~ Zwischenspiel ~
Unter Eiche und Buche
Eryn Lasgalen wurde vom Zwielicht umarmt.
Leise, ganz leise, huschten bronzene Schatten über das
dichte Laub der Blätter, malten absonderliche Muster auf die schwarzbraune
Erde. Die Luft duftete nach dem weichen Holz der Buchen und dem sanften
Aroma der grünenden, reifenden Eicheln. Das kleine Waldflüsschen
plätscherte friedlich vor sich hin, durch lichte Stellen der weiten
Baumkronen fiel das goldene Abendlicht wie fahler Sternenschimmer durch
graue Wolken. Wie flüssiges Gold ergoss sich der Bach über die
kleinen, flachen Steine, die ihm untertan waren und bahnte sich seinen Weg
tiefer hinein in den Wald.
Eine Schar Rotkehlchen badete ihr zartes Gefieder im flachen
Gewässer, ihre kleinen, kurzen Hälse leuchteten im karminroten
Farbton, intensiv wie züngelnde, purpurne Flammen. Kein Maler kannte
so viele Goldtöne, wie sie an jenem Abend im Grünwald zu erblicken
waren, nie hätte jemand diese zarte Komposition aus warmen Farben einfangen
können, zumal der Einfall des Sonnenlichts durch das bedächtige
Schwingen der alten Äste im Wind stetig verändert wurde und so
immer wieder neue Wege fand, die besinnlich schweigsame Natur zu erhellen.
Die Ewigkeit erschien manchmal nicht mehr zu sein als ein
Augenblick, den man zubringen durfte inmitten der unantastbaren Schönheit
dieses Ortes.
Die dunkelgrüne Tunika schlang sich um seine schlanke
Gestalt, streifte leicht die wachsenden Grashalme, die sich der Sonne entgegenstreckten.
Auf den ersten Blick hätte man Thranduil, König unter Eiche und
Buche, im Schutz des kühlen Schattens eines alten, tief ins Erdreich
verwurzelten Ahorns, gar nicht erkennen können, so sehr glich der Farbton
seines Gewandes dem des dichten Gebüsches, das ihn umgab.
Hochgewachsen und schön wie er war, stand er einen Moment
lang regungslos in den Schatten, ehe er ein paar kurze Schritte nach vorn
trat und sein ebenmäßiges, streng erscheinendes Gesicht vom sterbenden
Sonnenlicht liebkost wurde. Als ob sie Ehrfurcht vor seiner Anwesenheit
hätten, verstummten die lustigen Gesellen, deren Federn mit winzigen
Wassertropfen benetzt waren und senkten ihre kleinen Köpfe wie zu einer
Verbeugung.
Selbst das fröhliche Getuschel des Bächleins wurde
leiser, bis seine Stimme nur noch zu erahnen, nicht mehr wirklich zu hören
war. Die Innenseite seiner Tunika war in einen dunkelbraunen Farbton gekleidet,
goldene Stickereien bildeten das Wappen Düsterwalds, umrandet von einem
Kranz aus runden Blättern. Seine Krone, ein feines, edles Gesteck aus
Blütenblättern, trug Thranduil nicht. Auch sein helles, blondes
Haar war nicht frisiert, sondern schlang sich glatt und lang von seinem
Kopf bis zu seiner Brust herab. Es war zu einem täglichen Ritual geworden,
aus den Tiefen des Palastes herauszutreten, wenn sich der glühende
Feuerball zur Erde neigte und dem sommergrünen Wald etwas Herbstliches
einhauchte. Wie an jedem Abend war der König Grünwalds an die
süßlich duftende Abendluft gekommen und schaute immerfort auf
den schmalen Pfad, der sich durch die natürlichen Alleen der Laubbäume
schlängelte und zum Palast des Königs führte. Thranduil wollte
es sich selbst nicht eingestehen, aber in seinem Herzen sehnte er sich herbei,
eines Abends Legolas auf seinem Pferd sitzend zu erblicken, wie er auf bekannten
Wegen gen Heimat ritt.
Oft blieb Thranduil an Ort und Stelle stehen, bis das letzte
Licht des Tages erloschen war und der samtene Umhang der Nacht sich über
den Wald gelegt hatte. Und stets stieß er einen traurigen Seufzer
aus und kehrte in seinen Palast zurück, wenn seine innigsten Wünsche
auf die Rückkehr seines Sohnes zerschmettert worden waren. Doch wie
an jedem Abend stand er auch jetzt mit kindlicher Hoffnung im Herzen am
niedrigen Bette des Flüsschens und richtete den wachen Blick auf den
leeren, einsamen Waldweg. Thranduil schloss die Augen, sog die ungewöhnlich
warme, klare Luft ein. Er liebte den Sommer in Eryn Lasgalen, wenn alles
Leben in voller Blüte stand und der Glanz der Mondensichel immer ein
wenig wärmer erschien als in anderen Jahreszeiten.
