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Sonne über Ithilien
-eine Fanfiction von Stoffpferd
Anmerkungen der Verfasserin:
Disclaimer: Das ist purer Hohn, einen Autoren zu
so etwas zu verpflichten. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre,
dass man kein Geld für den Kram einheimst, da gehört einem
der ganze Plunder auch nicht...*seufz*...was soll‘s, Tolkien
owns it all...
Kein Zweifel, viel lieber hätte der hochgewachsene
Elb im grauen, seidenen Gewand ein paar Schießübungen mit
Pfeil und Bogen nahe der von seinem Bruder gegründeten Elbensiedlung
durchgeführt, oder wäre auf Brautschau gegangen. Doch stattdessen
stand Thíluil auf einem extra errichteten Podest aus Holzkisten,
umringt von aberhunderten von Menschen und musste die Heldentaten
der Grauelben wiedergeben. So erzählte er von den großen
Abenteuern seiner Vorfahren, wie sein Vater tapfer in den Kampf gegen
die Orks am Einsamen Berg gezogen war und schmückte hier und
da noch ein wenig aus. Sein Pferd wurde derweil von den besten Stallmeistern
Minas Ithils versorgt. Zu seinem Graus wünschten sich die Bürger
Minas Ithils auch noch, dass er ihnen ein Stück elbischer Gesangeskünste
vortrug. Nicht, dass sich der junge Elb davor scheute, zu singen,
nur missfiel ihm der Gedanke, dass sich sein Bruder derweil in aller
Seelenruhe die Stadt ansah oder sich mit seiner wiedergefundenen Herzensdame
vergnügte.
Aber was tat man nicht alles, damit der Haussegen nicht schief stand?
Und ein bisschen Selbstdarstellung hatte ja noch keinem geschadet.
Thíluil stellte gerade die historische Schlacht zwischen Glorfindel
und dem Balrog dem begeisterten und atemlosen Publikum vor. Dabei
bat er einen ihn bewundernden, holzschwertschwingenden kleinen Jungen
auf den zu einer kleinen Bühne umfunktionierten Marktstand und
demonstrierte, wie Glorfindel (der Junge) und der Balrog (Thíluil
natürlich) erbittert gegeneinander kämpften. Nun, eigentlich
stand es in der Geschichte geschrieben, dass Glorfindel im Kampf gegen
den Dämon aus der alten Welt fiel, doch Thíluil merkte
bald, dass er sich einen nicht ganz so leichten Gegner aus dem Publikum
erwählt hatte, wie er zunächst glaubte. Der Junge setzte
ihm wirklich zu mit seinen Hieben. Der Elb hatte Mühe, dem schier
endlos energischen Knaben auszuweichen. Und dann geschah es: Thíluil
wollte einem weiteren Schlag ausweichen, als er ins Straucheln geriet,
mit dem Fuß über die Holzkante glitt und sehr unelegant
hinter dem aufgestellten Stand verschwand. Ein Mensch, noch dazu ein
sehr kleiner, hatte einen stolzen Elben zu Fall gebracht und sehr
zur Unterhaltung auf dem Marktplatzspektakel beigetragen. Zunächst
hatten die Leute geschwiegen, vereinzeltes Gemurmel drang durch die
Massen. Bis alle in schallendes Gelächter ausbrachen, als sie
feststellten, dass Thíluil rücklings in einen großen
Bottich Pferdedung gefallen war und sich nun wünschte, im Grünwald
geblieben zu sein. „Stolzer Elbenherr, darf ich vorstellen,
mein Sohn Tari“, lachte einer der Männer und präsentierte
stolz seinen Sohn, der einen echten Elben im, wenn auch gestellten,
Kampf besiegt hatte. „Sehr erfreut, deine Bekanntschaft zu machen“,
stöhnte Thíluil und rümpfte die Nase, als der Gestank,
der nun auf seinen Kleidern ruhte, ihn gänzlich einnebelte. Der
Verwalter von Minas Ithil starrte entsetzt auf das vor ihm stattfindende
Fiasko. Wenn diese Kunde Minas Tirith erreichte, würde der König
sicherlich wenig erfreut sein. „Mein Herr, mein Herr, es tut
mir so unendlich leid“, rief er aus und trat zu Tari und seinem
Vater. „Schon gut...es ist wirklich nicht das erste Mal, dass
mir so etwas passiert“, log Thíluil und erhob sich so
elegant, wie es einem nur möglich war, wenn man in Pferdemist
badete, aus dem großen Bottich. Tari sprang von dem Stand hinunter
zu dem Elben und reichte ihm sein kleines Taschentuch, damit er wenigstens
sein schönes Gesicht säubern konnte. „Ich habe Euch
besiegt“, lachte der kleine Rotzlöffel und Thíluil
hätte ihn am liebsten auch in den Bottich gestoßen. Aber
seine elbischen Manieren hielten ihn von dieser Untat ab. „Sehr
wohl, das hast du, kleiner Held“, Legolas‘ Bruder verbeugte
sich ehrerbietend vor dem Knaben, sodass dieser wieder lachte. „Ich
habe doch auch einen Elben gespielt und Elben sind doch stets siegreich“,
sagte er und Thíluil musterte ihn eindringlich. „Nun
ja...zumindest kämpfen sie bis zum letzten“, lächelte
er traurig bei dem Gedanken, dass schon so viele seines Geschlechts
ihr Leben auf den Schlachtfeldern Mittelerdes gelassen hatten. „Ich
bin Rufus, ein Hufschmied in der Stadt. Kommt mit zu mir nach Hause,
da könnt Ihr Euch neu einkleiden, während meine Frau Euer
Gewand wäscht.“, sagte der Mann höflich. „Nein...also...das
ist wirklich nicht nötig“, wollte Thíluil ablehnen,
aber als er in Taris und Rufus‘ Gesichter sah, als sie den unangenehmen
Duft einatmeten, lachte er, „Oder wohl eher doch...habt vielen
Dank“ Tari starrte hinauf zu dem Elben, dem er noch nicht einmal
bis zur Brust reichte, als sie sich in Bewegung setzten. Schließlich
konnte selbst Thíluil den durchbohrenden Blick des Jungen nicht
mehr ignorieren und blickte zu ihm herab. „Was hast du?“,
fragte er. „Warum sinkt Ihr nicht in den Boden ein, Herr Elb?“
Auf Taris Frage hin konnte Thíluil gar nicht anders als lachen.
