Das Lied der Sterne
Kapitel 11
Lonestar where are you out tonight?
This feeling I’m trying to fight
It’s dark and I think that I would
Give anything
For you to shine down on me
How far you are I just don’t know
The distance I’m willing to go
I pick up a stone that I cast to the sky
Hoping for some kind of sign
(Norah Jones – Lonestar)
Die kleinen Füße tapsten durch den Gang. Der Besitzer
derselben huschte schnell von einem Stützpfahl zum nächsten, um
nicht entdeckt zu werden. Eigentlich sollte er nämlich schon längst
im Bett liegen, aber das Gewitter, dessen Blitze das Haus von Zeit zu Zeit
erhellten, hatte ihn nicht schlafen lassen. Und außerdem war er viel
zu neugierig auf den Neuankömmling, der am Abend mit den Zwillingen
eingetroffen war.
Vorsichtig lugten die Kinderaugen um die Ecke, um nachzusehen,
ob die Luft an der Tür zur Bibliothek auch rein war. Weit und breit
war niemand zu sehen. Auf Zehenspitzen schlich der Junge durch die Tür
und versteckte sich blitzschnell zwischen den Regalen, die bis zur Decke
reichten und mit sehr alten Büchern gefüllt waren. Das Kind kannte
hier jeden Winkel. Immerhin spielte er hier oft verstecken. Lautlos näherte
sich der Junge dem großen Tisch in der Mitte des Raumes, der vom Schein
einer einzelnen Kerze beleuchtet wurde.
Achtsam spähte er um ein Regal herum, um auszukundschaften,
wer dort Platz genommen hatte. Die Zwillinge konnte er sehen und Herrn Elrond,
aber der, wegen dem er gekommen war, saß mit dem Rücken zu ihm
und das Kerzenlicht ließ nur eine dunkle und schemenhafte Silhouette
erkennen. Wenn er mehr von dem Unbekannten erblicken wollte, würde
er wohl auf die andere Seite des Raumes schleichen müssen.
Während er sein Vorhaben ausführte, fragte er sich,
ob Elben aus anderen Teilen Mittelerdes auch anders aussahen, als die Elben
aus Bruchtal. Immerhin hatte er noch nie welche aus Lothlórien oder
Düsterwald getroffen. Man konnte sich in solchen Dingen ja nie sicher
sein.
Endlich war er an seinem Ziel angelangt. Der Junge blickte
wiederum sehr darauf bedacht, nicht entdeckt zu werden, um das schützende
Regal herum. Hoffentlich entdeckte ihn niemand. Seine Mutter würde
ihm die Ohren lang ziehen. Jetzt hatte er den fremden Elben endlich im Blick.
Seine Haare sahen aus wie flüssiges Gold und der Kerzenschein erhellte
ein wachsames Augenpaar. Flackernde Schatten tanzten auf den edlen Gesichtszügen.
Es schien ein unbestimmtes Leuchten von ihm auszugehen, ähnlich wie
bei den Elben von Bruchtal, aber doch ein wenig anders. Er trug auch andere
Gewänder, grüne und braune Wanderkleidung. Und neben ihm stand
ein großer Elbenbogen an den Stuhl gelehnt.
Erst jetzt bemerkte der Junge, dass die vier Elben in ein
Gespräch vertieft waren. Ihrem Tonfall zufolge musste es sich um etwas
Wichtiges handeln. Sie redeten nur mit halber Lautstärke, so dass die
kleinen Ohren genau hinhören mussten, um alles zu verstehen.
„Wahrlich, das sind keine guten Nachrichten, die Ihr
mit Euch tragt, Prinz von Düsterwald“, vernahm er Herrn Elronds
Stimme. Der Fremde war also auch noch ein Prinz. Das Ganze gestaltete sich
zunehmend interessanter.
„Ich wäre gerne mit Erfreulicherem zu Euch gekommen,
Herr Elrond“, erklang die Stimme des Prinzen in einem seltsamen Dialekt.
Aber sie klang sehr schön und angenehm.
