Kapitel 19:
Imladris im Nebel
Es war Nacht in den Ausläufern der Emyn Muil, als Aragorn und seine
Gefährten den finsteren Schlund der Grotte verließen. Doch erschien
der trostlose Sternenhimmel, der um seinen Mond beraubt worden war, für
die traurigen und erschöpften Gemüter wie das wohlige Licht des
Tages, ja, fast blendete der helle Sternenschimmer ihre an die Dunkelheit
gewöhnten Augen. Einige waren verletzt, unter ihnen auch Ferrél,
der an einer stark blutenden Wunde im unteren Bauchraum litt und von Aragorn
sofort versorgt wurde. Zwei der gondorischen Wachen hatten sich an den Höhleneingang
postiert, denn falls sich weitere Orks dort tummelten, waren die Menschen
nun vorbereitet.
Lalaithwen, der bis auf ein paar unbedeutende Kratzer nichts
geschehen war, stand regungslos neben ihrem Pferd und starrte gebannt auf
den bedrohlich wirkenden Rachen der Höhle. Sie hätte Legolas nicht
zurücklassen dürfen. Auch wenn es ihn zornig gemacht hätte,
dass sie sich ihm – wieder einmal – widersetzte, so hätte
die Elbe doch wenigstens an seiner Seite bleiben können und wüsste
nun, wie es ihm erging.
Reue hatte einen sehr bitteren Beigeschmack und Lalaithwen
verachtete sich selbst dafür, nicht mit Legolas geredet und somit den
Disput zwischen ihnen beseitigt zu haben, bevor diese Kreaturen wie Insekten
aus jedem Winkel geströmt waren. Sie wagte es nicht, den Blick von
der Höhle abzuwenden, als hätte sie Angst, Legolas nie wieder
daraus hervorkommen zu sehen, wenn sie sich umwandte. „Was machen
wir mit den Toten?“, fragte Merry, dessen Augen noch den Ausdruck
von Schock und Trauer bargen, „Wir können sie doch nicht einfach
da drinnen lassen!? Sie haben ein Begräbnis verdient“ Daelior
bemerkte, dass niemand dem kleinen Hobbit großartig Gehör schenkte,
da alle viel zu sehr damit beschäftigt waren, die Ausrüstung zu
kontrollieren, sich von dem Schrecken zu erholen oder mögliche Verwundungen
zu versorgen. Auch wenn es ihm innerlich widerstrebte, mit Merry zu sprechen,
sagte der Elb leise: „Ich fürchte, wir werden sie nicht finden“
Die blauen Augen Merrys starrten ungläubig Daelior an und wie in Trance
sagte Pippin: „Und bei Sonnenlicht? Dann sehen wir doch sicherlich
mehr!“ Daelior schüttelte den Kopf und sagte: „Das meine
ich nicht. Von der Tatsache abgesehen, dass wir uns im Dunkel nicht orientieren
könnten – Orks schleppen ihre Beute in ihre Verstecke. Bei Morgengrauen
sind die Toten sicherlich schon unauffindbar“
Kühl schimmerten Daeliors grüne Augen im Sternenglanz
und wenig Mitgefühl klang in seiner rauen Stimme mit, obgleich er nicht
wirklich beabsichtigte, so distanziert zu wirken. „Was tun wir, wenn
Legolas und die anderen nicht zurückkommen?“, fragte Pippin ebenso
verzweifelt und Daelior schaute zu Lalaithwen hinüber, die bei den
Worten des Hobbits sichtlich zusammenzuckte. „Beschwört nicht
gleich Schlimmeres herauf, wir müssen uns gedulden...darin habt ihr
beiden aber nicht wirklich Übung, wie es mir scheint“, spöttelte
der Elb, was die beiden Freunde in ihrer Sorge alles andere als komisch
fanden.
„Merry, Pippin, könnt ihr mir bitte zur Hand gehen?“,
fragte Aragorn, der noch immer neben Ferrél kniete und emsig damit
beschäftigt war, die Blutung zu stoppen. Merry warf Daelior nur noch
einen vagen, erwägenden Blick zu, ehe er dem kleineren Hobbit folgte.
Der Elb sah das blutdurchtränkte Gewand des Boten und obgleich jener
stetig betonte, dass es ihm gut ging, kamen Daelior ernste Zweifel, ob Ferrél
so schnell wieder auf die Beine kommen würde. Unschlüssig stand
er inmitten des entstehenden Chaos. Und er fühlte sich unnütz
und mehr fehl am Platz als jemals zuvor. Lagor stieß ihn von hinten
an, schob ihn beinahe vorwärts, sodass sich Daelior ernsthaft dagegen
stemmen musste, um nicht vornüber zu straucheln. „Lagor, lass
das“, knurrte Daelior, klopfte dem Hengst den Hals und kontrollierte
die Fesseln des Tieres, um sicher zu gehen, dass es nicht verletzt war.
So gründlich er auch nachschaute, Daelior konnte nichts finden. Beruhigt
beugte er sich vornüber und zog aus einer Manteltasche ein Stückchen
Möhre, um den lästig werdenden Hengst ein wenig zu beschäftigen.
Dabei fühlte er einen seidenen Stoff an seinen Fingern,
der ihm im ersten Moment gänzlich unbekannt war. Als er schließlich
einen prüfenden Blick in die Tasche warf, erkannte er das feine, bestickte
Tuch Lalaithwens, das ihr einst vor den Toren von Gondors Hauptstadt aus
dem Umhang gerutscht war und welches er anschließend aufgehoben hatte.
Wofür eigentlich? Für einen Fetzen Stoff fand er nun wirklich
keine Verwendung, besonders nicht, wenn es so albern verziert war wie dieses.
Er schaute zu seiner Linken in Richtung Ferrél, um zu überprüfen,
ob man seine Hilfe bei der Verarztung des Elben benötigte. Merry hielt
ein kleines Säckchen, gefüllt mit getrockneten Athelasblüten,
in seinen Händen und wann immer Aragorn ihn dazu aufforderte, reichte
der Hobbit dem König den besagten Beutel, aus dem der Mann wieder und
wieder einzelne Blüten entnahm und gemeinsam mit dem Wasser aus der
Bergquelle sacht auf die Wunde tupfte, um diese zu reinigen.
Mit Erstaunen beobachtete Daelior die Professionalität,
mit der Aragorn den Verwundeten versorgte. Diese Vorgehensart erinnerte
ihn dunkel an die Heilkunst von Imladris, das er schon seit Jahren nicht
mehr gesehen hatte. Er wusste zwar, dass Aragorn Elronds Tochter geehelicht
hatte, aber dass der Mensch von dem Halbelben dem Augenschein nach ausgebildet
worden war, dies lag ihm fremd.
Wieder richtete der vernarbte Elb seine Aufmerksamkeit auf
Lalaithwen. Noch immer stand sie an der gleichen Stelle und starrte an den
Wachen vorbei in die klaffende Finsternis der Grotte. Unwillkürlich
stieß Daelior einen Seufzer aus. Diese Elbe konnte wirklich mit Leichtigkeit
aus der Ruhe gebracht werden. Sie schien nicht sehr viel Vertrauen in die
Kampftauglichkeit ihres Verlobten zu haben, wenn sie in solch besorgter
Pose auf seine Rückkehr wartete. „Warum setzt Ihr Euch nicht?“,
fragte er, bewusst eine größere Distanz zu ihr haltend. Vorsichtig
wand sich Lalaithwen um, ihr blondes Haar war in Schatten gehüllt und
nur zu erahnen war der sonst so helle Farbton ihrer Augen, denn ihr Gesicht
trug eine eiserne Miene und sie hielt den Kopf gesenkt, nicht aufrecht,
wie es sonst ihre Art war. „Was?“, fragte sie irritiert und
er wusste, dass sie ganz in Gedanken versunken war. „Euer Fuß.
