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Sonne über Ithilien

-eine Fanfiction von Stoffpferd

Anmerkungen der Verfasserin:

Disclaimer: Das ist purer Hohn, einen Autoren zu so etwas zu verpflichten. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, dass man kein Geld für den Kram einheimst, da gehört einem der ganze Plunder auch nicht...*seufz*...was soll‘s, Tolkien owns it all...

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~ Zwischenspiel ~

Unter Eiche und Buche
Eryn Lasgalen wurde vom Zwielicht umarmt.

Leise, ganz leise, huschten bronzene Schatten über das dichte Laub der Blätter, malten absonderliche Muster auf die schwarzbraune Erde. Die Luft duftete nach dem weichen Holz der Buchen und dem sanften Aroma der grünenden, reifenden Eicheln. Das kleine Waldflüsschen plätscherte friedlich vor sich hin, durch lichte Stellen der weiten Baumkronen fiel das goldene Abendlicht wie fahler Sternenschimmer durch graue Wolken. Wie flüssiges Gold ergoss sich der Bach über die kleinen, flachen Steine, die ihm untertan waren und bahnte sich seinen Weg tiefer hinein in den Wald.

Eine Schar Rotkehlchen badete ihr zartes Gefieder im flachen Gewässer, ihre kleinen, kurzen Hälse leuchteten im karminroten Farbton, intensiv wie züngelnde, purpurne Flammen. Kein Maler kannte so viele Goldtöne, wie sie an jenem Abend im Grünwald zu erblicken waren, nie hätte jemand diese zarte Komposition aus warmen Farben einfangen können, zumal der Einfall des Sonnenlichts durch das bedächtige Schwingen der alten Äste im Wind stetig verändert wurde und so immer wieder neue Wege fand, die besinnlich schweigsame Natur zu erhellen.

Die Ewigkeit erschien manchmal nicht mehr zu sein als ein Augenblick, den man zubringen durfte inmitten der unantastbaren Schönheit dieses Ortes.

Die dunkelgrüne Tunika schlang sich um seine schlanke Gestalt, streifte leicht die wachsenden Grashalme, die sich der Sonne entgegenstreckten. Auf den ersten Blick hätte man Thranduil, König unter Eiche und Buche, im Schutz des kühlen Schattens eines alten, tief ins Erdreich verwurzelten Ahorns, gar nicht erkennen können, so sehr glich der Farbton seines Gewandes dem des dichten Gebüsches, das ihn umgab.

Hochgewachsen und schön wie er war, stand er einen Moment lang regungslos in den Schatten, ehe er ein paar kurze Schritte nach vorn trat und sein ebenmäßiges, streng erscheinendes Gesicht vom sterbenden Sonnenlicht liebkost wurde. Als ob sie Ehrfurcht vor seiner Anwesenheit hätten, verstummten die lustigen Gesellen, deren Federn mit winzigen Wassertropfen benetzt waren und senkten ihre kleinen Köpfe wie zu einer Verbeugung.

Selbst das fröhliche Getuschel des Bächleins wurde leiser, bis seine Stimme nur noch zu erahnen, nicht mehr wirklich zu hören war. Die Innenseite seiner Tunika war in einen dunkelbraunen Farbton gekleidet, goldene Stickereien bildeten das Wappen Düsterwalds, umrandet von einem Kranz aus runden Blättern. Seine Krone, ein feines, edles Gesteck aus Blütenblättern, trug Thranduil nicht. Auch sein helles, blondes Haar war nicht frisiert, sondern schlang sich glatt und lang von seinem Kopf bis zu seiner Brust herab. Es war zu einem täglichen Ritual geworden, aus den Tiefen des Palastes herauszutreten, wenn sich der glühende Feuerball zur Erde neigte und dem sommergrünen Wald etwas Herbstliches einhauchte. Wie an jedem Abend war der König Grünwalds an die süßlich duftende Abendluft gekommen und schaute immerfort auf den schmalen Pfad, der sich durch die natürlichen Alleen der Laubbäume schlängelte und zum Palast des Königs führte. Thranduil wollte es sich selbst nicht eingestehen, aber in seinem Herzen sehnte er sich herbei, eines Abends Legolas auf seinem Pferd sitzend zu erblicken, wie er auf bekannten Wegen gen Heimat ritt.

Oft blieb Thranduil an Ort und Stelle stehen, bis das letzte Licht des Tages erloschen war und der samtene Umhang der Nacht sich über den Wald gelegt hatte. Und stets stieß er einen traurigen Seufzer aus und kehrte in seinen Palast zurück, wenn seine innigsten Wünsche auf die Rückkehr seines Sohnes zerschmettert worden waren. Doch wie an jedem Abend stand er auch jetzt mit kindlicher Hoffnung im Herzen am niedrigen Bette des Flüsschens und richtete den wachen Blick auf den leeren, einsamen Waldweg. Thranduil schloss die Augen, sog die ungewöhnlich warme, klare Luft ein. Er liebte den Sommer in Eryn Lasgalen, wenn alles Leben in voller Blüte stand und der Glanz der Mondensichel immer ein wenig wärmer erschien als in anderen Jahreszeiten.