„Ich werde sofort Boten zu den Mitgliedern des Rates
entsenden. Gegen diese Bedrohung muss etwas unternommen werden.“
„Ich danke Euch. Mein Vater wird erleichtert sein, nicht
mehr allein standhalten zu müssen.“
„Der König unter Eichen und Buchen kann unserer
Hilfe gewiss sein.“
Plötzlich wurde Elb aus dem Düsterwald unruhig und
seine Augen durchsuchten den Raum – bis sie genau in die des Jungen
schauten. Herrje, wie hatte er nur so leichtfertig seine Deckung aufgeben
können. Er hatte kaum bemerkt, dass er ein Stück zu weit aus dem
Schatten des Regals geraten war. Im Geiste konnte er schon die schimpfende
Stimme seiner Mutter hören.
Die Augen des Elben blitzten schalkhaft. Sein Mund verzog
sich zu einem amüsierten Lächeln. Herr Elrond, der gerade etwas
hinzufügen wollte, hielt erstaunt über den Gesichtsausdruck seines
Gegenübers inne und folgte seinem Blick, bis auch er den Jungen entdeckt
hatte.
„Estel, was tust du denn noch um diese Stunde hier?“
fragte er erstaunt. Auch die Zwillinge drehten sich zu ihm um.
„Ich...ich...“ Der Junge seufzte und verließ
seine Deckung ganz. Es nutzte nichts, wen er sich jetzt etwas ausdachte.
Herr Elrond würde das sofort merken. Also konnte er auch gleich mit
der Wahrheit herausrücken.
„Ich konnte nicht schlafen wegen des Gewitters und da
wollte ich mir schon einmal den fremden Elb anschauen, Herr Elrond. Schließlich
wollte ich nur wissen, ob Elben aus Düsterwald anders aussehen, als
die Bruchtalelben.“
Für einen Moment schienen die vier Gesichter vor ihm
vor Überraschung erstarrt zu sein. Doch dann erschallte das Lachen
des Prinzen aus Düsterwald, in das die Zwillinge bald einfielen. Der
Herr von Bruchtal schmunzelte.
„Und?“ fragte ihn der fremde Elb dann, „Was
hast du herausgefunden?“
„Dass Ihr nicht sehr viel anders ausseht, als andere
Elben, die ich kenne.“
Der Prinz lächelte schelmisch und stand auf. „Dann
bin ich ja beruhigt. Darf ich mich vorstellen? Meine Name ist Legolas.“
Estel ging auf ihn zu und schüttelte die Hand, die der
Elb ihm entgegen streckte. „Ich bin Estel.“
„Freut mich. Wie alt bist du?“
„Ich bin zehn Jahre alt und bald werde ich ein großer
Kämpfer werden.“
Fachmännisch begutachtete Legolas ihn. „Davon bin
ich überzeugt.“
„Elladan, wärst du so gütig, Estel wieder
in sein Zimmer zu bringen? Seine Mutter wird sich sonst noch Sorgen machen,
wenn sie bemerkt, dass er verschwunden ist“, meinte Herr Elrond.
„Gewiss, Adar“, antwortete der Zwilling und stand
auf. „Komm mit, du Held. Bevor du große Kämpfe bestreiten
kannst, musst du erst noch ein wenig schlafen.“
„Na schön“, erwiderte Estel, „Aber
du darfst Nana nichts erzählen.“
„Meine Lippen sind versiegelt“, versprach Elladan
und ging mit dem Jungen hinaus.
+++++++
Nell stand auf der Plattform und ließ ihren Blick über
Caras Galadhon schweifen. Die Elbenstadt schimmerte in silbrigen Tönen
und helle Stimmen erfüllten die süße Luft mit fröhlichen
Melodien. Hier und da blitzten die Sterne vom nächtlichen Himmel durch
die Baumkronen hindurch. Sie konnte sich kaum satt sehen.
„Nenellinwen?“
Nell fuhr zusammen und wandte sich um. „Meine Güte,
Aldalor, müsst Ihr mich derart erschrecken. Ihr hätte Euch wenigstens
bemerkbar machen können.“
„Es tut mir leid“, antwortete Aldalor, der noch
halb auf der Strickleiter stehend durch die Luke im Boden der Plattform
schaute. Sein Grinsen jedoch ließ darauf schließen, dass er
das nicht ganz so ernst meinte.