Rufus gab seinem Sohn einen leichten Klaps auf den Hinterkopf. „Sei
nicht so unhöflich, Tari, es ist schon schlimm genug, dass du
seine Kleider ruiniert hast“ Aber der Elb winkte nur ab. „Schon
gut, soll er nur fragen. Nur wenn man Fragen stellt, kann man selbst
Weisheit erlangen“ Tari sah mit großen, runde Augen zu
ihm auf. „Liegt das an Euren Stiefeln?“ Ein verwirrter
Blick von Seiten des Elben folgte. „Dass Ihr nicht einsinkt,
meine ich“ Thíluil verbiss sich ein weiteres Lachen,
denn er wollte den Jungen nicht bloßstellen. „Nun...ich
könnte auch barfuß gehen und würde keine Fußspuren
hinterlassen.“ „Dann seid Ihr also so leicht?“,
bohrte Tari weiter. „Schon möglich“, lächelte
Thíluil und vorerst war die Fragerei beendet. „Lasst
uns ein wenig schneller gehen, wie es scheint, braut sich über
Ithilien ein Unwetter zusammen“, sagte Rufus indes und führte
den Prinzen und seinen Sohn über die große Brücke,
hinab zu schmaleren Pfaden, die beidseitig von grünenden Gärten
geschmückt waren. Wenig später erreichten sie ein kleines
Gebäude aus festem Stein mit einem schlichten Dach aus Holz,
Stroh und Lehm. Thíluil befürchtete, dass es sehr leicht
leckte oder in Brand geraten könnte. Im überdachten Vorhof
erkannte der Elb einen großen Amboss, Hämmer verschiedenster
Größen waren sorgfältig an den Haken eines Holzregals
befestigt worden. Ein großer, schwerer steinerner Ofen ragte
in die Höhe, davor in einem Schächtelchen lagen vereinzelte
Nägel, sowie kleinere Hufeisen. Es war eine kleine, aber durchaus
feine Werkstatt eines Hufschmieds. „Folgt mir, dieser Weg führt
direkt in unsere Wohnstube“, sprach Rufus weiter. „Habt
Ihr auch ein Pferd?“, fragte Tari. Thíluil nickte. „Wenn
es neue Hufeisen benötigt, kommt Ihr dann zu meines Vaters Werkstatt?“,
fragte der kleine Junge weiter. Der Elb lächelte. „Ganz
bestimmt“, obwohl elbische Pferde keine Hufeisen trugen. Der
Prinz wartete in der Diele, da er den guten Boden in der Wohnstube
nicht beschmutzen wollte. Tari wartete mit dem größten
Vergnügen mit seinem neuen, heldenhaften Freund und nutzte die
Zeit, die sein Vater benötigte, um mit seiner Mutter zu sprechen
und neue Gewänder für den Elben herbeizuschaffen, für
weitere Fragen an den Herren vom Schönen Volk. Doch als die Stubentür
geöffnet wurde, wartete eine ganz andere Überraschung auf
ihn. Ein sehr, sehr großer Hund, der ihm fast bis zur Hüfte
reichte und dessen Fell silbergrau leuchtete, rannte schneller auf
Thíluil zu, als er es realisieren konnte. Und ehe Thíluil
wusste, wie ihm geschah, lag er rücklings auf dem Boden, der
Hund stemmte die Vorderpfoten auf seine Schlüsselbeine und verlagerte
sein gesamtes Gewicht auf die Brust des Elben, während er ihm
das Gesicht abschleckte. „Naru, aus, böser Hund, ganz,
ganz böser Hund“, hörte der Elb nur eine Frauenstimme
rufen, die kaum das laute Gelächter Taris übertönen
konnte. Schließlich packte jemand den Hund am Nacken und zerrte
ihn vorsichtig, doch gleichzeitig bestimmt zurück. „Verzeiht,
mein Herr, nur wittert Naru Fremde, ehe sie überhaupt richtig
angekommen sind. Er ist manchmal unzähmbar“, entschuldigte
sich eine kleine Frau mittleren Alters, welche Thíluil als
Taris Mutter ausmachte. „Das...ist nicht weiter tragisch“,
ächzte der Elb und erhob sich wieder, „Mich kann heute
nichts mehr überraschen“ Und als er dies aussprach, durchbrach
einer Donnergrollen die trügende Stille am späten Nachmittagshimmel.
Es würde Regen geben. Seit fast fünf Wochen würde der
trockene, mürbe Boden Ithiliens wieder getränkt werden.
„Sagte ich nichts?“, murmelte er verwundert, aber Tari
lachte nur. Wie er es nicht anders erwartet hätte. „Kommt,
ich lasse Euch ein Bad ein und gebe Euch neue Kleider. Entspannt Euch,
während ich das Abendessen zubereite.“, bot Taris Mutter
mit dem lieblichen Namen Alina an. Thíluil konnte nicht widersprechen.
Dafür verlangte sein Körper einfach viel zu sehr nach einem
langen, heißen Bad und einer reichen Mahlzeit. Legolas würde
schon ohne ihn auskommen. Alt genug war er ja.
