Kapitel 25:
Hahnenkämpfe
Es war Nacht im Grünwald. Das seichte Rauschen des Laubwerks von Eichen
und Buchen, aber auch Birken und Ahornbäumen vermengte sich mit dem
steten Ruf der Nachtigall. Dunkles Orange warf bronzene Schatten in den
Thronsaal, als wenige Kerzen entzündet worden waren, um den Raum ein
wenig zu erhellen. Wie ein geheimes Feuer glomm das Licht auf, hinterließ
in dem unterirdisch gelegenen Saal eine behagliche Atmosphäre, die
auf jeden beruhigend und befreiend gewirkt hätte. Jedoch nicht auf
Haldir. Thranduil hatte Ifideè darum gebeten, ihn mit Haldir allein
zu lassen, doch hätte der lorische Elb den Beistand seines Freundes
dringend nötig gehabt. Thranduil sagte nichts und das tödliche
Schweigen brachte Haldir beinahe um den Verstand. Noch immer kniete er nieder,
wartete auf die Aufforderung des Königs, sich zu erheben. Doch weder
regte sich die hochgewachsene, ehrenhafte Gestalt vor seinen Augen, noch
wurde ein simples Wort gesprochen.
Thranduils Gesichtszüge, ebenmäßig und jugendlich,
verrieten nichts von seiner inneren Regung, von den aberhunderten Gedanken,
die seinen Kopf wie ein tosender, unbezähmbarer Herbststurm durchzogen.
Legolas erbat seine Hilfe? Jetzt, nach all den langen Jahren? Wo er den
Kontakt zu seinem eigenen Vater für über dreißig Jahre abgebrochen
hatte? Nie hatte sich der Elbenkönig so gefühlt, wie in jenen
entscheidenden Sekunden – Zorn, Furcht und äußerste Freude
überfielen sein Gemüt so heftig, dass sich Thranduil auf keine
Empfindung einigen konnte. Sein Sohn brauchte ihn. Und obgleich ihn diese
Tatsache mit einer gewissen Art von väterlicher Liebe und Zuneigung
erfüllte, so verärgerte es ihn gleichzeitig und griff seinen Stolz
an, dass Legolas es nicht für nötig gehalten hatte, nach so langer
Zeit selbst an den heimatlichen Hof zu reisen.
„Weswegen sollte mich mein Sohn noch brauchen?",
fragte er in flüsterndem Ton, so dass sich Haldir dessen nicht sicher
war, ob die Frage wirklich an ihn gestellt worden war, oder Thranduil nur
zu sich selbst gesprochen hatte. „Es ist nicht nur Euer Sohn, mein
Herr, auch der Hohe König von Gondor erbittet Euren Beistand"
Legolas' Vater schien in sich zusammenzusinken, jegliche Spannung war aus
seinen Schultern gewichen, schlaff und kraftlos hingen sie herab wie die
gebrochenen Flügel eines einstmals so stolzen Adlers. Haldir wagte
kaum zu atmen bei dem Anblick des Königs. Er trug weder seine Krone
aus edlem Blütengeflecht, noch barg seine Ausstrahlung etwas von der
überlegenen Macht und der Strenge, wie er es aus früheren Zeiten
her kannte. Hatte Haldir bisher stets Legolas sein Mitgefühl des Zwiespalts
zu seinem Vater wegen ausgesprochen, so wurde dem Elben jetzt erst wahrlich
bewusst, wie der Verlust seines ältesten Sohnes an Thranduils Persönlichkeit
nagte. Wie ein verbitterter, gekränkter Mann wirkte er auf Haldir,
kaum noch königlich. Er war alt geworden.
Nicht von seinem Äußeren her, versteht sich, aber
innerlich starb der König Eryn Lasgalens und verblasste und dies erfüllte
Haldir mit einer tiefen Traurigkeit.
„Ich möchte aufrichtig Euch gegenüber sein,
Haldir, denn Ihr ließet die gleiche Ehrlichkeit mir zu Teil werden",
Haldir hielt den Atem an aus Furcht vor dem, was folgen würde, „Ich
gedenke nicht mehr lange an diesem Ort zu verweilen. Der Hain, den ich so
lang behütet habe, verwildert nach und nach, ganz gleich, wie stark
das Bemühen meines Volkes auch sein mag. Ich werde mit meiner Tochter
in den Westen ziehen"
„Und Euren Sohn lasst Ihr einfach so im Stich?",
voller Entrüstung entflohen die Worte seinem Mund, ohne dass Haldir
richtig hatte nachdenken können, wie respektlos seine Rede erklingen
musste. Grünwalds König wand sich mit wütend funkelndem Blick
zu dem Galadhrim um, so dass sein langer, dunkelbrauner, fast schwarzer
Mantel, in welchen goldene Stickereien eingearbeitet waren, richtungslos
um seine schlanke Figur wogte. „Ich bin nicht derjenige gewesen, der
sich vor seiner Verantwortung davon gestohlen hat. Wagt es nicht, mir vorzuwerfen,
er würde mir gleichgültig sein, aber Legolas hat mir bereits mehrmals
bewiesen, dass er alt genug ist, um sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Wenn er meiner Hilfe so sehr bedurfte, warum ist er nicht selbst hier erschienen?
Warum ist er so feige und tritt mir nicht persönlich unter die Augen?",
in Thranduils blauen Augen flammte eine Emotionalität auf, die Haldir
noch nie zuvor zu sehen geglaubt hatte. „Weil er noch nicht weiß,
dass er Eure Hilfe benötigt", versuchte Haldir zaghaft zu erklären,
begegnete damit allerdings nur dem wachsenden Unverständnis des elbischen
Herrschers.
„Ihr sagtet, er hätte um Beistand gebeten",
zischte Thranduil nun ungeduldig, seine sonst so ruhige Miene war wie eine
Maske von seinem Antlitz gewichen und entblößte nun seine wahren
Gefühle. Haldir zwang sich, sich vom Übermut des Königs nicht
übermannen zu lassen und ruhig zu bleiben. Langsam schüttelte
er den Kopf und erhob sich endlich aus seiner knienden Position, bevor er
sagte: „Ich sagte, er bräuchte Eure Hilfe, nicht, dass er sie
angefordert hätte." Sacht zog er das Buch aus dem Beutel, den
er vorsorglich in seinem Mantel verstaut hatte, ging in kleinen Schritten
auf Thranduil zu und verbeugte sich vor ihm, ehe er ihm das Schriftstück
entgegenstreckte.
„Im Grunde schickt mich Königin Arwen von Gondor",
begann er dann leise, fast schien er ängstlich zu sein, das Thema Enkelkind
anzuschneiden, doch wusste Haldir, dass es unausweichlich war, auf die Kinder
und insbesondere Filegon zu sprechen zu kommen.
Legolas' Vater erwiderte zunächst nichts, starrte nur
wortlos auf den dicken Einband des Buches, den er in seinen geschickten
Händen hielt. „Ich habe keine Zeit für derartige Kindereien,
Haldir...Ihr verschwendet meine Zeit", der Elb wollte Haldir das Buch
zurückgeben, doch dieser gab sich widerspenstig. „Meint Ihr,
dass Euer Sohn auch Zeitverschwendung ist?", der lorische Hauptmann
wusste, dass er sich mit seiner gewagten Aussage auf gefährliches Glatteis
begab, aber um den Starrsinn von Legolas' Vater zu brechen, musste er jedes
Risiko eines verbalen Fehltritts eingehen. So schnell würde er sich
nicht geschlagen geben, allein um Legolas' Willen. „Zügelt Eure
Zunge, Haldir, ich warne Euch!", knurrte Thranduil erzürnt, weniger
über den Sinngehalt der Worte des Elben, sondern vielmehr darüber,
dass dieser Recht zu haben schien. Seines Stolzes wegen wich er wieder einer
Annäherung zu seinem Sohn aus.
Haldir hielt es für besser, zunächst Ruhe zu bewahren,
die Gefechtsstellung jedoch beizubehalten. „Was soll in einem Buch
geschrieben stehen, was eine Gefahr für meinen Sohn darstellen könnte?"
Haldir triumphierte innerlich, denn er hatte einen ersten
Erfolg errungen im Kampf gegen den unüberwindbaren Stolz des Königs.
„Es erfolgt einer längeren Erklärung, mein König."
Thranduil hob den Blick, seine blauen Augen trugen einen leichten Glanz,
in ihnen wurden die goldenen Lichter der Kerzen widergespiegelt. „Ich
höre", sprach Thranduil, sich auf seinem Thron niederlassend und
Haldir deutend, sich auf einen der samtenen Polster zu setzen, welche in
schmalen Streifen zu beiden Seiten des Thrones aufgestellt worden waren
und alleengleich ordentliche Reihen bildeten. „Der Sohn des Königs
hat sich mit...einigen Gefährten...auf eine waghalsige Reise begeben...in
die Gegend von Rhûn", begann Haldir noch recht unschlüssig
und Thranduil hob die schmale Braue. „Es geht also doch nur um einen
Ersuch von Elessar, nicht um Legolas", seufzte der Elbenfürst
fast enttäuscht, doch Haldir schüttelte mit dem Kopf. „Nein,
mein Herr", warf er ein, „die Sache ist die, dass er mit König
Elessar auf der Suche nach...nach den Kindern ist..."