Der Sindaelb fühlte kaum die Berührung eines Blattes,
das sich im Wechselspiel des Windes vom dichtbewachsenen Geäst des
Ahornbaumes gelöst hatte und federleicht auf seine Schulter gesegelt
war. Behutsam fasste er den schmalen, hellgrünen Stängel des Blattes
und fuhr mit sanften Fingern die gefächerte Form nach. Erst dann öffnete
er seine Augen und ein sanftes und zugleich trauriges Lächeln, wie
es von keinem der Tawarwaith je zuvor im Gesicht ihres Königs gesehen
worden war, ruhte auf seinen Lippen. „Grünblatt“, wisperte
er leise und fuhr mit den Fingerkuppen die leichtverzweigten Blattadern
nach, „Legolas...“ Thranduil senkte sein stolzes Haupt und erinnerte
sich daran, wie an einem Abend wie diesem sein Sohn das Licht der Welt erblickt
hatte. Es war im Spätsommer vor fast dreitausend Jahren gewesen, als
ihm seine Frau das schönste Geschenk auf der Welt gemacht und Legolas
das Leben geschenkt hatte. Wie damals schon seine warmen, tiefblauen Augen
sämtliche Ammen im Palast des Königs verzückt hatten und
sich die Nachricht von der Geburt des Thronerben wie ein Lauffeuer im Reich
verbreitete.
Von dem Moment an, in dem er seinen kleinen Sohn, eingehüllt
in wärmende, seidene Decken, in den Armen hielt, war er von aufrichtiger,
väterlicher Liebe zu dem kleinen Bündel von einem Elben erfüllt
gewesen.
Doch Legolas erhielt seinen Namen nicht sofort nach seiner
Geburt, nein, tagelang wurde er nur `das schönste Kind, das je unter
dem Blätterdach Eryn Lasgalens geboren wurde´, genannt. Eines
Morgens hatte die junge Königsfamilie in den Gärten Grünwalds
einen Spaziergang unternommen, wobei die Königin ihren Sohn sicher
in den Armen hielt. Sämtliche Diener des Palastes standen in Ehrfurcht
und äußerster Verzückung still, sobald sie den Prinzen erblickten,
selbst wenn sie eilige Arbeit zu verrichten hatten.
Als sich Thranduil und seine Frau auf eine Parkbank zurückgezogen
hatten und das milde Sonnenlicht die runden, rosigen Wangen des Kindes erwärmte,
schlief der Prinz friedlich und fest ein. `Wie soll er nun heißen?´,
hatte Thranduil seine Geliebte mit gedämpfter Stimme gefragt, um den
kleinen Racker nicht zu wecken. Und er erinnerte sich noch genau daran,
wie sie lächelte, als die winzige, zarte Hand ihres Sohnes den Zeigefinger
ihres Gemahls umschloss, als dieser ihm nur sanft über den kleinen
Arm gestreichelt hatte. `Es ist so schwierig, einen Namen für etwas
so Schönes zu finden´, hatte sie geflüstert und Thranduil
hatte nur lächelnd genickt. In jener Sekunde wurde auf den sanften
Schwingen des Windes ein Eichenblatt herbeigetragen und landete auf dem
Schoß der Königin, verfehlte den Prinzen nur um Haaresbreite.
Ihre blasse, zierliche Hand hatte das Blättchen ergriffen
und wie im Traum entwich der Name „Legolas“ ihrer Kehle. Fortan
nannten ihn alle so. Obgleich der Name schlicht in seiner Übersetzung
erschien, war dessen weiche Aussprache und schöner Klang einem König
würdig. Diese Erinnerung war so plötzlich Thranduil ins Gedächtnis
zurückgekommen, dass er voller Wehmut an diesen Tag dachte, an dem
sein erster Sohn seinen Namen erhalten hatte. Nie hatte Thranduil Legolas
diese Geschichte erzählt, wahrscheinlich, weil ihm der Schmerz über
den Verlust seiner geliebten Frau stets zu nah gewesen war und er in den
Zügen seines Sohnes die Sanftmut von Legolas‘ Mutter wiedererkannte.
Zu viele schmerzliche Erinnerungen wären wiedergekommen, die alten
Narben wären wieder aufgerissen worden.
Deutlich hörbar atmete der König unter Eiche und
Buche aus, sank langsam nieder, bis er auf der mächtigen Wurzel des
Ahorns zum Sitzen kam. Nun hatte er beide verloren – seine Frau und
seinen ersten Sohn. Er verbarg sein Antlitz mit der linken Hand und presste
unterbewusst mit seiner rechten das Blatt gegen sein Herz.
Er hatte seinen geliebten Sohn verstoßen, weil dieser
auf sein Herz gehört hatte und nicht die Frau ehelichte, die er nicht
liebte. Hatte Thranduil in seiner Rolle als Vater versagt? War er nicht
einmal dessen fähig gewesen, sein Kind zu verstehen, es glücklich
zu machen? Ein lange unterdrückter Schluchzer drang aus seinem Mund
hervor, verriet die Verzweiflung des Königs. Mit dem Rücken lehnte
er an dem Stamm des Baumes und konnte nicht länger verhindern, dass
die über Jahre hinweg angestauten, golden im Sonnenlicht schimmernden
Tränen ihren Weg bahnten und selbst seine Hand konnte sie nicht auffangen.