~*~*~
Legolas spazierte einige Stunden gedankenverloren an den schmalen
Ufern des Flüsschens entlang, ließ sein Pferd trinken und
ein wenig grasen, während er dem neugierigen Getuschel der Bäume
lauschte. Sie schienen noch nie einen Elben erblickt zu haben, der
unter ihrem schützenden Blätterdach weilte. Sein verträumter
Blick reichte weit in den Himmel hinein. Mit einem Lächeln beobachtete
er den trägen Zug der schweren Wolken. Nicht mehr lange und es
würde regnen. Es würde ihm nichts ausmachen, im Regen draußen
zu sein und nass zu werden. Er fühlte die Kälte nicht mehr,
den feuchten, unangenehmen Schauer, der sich den Weg an seinem Rücken
hinabbahnte. Er fühlte nichts als Sehnsucht, die ihn verzehrte,
ihn um seine Empfindungen beraubte. Er hatte seine Familie wegen einem
Traum verlassen. Diese Erkenntnis traf ihn schmerzlich. Doch lieber
träumte er diesen Traum, als ihn ganz aus seinem Denken verbannen
zu müssen. Legolas schreckte aus seinen Gedanken auf, als er
aus nicht all zu weiter Entfernung Kinderstimmen vernahm. Sie schienen
zu spielen, herumzutollen und sich gegenseitig zu jagen. Seufzend
nahm er sein Pferd wieder bei den Zügeln, wollte von hier weggehen,
ehe ihn die Kinder entdeckten, aber der Hengst blieb stehen, als wäre
er fest im Boden verankert. „Komm schon mellon nîn, ich
habe jetzt wirklich nicht die Geduld für deinen Starrsinn“,
sagte er mit sanfter Stimme und strich über die Blesse des Tieres.
Doch auch bei einem weiteren Versuch, das Pferd mit sich zu ziehen,
warf es widerspenstig den Kopf zurück und schnaubte wild. „Was
hast du? So habe ich dich ja noch nie erlebt“, murmelte Legolas,
doch so sehr er es auch versuchte, das Pferd wollte ihm nicht gehorchen.
Aber er wollte schließlich keine Gewalt anwenden. Seufzend ließ
er sich am Fuße eines Baumes nieder und hörte mit wachsender
Unruhe die Kinderstimmen näherkommen. Kurz darauf kam eine Kinderschar
des Weges, zwei Burschen von etwa 10 Jahren und ein Mädchen.
Zuerst noch in ein reges Gespräch vertieft, verstummten die Jungs,
als sie Legolas erblickten. „...Also habe ich doch recht, Jungs
stinken, Mädchen nicht“, plapperte das kleine Mädchen,
welches ein einfaches, rotes Kleid und eine Schürze darüber
trug und stieß mit dem Kopf gegen den Arm eines der stehengebliebenen
Jungen. „Hey, pass doch auf!“, beschwerte sie sich und
strich sich durch das kastanienbraune, schulterlange Haar.
„Guten Tag“, sagte Legolas höflich und nickte den
Kindern zu, die ihn nun allesamt anstarrten. „Gu...gu...guten
Tag“, wiederholte der kleinere Knabe stammelnd. Legolas seufzte
innerlich. Warum reagierten Menschen teilweise mit Angst, wenn sie
einen Elben sahen? Er war doch kein kinderverschlingendes Ungeheuer,
ja, er war bis auf einen an seiner Gürtelschnalle befestigten
Dolch noch nicht einmal bewaffnet. „Ihr seid ein Elb, nicht
wahr?“, fragte der größere Junge, dessen langes blondes
Haar von einer silbernen Spange zusammengehalten wurde. Einzelne Strähnen
verdeckten seine Ohren, aber Legolas glaubte mit plötzlicher
Überraschung, dass ein Elbenjunge vor ihm stand. Hier, in Ithilien.
Er nickte lächelnd, versuchte seine Verwirrung zu verbergen,
aber die grau-blauen Augen des Jungen verrieten ihm, dass er seine
Gedanken erraten hatte. „Die Leute vom Markt sagten, dass zwei
Elben aus einer Kolonie Ithiliens Minas Ithil besuchen würden
und wir wollten sie unbedingt sehen“, plapperte das kleine Mädchen,
das scheinbar überhaupt keine Furcht zu kennen schien, und marschierte
schnurstracks zu ihm herüber, um sich dann mit kritischem Blick
vor dem sitzenden Elben aufzustellen. „Bist du einer davon?“,
fragte sie mit neugierigen, hellen Augen, worauf Legolas schmunzelnd
nickte. Sie hockte sich vor ihm hin und streckte ihre Hand aus, bis
ihr Zeigefinger die Nasenspitze des Elben berührte. Legolas war
überrascht und verzückt zugleich. „Selina, lass das,
das gehört sich nicht“, zischte der Menschenjunge, der
von der Ähnlichkeit herzurühren, ihr größerer
Bruder zu sein schien. „Er hat so weiche Haut“, murmelte
sie fasziniert, „Und so lustige spitze Ohren...fast so ähnliche
wie Filegon...“ Filegon? Hatte sie Filegon gesagt? Legolas zuckte
bei diesem Gedanken unwillkürlich zusammen, ließ das Mädchen
vor ihm kurz aufschreien und sofort zu den anderen zurücklaufen.
„Ich habe dir doch gesagt, dass du das lassen sollst“,
schalt sie ihr Bruder, hinter dem sie sich wimmernd versteckt hatte.
„Nein, ist schon gut, sei nicht so streng zu...“, sagte
Legolas und stand auf. „Meiner Schwester“, endete der
Junge den Satz und streckte dem Elben die Hand entgegen. „Ich
bin Periolaric, aber alle meine Freunde nennen mich Jolly“,
stellte er sich vor, „Und das ist meine kleine, nervtötende
Schwester Selina“ Lächelnd schüttelte Legolas den
beiden die Hände, ein Willkommensgruß unter den Menschen,
wie er ihn am Hofe Gondors des öfteren gesehen hatte. „Und
das ist Filegon, einer meiner besten Freunde“, sagte Jolly und
deutete auf den, wie Legolas vermutete, Elbenjungen. Er hob die Hand
zu einem typischen Elbengruß und somit wurde die Vermutung des
Prinzen zur Gewissheit. Legolas erwiderte die Geste. „Man sagte
uns, es wären zwei Elben in der Stadt, aber wo ist der zweite?“,
fragte Jolly. „Hast du ihn getötet?“, wimmerte Selina
angsterfüllt herum, doch der Elb ließ sich nicht aus der
Ruhe bringen. „Nicht doch, er ist mein Bruder, Thíluil“,
sagte er lächelnd. „Ach so...weißt du, wir wollten
eigentlich zu unserem Freund Tari spielen gehen, aber dann haben wir
von dir gehört...stimmt es, dass du addelig bist?“ Legolas
zog die Braue hoch, als das maximal fünf Jahre alte Mädchen
ihn fragte. „Adelig, Kleines, das heißt adelig“,
belehrte sie Jolly, worauf sie ihm nur schnippisch die Zunge entgegenstreckte.