„Worauf wollt Ihr hinaus, Haldir?", fragte Thranduil,
als er die Unsicherheit in der Rede des lorischen Elben bemerkte. „Legolas'
Sohn ist unter den Gefährten Eldarions, des Prinzen von Gondor",
gestand Haldir letztlich und beobachtete die genaue Reaktion Thranduils.
Der König fühlte sich, als hätte man ihm soeben ein Messer
hinterrücks in den Leib gerammt. Er atmete merklich schwerer, bleicher
schien sein Angesicht zu werden mit jedem vergehenden Augenblick.
„Wie...wie...wie meint Ihr das... Legolas' Sohn?"
Haldir hörte den Vater seines Freundes zum ersten Mal vor Fassungslosigkeit
stammeln. „Ihr...Ihr habt einen Enkelsohn, Euer Hoheit" Wie gut
es doch war, dass Thranduil zu jenem Zeitpunkt saß. Andernfalls wäre
er schlicht und einfach in sich zusammengesunken, seine Beine hätten
schier ihren Dienst aufgegeben.
-x-x-x-
Lange konnten sich die Kinder nicht in den Höhlen aufhalten. Zu stickig
war die Luft, zu düster und bedrohlich die schattigen und versteckten
Winkel des Felsens, dass man sich nicht sicher sein konnte, ob eine Gefahr
hinter seiner steinernen und rissigen Haut lauerte. Filegon, der noch am
besten in der gähnenden Schwärze sehen konnte, tastete sich behutsam
voran. Spärlich nur erreichte das Tageslicht die hintersten Winkel
der Felsspalte. „Meinst du, dass wir die Pferde die ganze Zeit über
schutzlos draußen stehen lassen können?", fragte Tari und
Selina schaute sich begeistert um, als die Stimme ihres Freundes an den
kühlen Wänden abprallte und ihr Echo weithin in die Tiefe vor
ihnen hallte. Naru, der rege an allem schnüffelte, was ihm in den Weg
kam, blieb ein Stück weit zurück. „Wir bleiben ja nicht
lang hier drin, Tari. In der Zwischenzeit wird schon nichts passieren",
sprach Aragorns Sohn beschwichtigend und Filegon drehte sich zum Ausgang
um. Dem Einfallswinkel des Sonnenlichts nach zu urteilen war die Mittagsstunde
unlängst vorübergezogen.
„Wir sollten erst die Größe dieses Einganges
ausmachen und sicher gehen, dass wir hier ein Lager aufschlagen können,
ohne gleich den nächsten Schwierigkeiten ins Auge zu sehen", ergänzte
Filegon, „Heute werden wir noch nicht mit der Suche nach Jolly beginnen,
so dass wir die Tiere getrost grasen lassen können"
„Du denkst also nicht, dass hier jemand...nun ja...
Unerwartetes vorbeikommt?", wollte Tari wissen und wäre Eldarion
fast auf die Fersen getreten, weil er den abrupten Stillstand des Prinzen
nicht erwartet hatte. „Zakwa und Reevo?", nannte Eldarion das
Kind beim Namen und Tari zuckte zusammen und brummte in sich hinein. Wann
immer diese beiden Namen fielen, beschlich Tari ein unangenehmes Schuldgefühl.
„Ich glaube, wir haben einen großen Vorsprung...außerdem
ist es gut möglich, dass das Unwetter einen Teil unserer Spuren verwischt
hat", beantwortete der Elb schließlich Taris Frage. „Autsch!",
stieß Selina zur Überraschung aller laut aus. „Was ist?
Hast du dir wehgetan?", fragte Filegon, der sich zu dem kleinen Mädchen,
das direkt hinter ihm herlief, umgedreht hatte. Sie zeigte ihm ihre Handfläche,
in deren Mitte eine schmale Risswunde klaffte, aus der im Bruchteil einer
Sekunde dickes, dunkelrotes Blut sickerte.
„Die Steine sind so scharf!", wimmerte sie und
betrachtete mit starrem Blick ihre geringfügige Verletzung. „Hab
dich nicht so, Kleine, so tief ist der Schnitt doch gar nicht", tröstete
Tari das Kind, worauf Selina empört an ihn gewandt sagte: „Woher
willst du das wissen, das ist doch so dunkel hier drin, dass du sogar Eldarion
auf die Hacken latschst!", quengelte sie, Taris Augen verengten sich
zu kleinen Schlitzen, als er dem Mädchen böse Blicke zuwarf und
Eldarion lachte nur amüsiert. Einzig Filegon verharrte still an Ort
und Stelle, hob die Hand fast wie zum Gruß in die Höhe, um den
anderen zu deuten, dass sie ruhig sein sollten. „Sshhh!", forderte
er zischend, „hört ihr das?"
Die Kinder hielten den Atem an und lauschten angestrengt.
Zuerst glaubten sie, es wäre ein Luftzug, der, vom Felsengewölbe
eingeschlossen, unheimliche Klänge verursachte, doch die Stetigkeit
des Geräusches sprach gegen diese Theorie. Vielmehr glich es einem
Kratzen und einem schroffen Klopfen, einem Scharren innerhalb des steinernen
Massivs. „Was kann das sein?", flüsterte Filegon, der in
seinem Leben noch nie ein ähnliches, monotones Pochen vernommen hatte.
Der Klang drang bis an sein Herz vor und ließ ihn erschauern. „Vielleicht
ist es ein Raubtier...Raubtiere wittern Blut, Selina. Mag sein, dass ein
Bär dein Blut riechen kann und nun Appetit auf uns verspürt",
sprach Tari, um Selina Angst einzujagen, was ihm natürlich problemlos
gelang. Jollys Schwester klammerte sich furchtvoll an Filegons Mantel, versteckte
ihr Gesicht zum Teil hinter dem undurchsichtigen Stoff, nur mit einem Auge
schielte sie in die Dunkelheit und an Filegon vorbei.
„Bären essen doch Honig!", protestierte sie,
aber ihre fiepende Stimme verriet ihr Unbehagen. „Nicht, wenn sie
zu lange in Höhlen wohnen und hungrig genug sind", murmelte Tari
in verschwörerischem Ton, so dass sich Selina nicht mehr nur an dem
Mantel, sondern auch an dessen elbischen Träger festklammerte. „Selina,
lass mein Bein los, hier gibt es keine Bären", sagte der Elb und
tätschelte ihren Kopf, wovon sich die junge Dame allerdings nicht beruhigen
ließ, „Außerdem fressen Bären nur freche, ungehobelte
Jungen", fügte Filegon letztlich hinzu, dabei einen alles sagenden
Blick auf Rufus' Sohn werfend. „Selber ungehobelt", fauchte der
Rotschopf. „Wovon könnte dieses Geräusch nur stammen?",
fragte Eldarion leise, sich an Filegon, der durch Selinas feste Umklammerung
noch immer bewegungsunfähig war, vorbeischiebend. Er streckte den Kopf
ein wenig vor, hielt sich mit einer Hand an der rauen Felswand fest.
„Klingt fast wie Hämmern...nur nicht so laut",
stellte der Prinz nach kurzer Überlegung fest. „Woraus man schließen
kann, dass es aus größerer Entfernung zu uns vordringt",
endete Filegon die Überlegung seines Gefährten. Wie in Trance
standen die Vier beieinander, nur das leise Kratzen von Narus Pfoten schwang
mit dem seltsamen Geräusch mit. Der Thronfolger Gondors wagte weitere
Schritte nach vorn, ohne dabei von der Halt spendenden Wand abzulassen.
„Eldarion, sei vorsichtig, nicht, dass du irgendwo abrutschst",
warnte Filegon und wie ein böses Omen gab Naru unerwartet Laut, sein
Bellen durchschnitt die stickige Luft wie die Klinge eines Schwerts und
es trug sich zu, dass Eldarion genau in jenem Moment das Gleichgewicht verlor
und an einem steilen Abhang aus Geröll, den keiner von ihnen erspäht
hatte, mit dem Fuß abglitt und stürzte. Staub wurde aufgewirbelt
und erstickte die erschrockenen Ausrufe der Kinder, Selina und Tari begannen
zu husten, wobei der Junge mit einer Hand die Wolke aus feinstem Sand fortzuschlagen
versuchte, mit der anderen Naru am Nackenfell packte. „Eldarion!",
schrie Filegon entsetzt, als kein Laut mehr zu ihnen hinaufdrang. Selina
weinte, bohrte ihre Finger tief in den Oberschenkel des Elben, der Mühe
hatte, sie sanft von sich zu weisen, um Eldarion zu Hilfe zu eilen. Zusätzlich
musste er darauf achten, nicht selbst hinabzurutschen. Angestrengt versuchte
er, den Rand des Grabens zu erblicken, immer wieder Eldarions Namen ausrufend.
