Ein Ausritt mit
Folgen
"Du wirst nicht mit Amarayls
Tochter fortreiten.", schrie Thranduil.
"Warum nicht? Sag mir einen Grund warum!", schrie sein
älterer Sohn zurück.
Thranduils Augen blitzten gefährlich.
"Weil ich es sage!", zischte er und unterstrich seinen
Willen, indem er mit der geballten Faust auf die Oberfläche
seines Sekretärs schlug.
"Gilain war ohnehin schon erbost wegen deiner gestrigen Eskapade.
Manchmal glaube ich, daß ich anstatt dir einen sturen, halbwüchsigen
Menschen vor mir habe. Du kannst, bei Iluvatar, einfach nicht mein
Sohn sein!"
Legolas hatte diese Strafpredigt schon erwartet, doch diesmal würde
er sich auf das Kräftemessen mit seinem Vater gerne einlassen.
Der König hatte ja keine Ahnung, wie egal es seinem Sohn war,
ob es einen Skandal gab oder nicht. Im besten Falle würde Gilain,
Rionas Vater, ihn als ungeeigneten Gefährten für seine
Tochter ansehen. Legolas konnte nicht behaupten, daß ihn das
besonders stören würde.
Er stützte sich mit beiden Armen auf der anderen Seite des
Sekretärs ab, schaute seinem Vater direkt in die Augen und
entgegnete mit verhaltener Wut:
"Und ich werde es dennoch tun, Vater. Soll ich mich denn jetzt
von allen weiblichen Wesen fernhalten, nur weil ich verlobt bin.
Sie war meine Freundin, wir haben uns...
"Es ist mir verdammt noch mal egal, wie lange ihr euch nicht
gesehen habt. Es wird Zeit, daß du dich darauf besinnst, daß
du einmal meine Aufgaben übernehmen mußt. Von dir wird
Besonnenheit und vernünftiges Handeln erwartet. Von allem habe
ich bei dir noch nichts gemerkt. Ich hatte gehofft, daß die
Aufgabe, den Ringträger zu begleiten, dich reifen lassen würde.
Doch das war wohl doch zu viel verlangt."
Legolas hob abwehrend die Hände.
"Nun gut, wie du meinst. Du wirst ja sehen, was ich tue!",
schrie er, drehte auf dem Absatz um und verließ den Thronsaal
seines Vaters.
Thranduil wollte ihm durch seine Wachen den Weg versperren lassen,
doch eine leise Stimme hinter ihm sagte:
"Tu's nicht Vater, er ist wieder in dieser Stimmung... man
weiß nie, was er dann als nächstes tut."
Thranduil wandte sich um und seine Laune besserte sich ein wenig,
als er seiner Tochter Alfiriel angesichtig wurde. Er seufzte:
"Ach Alfiriel, manchmal wünschte ich, du wärst mein
ältester Sohn. Was soll ich nur mit deinem Bruder machen? Er
hat dieses unelbenhafte Temperament deiner Mutter geerbt."
Alfiriel lehnte sich in den Türrahmen und verschränkte
die Arme vor der Brust.
"Du hast Mutter wegen ihres Temperaments geliebt", erinnerte
sie ihren Vater. "Und wegen Legolas... gib ihm eine andere
zur Frau."
"Wen?", fragte Thranduil, doch seine weise Tochter zuckte
nur mit den Schultern.
*****
Legolas erreichte immer noch wütend
den Stall und ließ sich seinen grauen Hengst Dywaith satteln.
"Du solltest das wirklich nicht tun.", hörte er Finlass
hinter sich sagen.
"Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten.",
fuhr Legolas seinen Bruder an.
Es tat ihm nicht einmal leid. Er war es einfach satt, immer jemanden
aus seiner Familie um sich zu haben, der ihm sagte, was er als Prinz
des Düsterwaldes zu tun und zu lassen hatte.
"Trotzdem ist es nicht richtig...", setzte Finlass an.
Legolas wirbelte herum und hielt ihm drohend den Zeigefinger unter
die Nase.
"Ich will davon nichts mehr hören. Ich habe immer getan,
was ich wollte und ich werde damit jetzt nicht aufhören, nur
weil mein guter Vater auf die Idee gekommen ist, mich zu verloben."
Er nahm Dywaith bei den Zügeln und wollte ihn aus dem Stall
herausführen. Finlass stellte sich ihm in den Weg.
"Es ist ein Fehler!", mahnte er den älteren Prinzen
nochmals.