„Das sollte es auch“, meinte Nell selbiges ignorierend,
„Was hättet ihr gemacht, wenn ich gerade dabei gewesen wäre,
mich umzuziehen.“
Sein Grinsen wurde noch breiter. „Dann hätte ich
natürlich taktvoll weggeschaut.“
Nell rollte mit den Augen. „So seht Ihr schon aus. Was
wollt Ihr eigentlich hier?“
„Ich wollte Euch darüber informieren, dass Herr
Celeborn und Frau Galadriel uns im Audienzsaal erwarten.“
„Dann sollten wir uns beeilen.“
„Sehr wohl, Prinzessin.“ Damit stieg Aldalor die
Leiter wieder hinab. Nell folgte ihm. Kurz vor dem Boden verfing sie sich
jedoch mit dem Fuß zwischen zwei Sprossen.
„Ist alles in Ordnung?“ rief Aldalor hinauf.
„Es geht schon, ich muss nur...“ Mit einem kräftigen
Ruck hatte sie ihren Fuß befreit. Leider verlor sie dabei auch ihr
Gleichgewicht und fiel den Rest des Weges nach unten – wo sie von
Aldalor aufgefangen wurde.
„Vorsicht, Prinzessin“, meinte der und konnte
sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.
Mit hochrotem Kopf fing Nell an zu schimpfen: „Spart
Euch Euren Kommentar und lasst mich gefälligst herunter.“ Sie
begann zu strampeln und Aldalor setzte ihre Füße behutsam auf
der Erde ab. Hektisch ordnete sie ihr Kleid. Als sie sich umdrehte, merkte
sie, dass Aldalor sie immer noch amüsiert beobachtete.
„Kein Wort“, kommandierte sie mit erhobenen Zeigefinger,
drehte sich um und marschierte davon.
„Ach, Nenellinwen“, rief Aldalor ihr hinterher.
Nell blieb stehen und drehte sich langsam um. „Was denn?“
„Zum Audienzsaal geht es dort entlang.“
Sie verzog keine Miene und ging schnurstracks an ihm vorbei
in die entgegengesetzte Richtung.
Ihr eisernes Schweigen hielt bis zu einer großen Treppe
stand, die um einen Baum herum zur oben gelegenen Plattform führte.
Weshalb, um Erus Willen, hatten denn ihre keine Treppe. Dann wäre ihr
diese unsägliche Peinlichkeit erspart geblieben.
„Müssen wir hier hinauf?“ fragte sie ihren
Begleiter. Schließlich wollte sie nicht schon wieder den falschen
Weg nehmen.
„Ja, dort oben sind die königlichen Räume.“
„Na dann, bei den Valar, bin ich nervös.“
Sie atmete tief durch. „Wie sehe ich aus?“ Hatte sie das jetzt
wirklich gefragt?
„Vee’vanima vee’lle magha na il’re.“
Irgendetwas in Aldalors Blick konnte sie nicht richtig deuten.
„Macht Euch ja nicht lustig über mich“, warnte
sie in nicht ganz ernstem Tonfall.
Der Schalk kehrte in seine Augen zurück. „Das würde
ich nie wagen, Prinzessin.“
Statt eine Antwort zu geben, begann Nell die Stufen zu erklimmen.
„Aldalor, weshalb lauft Ihr eigentlich die ganze Zeit hinter mir?“
fragte sie ihn, als sie schon fast angekommen waren.
„Nun, jemand muss Euch doch auffangen, wenn Ihr wieder
einmal aus dem Gleichgewicht geratet.“
„Das ist nicht lustig“, meinte sie und versuchte
ernst zu klingen, musste aber wider ihres Willens lächeln.
„Natürlich nicht, Prinzessin.“
Zwei Bedienstete nahmen sie oben in Empfang und führten
sie in den Audienzsaal. Dort saßen auf erhobenem Thron Herr Celeborn
und Frau Galadriel. Etwas unterhalb neben ihnen saßen Féathila
und Féagil. Fé sprang auf und kam auf sie zu.
„Endlich seid ihr hier. Kommt mit; ich stelle euch vor.“
Sie ging voran und blieb vor den Majestäten stehen. „Onkel,
Tante, das sind die Prinzessin von Düsterwald, Tarien Nenellinwen Thranduilen
o Taur-nu-Fuin und Offizier der königlichen Garde von Düsterwald,
General Aldalor.“
Nell machte einen tiefen Knicks. Aldalor verbeugte sich. Die
Majestäten neigten leicht ihre Häupter.