„Nun...mein Vater ist der König des Waldlandreiches des
Nordens“, sagte Legolas, aus dem Augenwinkel Filegon beobachtend.
Wie war es möglich, dass ein etwa 30 Jahre alter Elbenjunge hier
in Ithilien lebte und dazu noch den Namen von Lalaithwens verstorbenen
Bruder trug? Es kam nur sehr selten vor, dass ein Elbenname doppelt
auftrat. „Also bist du ein Prinz, ja?“, fragte Selina
weiter und Legolas lächelte. „Ja...so in der Art“
„Ihr habt ein sehr schönes Pferd“, bemerkte Filegon
und Legolas wand sich zu seinem Hengst um. „Schön, aber
sturer als ein Zwerg“, sagte er und Filegon lächelte. Dieses
Lächeln. Es kam ihm so vertraut vor. „Darf ich...darf ich
vielleicht...ach nein...“, stammelte er verlegen und senkte
den Blick. „Auf ihm reiten? Natürlich darfst du. Halt dich
aber gut fest, der Herr hat heute, wie es scheint, seinen eigenwilligen
Tag.“, bot ihm Legolas an und fasste den Hengst an den Zügeln,
an denen er sich nun mühelos führen ließ. „Das
Happa hat ja gar keinen richtigen Sattel“, stellte Selina entsetzt
fest und zupfte an der dünnen Leinendecke, die stattdessen auf
dem Rücken des Tieres ruhte. „Elben benötigen keine
Sättel, Selina“, lachte Filegon und strich ihr über
das braune, zerzauste Haar. „Sei vorsichtig, Filegon“,
murmelte Jolly, als sich der sehr junge Elb langsamen Schrittes dem
Pferd näherte. „Ich hebe dich hoch“, sagte Legolas
und fasste den Jungen an den Seiten, nur um ihn dann sofort auf den
Pferderücken zu heben. „Ich will auch, ich will auch“,
sagte Selina und lief nach vorn, doch Legolas bremste sie sanft. „Nicht
so hastig, sonst könnte es Deriel verschrecken“, belehrte
er das Mädchen, dass ihn wieder so fasziniert anstarrte, dass
es Legolas‘ Herz schmelzen ließ. „Deriel?“,
wiederholte sie mit großen Augen, die von ihrer Neugier erzählten.
„Ja. Das ist der Name meines Pferdes. Komm her“ Selina
warf einen fragenden Blick über ihre Schulter auf ihren Bruder,
der nur ermutigend lächelte. Dann ließ sie sich von Legolas
auf die Arme nehmen und sacht zu Filegon auf das Pferd setzen. „Oh...das
ist so hoch“, jammerte sie und krallte sich an Filegons Armen
fest. „Möchtest du auch noch aufsitzen?“, fragte
Legolas Jolly, der den stolzen Hengst genauestens betrachtete. „Ja
sind wir denn nicht zu schwer für ihn?“, fragte er. „Dieses
Pferd hat schon meinen alten Freund Gimli Gloinssohn getragen, als
wir über die Hügel Ithiliens ritten. Da wird er euch drei
locker tragen können“, lachte Legolas. Jolly sah ihn mit
weit geöffnetem Mund an und stammelte: „Gimli? Der Zwerg
der Ringgemeinschaft? Als Elbenfreund von Legolas Grünblatt werden
von ihm überall Lieder gesungen! Und Ihr kennt ihn...oder...nein...Ihr...Ihr
seid Legolas Grünblatt...natürlich, der Sohn des Waldelbenkönigs“
Jolly wurde blasser und blasser und seine Stimme zitterte. „Der
legendäre Elbenprinz“, hauchte Selina, „Und ich sitze
auf seinem Happa-Happa“ „Und ich dachte, es wäre
nur ein törichtes Gerücht“, säuselte Filegon
überrascht und schaute Legolas anerkennend an. „Ich kenne
keinen besseren Bogenschützen, als Euch, mein Herr“, sagte
er dann, „Es werden viele Geschichten über Euch erzählt,
nie hätte ich geglaubt, Euch jemals anzutreffen“ „Geschichten
müssen nicht immer gleich mit den wahren Begebenheiten übereinstimmen.
Die Leute neigen zu Verherrlichung und Übertreibungen. Ich habe
nur in den Diensten des Königs gekämpft“, sagte Legolas.
„König Aragorn, nicht war? Den sie auch Elessar nennen.
Ihr kennt ihn auch, oder?“, wollte Jolly wissen, der allmählich
wieder Farbe im Gesicht hatte. „Ja. Er ist ein gütiger
und sehr aufrichtiger König.“, sagte Legolas lächelnd,
als er an seinen guten Freund dachte. Ein Donnergrollen ertönte
und ließ Selina beinahe vom Pferd plumpsen, hätte Filegon
sie nicht festgehalten. „Wir sollten so schnell wie möglich
nach Hause gehen, es regnet bestimmt gleich“, stellte Jolly
fest. „Euer Haus steht am anderen Ende der Stadt, mein Zuhause
ist viel näher. Wir können zu mir gehen, bis der Regen aufhört“,
schlug Filegon vor und Legolas erstarrte. Er erinnerte ihn so sehr
an Lalaithwen, dass ihm das Herz in der Brust raste. Vereinzelte Regentropfen
fielen vom Himmel, ließen die schwere Luft weichen und nach
dem frischen Wind riechen, der über Ithiliens Felder glitt. „Nach
so einer langen Dürre wird es sicherlich einen heftigen Sturm
geben“, dachte Legolas laut und sorgte sich um die jungen Pflanzen,
die er mit seinen Gefolgsleuten vor kurzem erst in den Boden gepflanzt
hatte. „Ihr könnt mitkommen, meine Mutter freut sich sicherlich,
nach so langer Zeit wieder jemanden von ihrem Volk zu sehen“,
lächelte Filegon und spielte mit der seidenen, schwarzen Mähne
Deriels. Seine Mutter. Legolas stockte der Atem. Konnte es wirklich
sein, dass...? Der Regen trommelte fordernder auf den Erdboden, der
so schnell das Wasser nicht aufsaugen konnte, sodass sich bereits
kleine Pfützen bildeten. „Igitt, Jolly, ich werde ja ganz
nass“, murmelte das Mädchen und vergrub ihren Kopf unter
Filegons Umhang. „Was sagt Ihr nun, Elbenherr? Geleitet Ihr
uns zu meinem Zuhause? Ich versichere, Euch wird es an nichts fehlen
und Ihr hättet gleich eine Unterkunft für die Nacht...sofern
Ihr nicht gedenkt, noch heute abzureisen“, Filegon wählte
seine Worte mit Bedacht, schaute den erwachsenen Elben aber direkt
an. Legolas war unsicher. Er hatte mit Thíluil nichts ausgemacht,
was das Übernachten anging. Und wenn, hatte er eigentlich damit
gerechnet, dass sie zusammen einen Unterschlupf finden würden.