Der Sindaelb fühlte kaum die Berührung eines Blattes, das sich im Wechselspiel des Windes vom dichtbewachsenen Geäst des Ahornbaumes gelöst hatte und federleicht auf seine Schulter gesegelt war. Behutsam fasste er den schmalen, hellgrünen Stängel des Blattes und fuhr mit sanften Fingern die gefächerte Form nach. Erst dann öffnete er seine Augen und ein sanftes und zugleich trauriges Lächeln, wie es von keinem der Tawarwaith je zuvor im Gesicht ihres Königs gesehen worden war, ruhte auf seinen Lippen. „Grünblatt“, wisperte er leise und fuhr mit den Fingerkuppen die leichtverzweigten Blattadern nach, „Legolas...“ Thranduil senkte sein stolzes Haupt und erinnerte sich daran, wie an einem Abend wie diesem sein Sohn das Licht der Welt erblickt hatte. Es war im Spätsommer vor fast dreitausend Jahren gewesen, als ihm seine Frau das schönste Geschenk auf der Welt gemacht und Legolas das Leben geschenkt hatte. Wie damals schon seine warmen, tiefblauen Augen sämtliche Ammen im Palast des Königs verzückt hatten und sich die Nachricht von der Geburt des Thronerben wie ein Lauffeuer im Reich verbreitete.

Von dem Moment an, in dem er seinen kleinen Sohn, eingehüllt in wärmende, seidene Decken, in den Armen hielt, war er von aufrichtiger, väterlicher Liebe zu dem kleinen Bündel von einem Elben erfüllt gewesen.

Doch Legolas erhielt seinen Namen nicht sofort nach seiner Geburt, nein, tagelang wurde er nur `das schönste Kind, das je unter dem Blätterdach Eryn Lasgalens geboren wurde´, genannt. Eines Morgens hatte die junge Königsfamilie in den Gärten Grünwalds einen Spaziergang unternommen, wobei die Königin ihren Sohn sicher in den Armen hielt. Sämtliche Diener des Palastes standen in Ehrfurcht und äußerster Verzückung still, sobald sie den Prinzen erblickten, selbst wenn sie eilige Arbeit zu verrichten hatten.

Als sich Thranduil und seine Frau auf eine Parkbank zurückgezogen hatten und das milde Sonnenlicht die runden, rosigen Wangen des Kindes erwärmte, schlief der Prinz friedlich und fest ein. `Wie soll er nun heißen?´, hatte Thranduil seine Geliebte mit gedämpfter Stimme gefragt, um den kleinen Racker nicht zu wecken. Und er erinnerte sich noch genau daran, wie sie lächelte, als die winzige, zarte Hand ihres Sohnes den Zeigefinger ihres Gemahls umschloss, als dieser ihm nur sanft über den kleinen Arm gestreichelt hatte. `Es ist so schwierig, einen Namen für etwas so Schönes zu finden´, hatte sie geflüstert und Thranduil hatte nur lächelnd genickt. In jener Sekunde wurde auf den sanften Schwingen des Windes ein Eichenblatt herbeigetragen und landete auf dem Schoß der Königin, verfehlte den Prinzen nur um Haaresbreite.

Ihre blasse, zierliche Hand hatte das Blättchen ergriffen und wie im Traum entwich der Name „Legolas“ ihrer Kehle. Fortan nannten ihn alle so. Obgleich der Name schlicht in seiner Übersetzung erschien, war dessen weiche Aussprache und schöner Klang einem König würdig. Diese Erinnerung war so plötzlich Thranduil ins Gedächtnis zurückgekommen, dass er voller Wehmut an diesen Tag dachte, an dem sein erster Sohn seinen Namen erhalten hatte. Nie hatte Thranduil Legolas diese Geschichte erzählt, wahrscheinlich, weil ihm der Schmerz über den Verlust seiner geliebten Frau stets zu nah gewesen war und er in den Zügen seines Sohnes die Sanftmut von Legolas‘ Mutter wiedererkannte. Zu viele schmerzliche Erinnerungen wären wiedergekommen, die alten Narben wären wieder aufgerissen worden.

Deutlich hörbar atmete der König unter Eiche und Buche aus, sank langsam nieder, bis er auf der mächtigen Wurzel des Ahorns zum Sitzen kam. Nun hatte er beide verloren – seine Frau und seinen ersten Sohn. Er verbarg sein Antlitz mit der linken Hand und presste unterbewusst mit seiner rechten das Blatt gegen sein Herz.

Er hatte seinen geliebten Sohn verstoßen, weil dieser auf sein Herz gehört hatte und nicht die Frau ehelichte, die er nicht liebte. Hatte Thranduil in seiner Rolle als Vater versagt? War er nicht einmal dessen fähig gewesen, sein Kind zu verstehen, es glücklich zu machen? Ein lange unterdrückter Schluchzer drang aus seinem Mund hervor, verriet die Verzweiflung des Königs. Mit dem Rücken lehnte er an dem Stamm des Baumes und konnte nicht länger verhindern, dass die über Jahre hinweg angestauten, golden im Sonnenlicht schimmernden Tränen ihren Weg bahnten und selbst seine Hand konnte sie nicht auffangen.