Naru bellte erneut und Tari packte ihn fester: „Aus,
Naru, sei still!"
„Bring ihn besser nach draußen, Tari!", wies
ihn Filegon an, welchem es gelang, Selina in die Arme zu heben. „Und
nimm Selina am besten gleich mit...sieh, ob du irgendetwas findest, das
uns als Seil dienen könnte!", kalkulierte der Elb schnell ein,
übergab das schluchzende Kind in Taris Arme, der unter dem Gewicht
des Mädchens kurz in die Knie sank, dann aber langsam in Richtung Ausgang
zurückging.
„Eldarion!", rief Filegon, umfasste krampfhaft
einen Felsvorsprung, darauf gefasst, dass das uralte Schiefergestein in
jedem Augenblick zerbröckeln könnte. Behutsam ließ er sich
in eine hockende Position nieder, tastete mit der rechten Hand über
den schmutzigen Untergrund, bis seine Finger eine deutliche Absenkung des
Geländes spürten. Ein tiefer Graben tat sich vor ihm auf, schwarz
wie die Nacht und unsichtbar für ein jedes unachtsames Auge. Filegon
schalt sich gedanklich selbst dafür, nicht aufmerksam genug gewesen
zu sein. „Eldarion", wiederholte er mit verzweifelterem Ton,
Angst übermannte ihn, dass der junge Prinz in unerfindliche Tiefe gestürzt
und nun schwer verletzt oder gar tot war. Filegon lehnte sich vornüber,
suchte mit panischer Angst den Schlund des Abgrundes mit den Augen ab, nur
um ein Schwindelgefühl von der Undurchdringlichkeit des Nichts zu verspüren
und beinahe den Halt zu verlieren. Hier unten herrschte die Nacht, rebellierte
gegen die Gesetze der Natur, die einen beständigen Wechsel von Licht
und Dunkelheit vorschrieben, und denen jedes Individuum gebeugt war. Jedes,
abgesehen von der Materie der Finsternis selbst, die alles zu verschlucken
wusste und nur widerwillig das wieder preisgab, das sie mit ihren gierigen
Krallen erhascht hatte.
Ein leises, erschreckend schwaches Stöhnen drang aus
dem Dunkel hervor und Erleichterung nahm die Last von Filegons Herzen. Eldarion
lebte und schien nicht ganz so weit hinabgestürzt zu sein, wie der
Elb anfangs befürchtet hatte. Die scharrenden Geräusche setzten
sich ohne Unterlass fort. Niemand, wenn diese Klänge denn tatsächlich
von lebendigen Wesen verursacht wurden, konnte sie also hören. Tari
kam schnell wieder herbeigelaufen, strauchelte fast noch und drohte hinzufallen
in seiner Hektik.
„Ich habe nichts gefunden, was als Seil nutzbar wäre...aber
ich habe einen recht robusten Stock...damit könnten wir ihn hochziehen",
keuchte Tari außer Atem, nachdem er sich neben dem Elben niedergelassen
hatte. Er reichte dem Elben den Ast eines der wenigen, verkümmernden
Bäume, den Filegon durch starken Druck und die Versuche, ihn zu zerbrechen,
auf dessen Festigkeit überprüfte. Wer weiß, ob er überhaupt
in der Lage sein wird, sich daran festzuhalten´, fiel es Filegon plötzlich
ein, doch er verdrängte diesen Gedanken, weil er wusste, dass er schnell
handeln musste. Tari war vor lauter Schreck ganz kreidebleich geworden.
Es schien fast, als trug er eine Maske aus Porzellan, so hell stach seine
Haut aus dem finsteren Schwarz der Höhle heraus. „Gut, Tari.
Selina und Naru...?"
„Sind beide in Sicherheit draußen...hab Naru befohlen,
bei ihr zu bleiben", sprach Tari in aller Eile, aber in einem fast
militanten, untergebenen Ton. „Wenn wir nur mehr Licht hätten",
dachte Filegon laut, als er den Grabenrand umfasste und in den bodenlosen
Schatten hinabblickte, „Ich kann ihn kaum erkennen" Tari biss
aus lauter Nervosität an seinen Fingernägeln herum, als er über
Filegons Schulter hinabschaute. „Ist er...ich meine...hast du etwas...hat
er irgendwas gesagt?", fast hysterisch klang Taris Stimme und Filegon
ahnte, dass der Junge unter einer Art Schock stehen musste. Sanft, aber
bestimmend umfasste er mit beiden Händen die Schultern seines Freundes
und schüttelte ihn sacht. „Ganz ruhig, Tari, hörst du? Ich
habe ihn gehört...er ist vielleicht nicht bei Bewusstsein, aber er
ist am Leben...hörst du?", die letzten Worte, wiederholte er mit
Nachdruck, zwang Tari dazu, ihm in die Augen zu schauen und nicht in den
Abgrund.
„Wir müssen zusehen, auf irgendeine Art und Weise
Feuer oder anderweitig Licht zu erzeugen. Erst dann kann ich zu ihm hinabklettern!",
sprach der Elb dann weiter. „Du willst da auch runter?", Taris
Stimme zitterte. Jegliche Tapferkeit, die er je zu haben vorgegeben hatte,
schien aus seinem Wesen gewichen zu sein.
„Ich glaube kaum, dass Eldarion fähig dazu sein
wird, von allein wieder hier herauf zu spazieren", obwohl er selbst
fast vor Sorge umkam, belehrte sich Filegon im Geiste immer wieder, dass
er die Nerven behalten und seinem Freund helfen musste. „Das Tageslicht
reicht wohl kaum aus, um den Innenraum der Höhle auszuleuchten...aber
warte...mein Vater hat mir beigebracht, wie man Fackeln herstellt...",
voller Eifer erhob sich Tari und lief nach draußen, ohne eine Antwort
Filegons abzuwarten. „Eldarion, kannst du mich hören?",
rief der Elb seinem wahrscheinlich verletzten Freund zu. Lange, viel zu
lange, wenn es nach Filegon ging, erhielt er keine Antwort. Gerade als er
aber zum unzähligsten Male seinen Namen rufen wollte, nahm er Eldarions
Stimme, die eher einem alten, kranken Mann glich als einem Jüngling
wie ihm, schwach und krächzend wahr. „Fi...Filegon?", nur
ein Hauch, ein gutturaler Laut, in welchen nicht die Kraft der Stimmbänder
mit eingeflossen war.
Ein Lächeln hellte kurzzeitig die angespannten Züge
Filegons auf. „Ja, ich bin da, mellon nîn, halte durch. Tari
wird gleich wieder da sein und dann holen wir dich wieder hoch...",
sagte er, da er nun selbst etwas ruhiger wurde, in entspannterem Ton. Noch
immer konnte er kaum Konturen im Dunkel ausmachen, sein eigener Schatten,
der nur schwach durch das ihm buchstäblich in den Rücken fallende,
trüber werdende Licht erzeugt wurde, ward ihm zum Hindernis geworden.
Entfernt drang Narus Winseln und Selinas Weinen an sein Ohr und er drohte,
von der eigenen Aufruhr überwältigt zu werden, hätte er nicht
Eldarions gleichmäßigen, wenn auch nur stoßweise kommenden
Atem wahrgenommen.
„Kannst du dich aufrichten, Eldarion?", fragte
er. Es erschien ihm als wichtig, den Prinzen bei Bewusstsein zu halten,
solange Tari mit der Fertigung von Fackeln beschäftigt war, wie auch
immer jener das anstellen wollte. „Es...es tut so weh", Filegon
erschrak, als er glaubte, den sonst so beherrschten Königssohn weinen
zu hören. „Was tut dir weh?", rief Filegon mehr aus Affekt
als aus Überlegung.
Und fast augenblicklich erwiderte Eldarion schniefend: „Mein
Bein...ich...aaahhh", stöhnte er auf und Filegon hörte ihn
schwerer atmen, ja, fast keuchte er vor Anstrengung. „Rühr dich
nicht, Eldarion, nicht, dass die Schmerzen schlimmer werden!", riet
ihm Filegon, so ruhig er noch imstande war, die Worte zu formen, „Wir
lassen dich nicht im Stich, mein Freund. Wir holen dich da raus!" Kaum
hatte er dies gesprochen, erfüllte der süßliche Geruch von
Harz die Höhle, flackernde, kleine Lichter glommen auf und verwandelten
Nacht wie durch Zauberhand in Dämmerung. Als sich Filegon umdrehte,
sah er Tari mit blutender Wange, zerrissenem Hemd und einer brennenden Fackel
in den Händen vor sich stehen. Selina stand zitternd neben dem größeren
Knaben, auch sie hielt eine Fackel fest umschlossen. „Tut mir leid,
dass es so lange dauerte, aber bis ich das Baumharz entzünden konnte,
musste ich mir noch so einige Splitter in die Hände jagen"
Filegon war erstaunt über die Fertigkeiten seines Kameraden
– er hatte einfach sein Hemd zerrissen, die Stofffetzen um zwei weitere,
schmalere Äste gewickelt und mit flüssigem Baumharz, das er aus
den gesunden Stämmen der wenigen Bäume gewonnen hatte, getränkt.
