Meditation
Es dämmerte bereits, als sie ihr Nachtlager auf einer großen
Wiese nahe der Mündung des Gilrain aufschlugen. Legolas blickte
sich begeistert um und fühlte sich für den Bruchteil einer
Sekunde in seine Heimat zurückversetzt. Die riesigen Bäume,
der weiche, duftende Gras – all diese Dinge erinnerten ihn
an Düsterwald. Doch sein wehmütiger Tagtraum wurde jäh
von Eomer unterbrochen.
"Ich bin dafür, dass wir uns aufteilen. Ein paar von
uns sollten Holz holen gehen, der Rest kann sich in Gesellschaft
der Tiere Gedanken über das Abendessen machen. Legolas, Haldir
und der Zwerg gehen Holz holen", ordnete Eomer mit befehlsgewohnter
Stimme an.
Das ungleiche Trio setzte sich sogleich in Bewegung, auch wenn
Legolas ein Schmunzeln über Gimlis empörtes Gemurmel über
die herrische Art des Thronerben Rohans nicht unterdrücken
konnte.
"Die zweite Gruppe bilden dann Aragorn, Faramir und ich",
fuhr Eomer unbeeindruckt fort.
Schließlich streifte sein Blick Alanedya. Fast unmerklich
verengte er die Augen, bevor er sich an Gandalf wandte.
"Wenn es Euch Recht ist Mithrandir, werdet ihr Fräulein
Alanedya und den Hobbits Gesellschaft leisten. Als Frau sollte sie
nicht allein in ihr unbekannten Gefilden umherstreifen."
Gandalf lächelte und erwiderte müde: "Nätürlich,
ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste, außerdem ist
mein Pfeifenkraut ausgegangen, ich war der Hoffnung, mir etwas von
den Hobbits leihen zu können."
Die Frodo, Sam, Merry und Pippin grinsten breit, wohl wissend,
dass es Gandalf nie an Pfeifentabak mangeln würde. Vermutlich
versuchte er nur auf seine üblich diplomatische Weise, eine
drohende Auseinandersetzung zwischen Alanedya und Eomer zu verhindern.
Ein Blick in die Richtung der jungen Frau genügte, um die aufziehenden
Gewitterwolken, die sich über ihrem zusammenzogen, als ernstzunehmendes
Alarmzeichen zu erkennen. Ihre Hände waren erbittert zu Fäusten
geballt, die Knöchel traten weiß hervor. Ihr war anzusehen,
dass sie sich bemühen musste, ruhig zu bleiben.
"Alanedya, ich kann nicht verstehen, dass du so ruhig bleiben
kannst. Eomer hat dich offensichtlich ausgeschlossen. Das war nicht
richtig von ihm", sagte Pippin zähneknirschend, wobei
ihm die anderen Hobbits beipflichteten.
"Hört mal, ich glaube nicht, dass es wirklich gut ist,
jetzt für Zwist untereinander zu sorgen. Wir haben besseres
zu tun und wenn Eomer es für richtig hält, dann bitte",
antwortete Alanedya mit gepresster Stimme.
Dies war zweifellos nicht der geeignete Moment, um mit dem künftigen
König Rohans ein Streitgespräch darüber zu beginnen,
ob Frauen hinter den Herd gehörten oder nicht.
Gandalf betrachtete dieses Szenario schweigend. Pippin jedoch lächelte
sie an und nickte, als ob er ihre Gedanken lesen könnte.
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Schließlich war es der praktische Sam, der die Stille brach.
"Jetzt wo wir schon einmal hier hocken, könnten wir auch
überlegen, was wir essen wollen. Ich habe wirklich Kohldampf
und unsere Vorräte gehen langsam aber sicher zur Neige."