Haltlos fielen sie über seine Wangen, glitten über
seine Lippen, landeten auf seinem Gewand und hinterließen kleine,
feuchte Punkte, als wäre der König im sanften Nieselregen spazieren
gegangen. Im Herzen des Königs klaffte eine große Lücke,
die niemand von seiner verzweifelten Dienerschaft zu schließen wusste.
Seit der Prinz und dessen jüngerer Bruder von der Heimat weggezogen
waren, sah man den König nicht mehr lachen, ja nicht einmal ein heiterer
Ausdruck lag mehr in seinem schönen Antlitz.
Nicht einmal der Anblick der kostbaren Juwelen, die er in
die hohen Wände seines Palastes einbauen lassen hatte, konnte ihn mehr
erfreuen. Er dachte daran, wie Legolas, als er noch ein kleiner Junge gewesen
war, manchmal stundenlang unter den verzierten Rundbögen des Palastes
stand und sich die glitzernden Schmucksteine in seinen Augen widergespiegelten.
Auf die Anfrage, was sein Sohn denn da machte, hatte er keck erwidert: `Vater,
sagtest du nicht immer, Zwerge wären gierig und horteten ihre Juwelen
in ihren unterirdischen Bauten?´ Thranduil wusste noch, wie er ganz
überrascht von dieser Antwort genickt hatte und Legolas ihn lange von
Kopf bis Fuß musterte und schlussendlich sprach: `Du bist aber gar
kein Zwerg, Ada´. Mit solchen Feststellungen hatte er ihn immer wieder
zum Lachen gebracht, obwohl der König gut wusste, dass hin und wieder
ein wenig Kritik in den Reden seines Sohnes mitschwang.
Von Gold zu Kupfer wandelten sich die Schatten, kleine Wolkenfetzen
schmückten den Himmel, als wollten sie verhindern, dass nur er, bloß
und trist wie er oft erschien, vom König gewürdigt und angesehen
wurde.
Aber Thranduil schaute nicht auf. Ihn interessierte es nicht,
ob der Himmel klar oder gar von schwarzen, sich wie Giganten auftürmenden
Wolkenmassen bedeckt war. Fast alles war ihm gleichgültig geworden,
als ihn der größte Schatz, den er je zu besitzen geglaubt hatte,
verlassen hatte. Das blonde Haar Thranduils regte sich leicht, als ein zarter
Lufthauch, der es noch nicht einmal vermochte, die dunkelgrünen Grashalme
zu biegen, die den weichen Erdboden bedeckten, darüber strich.
Tiefer im Dickicht des Waldes vernahm der König den leisen
Gesang einer Nachtigall. Ihre Stimme klang schwach und traurig. Thranduil
wusste nicht, wie weit sie von ihm entfernt auf einem einsamen Ast saß
und ihr allabendliches, melancholisches Lied sang. Vielleicht war sie fern
und nur seinem guten Gehör war es zu verdanken, dass er das Klagelied
überhaupt hören konnte. Oder sie saß im Schutze eines schwarzen
Blätterdachs und konnte den König von dort aus beobachten. Es
mochte gar sein, dass sie ihr Lied eigens ihm widmete.
Erinnerungen taten weh.
Aber wenn man die Kraft gefunden hatte, den Schmerz zu überwinden,
vermochte man möglicherweise zu lächeln, wenn das Vergangene im
Gedächtnis wieder auflebte.
Thranduil konnte noch nicht lächeln. Was das Menschengeschlecht
in wenigen Jahren verkraftete, erstreckte sich im Leben eines Elben über
eine halbe Ewigkeit. Der König schüttelte das edle Haupt und seufzte
zu sich selbst: „Ich klage um meinen Sohn, als wäre er tot...dabei
war ich nur zu eitel und zu stolz, um ihm zu verzeihen“ Er öffnete
die Augen, ungebremst wanderten nun die kristallen schimmernden Tränen
über die Wangen, Thranduil mühte sich nun nicht mehr, sie zurückzuhalten.
Von fernher konnte er das dumpfe Hufgetrappel auf dem weichen Waldboden
vernehmen. Obwohl Frieden herrschte, hatte die königliche Garde ihre
alte Gewohnheit nicht abgelegt, in den schattigen Hainen nach dem Rechten
zu sehen und jede kleinste Veränderung misstrauisch wahrzunehmen.
Thranduil schaute an sich herab. Wie jugendlich und stark
doch seine Gestalt erschien. Innerlich jedoch fühlte Legolas‘
Vater die drückende Last des Alters, ahnte, dass es an der Zeit war,
Abschied zu nehmen und den Menschen diesen Ort zu überlassen.
Der stolze Elb biss sich auf die Lippen, die nur langsam trocknenden
Tränen sahen auf seinem ebenmäßigen Gesicht wie Tautropfen
aus, die auf einer Statue darauf warteten, vom gierigen Sonnenlicht verzehrt
zu werden. Er hatte gehofft, eher gehen zu dürfen. Nicht mehr als König
des Grünwalds, aber als glücklicher, ehrenwerter Herrscher, an
dessen Errungenschaften sich die Nachwelt noch lange erinnerte. Legolas
hatte seinen Platz einnehmen sollen, auf dem Thron. Er wäre den Tawarwaith
ein guter König gewesen und hätte der Ära des Fürstenhauses
ein würdiges Ende gesetzt.