„Willkommen in Caras Galadhon“, sprach Herr Celeborn
sie an.
„Es ist uns eine Ehre hier sein zu dürfen“,
erwiderte Nell.
„Und doch verbirgt sich hinter Eurer Anwesenheit mehr
als die bloße Freude des Besuches in Lothlórien.“
Nell sah Frau Galadriel überrascht an. Aldalor hatte
ihr auf Wunsch ihres Bruders auf der Reise nach Lórien erzählt,
was diesen seit Tagen so beschäftigt hatte. Konnte die Herrin des Goldenen
Waldes von seinen Vorahnungen wissen? Den Erzählungen über die
Macht der Hohen Frau zufolge war es durchaus möglich.
„Und ich bin dankbar dafür“, fuhr Galadriel
fort, „Der Bruder und Freund konnte sicher sein, dass Ihr Eure Aufgabe
gut erfüllt. Sicher war und ist sein Wertvollstes in Eurer Obhut, während
er die Hilfe des Weisen hinter den Zinnen des Nebelgebirges sucht. Doch
werde ich weiteres mit ihm selbst besprechen. Schon in einigen Tagen werden
wir ihn in Lothlórien begrüßen dürfen.“
+++++++
Es war bereits weit nach Mitternacht, doch sie konnte einfach
nicht einschlafen. So saß Fé in ihrem Nachtgewand auf ihrer
Plattform an den Baumstamm gelehnt und blickte zu den Sternen hinauf, die
durch eine Lücke im Blätterdach blitzten. Schon während des
an die Audienz anschließenden Essens hatte sie sich die ganze Zeit
über die Worte ihrer Tante Gedanken gemacht. Sie wollte gern glauben,
dass sie von Legolas gesprochen hatte. Immerhin würde er dann bald
hier sein.
In Caras Galadhon.
Bei ihr.
Aber was hatten dann ihre übrigen Worte zu bedeuten.
Sein Wertvollstes? Was konnte das denn sein? Ihr kam eine Ahnung, aber sie
dachte nicht daran, das wirklich in Betracht zu ziehen. Nein, das war es
bestimmt nicht. Sie ließ sich vom Licht Earendils verzaubern. Hoffentlich
hatte er nicht wieder einen von diesen fürchterlichen Aussetzern bekommen.
Sie atmete tief durch. „Ach, Legolas...“
+++++++
Unbewegt stand er auf dem Balkon, der an sein Zimmer anschloss.
Seine Kleidung bestand nur aus einer Hose, die locker auf seiner Hüfte
saß. Der Sommerwind wehte leicht durch sein blondes Haar. Seit Tagen
schon konnte er nicht mehr schlafen. Unruhe hatte sich in sein Herz geschlichen
und er konnte ihren Ursprung einfach nicht ergründen. Er seufzte tief.
Was war nur mit ihm los in letzter Zeit?
Rat suchend blickte er gen Firmament und sah Earendil. Er
machte sich darauf gefasst, dass die Bilder wieder vor seinem inneren Auge
auftauchen würden. Innerlich verkrampfte er bereits bei dem Gedanken
daran. Er wollte das nicht schon wieder durchleben müssen. Sein ganzes
Wesen wurde von einer klammen Angst befallen und er hatte nur noch den einen
Gedanken.
„Féathila...“
„Amin tena lle, Kwentra’n’narn. Amin naa
yassen lle(2)”, flüsterte ihre Stimme in seinem Kopf und er konnte
fast spüren, wie ihr Atem sein Ohr streifte. Ein wohliger Schauer durchlief
ihn und seine Nackenhaare stellten sich auf.
„Lle vare thar’ksh nat’amin, Elenhên(3)“,
wisperte er mit geschlossenen Augen zurück. Er streckte eine Hand aus,
wollte sie unbedingt berühren, bevor sie wieder verschwand. Ein leichtes
Prickeln an den Fingerspitzen sagte ihm, dass sie gerade dasselbe tat. Doch
als er ihre Hand umfassen wollte, griff er ins Leere und erst jetzt wurde
ihm wieder bewusste, dass sie weit entfernt auf der anderen Seite des Nebelgebirges
war. Er lächelte in sich hinein. Was stellte sie bloß mit ihm
an? Irgendwie konnte er es sich nicht erklären.