Es ist besser, wenn Ihr ihn weniger belastet. Also setzt Euch, wir werden
wohl noch einige Stunden hier verbringen.“
Sie schluckte, drehte sich wieder um, um auf die gleiche,
bedrückend monotone Weise auf den Höhleneingang zu starren. Normalerweise
hätte sich Daelior unbekümmert abgewandt und es dabei belassen,
dass sie ihre Ruhe haben wollte. Normalerweise wäre es ihm egal gewesen,
was in ihr vorging. Aber was war schon normal in seinem verkorksten Leben?Er
trat an ihre Seite, immer noch einen größeren Abstand haltend,
aber so, dass sie ihn sehen konnte. Dann zog er seinen Dolch, hielt ihn
vor sich hin und streckte die andere Hand aus, ritzte die alte Narbe in
der blassen Haut wieder auf, bis Blut aus der Wunde hervorsickerte. „Was
tut Ihr da?“, stieß Lalaithwen entsetzt aus, als sie aus den
Augenwinkeln Daeliors Tun beobachtete. „Das könnt Ihr doch sehen,
also fragt nicht so einfältig“, sagte er und ballte die Hand
zur Faust, sodass nur noch mehr Blut aus der offenen Haut gepresst wurde.
Schmerzen spürte er keine. An den Stellen, an denen der Drache einst
die Wunden in Daeliors Körper geschlagen hatte und welche nun die Narben
zurückließen, fühlte der Elb kaum mehr einen Schmerz. So
empfindlich, wie ihn das Drachenblut auch machte, so betäubte es ihn
gleichzeitig. „Ich verstehe den Sinn nicht“, sagte sie und schaute
ihn stirnrunzelnd an.
Er lächelte. Er grinste nicht, nein, ein ehrliches Lächeln
lag auf seinen Zügen, das ihn viel jünger aussehen ließ.
„Seht Ihr. Genauso wenig verstehe ich den Sinn darin, was es bringen
soll, mit einem verstauchten Fuß zu stehen, obschon man sitzen kann.“Lalaithwen
hatte mit solch einer Antwort am allerwenigsten gerechnet. Aber Daelior
konnte überzeugende Argumente liefern. Immer noch etwas verblüfft
sah sie ihn an, suchte nach den richtigen, schlagfertigen Worten, die sie
ihm entgegnen konnte. Aber ihr wollte keines einfallen. Daelior war ihr
ein würdiger Gegner. „Setzt Euch schon hin“, forderte er
sie dann auf, was sie, nach einigem Zögern, letztendlich auch tat.
Auf einem niedrigeren, flachen und großflächigen Stein ließ
sie sich nieder, fühlte die Wärme, die das Gestein durch die direkte,
vermutlich ganztägige Sonneneinstrahlung gespeichert hatte und seufzte.
Daelior, der mit dem Rücken an ein größeres Felsmassiv lehnte
und den Blick Lalaithwens verfolgte, nestelte mit der unblutigen Hand in
seiner Manteltasche herum, bis er einen Zipfel des Tuches ergriffen hatte.
„Ich habe Angst um ihn“, wisperte sie so plötzlich, dass
er überrascht innehielt und die Hand noch nicht aus der Tasche zog.
Er sah, wie sich Tränen in ihren blauen Augen sammelten und wie sie
diese durch ein hastiges Wegwischen mit zittrigen Fingern zu verbergen versuchte.Verschämt
schaute Daelior zu Boden. Nein, in solchen Sachen war er wirklich nicht
gut. Er hatte nie selbst Trost erfahren und wusste ihn so nicht zu spenden.
„Habt Geduld. Euer Verlobter...hat im Ringkrieg gekämpft,
richtig? Dann wird er doch mit einer Hand voll Orks mit links fertig“
Nein, das hörte sich nicht sonderlich überzeugend und beruhigend
an, aber Daelior fiel nichts besseres in jenem Moment ein und er wollte
sie nicht weinen sehen, weil ihn dies hilflos und unsicher machte. Lalaithwen
verbarg ihre tränennassen Augen hinter ihrer Hand, presste die Lippen
fest aufeinander und versuchte so, sich zusammenzureißen. Sie wollte
nicht die Nerven verlieren und überhaupt – Daelior hatte Recht.
Legolas beherrschte die Kampfkunst wie kein anderer. Trotzdem war da diese
Angst, die wieder und wieder in ihr Gedächtnis zurückkam und jeden
optimistischen Gedanken noch im Entstehen in ihren grausigen Klauen zermürbte.
„Ich hätte mit ihm reden sollen...ich hätte...ich
hätte ihn niemals schlagen dürfen“, murmelte sie und verstand
selbst nicht, warum sie ausgerechnet Daelior so etwas erzählte. Sie
konnte sich bildlich vorstellen, wie er die Augen verdrehte und entnervt
von dannen schritt. Aber Daelior blieb. Und er verdrehte auch seine Augen
nicht. „Das was geschehen ist, kannst du nicht rückgängig
machen. Und rede nicht so, als würdest du ihn nie wieder sehen. Sicher,
wir werden noch einige Stunden hier wartend zubringen müssen, aber
das heißt nicht gleich, dass er in Gefahr schwebt“, Daelior
fühlte sich, als machte sich sein Mundwerk selbstständig und fragte
gar nicht mehr seinen Verstand, was er von diesen gewählten Worten
denn hielte. Vor allen Dingen wurde er sich dessen bewusst, dass er sie
mit „du“ angesprochen hatte, hoffte aber, dass sie dies nicht
wirklich bemerkt hatte. Er wusste, dass er ihr die Angst allein mit mühselig
zusammengeschacherten Trostworten nicht nehmen konnte und beschloss dann,
sie abzulenken. Zögerlich ließ er sich neben ihr nieder, zunächst
noch ein gutes Stück weit von ihr entfernt, dann aber rutschte er scheu
näher. Wieder fühlte er sich, als verbrannte ihn das Drachenblut
innerlich und wieder fragte er sich, wieso. Bis zum Tagesanbruch waren es,
der Dunkelheit nach zu urteilen, mindestens noch vier Stunden. „Du
hast etwas verloren, als wir Minas Tirith betraten...ich meine...Ihr habt...“,
begann er unsicherer denn je und Lalaithwen, noch immer Tränen in den
Augen tragend, schaute ihn verwundert an. „Lass nur, Daelior. Diese
Höflichkeitsfloskeln sind auch mir zuwider“, sagte sie leise,
ihre Stimme war ganz heiser. Er hielt inne und musterte sie mit seinen grünen,
schimmernden Augen. Sie staunte. Das war nicht der gleiche Daelior, der
ihre Suppe an den Ufern des Anduin absichtlich verschüttete. Und es
war auch nicht der Daelior, der abfällig und in unterkühltem Ton
mit ihr nur das Nötigste besprach.
Der laue Nachtwind umspielte sein silbern glänzendes
Haar, strich es aus seinem vernarbten Gesicht und wehte für einen Augenblick
leicht wie eine Feder im Wind. Dann, als erwachte er aus einem Traum, räusperte
er sich und schaute zu Boden, kramte etwas aus seiner Tasche hervor und
hielt der Elbe das seidene Tuch hin. Ihre Augen weiteten sich und zaghaft
zog sie das Tuch zu sich, berührte dabei kaum merklich die Hand des
Elben. Lange hielt sie das Stückchen Stoff in ihren zierlichen Fingern,
ein paar letzte Tränen rollten an ihren Wangen hinab.
„Ich wollte es dir schon früher zurückgeben...aber...ich
habe es immer wieder vergessen“, log er, denn eigentlich hatte er
es schlicht und einfach behalten wollen. Sie nickte tranceartig und fuhr
mit den Fingerspitzen die gestickten Formen nach. Es waren Schriftzüge
in Sindarin, die sie eingestickt hatte, umrahmt von geschwungenen Linien
aus Purpur und warmem, fast orangefarbenen Gelb.
„Ich habe es für Filegon gestickt“, sagte
sie eher zu sich selbst, als zu Daelior. „Warum ist es dann nicht
bei ihm?“, flüsterte er fast nur noch, schaute in ihr Gesicht,
anstatt auch nur im Geringsten auf das Tuch zu achten. „Weil ich es
ihm nie gegeben habe. Ich stickte es zu der Zeit, als er noch ein kleiner
Junge war und kaum aufrecht stehen konnte“, erinnerte sie sich lächelnd,
„Und außerdem machen sich Jungen doch nichts aus Tüchern,
oder?“, fragte sie und begegnete seinem undeutbarem Blick. Er grinste,
schüttelte dann langsam mit dem Kopf. „Danke“, murmelte
sie dann und er nickte.