Haltlos fielen sie über seine Wangen, glitten über seine Lippen, landeten auf seinem Gewand und hinterließen kleine, feuchte Punkte, als wäre der König im sanften Nieselregen spazieren gegangen. Im Herzen des Königs klaffte eine große Lücke, die niemand von seiner verzweifelten Dienerschaft zu schließen wusste. Seit der Prinz und dessen jüngerer Bruder von der Heimat weggezogen waren, sah man den König nicht mehr lachen, ja nicht einmal ein heiterer Ausdruck lag mehr in seinem schönen Antlitz.

Nicht einmal der Anblick der kostbaren Juwelen, die er in die hohen Wände seines Palastes einbauen lassen hatte, konnte ihn mehr erfreuen. Er dachte daran, wie Legolas, als er noch ein kleiner Junge gewesen war, manchmal stundenlang unter den verzierten Rundbögen des Palastes stand und sich die glitzernden Schmucksteine in seinen Augen widergespiegelten. Auf die Anfrage, was sein Sohn denn da machte, hatte er keck erwidert: `Vater, sagtest du nicht immer, Zwerge wären gierig und horteten ihre Juwelen in ihren unterirdischen Bauten?´ Thranduil wusste noch, wie er ganz überrascht von dieser Antwort genickt hatte und Legolas ihn lange von Kopf bis Fuß musterte und schlussendlich sprach: `Du bist aber gar kein Zwerg, Ada´. Mit solchen Feststellungen hatte er ihn immer wieder zum Lachen gebracht, obwohl der König gut wusste, dass hin und wieder ein wenig Kritik in den Reden seines Sohnes mitschwang.

Von Gold zu Kupfer wandelten sich die Schatten, kleine Wolkenfetzen schmückten den Himmel, als wollten sie verhindern, dass nur er, bloß und trist wie er oft erschien, vom König gewürdigt und angesehen wurde.

Aber Thranduil schaute nicht auf. Ihn interessierte es nicht, ob der Himmel klar oder gar von schwarzen, sich wie Giganten auftürmenden Wolkenmassen bedeckt war. Fast alles war ihm gleichgültig geworden, als ihn der größte Schatz, den er je zu besitzen geglaubt hatte, verlassen hatte. Das blonde Haar Thranduils regte sich leicht, als ein zarter Lufthauch, der es noch nicht einmal vermochte, die dunkelgrünen Grashalme zu biegen, die den weichen Erdboden bedeckten, darüber strich.

Tiefer im Dickicht des Waldes vernahm der König den leisen Gesang einer Nachtigall. Ihre Stimme klang schwach und traurig. Thranduil wusste nicht, wie weit sie von ihm entfernt auf einem einsamen Ast saß und ihr allabendliches, melancholisches Lied sang. Vielleicht war sie fern und nur seinem guten Gehör war es zu verdanken, dass er das Klagelied überhaupt hören konnte. Oder sie saß im Schutze eines schwarzen Blätterdachs und konnte den König von dort aus beobachten. Es mochte gar sein, dass sie ihr Lied eigens ihm widmete.


Erinnerungen taten weh.
Aber wenn man die Kraft gefunden hatte, den Schmerz zu überwinden, vermochte man möglicherweise zu lächeln, wenn das Vergangene im Gedächtnis wieder auflebte.

Thranduil konnte noch nicht lächeln. Was das Menschengeschlecht in wenigen Jahren verkraftete, erstreckte sich im Leben eines Elben über eine halbe Ewigkeit. Der König schüttelte das edle Haupt und seufzte zu sich selbst: „Ich klage um meinen Sohn, als wäre er tot...dabei war ich nur zu eitel und zu stolz, um ihm zu verzeihen“ Er öffnete die Augen, ungebremst wanderten nun die kristallen schimmernden Tränen über die Wangen, Thranduil mühte sich nun nicht mehr, sie zurückzuhalten. Von fernher konnte er das dumpfe Hufgetrappel auf dem weichen Waldboden vernehmen. Obwohl Frieden herrschte, hatte die königliche Garde ihre alte Gewohnheit nicht abgelegt, in den schattigen Hainen nach dem Rechten zu sehen und jede kleinste Veränderung misstrauisch wahrzunehmen.

Thranduil schaute an sich herab. Wie jugendlich und stark doch seine Gestalt erschien. Innerlich jedoch fühlte Legolas‘ Vater die drückende Last des Alters, ahnte, dass es an der Zeit war, Abschied zu nehmen und den Menschen diesen Ort zu überlassen.

