aufstieg
und seine Ohren rot anlaufen ließ.
„Wenn ich mich richtig erinnere“, erzählte
er weiter und schaute an ihr vorbei, „haben wir ... habe ich...“
Hilflos sah er ihr in die Augen und fragte sich, ob sie sich an dasselbe
erinnerte.
Langsam und mit großen Augen nickte sie. „Du erinnerst
dich also auch daran?“
„Ich denke schon.“ Verwirrt schüttelte er
leicht den Kopf. „Wie konnte ich das vergessen?“
„Wir wussten damals nichts damit anzufangen, glaube
ich.“ Sie blickte geradeaus an ihm vorbei. „Immerhin...“
„...waren wir noch sehr jung“, beendete er ihren
Satz. Dann lehnte er sich wieder nach vorn und flüsterte wieder in
ihr Ohr: „Dan amin istaa ta si(3).“
Und als Féathila sich ihm fragend zuwandte, strich
Legolas ihr eine wirre Haarsträhne aus dem Gesicht und überwandt
die letzten Zentimeter, die sie noch trennten.
Er schloss die Augen. Ihre weichen Lippen schmeckten noch
nach süßen Met. Ein wohliger Schauer durchlief seinen ganzen
Körper und ließ seine Hand zittern, als er ihre Wange berührte.
Sie legte ihm eine Hand auf den Nacken und zog ihn näher zu sich heran.
Er konnte ihren schnellen Herzschlag spüren. Seine Nackenhaare stellten
sich auf und er glaubte jeden Moment die Beherrschung zu verlieren.
Schließlich lösten sie sich nach einer scheinbaren
Ewigkeit voneinander. Atemlos lehnte er seinen Kopf gegen ihre Schulter.
„In meinem Kopf dreht sich alles“, meinte sie
schließlich, nachdem sie für eine Weile geschwiegen hatten. „Das
liegt am Met“, antwortete er und setzte sich wieder auf. Sie lächelte
und ihre Ohren wurde wieder rot. „Ich denke, du hast auch deinen Teil
dazu beigetragen.“
Er seufzte und machte sich daran, wieder hinunterzuklettern.
„Du solltest dich ersteinmal ausruhen. Wir setzen unser Gespräch
morgen fort.“
„Unser Gespräch?“, fragte sie mit hochgezogener
Braue.
„Ja, unser Gespräch.“ Er lächelte und
küsste sie noch einmal, wobei er Mühe hatte nicht von der Leiter
zu fallen. „Gute Nacht, Elenhên(4).“
„Gute Nacht“, hörte er sie antworten, während
er geschwind hinunterstieg. Mit einem letzten Blick nach oben setzte er
seinen Weg zu seiner eigenen Plattform fort. Diese Elbe raubte ihm wirklich
noch den Verstand. Natürlich war er nur sehr ungern gegangen. Es hatte
ihn große Anstrengung gekostet, nicht seinem Körper nachzugeben.
Aber sein Herz und sein Verstand, die ausnahmsweise einmal das gleiche von
ihm forderten, wollten nicht, dass sie unter dem Einfluss des Mets unüberlegt
handelte. Vielleicht bereute sie das Ganze morgen bereits.
+++++++
Aldalor hievte Nenellinwen mit einer letzten Kraftanstrengung
auf den Rand der Plattform und setzte sie aufrecht hin. „Schön
stillsitzen, Prinzessin. Wir haben es gleich geschafft.“
Während sie ausgiebig gähnte, schwang er sich ebenfalls
über den Rand. „So müde“, hörte er sie murmeln.
Als er sich umdrehte, konnte er sie gerade noch auffangen, bevor sie nach
vorne gekippt und durch die Luke zur Erde gefallen wäre.
„Langsam, Nenellinwen. Schließlich wollen wir
nicht, dass Ihr Euch den Hals brecht.“
„Nein, wollen wir nicht“, murmelte sie und legte
sich zum Schlafen auf den Holzboden.