Ein Waldkauz hatte sich in diese eher baumkarge Einöde
verirrt und saß auf dem kümmerlichen Ast einer uralten Tanne,
die ihre mit Nadeln bestückten Zweige wie ein Fächer schützend
über die Felsengruppe legte. Daelior schaute zu dem Vogel, doch nicht
etwa aus Neugierde, viel mehr, um Lalaithwen nicht die ganze Zeit über
anzustarren. „Filegon...ich mag mich irren, aber bedeutet dieser Name
nicht „Kleiner Vogel“?“, fragte der Elb, noch immer sein
Antlitz von ihr abwendend. „Ja“, entgegnete sie lächelnd,
„Ich habe ihn nach meinem...verstorbenen Bruder benannt“ Er
sah sie nun wieder an, runzelte die Stirn: „Bruder?“ Lalaithwen
schluckte und sagte: „Nun ja...eigentlich war er nicht blutsverwandt
mit mir. Aber ich liebte ihn wie einen Bruder“ Daelior musterte sie
neugierig, sah ihr an, dass ihr die Erinnerung an ihn noch wehtat, dennoch
konnte er die Frage, die ihm auf der Zunge brannte, nicht zurückhalten:
„Was ist geschehen?“ Er hörte, wie sie tief durchatmete,
das Tuch mit ihren Fingern sacht drückte. Er glaubte schon nicht mehr
daran, eine Antwort zu erhalten, als sie zu erzählen begann: „Alles
begann vor nunmehr dreißig Jahren, als ich mit Filegon und einem gemeinsamen
Menschenfreund nach Lothlorien aufbrach...“
~*~*~
Grau war der Morgen und mystisch tauchte der Nebel die Täler an den
Westfronten der Hithaeglir [*] in einen undurchdringlichen Schleier. Hätte
man auf den Gipfeln des Caradhras gen Nordwesten geblickt, so hätte
man die Nebelschwaden majestätisch von den kühlen Hängen
der Berge hinabsteigen sehen können. Märchengleich waren die Heidefelder
von dem vom Boden aufsteigenden Dunst eingehüllt, wie Weihrauch, langsam
und erhaben, stieg der Nebel über die noch schlummernden Halme des
Grases, als wollte er sie sanft aufwecken, damit sie den neuen Tag begrüßen
konnten. Es würde noch seine Zeit dauern, bis die ersten goldenen Sonnenstrahlen
den Rand des Horizonts überstiegen und die Nebelfelder mit honiggelben
Speeren zerschlugen. Traumgleich fiel das spärliche Licht der Morgendämmerung
über die hügelige Landschaft, ließ bizarre Schatten entstehen,
deren Konturen der Nebel zu verwischen wusste, so dass der Betrachter glaubte,
dass ihn seine Augen nur täuschten.
Haldir lenkte sein Pferd ein Stück talwärts, führte
es einen kleinen Abhang hinunter. Zu seiner Rechten türmten sich die
Ausläufer des Nebelgebirges zu schwindelerregenden Höhen auf,
wachten groß und mächtig über das wellige und bewaldete
Land. Arwen ritt an der Seite des lorischen Elben, sah sich gedankenverloren
in der Umgebung um. Keine Rast hatte sie mehr geduldet, seit der letzten
Pause, die nun mehrere Tage zurücklag. Nur ab und an, um die erschöpften
Pferde zu schonen, hatten sie ihre Rittgeschwindigkeit ein wenig gezügelt.
An den saftig grünen Hängen des Tals ritten sie
hinab, folgten dem Lauf eines breiten Baches, der einige Meilen gerade verlief,
dann aber skurrile Richtungswechsel einschlug, um nur kurz darauf in sich
selbst zu versiegen. Die Königin Gondors bestaunte die gedeihende Natur,
die sie und ihren Begleiter umgab. Hier war der Sommer kraftvoller, lebendiger
als in Gondor. Die Sonne und das Spiel des Regens kreierten eine Komposition,
welche die Umwelt gesund gedeihen ließ, alles in einer Harmonie gemeinsam
großzog, wie sie es schon lange nicht mehr erblickt hatte. Denn war
Gondor von einer zu kargen Felsenkette umschlossen, als dass eine reiche
Vielzahl an Pflanzen hätte gedeihen können. „Es ist nicht
mehr weit“, sagte sie an Haldir gewandt, dessen vorsichtiger Blick
die lichter werdenden Nebelschwaden verfolgte, als misstraute er diesem
idyllischen, von der Natur geschaffenen Garten. Gemächlich führten
sie ihre Reittiere entlang des Rinnsals, der ausgelassene und fröhliche
Gesang des Wassers beruhigte den Galadhrim ein wenig, wobei er seinen Argwohn
noch lange nicht ablegte. Ein Steg, dessen dunkles Holz den schmalen Übergang
der beiden Ufer bildete, wurde alsbald vom fahlen Atem des Morgens befreit,
Tautropfen glitzerten gülden und auberginefarben auf den müden
Grashalmen, als die Sonne endlich nach und nach ihren Thron erklomm und
ihre wärmenden Strahlen über das Land schickte.
„Gibt es eine Menschensiedlung in der Nähe?“,
fragte Haldir erstaunt, als er die kleine Brücke bemerkte, deren äußerst
morsche Trittfläche sich verhängnisvoll für denjenigen auswirken
konnte, der unbesorgt darüber hinwegschritt. Die zartviolette Kapuze
ihres Umhanges, der ihr bis zu den Knöcheln hinabreichte und dem reinen
Indigo ihres königlichen Gewandes im zarten Kontrast gegenüberlag,
rutschte ein wenig zurück, als sich Arwen ebenso verwundert umschaute.
„So lange“, begann sie und Haldir glaubte in ihren schönen
Zügen einen Ausdruck der Traurigkeit zu erkennen, „War ich schon
nicht mehr hier...alles verändert sich, selbst die unbeugsame Natur...
. Rasch nun, Haldir. Uns bleibt keine Zeit zu verweilen“, lenkte sie
schließlich von ihrem Schwermut ab und trieb ihr Pferd zu einem schnelleren
Trab an.
Das weißblonde Haar des lorischen Elben tanzte im Wind,
sein Bogen, der auf seinem Rücken ruhte, regte sich kein Bisschen,
war festgeschnallt wie der edle, elfenbeinerne Köcher, dessen verspielte
Verzierung ein kleines Kunstwerk für sich darstellte. Einst hatten
ihn die Elben Lothloriens gefertigt, all die Schönheit und Anmut des
Goldenen Waldes reflektierte dieser Köcher wie ein Spiegel. Glatt und
rein fühlten sich die zierlichen Konturen der säuberlich geschnitzten
Vertiefungen auf seiner Oberfläche an, so dass man stets glaubte, mit
den Fingerspitzen über ganz junges, weiches Holz zu streichen, wenn
man ihn berührte. Silbern schimmerte der Bogen im blassen Licht der
Morgensonne, blendete alles und jeden, der den Blick auf den Galadhrim gerichtet
hatte. Haldir versuchte sich seelisch darauf vorzubereiten, wie es sein
würde, Bruchtal zu betreten, die einstige Wohnstätte von Herrn
Elrond und seiner Familie wie auch Herbergesuchenden. Immer wieder kam ihm
die gedankliche Assoziation in den Sinn, wie Loriens Blätterdach langsam
aber sicher zerfallen würde und alle Arten elbischer Baukunst bald
nur noch Relikte längst vergangener Zeit sein würden. Die Statuen,
welche aus weichem Fels gefertigt worden waren, würden an ihren steinernen
Gewändern Risse bekommen, Moos würde die feuchten Teile des der
Witterung ausgesetzten Gesteins bekleiden und nichts würde den allmählichen
Zerfall bremsen, oder gar gänzlich aufhalten können. Und er? Würde
er in Valinor wahrlich Seelenruhe finden? Haldir konnte sich nicht vorstellen,
dass er die Erinnerung an den Goldenen Wald jemals ablegen können würde.