Der stolze Elb biss sich auf die Lippen, die nur langsam trocknenden Tränen sahen auf seinem ebenmäßigen Gesicht wie Tautropfen aus, die auf einer Statue darauf warteten, vom gierigen Sonnenlicht verzehrt zu werden. Er hatte gehofft, eher gehen zu dürfen. Nicht mehr als König des Grünwalds, aber als glücklicher, ehrenwerter Herrscher, an dessen Errungenschaften sich die Nachwelt noch lange erinnerte. Legolas hatte seinen Platz einnehmen sollen, auf dem Thron. Er wäre den Tawarwaith ein guter König gewesen und hätte der Ära des Fürstenhauses ein würdiges Ende gesetzt.

Er, Legolas, sollte unlängst den Ring am Finger tragen, den Thranduil selbst von seinem Vater Oropher zu seiner Hochzeit und dem gleichzeitigen Regierungsantritt erhalten hatte. Der Elb zog den kostbaren Ring vom Finger und hielt ihn zwischen Zeigefinger und Daumen dem rotglühenden Licht des untergehenden Feuerballs entgegen. Aus Silber wurde Gold, wenn auch nur zur Täuschung oberflächlicher Blicke. Die feine Gravur aus Quenya – Schriftzeichen glomm kurzzeitig auf, nur um sogleich wieder wie eine schwache Flamme zu erlöschen. Auf der Außenseite des Schmuckstückes waren Blätter aus echtem, reinen Silber gefertigt worden, die einander leicht umschlangen und bedeckten und schließlich durch einen dunkelgrün schimmernden Smaragd den Höhepunkt ihrer Kunstfertigkeit erreichten.

Thranduils Finger schlossen sich um den Ring, verwahrten ihn sicher in der Hand des Elbenkönigs. Traurig würde die Herrschaft seines Geschlechts im Nördlichen Grünwald zu Ende gehen. Seufzend erhob er sich und strich sich die kleinen Blätter und Krumen dunkler Erde vom edlen Stoff seines Gewandes. Es nützte nichts, Dingen hinterher zu trauern, die ohnehin nicht mehr rückgängig zu machen waren. Aber war wirklich alles verloren, was zwischen ihm und seinen Sohn gewesen war? Nur weil er, Thranduil, Herrscher des Waldlandreiches, dem Prinzen verbieten wollte, mit jener zusammen zu sein, die er liebte? Hätte er nicht genauso ungestüm und rebellisch gehandelt wie Legolas, wenn es einen solchen Konflikt zwischen seiner Frau und Oropher gegeben hätte? Dabei hatte er ihr nicht einmal den Hauch einer Chance gelassen, sich ihm als würdig für seinen Sohn zu erweisen.

Bitter war der Geschmack von Reue. Und er klebte für gewöhnlich lange am Gaumen.

Nicht ein einziges Mal hatte Thranduil seinen Sohn in Ithilien besucht. Wenn er denn wirklich dort war. Er konnte sich gut vorstellen, dass Legolas sämtliche versteckte Winkel Mittelerdes durchforstete, um seine Geliebte wiederzufinden. Wenn Eru ihm gnädig gewesen war, hatte er sie möglicherweise wieder gefunden. Wie schön es gewesen wäre, wenn Legolas ihm Enkelkinder geschenkt hätte...aber Thranduil schüttelte mit dem Kopf. Es half nichts, Tagträumen hinterher zu jagen, vor allen Dingen nicht, wenn sie so weh taten wie dieser. Nicht selten hatte er mit dem Gedanken gespielt, gen Ithilien aufzubrechen und seinen Sohn wiederzusehen. Aber immer wieder hatte er sein Vorhaben aufgegeben. Wie sah es denn aus, wenn der Vater, zuerst sein Kind verfluchend, Jahre später mit reuevoll gesenktem Haupt in dessen Leben eindrang? Nein, Legolas führte unlängst ein selbstständiges Dasein, frei von streng königlichen Pflichten und elterlicher Bevormundung.

Immer schon hatte es der Prinz vermocht, sich gegen den Willen seines Vaters zu behaupten. Schon als Legolas kaum zweiundzwanzig Jahre alt war – noch ein Sprössling unter den Elben, den es noch großzuziehen galt – hatte der junge Elb so lange seinem Vater mit Gejammer und Gebettel in den Ohren gelegen, bis dieser nur widerwillig sein Einverständnis dafür gab, dass Legolas auf seine erste Jagd gehen durfte. Und prompt kehrte der kleine Legolas mit aufgeschlagenem Knie und wunden Fingern in den Abendstunden in den Palast zurück. Seine kleinen, zarten Finger waren noch viel zu schmächtig gewesen, als dass er mit einem Bogen hätte umgehen können wie seine Begleiter, die Leibwächter des Königs. Die Bogensehne hatte sich tief in sein zartes Fleisch geschnitten und schmerzende, rote Striemen hinterlassen.

Doch nie hatte Legolas ein Wort der Klage gesprochen, im Gegenteil – seine Misserfolge trieben ihn förmlich an, härter an sich zu arbeiten. Ja, er war beinahe enttäuscht, wenn er keine neuen Erfahrungen bei kleineren Ausflügen machen konnte. All das hatte ihn nun zu einem der besten Bogenschützen Eryn Lasgalens gemacht.