"Ich werde jetzt gehen!", preßte Legolas zwischen
den Zähnen hervor.
Finlass überlegte einen Moment, ob er wirklich zur Seite treten
sollte. Er hielt es allerdings für besser, seinem wütenden
Bruder nicht im Weg zu stehen.
Weise Entscheidung, dachte Legolas bei sich. Für gewöhnlich
dauerte es sehr lange, bis er die Geduld verlor, auch wenn man ihm
nachsagte, daß er für einen Elb sehr temperamentvoll
sei. Doch gerade jetzt, nach der Auseinandersetzung mit seinem Vater,
lagen seine Nerven sehr blank.
Er stieg auf und ritt zu dem Haus, in dem Shiya wohnte. Es würde
ihm sicherlich gut tun, jetzt mit ihr zu reden. Sie war zwar noch
so jung, doch sie würde ihn verstehen.
Amarayl, ihr Vater war sehr überrascht,
den Prinzen vom Düsterwald bei sich zu Besuch zu haben.
"Ich würde gerne mit Valshiya sprechen.", bat Legolas.
Er hatte sich auf dem Ritt zu Amarayls schon wieder ein wenig beruhigt.
Er hatte die ganze Zeit an die vier Dinge gedacht, die er jetzt
brauchte. Da war zunächst einmal der Abstand von seiner Familie,
dann Valshiya, der Wald und sein gutes Pferd Dywaith.
Amarayl verbeugte sich leicht und antwortete:
"Ich werde sie rufen, doch sie sagte mir heute morgen, das
sie sich nicht wohl fühlen würde."
Der Berater seines Vaters bat ihm einen Platz zum Warten und einen
Becher gewürzten Wein an. Legolas setzte sich, lehnte jedoch
den Wein ab.
Es dauerte nicht lange, bis Amarayl wieder auftauchte.
"Valshiya sagte mir, daß ihr gekommen wäret um sie
zu einem Ausritt abzuholen. Sie sagt aber, sie könne nicht
mit euch kommen, da sie kein Pferd..."
"Ich hab's mir anders überlegt, Vater. Es ist schon gut.",
sagte Valshiya plötzlich selber. Sie stand in der Tür
hinter ihrem Vater. Sie war sogar schon für einen Ausritt umgekleidet,
trug ein weites rotes Hemd, schwarze Hosen und kniehohe Reitstiefel.
Das Rot ihres Hemdes ließ sie sehr blaß erscheinen.
Nein, stellte Legolas fest, es lag nicht an der Farbe. Sie war wirklich
sehr blaß.
"Das du kein Pferd hast ist kein Problem, du kannst bei mir
mitreiten.", bot er an.
"Ich werde das Pferd meines Bruders nehmen. Tarawyn wird es
heute nicht brauchen.", erwiderte Valshiya schnell. Der Gedanke,
so nah bei ihm zu sein, behagte ihr ganz und gar nicht.
Amarayl schaute sehr erstaunt drein, doch er sagte kein Wort, daß
seine Tochter sich es nun doch anders überlegt hatte.
Eigentlich sollte er sich über nichts mehr wundern, was seine
Tochter sagte und tat. Sie war launisch wie das Frühlingswetter
und das zu allen Jahreszeiten.
*****
Freiheit. Nichts als Freiheit und
reine Freude, war was Valshiya empfand. Es war wunderschön,
durch den herbstlichen Düsterwald zu reiten. Sie gab Celeir
, der schwarz-weiß gescheckten Stute ihres Bruders, die Sporen
und schloß zu Legolas auf, der auf seinem kräftigen grauen
Hengst vornweg geprescht war. Sie bemerkte den entspannten Ausdruck
auf seinem Gesicht. Auch mit ihm war, seit sie losgeritten waren,
eine Veränderung vorgegangen. Als er in der Halle ihres Vaters
gestanden hatte, schien es, als hätte ihn irgend etwas bedrückt.
Er blickte zu ihr und lachte:
"Du willst ein Rennen? Gut! Wer als erster beim Silberbach
ist, hat gewonnen." Er preßte Dywaith die Fersen in die
Flanken und stob davon.
"Legolas... Celeir ist viel langsamer...", rief sie ihm
hinterher. Sie wußte, daß die kleine, kräftige
Stute den Hengst des Prinzen niemals wieder einholen würde.
Trotzdem beeilte sie sich, schnell zum Silberbach zu kommen.