Schattig und kühl waren die Landstriche unter dem natürlichen
Schild des Nebelgebirges und hier, wohin die wonnigen Sonnenstrahlen noch
keinen Weg gefunden hatten, lag ein Meer von Nebel vor ihnen. Es war, als
könne man seine Stiefel und Kleider ablegen und in dem kühlenden
Nass aus weißen und grauen Dunstschleiern eintauchen, sich für
einen Moment einfach fallen lassen. Haldir grinste schief bei jenem Einfall.
Es war ein überaus verlockender Gedanke, aber Arwen würde sicherlich
mehr als verwundert dreinschauen, wenn der ernste Hauptmann der Galadhrim
plötzlich splitterfasernackt in einen Hauch aus seidenen Nebelschwaden
tauchte. Nein. Das war ganz und gar nicht elbisch. Schnell verwarf er diese
alberne Idee und folgte stattdessen der Königin.
Nachdem gut eine Stunde vergangen war und eine besinnliche
Ruhe zwischen den beiden Elben herrschte, hatten Haldir und Arwen ein großes
Stück der Wegstrecke zurückgelegt.Blassgrün schimmerten die
Wipfel der Bäume, deren große, schlanke Stämme weit in den
Himmel hinaufragten, als versuchten sie mit ihren weitgefächerten Kronen
das Sonnenlicht wie ein Schirm aufzufangen. Von weither hörte Haldir
Wasser rauschen, bei weitem lauter und kraftvoller als der Waldbach, dem
sie ein Stück weit gefolgt waren. Konnte es denn tatsächlich möglich
sein, dass er die Bruinen Furt hörte? Waren sie ihrem Ziel wirklich
schon so nah?
Er schaute zu Arwen, deren helle, blaue Augen fast von kindlicher
Freude erfüllt waren. Ein Ausdruck, den Haldir noch nie im Antlitz
der Elbe gesehen hatte. „Hört Ihr es auch, Haldir?“, fragte
sie kurz darauf, mit den zarten, blassen Händen fester die Zügel
umfassend und Haldir wunderte sich über die wachsende Nervosität
der Königin, die sonst so souverän und ruhig war. Der blonde Elb
nickte, worauf sie lächelte, ihre Augen schienen heller zu strahlen
als das Licht des Abendsterns selbst. Unfähig, auch nur ein Wort in
jenem Moment zu äußern, folgte er Arwen auf den ihr bekannten
Pfaden im geschwinden Galopp.
Immer weiter hinab in die Senken führte sie ihr Weg,
als die Sonne langsam höher stieg. Dem lauten Rauschen der Bruinen
Furt entgegen ritten sie noch eine gute Stunde, ehe das tosende Wasser in
Andacht verstummte, als Arwen Undómiel ihren heimischen Gefilden
nahe war. Noch hatte es die Wärme des Tages nicht vermocht, den Nebel
aus Bruchtal zu vertreiben, aber Haldir glaubte tief in seinem Herzen, dass
sie vermutlich nie aus der ehemaligen Zuflucht der Elben entschwinden würden.
Wie Trauerweiden senkte der Nebel sein Haupt über dem geweihten Boden.
Arwen stieg von ihrem Pferd, was Haldir ihr gleich tat, die Tiere an den
Zügeln ergreifend und mit sich führend. Er verstand, dass sie
den Ort, der ihr ganzes Leben lang ihr Zuhause gewesen war, zuerst betreten
musste und Haldir räumte gedanklich ein, dass sie auch etwas Zeit für
sich benötigen würde.Dennoch ging er schnellen Schrittes über
den weichen Untergrund, bis die Mauern von Imladris aus dem Nebel auftauchten
wie die Ruinen einer längst verlassenen Spukstadt.
~*~*~
Jolly lernte kennen, was es hieß, zu marschieren. Er war müde,
seine Beine schmerzten fürchterlich, wie seine linke Seite, in die
er mehrmals getreten worden war, wenn er einmal stolperte und wehrlos am
Boden lag. Seine Hände hatte man ihm fest auf dem Rücken verbunden,
dass er manchmal Mühe hatte, nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Weißgolden blendete ihn der aufgehende Feuerball am
östlichen Horizont, dem sie rege entgegenmarschierten. Jolly fragte
sich, ob seine Freunde überhaupt gehört hatten, dass sich die
Ostlinge ihrem Lager näherten. Aber er hoffte inständig, dass
sie den Spuren zu folgen vermochten, die er hinterließ. Er hatte Angst,
große Angst. Besonders als er gefragt worden war, ob er allein dort
gewesen wäre. Jolly war es so vorgekommen, als konnte der eine, den
sie Vyân nannten und der wahrhaft ein Riese von einem Mann war, riechen,
dass er die Soldaten anlog. Immerzu waren es seine dunkelbraunen, fast schwarzen
Augen gewesen, die ihm misstrauische Blicke zuwarfen. Jolly hatte gefragt,
was sie mit ihm zu tun gedachten, sich innerlich gegen die Möglichkeit
wehrend, doch nicht von seinen Freunden errettet zu werden. Larn, der Hauptmann
des Trupps, hatte ihm daraufhin hart ins Gesicht geschlagen und geschrieen,
er solle gefälligst nur dann sein verdrecktes Maul aufmachen, wenn
ihm jemand den Befehl gab, es zu tun.
Blut, das wie eine Antwort auf Larns Schlag aus Jollys Nase
gelaufen war, trocknete nun sehr langsam auf der Oberlippe des Jungen. Bitter
und metallisch schmeckte es, verursachte ein Gefühl der Übelkeit
in seinem Körper und Jolly wünschte sich, er hätte in jenem
Moment Gift und nicht sein eigenes Blut geschluckt, damit diese Qual alsbald
ihr Ende finden mochte. Aber Jolly ahnte noch nicht, dass dies bei weitem
nicht das schlimmste sein würde, das er durchstehen musste. Selinas
Bruder hätte alles dafür getan, um nur eine freie Hand zu haben,
um das Blut aus seinem Gesicht zu wischen und gleichsam das ekelerregende
Gefühl loszuwerden, das er verspürte, als das Blut sogar an seinem
Kinn hinabtroff und nun klebrig und vermengt mit Rotz auf der Haut trocknete.
Es brannte mörderisch, als Schweißperlen die noch schmerzende
Wunde überrollten. Wieder und wieder wurde er geschubst, angetrieben,
schneller zu gehen. Wohin der Weg sie führte, das wusste Jolly nicht.
Wenigstens hatte man ihn nicht auch noch geknebelt, denn durch die Nase
vermochte er kaum noch zu atmen.„He, sag, kannst du reiten?“,
rief ihm Larn grimmig zu und unwissend, weshalb der Anführer diese
Frage stellte, nickte Jolly vorsichtig. „Du willst ihn doch nicht
reiten lassen!“, grollte sogleich Vyân, Jolly gefährlich
anblitzend.
„Er nützt uns nicht mehr, wenn er am Ende seiner
Kräfte ist und wie ein räudiger Köter im Lager krepiert“,
zischte Larn und schubste Jolly weiter voran, so dass dieser beinahe einen
anderen, mit einer schweren Rüstung bestückten Ostling angerempelt
hätte.
Der Junge konnte nicht verstehen, was diese Männer mit
reiten meinte, denn nirgends konnte er ein Reittier ausmachen. Oder waren
sie auf dem Weg zu einem geheimen Lager? Einem Halt, an dem sie Reittiere
und Wegzehrung versteckten? Jolly biss sich auf die Unterlippe. Wenn dies
der Fall sein sollte, wurde die Chance immer kleiner, dass Filegon und die
anderen die Ostlinge einholen und ihn befreien konnten.„Du sollst
dich bewegen!“, brüllte Vyân, rammte Jolly mit einem kräftigen
Hieb den langen Stiel seiner Axt in das Rückgrat. Jolly sah einen Augenblick
lang nur Sterne vor den Augen, ehe er fühlte, wie seine Beine unter
dem eigenen Körpergewicht nachgaben und er kurz darauf den glühenden
Sand in seinem Mund schmeckte, als er hart auf dem Boden aufschlug.