Durch Reibung geschwind ein Feuer entzündet und schon waren mit Leichtigkeit
zwei so wertvolle Fackeln entstanden. „Selina sollte lieber...",
wollte der Elb einwenden, aber Tari schnitt ihm das Wort ab: „Sie
hat darauf bestanden, uns zu helfen und du weißt ja, sie ist das einzige
Mädchen, bei dem ich auch mal nachgeben kann!"
„Weil ich dich sonst verhauen würde!", schniefte
Selina, die Augen noch tränennass, doch zu beschämt, um tatenlos
vor dem Höhleneingang auszuharren.
„Nun gut...stellt euch in etwa zwei Fuß vor den
Abgrund hin...aber gebt Acht, dass ihr nicht auch noch ausrutscht...der
Sand ist tückisch...ich werde zu Eldarion hinabklettern", fasste
Filegon den Plan zusammen und begleitet vom andauernden Klopfen und Schnarren,
machten sich die Kinder ans Werk, ihren Freund aus seiner misslichen Lage
zu befreien... .
-x-x-x-
Legolas wusste nicht, wie lang sein Mund vor lauter Fassungslosigkeit offen
gestanden hatte, aber die Zeit war ausreichend gewesen, um seine Mundhöhle
vollkommen auszutrocknen. Lalaithwen fand nicht den Mut, ihm in die Augen
zu schauen. Stattdessen hielt sie ihre Lider immer noch fest verschlossen
und das Haupt auf die Brust gesenkt. Der Elb starrte sie an, während
tausende Fragen durch seinen Kopf schossen, doch vermochte er keine einzige
auszusprechen, so schockiert war er. Wie konnte Daelior es nur wagen, Lalaithwen
zu küssen? Und was ihm nur noch mehr Kopfzerbrechen bereitete –
wie hatte seine Verlobte dies zulassen können? „Wieso...?",
flüsterte er mit rauer Stimme, die nicht den Schmerz, den er empfand,
zu verbergen wusste. „Ich weiß es nicht...ich...ich hätte
spüren müssen, was er für mich fühlt...er...er sprach
von Schicksal und...", sie brach ab, rang mit sich selbst und schaute
ihrem Geliebten endlich in die Augen.
Unverständnis, Wut und Enttäuschung reflektierten
seine Augen aus dem Innersten seiner Seele. „Nein...ich meine, wieso?
Wieso hast du überhaupt zugelassen, dass er...", Legolas konnte
den Satz nicht zuende formulieren, weil sein Herz vor Rage und Verbitterung
gegenüber Daelior in Flammen stand. Noch nie, so wusste Legolas mit
Sicherheit, hatte er sich so gefühlt. Aber das mochte an der Liebe
zu Lalaithwen liegen – mit ihr empfand er alles intensiver –
Glück, Freude, Lust...aber auch Trauer, Schmerz und Wut. Es war ein
Wechselbad der Emotionen, aus dem es für den sonst so souveränen,
selbstbeherrschten Elbenprinzen kein Entkommen gab.
„Legolas, es ging alles so schnell, glaub mir! Ich...ich
war viel zu überrascht, als dass ich schneller hätte reagieren
können", versuchte sie ihm zu erklären und hoffte nur, dass
er nicht laut werden würde, damit die anderen, und ganz besonders Daelior,
nichts davon hören mussten, „ Er hat mich geküsst und nicht
andersherum.", ergänzte sie schließlich, weil sie fürchtete,
Legolas könne glauben, sie habe Daeliors Kuss erwidert. „Zu einem
Kuss gehören immer Zwei, Lalaithwen...", murmelte Legolas tonlos,
das tiefe Blau seiner Augen durchbohrte ihr Bewusstsein auf der Suche nach
der Wahrheit, schimmerte im Sonnenlicht wie ein bodenloser, reiner, unberührter
See. „Was wirfst du mir vor?", fragte sie kühl, verbissen
darauf wartend, dass Legolas sich beruhigen würde. „Ich hätte
das nie und nimmer von dir gedacht...", war seine einzige Antwort,
aus der pure Enttäuschung sprach.
„Legolas, ich sagte dir doch schon, dass ich ihn nicht
küsste...hör mir doch zu!", sie drängte ihr Pferd dazu,
schneller zu traben, um ihren Geliebten einzuholen, der sich entrüstet
von ihr gelöst hatte. „Ich habe genug gehört...", knurrte
er verletzt, das wunderschöne Gesicht von ihr abgewandt.
„Ich habe es dir nicht sagen wollen, weil ich wusste,
dass du so reagieren würdest...Legolas!", redete sie weiter auf
ihn ein, wobei ihre Stimme einfach lauter werden musste, so dass sich die
ersten Gefährten neugierig zu dem Paar umwandten. „Legolas, was
soll das... rede mit mir", forderte sie und die Elbe kam sich vor,
als versuchte sie ein bockiges Kind zu bändigen, aber nicht mit ihrem
fast dreitausend Jahre alten Verlobten ein vernünftiges Gespräch
zu führen. „Was willst du von mir hören? Ist schon in Ordnung,
Laith, kann ja mal vorkommen, dass dir der nächstbeste Elb schöne
Augen macht und du schwach wirst´?" Langsam wich die Verzweiflung
in Lalaithwen dem Ärger über die grobe Wortwahl ihres Verlobten.
„Ich bin nicht schwach geworden, Legolas", brachte sie unter
zusammengepressten Lippen hervor, einzig das Beben in ihrer Stimme verriet
ihren Gemütszustand. „Liebst du mich, Laith?", fragte er
ungewohnt heiser. „Warum fragst du so etwas?"
„Antworte einfach", bat er, seine Stimme verlor
mit jeder gesprochenen Silbe an Kraft. Ohne dass sie es gewollt hatte, hatte
sie ihn heftig verletzt, hatte in so kurzer Zeit sein Herz zum unzähligsten
Mal dem Brechen nahegebracht. „Ja", sagte sie mit fester Stimme
und ihre Antwort entsprach der reinen, unverfälschten Wahrheit. Fast
glaubte sie, so etwas wie Erleichterung in seinen Zügen zu erkennen,
als er sich ein weiteres Mal von ihr abwandte. Doch ehe er weiter nach vorn
reiten konnte, bekam sie seinen Mantel zu fassen und hielt ihn so zurück.
„Würde ich dich nicht lieben, hätte ich es nie und nimmer
für nötig gehalten, dir gegenüber ehrlich zu sein",
versicherte sie ihm und er schenkte ihr ein schmales, auf beängstigende
Art und Weise kaltes Lächeln, bevor er ihr entgegnete: „Aber
du hast gezögert, bevor du es mir erzählt hast, Laith. Und das
ist es, was mir Angst macht"
Er hatte Angst? Wovor? Dass er sie verlieren könnte an
Daelior? Hegte er wahrhaft Zweifel an ihrer Zuneigung zu ihm? Sie schaute
ihm stumm und erschrocken hinterher, als er geschwinden Trabs in die Vorhut
ritt. Wo wollte er hin? Nachdenken? Oder wollte er sich Daelior vorknöpfen,
der ganz an der Spitze als ihr Führer ritt?
Lalaithwen hoffte, dass Legolas letzteres nicht einmal in
Betracht zog... .
-x-x-x-
Seine geschmeidigen, blassen Hände breiteten sich um die Armlehnen
des Thrones aus, verkrampften und entspannten sich in abwechselndem Spiel.
Die Rubine, die in zierlichem Muster in das feste Buchenholz eingefasst
waren, leuchteten geheimnisvoll und bedrohlich zugleich, wie brennende Höllenglut
mochten sie dem unwissenden Auge erscheinen. Haldir wusste nicht, ob es
ein gutes, oder doch eher schlechtes Zeichen war, dass Thranduil in Gedanken
versunken auf seinem Herrschersitz ruhte, seine blassen Züge wirkten
beinahe wächsern im flackernden Kerzenlicht.
Der lorische Elb hatte dem König so gut er konnte dargelegt,
welche gefährlichen Folgen ein Eindringen der Kinder in das Siedlungsgebiet
der Ostlinge haben könnte und dass Aragorn gleichsam wie Legolas der
Bedrohung eines Gefechtes ins Auge sehen musste, für welches sie auf
keinen Fall gerüstet waren. Nachdem der elbische Herrscher jedoch angehört
hatte, dass er bereits Großvater war, vermochte er seine Aufmerksamkeit
kaum noch auf Haldirs Worte zu lenken. „Wie heißt er, Haldir?
Wie lautet der Name meines Enkelsohnes?", murmelte der König leise,
sein Blick war starr, fast gläsern. „Filegon, mein Herr. Er heißt
Filegon", berichtete der Elb und als Thranduil den Namen leise vor
sich hinmurmelte, ansonsten aber wieder verstummte, wagte er es, sich zu
räuspern: „Mit Verlaub, Euer Majestät...aber was gedenkt
Ihr zu tun? Werdet Ihr Eurem Sohn helfen?"