Aber auch ansonsten unterschied sich Legolas in seinen Ansichten mit dessen Vater. Während Thranduil einen ewigen Groll gegen Zwerge hegte, was nicht zuletzt an den Vorkommnissen vor dem Ringkrieg lag, hatte Legolas es sogar gewagt, eine Freundschaft mit einem Zwergen einzugehen. Viele Geschichten hatte er ihm erzählt, wie er sich mit Gimli einem Trinkwettbewerb gestellt hatte, wie der Zwerg es einmal vollbracht hatte, den Elben bei Helm‘s Klamm in der Anzahl erlegter Gegner zu übertrumpfen und nicht zuletzt, wie die Augen des Zwerges geleuchtet hatten, als Galadriel ihm drei ihrer güldenen Haare schenkte.

Legolas wusste Grenzen zu durchbrechen und nicht selten hatte er so seinen Vater dazu gebracht, des öfteren über sich selbst nachzudenken und den ein oder anderen Gedanken zu hegen, die eigene Meinung zu ändern. Diese Gabe hatte Legolas von seiner Mutter geerbt, die vor vielen Jahren gestorben war, weil sie die schwer auf ihrem Herzen lastende Trauer über den fortschreitenden Zerfall der Welt nicht länger ertragen konnte. Seither hatte er ein Auge auf Legolas geworfen, wollte nicht zulassen, dass auch ihm etwas zustieß. Thíluil und Viriel, seine jüngeren Geschwister, sahen immer das, was wirklich in der Seele ihres Bruders vor sich ging, dessen war sich Thranduil nun sicher.

Stets besorgt, ihm könne etwas geschehen, vermied er es, Legolas bedeutsamen Aufgaben zu unterziehen, welche die Gefahr herausforderten. Dass sich der unbändige Elb davon aber wenig aufhalten ließ, hatte eigentlich von Beginn an auf der Hand gelegen.

Mit einem traurigen Lächeln gedachte Thranduil dem Tag, an dem Legolas nach Imladris aufgebrochen war, um dem Rate Elronds die Nachricht von Gollums Flucht zu überbringen. Der König hätte damals wissen müssen, dass es seinem Sohn nicht genüge damit getan sein würde, eine einfache Botschaft mündlich zu überliefern. Der Elb hatte tief in seiner Seele noch am Tage von Legolas‘ damaligem Aufbruch damit gerechnet, dass sein Sohn so schnell nicht wieder nach Hause zurückkehren würde. Und dem geschah so. Als Held kehrte er in seine Heimat zurück und nie war sich Thranduil sicherer gewesen, dass Legolas sein ebenbürtiger Nachfolger werden würde, als an jenem Tag.

Die Nachtigall schwieg, als sich die Dämmerung dem warmen Dunkel der Sommernacht hingab und nur fern am Horizont ein schmaler Lichtstreif zu erkennen war. Der letzte Zeuge eines weiteren Tages, den der König unter Eiche und Buche in Einsamkeit und Herzensleere verbracht hatte, versank im Meer aus düsterem Indigo und dem hellerleuchteten Gestirnen am Himmel. Und auch der Pfad, auf dem Thranduil erhofft hatte, Legolas zu sehen, blieb verlassen und still.

Erneut stieß er einen tiefen, langen Seufzer aus und kehrte dem erwachenden Dunkel den Rücken. Er war wirklich ein Narr, wenn er wahrhaft glaubte, seinen Sohn nach so vielen Jahren wiederzusehen. Thranduil wusste schon nicht mehr, an wem es von ihnen beiden nun war, zu verzeihen.

Langsamen Schrittes, fast ängstlich, seinen doch heimkehrenden Sohn nicht mehr empfangen zu können, wenn er zu schnell ginge, schritt der König Grünwalds zurück zu dem verborgenen Eingang des unterirdischen Palastes. Mit stummen Verbeugungen erwiesen ihm die Wachen jene Ehrerbietung, die ein König verdiente. Ohne jegliche Erwiderung betrat Thranduil leise die große Halle, in der sämtliche Gäste der Königsfamilie empfangen wurden. Jahrelang schon drohte sie an der Stille zu zerbersten, die in ihr herrschte. Der Banner Eryn Lasgalens hing ausgebreitet an der steinernen Wand, doch blass erschienen seine Farben, als das letzte Licht des Tages verlosch und die Empfangshalle in leise Schatten hüllte. Die Zeit des Grünwalds war vorüber, ebenso wie die Regentschaft seines Königs. Dies wurde Thranduil so plötzlich bewusst, dass sein Herz von einer tiefen Trauer erfüllt wurde und er sich mit der Hand an der kühlen Felswand abstützen musste, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