Er drohte zu ersticken, da er unfähig war, sich auf die
Seite zu drehen und seinen Mund von den dichten Sandkörnern zu befreien,
frische Luft zu atmen. Er hustete in seiner Verzweiflung, fühlte sich
wie ein Fisch am trockenen Ufer, hilflos und dem Tode nah. Wieder erfolgte
ein Schlag mit dem Axtgriff, diesmal jedoch nicht so fest wie zuvor. „Steh
auf, du Weichling!“, grollte Vyân, der allem Anschein nach Spaß
daran gefunden hatte, Jolly zu drangsalieren. „Dazu solltest du ihm
erst einmal die Gelegenheit geben“, stellte ein anderer Ostling fest,
der Jolly noch gar nicht aufgefallen war. Er trug eine Rüstung wie
alle anderen, nur war sein Kettenhemd von geringerer Dichte, seine Statur
schmaler und kleiner als die der anderen. Der Mann trat direkt vor Jolly
und der Junge presste die Lider fest zu, erwartete schon den nächsten
Hieb gegen seinen geschundenen Körper.
Aber Jolly fühlte stattdessen nur, wie ein Schatten über
sein Gesicht fiel, das grelle Licht der Morgensonne verdrängte, seine
Augen vom brennenden Schmerz befreite. „Na komm schon“, sagte
der Unbekannte, zwar nicht im freundlichsten, aber gleichsam nicht im harschen
Tonfall. Der Junge wagte es, vorsichtig aufzuschauen, die groben Körner
des Sandes bohrten sich in seine zarte Haut, hinterließen deutliche
Abdrücke, wenn sie endlich von ihm abließen. Glatt, doch gleichzeitig
robust war der Stiel der Axt, der ihm von dem fremden Ostling entgegengehalten
wurde. Jolly sah in die Augen des Mannes, die vom kältesten Grau waren,
das er je zu Gesicht bekommen hatte. Eine tückische List in dieser
freundlichen Geste vermutend, zögerte der Bursche einen Augenblick
lang. Doch als ihm klar wurde, dass es nicht länger mehr darauf ankam,
wie oft er geschlagen werden würde, nickte er schwach.
Der Fremde schob daraufhin den Stiel in den schweißnassen
Hemdkragen des Jungen, Jolly erschauerte, als er das kühle Holz auf
seinem schmerzenden Rücken spürte, als der Fremde ihn somit auf
seine Knie zerrte.
„Aufstehen kannst du aber alleine, oder soll ich das
auch noch für dich erledigen?“, fragte er und einige Soldaten
lachten daraufhin. Einige, bis auf Vyân, der den hilfsbereiten Ostling
zornig anfunkelte. Jolly schüttelte den Kopf, zwang sich auf seine
zittrigen Füße. Auf solch eine Art und Weise war er noch nie
auf die Beine geholt worden. Aber was blieb ihm anderes übrig, wenn
seine Hände gefesselt waren? „Und jetzt geh weiter, beim nächsten
Mal dient meine Axt vielleicht zu etwas ganz anderem“, sagte der Ostling
und Jolly ging weiter trotz der Pein, die durch seine Glieder fuhr. Hinter
seinem Rücken hörte er nur Vyân knurren: „Pejou, was
soll das? Bist du seine Amme?“
Pejou. Diesen Namen würde Jolly sich sehr gut merken,
denn ihm galt vorerst sein Dank.
~*~*~
Filegon wartete. Und das Warten erschien ihm wie eine schreckliche Folter.
Selina hatte ihm gesagt, dass die Krähen nicht sofort kommen würden,
dass sie vielleicht sogar Tage bräuchten, um zu ihr zu kommen. Aber
der Elb wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, wenn er und seine Freunde
Jolly befreien wollten. Er saß bei dem umgestürzten Baumstamm,
das schöne Gesicht hinter den geschmeidigen Händen verbergend.
Alles schien ihm innerhalb der vergangenen vierundzwanzig Stunden über
den Kopf zu wachsen. Einfach alles. Eldarion war immer noch wutentbrannt,
hatte kein einziges Wort mehr gesprochen, seit Jollys Entführung. Seiner
Meinung nach hätten sie eingreifen müssen. Seiner Meinung nach
wäre dies die einzige Chance gewesen, Jolly lebendig aus den Fängen
der Ostlinge zu befreien. Seiner Meinung nach wäre es für alle
Beteiligte besser gewesen, wenn sie gar nicht erst in dieses waghalsige
Abenteuer gestartet wären.
Aber die Zeit konnte man nicht zurückdrehen. Alles musste
sich binnen Sekunden entscheiden und jede Handlung konnte das Schicksal
in andere Bahnen lenken. Filegon hörte, wie Tari mit Naru sprach, ihm
vermutlich gerade über den Kopf strich, doch fühlte sich der Elb
nicht in der Lage, aufzuschauen und die Angst und Trauer in den Augen seines
sonst so aufgeweckten Freundes zu sehen. Es brach ihm das Herz und brachte
ich dazu, sich schuldig an der ganzen Misere zu fühlen, die sich hier
abspielte. Selina war es, die sich schließlich zu Filegon gesellte.
Sie war diejenige, die eigentlich am wütendsten auf ihn hätte
sein müssen, aber sie setzte sich neben ihn auf den Stamm, starrte
in die sich nach und nach auflösende Dunkelheit.
„Sie sind in unserer Nähe“, sagte sie so
leise, dass selbst Filegon Mühe hatte, das Mädchen zu verstehen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit gaben seine Hände das Gesicht des Elben
frei und seine eisblauen Augen musterten Selina verwundert. „Die Krähen?“,
fragte er mit heiserer Stimme und sie nickte.Filegon wollte nicht ungeduldig
erscheinen, wollte seine Nerven beieinander halten. Aber selbst einem Elben
wurde diese Situation zu viel. Vor allen Dingen, wenn er noch so jung war
wie Filegon. „Warum...warum benötigen sie so viel Zeit, um zu
uns zu gelangen?“, glitt ihm die sich in ihm aufdrängende Frage
über die weichen Lippen. Er sah, wie Selina zitterte, als sie ein leises
„Ich weiß es nicht“ von sich gab. Filegon seufzte. Er
hätte sie niemals so gereizt zurechtweisen sollen. Sie war noch ein
Kind, war sich ihrer Handlungen noch nicht gänzlich bewusst. Behutsam
löste er den Umhang von seinen schmalen Schultern und legte ihn wie
eine wärmende Decke über Selinas Rücken. Ihre Augen bargen
einen dankbaren Ausdruck, doch kleine Tränen sammelten sich sogleich
darin, die ihre kindliche Schönheit auf eine seltsame Art und Weise
nur noch unterstrichen. „Nicht weinen“, wisperte Filegon, den
einzig Selina so zu erweichen vermochte. Er streifte mit seinem Daumen ihre
Wange, fing die ersten kleinen, salzigen Perlen auf, die sich aus ihren
Wimpern zu lösen ersuchten. „Ich hab Angst“, wimmerte sie,
lehnte sich schutzsuchend an Filegons Schulter, der überrascht innehielt,
dann aber seinen Arm enger um ihren kleinen Körper legte, sich sanft
zu ihr herabbeugte. „Ich weiß. Mir geht es genau so“,
flüsterte er in ihr Haar. „Sie tun Jolly weh. Ich hab ihm nie
gesagt, wie lieb ich ihn doch hab“, sie schluchzte, ihr Leib bebte,
als heiße Tränen an ihren Wangen hinabkullerten.
„Er will bestimmt nicht, dass du weinst, Selina. Das
weißt du doch“, murmelte Filegon mit erstickter Stimme, musste
selbst gegen Tränen ankämpfen. „Die Kra-Kras“, begann
sie zu stammeln und der Elb gab ihr Zeit, die richtigen Worte zu finden,
strich mit seinen Fingern über den Zopf, den er ihr vor kurzem noch
geflochten hatte, die Rose, die ihm Eldarion gegeben hatte, war schon ein
wenig verrutscht, „Ich glaube, sie kommen nicht“, endete sie
ihren mutlosen Satz.
