In unzähligen Geschichten, in den verschiedensten
Versen, in allerlei Lied wurde Valinor, die letzte Elbenzuflucht gepriesen,
besungen und in stiller Andacht bewundert.
Legolas hatte in seinem Leben noch nie Valinor erblickt, noch nie
von seinen reichen Wassern getrunken, noch nie seinen lieblichen
Wein gekostet. Wohl würde er dies erst dann tun, wenn seine
Zeit gekommen war. Die Zeit, Mittelerde sich selbst zu überlassen.
Er wusste, dass bis dahin noch einige Jahrhunderte an ihm vorbeiströmen
würden und er noch unendlich erscheinende Tage unter den Augen
Erus in Mittelerde verbringen würde. Fast so unendlich wie
sein Leben selbst. Und bis dahin würde ihm Ithilien, der reiche
Garten Gondors, als Zuflucht dienen. Hier grünten die Felder,
die Sonne schien jeden noch so abgelegenen Winkel mit ihren wärmenden
Händen berühren zu können und selbst wenn es regnete,
glichen die Tränen des Himmels einer Melodie, einem Lied von
Hoffnung und innerer Ruhe.
Legolas lieh sich diese innere Ruhe, versuchte sie gierig in sich
aufzunehmen, um jeden weiteren Tag zu überstehen. Er war nach
dem Gespräch mit seinem Vater nicht sofort nach Ithilien aufgebrochen,
sondern hatte sich auf eine schier hoffnungslose Suche begeben.
Auf der Suche nach sich selbst, seinem Glück, nach Lalaithwen.
Nichts von alledem hatte er in dreißig Jahren finden können.
Dreißig Jahre, ja...fast ein halbes Menschenleben war er ziellos
durch die Lande geirrt, war stets dem Abendstern gefolgt. Doch nichts
fand er, dass seine Sehnsucht hätte stillen, seinen Schmerz
hätte lindern können. Hatte er aufgegeben? Oder hatte
ihn diese verbitterte Suche ihn nach Ithilien geleitet, dem Ort,
an den er von Beginn an gedachte zurückzukehren? Er konnte
keine Antwort darauf finden, genau so wenig wie er sich selbst daran
hindern konnte, zu hoffen. Aragorn hatte seine Entscheidung begrüßt,
zu ihm nach Gondor zu kommen und Obhut über dieses Paradies
zu halten, obgleich Legolas ihm keine Gründe genannt hatte,
weshalb er wirklich zurückgekehrt war. Was hatte ihn überhaupt
dazu getrieben, ausgerechnet nach Gondor zu gehen, in den Süden?
Mittelerde war groß und Lalaithwen konnte mit Pernoth überall
hingegangen sein.
Vielleicht, dachte Legolas, war sie sogar in den Westen gesegelt...
. Bei diesem Gedanken verkrampfte sich sein Herz und der Kummer,
der sich wie ein Schatten auf sein Gemüt legte, wuchs und wuchs
mit jedem verlorenen Tag. Gimli, der seinem Freund, seit dieser
nach Ithilien zurückgekehrt war, des öfteren einen Besuch
abstattete, hatte wahrgenommen, dass etwas mit Legolas nicht in
Ordnung war. Aber da man mit Elben sowieso nicht normal reden konnte,
hatte er es von Grund auf aufgegeben, Legolas mit Fragen zu durchlöchern.
Nun lebte er hier, in der Abgeschiedenheit der Natur, umringt von
grünendem und blühendem Leben mit seinen treuesten Freunden
aus dem Düsterwald, sowie seinem jüngeren Bruder Thíluil,
der ihm, obgleich er seine Familie schwer enttäuscht hatte,
gefolgt war. Legolas wusste, dass er seine Heimat nie wieder so
vor sich sehen würde, wie er sie verlassen hatte. Denn Düsterwalds
Elben spürten den Winter herannahen. Sie wussten, dass es Zeit
war, zu gehen. Mit Wehmut gedachte Legolas seiner Familie, die in
wenigen Jahren zu den Grauen Anfurten aufbrechen würde. Ohne
ihn.
Oft hatte er seinen Bruder gefragt, ob es wirklich sein Herzenswunsch
war, hier bei ihm in Ithilien zu sein, anstatt bei seiner Familie.