„Ada, geht es dir gut? Was hast du?“, hörte Thranduil den hellen Klang der Stimme seiner Tochter Viriel, welche soeben aus ihrem Gemach hinunter in die Halle getreten war und mit Entsetzen in ihren schönen Zügen den an der Wand lehnenden Vater erblickt hatte. Das perlmuttfarbene Kleid raschelte, als sie eiligst zu ihm lief, mit den Händen das Kleid raffend, um noch schneller zu Thranduil zu gelangen. Ihr seidenes, blondes Haar, welches einen dunkleren Schimmer hatte als das ihres älteren Bruders Legolas und leicht gelockt war, fiel in langen Strähnen über ihre Schultern, die Kette, welche ihren schlanken Hals schmückte, rutschte durch ihren schnellen Lauf zur Seite. Sacht fasste sie ihren Vater am Arm, stützte ihn so gut es ging, weil sie befürchtete, er könne in jedem Moment zusammenbrechen. „Es ist alles in Ordnung, Viriel, wirklich. Ich fühle mich nur...ein wenig müde“

Ihre blau-grünen Augen musterten ihn eindringlich und ungläubig. So klang es fast wie ein Seufzer als sie sagte: „So fühlst du dich schon dreißig Jahre lang, Ada. Warum tust du dir nur selbst so weh?“ Überrascht blinzelte er seine schöne Tochter an. Sie war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. „Wie meinst du das?“, hauchte er und löste sich aus ihrem Griff. „Seit Legolas weg ist, gehst du an jedem Abend mit der trügerischen Hoffnung nach draußen, dass er zurückkommt...er wird nicht zurückkommen...versteh das doch“, sie hörte sich wütend und traurig zugleich an. Thranduil besann sich ihrer Worte und nickte schwach, jegliche Farbe schien endgültig aus seinem Gesicht gewichen zu sein.

„Ich möchte meinen Bruder dafür hassen, dass er dich als seinen Vater so verraten hat...dir solch ein Leid bereitet...aber ich vermisse ihn selbst viel zu sehr, als dass ich mir wünschen könnte, ihn nie wieder zu sehen“, Thranduil sah, dass sein Kind verzweifelt versuchte, gegen Tränen anzukämpfen. Dreißig Jahre lang war er viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, als dass er den Schmerz seiner Tochter hätte bemerken können. Wortlos nahm er sie in die Arme, streichelte liebevoll über ihren Schopf, bis sie es aufgab, die Tränen zurückzuhalten und ihrem Kummer freien Lauf ließ. Er war ein schlechter Vater. Seit seine geliebte Frau von ihm gegangen war, lief alles aus dem Ruder. Weder vermochte er es, seine Kinder zu behüten und ihnen die Liebe zu geben, die sie so dringend benötigten, noch fühlte er sich in der Lage, gerecht und mit wachem Auge zu regieren. Alles starb, weil er selbst in seinem tiefsten Inneren zu schwinden begann.

Viriel schluchzte an seiner Schulter, flüsterte mit zitternder Stimme: „Warum, Ada? Warum musste uns das alles zustoßen?“

„Es tut mir so leid, Viriel“, flüsterte er in ihr Haar und umarmte sie fester. Ihm wurde mit einem Male bewusst, wie erwachsen seine Tochter doch schon geworden war und der Gedanke zehrte an seinem Gewissen, ihr nicht in dieser schwierigen Phase ihres Lebens geholfen zu haben. Wie eine Waise musste sie sich gefühlt haben, obgleich ihr Vater doch stets bei ihr war. Und gleichzeitig war er es auch nicht. In seinen Armen wurde sie ruhiger und bald hörte sie auch auf, zu weinen.

Ihre Amme stand an der versilberten Treppe zu den königlichen Gemächern, ihre Hand ruhte auf dem Geländer, als sie mit sorgenvoller Miene zu Vater und Tochter hinüberschaute. Jahrelang hatte sie mit Widerwillen die Entfernung Thranduils zu seinen Kindern mit angesehen und sie begegnete dem König stets mit Unverständnis – wenn die Frau, die er über alles liebte, aus seinem Leben geschieden war, wie konnte er jene vernachlässigen, die sie ihm einst geschenkt hatte? Thranduils Blick traf jenen der Amme und sie schüttelte nur traurig mit dem Kopf, wand sich wieder um und erklomm geschwinden Schrittes die schmalen Stufen der Treppe.

Thranduil schloss die Augen. Warum nur war er nicht mehr in der Lage, zu lieben? „Verzeih, Ada, ich verlor die Kontrolle über mich“, entschuldigte sich Viriel leise und tupfte die letzten Tränen mit den Ärmeln ihres Kleides von ihrem Gesicht. „Lass uns zu Abend essen – das Mahl ist sicherlich schon angerichtet und du weißt ja, wie böse Dwiore wird, wenn man seine Meisterwerke der Kochkunst nicht zu würdigen weiß!“, ein nervöses Lächeln stahl sich auf ihre kirschroten Lippen, ehe sie sich eiligst umwandte und dem langen, hell von Kerzenlicht erleuchteten Gang zum Esszimmer folgte. Wie ähnlich sie doch ihren Geschwistern war. Stets wollten seine Kinder von ihren Sorgen ablenken, allein, damit er nicht unter seinen Schuldgefühlen zu leiden hatte. Thranduil wusste, dass sich seine Kinder so zu Grunde richteten. Niemand, insbesondere kein Elb, so glaubte der König zu wissen, konnte ein Leben führen, wenn der Gram ihn innerlich zu Grunde richtete. Aber Thranduil kannte Daelior nicht... .