Er, Legolas, sollte unlängst den Ring am Finger tragen,
den Thranduil selbst von seinem Vater Oropher zu seiner Hochzeit und dem
gleichzeitigen Regierungsantritt erhalten hatte. Der Elb zog den kostbaren
Ring vom Finger und hielt ihn zwischen Zeigefinger und Daumen dem rotglühenden
Licht des untergehenden Feuerballs entgegen. Aus Silber wurde Gold, wenn
auch nur zur Täuschung oberflächlicher Blicke. Die feine Gravur
aus Quenya – Schriftzeichen glomm kurzzeitig auf, nur um sogleich
wieder wie eine schwache Flamme zu erlöschen. Auf der Außenseite
des Schmuckstückes waren Blätter aus echtem, reinen Silber gefertigt
worden, die einander leicht umschlangen und bedeckten und schließlich
durch einen dunkelgrün schimmernden Smaragd den Höhepunkt ihrer
Kunstfertigkeit erreichten.
Thranduils Finger schlossen sich um den Ring, verwahrten ihn
sicher in der Hand des Elbenkönigs. Traurig würde die Herrschaft
seines Geschlechts im Nördlichen Grünwald zu Ende gehen. Seufzend
erhob er sich und strich sich die kleinen Blätter und Krumen dunkler
Erde vom edlen Stoff seines Gewandes. Es nützte nichts, Dingen hinterher
zu trauern, die ohnehin nicht mehr rückgängig zu machen waren.
Aber war wirklich alles verloren, was zwischen ihm und seinen Sohn gewesen
war? Nur weil er, Thranduil, Herrscher des Waldlandreiches, dem Prinzen
verbieten wollte, mit jener zusammen zu sein, die er liebte? Hätte
er nicht genauso ungestüm und rebellisch gehandelt wie Legolas, wenn
es einen solchen Konflikt zwischen seiner Frau und Oropher gegeben hätte?
Dabei hatte er ihr nicht einmal den Hauch einer Chance gelassen, sich ihm
als würdig für seinen Sohn zu erweisen.
Bitter war der Geschmack von Reue. Und er klebte für
gewöhnlich lange am Gaumen.
Nicht ein einziges Mal hatte Thranduil seinen Sohn in Ithilien
besucht. Wenn er denn wirklich dort war. Er konnte sich gut vorstellen,
dass Legolas sämtliche versteckte Winkel Mittelerdes durchforstete,
um seine Geliebte wiederzufinden. Wenn Eru ihm gnädig gewesen war,
hatte er sie möglicherweise wieder gefunden. Wie schön es gewesen
wäre, wenn Legolas ihm Enkelkinder geschenkt hätte...aber Thranduil
schüttelte mit dem Kopf. Es half nichts, Tagträumen hinterher
zu jagen, vor allen Dingen nicht, wenn sie so weh taten wie dieser. Nicht
selten hatte er mit dem Gedanken gespielt, gen Ithilien aufzubrechen und
seinen Sohn wiederzusehen. Aber immer wieder hatte er sein Vorhaben aufgegeben.
Wie sah es denn aus, wenn der Vater, zuerst sein Kind verfluchend, Jahre
später mit reuevoll gesenktem Haupt in dessen Leben eindrang? Nein,
Legolas führte unlängst ein selbstständiges Dasein, frei
von streng königlichen Pflichten und elterlicher Bevormundung.
Immer schon hatte es der Prinz vermocht, sich gegen den Willen
seines Vaters zu behaupten. Schon als Legolas kaum zweiundzwanzig Jahre
alt war – noch ein Sprössling unter den Elben, den es noch großzuziehen
galt – hatte der junge Elb so lange seinem Vater mit Gejammer und
Gebettel in den Ohren gelegen, bis dieser nur widerwillig sein Einverständnis
dafür gab, dass Legolas auf seine erste Jagd gehen durfte. Und prompt
kehrte der kleine Legolas mit aufgeschlagenem Knie und wunden Fingern in
den Abendstunden in den Palast zurück. Seine kleinen, zarten Finger
waren noch viel zu schmächtig gewesen, als dass er mit einem Bogen
hätte umgehen können wie seine Begleiter, die Leibwächter
des Königs. Die Bogensehne hatte sich tief in sein zartes Fleisch geschnitten
und schmerzende, rote Striemen hinterlassen.
Doch nie hatte Legolas ein Wort der Klage gesprochen, im Gegenteil
– seine Misserfolge trieben ihn förmlich an, härter an sich
zu arbeiten. Ja, er war beinahe enttäuscht, wenn er keine neuen Erfahrungen
bei kleineren Ausflügen machen konnte. All das hatte ihn nun zu einem
der besten Bogenschützen Eryn Lasgalens gemacht.