Thíluil hatte jedes Mal gelächelt und gesagt: „Ich
stand dir nicht zur Seite, als du eine schwierige Zeit in deinem
Leben durchmachen musstest. So will ich dir nun mit allem in meiner
Macht stehendem helfen."
Weder Thíluil noch seine anderen Gefährten hatten Lalaithwen
je zu Gesicht bekommen. Legolas sprach nicht sehr oft über
sie, aber wenn er es tat, leuchteten seine Augen vor Sehnsucht und
manchmal, wenn der Mond schon hoch am Himmel stand und seine silbernen
Schatten auf die Wiesen Ithiliens warf, saß er allein an seinem
großen Fenster und sang. Die bittersüße Melodie
seines Klageliedes hallte dann über die weiten Ebenen und wiegte
die Menschen, die nahebei lebten und wirtschafteten in einen traumlosen
Schlaf.
An einem solchen Abend, als die Sonne unlängst von der nahenden
Nacht verschlungen und sämtliche Arbeit der Elben getan wurde,
sah Legolas auf zu den ersten Sternen. Das rote Licht, das von den
wenigen Wolken wiedergespiegelt wurde und den Himmel fast gänzlich
ausfüllte, versprach, dass auch der folgende Tag wieder ein
sonniger und heiterer werden würde. Ein weiterer Tag für
Legolas, an dem er suchen würde. Und wenn er jeden einzelnen
Stein umdrehen musste, er würde Lalaithwen finden. Ein Lächeln
schlich sich über seine weichen Lippen, als er daran dachte,
was er alles mit ihr hatte durchmachen müssen. Er vermisste
ihre unbeschwerte Art, ihre dreiste Redegewandtheit, für die
er zu Beginn ihrer Bekanntschaft wenig Verständnis aufbringen
konnte. Er hätte es allerdings auch niemals für möglich
gehalten, sich in eine Diebin zu verlieben.
Dunkelrote Schatten säumten das weiße Leinenhemd, das
er trug, verliehen ihm einen weichen Farbton. „Wonach sinnt
mein Bruder nur wieder? Selten habe ich ihn so verträumt gesehen
wie hier in Ithilien" Legolas drehte sich um und sah seinen
Bruder im Türrahmen stehen. „Nur selten ist ein Ort auch
so schön wie dieser...", gab er lächelnd zurück,
worauf Thíluil den Raum betrat und sich auf dem Nachtlager
seines älteren Bruders niederließ. „Oder eine Frau",
schmunzelte er ihn von unten herauf an, „Weißt du, Legolas,
schon als ich hörte, du seiest mit einem Zwerg befreundet,
dachte ich dies wäre der Höhepunkt einer verrückt
gewordenen Welt...und ich dachte nie, ich würde erleben, dass
du, alter Haudegen, dich noch verlieben würdest."
Legolas senkte den Blick, lauschte dem entfernten Zirpen der Grillen
und atmete den lieblichen Duft des Weines ein, der an den fruchtbaren
Hängen Ithiliens angebaut wurde. „Aber...vor Lalaithwen
war ich doch mit...Celendra zusammen", sagte er überrascht
und Thíluil verdeutlichte ihm mit einer Handbewegung, dass
das unbedeutend wäre. „Das mag sein, Legolas...aber..."
Er stand auf und boxte ihm brüderlich gegen die Brust, „Ich
habe dieses Leuchten, das du in den Augen trägst, wenn du auch
nur an sie denkst niemals gesehen, als du mit Celendra zusammen
warst...bei Eru, ich frage mich nur, wie du strahlen wirst, wenn
du das Mädchen in deinen Armen hälst"
Legolas lachte mit Thíluil, der es immer verstand, ihn aufzuheitern.
„Ich glaube, ich werde sämtliche Sterne und den Mond
in ihrem Glanz übertreffen", sagte er lächelnd. „Daran
wage ich nicht zu zweifeln.", beteuerte ihm Thíluil
seufzend. „Du wirst sie finden...", fügte er hinzu.
„Und was macht dich dessen so sicher?"
„Weil ich dir helfen werde...", entgegnete der jüngere
Elb und zog Legolas neben sich auf das Bett, „Ich habe heute
von einer Menschensiedlung weiter im Süden gehört. Sie
handeln hauptsächlich mit Getreide und Gemüse. Lass uns
morgen einen Besuch in dieser Stadt abstatten...vielleicht..."