Der König verweilte einen langen Augenblick in der Empfangshalle, lauschte dem leisen Klirren von Geschirr, das mitsamt köstlicher Gaumenfreuden serviert wurde. Keine Speise, und mochte sie noch so gut zubereitet sein, kein Getränk, ganz gleich ob es noch so berauschend war, und kein festliches Lied, das selbst von den schönsten Stimmen gesungen wurde würde Thranduils weinendes Herz je wieder besänftigen können.

Nicht zuletzt deswegen folgte er seiner Tochter nicht in den Speisesaal. Ohne dass seine Schritte auf den marmornen Fliesen widerhallten, durchquerte der König unter Eiche und Buche die Halle und erstieg die Treppenstufen zu seinem Schlafgemach. Ehe er jedoch den Korridor entlang schreiten konnte, streifte sein Blick die große, verzierte Tür zu Legolas‘ Gemach, die aus Eichenholz gefertigt worden war. Seit seine Söhne nach Ithilien gezogen waren, hatte er diesen Raum nicht mehr betreten und jedem hatte er es verboten, je einen Fuß in den Raum zu setzen, als sei dies ein verwunschener Ort. Und so zögerte er auch nun, als seine feingliedrige Hand auf der Türklinke ruhte. Sein Herz schlug schneller, ließ sein Blut wie flüssiges Feuer durch seine Venen pochen. War es etwa Angst, die er fühlte? Bei diesem Gedanken zuckte ein schiefes Lächeln an seinen Mundwinkeln. Es war sogar panische Angst, die er verspürte, die ihn beinahe ohnmächtig werden ließ. Was, fürchtete er, könne ihm zustoßen, wenn er den geringen Kraftaufwand wagte, um die lang verschlossen gebliebene Tür zu Legolas‘ Gemach aufzustoßen?

Die Leere war es. Die Leere, die in seinem Herzen herrschte, ahnte er entgegenzutreten, wenn er das Zimmer seines Sohnes betrat. Er fürchtete sich davor, dieser kalten Resignation zu begegnen, die Endgültigkeit vom Verlust seines Sohnes verkraften zu müssen.

Und er wollte die Hand schon zurückziehen, als er bemerkte, dass er die Klinke unlängst hinuntergedrückt und die Tür einen Spalt weit geöffnet hatte. Der frische Luftzug, der durch den Spalt hervorströmte, verursachte eine Gänsehaut auf den Armen des Königs. Fast geisterhaft erschien der schmale Lichtstreif, der auf den dunklen Korridor geworfen wurde. Thranduil stieß laut seinen Atem aus, bemerkte erst jetzt, dass er die Luft angehalten hatte, seit er vor dem Zimmer stand. Es war lächerlich, ja geradezu albern, wie er sich benahm. Der König Grünwalds, der furchtlos in zahllose Schlachten gezogen war, erschrak nun vor der Vergangenheit. Wie viel Zeit verrann, als er regungslos und zögernd vor Legolas‘ Tür stand, vermochte Thranduil nachher nicht mehr zu sagen. Letztendlich fasste sich der Elb doch ein Herz und streckte die Hand aus, fuhr verträumt die Konturen der feinen Schnitzereien nach, die den Palast Eryn Lasgalens wiedergaben, umgeben von einem Ring aus Blättern. Ein weiteres Mal holte er tief Luft und streckte dann seinen Arm gänzlich aus, schob die Tür ganz auf. Fast augenblicklich fühlte Thranduil, wie sich seine Seele aus der festen, grausigen Umklammerung der Angst loslöste, als er altbekannte Möbelstücke wiedererkannte, die in seiner Erinnerung bereits zu verblassen drohten.

Linkerhand stand Legolas‘ Bett, ein weiches, einem König gebührendes Nachtlager aus seidenen, elfenbeinfarbenen Kissen und mehreren wärmenden Decken. Es war ordentlich hergerichtet worden, fast schien es so, als wartete es nur darauf, dass sich Legolas wieder darauf niederließ, um seinem friedlichen Schlaf zu frönen.

Thranduil trat vorsichtig an das Bett, fuhr mit seiner Hand über die weiche Daunendecke, schob das ein oder andere Blatt, das vom frischen Nachtwind in das Gemach geblasen worden war, vom Polster und ließ sich vorsichtig darauf nieder. Er schmunzelte, als seine Finger flüchtig über die vielen Kissen strichen. Legolas hatte es schon als kleiner Junge gehasst, sein Bett morgens herzurichten. Deswegen hatte er immer große Aufstände gemacht und sich vehement geweigert, sein Nachtlager wieder in den ordentlichen Ausgangszustand zurückzubringen. `Wenn ich mich wieder hineinlege, sieht es doch genauso aus...weshalb sollte ich dann Tag für Tag alles zusammenlegen?´, so und ähnlich hatte er wieder und wieder argumentiert, bis Thranduil es aufgegeben hatte, seinen naseweisen, kleinen Sohn zu dieser Arbeit zu zwingen.