Lange erhielt Haldir keine Antwort, einzig das leise Rauschen
der Bäume, weit über ihnen auf der Oberfläche, füllte
den Thronsaal aus. „Mein Herr?", fragte Haldir, so dass Thranduil
aus seinen Gedanken gerissen wurde. „Ich muss darüber nachdenken,
Haldir. Ihr...Ihr seht furchtbar aus. Was ist Euch zugestoßen? Eurem
Aussehen nach zu urteilen hattet Ihr eine lange und anstrengende Reise.
Ich gestatte Euch, hier zu nächtigen und Euch ein wenig auszuruhen",
mit diesen kargen Worten erhob sich der König, sein Mantel umspielte
seine dünnen, flinken Beine, kreisförmige Schatten huschten über
die kühlen Steinplatten.
„Verzeiht, wenn ich forsch erscheine, aber es ist mir
ganz gleich, wie anstrengend meine Reise war. Ich bin so schnell geritten,
wie es mir möglich war, um Euch um Hilfe zu bitten. Das einzige, was
ich von Euch fordere, ist eine Antwort!", sagte der Galadhrim, ein
herausforderndes Funkeln lag in seinen hellen Augen.
Er wusste, dass Thranduil diese ungewöhnliche Nachricht
erst einmal verarbeiten musste, aber er wollte nicht diesen harten Weg auf
sich genommen haben, nur um fruchtlose Verhandlungen zu führen und
am nächsten Morgen ohne Ergebnis und Unterstützung zurückzureiten.
Er dachte an Arwen, wie sie hoffnungsvoll und bangend in Imladris auf die
Wiederkehr ihres Gemahls wartete. Nein, er durfte nicht zulassen, dass Thranduil
diese Hoffnung zerschlug und sich einfach von all den Problemen, die er
mit Legolas auszufechten hatte, abwandte. „Es geht um Eure Familie,
Euer Hoheit. Lasst Euren Stolz nicht so hoch lagern, dass Eure eigenen Kinder
sich dem unterordnen müssen, was Euer Wille ist. Ja, Legolas hat sich
einst Euch widersetzt, aber nur, weil er auf sein Herz gehört hat.
Und die Frau, für welche er seine Heimat zurückgelassen hatte,
hat ihm einen Sohn geschenkt. Glaubt nicht, dass sie Legolas unglücklich
macht. Und selbst wenn Ihr Unmut ihr gegenüber verspürt, Euer
Enkelsohn ist unschuldig und hat nichts damit zu tun, wie sehr Euch Legolas
auch enttäuscht haben mag"
„Darum geht es nicht", stritt Thranduil harsch
ab und verriet sich dabei selbst, „Aufgrund eines bloßen Verdachts
einer kriegerischen Bedrohung verlangt Ihr von mir, mit den restlichen Männern,
die noch in diesen Gefilden leben, gen Rhûn zu ziehen?", seine
gebieterische Stimme hallte an den hohen Wänden des Palastes wider
und war mit Sicherheit auch auf dem breiten, von einem dunkelroten Teppich
bedeckten Flur mehr als deutlich hörbar. Haldir bekam das Gefühl
nicht los, als spräche er mit einer Wand: „Was ist Euch lieber,
mein Herr? Lieber unnötig Männer einer bestehenden Gefahr wegen
aussenden oder den Leichnam Eures Enkelsohnes in den Armen halten, nur weil
Ihr nicht eingreifen wolltet?"
„Untersteht Euch, solch einen Ton mir gegenüber
verlauten zu lassen!", wies ihn Thranduil in seine Schranken. „Was
macht Euch so wütend? Die Tatsache, dass ich die Wahrheit spreche?
Werdet Ihr Legolas helfen, ja oder nein?"
Thranduil mochte es nicht, dass Haldir ihn wie ein wehrloses
Beutetier in eine Ecke zu drängen versuchte. „Ich sagte schon,
dass ich morgen entscheide. Wenn Ihr Euch so lange nicht gedulden könnt,
könnt Ihr gern wieder aufbrechen, doch dann ist Euch meine Unterstützung
mit Sicherheit versagt!", Thranduil konnte sich nicht erinnern, wann
er sich zuletzt so aufgeregt hatte. Haldir senkte das Haupt, musste sich
geschlagen geben, denn von der Entscheidung des Königs hing alles ab.
Wenn er sich erneut gegen ihn stellte, wurde die Gefahr nur noch größer,
dass Thranduil ihn abwies. „Ifideè!", rief der König
unter Eiche und Buche dann erhaben und der gerufene Elb betrat kurz darauf
den Thronsaal, einen unsicheren und auch vorwurfsvollen Blick auf Haldir
richtend. Vermutlich hatte er das gesamte Gespräch mit angehört.
„Führt Haldir in eines der Gastgemächer",
befahl Thranduil streng, keine Widerworte duldend. An Haldir selbst gewandt
sprach er: „Morgen gebe ich nach reiflicher Überlegung meine
Entscheidung bekannt, insofern Ihr noch warten könnt"
Mit zusammengebissenen Zähnen ließ sich Haldir
von seinem Freund in das für ihn vorgesehene Gemach führen. Nie
hatte sich der Elb hilfloser gefühlt als während der Stunden dieser
schier endlosen Nacht. Thranduil verfolgte mit unruhigem Blick, wie Haldir
seinen Thronsaal verließ und sank dann erschöpft seufzend auf
seinem Herrschersitz zusammen, rieb sich mit den Fingerspitzen der rechten
Hand die Schläfe. Vor wenigen Stunden noch hatte er mit dem Gedanken
gespielt, die Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen und mit
Viriel in den ewigen Westen zu ziehen und nun? Nun offenbarte ihm Haldir,
dass er ein Enkelkind habe und Legolas seiner dringend bedurfte.
Er dachte daran, wie er Tag für Tag vor den Pforten seines
Palastes gestanden hatte und auf Legolas wartete. Jetzt ergab sich die wohlmöglich
allerletzte Chance, seinen Sohn wieder in die Arme zu schließen, ihm
zu verzeihen und gleichsam um Verzeihung zu bitten. Doch Thranduils Gewissen
ward von starken Zweifeln geplagt. Schließlich hatte nicht sein Sohn
selbst nach ihm gerufen, wer versprach ihm dann, dass er ernsthaft auf eine
Aussöhnung mit seinem Vater aus war?
Seufzend schloss der König die Augen, engelsgleich, mochten
Menschen sagen, war sein Anblick, friedlich und erhaben wirkte sein Antlitz,
obschon er innerlich in tiefste Unruhe gestürzt worden war. Die schmalen
Lippen waren leicht geöffnet, sein regelmäßiger Atem glitt
über die weiche, rötliche Haut, hauchte Leben in diese gottesgleiche
Gestalt. Allein ein leises Klopfen vermochte den König zu stören.
„Ja, bitte?", fragte er leise und ein Lächeln hellte seine
Züge auf, als Viriel zaghaft ihren Kopf in den geöffneten Türspalt
steckte und fragte: „Störe ich, Ada?" Wie konnte seine eigene
Tochter so etwas fragen? Für seine Kinder sollte ein Vater stets Zeit
haben, selbst wenn er ein König war. „Nein, du störst nie,
Viriel", sagte er sanft und sie trat in den Saal, schloss die Tür
hinter sich und schaute ihn lange schweigend an.
„Was bedrückt dich?", fragte sie so leise,
dass es dem Flüstern des Regens gleichgekommen wäre, der noch
wenige Tage zuvor in Sturzbächen auf das Waldlandreich niedergegangen
war. „Hat es mit dem Besuch Haldirs zu tun? Ich sah ihn soeben aus
dem Thronsaal kommen und er sah recht unerfreut aus", fügte sie
noch hinzu, als ihr Vater nicht gleich antwortete.
„Er brachte Nachricht von Legolas", erklärte
er und Viriel hielt sichtlich den Atem an, führte die Hände an
ihr Herz. „Legolas? Was ist mit ihm?", rief sie aus. Mit wirklich
allem hatte sie gerechnet, doch nicht mit einer Nachricht von ihrem Bruder.
„Er...er steckt in Schwierigkeiten...nun...nicht direkt er...sondern
auch dein Neffe", wisperte er und die Worte, die er aussprach, kamen
ihm selbst viel zu surreal vor, zu unwirklich, um der Wahrheit zu entsprechen.
Viriel legte den Kopf schief, ihr hübsches Gesicht barg eine Miene
des Unverständnisses. „Mein... Neffe?", wiederholte sie
zweifelnd und Thranduil nickte müde. Ihm selbst machte diese Neuigkeit
noch zu sehr zu schaffen, als dass er die Kraft hätte aufbringen können,
seiner Tochter die Umstände genauer zu erklären. „Legolas
hat einen Sohn"
Die Worte ihres Vaters versetzten Viriel einen Stich ins Herz.