Alle vier Hobbits begannen wild durcheinander zu diskutieren. Als
die vom Appetit getriebenen Vorschläge allerdings begannen,
ins Abstruse abzugleiten ("Wie wär’s mit gebratener
Fasanenbrust mit Bratkartoffeln" "Aber klar, weil wir
ja auch 7 Pfund Kartoffeln und eine Schar Geflügel dabei haben!"),
setzte Gandalf der Diskussion ein Ende und ordnete eine nahrhafte
Kartoffelmehlsuppe mit Gewürzen und hartem Brot an. Zähneknirschend
machte sich der unbestrittene Meisterkoch Sam an die Arbeit. Alanedya
ging ihm zur Hand.
"Ich weiß nicht was fehlt, aber ich weiß, dass
etwas fehlt. Probier mal Gandalf", sagte Sam.
"Hmmm", machte Gandalf nachdem er den Finger in den riesigen
Topf gesteckt hatte. "Ich finde sie sehr gut Meister Gamdschie.
Ein bisschen kalt vielleicht..."
"Was in erster Linie daran liegt, dass wir noch kein Feuerholz
haben" warf Merry ein.
"Ich glaube das hier fehlt", meinte Alanedya und warf
einige Kräuter aus einem lilafarbenen Beutel in den Topf. Sie
beugte sich zu Sam hinüber und flüsterte ihm ins Ohr:
"Eisenkraut, das macht die Suppe aromatischer und bekömmlicher."
Sam grinste, klatschte vergnügt in die Hände und meinte,
dass er sich dies bestimmt merken werde.
Kurze Zeit später kehrte der Rest der Gruppe zurück. Ein
kleines Feuer wurde entfacht und die Suppe wurde darüber gestellt
und erwärmt. Die GEfährten saßen im kleinen Kreis
um das Feuer und Alanedya verteilte den Inhalt des Suppenkessels.
"Wer hat das gekocht? Es schmeckt wirklich gut", lobte
Faramir.
"Sam und Alanedya."
"Ah, dann ist sie doch nicht völlig für umsonst
mitgekommen", flüsterte Gimli zu Eomer. Da der Zwerg sich
jedoch nicht auf leise Gespräche verstand, vernahm Alanedya
die Bemerkung und straffte die Schultern.
"Es freut mich, dass ich dazu beitragen kann, dass die Mission
nicht am Hunger scheitert, sondern eher noch an männlicher
Arroganz", konterte Alanedya spitz.
Sekundenlang starrten sich der Zwerg und die junge Frau an. Gerade
als Gimli die Augen verengte und zu einer Erwiderung ansetzen wollte,
brachen Gandalf, Pippin und Aragorn in ein so herzliches Lachen
aus, dass auch alle anderen davon angesteckt wurden.
****
Der Abend ging zu Ende und die Sterne funkelten trotz des blauen
Nebelschleiers in der Luft um die Wette. Dieses Mal teilte Aragorn
die Nachtwache ein, um nach dem kleinen Schlagabtausch beim Essen,
nicht schon wieder für Uneinigkeiten untereinander zu sorgen.
Es war schon tief in der Nacht und Alanedya konnte nicht wieder
einschlafen und lag wach im Gras, wobei sie eine Decke vor der Kälte
schützte. Sie hatte sowieso gleich Nachtwache, die vorletzte,
also konnte sie der Person, die ihr schräg gegenüber am
Feuer saß, auch ruhig Gesellschaft leisten. Sie erhob sich
ein wenig, doch was sie sah, ließ sie sofort zurück ins
Gras sinken.
Eomer. Auch das noch. Dann bleibe ich lieber liegen
und starre in die Flammen des kleinen Feuers.
Die roten, gelben und orangefarbenen Flammen züngelten vor
sich hin und hatten eine hypnotisierende Wirkung auf sie. Rot,
gelb, orange, rot, gelb, orange, rot, gelb, orange, rot, gelb, orange,
rot, gelb, orange.....
Sie wurde jäh aus ihrem fast meditativen Zustand gerissen.
War da nicht ein Geräusch? Sie spitzte ihre Ohren, doch da
war nichts. Wahrscheinlich spielten ihre Sinne ihr einen Streich.
Eomer schien auch nichts weiter gehört zu haben. Gut, dann
wieder: Rot, gelb, orange, rot, gelb, orange, rot, gelb, orange......