Aber auch ansonsten unterschied sich Legolas in seinen Ansichten
mit dessen Vater. Während Thranduil einen ewigen Groll gegen Zwerge
hegte, was nicht zuletzt an den Vorkommnissen vor dem Ringkrieg lag, hatte
Legolas es sogar gewagt, eine Freundschaft mit einem Zwergen einzugehen.
Viele Geschichten hatte er ihm erzählt, wie er sich mit Gimli einem
Trinkwettbewerb gestellt hatte, wie der Zwerg es einmal vollbracht hatte,
den Elben bei Helm‘s Klamm in der Anzahl erlegter Gegner zu übertrumpfen
und nicht zuletzt, wie die Augen des Zwerges geleuchtet hatten, als Galadriel
ihm drei ihrer güldenen Haare schenkte.
Legolas wusste Grenzen zu durchbrechen und nicht selten hatte
er so seinen Vater dazu gebracht, des öfteren über sich selbst
nachzudenken und den ein oder anderen Gedanken zu hegen, die eigene Meinung
zu ändern. Diese Gabe hatte Legolas von seiner Mutter geerbt, die vor
vielen Jahren gestorben war, weil sie die schwer auf ihrem Herzen lastende
Trauer über den fortschreitenden Zerfall der Welt nicht länger
ertragen konnte. Seither hatte er ein Auge auf Legolas geworfen, wollte
nicht zulassen, dass auch ihm etwas zustieß. Thíluil und Viriel,
seine jüngeren Geschwister, sahen immer das, was wirklich in der Seele
ihres Bruders vor sich ging, dessen war sich Thranduil nun sicher.
Stets besorgt, ihm könne etwas geschehen, vermied er
es, Legolas bedeutsamen Aufgaben zu unterziehen, welche die Gefahr herausforderten.
Dass sich der unbändige Elb davon aber wenig aufhalten ließ,
hatte eigentlich von Beginn an auf der Hand gelegen.
Mit einem traurigen Lächeln gedachte Thranduil dem Tag,
an dem Legolas nach Imladris aufgebrochen war, um dem Rate Elronds die Nachricht
von Gollums Flucht zu überbringen. Der König hätte damals
wissen müssen, dass es seinem Sohn nicht genüge damit getan sein
würde, eine einfache Botschaft mündlich zu überliefern. Der
Elb hatte tief in seiner Seele noch am Tage von Legolas‘ damaligem
Aufbruch damit gerechnet, dass sein Sohn so schnell nicht wieder nach Hause
zurückkehren würde. Und dem geschah so. Als Held kehrte er in
seine Heimat zurück und nie war sich Thranduil sicherer gewesen, dass
Legolas sein ebenbürtiger Nachfolger werden würde, als an jenem
Tag.
Die Nachtigall schwieg, als sich die Dämmerung dem warmen
Dunkel der Sommernacht hingab und nur fern am Horizont ein schmaler Lichtstreif
zu erkennen war. Der letzte Zeuge eines weiteren Tages, den der König
unter Eiche und Buche in Einsamkeit und Herzensleere verbracht hatte, versank
im Meer aus düsterem Indigo und dem hellerleuchteten Gestirnen am Himmel.
Und auch der Pfad, auf dem Thranduil erhofft hatte, Legolas zu sehen, blieb
verlassen und still.
Erneut stieß er einen tiefen, langen Seufzer aus und
kehrte dem erwachenden Dunkel den Rücken. Er war wirklich ein Narr,
wenn er wahrhaft glaubte, seinen Sohn nach so vielen Jahren wiederzusehen.
Thranduil wusste schon nicht mehr, an wem es von ihnen beiden nun war, zu
verzeihen.
Langsamen Schrittes, fast ängstlich, seinen doch heimkehrenden
Sohn nicht mehr empfangen zu können, wenn er zu schnell ginge, schritt
der König Grünwalds zurück zu dem verborgenen Eingang des
unterirdischen Palastes. Mit stummen Verbeugungen erwiesen ihm die Wachen
jene Ehrerbietung, die ein König verdiente. Ohne jegliche Erwiderung
betrat Thranduil leise die große Halle, in der sämtliche Gäste
der Königsfamilie empfangen wurden. Jahrelang schon drohte sie an der
Stille zu zerbersten, die in ihr herrschte. Der Banner Eryn Lasgalens hing
ausgebreitet an der steinernen Wand, doch blass erschienen seine Farben,
als das letzte Licht des Tages verlosch und die Empfangshalle in leise Schatten
hüllte. Die Zeit des Grünwalds war vorüber, ebenso wie die
Regentschaft seines Königs. Dies wurde Thranduil so plötzlich
bewusst, dass sein Herz von einer tiefen Trauer erfüllt wurde und er
sich mit der Hand an der kühlen Felswand abstützen musste, um
nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
„Ada, geht es dir gut? Was hast du?“, hörte
Thranduil den hellen Klang der Stimme seiner Tochter Viriel, welche soeben
aus ihrem Gemach hinunter in die Halle getreten war und mit Entsetzen in
ihren schönen Zügen den an der Wand lehnenden Vater erblickt hatte.