Und oft hatte er so wie in jenem Moment an Legolas‘ Bett gesessen und ihm Geschichten erzählt, ja manchmal sogar Lieder vorgesungen, bis der kleine Prinz tief und fest eingeschlummert war. Thranduil wusste noch genau, wie er dann immer die große, kuschelige Decke über den kleinen, zierlichen Leib seines Sohnes gelegt hatte, ihm einen sanften Kuss auf die Wange gab, ihm eine gute Nacht und süße Träume wünschte und ihn letzten Endes in seinem Gemach allein ließ. Viel zu schnell, so erschien es nun dem König, war Legolas erwachsen geworden. Viel zu selten hatte er seinen geliebten Sohn im Laufe der Jahre aus tiefstem Herzen lachen gesehen.


Auf dem kleinen Nachttischchen, das neben dem Bett lag, stand noch immer die Vase, gefüllt mit Rosen. Am Tage von Legolas‘ Abschied hatten die Blumen in voller Blüte gestanden und den ganzen Raum mit ihrem betörenden Duft erfüllt. Nun waren sie verdorrt und glanzlos. Thranduil zog ein Tuch aus seiner Westentasche hervor und wickelte die toten Rosen behutsam darin ein. Eigentlich hatten die Blütenblätter das Bett in der Hochzeitsnacht von Legolas und Celendra schmücken sollen.

Der alte Zorn stieg in Thranduil auf. Celendra war immer wie eine Tochter für ihn gewesen und dass Legolas ihr das Herz gebrochen hatte, weswegen sie schon vor Jahren mit ihrer Familie in den Westen gezogen war, warf er seinem Sohn noch immer vor. Was war so besonders an dieser Lalaithwen, dass Legolas einer Eheschließung mit Celendra entsagt hatte? Hätte Thranduil mit seinem Sohn vernünftig darüber gesprochen, so hätte er nun selbst eine Antwort auf die Frage gewusst.

Der König erhob sich seufzend, trat zu dem Sekretär aus schwerem, dunklen Kirschbaumholz, an dem Legolas verschiedene Schreibarbeiten zu verrichten gepflegt hatte. Wie er stundenlang mit seiner Mutter an dem großen Pult saß und mit nahender Verzweiflung Schriftzeichen in Sindarin geübt hatte.

Viel lieber hatte es sein Sohn gemocht, zu malen, die paradiesische Umgebung, in der er aufwuchs, in einem Bild festzuhalten, als fürchtete er, dass die Schönheit dieser Welt eines Tages vergehen würde. Als der Prinz noch jünger war, hatte er an die getäfelten Wände seines Gemaches unzählige Malereien befestigt, die im Laufe der Jahre verschwanden wie Phantome aus einem Traum. Streng war Thranduils Erziehung gewesen. Nicht wegen mangelnder Zuneigung zu seinem Kind, sondern aus Angst um ihn. Im dunkler werdenden Licht, das von außen durch die schmalen Fenster hereinströmte, gestaltete die Nacht selbst bizarre Gemälde an den geraden Wänden. Viel eher gedankenverloren als wirklich bewusst zog der König eine der großen, geräumigen Schubladen heraus und erwartete schon eine gähnende Leere, als er mit Überraschung einen Stapel von Briefpapier darin wiederfand.

Thranduil zögerte. Es gehörte sich nicht, in den privaten Dokumenten seines Sohnes nachzusehen, andererseits glaubte Thranduil zu wissen, dass Legolas ihn deswegen nicht verurteilen würde. Wären es all zu geheime Schriftstücke, so hätte er sie damals mit nach Ithilien genommen.

Dennoch hielt der König inne, als das weiße Papier im erwachenden Mondenschein wie pures Marmor schimmerte und verführerisch wie auch warnend dem Elben begegnete. Eine Vielzahl von einseitig beschriebenen Blättern, welche einen leichten Hauch von Rosenwasser verströmten, offenbarten sich ihm. Es waren Liebesbriefe an die ihm weitgehend unbekannte Geliebte seines Sohnes. Ohne auch nur einen Schriftzug lesen zu müssen, wurde sich Thranduil dessen bewusst. Hatte Legolas Celendra jemals Briefe geschrieben? Es war ihm genüge getan, nur eines der vielen Blätter herauszuziehen und die Worte, geschrieben mit geschwungener, fein säuberlicher Handschrift, zu lesen.

Thranduils Augen brannten, als er jene Worte las, die Legolas an Lalaithwen gerichtet hatte, als eine geheime Botschaft für seine Geliebte.


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Kapitel 17


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