Da war es schon wieder. Sie drehte sich vorsichtig in die Richtung,
aus der sie das Rascheln vernahm. Nichts.
Alanedyas Hand tastete dennoch nach ihrem Dolch, den sie am Gürtel
trug. Langsam erhob sie sich aus ihrem Nachtlager und begann Eomer
vorsichtige Handzeichen zu geben, um dessen Aufmerksamkeit auf die
nächtliche Geräuschquelle zu lenken.
Langsam kam sie auf die Beine und konzentrierte all ihre Sinne
auf das unterschwellige Rascheln. Da war es wieder. Ihre Augen hatten
sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt und sie erkannte
einen schwarzen Mantel.
Ich hatte recht. Ich wusste, dass er wiederkommen würde.
Alanedya ließ die dunkle Gestalt nicht aus den Augen. Der
nächtliche Störenfried bewegte sich lautlos wie eine Katze
und verschwand schließlich hinter dem morschen Stamm einer
alten Eiche. In der Zwischenzeit war Eomer auf Alanedyas seltsam
anmutendes Gebären aufmerksam geworden und hatte sich vom Feuer
erhoben. Auch er schien die dunkle Gestalt bemerkt zu haben. Mit
einem leisen "ratsch" ließ er sein Schwert
aus der Scheide fahren und bewegte sich vorsichtig auf die alte
Eiche zu.
Was im Namen der Götter machte er da? Will er unserem
"Besuch" vielleicht ein nettes Plätzchen am Feuer
anbieten?
"Wer ist da? Komm heraus!", befahl Eomer mit ruhiger,
dennoch dominanter Stimme.
Toll, ganz toll. So habe ich mir das vorgestellt. Warnen wir
doch den Feind einfach vor.
Genervt verdrehte Alanedya die Augen. Es hätte sie nicht gewundert,
wenn Eomer sich dem Eindringling mit Rang und Namen noch vorgestellt
hätte.
Plötzlich sah sie ein kurzes Funkeln, ein glänzender
Gegenstand blitze kurz auf und fuhr mit einem Pfeifen durch die
Luft.
"Vorsicht", schrie Alanedya, bevor sie aufsprang und
Eomer zu Boden riss. Leider hatte sie dabei die Richtung nicht koordiniert,
denn sie landeten direkt in der Feuerstelle.
"Nutzloses Weib!", schimpfte Eomer. Alanedya klopfte
Eomer mit der Decke das Feuer am Rücken aus und anschließen
wandte sie sich auch ihrem Bein zu. Der Lärm hatte auch die
anderen aus dem Schlaf aufgeschreckt. Aragorn und Legolas kamen
fast zeitgleich auf die Beine.
"Du, du...", setzte Eomer an und erhob seine Faust in
Richtung Alanedyas. Sein Gesicht war wutverzerrt.
Aus der Ferne vernahmen sie noch ein aufgebrachtes Wiehern und
dann kehrte Ruhe ein. Der Angreifer war offensichtlich verschwunden.
Alanedya würdigte Eomer keines Blickes und ging schnurstracks
an ihm vorbei. Sie schien auf einen Punkt hinter seinem Rücken
konzentriert und strebte auf die Stelle zu, an der er kurz zuvor
gestanden hatte. Keine zwei Fuß weiter steckte ein Pfeil im
Boden. Am Schaft war ein Stück weißes Pergament angebunden.
Alanedya hob den Pfeil auf und zog das Pergament ab. Langsam rollte
sie es auseinander und ihre Augen huschten über die Zeilen.
Schließlich gab sie das Pergament wortlos an Aragorn weiter
und wartete auf seine Reaktion.
Das Feuer beleuchtete das Papier gespenstisch und ließ einen
schwarzen Adler mit weit aufgerissenen Augen erkennen. Auch Gandalf
beugte sich neugierig über den Pergamentbogen begutachtete
ihn argwöhnisch.
Schließlich sahen Aragorn und Gandalf auf und tauschten einen
kurzen Blick.
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Ende Kapitel 13
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