Der Arme stellte sich wohlmöglich immer noch den bohrenden Blicken
der Menschen auf dem Marktplatz. Sollte er nun gehen und Thíluil
suchen? Jetzt, wo er wohlmöglich eine Fährte gefunden hatte,
die ihn zu Lalaithwen führte? „Hallo? Schlafen Elben auch
im Stehen?“, rief ihn Selinas fröhliche Stimme zurück
in die Wirklichkeit. „Nun gut, dann lasst uns gehen“,
atmete er aus und schaute zum Himmel. Die grauen Wolken türmten
sich zu schwarzen Riesen auf, erinnerten Legolas fast an die Dunkelheit,
die das Land von Gondor überdeckte, als sie zu ihrer letzten
Schlacht ritten, zu den Toren Mordors. Ein kalter Schauer ließ
ihn erzittern, als ein weiteres Grollen ertönte und sich der
Wind drehte. Filegon sprang mit einer überraschenden Leichtigkeit
vom Pferd und ging neben Legolas. „Jolly, jetzt kannst du weiterreiten“,
sagte er und schien ebenso beunruhigt wegen dem herannahenden Sturm
zu sein, wie Legolas. Jolly ließ sich geschwind von Legolas
zu seiner Schwester auf das Pferd heben und gemeinsam gingen oder
ritten sie Filegon hinterher. Besorgniserregend schnell sammelte sich
das Wasser zu kleinen Rinnsalen, die den ungepflasterten Pfad vor
ihnen immer unwegsamer machte. „Wie weit ist es noch, Filegon?“
Der junge Elb schaute durch den dichten Regenschleier vor ihm, drehte
sich dann um, um die Orientierung nicht zu verlieren. „Etwa
zehn Minuten zu Fuß“, schätzte er und Legolas nickte
düster. Seine Kleider waren bereits klamm und er fürchtete,
dass sich die Menschenkinder noch erkälteten, wenn sie länger
im Regen hier draußen waren. Er nahm im Gehen den Mantel ab
und legte ihn über Selinas schmale Schultern, sodass sogar noch
Jolly darunter Platz hatte. „Hier, zieh ihn dicht zu dir heran,
damit du nicht so nass wirst“, sagte Legolas sanft und zeigte
ihr, wie sie den Mantel am besten über sich zog. Doch die Sicht
vor ihnen wurde immer schlechter, das Gelände rutschiger und
nachgiebiger. „Führt denn keine feste Straße zu dem
Haus deiner Mutter?“, Legolas musste sehr laut sprechen, damit
Filegon ihn durch den laut strömenden Regen hören konnte.
„Nein, wir wohnen abseits der Stadt“, versicherte ihm
Filegon, „Passt auf Euer Pferd auf, es könnte nur zu leicht
ausgleiten und stürzen“, warnte er. Und als hätte
er es heraufbeschworen, schlug ein Blitz in einen nicht all zu weit
entfernten Baum ein. Der schmetternde Knall erschrak Deriel fürchterlich
und er bäumte sich panisch auf und warf den Kopf zurück,
sodass Jolly und seine Schwester beinahe den Halt verloren hätten.
Selina kreischte laut und krallte ihre Finger schmerzhaft in die Schultern
ihres Bruders. „Selina, sei ruhig, das macht das Pferd nur noch
nervöser“, rief Jolly und Legolas und Filegon versuchten
verzweifelt, den sich wieder und wieder aufbäumenden Hengst zu
beruhigen. Als Selina wieder aufschrie, rutschte Deriel mit den Hinterhufen
eine kleine Anhöhe hinunter, verlor das Gleichgewicht und warf
Jolly und Selina ab, bevor er selbst zu Boden ging. Ein weiterer Blitz
erhellte den dunklen Himmel über Minas Ithil. Legolas lief zuerst
zu den Kindern, um zu sehen, ob sie sich bei dem Sturz verletzt hatten.
Jolly rappelte sich schon wieder auf und obwohl er sich vermutlich
den Fuß verstaucht hatte, kümmerte er sich nicht um sein
eigenes Weh, sondern rutschte über den schlammigen Boden zu seiner
Schwester, die bitterlich weinte. Filegon beruhigte indes das Pferd
ein wenig, das mit dem linken Hinterhuf unter einem losen Baumstumpf
feststeckte. „Geht es dir gut, Selina?“, fragte Legolas
erschrocken und konnte nicht unterscheiden, was Tränen und was
Regentropfen waren, die an ihren Wangen hinabrannen. Sie brachte nur
ein lautes Schluchzen hervor und vergrub ihr Gesicht in Jollys Brust.