Plötzlich vernahm er hinter sich eine Regung. Er wandte
sich um. „Sagt, wie lange beobachtet Ihr mich schon, Herr Elrond?“
„Lange genug, Taren o Taur-nu-Fuin, um zu wissen, dass
Ihr mir nicht alles erzählt habt.“
+++++++
Enttäuscht wieder in die Wirklichkeit zurückkehren
zu müssen ließ Féathila ihre ausgestreckte Hand sinken.
Seine Anwesenheit war eine Illusion gewesen, doch sie wusste, dass es wirklich
seine Stimme gewesen war, die sie gehört hatte. Sie wünschte sich
die Verbindung noch einmal herstellen zu können, doch so sehr sie es
auch versuchte, sie konnte ihn nicht mehr erreichen.
Aufgewühlt gab sie es auf schlafen zu wollen. Fé
kletterte von ihrer Plattform und beschloss einen Spaziergang durch Caras
Galadhon zu machen. Fast völlig schwarz hing die Nacht über der
Stadt. Nur dann und wann unterbrochen vom Sternenschein oder einigen Lichtpunkten
einzelner Plattformen. Nur die Wege waren klar erkennbar, denn ein seltsames,
diffuses Leuchten ging von ihnen aus, so dass jeder nächtliche Wanderer
sehen konnte, wohin er seine Füße setzte.
Sie hatte kein bestimmtes Ziel und überließ die
Wahl der Richtung dem Zufall. Und nachdem sie einige Zeit in Gedanken versunken
durch die Elbenstadt gestreift war, stand sie plötzlich auf einer Lichtung
am Rande der Wohngebiete. Ein Rinnsal plätscherte hier vor sich hin
und nährte einen kleinen See, der halb im Schatten der großen
Mallornbäume des Waldes lag. Einige waren besonders seltsam gewachsen
und ragten mit verschlungenen Ästen über das Wasser. Auf der glatten
Seeoberfläche spiegelte sich das silberne Sternenlicht und die Mondsichel
wieder.
Überwältigt blieb Féathila für einen
Moment stehen. Dann trat sie langsam staunend auf das Wasser zu und ging
mit den Füßen hinein, so dass das kühle Nass ihre Füße
sanft umspielte.
„Ich dachte immer, ich wäre die einzige die so
spät nachts noch durch die Wege des goldenen Waldes gebraucht - abgesehen
von den Wachen natürlich.“
Erschrocken machte Fé einen Satz. Wer sprach da zu
ihr? Und was noch wichtiger war: Wo versteckte er sich?
Angestrengt blickte sie zu den Bäumen hinüber und
starrte angestrengt in das Dunkel. Plötzlich sah sie eine Bewegung.
Aus dem Schatten einer verwinkelten Baumkrone, deren Äste dicht über
dem Wasser hingen, löste sich eine Gestalt.
„Wer spricht da?“ fragte sie ihren noch gesichtslosen
Gegenüber.
Die Gestalt trat aus dem Schatten heraus. Die Himmelslichter
beleuchteten das dunkle, lange Haar einer wunderschönen Elbe. Sie trug
einen silbrig schimmernden Mantel und kam langsam über die Lichtung
auf Féathila zu. Aus der Nähe konnte sie die feinen Gesichtszüge
der Elbe erkennen: Große dunkle Augen, hohe Wangenknochen und einen
Mund, der sich zu einem Lächeln verzog.
„Meine Name“, antwortete die Elbenfrau, „ist
Arwen. Manche geben mir auch den Beinamen Undomiel.“
„Ihr seid Arwen Undomiel, Tochter des weisen Herrn Elrond?“
Ungläubig starrte Fé die Elbe an. Die Legenden über ihre
Schönheit waren eindeutig wahr. Sie hatte noch nie eine so schöne
Elbe gesehen.
„Ja, das bin ich. Und Ihr müsst Féathila
sein. Ich kenne jedes Gesicht in Caras Galadhon, nur Eures noch nicht.“
Arwen musterte sie erstaunt. „Ich sehe, Ihr konntet wohl nicht schlafen.“
„Woher...?“ Überrascht schaute Fé
an sich hinunter. Sie hatte völlig vergessen, dass sie noch ihr Nachtgewand
trug. Ihre Wangen färbten sich leicht rot. Weshalb musste ihr so etwas
immer passieren?