Das perlmuttfarbene Kleid raschelte, als sie eiligst zu ihm lief, mit den
Händen das Kleid raffend, um noch schneller zu Thranduil zu gelangen.
Ihr seidenes, blondes Haar, welches einen dunkleren Schimmer hatte als das
ihres älteren Bruders Legolas und leicht gelockt war, fiel in langen
Strähnen über ihre Schultern, die Kette, welche ihren schlanken
Hals schmückte, rutschte durch ihren schnellen Lauf zur Seite. Sacht
fasste sie ihren Vater am Arm, stützte ihn so gut es ging, weil sie
befürchtete, er könne in jedem Moment zusammenbrechen. „Es
ist alles in Ordnung, Viriel, wirklich. Ich fühle mich nur...ein wenig
müde“
Ihre blau-grünen Augen musterten ihn eindringlich und
ungläubig. So klang es fast wie ein Seufzer als sie sagte: „So
fühlst du dich schon dreißig Jahre lang, Ada. Warum tust du dir
nur selbst so weh?“ Überrascht blinzelte er seine schöne
Tochter an. Sie war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. „Wie
meinst du das?“, hauchte er und löste sich aus ihrem Griff. „Seit
Legolas weg ist, gehst du an jedem Abend mit der trügerischen Hoffnung
nach draußen, dass er zurückkommt...er wird nicht zurückkommen...versteh
das doch“, sie hörte sich wütend und traurig zugleich an.
Thranduil besann sich ihrer Worte und nickte schwach, jegliche Farbe schien
endgültig aus seinem Gesicht gewichen zu sein.
„Ich möchte meinen Bruder dafür hassen, dass
er dich als seinen Vater so verraten hat...dir solch ein Leid bereitet...aber
ich vermisse ihn selbst viel zu sehr, als dass ich mir wünschen könnte,
ihn nie wieder zu sehen“, Thranduil sah, dass sein Kind verzweifelt
versuchte, gegen Tränen anzukämpfen. Dreißig Jahre lang
war er viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, als dass er
den Schmerz seiner Tochter hätte bemerken können. Wortlos nahm
er sie in die Arme, streichelte liebevoll über ihren Schopf, bis sie
es aufgab, die Tränen zurückzuhalten und ihrem Kummer freien Lauf
ließ. Er war ein schlechter Vater. Seit seine geliebte Frau von ihm
gegangen war, lief alles aus dem Ruder. Weder vermochte er es, seine Kinder
zu behüten und ihnen die Liebe zu geben, die sie so dringend benötigten,
noch fühlte er sich in der Lage, gerecht und mit wachem Auge zu regieren.
Alles starb, weil er selbst in seinem tiefsten Inneren zu schwinden begann.
Viriel schluchzte an seiner Schulter, flüsterte mit zitternder
Stimme: „Warum, Ada? Warum musste uns das alles zustoßen?“
„Es tut mir so leid, Viriel“, flüsterte er
in ihr Haar und umarmte sie fester. Ihm wurde mit einem Male bewusst, wie
erwachsen seine Tochter doch schon geworden war und der Gedanke zehrte an
seinem Gewissen, ihr nicht in dieser schwierigen Phase ihres Lebens geholfen
zu haben. Wie eine Waise musste sie sich gefühlt haben, obgleich ihr
Vater doch stets bei ihr war. Und gleichzeitig war er es auch nicht. In
seinen Armen wurde sie ruhiger und bald hörte sie auch auf, zu weinen.
Ihre Amme stand an der versilberten Treppe zu den königlichen
Gemächern, ihre Hand ruhte auf dem Geländer, als sie mit sorgenvoller
Miene zu Vater und Tochter hinüberschaute. Jahrelang hatte sie mit
Widerwillen die Entfernung Thranduils zu seinen Kindern mit angesehen und
sie begegnete dem König stets mit Unverständnis – wenn die
Frau, die er über alles liebte, aus seinem Leben geschieden war, wie
konnte er jene vernachlässigen, die sie ihm einst geschenkt hatte?
Thranduils Blick traf jenen der Amme und sie schüttelte nur traurig
mit dem Kopf, wand sich wieder um und erklomm geschwinden Schrittes die
schmalen Stufen der Treppe.
Thranduil schloss die Augen. Warum nur war er nicht mehr in
der Lage, zu lieben? „Verzeih, Ada, ich verlor die Kontrolle über
mich“, entschuldigte sich Viriel leise und tupfte die letzten Tränen
mit den Ärmeln ihres Kleides von ihrem Gesicht. „Lass uns zu
Abend essen – das Mahl ist sicherlich schon angerichtet und du weißt
ja, wie böse Dwiore wird, wenn man seine Meisterwerke der Kochkunst
nicht zu würdigen weiß!“, ein nervöses Lächeln
stahl sich auf ihre kirschroten Lippen, ehe sie sich eiligst umwandte und
dem langen, hell von Kerzenlicht erleuchteten Gang zum Esszimmer folgte.