„Meinst du, wir sollten nach Strohhalmen greifen?",
fragte Legolas, der zu viele Enttäuschungen auf seiner Suche
erlebt hatte, als dass er noch voller Hoffnung war. „Es ist
einen Versuch wert. Und sagtest du nicht, sie sei mit einem Menschen
fortgegangen? Es besteht eine Möglichkeit, dass sie hier ist,
Legolas...direkt vor deinen Augen...deine Sehnsucht lässt dich
nur nicht sehen" Legolas sah Thíluil nachdenklich an.
„Warum nicht...mehr als sie nicht finden können wir
nicht", sagte er dann, worauf Thíluil die Arme in die
Höhe riss und einen Jubelschrei ausstieß. Erschrocken
blickte Legolas seinen jüngeren Bruder an und murmelte: „Also
ehrlich...manchmal hast du wirklich seltsame Anwandlungen..."
„Tja Bruderherz, da sind wir uns gar nicht so unähnlich...ich
kann es kaum erwarten, meine Schwägerin kennen zu lernen",
lächelte er optimistisch und Legolas seufzte. Er wünschte
sich innigst, nicht länger einer Illusion hinterher zu jagen.
~*~*~
Wie sooft hatte Legolas nicht geschlafen. Die gesamte Nacht verbrachte
er auf seinem Fensterbrett und sehnte den Sonnenaufgang herbei.
Dabei war er so ungeduldig wie ein kleines Kind, das den langersehnten
Ausflug in neue, unbekannte Regionen nicht länger erwarten
konnte. Am liebsten wäre Legolas noch am Vorabend aufgebrochen,
doch er musste sich in Geduld üben. Je größer die
Vorfreude wäre, desto heftiger würde die Enttäuschung
über eine weitere fehlgeschlagene Suche sein.
Und der Elb war sich nicht sicher, ob er noch weitere schmerzende
Enttäuschungen verkraften konnte. Wenn er damals nur eher seinem
Vater alles gestanden hätte...dann hätte er Lalaithwen
vielleicht aufhalten können. Er gab sich selbst die Schuld
für sein derzeitiges Leid und er hoffte inständig, dass
auch er es lindern könnte, indem er Lalaithwen wiederfand.
Endlich, nach Stunden die qualvoller und langsamer vergangen waren
als jedes von ihm durchlebte Jahrhundert, wichen die Sterne und
Erscheinungen der Nacht dem frühen Grau am Horizont, das bald
wiederum dem weiten Lichtkegel der Sonne Tribut schenkte. „Lalaithwen...wo
bist du?", murmelte Legolas leise, als er die Sonne über
Ithilien aufsteigen sah. Mochte sie ihn zurück zu seiner Liebe
führen. Keine Stunde später herrschte reges Treiben in
den Gemächern des Hauses, welches, wie nicht anders zu erwarten,
auf Elbenart zwischen den Bäumen errichtet worden war.
Einige Elben waren bereits ausgezogen, um nach den jungen Pflanzen
zu sehen, welche in den fruchtbaren Erden zu prächtigen Gewächsen
herangezogen wurden. Andere sattelten schon zwei Pferde, da sie
die Nachricht erreicht hatte, dass die Prinzen einen Ausritt nach
Minas Ithil, einer Stadt vor den Toren Pelargirs, planten. Legolas
verweilte noch einen Moment in seinem Zimmer, kleidete sich sorgfältig
an und malte sich in Gedanken aus, wie es wohl wäre, Lalaithwen
nach all den Jahren wieder zu sehen. Legolas zog sich seinen grau-grünen
Mantel über, denn obwohl der Sommer Einzug in Ithilien hielt,
herrschte über den grünen Ebenen eine frische Brise.
Außerdem würde der Elb noch so einiges darin verstauen
können.
Er eilte hinaus auf den Hof, wo Thíluil bereits auf ihn
wartete. „Wo hast du so lange gesteckt, Bruder? Ich dachte,
wir suchen nach deiner Maid und nicht nach meiner...also erbitte
ich ein wenig mehr Elan", grinste er und schwang sich auf den
Rücken seines Pferdes.