„Wie lange schon?", brachte sie hervor und Thranduil zuckte mit
den Achseln. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er nicht einmal das Alter
seines Enkelsohnes erfragt hatte. „Alt genug ist er, um in Schwierigkeiten
zu geraten", stellte er fest. „Warum hat sich so lange nicht
gemeldet? Hält er es nicht für nötig, dass du von seinem
Vaterglück erfährst?", Viriel war hörbar verärgert,
konnte nicht verstehen, weswegen sich Legolas so von seiner Familie absonderte.
„Er hat sich auch jetzt nicht gemeldet, Viriel. Haldir ist auf Bitten
von Königin Arwen zu uns gereist. Es besteht der Verdacht, dass sich
im Gebirge von Rhûn Böses zusammenbraut. Legolas' Kind ist auf
dem Weg dorthin" Die junge Elbenfrau bebte vor innerer Aufruhr. Wenn
sie Legolas je wieder gegenübertreten würde, würde sie ihm
klar machen, was er seinem Vater angetan hatte und wie viel Kummer er ihm
bereitete. „Haldir bittet, dass ich umgehend Truppen sammle und gen
Rhûn ziehe"
„Auf bloßen Verdacht?", stieß Viriel
aus und Thranduil lächelte schwach. Es war fast beängstigend,
wie sehr sie ihm glich. Er nickte und sie seufzte laut, fuhr sich mit einer
Hand durch das offene Haar.
„Was wirst du tun?", fragte sie schließlich,
doch auch hierauf wusste Thranduil noch keine Antwort. „Ich weiß
es nicht" Viriel biss sich auf die Unterlippe, nagte nervös daran.
Eine Marotte, die sie sich im Laufe der letzten Jahre angewöhnt hatte.
„Folge dem Hilferuf, Vater...", sagte sie und überraschte
ihren Vater damit. Gerade von ihr hätte er eine mehr als verärgerte
und wenig verständnisvolle Reaktion erwartet. „Tu es für
unsere Familie. Vielleicht...vielleicht ist es ein Geschenk Erus, dass wir
alle wieder vereint werden sollen. Du kannst nicht bis ans Ende aller Zeit
einen Groll gegen Legolas hegen. Denn dafür liebst du ihn viel zu sehr",
erstaunt musterte Thranduil seine Tochter. Wie verwunderlich es doch war,
wenn die eigenen Kinder erwachsener und weiser sprachen, als ihre Eltern!
„Viriel, ich weiß nicht, ob ich kann...ich...", seine Stimme
versagte, Tränen wollten in seinen Augen aufwallen, aber er hielt sie
mit aller Macht zurück. Der Bruch zwischen Legolas und ihm verletzte
ihn so sehr, dass er kaum atmen konnte.
Viriel entging es nicht, dass er so mit sich rang und mit
einem traurigen Lächeln auf den Lippen trat sie zu ihm, kniete vor
ihm nieder und ergriff seine Hände, die in seinem Schoß ruhten.
„Nana hätte nicht gewollt, dass unsere Familie so zerbricht",
äußerte sie vorsichtig und Thranduil atmete deutlich hörbar
aus. Dann erwiderte er den sanften Druck auf Viriels Händen und nickte.
Die letzte Kerze, welche den Thronsaal erhellte, ertrank in
ihrem eigenen Wachs und löschte ihr eigenes, kümmerliches Licht
aus. Thranduil hatte eine Entscheidung getroffen.
-x-x-x-
Ihre Blicke waren trüb, ausgemergelt wie ihre Leiber. Leer und hoffnungslos
schauten ihn die vier Jungen an, als Jolly sich mit Müh und Not aus
dem engen Schacht befreite und mit einem dumpfen Geräusch auf dem steinernen
Untergrund landete. Sofort hielt er sich den Arm, der durch das geringe
Aufstützen sogleich Protest gegen jegliche Art von Belastung erhob,
indem er einen brennenden, beißenden Schmerz bis zu Jollys Schulter
hinaufsandte. Ein ohnmächtiges Stöhnen war der einzige Laut, den
er vorbringen konnte. Einer der Knaben trat zu ihm, ging vor ihm in die
Hocke und umfasste ihn mit seinen dürren Armen, um ihm auf zu helfen.
„Er scheint hier neu zu sein", sprach der Junge, dessen blondes
Haar ganz verdreckt war und über seine knochigen Schultern hinabreichte,
„Er muss sich wohl noch an Reißers Schläge gewöhnen",
seine Stimme klang seltsam, müde und kraftlos. Und was sollte er tun?
Sich an diese harten Schläge gewöhnen? Viel eher würde ihm
Reißer das Rückgrat brechen, als dass er sich an so etwas gewöhnen
können würde.
Langsam und mit zitternden Knien gelang es Jolly, sich aufzurichten.
Er war von den Jungen der größte und, wie es den Anschein hatte,
der wohlgenährteste, obgleich man Jolly schon als gertenschlank bezeichnen
konnte. „Danke", wisperte er dem Blonden zu, der nur nickte,
seine braunen Augen musterten ihn lang, ehe er sagte: „Ich bin Ophédor,
das sind Kean, Hawarh und sein Zwillingsbruder Hyon", sagte er und
deutete auf die anderen Jungen, die, nicht älter als vierzehn Jahre,
ihn umringten und neugierig betrachteten. „Ich bin Jolly", flüsterte
Selinas Bruder und schüttelte die Hand Ophédors, wenngleich
er das Gefühl hatte, sie würde unter dem Druck seiner eigenen
zerbrechen.
„Seit wann bist du denn schon hier?", fragte Hyon
und Jolly versuchte, die Tage zu zählen, die er schon in der Gefangenschaft
der Ostlinge verbrachte. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, obwohl er, wenn
er halbwegs richtig zählte, auf nur wenige Tage zu zählen kam.
„Ich weiß es nicht...in der Mine vielleicht zwei Tage",
sagte er. „Hier, trink was, du siehst ziemlich durstig aus",
bot ihm Kean an und reichte ihm eine zur Hälfte gefüllte Trinkflasche.
Und du siehst verdammt hungrig aus, mein Freund´, dachte Jolly, behielt
seinen Gedanken für sich und nahm dankend den Wasserbehälter entgegen.
Schweigend schauten ihm die anderen zu, bis sich Ophédor
als erster entsann und fast peinlich berührt rief: „Hurtig, wir
müssen weiterarbeiten...sonst schaffen wir die Ration nicht!"
In Windeseile hatten die Jungen ihre Werkzeuge ergriffen und
hämmerten auf das dunkle Gestein ein. „Welche Ration?",
fragte Jolly und schickte sich an, einen der vielen Hämmer zu erwählen,
um den anderen zu helfen. Sein Arm rebellierte wild dagegen, aber Jolly
empfand es als ungerecht, wenn er sich jetzt schonte und die anderen emsig
arbeiten ließ. „Drei Edelsteine", erklärte ihm Hawarh,
und unterbrach kurz seine Schläge gegen den Stein, „Wir müssen
an jedem Tag mindestens drei Edelsteine finden und vorlegen...sonst..."
Jolly schluckte, ehe er sagte: „Sonst was?" Hawarh schwieg plötzlich,
als würde er sich der Antwort wegen schämen. „Sonst lassen
die uns nicht mehr raus...manchmal geben sie uns auch nichts zu essen oder
zu trinken, nicht selten prügeln sie uns", erklärte Ophédor,
ohne den Blick von seiner Arbeitsstelle abzuwenden. „So verhindern
sie, dass wir uns anderweitig beschäftigen...", murmelte Hyon
und Jollys Blick war auf den kleinsten der Burschen gerichtet. Seine hageren
Arme waren fast schmaler als der Griff seines Hammers, deutlich sichtbar
traten die Rippenbogen aus der bleichen, schmutzigen Haut heraus. Auch ihnen
hatte man abverlangt, sich bis auf die Unterhosen zu entkleiden. Wie konnten
Menschen nur so kaltblütig sein?
„Wie meinst du das... anderweitig?", fragte Jolly
und Ophédor nickte Hawarh zu, bevor er flüsterte: „Zeig
es ihm" Hawarh warf einen unsicheren Blick auf seinen Anführer,
dann auf Jolly und wieder zu dem blonden Knaben. „Meinst du wirklich?
Du kennst ihn noch gar nicht, wer weiß, ob er uns nicht verpfeift!"
Ophédor trat auf seinen Freund zu, legte ihm die Hände auf die
nackten Schultern und sagte: „Und wenn? Wir werden hier drin so oder
so sterben" Jollys Augen traten vor lauter Schrecken aus den Höhlen,
er musste sich auf die Unterlippe beißen, um ein Schluchzen zu unterdrücken.
„Dann komm", forderte ihn Hawarh nach kurzem Zögern auf
und zog ihn mit sich zu einer schmalen Nische im Fels. Jolly konnte sich
nur unter größter Anstrengung hineinzwängen und dem wendigeren
und kleineren Hawarh folgen. Plötzlich hielt der Junge vor ihm an und
deutete auf eine rissförmige Öffnung im Gestein. „Halte
deine Hand davor", befahl er in flüsterndem Ton und Jolly tat,
wie ihm geheißen.