Arwen lachte leise. „Nur keine Sorge deswegen. Ihr seid
nicht die Einzige, der es so ergeht.“ Sie öffnete ihren Mantel.
Darunter kam ebenfalls ein Nachtgewand zum Vorschein. „Ich war nur
besser vorbereitet. Kommt mit und erzählt mir etwas von Euch.“
+++++++
„Das ist also der Grund, warum ich bereits bei Eurer
Ankunft spürte, dass Euer Herz nicht mit Euch nach Bruchtal gekommen
war“, Elrond nickte bedächtig, „Ich denke, es ist fast
sicher, dass Eure Traumbilder Galadriel nicht entgangen sind. Sie wollte
offensichtlich ihre Nichte vor dem Schicksal bewahren, dass Ihr saht.“
Legolas blickte den Herrn von Bruchtal an. „Gibt es
eine Gewissheit, ob die Geschehnisse, die ich träumte tatsächlich
wahr werden?“
Elrond seufzte. „Nun, das kann man nie so genau sagen.
Schon eine einzige unserer Handlungen und Entscheidungen können die
Zukunft ändern. Die Dinge müssen nicht zwingend so eintreten,
wie Ihr sie gesehen habt.“
Dem Elbenprinzen wurde etwas leichter ums Herz. „Dann
gibt es also die Möglichkeit, dass ich sie davor schützen kann.“
„Natürlich, die gibt es durchaus. Wenn der Rat
den Schatten aus Dol Guldur vertreiben kann, ist es durchaus wahrscheinlich,
dass die Gefahr für Féathila zumindest vorläufig gebannt
ist.“ Ein Ausdruck von Traurigkeit erschien auf dem Gesicht des Elbenherrschers.
„Wie leben in furchtbaren Zeiten, wenn es heute noch nicht einmal
möglich ist, das Verliebt-Sein ungestört zu genießen.“
Legolas’ Ohrenspitzen wurden rot. „Wie kommt Ihr
denn auf das Verliebt-Sein?“
Elrond lächelte milde. „Was dachtet Ihr denn, weshalb
Ihr nachts kaum bekleidet auf Balkonen steht, nicht schlafen könnt
und nach einer Elbe greift, die viele Meilen entfernt ist?“
Legolas blickte zu Boden. „Ich...ich habe ihre Stimme
in meinem Kopf gehört.“
Elrond schmunzelte. „Ihr könnt Euch glücklich
schätzen. Manche Elben suchen Jahrtausende und einige Menschen ihr
Leben lang, ohne das jemals das gefunden zu haben.“
„Aber ich habe überhaupt nicht danach gesucht.
Es ist einfach passiert.“ Legolas sprang auf und trat wieder auf den
Balkon hinaus.
„Dann könnt Ihr Euch umso glücklicher schätzen,“
hörte er Elrond hinter sich.
„Aber ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.“
Er schickte einen tiefen Seufzer in die Nacht hinaus. „Es ist so überhand
nehmend. Man kann es nicht kontrollieren.“
„Nein, das kann man nicht. Schon viele haben es versucht
und alle sind sie gescheitert. Ihr müsst es annehmen. Es ist ein Privileg.“
Elrond trat neben ihn.
„Aber, was tue ich, wenn es ihr nicht genauso geht?“
„Ihr habt doch gerade mit ihr gesprochen.“
„Ja.“
„Obwohl sie sich auf der anderen Seite des mächtigsten
Walls in ganz Mittelerde befindet.“
„Ja.“
„Sagt, welchen Beweis braucht Ihr dann noch?“
+++++++
„So, so, du kennst also bereits meine Brüder?“
Arwen lachte in sich hinein. „Ich hoffe, Elrohir ist dir nicht allzu
nahe getreten.“
Fé runzelte die Stirn. Sie unterhielten sich bereits
seit mehreren Stunden und hatten den förmlichen Teil bereits hinter
sich gelassen.