Kopfschüttelnd tat es Legolas seinem Bruder gleich und kurze
Zeit später ritten die Geschwister nebeneinander her, umringt
vom Reichtum der Natur, den Ithilien ihnen darbot. „Wie lang,
glaubst du, werden wir unterwegs sein?", fragte Legolas. „Oh...da
kann es wohl einer kaum erwarten, hm? Wie gesagt, ich kann dir nicht
garantieren, dass wir sie finden...sie könnte auch ganz woanders
sein...", mahnte Thíluil. „Ja, schon gut, wie
lange denn nun?", wies ihn Legolas auf seine eigentliche Frage
zurück. „Schätzungsweise zum Mittagsstand der Sonne
werden wir vor den Toren Minas Ithils stehen", erklärte
er und sein Blick wanderte abschätzend zum klaren, blauen Himmel.
Es hatte seit einem gesamten Mondlauf nicht mehr geregnet, weswegen
die Elben unter Legolas‘ Führung ständig damit beschäftigt
waren, die Pflanzen mit Wasser zu versorgen. Durch diese Dürreperiode
entstand ebenso die Gefahr eines Brandes. Ein einziger Funken konnte
einen tödlichen Waldbrand auslösen und die reichen Früchte
der Gewächse mit einem Schlag vernichten. Die Hufe von Legolas‘
Hengst gaben dumpfe Geräusche von sich, als sie den trockenen
Erdboden berührten und feinen Staub aufwirbelten.
„Hast du dich schon einmal gefragt, ob Eru auch Reittiere
erschaffen hat, die wie wir, elbengleich, keine Spuren auf dem Erdboden
hinterlassen?"
„Wie bitte?", wollte Legolas wissen und drehte sich
stirnrunzelnd zu seinem Bruder. „Ich habe nur nachgedacht,"
meinte Thíluil und beobachtete den gleichmäßigen
Trab der Pferde, „Es ist doch sehr verräterisch als Elb
zu Pferd zu reisen...was, wenn uns jemand Böses will? Dann
kann er unsere Fährte aufnehmen, nur weil wir nicht zu Fuß
gehen"
Legolas lachte. „Und wer sollte uns Böses wollen?"
„Oh, da findet sich immer jemand, Legolas.", stimmte
Thíluil in das Lachen ein. „Du verwunderst mich von
Tag zu Tag mehr, kleiner Bruder", murmelte Legolas lächelnd
und trieb sein Pferd zu einem leichten Galopp an. Gegen Mittag,
als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte, schimmerten
in nicht all zu weiter Entfernung zwei kleine, silberne Turmkuppeln
und reflektierten das Licht wie zwei runde Spiegel, sodass selbst
das Sonnenlicht wie der silbern-weiße Schein des Mondes glänzte.
„Minas Ithil?", fragte Legolas beeindruckt von dem Lichtspiel,
das sich ihm darbot. Sein Bruder nickte nur. „Du solltest
sie bei Nacht sehen...die Kuppeln scheinen das Mond- und Sternenlicht
aufzufangen und schimmern in der Dunkelheit. Fast so als wären
sie Wegweiser für Wanderer und Verirrte. Es ist wie in einem
Traum", sagte Thíluil und es schien, als sei er in Gedanken
ganz weit weg.
„Diese Stadt wurde nach dem Ringkrieg erbaut. Sie birgt nichts
besonderes in sich, doch es ist gerade ihre Schlichtheit, die sie
so sonderbar macht", sagte er leise.
Das weiße Licht erinnerte Legolas an die Nacht, in der Filegon
beerdigt worden war, denn als er seine Arme tröstend um Lalaithwen
gelegt hatte, warf der Mond sein kaltes Licht auf sie, ließ
ihre Haut erscheinen, als sei sie aus purem Porzellan gefertigt.
Und ihre Tränen wanderten wie flüssige Perlen daran hinab.
„Legolas?", hörte er plötzlich Thíluil
wie aus einer anderen Welt her fragen, sodass er aufschreckte und
ihn anstarrte. „Ist alles in Ordnung?" Legolas nickte
und verbannte die Erinnerung aus seinen Gedanken. Er musste einen
klaren Kopf behalten, wenn er Lalaithwen wiederfinden wollte.