Wie ähnlich sie doch ihren Geschwistern war. Stets wollten seine Kinder
von ihren Sorgen ablenken, allein, damit er nicht unter seinen Schuldgefühlen
zu leiden hatte. Thranduil wusste, dass sich seine Kinder so zu Grunde richteten.
Niemand, insbesondere kein Elb, so glaubte der König zu wissen, konnte
ein Leben führen, wenn der Gram ihn innerlich zu Grunde richtete. Aber
Thranduil kannte Daelior nicht... .
Der König verweilte einen langen Augenblick in der Empfangshalle,
lauschte dem leisen Klirren von Geschirr, das mitsamt köstlicher Gaumenfreuden
serviert wurde. Keine Speise, und mochte sie noch so gut zubereitet sein,
kein Getränk, ganz gleich ob es noch so berauschend war, und kein festliches
Lied, das selbst von den schönsten Stimmen gesungen wurde würde
Thranduils weinendes Herz je wieder besänftigen können.
Nicht zuletzt deswegen folgte er seiner Tochter nicht in den
Speisesaal. Ohne dass seine Schritte auf den marmornen Fliesen widerhallten,
durchquerte der König unter Eiche und Buche die Halle und erstieg die
Treppenstufen zu seinem Schlafgemach. Ehe er jedoch den Korridor entlang
schreiten konnte, streifte sein Blick die große, verzierte Tür
zu Legolas‘ Gemach, die aus Eichenholz gefertigt worden war. Seit
seine Söhne nach Ithilien gezogen waren, hatte er diesen Raum nicht
mehr betreten und jedem hatte er es verboten, je einen Fuß in den
Raum zu setzen, als sei dies ein verwunschener Ort. Und so zögerte
er auch nun, als seine feingliedrige Hand auf der Türklinke ruhte.
Sein Herz schlug schneller, ließ sein Blut wie flüssiges Feuer
durch seine Venen pochen. War es etwa Angst, die er fühlte? Bei diesem
Gedanken zuckte ein schiefes Lächeln an seinen Mundwinkeln. Es war
sogar panische Angst, die er verspürte, die ihn beinahe ohnmächtig
werden ließ. Was, fürchtete er, könne ihm zustoßen,
wenn er den geringen Kraftaufwand wagte, um die lang verschlossen gebliebene
Tür zu Legolas‘ Gemach aufzustoßen?
Die Leere war es. Die Leere, die in seinem Herzen herrschte,
ahnte er entgegenzutreten, wenn er das Zimmer seines Sohnes betrat. Er fürchtete
sich davor, dieser kalten Resignation zu begegnen, die Endgültigkeit
vom Verlust seines Sohnes verkraften zu müssen.
Und er wollte die Hand schon zurückziehen, als er bemerkte,
dass er die Klinke unlängst hinuntergedrückt und die Tür
einen Spalt weit geöffnet hatte. Der frische Luftzug, der durch den
Spalt hervorströmte, verursachte eine Gänsehaut auf den Armen
des Königs. Fast geisterhaft erschien der schmale Lichtstreif, der
auf den dunklen Korridor geworfen wurde. Thranduil stieß laut seinen
Atem aus, bemerkte erst jetzt, dass er die Luft angehalten hatte, seit er
vor dem Zimmer stand. Es war lächerlich, ja geradezu albern, wie er
sich benahm. Der König Grünwalds, der furchtlos in zahllose Schlachten
gezogen war, erschrak nun vor der Vergangenheit. Wie viel Zeit verrann,
als er regungslos und zögernd vor Legolas‘ Tür stand, vermochte
Thranduil nachher nicht mehr zu sagen. Letztendlich fasste sich der Elb
doch ein Herz und streckte die Hand aus, fuhr verträumt die Konturen
der feinen Schnitzereien nach, die den Palast Eryn Lasgalens wiedergaben,
umgeben von einem Ring aus Blättern. Ein weiteres Mal holte er tief
Luft und streckte dann seinen Arm gänzlich aus, schob die Tür
ganz auf. Fast augenblicklich fühlte Thranduil, wie sich seine Seele
aus der festen, grausigen Umklammerung der Angst loslöste, als er altbekannte
Möbelstücke wiedererkannte, die in seiner Erinnerung bereits zu
verblassen drohten.
Linkerhand stand Legolas‘ Bett, ein weiches, einem König
gebührendes Nachtlager aus seidenen, elfenbeinfarbenen Kissen und mehreren
wärmenden Decken. Es war ordentlich hergerichtet worden, fast schien
es so, als wartete es nur darauf, dass sich Legolas wieder darauf niederließ,
um seinem friedlichen Schlaf zu frönen.
Thranduil trat vorsichtig an das Bett, fuhr mit seiner Hand
über die weiche Daunendecke, schob das ein oder andere Blatt, das vom
frischen Nachtwind in das Gemach geblasen worden war, vom Polster und ließ
sich vorsichtig darauf nieder. Er schmunzelte, als seine Finger flüchtig
über die vielen Kissen strichen. Legolas hatte es schon als kleiner
Junge gehasst, sein Bett morgens herzurichten. Deswegen hatte er immer große
Aufstände gemacht und sich vehement geweigert, sein Nachtlager wieder
in den ordentlichen Ausgangszustand zurückzubringen. `Wenn ich mich
wieder hineinlege, sieht es doch genauso aus...weshalb sollte ich dann Tag
für Tag alles zusammenlegen?´, so und ähnlich hatte er wieder
und wieder argumentiert, bis Thranduil es aufgegeben hatte, seinen naseweisen,
kleinen Sohn zu dieser Arbeit zu zwingen.