„Hat sie sich wehgetan?“, fragte der Elb, der an den geweiteten
Augen des Jungen erkennen konnte, dass dieser selbst ein wenig unter
Schock stand. Er schüttelte aber heftig mit dem Kopf, was Legolas
etwas beruhigte. „Setzt euch nicht unter einen Baum, jederzeit
könnte ein Blitz einschlagen“, sagte er und nahm dem Knaben
das kleine Mädchen aus den Armen, ihn selbst nahm er bei der
Hand. „Wartet hier“, sagte er den beiden, als Filegon
nach ihm rief. „Er ist eingeklemmt“, sagte der junge Elb,
als Legolas bei ihm war und die aufgeschürfte Flanke seines Pferdes
genau untersuchte, dem Tier dabei beruhigend mit der Hand über
den Kopf strich und elbische Worte säuselte. „Filegon,
du musst mir jetzt helfen“, sagte Legolas. „Wie?“
„Ich werde versuchen, den Baumstumpf ein wenig anzuheben, sodass
Deriels Huf befreit werden kann. Wenn ich es dir sage, versuchst du,
ihn wieder auf die Beine zu ziehen.“ „Aber er wird mir
nicht gehorchen“, zweifelte Filegon. Legolas legte eine Hand
auf die nasse Schulter des Jungen und sagte ermutigend: „Doch,
das wird er, hab Vertrauen. Wir müssen ihn befreien.“ Filegon
nickte entschlossen und umfasste sacht die Zügel. „Zieh
nicht zu fest daran, damit du ihm nicht wehtust, warte, bis er ruhig
und langsam auf dein Ziehen reagiert“, wies ihn der Elb an und
untersuchte den Baumstumpf auf dessen Beschaffenheit, um ihn möglichst
lange zurückziehen zu können. Dann zog er behutsam eine
Seite zurück, sodass Deriel unter Schmerzen wieherte. „Ich
muss es von einem anderen Winkel aus versuchen. Wir dürfen nicht
riskieren, dass er sich ein Bein bricht“, rief Legolas Filegon
zu, dessen durchnässtes Haar an seinem Nacken und in seinem Gesicht
klebte. Geschwind begab sich der Elb auf die andere Seite und schob
mit aller Kraft den Baumstumpf zurück, musste aber dagegen ankämpfen,
nicht selbst den Halt zu verlieren. „Jetzt, Filegon, versuche
es“, rief er und seine Stimme ging im steten Prasseln des Regens
fast unter. Jolly wiegte die kleine Selina in seinen schmächtigen
Armen und beobachtete angespannt den Rettungsversuch der Elben. Filegon
versuchte zunächst, etwas Halt zu bekommen, um nicht selbst auszurutschen.
Dann zog er sacht an dem Lederriemen, der in seine Handfläche
einschnitt und rote, wunde Striemen hinterließ. Deriel rührte
sich nicht, atmete schwer. „Bitte, steh auf“, flehte Filegon
und streichelte so sanft es ihm in seiner Aufregung möglich war
die Nüstern des Pferdes. „Steh auf“, flüsterte
er und zog an dem Riemen, doch nur Deriels Kopf wollte ihm ein Stück
weit folgen. „Filegon...beeil dich“, rief Legolas, der
zwar noch die Kraft hatte, den Stumpf zu halten, dessen Finger jedoch
an der glatten Rinde abrutschten. Wenn er jetzt losließe oder
ihm der Stumpf unwillkürlich aus den Händen rutschte, würde
es unter Garantie das Bein seines Pferdes brechen und somit sein Todesurteil
unterzeichnen. „Bitte, Deriel, sei stark und komm“, sagte
Filegon und zog noch einmal. Dem Hengst gelang es, zumindest auf die
Vorderbeine zu kommen, die linke Seite seines Körpers war völlig
mit Dreck beschmiert. „Gut so, Filegon, zieh ihn zu dir“,
wies ihn Legolas an. Der junge Elb ergriff den Riemen fester, achtete
aber darauf, was Legolas ihm gesagt hatte und zog die Zügel nicht
zu straff. Als Deriel es wagte, sein Gewicht ausgerechnet auf den
verletzten Huf zu verlagern, sackte er schnaufend zusammen. Jolly
konnte nicht länger tatenlos zusehen, also legte er den gesamten
Mantel um seine Schwester, wies sie an, sitzen zu bleiben, wo sie
war und humpelte so schnell er konnte zu den beiden Elben. Er fasste
die andere Seite des Halfters und mit vereinten Kräften halfen
sie dem verwundeten Tier auf die Beine. Es sank zwar bei jedem Schritt
ein Stück in sich zusammen, aber es war außer Gefahr, sodass
Legolas den Stumpf beruhigt wieder zu Boden gleiten lassen konnte.
„Das habt ihr sehr gut gemacht“, lobte Legolas die beiden
Jungen, die völlig außer Atem waren. Eilig lief er zu Selina,
die nur noch ein zitterndes Bündel Mensch war. Der Mantel hatte
zwar lange Zeit dem Regen standgehalten, aber nun war auch er durchweicht.
Legolas nahm sie in die Arme und er fühlte wie sie fror, sich
wimmernd an ihn kuschelte. „Alles wird gut, Kleine, ganz ruhig“,
säuselte er und streifte eine Strähne hinter ihr rundes
Ohr. „Kannst du laufen, Jolly?“, fragte Legolas, worauf
der Junge nickte. Wenn der Elb vorher geahnt hätte, was passieren
würde, wenn er mit den Kindern sprach, so hätte er wirklich
Gewalt angewandt, um Deriel mit sich zu ziehen, als dieser stur verweigert
hatte, auch nur einen Schritt zu tun. „Wir müssen so schnell
wie möglich dein Zuhause erreichen und sehen, ob ihnen wirklich
nichts fehlt“, sagte Legolas zu Filegon, der Jolly stützte.
In der einen Hand die Zügel, im anderen Arm fest umklammert das
kleine Mädchen ging Legolas eiligst voran und vergaß dabei
fast, dass ihm ein Menschenkind folgen können musste. Noch dazu
ein verletztes. Deriel zitterte am ganzen Leib und Legolas befürchtete,
dass er, wenn sie nicht bald das Haus erreichen würden, zusammenbrechen
würde. Erbarmungslos peitschte ihnen der Regen in die Gesichter,
ein Donnergrollen, lauter als es je das Ohr eines Sterblichen erreicht
hatte hallte über das Firmament. Die Hitze hatte sich in den
vergangenen Wochen so sehr aufgestaut, dass es nun zu einer gewaltigen
Entladung hemisphärischer Kräfte kam. „Da, da vorn
ist es“, rief Filegon und der Wind peitschte ihm den Regen sogar
von der Seite ins Gesicht. Legolas schaute auf und sah nicht mehr
weit vor ihnen ein warmes Licht brennen. Mit letzter Anstrengung schleppte
sich Jolly mit Filegons Hilfe bis vor die Haustür und sank dann
erschöpft gegen die Hauswand. Legolas führte das Pferd ebenfalls
unter die Überdachung. Er zitterte. Aber nicht vor Kälte.