„Wir wollen Euch auch nicht auf dem Boden schlafen lassen.“
„Doch wollen wir.“
Seufzend hob er sie wieder hoch, trug sie zum Bett hinüber
und legte sie vorsichtig hinein. Allerdings hatte sie ihre Arme um seinen
Nacken gelegt und wollte partout nicht loslassen.
„Ihr würdet mich nicht zufällig wieder aus
Eurem Griff entlassen?“
Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. Bei Eru, wenn
ihn jetzt jemand sähe, würde er sich wohl demnächst bei seinem
König dafür verantworten müssen. Er umfasste ihre Handgelenke
und versuchte ihre verschränkten Hände auseinander zuziehen. Doch
sie schien damit nicht einverstanden zu sein und zog ihn hinunter, sodass
sein Gesicht in ihrem Kopfkissen landete.
„Das ist nicht nett, Prinzessin“, sprach er in
das Kissen hinein. „Lasst mich bitte los.“ Er drehte den Kopf,
damit er wieder frei sprechen konnte und redete nun statt dessen in ihre
Haare hinein. „Bitte loslassen.“
„Wenn Ihr wollt“, murmelte sie. Und ließ
endlich von ihm ab. Schnell richtete er sich auf, bevor sie es sich noch
einmal anders überlegte.
Er sah auf sie hinab und sein Mund verzog sich zu einem Lächeln,
während er beobachtete, wie sie sich schlaftrunken in ihr Kissen kuschelte.
Nenellinwen war durchaus eine Elbe, bei der er in Versuchung geraten könnte,
aber sie war definitiv außerhalb seiner Reichweite. Verwirrt von seinen
eigenen Gedanken, fuhr er sich durch die kurzen Haare und verließ
dann die Plattform, um wieder auf seinen Wachtposten zurückzukehren.
+++++++
Sie Sonne war gerade erst aufgegangen und ließ den Himmel
in einem blassen Blau erstrahlen. Ihre Strahlen kitzelten ihn im Gesicht
und ließen ihn aufwachen. Ein breites Lächeln stahl sich auf
sein Gesicht, als er an die gestrige Nacht dachte. Mit einem leisen Lied
auf den Lippen kleidete er sich an und kletterte dann die Leiter hinunter,
um seine Audienz bei Galadriel wahrzunehmen.
Die Straßen summten bereits vom geschäftigen Treiben
in der Elbenstadt. Als er an Fés Plattform vorüberkam, konnte
er nicht anders, als hinaufzuklettern. Er wollte nur nachsehen, ob sie schon
wach war. Seine Hoffnung wurde jäh enttäuscht, denn sie lag tief
schlafend in ihrem Bett. Dennoch wollte er testen, ob sie wirklich so tief
schlief.
„Fé, bist du wach“, fragte er flüsternd
in ihr Ohr. Ihre Reaktion bestand daraus, dass sie sich umdrehte und etwas
von „Kopfschmerzen“ erzählte. Das waren wohl noch die Nachwirkungen
vom gestrigen Abend mit Nell und Arwen.
Er küsste sie kurz auf die Stirn und stieg dann wieder
hinunter. Die Herrin des Goldenen Waldes sollte man nicht warten lassen,
auch wenn es ihm lieber gewesen wäre, einfach nur bei Féathila
zu sitzen und darauf zu warten, dass sie aufwachte. Dann wäre sein
Morgen nahezu perfekt gewesen.
Noch immer lächelnd machte er sich stattdessen auf den
Weg zum Thronsaal und war gespannt darauf zu erfahren, worum es ging.
+++++++
Nell erwachte mit rasenden Kopfschmerzen. Es fühlte sich
an, als würde eine ganze Armee von Zwergen ihren Kopf als Schürfmiene
betrachten. Was war denn nur passiert? Das letzte, woran sie sich erinnerte,
war, dass Arwen und Fé zu ihr gekommen waren und sie gemeinsam in
ein Gasthaus eingekehrt waren. Bei den Valar, und dann? Angestrengt durchforstete
sie ihr Gedächtnis nach den Geschehnissen der letzten Nacht.
Es klopfte von unten gegen die Luke ihrer Plattform. „Ja?“
krächzte sie.