Als sie das Stadttor passierten, verneigten sich die Torwachen
ehrerbietend, denn sie hatten schon viel von dem Elbenprinzen gehört,
der sich hier in Ithilien niedergelassen hatte, um eine Elbenkolonie
zu gründen und so Obhut über die natürliche Schönheit
des Landes zu halten. „Welch Ehre, Euch vor den Toren Minas
Ithils in Empfang nehmen zu dürfen, Meister Legolas und Meister
Thíluil.", sagte die erste Wache, noch immer kniend
und das Gesicht auf den Boden gerichtet, als stände Eru selbst
vor ihnen. Hatte er Meister gesagt? Legolas verbiss sich das Lachen.
So nannte man ihn nicht einmal am heimischen Hof im Grünwald.
Auch Thíluil hatte damit zu ringen, Haltung zu bewahren,
nickte gebieterisch und passierte mit seinem Bruder das große
Tor. Holzhütten wechselten sich mit festen Gemäuern ab.
Ringsum herrschte reges Handeln, da auf dem Marktplatz der Wochenmarkt
ausgerichtet wurde, zu dem unzählige Händler aus allen
Teilen des Landes angereist waren und ihre Waren anpriesen.
Steinerne Platten führten zur Marktmitte, wo überdachte
Stände aufgestellt worden waren, um die Waren, meist frische
Lebensmittel, vor der Sonne zu schützen. Legolas musste lächeln,
als er sich an das Geschehen auf dem Marktplatz im Grünwald
erinnerte. Als Laith gegen ihn geprallt war und somit ihr Versuch
zu flüchten gescheitert war. Eine dicke, etwas unbeholfen dreinschauende
ältere Frau, bekleidet mit einem lumpigen Gewand, dessen Taschen
so durchlöchert waren, dass der Inhalt hinauszurutschen drohte,
kreuzte den Weg der Elben, blickte mürrisch in die jungen Gesichter
und schüttelte den Kopf.
„Diese jungen Leute...müssen zu Pferde reisen, obwohl
ihre Beine noch jung und kräftig sind", nuschelte sie
durch ihre Zahnlücke und wackelte, gestützt auf einen
krummen Spazierstock, über die Straße. „Wenn sie
nur wüsste...ich könnte ihr Ururururururururgroßvater
sein", flüsterte Thíluil Legolas zu, als er höflich
sein Pferd angehalten hatte, um die Frau passieren zu lassen.
Legolas blickte über seine Schulter zurück zu den Türmen.
Banner mit Aragorns Wappen wehten im schwachen Wind, verliehen selbst
dieser kleinen Menschenstadt ein majestätisches Aussehen. „Lass
uns von den Pferden steigen und uns ein wenig unter die Leute mischen",
schlug er vor, worauf Thíluils Mundwinkel zu einer verwirrten
Grimasse nach unten sanken. „Du lässt dir doch nicht
von einer greisen Frau ein schlechtes Gewissen einreden? Legolas,
unsere Beine sind auch nicht mehr die jüngsten und kräftigsten",
argumentierte er, indem er eine Greisenstimme auflegte und theatralisch
über sein linkes Bein strich, als wäre es auch nicht mehr
das, was es einmal war.
Kopfschüttelnd lachte Legolas, schwang sich vom Rücken
des Hengstes und führte ihn an den Zügeln hinter sich
her.
„Wie ich ältere Brüder hasse", murrte Thíluil
halblaut. Starrsinnig wie er war, blieb er auf dem Pferd sitzen
und trabte hinter seinem Bruder her, der ihn nur spöttisch
begutachtete. „Ich bin dann wenigstens nicht derjenige, der
über seine alten und schwachen Glieder klagt", verteidigte
sich Thíluil. Legolas lächelte schief. Alte und schwache
Glieder...soso... . Kinder tollten auf den enger werdenden Gassen
herum und spielten Jäger und Gejagter. Legolas grinste, als
er eine Reihe junger Burschen dabei ertappte, wie sie den Kampf
von Aragorn, Gimli und Legolas gegen die wilden Menschen um die
Hornburg nachstellten. Mit Holzschwertern und improvisierten Schildern
aus Leder traten sie gegeneinander an und riefen mehrmals Aragorns
Schlachtruf aus, weswegen sie tadelnd von ihren einkaufenden Müttern
zurechtgewiesen wurden. Etwas abseits vom Marktgeschehen verlief
ein schmaler Fluss , über den eine Brücke führte.
Hinter einem großen grünen Hügel konnte man schon
die neu gedeckten Dächer weiterer Häuser erkennen, ein
Mühlenrad, das sich gemächlich mit dem Lauf des Wassers
drehte, sowie einen hohen Glockenturm.