Filegon klopfte 2 Mal fest gegen die Tür und kurz darauf wurde
sie nach innen geöffnet, sodass ein kleiner Lichtkegel nach draußen
drang und den Tanz der Regentropfen beleuchtete. „Filegon“,
rief eine besorgte Stimme und Legolas erstarrte. Filegons Mutter beugte
sich herab, um ihn fest an sich zu drücken. „Ich habe mir
solche Sorgen gemacht, wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst
bei so einem Wetter nicht lange draußen herumstrolchen? Du kleiner
verrückter Bengel“ Legolas ließ beinahe Selina fallen.
Diese Stimme. So sanft und warm. Er wusste genau, wem sie gehörte.
„Mutter, Jolly, Selina und ich sind in das Unwetter geraten.
Er hat sich etwas am Fuß getan...wäre aber der Elb nicht
gewesen, dann...“ „Der Elb?“ Legolas lehnte mit
dem Kopf gegen die Hauswand, ähnlich, wie es auch Jolly tat,
fast so, als versteckte er sich vor Filegons Mutter. Sein Herz raste,
sodass er glaubte, gleich ohnmächtig zu werden. Und dann trat
sie endlich nach draußen. Das blonde Haar war ein Stück
länger geworden, reichte weit ihren Rücken hinab. Sie trug
ein leichtes, blaues Sommergewand, das ihrer zierlichen Figur schmeichelte.
Dieselben grau-blauen Augen. Sie erstarrte ebenso und sah ihn ungläubig
an, als wäre er nur ein Geist, ein Schatten seiner Selbst. Sie
trat einen Schritt auf ihn zu und ihre Blicke trafen sich. „Mama?“,
fragte Filegon verwundert, als er seine Mutter erstarren sah. „Legolas“,
hauchte sie und ihre Stimme zitterte noch mehr als das Kind in seinen
Armen. „Hallo Lalaithwen“, flüsterte er mit erstickter
Stimme und konnte nicht ausmachen, was er fühlte. So sehr überwältigte
ihn das Glück, die Sehnsucht, die er so lange gehabt hatte und
der Schmerz bei dem Gedanken über die verlorenen Jahre, in denen
er ziellos umhergewandert war, nur um sie wiederzusehen. „Kommt
herein, na los, ihr seid ja völlig durchnässt“, sagte
sie dann zu den Kindern und nahm Legolas das Mädchen ab, damit
er das Pferd in der kleinen Stallung neben dem Haus unterbringen konnte.
Kurz darauf saßen sie alle an einem großen Tisch bei Kerzenschein
und warmer Suppe. Lalaithwen hatte Selina eines von Filegons Hemden
übergezogen, in das, natürlich viel zu groß, sie zweimal
hineingepasst hätte. Alle waren neu eingekleidet worden und die
klammen Kleidungsstücke trockneten nun nahe dem Kamin. Gierig
löffelten die Kinder die Suppe und überschlugen sich beinahe
in ihren Erzählungen. Aber Lalaithwen war nur in der Lage, oberflächlich
zuzuhören, gebannt schaute sie in Legolas‘ tiefblaue Augen,
als er ihr gegenübersaß. „Filegon. Wenn ihr fertig
seid, könntet ihr dem Pferd bitte frisches Wasser und Hafer geben?“
Er nickte und fragte, während er den Tisch abräumte: „Woher
kennst du Legolas Grünblatt, Mama?“ „Das erzähl
ich dir ein andermal. Geht es euch ein wenig besser?“, fragte
sie die Kinder, die daraufhin alle nickten. Lalaithwen trug Selina
schnell zu Bett, da sie schon bald darauf am Tisch eingeschlafen war.
Filegon und Jolly kümmerten sich um Deriel. Als sie wieder die
Wohnstube betrat, stand Legolas am Kamin und blickte in die aufflackernden
Flammen. Von hinten trat sie zu ihm und berührte zaghaft seinen
Oberarm, an dem noch immer die nasse Kleidung haftete. Er drehte sich
zu ihr um und lächelte zögerlich. Es war ein seltsames Gefühl,
sich nach einer so langen Zeit wiederzusehen. Lalaithwen öffnete
den Mund, um etwas zu sagen, aber ihre Lippen bebten zu sehr, als
dass sie etwas anderes hervorgebracht hätte als ein Schluchzen.
Wortlos legte er seine Arme um sie, zog sie ganz nah zu sich und es
war, als würde ein schwere Bürde von seinem Herzen fallen,
als wären alle Sorgen nur nichtige Phantome in einem Alptraum
gewesen und sie der Morgen, der ihn daraus erweckt hatte. „Du
hast mir so gefehlt“, hört er sie mit tränenerstickter
Stimme wispern, was ihn nur noch dazu brachte, seine Arme fester um
sie zu legen. Er küsste die Tränen von ihrer Wange, ohne
dabei zu merken, dass auch er weinte. „Du hast mir auch sehr
gefehlt, Lalaithwen“, murmelte er. Eine Ewigkeit hätte
Legolas einfach nur so dastehen können und sie gehalten. Doch
plötzlich löste sie sich aus seiner Umarmung und trat einen
Schritt zurück. „Entschuldige...“, lächelte
sie und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, „Aber
du bist klatschnass“ Er lachte und nach langer Zeit war es ein
unbeschwertes, erleichtertes Lachen. Sie stimmte mit ein und als Filegon
und Jolly nach getaner Arbeit den Raum betraten, blickten sie nur
fassungslos zu den Erwachsenen auf. „Mama, dürfen Jolly
und Selina hier schlafen?“, fragte Filegon vorsichtig, worauf
Lalaithwen nickte. „Ja, natürlich. Bei dem Wetter schicke
ich euch nicht mehr heim. Aber macht keinen Lärm, Selina schläft
schon“, sagte sie und artig verbeugten sich die beiden vor Legolas,
Filegon gab seiner Mutter einen Kuss auf die Wange und lief mit Jolly
in sein Zimmer. Lalaithwen wischte den Tisch ab und säuberte
die benutzten Schüsseln. Eine angenehme Stille lag im Raum und
Legolas genoss es, sie einfach nur anzusehen, wie eine Haarsträhne
immer wieder in ihre Gesicht fiel und sie sie wieder zurückstrich.