Er glaubte, all seine Sinne würden ihn täuschen,
als er einen minimalen Luftzug verspürte. „Ein Weg nach draußen?",
hauchte er atemlos und Hawarh nickte: „Möglicherweise...wir sind
uns nicht sicher, aber wir wollen versuchen, uns durchzugraben...",
demonstrativ klopfte er gegen die Feldwand, nur um anschließend einen
sehnsuchtsvollen Blick in das unbekannte Dunkel über ihnen zu werfen.
„Das sieht ja wie ein Kinderspiel aus, da hindurchzukommen...mit dem
ganzen Werkzeug"
Hawarh lachte müde und schüttelte mit dem Kopf.
„Wie wir schon sagten, Jolly...die sperren uns ein, wenn wir nicht
die Ration abliefern...und dann bekommen wir keine Verpflegung. Mit leerem
Magen lässt es sich unglaublich schwer arbeiten", versicherte
ihm Hawarh und Jolly nickte resignierend. „Aber wir haben eine Chance,
hier herauszukommen." Hawarh erblickte das Leuchten in Jollys dunklen
Augen und stieß ihm freundschaftlich an die Schulter: „Mach
dir lieber keine zu großen Hoffnungen, Kumpel...meine sind schon lange
begraben"
Jolly runzelte die Stirn und folgte ihm wieder zurück
in den Kessel, stets darauf bedacht, seinen geprellten Arm nicht zu stark
zu belasten. „Wie meinst du das? Wie lange arbeitet ihr schon an dem
Schacht?" Hawarh sprang geschickt aus der Nische, was von der Routine
sprach, mit welcher er anscheinend öfter den Schacht entlang robbte.
„Fast schon ein Jahr...und du siehst ja, wie weit wir gekommen sind"
„Wir haben schon seit Wochen nicht mehr an dem Schacht
gegraben, weil wir einfach keine Kraft mehr haben...und bevor wir verhungern,
suchen wir lieber nach Edelsteinen als nach der Freiheit, denn auch wenn
wir frei wären, würden wir nicht länger leben, als hier drin!",
sprach Ophédor und Jolly sah die Niedergeschlagenheit, mit welcher
sich die Jungen ihrem Schicksal bereits ergeben hatten. „Wie viele
Edelsteine grabt ihr aus?", fragte er, einen Hammer ergreifend. „Pro
Kopf etwa fünf Edelsteine...wenn wir einen guten Tag haben...manchmal
sind es auch nur zwei oder gar keiner...worauf willst du hinaus?",
wollte Kean wissen, über dessen Brustkorb sich eine lange, auch im
Dunkel deutlich sichtbare Narbe erstreckte. „Ich glaube, ich habe
eine Idee", entgegnete ihm Jolly und die Jungen staunten über
den hoffnungsvollen Ausdruck in den Augen dieses ungewöhnlichen Neuankömmlings.
Keiner von ihnen kannte ihn, aber er bewirkte auf eine unerklärliche
Weise, dass sie ihm auf Anhieb vertrauten.
Es mochte sein, dass es daran lag, dass sie sonst nichts mehr
hatten, wofür sie hoffen und beten konnten... .
-x-x-x-
Als der Abend über den weiten Ebenen Dagorlads dämmerte, ordnete
Aragorn auf das Drängen der hungernden Hobbits hin, eine kurze Rast
an. Die meisten Gefährten seufzten erleichtert und schwangen sich geschwind
aus ihren Sätteln, um ihre Füße durch ein paar Schritte
wiederzubeleben. Über die lange Zeit hinweg, in der sie beständig
geritten waren, waren ihre Glieder taub und steif geworden, so dass sich
ein etwas ulkiger Anblick demjenigen bot, der die müden Reiter gehen
sah. Aragorn beriet sich mit Malfor, der eine große Landkarte in den
Händen hielt und wahrscheinlich den kürzesten Weg auszumachen
versuchte.
Lalaithwen beobachtete angespannt, wie Legolas von seinem
Ross stieg und mit vor Zorn funkelnden Augen Daelior ansah, welcher weitab
von den anderen Lagor fütterte. Weder der vernarbte Elb noch ihr Verlobter
hatten ein Wort mit ihr gewechselt. Gimli stapfte schnaufend zu Lalaithwen
und sagte: „Eine Frage, holdes Elbenfräulein", die Wangen
des Zwerges waren aufgeplustert, weil er so breit grinste und kleine Fältchen
umringten seine Augen, „hast du einen Vorschlag, welches Lied Thíluil
und ich zum Besten geben sollen?" Lalaithwen legte die Stirn in Falten,
als sie fragte: „Lied? Wofür?" Gimli blinzelte überrascht
und sein Lächeln wurde etwas schmaler: „Für die Hochzeit...ich
dachte ja schon immer, Gandalf hätte ein schreckliches Gedächtnis
gehabt, aber bei euch Elben scheint es auch nicht viel besser auszusehen"
Die letztere Bemerkung überhörte Laith einfach und
sagte: „Ich weiß nicht so recht. Ich möchte mich lieber
von euch beiden überraschen lassen", in Wahrheit hoffte sie nur
noch, dass die beiden überhaupt singen können würden. „So
was in der Art hat Legolas gestern auch gesagt...wenn das jeder sagt, haben
wir am Ende gar kein Lied und dann...", quasselte der Zwerg frohen
Mutes drauflos, wobei er gar nicht bemerkte, dass ihm Lalaithwen immer weniger
Aufmerksamkeit schenkte. Als er etwas fragte und sie nur starr an ihm vorbeiblickte,
drehte sich Gimli um, um zu erfahren, was der Grund für ihre Abwesenheit
war. Legolas ging auf Daelior zu. Und er sah alles andere als gut gelaunt
aus... .
„Was macht denn der Junge da? Ich dachte, er hätte
sich mit dem seltsamen Fremden vertragen?", brummte Gimli beiläufig.
Lalaithwen umfasste krampfhaft den Saum ihres Mantels, knetete den feinen
Stoff mit ihren zitternden Fingern. Noch hatte keiner der beiden Männer
ein Wort gesagt, doch als sich Daelior zu Legolas umwandte und die Verachtung
in dessen Augen erblickte, schaute er nur wissend zu Lalaithwen hinüber.
Es war das erste Mal seit dem Aufbruch, dass er wieder ihrem Blick begegnete.
Und das, was er ihr mit seinen grünen, leuchtenden Augen sagen wollte,
ließ sie unwillkürlich zusammenzucken.
Warum musstest du ihm davon erzählen?´
-x-x-x-
Hinabzuklettern stellte sich als komplizierteres Unterfangen
heraus, als es Filegon zuvor vermutet hatte. Denn mit dem Lauf der Sonne
hatte sich auch der natürliche Lichteinfall in der Höhle verändert.
Die Fackeln, die Tari provisorisch hergestellt hatte, spendeten nur klägliches,
orange-goldenes Licht, aber immerhin reichte es aus, um dem jungen Elben
den Weg zu leuchten. Er musste sich rückwärts hinab begeben, Stück
um Stück nach einer Trittfläche suchen, um nicht in die unergründliche
Tiefe zu stürzen. Tari stand näher am Graben als Selina, hielt
sie eine Armlänge von sich entfernt, damit sie nicht auf den dummen
Gedanken kommen konnte, an seine Seite zu treten.
„Siehst du genug, Filegon?", fragte er und erschrak
darüber, dass seine eigene Stimme mehrmals widerhallte und geisterhafte
Züge annahm. „Ja, gut so, Tari. Wenn du dich weiter herabbeugst,
riskierst du es noch, selbst hinunterzufallen!", ächzte der Elb,
denn er hatte Mühe, sich an der schroffen, unregelmäßig
geformten Seite des Felsens fortzubewegen. Seine Finger bohrten sich in
den harten Untergrund, bis sie schmerzten, weiß traten die Knöchel
aus seiner leicht vor Anstrengung geröteten Haut hervor. Filegon wagte
einen Seitenblick, um Eldarions Position besser auszumachen. Der Prinz hatte
wohl Erus schützende Hand in seinem Fall zur Seite gehabt – denn
der Abgrund endete nicht etwa an der Stelle, an der Aragorns Sohn nun lag
– nein, nur durch unglaubliches Glück im Unglück war der
Junge auf einem schrägen Felsvorsprung aufgeschlagen, anstatt in das
lauernde Nichts ohne Boden zu fallen. „Eldarion?", fragte Filegon
unter hastigen Atemzügen. Selbst für einen Elben bedeutete das
Herunterklettern ein großer Kraftakt. Und Filegon ahnte, dass ihm
der Aufstieg mit Eldarion auf dem Rücken alles andere als leichter
fallen würde.
„Ja, ich bin noch hier...kann mich ja schlecht von der
Stelle rühren", sprach er mit all dem Galgenhumor, den er in jener
verzweifelten Situation aufbringen konnte.