„So klein ist diese Stadt wohl doch nicht", bemerkte
Legolas, worauf Thíluil nur mit den Schultern zuckte. „Hab
ich nicht behauptet...", redete er sich heraus und warf einer
jungen Magd schöne Blicke zu, welche auf der Stelle errötete
und eilig weiter ihres Weges ging. Legolas schüttelte mit dem
Kopf. „Thíluil, wann erwählst du endlich eine
Braut?"
„Dann, wenn mir eine gefällt. Sie muss hübsch sein,
vollbusig und natürlich muss sie..."
„Deine Art von Humor ertragen?", endete Legolas lachend.
„Nein, sie muss mich zu neuen Taten inspirieren", erklärte
sein kleiner Bruder und reckte arrogant die Nase in den Himmel.
„Die da wären?", neckte der ältere Elbenprinz
weiter. Doch Legolas hörte ihm nur noch mit halbem Ohr zu und
bedauerte die unbedachte Bauweise der Menschen. Sie hatten ganze
Waldflächen roden müssen, um neue Häuser auf diesem
Grund zu errichten.
„Prinz Legolas! Was für eine Ehre! Ihr, in der von mir
verwalteten Stadt? Seht her, Leute. Ein wahrer Kriegsheld steht
vor euch!", rief plötzlich eine aufgeregte Männerstimme,
der Stadtverwalter Minas Ithils und ehe Legolas richtig Herr der
Lage werden konnte, war Thíluil vom Pferd gesprungen und
riss den Arm seines Bruders triumphierend in die Höhe. Die
Menschenmenge versammelte sich um die Brüder und staunte nicht
schlecht, als sie waschechte Elben zu Gesicht bekamen. Viele drängten
näher zu den beiden und ein Stimmengewirr beherrschte die ohnehin
schon lautstarke Geräuschkulisse des Marktplatzes. „Der
Elb, der mit einem Zwerg befreundet ist!", rief ein alter Mann
ungläubig aus und deutete auf Legolas und viele junge Mädchen
bewunderten die beiden Männer. Die Jungen, die zuvor noch ihre
Heldentaten nachgestellt hatten, ließen ehrfürchtig die
Holzschwerter sinken und starrten mit offenem Mund auf Legolas.
„Seid Gast in dieser wunderschönen Stadt, werte Herren",
fuhr der Verwalter überglücklich fort und zog Legolas
mit sich, gefolgt von Thíluil, der den Andrang der Leute
mit Verwunderung genoss.
„Elben, Elben in Minas Ithil, dass ich das noch erleben darf",
krächzte ein Tattergreis aus der ersten Reihe. Legolas fühlte
sich alles andere als wohl, da plötzlich so viel Aufmerksamkeit
auf ihn gerichtet war. Er war nur hier, um herauszufinden, ob Lalaithwen
hier lebte, nicht um gefeiert zu werden. Thíluil bemerkte
den wachsenden Unmut seines Bruders, gab ihm ein Zeichen und rief
lauthals in die Menge: „Da, seht! Lang lebe König Aragorn,
Sohn Arathorns"
Ein geschicktes Ablenkungsmanöver, denn viele Menschen drehten
sich überrascht nach allen Richtungen um, wo denn der König
plötzlich zu sehen war, andere riefen ekstatisch „Lang
lebe der König", sodass das Chaos perfekt war. Legolas
warf Thíluil nur einen unsicheren Blick zu, doch dieser drehte
nur den Zeigefinger an seiner rechten Schläfe, um deutlich
zu machen, dass Menschen so leicht abzulenken und zu begeistern
waren.
Ohne länger zu zögern ergriff Legolas die Zügel
seines Pferdes, zog die Kapuze seines Mantels tief in sein Gesicht
und bahnte sich seinen Weg durch die grölenden und begeisterten
Massen, bis er schließlich nahe des Flüsschens wieder
freier atmen konnte. Er saß auf, warf noch einen raschen Blick
auf seinen Bruder, der Urheber der ganzen Verwirrung war und ritt
dann das Flüsschen entlang, zwischen großen Buchen und
Kastanien, bis er an einem abgelegenerem Teil der Stadt angelangt
war.
Nichts als das beruhigende Plätschern des Wassers erreichte
sein Ohr...er war dem Ansturm der Menschen entkommen.