Und oft hatte er so wie in jenem Moment an Legolas‘
Bett gesessen und ihm Geschichten erzählt, ja manchmal sogar Lieder
vorgesungen, bis der kleine Prinz tief und fest eingeschlummert war. Thranduil
wusste noch genau, wie er dann immer die große, kuschelige Decke über
den kleinen, zierlichen Leib seines Sohnes gelegt hatte, ihm einen sanften
Kuss auf die Wange gab, ihm eine gute Nacht und süße Träume
wünschte und ihn letzten Endes in seinem Gemach allein ließ.
Viel zu schnell, so erschien es nun dem König, war Legolas erwachsen
geworden. Viel zu selten hatte er seinen geliebten Sohn im Laufe der Jahre
aus tiefstem Herzen lachen gesehen.
Auf dem kleinen Nachttischchen, das neben dem Bett lag, stand noch immer
die Vase, gefüllt mit Rosen. Am Tage von Legolas‘ Abschied hatten
die Blumen in voller Blüte gestanden und den ganzen Raum mit ihrem
betörenden Duft erfüllt. Nun waren sie verdorrt und glanzlos.
Thranduil zog ein Tuch aus seiner Westentasche hervor und wickelte die toten
Rosen behutsam darin ein. Eigentlich hatten die Blütenblätter
das Bett in der Hochzeitsnacht von Legolas und Celendra schmücken sollen.
Der alte Zorn stieg in Thranduil auf. Celendra war immer wie
eine Tochter für ihn gewesen und dass Legolas ihr das Herz gebrochen
hatte, weswegen sie schon vor Jahren mit ihrer Familie in den Westen gezogen
war, warf er seinem Sohn noch immer vor. Was war so besonders an dieser
Lalaithwen, dass Legolas einer Eheschließung mit Celendra entsagt
hatte? Hätte Thranduil mit seinem Sohn vernünftig darüber
gesprochen, so hätte er nun selbst eine Antwort auf die Frage gewusst.
Der König erhob sich seufzend, trat zu dem Sekretär
aus schwerem, dunklen Kirschbaumholz, an dem Legolas verschiedene Schreibarbeiten
zu verrichten gepflegt hatte. Wie er stundenlang mit seiner Mutter an dem
großen Pult saß und mit nahender Verzweiflung Schriftzeichen
in Sindarin geübt hatte.
Viel lieber hatte es sein Sohn gemocht, zu malen, die paradiesische
Umgebung, in der er aufwuchs, in einem Bild festzuhalten, als fürchtete
er, dass die Schönheit dieser Welt eines Tages vergehen würde.
Als der Prinz noch jünger war, hatte er an die getäfelten Wände
seines Gemaches unzählige Malereien befestigt, die im Laufe der Jahre
verschwanden wie Phantome aus einem Traum. Streng war Thranduils Erziehung
gewesen. Nicht wegen mangelnder Zuneigung zu seinem Kind, sondern aus Angst
um ihn. Im dunkler werdenden Licht, das von außen durch die schmalen
Fenster hereinströmte, gestaltete die Nacht selbst bizarre Gemälde
an den geraden Wänden. Viel eher gedankenverloren als wirklich bewusst
zog der König eine der großen, geräumigen Schubladen heraus
und erwartete schon eine gähnende Leere, als er mit Überraschung
einen Stapel von Briefpapier darin wiederfand.
Thranduil zögerte. Es gehörte sich nicht, in den
privaten Dokumenten seines Sohnes nachzusehen, andererseits glaubte Thranduil
zu wissen, dass Legolas ihn deswegen nicht verurteilen würde. Wären
es all zu geheime Schriftstücke, so hätte er sie damals mit nach
Ithilien genommen.
Dennoch hielt der König inne, als das weiße Papier
im erwachenden Mondenschein wie pures Marmor schimmerte und verführerisch
wie auch warnend dem Elben begegnete. Eine Vielzahl von einseitig beschriebenen
Blättern, welche einen leichten Hauch von Rosenwasser verströmten,
offenbarten sich ihm. Es waren Liebesbriefe an die ihm weitgehend unbekannte
Geliebte seines Sohnes. Ohne auch nur einen Schriftzug lesen zu müssen,
wurde sich Thranduil dessen bewusst. Hatte Legolas Celendra jemals Briefe
geschrieben? Es war ihm genüge getan, nur eines der vielen Blätter
herauszuziehen und die Worte, geschrieben mit geschwungener, fein säuberlicher
Handschrift, zu lesen.
Thranduils Augen brannten, als er jene Worte las, die Legolas
an Lalaithwen gerichtet hatte, als eine geheime Botschaft für seine
Geliebte.
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Kapitel 17
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