„Aber Selina, warum sollten sie plötzlich deinem
Ruf nicht folgen?“, Filegon versuchte, seine Furcht zu verbergen,
die er immer noch gegenüber dem Mysterium empfand, das Selina umgab.
„Ich bin nicht in Gefahr...ich glaube, sie kommen nur, wenn mir jemand
Böses will“, sagte sie und schluckte, „Ich wünschte,
die bösen Männer hätten mich anstelle von Jolly mitgenommen!“
Der Elb zog sie näher an sich, hielt sie ganz fest. „So etwas
darfst du nicht sagen, Selina. Die Krähen kommen noch...ganz bestimmt“
Auch wenn ihm nicht wohl war bei den Worten, die er sprach, erhoffte er
sich so, Selina trösten zu können. Aber sie schüttelte den
Kopf, flüsterte: „Sie begleiten uns. Aber sie tun nichts, wenn
nicht ich in Gefahr bin. Weißt du noch, in den eklig, matschigen Sümpfen?“
Filegon nickte vorsichtig, mit Grausen an die Nacht zurückdenkend,
in der sie die Ruhe der Toten gestört hatten und um ein Haar dafür
bezahlt hätten. „Ich hab um Hilfe gerufen, aber weil ich selber
Angst um mich hatte“, gestand sie fast beschämt.
Der Elb wollte daraufhin etwas erwidern, doch ehe ein Laut
seiner Kehle entweichen konnte, hörte er Eldarion rufen: „Filegon...wir
bekommen Besuch!“ Sacht entließ er Selina aus seiner Umarmung,
schon sicher, am Horizont eine Horde von Krähen zu erblicken. Doch
stattdessen bot sich ihm, als er an die Seite des gondorischen Prinzen getreten
war, das Bild zweier Reiter, die aus einiger Entfernung in ihre Richtung
ritten. „Wer...?“, murmelte Filegon und Eldarion, ohne ihn anzusehen,
sprach seine Befürchtungen offen aus: „Unsere beiden Spielfreunde...sie
müssen uns gefolgt sein!“
Filegon verwünschte den Abend, an dem Tari sich auf das
gefährliche Kartenspiel mit den beiden Halunken eingelassen hatte,
wandte sich dann zu Tari um und rief: „Schnell, wir müssen aufbrechen.
Das nächste Problem ist schon im Anmarsch!“ Tari erhob sich geschwind,
warf den beiden Jungen einen fragenden Blick zu, murmelte: „Aber ich
dachte, wir warten auf die Krähen. Warum sollen wir plötzlich
vor ihnen wegreiten?“
Naru stellte sich vor sein Herrchen, die grauen Ohren waren
dicht an den mächtigen Kopf des Hundes angelegt. „Nicht die Krähen
sind hier...sondern Zakwa und Reevo“, sagte Eldarion, geschwind sein
Schwert am Gürtel sichernd und zu den Pferden tretend. Vorher wand
er sich noch einmal an Filegon, fragte: „Willst du mit denen im Rücken
weiterreiten? Nicht einmal ihnen wagst du dich zu stellen?“ Der Elb
atmete tief durch, schaute zu den Ebenen, auf denen sich zwei dunkle Silhouetten
abzeichneten. „Wir können sie noch abhängen“ Eldarion
schüttelte mit dem Kopf, murmelte nur so etwas wie „Ich glaube
nur, du rennst feige vor Gefahr davon“ und schwang sich auf sein Pferd.
Filegon presste die Lippen zusammen, wollte Eldarion noch
etwas entgegnen, aber er empfand es als wichtiger, seine Freunde in Sicherheit
zu bringen, anstatt sich eine weitere Konfrontation mit Eldarion zu liefern.
„Schnell Selina!“, sagte Filegon eilig, zu ihr tretend und das
Mädchen in seine Arme hebend, schnell zu seinem Pferd gehend und das
Kind darauf hievend. Tari war noch immer wie in Trance, wegen der Entführung
seines Freundes, brachte sich aber dazu, ebenso schnell zu reagieren, seine
Sachen zu packen und auf den Rücken seines Pferdes zu klettern. „Wie
groß ist unser Vorsprung?“, fragte Eldarion den Elben, der einen
abwägenden Blick über seine Schulter warf. „Von dieser Entfernung
aus schätzungsweise eine Stunde. Wir müssen galoppieren...und
dürfen in jüngster Zeit keine Pause machen“, mit diesen
Worten schwang er sich hinter Selina auf das Pferd und gefolgt von den anderen
gab er seinem Reittier die Sporen, galoppierte der Morgendämmerung
entgegen.
~*~*~
Eine Drossel reckte ihr graues Köpfchen neugierig dem seichten Morgenwind
entgegen und unterbrach ihr morgendliches Ständchen an den neugeborenen
Tag, als sie die anmutigen Elben erblickte, welche die verlassene Stätte
von Imladris betraten. Eine halbe Ewigkeit schien für sie vergangen
zu sein, seit sie zum letzten Mal einen vom Schönen Volk gesehen hatte
und heute traten gleich zwei an den Ort, an dem der Elbengesang verhallt
und kein fröhliches Lachen mehr hören war. Arwen wandelte traumgleich
über das Mosaik aus farbigen Steinen, das zu der großen Treppe
führte, die wiederum den Weg zu den ehemaligen Gemächern ihres
Vaters ebnete. Haldir befreite die Pferde von ihrem Zaumzeug. An diesem
noch immer friedlichen Ort drohte ihnen keine Gefahr und ohne Sorge konnte
er die Tiere hier grasen lassen, während Arwen ihre frühere Wohnstätte
betrachtete, wehmütig durch die verlassenen Hallen schritt und in schmerzlichen
Erinnerungen schwelgte. Ihr Kleid streifte die Grashalme und ihre Schritte
hinterließen leichte Spuren auf dem Untergrund. Haldir lächelte
traurig.
Die Fähigkeit, mit Leichtigkeit über jeden Boden
zu schreiten, ohne einen Fußabdruck zu hinterlassen, mochten die Valar
ihr genommen haben, doch ihre Schönheit würde stets unsterblich
bleiben. Der Elb warf einen Blick in den Beutel, in dem das Buch lag. Arwen
hatte darauf bestanden, es mitzunehmen. Doch noch immer hatte sie geschwiegen,
ihm nicht den Grund hierfür erklärt.
Marmorne Säulen, an denen sich verwildernde Büsche
heraufdrängten, hielten noch immer die kunstvollen, leicht gebogenen
Dächer, unter denen sich ebenmäßige Arkaden aneinander reihten,
fensterlos jedem Gewächs Einlass gewährten. Fast unheimlich war
der Klang von Arwens widerhallenden Schritten auf dem steinernen Untergrund,
als sie die Empfangshalle betrat. Noch immer schmückten hauchdünne,
rötliche Vorhänge den Eingang, nur geisterhaft wiegte sie der
Wind auf seinen warmen Schwingen. Haldir hörte Arwen leise seufzen,
sah, wie ihre zierliche Hand beinahe zärtlich über den Rahmen
der breiten Tür streichelte, die zur großen Bibliothek ihres
Vaters führte. Inmitten des großen Raumes führte eine hölzerne
Wendeltreppe hinauf in ein zweites Stockwerk.
„Was glaubt Ihr, hier zu finden, meine Königin?“,
fragte der Galadhrim leise und als hätte er sie aus ihren Tagträumen
geweckt, schaute sie sich überrascht zu ihm um. Seine schmale Gestalt
wurde vom weichen Licht des Morgens umschmeichelt, goldene Sonnenstrahlen
flochten schimmernde Strähnen in sein langes, blondes Haar. Arwen lächelte
bei dem sich ihr darbietenden Anblick. So ernst und arrogant, wie er manchmal
wirkte, so unnahbar und distanziert, so war er doch gleichzeitig von Herzenswärme
und Loyalität erfüllt, die man ihm nicht sofort ansah. Doch wie
bei einem jeden lebenden Wesen unter Erus wachen Augen gab es noch etwas
auf dem zweiten Blick zu entdecken. „Ich glaube, dass mein Vater ein
zweites Exemplar des Buches besaß, das wir aus der Bibliothek Minas
Tiriths mitgenommen haben.“, sie streckte ihren Arm aus, deutete Haldir
so, ihr das Buch auszuhändigen, was er sogleich tat. „Ihr erhofft,
den Beweggrund des Weggehens Eures Sohnes durch die fehlende Seite herauszufinden“,
schlussfolgerte Haldir richtig. Arwen musterte den Elben aufmerksam, der
Duft von wildem Lavendel hüllte das große Gemach ein, vermengte
sich mit dem Geruch von alten Büchern. „Versteht mich bitte nicht
falsch, Haldir, aber ich würde es begrüßen, wenn Ihr mich
für eine Zeit allein ließet“, sagte sie in höflichem
Ton, doch in ihren Augen schimmerte ein bestimmender Glanz, der den lorischen
Elben gehorchen ließ.