„Kannst du dich aufsetzen?", fragte Filegon nach,
der den Prinzen in einer recht ungünstigen Position auffand. Bei seinem
letzten Versuch, sich hinzusetzen, hatte er geweint vor lauter Pein, doch
wenn er nicht saß, wäre es schwer für den Elben, Eldarion
anzuheben, geschweige denn ihn zu tragen. „Ich kann es zumindest versuchen",
entgegnete Eldarion und mit unterdrücktem Stöhnen zog er sich
an hervorstehenden Gesteinsplatten in eine aufrechte Sitzhaltung. Die Qualen,
die er dabei durchstehen musste, äußerten sich nur in rauen Lauten,
die einem Keuchen gleichkamen.
Filegon drehte seinen Kopf, um eine störende Haarsträhne,
die sich aus seiner Spange gelöst hatte, aus seinem Gesicht zu streifen.
Dann stieg er die letzten Meter zu Eldarion hinab, bis seine leichten, aus
einfachem Leder gefertigten Stiefel auf dem unebenen Untergrund Halt fanden.
Eldarion war über sieben Meter in die Tiefe gestürzt und es glich
einem Wunder, dass er sich bei diesem Sturz nicht das Rückgrat oder
den Schädel gebrochen hatte. Mit den Händen stützte sich
Filegon an der Felswand ab, der er den Rücken zukehrte und mit wachem
Blick den Abstand seiner eigenen Füße zu dem gähnenden Abgrund
abschätzte. Kurz glitt ihm sein Fuß aus, so dass er Selina angsterfüllt
wimmern hörte. Doch es geschah nichts anderes, als dass sich ein Kieselstein
aus dem Geröll löste und mit leisen, klirrenden Geräuschen
in den Graben fiel. Eldarion hielt das linke Bein gebeugt, lagerte sein
verwundetes Bein darauf und lehnte mit dem Rücken an der Wand, schaute
nervös zu Filegon herüber. „Filegon...ich...ich weiß
nicht, ob ich...ob ich das schaffe", warnte er den Elben sogleich vor
und deutete auf sein blutüberströmtes, rechtes Bein.
„Mach dir keine Sorgen, mein Freund...ich helfe dir.
Zusammen können wir es schaffen", sprach Filegon in beruhigendem
und ermutigendem Ton. Nachdem er sich endlich zu ihm vorgekämpft hatte,
kniete Legolas' Sohn neben Eldarion nieder und begutachtete dessen Wunde.
Bei seinem Sturz hatte sich Eldarion das gesamte Schienbein aufgerissen
und ein Teil seines Knöchels spießte aus der offenen Verletzung
heraus. Filegons schlimmste Befürchtungen erfüllten sich –
Eldarions Knöchel war gebrochen und so würde es dem Prinzen unmöglich
sein, zu gehen.
„Es tut so weh...so weh", murmelte er immer wieder,
ohne die ängstlichen Augen von seinem Bein zu wenden. „Das glaube
ich dir. Aber du musst jetzt stark sein! Wir können dich unmöglich
hier liegen lassen. Du wirst sehen, alles wird gut!", je öfter
er diese Worte sprach, desto weniger glaubte Filegon daran.
Doch Eldarion half es, dass der Elb ihm Mut zusprach. Er nickte,
schloss die Augen, um die letzten Kräftereserven anzugreifen, und hievte
dann achtsam sein lädiertes Bein von dem gesunden. Tari, der zu ihnen
hinabschaute und darauf achtete, dass das Feuer weiterbrannte, litt sichtlich
mit seinem Freund. Für Filegon war dieses Manöver mehr als waghalsig.
Denn die Schwierigkeit bestand nicht nur darin, Eldarion hochzuheben, ohne
ihm größeres Leid zuzufügen, sondern auch darin, das Gleichgewicht
auf dem schmalen Felssims zu halten. Der Elb warf einen letzten, abschätzenden
Blick in die Tiefe, ehe er sich auf der Stelle umdrehte, so dass sein Rücken
Eldarion zugewandt war. Noch immer verharrte er in einer hockenden Haltung.
„Versuche, deine Arme um meinen Nacken zu legen", wies er Eldarion
an, der sich unter unvorstellbaren Schmerzen zu bewegen versuchte.
„Es geht nicht...es...es...tut so schrecklich weh",
Verzweiflung formte das Zittern seiner Stimme. Filegon hörte, wie Selina
wieder anfing, zu weinen. „Komm, mein Freund. Beiß die Zähne
zusammen! Ich weiß, dass ich viel von dir abverlange und dass es hart
ist...aber bei Eru, ich lass dich hier unten nicht im Stich!", Filegon
blickte über die Schulter zu dem Jungen hinüber, dessen anmutiges
Gesicht von einer Flut aus Tränen überrollt wurde, dann lächelte
er ihm sanft zu: „Wenn dich dein Vater so sehen könnte, wäre
er mit Sicherheit stolz auf dich, Eldarion!"
Diese wenigen Worte gaben dem Prinzen Kraft und obgleich er
Höllenqualen durchlitt, als er langsam auf Filegon zurobbte, bewegte
er sich so lange voran, bis er die Arme um Filegons Schultern legen konnte.
„So ist es gut...so ist es gut", sagte Filegon
erleichtert und erfreut in gleichem Maße, „Lege dein linkes
Bein um meine Hüfte, damit du die Last nicht nur auf deine Arme verlagerst",
riet er ihm und Eldarion tat, wie ihm geheißen. „Hältst
du dich fest?", fragte Filegon zur Sicherheit nach und der Kehle des
Prinzen entwich nur ein leises „Ja". „Ich kann dich nicht
festhalten, ich muss klettern...bist du dir sicher, dass du dich halten
kannst?", fragte Filegon ein letztes Mal nach und als Eldarion auch
dies bejahte, wagte es der Elb, sich langsam aufzurichten. Eldarion unterdrückte
die Schmerzensschreie dadurch, dass er sich fest auf die Lippen biss, so
dass es nicht lang dauerte, bis frisches Blut aus der empfindlichen Haut
quoll. Filegon spürte die erdrückende Last von Eldarions Gewicht
auf seinen Schultern, die ihn hinabzureißen drohte. Behutsam hielt
er sich an den steinernen Vorsprüngen fest, prüfte, so gut es
ihm möglich war, die Festigkeit seiner Anhaltspunkte, die er vor dem
Aufstieg ausgemacht hatte.
Mit jeder Bewegung, die er auch noch so sorgsam und rücksichtsvoll
ausführte, erreichte ein weinerliches Krächzen des Prinzen das
spitze Ohr des Elben. Eldarion drückte ihm fast die Luft ab durch den
festen Griff, doch dies war die geringste Sorge, die Filegon hatte. Seine
Kräfte schwanden langsam aber sicher und wie seine Muskelkraft erlosch
auch das Feuer der Fackeln, bis Filegon nichts mehr um sich herum ausmachen
konnte, als den kühlen Fels vor ihm und seinen Freund auf dem eigenen
Rücken. „Tari? Selina? Was ist mit den Fackeln?", rief er
angestrengt, bemerkte verängstigt, dass seine verkrampften Finger nach
und nach den Halt verloren.
„Mist, ich hatte es befürchtet!", fluchte
Tari, „Das Harz muss zu trocken gewesen sein...kannst du dich auch
so orientieren?"
„Nicht sonderlich gut", presste Filegon hinter
zusammengebissenen Zähnen hervor, ehe er sich ein Stückchen weiter
nach oben hangelte. „Es ist nicht mehr weit, ich kann euch sehen",
rief Tari und Filegon sah, dass er seine Hand nach ihm ausstreckte. „Selina,
gib mir deine Fackel", hört er Tari sprechen. „Aber sie
ist doch auch runtergebrannt", wimmerte Selina, doch dann schien sie
ihm die Fackel, oder was von ihr übrig war, gegeben zu haben, denn
Filegon sah die Konturen eines breiten Astes, unweit über sich. „Kannst
du das erkennen?", fragte Tari. „Ja", stöhnte Filegon.
Seine Muskeln brannten, es war, als zerfräße die Anstrengung
sein Gewebe wie hochkonzentrierte Säure. Trotzdem kämpfte er sich
weiter hinauf, immer den Ast vor Augen haltend, um den Abstand zum rettenden
Plateau besser abschätzen zu können. Als er endlich Taris Arme
spürte, die stützend unter die seinen griffen und den Elben samt
Prinzen das letzte kleine Bisschen hinaufzogen, konnte er es sich erlauben,
aufzugeben. Erschöpft sank er auf dem harten, doch rettenden Boden
zusammen, Eldarion rollte sich langsam von ihm weg, bis er mit dem Rücken
auf dem dunklen Untergrund zum Liegen kam.
Das letzte, was er erblickte, bevor ihn die Ohnmacht überwältigte,
war Selina, die angsterfüllt und mit tränennassen Augen zu ihm
herabschaute und sagte: „Guckt euch seinen Fuß an...sein Fuß
sieht schrecklich aus"