Die Luke öffnete sich und der dunkle Schopf von Arwen
erschien. „Nell?“ Sie blinzelte, als ob sie das Licht nicht
vertrüge. „Ich wollte nur nachschauen, ob du sicher nach Hause
gekommen bist.“
„Sicher nach Hause gekommen? Ich weiß ja noch
nicht einmal, wie ich nach Hause gekommen bin, geschweige denn, was davor
passiert ist.“
Arwen grinste leicht gequält. „Dann hast du wohl
noch mehr getrunken als ich.“
„Getrunken?“ Nell starrte sie ungläubig an
und sank dann in ihr Kissen zurück. „Oh Iluvatar, bitte nicht.“
„Ich fürchte doch“, meinte Elronds Tochter
und setzte sich zu ihr auf das Bett.
„Und was ist dann geschehen?“ fragte Nell auf
das schlimmste gefasst.
„Wir sind durch die Stadt gelaufen und haben irgendwann
Aldalor getroffen, der uns nach Hause gebracht hat.“
Nell fuhr sich mit Hand übe die Stirn. „Das ist
ja wieder sehr hervorragend. Hoffentlich erfährt mein Vater nichts
davon. Wie geht es Fé?“
„Ich weiß es nicht. Heute morgen habe ich sie
noch nicht gesehen.“
„Gut, dann ziehe ich mich schnell an und wir sehen nach
ihr.“
Ein paar Minuten später waren die zwei Elbinnen auf dem
Weg zu Féathilas Plattform. Doch hier war sie nicht anzutreffen.
Arwen war enttäuscht. „Wo kann sie nur sein?“
„Dreimal darfst du raten“, meinte Nell grinsend.
+++++++
Fé lief vor dem Thronsaal auf und ab. Irgendwann musste
Legolas doch wieder dort heraus kommen. Sie musste unbedingt mit ihm über
die gestrige Nacht sprechen. Plötzlich öffnete sich die Tür
und der blonde Elbenprinz trat heraus. Er sah blass aus und starrte unbewegt
zu Boden. Er hatte doch nicht wieder einen dieser Anfälle gehabt?
„Legolas?“ sprach sie ihn an und merkte, wie er
beim Klang ihrer Stimme zusammenzuckte. „Geht es dir nicht gut.“
Sie sah, wie er die Schultern straffte und sich anspannte.
Er schaute ihr in die Augen. Fé war erschrocken über die Härte
in seinem Blick.
„Ich wüsste nicht, warum das für dich von
Interesse sein sollte.“ Damit drehte er sich um und lief die Stufen
hinunter ohne sich noch einmal umzudrehen. Ungläubig verharrte Fé
auf der Stelle. Das konnte doch nicht sein. Das war doch nicht derselbe
Legolas, der bei ihr gestern noch eine Gänsehaut nach der nächsten
beschert hatte.
Schließlich erwachte sie aus ihrer Starre und lief ihm
hinterher. „Legolas, würdest du bitte stehen bleiben.“
Sie ergriff sein Handgelenk und zwang ihn sich umzudrehen.
Die Kälte war noch nicht aus seinen Augen gewichen. „Was willst
du?“ fragte er sie barsch.
„Ich würde gerne wissen, weshalb du dich so merkwürdig
verhältst.“
„Ich wüsste nicht, warum ich dir das mitteilen
sollte.“
Er wandte sich wieder zum Gehen.
„Und was ist mit gestern Nacht. Ich dachte...“
Sie brach ab, als sie sah, dass er den Kopf senkte. Kaum merklich ging ein
Zittern durch seinen Körper und er ballte die Hände zu Fäusten,
dass das Weiße hervortrat.
Er sah sie nicht einmal an, als er mit gleichgültiger
Stimme antwortete: „Eine unbedeutende Nebensächlichkeit. Ich
würde nicht zuviel hineinlegen.“
Er ließ sie stehen und bekam nicht mehr mit, wie sich
ihre Augen langsam mit Tränen füllten.
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(1) Du warst meine Rettung.
(2) Vor meiner größten Angst.
(3) Aber ich weiß es jetzt.
(4) Sternenkind
Kapitel 13