Als sie dort ankam, erwartete der
Prinz sie schon. Er hatte sich am Ufer des silbern plätschernden
Baches ins Gras gesetzt und warf kleine Kieselsteine ins Wasser.
Dywaith graste auf den grünen Wiesen, die den Bachlauf säumten.
Valshiya stieg ab, gab Celeir einen Klaps, so daß diese sich
in die selbe Richtung bewegte. Sie wußte, daß die beiden
Tiere nicht weglaufen würden. Die Pferde der Elben waren auf
ihre Besitzer sehr fixiert.
Legolas drehte sich zu ihr um und streckte die Hand nach ihr aus.
"Komm setz' dich zu mir.", bat er sie.
Schweigend kam Valshiya seiner Aufforderung nach. Was sollte schon
passieren, wenn sie einfach nur neben ihm saß.
"Ich bin gerne hier. Hier kann ich meine Gedanken sammeln,
weit weg von meiner Familie. Nirgends ist es so schön wie hier
aber... manchmal wünsche ich mich wieder weit fort von hier."
Valshiya merkte, daß ihn tatsächlich etwas bedrückte.
Seine graublauen Augen blickten traurig ins Leere.
"So viele Verpflichtungen. Es bleibt kaum Raum für mich.
Ich darf nicht einmal entscheiden, wen ich heiraten will und ob
ich das überhaupt will.", fuhr er fort. "Wie ist
es bei dir? Weiß dein Vater auch schon, mit wem du einmal
den Bund eingehen sollst?"
Valshiya antwortete:
"Nein. Ich denke auch nicht, daß das in meiner Position
so wichtig ist. Du bist ein Prinz und du mußt tun, was für
dein Volk das richtige ist."
Legolas blickte sie an. Eine ungewohnte Härte war in seinen
Augen.
"Und wer weiß, was für mich das richtige ist?"
Ich weiß es, hätte Valshiya beinahe gesagt, doch sie
schüttelte nur leicht den Kopf und wich seinem Blick aus.
"Du verstehst mich, nicht wahr? Ich wundere mich ohnehin, daß
du dich überhaupt noch an unser Gespräch von damals erinnerst.",
sagte er leise.
Valshiya lachte leise.
"Wieso lachst du?", wollte er wissen.
Sie antwortete.
"Nun, du bist ein Prinz, Thranduils Sohn, wie sollte man ein
Gespräch mit dir vergessen. Du... es war etwas ganz besonderes
für mich, daß du dich mir anvertraut hast." ...
und ich bin damals schon in deinen Augen versunken und mir war klar,
daß ich mit niemandem anderen als dir den Bund eingehen wollte,
waren ihre geheimen Gedanken, die sie nicht aussprach.
Legolas wandte sich ihr zu und schaute sie bewundernd an. Er hob
die Hand um ihr langes, schwarzes Haar zu berühren.
"Du bist wirklich wunderschön, Shiya.", flüsterte
er.
Innerlich erbebte sie bei seinen Worten. Für eine Sekunde spürte
sie seine Finger an ihrer Wange und glaubte, ihr Haut müsse
verbrennen. Ohne zu überlegen griff sie nach seinem Handgelenk,
schmiegte ihr Gesicht in seine Handfläche. Sie spürte,
wie die Tränen sich einen Weg durch ihre geschlossenen Augenlider
suchten.
Legolas war überrascht, doch er empfand es nicht als unangenehm.
"Shiya... bitte, weine doch nicht...", sagte er leise,
nicht verstehend, warum ein Kompliment sie so traurig machte. Er
nahm sie in die Arme, spürte ihr Herz aufgeregt an seiner Brust
klopfen. Konnte es denn sein. daß...?, fragte er sich, wagte
allerdings nicht, den Gedanken zu Ende zu führen. Was hatte
er getan, das einen so nachhaltigen Eindruck bei ihr hinterlassen
hatte?
Legolas horchte plötzlich auf. In einiger Entfernung konnte
er Hufgetrappel vernehmen. Jemand mußte ihnen gefolgt sein
und dieser jemand erreichte nun den Bach. Innerlich verfluchte er
seinen Vater, dessen Idee das sicherlich gewesen war, ihm einen
Aufpasser hinterherzuschicken.
"Es kommt jemand.", warnte er Valshiya.
Nur widerwillig löste sie sich aus seiner Umarmung.
"Was...", setzte sie zu einer Frage an, doch diese blieb
ungestellt, als ihr Bruder auf dem großen Fuchshengst seines
Vaters aus dem Wald heraus kam.