„Weshalb sollte er mir denn zu nahe getreten sein?“
„Weil normalerweise keine Elbe in ganz Mittelerde vor
ihm sicher ist. Allerdings fürchtet er sich vor den Heiratswütigen
auf den Banketten.“
„Also, zu mir war er sehr nett.“
Arwen lachte wieder. „Tja, meine gute Féathila,
dann warst du wohl schon halb verloren, obwohl Nell dich wahrscheinlich
gerettet hätte. Außerdem wird er es bei dir ja jetzt nicht mehr
versuchen.“
Fragend blickte Fé sie an. „Weshalb denn? Muss
ich mir Sorgen machen?“
„Nein, das nicht, aber die Elben, die dir zu nahe kommen
wahrscheinlich. Schließlich wollen sie sich nicht mit Düsterwalds
Thronfolger anlegen.“
Fé horchte auf. „Was hat Legolas denn damit zu
tun?“
„Sagen wir, mir ist da etwas zu Ohren gekommen. Aber
das findest du bestimmt bald selbst heraus. Wir sollten langsam zurückgehen,
sonst macht man sich noch Sorgen um uns.“
Arwen blickte nach oben, wo der Himmel bereits seine tiefe
Schwärze verloren hatte und die Sterne begannen zu verblassen. Fé
wurde bewusst, dass sie in der Nacht gar nicht auf den Weg geachtet hatte.
„Keine Sorge, ich kenne den Rückweg“, meinte
Arwen, die Féathilas suchenden Blick bemerkt hatte.
Zusammen machten sich die beiden Elbinnen auf den Weg zu ihren
Plattformen, bevor die anderen Bewohner von Caras Galadhon erwachen und
zwei Prinzessinnen in Schlafgewändern vorfinden würden.
+++++++
„Wir müssen den Rat einberufen.“ Elrond stand
am Fenster der Bibliothek und sah gen Südosten. Er sandte seine Gedanken
nach Lothlórien.
„Ich weiß. Im Spiegel sah ich, welche Traumbilder
der Sohn Thranduils empfing. Beunruhigend ist, was er sah, und doch ahnten
wir das Unheil schon seit langer Zeit.“ Galadriels Stimme hatte einen
besorgten Klang.
„Mein Vorschlag ist es, dass der Rat nach zwei Mondwechseln
zusammentritt. An unserem alten Versammlungsort.“
„Das, Herr von Bruchtal, wäre auch mein Vorschlag
gewesen. Denn in der Zeit davor werden noch viele Ereignisse stattfinden,
die ein Treffen aller Ratsmitglieder unmöglich machen würde. Ich
sehe Kämpfe, in die Mithrandir und auch König Thranduil gezogen
werden.“
„Ähnliches sah auch ich, doch ist mir Grund, Ausgang
und Ort verborgen geblieben... Doch sagt mir, Herrin des Goldenen Waldes,
wisst Ihr von des Königssohns Rastlosigkeit.“
„Ja, ich weiß davon. Und auch die Ursache dafür,
doch wird sich zeigen, ob es Auswirkungen auf die späteren Ereignisse
haben wird. Wenn unser Blick in die Zukunft noch recht behalten soll, darf
keiner der neun Wanderer von seinem Schicksal abgehalten werden, sonst wird
die kommende Zeit in Mittelerde eine düstere sein.“
„Dann muss verhindert werden, was ihm sein Traum offenbarte,
denn falls das geschehen sollte, wird er bald darauf ebenfalls in Mandos
Hallen wandeln.“
„Nan’manka ta ilnaa na tampaya…?(4)”
„Falls dies eintritt, Hohe Frau, ist gefragt, wie groß
die Macht der Elben Mittelerdes noch ist. Vee’sina nostal’en’templa
caela ilnaya nir’ coiasirar maghaya n’ala.(5)“
Sorgenvoll wandte Elrond sich ab und begab sich zu einem der
Westfenster. Er hoffte inständig, dass sich doch noch alles zum Guten
wenden ließ.
----------------------------------------------------------------------------------
(1) So wunderschön, wie Ihr es jeden Tag zu sein pflegt.
(2) Ich höre dich, Geschichtenerzähler. Ich bin bei dir.
(3) Du hast mich vor Bösem bewahrt, Sternenkind.
(4) Doch wenn es sich nicht aufhalten lässt...?
(5) Denn eine solche Magie wurde bisher selten angewandt.
~*~*~