Er hatte sie so lange vermisst, dass es jetzt fast schmerzte, sie
wiederzusehen. Eru hatte ihm endlich den Weg zu ihr gezeigt. „Komm
mit, ich...ich gebe dir neue Sachen“, sagte sie noch immer mit
diesem Leuchten in den Augen, weil sie kaum wahrhaben konnte, dass
er bei ihr war. Er folgte ihr in ein kleineres Gemach, in dem ein
komfortables Bett stand. Lalaithwen entzündete eine weitere Kerze,
die den Raum in goldene Schatten hüllte und noch gemütlicher
aussehen ließ. Sie forderte ihn auf, sich auf das Bett zu setzen,
als sie zurück in die Küche ging, um eine Wasserschüssel
zu holen. „Ich glaube von Wasser habe ich erst einmal genug“,
lächelte er, aber sie deutete nur auf seinen Oberarm. „Du...du
hast einen Kratzer...ich sehe ihn mir lieber etwas genauer an.“
Mit diesen Worten setzte sie sich neben ihn auf das Bett und sah ihn
lange Zeit nur an. Er tat es ihr gleich. „Legolas...ich habe
Tag für Tag gehofft, dass du vor meiner Tür stehst. Und
jetzt...jetzt bist du da und ich...ich“, sie zitterte, sodass
er gar nicht anders konnte, als sich das kleine Bisschen, das sie
noch voneinander getrennt waren, über sie zu beugen und sie zu
küssen. Sie erwiderte den Kuss sofort, legte ihre Arme auf seine
Schultern und küsste ihn wieder und wieder. Als sich irgendwann
ihre Lippen voneinander trennten, sah sie zu ihm auf. „Was machst
du ausgerechnet hier in Ithilien?“, fragte sie heiser und er
streichelte ihre Wange, „Solltest du nicht im Grünwald
sein...bei...bei...“ „Ssshh...nein...“, lächelte
er, „Ich habe Celendra nicht geheiratet“ Ihre Augen weiteten
sich vor Überraschung und Freude. „Aber...wieso?“
„Weil ich nun mal lieber mit einer kleinen Diebin die Ewigkeit
verbringen möchte...einem kleinen, verrückten Langfinger...den
ich über alles liebe“, nach jedem Satz presste er einen
zärtlichen Kuss auf ihre Lippen. Sie duftete so gut. Lalaithwen
schmiegte sich an ihn und strich über sein Haar, löste es
aus der kleinen Spange, in der es zusammengehalten wurde und ließ
es offen durch ihre Finger gleiten. „Aber deine Familie“,
sagte sie verwundert, aber er legte nur den Zeigefinger auf ihre Unterlippe
und seufzte: „Meine Familie ist in meinem Herzen“ Sie
sah ihn mit plötzlichem Schmerz in den Augen an. „Ich...ich
habe nicht gewusst, dass du einen Sohn hast“, sagte er leise,
er fühlte eine innere Unruhe bei dem Gedanken, dass sie in all
der Zeit, in der er nach ihr gesucht hatte, mit einem anderen zusammen
war. Aber sie lächelte wieder. „Wo ist sein Vater?“
Lalaithwen lächelte noch mehr, beugte sich dann zu ihm herüber
und küsste seine Wange, sein Kinn und seine Kehle, was ihn erzittern
ließ. „Der sitzt neben mir und tropft mein Bett nass“,
ein vorsichtiges Lächeln folgte, ehe sie ihn ansah. „Du
meinst“, hauchte er überrascht und seine Augen weiteten
sich, „Er...Filegon...er...er...ist...“ „Unser Kind“,
endete sie den Satz für ihn, „Verstehst du jetzt, warum
ich damals gehen musste?“ Er sah sie entgeistert an. „Ich...ich
habe einen Sohn? Nein...wieso...ich verstehe gerade deshalb nicht,
warum du gegangen bist, Lalaithwen“, er hörte sich verzweifelt
an und fasste ihre Hände, „Ich liebe dich...wir hätten
ihn gemeinsam großziehen können“ Er konnte es nicht
fassen. Erst sah er sie wieder, dann hatte er einen Sohn. So viele
Überraschungen waren selbst für einen Elben ein bisschen
zu viel. „Ich hatte Angst um das Kind, Legolas. Ich wusste nicht,
wozu deine Familie fähig wäre, wenn sie erfuhr, dass ich...“
„Du hast geglaubt, sie würden dir und dem Kind etwas antun?“,
Legolas‘ Stimme wurde laut, was sie zusammenzucken ließ,
„Das hätte ich niemals zugelassen“, sagte er in einem
sanfteren Ton und streichelte ihre Schulter. Dann nahm er sie wieder
in die Arme, wogegen sie sich zunächst wehrte. „Nicht doch,
Legolas, du bist...“ „Klatschnass...ich weiß“,
hauchte er ihr zu und küsste sie erneut. „Du...bist mir
doch nicht böse, dass ich...den Namen ausgesucht habe“
Legolas lächelte wehmütig. „Einen schöneren Namen
hättest du ihm nicht geben können“ Sie küsste
ihn sanft und zaghaft, es war schön ihm wieder so nahe zu sein.
„Wolltest du nicht meinen Kratzer verarzten?“, fragte
er nach einer Weile, die Augenbraue verführerisch in die Höhe
ziehend, worauf sie ihn überrascht musterte. Dann formten ihre
Lippen ein wissendes Lächeln. „Sehr wohl, Euer Hoheit,
dann legt Euch mal hin...“