Er verbeugte sich vor ihr, ehe er sich umwandte und aus der
Bibliothek trat, die Königin darin zurückließ. Kaum war
sie allein in den Räumlichkeiten, legte Arwen ihren Mantel ab, legte
ihn behutsam über die Lehne eines Stuhles, auf dem Elrond früher
immer zu sitzen pflegte, wenn er seine Studien durchführte. Dann glitten
ihre Finger über den ledernen Einband des Buches. Sie fühlte die
Schriftzeichen, die hineingestanzt worden waren, roch die vergilbten Seiten
förmlich. Dann blätterte sie eilig in dem Schriftstück, bis
sie jene Seite gefunden hatte, die herausgerissen worden war und nur einzelne,
unsauber gerissene Papierfetzen in der Buchmitte hinterlassen hatte. Arwen
wusste nicht mit Sicherheit, ob sie den Band unter den vielen hundert Büchern
ihres Vaters finden würde, aber ihr Herz flüsterte ihr zu, dass
sie Aragorn somit bei der Suche nach den Kindern behilflich sein könnte.
Haldir hatte sich derweil auf einer steinernen Bank eines
Pavillons niedergelassen, von wo er aus die kleine Brücke sehen konnte,
unter der die mächtigen Strömungen der Bruinen Furt entlang schnellten.
Der Nebel tauchte fast ins rasende Nass, während sich die lieblichen
Sonnenstrahlen dieses heißen Sommertages im klaren Wasser zu einem
winzigen Regenbogen brachen, ihn in allen nur erdenklichen Farbnuancen aufleuchten
ließen.
Haldir stieß einen tiefen Seufzer aus und lehnte sich
weit zurück, streckte die müden Beine längs aus und schloss
seine Augen. Er fühlte, wie ihn die Wärme wie ein schützender
Mantel umgab und seine Sinne waren trunken von dem betäubenden Duft
der Lavendelsträucher. Ab und zu wehte ein laues Lüftchen durch
sein Haar, trug den Duft der Freiheit an ihn heran. Haldir liebte den Sommer
und seine Lebendigkeit. Und dennoch, umarmt von der Schönheit der Natur
und Einzigartigkeit dieses Ortes, fühlte sich der Elb leer und einsam.
Er liebte sein Volk mehr als alles andere, sogar mehr als sich selbst und
er musste mit ansehen, wie alle, für die er tiefe Freundschaft und
Zuneigung verspürte, nach und nach aus seinem Leben verschwanden. Und
er selbst? Würde er die Ewigkeit einsam zubringen, noch lange mit ansehen,
wie Lothloriens Wälder starben? Der Elb glaubte nicht, dies verkraften
zu können. Vorsichtig schlug er die Lider auf, gab seinen Augen Zeit,
sich an das ihn beinahe blendende Sonnenlicht zu gewöhnen, das über
den Wipfeln der Bäume hervorblitzte. Er konnte Legolas‘ Entscheidung,
dem Thron Eryn Lasgalens zu entsagen, nie verstehen. Bis zu jenem Moment.
Lalaithwen war nicht nur eine Liebelei für ihn, wie es Haldir immer
geglaubt hatte. In den Augen seines Freundes hatte er einen Ausdruck gesehen,
der ihm früher fremd gewesen war. Immer dann, wenn er sie ansah.
Ja, Legolas war ein Glückspilz – adelig geboren
und einer der besten Bogenschützen, den das Volk der Eldar jemals hervorgebracht
hatte, noch dazu verlobt mit seiner wahren Liebe. Haldir wusste, dass dies
alles über der Macht stand, die ein König auszuüben gewillt
war. Und er verstand nun auch, wieso sich Legolas vor seiner Verantwortung
so scheute. Es würde nach ihm keinen König von Eryn Lasgalen geben.
Denn alle Elben verließen Mittelerde und Haldir konnte gut nachvollziehen,
dass sich Legolas nicht imstande fühlte, dem gleichen Sterben zuzusehen,
wie es dem Galadhrim vorbestimmt war. Außerdem war da noch Legolas‘
Vater, König Thranduil, der einst mit Erzürnen und Enttäuschung
das Fortgehen seines Sohnes verfolgt hatte. Haldir hoffte für seinen
langjährigen Freund, dass dieser Bruch zwischen Vater und Sohn bald
getilgt werden konnte.Seinen weitschweifenden Gedanken nachgehend, bemerkte
Haldir zunächst nicht, dass Arwen aus den kühlen Hallen Bruchtals
zu ihm in den Pavillon trat. Ein sanftes Lächeln schmückte ihre
erhabenen Züge, als sie Haldir so gedankenversunken dasitzen saß.
Ihr missfiel es fast, ihn anzusprechen, dennoch tat sie es, weil es die
Umstände unbedingt erforderten.
„Verzeiht, wenn ich Euch störe, Haldir“,
begann sie leise und der Galadhrim schaute überrascht zu ihr auf, schalt
sich selbst einen Augenblick lang dafür, so unachtsam gewesen zu sein,
„Aber ich fand, wonach ich suchte“, sprach sie dann leiser,
reichte dem Elben das Buch ihres Vaters, das, bis auf den Einband, dem anderen
täuschend ähnlich war. Haldir begab sich in eine aufrechte Sitzposition
zurück und schlug das Buch auf. „Ich glaube zu wissen, wohin
es die Kinder zieht. Und ich bitte Euch erneut um einen großen Gefallen!“
Haldir beunruhigte der Ernst in ihrer klaren Stimme und ihr Blick verriet
ihm, dass dieser „Gefallen“ mehr von ihm forderte, als nur die
Begleitung der Königin... .
~*~*~
„Und dann...ging ich nach Ithilien“, endete Lalaithwen ihre
Erzählung, der Daelior schweigend, doch alles andere als desinteressiert
zugehört hatte. Der Morgen graute im Osten, hüllte die Emyn Muil
in ein schauderhaftes Licht. „Wieso...ich meine...warum hat er dich
gehen lassen?“, Lalaithwen glaubte fast, Ärger in seiner Stimme
zu hören und schaute ihn verwundert an.
„Weil ich ihn darum gebeten habe“, sagte sie und
er legte die Stirn in tiefe Runzeln, als wolle er nicht wahrhaben, dass
ausgerechnet sie sich für diesen Weg entschieden hatte. Solle einer
diese edlen Elben verstehen! „Und wie...wie...habt ihr wieder zueinandergefunden?“,
fragte der vernarbte Elb leise. Lalaithwen war aufgefallen, wie zurückhaltend
und stockend er sprach, wenn er ihr Fragen stellte, als fürchtete er,
sie durch seine manchmal forsche Wortwahl zu beleidigen. „Er...“,
begann sie, als urplötzlich Gimlis lautes Lachen erschallte und Lalaithwen
sogleich aufsprang.
Alle im Lager wandten sich zum weiten Höhleneingang um,
die Wachen ließen erleichtert ihre Schwerter zu Boden sinken, als
die Silhouette zweier Pferde, zweier Elben und der kleine Schatten einer
fülligen Person sichtbar wurde. „Du kannst unmöglich zweiunddreißig
haben, Thíluil...du bist doch noch grün hinter den Ohren...oder
du hast geschummelt, wie ihr Elben es gern mal tut!“, hörte Lalaithwen
Gimli brummen. „Nenn es Anfängerglück, aber zweiunddreißig
sind meiner Rechnung nach mehr als dreißig und erstrecht mehr als
siebenundzwanzig!“, lachte Thíluil. „Ich hatte nicht
genug Freiraum auf dem Rücken eines Pferdes, wenn Legolas mir den Weg
versperrt!“, verteidigte sich der Zwerg. „Früher hattest
du damit nie Probleme“, lachte Legolas und Lalaithwen fiel ein schwerer
Stein vom Herzen bei dem schönen Klang von der Stimme ihres Geliebten.
Als er letztendlich mit seinen beiden Gefährten aus dem Schlund der
Höhle trat und all ihre Ängste ins Nichts verbannte, stieß
sie einen erleichterten Seufzer aus, ging zögerlich auf die Neuankömmlinge
zu.
Daelior, der ihr überrascht nachschaute, war in jenem
Moment vergessen. Thíluil und Gimli zankten noch miteinander, als
Legolas seine Verlobte erblickte und jeder Zorn und der verletzte Stolz
waren vergessen, als sie zögerlich zu ihm ging. „Wo habt ihr
nur so lange gesteckt?“, fragte Aragorn Legolas, nicht minder erleichtert
als Lalaithwen. Der Elb warf Lalaithwen einen flüchtigen, vorsichtigen
Blick zu, ehe er an den König gewandt sagte: „Thíluil,
mein ehrwürdiger Bruder und selbsternannter Experte in Orientierungsfragen,
meinte fälschlicherweise den Ausgang zu kennen. Wir waren gefühlte
zwei Stunden unterwegs, als wir bei den Silberseen ankamen. Bitte verzeih
unsere Verspätung“, lächelte Legolas und Aragorn klopfte
ihm auf den Arm, beteuerte nur, dass er froh darüber war, ihn und die
beiden Streithähne gesund und munter wiederzusehen. Thíluil
zwinkerte seinem Bruder vielsagend zu, als er und Gimli die Pferde an Lalaithwen
vorüber führten und das Paar allein ließen.
Lalaithwen sagte nichts, sah ihn nur mit einem undeutbaren
Blick an. Legolas wagte ein sanftes Lächeln, als sie nahe an ihn herantrat.
Sie atmete hastig, was von ihrer inneren Aufruhr sprach und wich seinem
liebevollen Blick aus. Er glaubte, dass sie gegen Tränen ankämpfte.
Als er sie schon umarmen wollte, boxte sie ihm wütend gegen den Brustkorb,
was ihn einen Moment lang aus der Fassung brachte. „Du findest wohl
Gefallen daran, mich zu schlagen?“, brachte er dann mit einem vorsichtigen
Lächeln auf den Lippen hervor.„Manchmal schon“, sagte sie
und kleine Tränen sammelten sich in ihren Wimpern. Dann fiel sie ihm
so heftig um den Hals, dass Legolas beinahe das Gleichgewicht verloren hätte,
dann aber sogleich die innige Geste erwiderte, sie fester denn je an sich
presste. Er presste tausend kleine Küsse auf ihren Schopf, wiegte sie
zärtlich in seinen starken Armen. „Mach das nie wieder! Hörst
du? Ich hatte Angst, dass du nicht mehr zurückkommst“, wisperte
sie mit tränenerstickter Stimme, worauf er ihre Ohrspitze küsste
und leise hineinflüsterte: „Ich lass dich nicht mehr allein.
Das verspreche ich dir“
Sie umklammerte fest seine angeschlagene Schulter, so dass
sich Legolas seiner Verwundung erst wieder richtig bewusst wurde. Ein ungewolltes
Stöhnen entwich seiner Kehle, als sie mit ihrem Arm die Wunde streifte.
Fragend schaute sie zu ihm auf, aber er lächelte nur gequält.
Die kleine Elbe drehte ihre Hand und erblickte zu ihrem Erstaunen
Blut daran. „Du bist verletzt“, stellte sie fest, sogleich behutsam
über die gereizte Haut seiner Schulter streichelnd. „Das ist
nicht so wichtig“, wehrte er sanft ab, ergriff ihre Hand, mit der
sie umsorgt seinen Arm liebkoste. Dann umfasste er mit der anderen Hand
ihr Kinn und beugte sich das letzte Bisschen zu ihr herab, küsste sie
sinnlich. „Na also. Geht doch! Macht beim nächsten Mal nicht
so ein großes Theater!“, riefen ihnen Merry und Pippin im Chor
zu, worauf die anderen im Lager herzlich lachten. Sogar Ferrél, der
noch gegen starke Schmerzen anzukämpfen hatte, aber außer Lebensgefahr
war, hatte eines seiner seltenen Lächeln auf den Lippen. Daelior hatte
sich von den anderen abgewandt, konnte und wollte nicht mit ansehen, wie
der Elb sie in seinen Armen hielt. Was war nur mit ihm los? Er hatte sich
doch für sie gewünscht, dass sie nicht mehr traurig war, keine
Angst mehr haben musste. Und nun, wo alles wieder gut zu werden und seinen
gewohnten Gang zu gehen schien, war ihm unwohler als jemals zuvor.
„Ab und an benehmen wir uns wirklich wie kleine, bockige
Kinder“, stellte Lalaithwen schief grinsend fest, mit den Fingern
am Hemdkragen ihres Verlobten herumnestelnd, die fest zugezurrten Schnüre
ein wenig lockernd. Er strich ihr seufzend durch das blonde Haar und erwiderte:
„Ich denke, dass Filegon manchmal erwachsener ist, als wir beide zusammen“
Lalaithwen lächelte breiter, küsste sanft die von ihr selbst vom
Stoff freigelegte Haut an seinem Schlüsselbein. „Trotzdem war
ich von deinem Verhalten nicht sonderlich begeistert, mein Held“,
mahnte sie kleinlaut und er nickte, strich ihr eine letzte kleine Träne
aus dem Gesicht. „Ich hätte Daelior nicht so misstrauen sollen...schließlich
hat er dich und die anderen wohlbehalten nach draußen geführt“,
gestand Legolas ein.
„Sag das Daelior und nicht mir“, forderte sie,
ihm versöhnend eine blonde Strähne, die sich aus seinem Zopf gelöst
hatte, hinter das spitze Ohr streichend, „Aber zunächst lässt
du dir besser deine Wunde versorgen. Geht es den anderen beiden gut?“
Lalaithwens Frage wurde von selbst beantwortet, als sie aus den Augenwinkeln
beobachtete, wie Thíluil sich schon wieder über den außer
sich geratenen Zwerg amüsierte. Daelior hatte sich schließlich
besonnen und war zu den anderen getreten. Legolas nickte ihm zu und sagte:
„Ich danke Euch, Daelior“ Der Elb hob nur eine Braue, ansonsten
war keine Regung in seinen Gesichtszügen auszumachen, „Ich habe
an Euch gezweifelt...bitte verzeiht!“, fügte Legolas aufrichtig
hinzu. „Dankt den Pferden, dass sie uns alle aus der Dunkelheit geführt
haben“, entgegnete der Drachensohn nur heiser, warf Lalaithwen einen
flüchtigen Blick zu, nickte Legolas zu und wandte sich den Verletzten
zu, um Aragorn bei deren Heilung zur Hand zu gehen.
Legolas sah ihm lange nach, nicht mehr mit Misstrauen, aber
dafür mit großer Verwunderung. Erst seine Geliebte riss ihn aus
seinen Gedanken, als sie sacht an seinem Hemdärmel zupfte und murmelte:
„Nun komm schon, Melethron a nîn [**]“ Der Elb schaute
zu Lalaithwen mit einem Schmunzeln hinab und wiederholte ungläubig:
„Melethron?“ Sie zwinkerte ihm frech zu, gab ihm einen liebevollen
Klaps auf sein Hinterteil, so dass er nur noch verdutzter dreinschaute und
ihr nach kurzer Zeit folgte, um sich versorgen zu lassen. Diese Unbeschwertheit
zwischen ihnen hatte er so sehr vermisst. Noch einmal würde er dies
alles nicht aufs Spiel setzen...vor allen Dingen nicht wegen solcher Kleinigkeiten.
Kapitel 20