"Valshiya!", rief er überrascht aus. "Ich hatte
dir gesagt..., vergiß es, ich will dir vor dem Prinzen keine
Szene machen."
Valshiya sprang auf, klopfte sich Moos und Erde von ihrer Kleidung
und stammelte:
"Tarawyn, es ist nicht so, wie du denkst. Ich kann es dir erklären."
Legolas beobachtete verwundert die Szene. Es hätte ihn sehr
interessiert, was Tarawyn, Valshiyas Bruder, hatte sagen wollen.
Vielleicht hätte das ein wenig Klarheit in diese unmögliche
Situation gebracht.
"Vielleicht solltest du jetzt einfach auf Celeirs Rücken
steigen und mit mir nach Hause kommen."
Legolas eilte der völlig verstörten Valshiya zur Hilfe.
Er legte einen Arm um sie und erwiderte:
"Tarawyn, bei allem Respekt, aber ich denke, Shiya ist alt
genug um selbst zu entscheiden, wohin sie mit wem gehen will. Ich
werde sie schon sicher wieder nach Hause bringen."
Tarawyns Mundwinkel umspielte ein angedeutetes, süffisantes
Grinsen. Er legte die Hand auf sein Herz und neigte leicht den Kopf.
"Nun, Prinz, ihr müßt es ja wissen."
Legolas nahm den abfälligen Ton wahr, mit dem Tarawyn das Wort
Prinz aussprach. Eigentlich hätte er es sich verbitten können.
An Valshiya gewandt fuhr Tarawyn fort:
"Vater möchte, daß du vor Einbruch der Dunkelheit
zu Hause bist. Keine Sekunde später. Er will mit dir reden."
Er wendete sein Pferd und ritt denselben Weg wieder davon, den er
gekommen war.
Legolas war vollkommen verwirrt und das passierte ihm nicht häufig.
Waren denn jetzt alle völlig übergeschnappt?
"Was hat er gemeint?", wollte er wissen. "Wieso hat
er sich so aufgeregt?"
Valshiya bemühte sich, Legolas anzulächeln und antwortete:
"Nichts, es ist nur der Beschützerinstinkt. Er ist mein
älterer Bruder und glaubt, die Verantwortung für mich
und meine Tugendhaftigkeit zu haben."
Doch innerlich hatte sie ein absolut ungutes Gefühl. Sie fragte
sich, was ihr Vater wohl so dringend mit ihr zu besprechen hatte.
Sie wich Legolas forschendem Blick aus und alle Vertrautheit, die
sie noch vor wenigen Minuten geteilt hatten, war wie weggeblasen.
Legolas räusperte sich und meinte:
"Vielleicht ist es tatsächlich besser, wenn ich dich jetzt
zurück zum Hause deines Vaters bringe."
Er war sich immer noch sicher, daß sein Vater seine Hände
im Spiel gehabt hatte. Niemand wußte, wo er hingeritten war
und es war mit Sicherheit kein Zufall, daß Shiyas Bruder ihnen
ausgerechnet hierher gefolgt war.
Ich möchte aber nicht, dachte Valshiya, ich möchte für
alle Zeiten mit dir allein sein.
Legolas führte sie zu Celeir und half ihr beim Aufsteigen,
dann ging er zu seinem Pferd und stieg ebenfalls auf.
"Ich weiß nicht, was dein Vater mit dir zu bereden hat,
doch ich würde mir wünschen, daß wir wieder hierher
zurückkehren. Bitte verbringe mehr Zeit mit mir. Wenn ich mit
Dir zusammen bin, denke ich nicht so oft an die unangenehmen Dinge...
du weißt was ich meine.", bat er.
Valshiya lächelte schwach.
"Wie kann ich meinem Prinzen einen Wunsch ausschlagen?"
Legolas blinzelte ihr aufmunternd zu.
"Bitte, sieh es nicht als Pflicht, sondern als Vergnügen
an. Ich bin Legolas, nicht nur dein Prinz."
*****
Ihr Vater war sehr wütend als
sie nach Hause kam. Sein Gesicht hatte unter dem rabenschwarzen
Haar eine leicht gerötete Farbe angenommen und seine Augen
waren gefährlich geweitet. Das schlimmste für Valshiya
allerdings war, daß sie absolut keine Ahnung hatte, was ihn
so wütend gemacht haben könnte. Sie hatte sich nicht an
Legolas herangeschmissen, wie Tarawyn es ausdrückte. Sie hatte
geweint und sich gewünscht, daß allers anders wäre,
als es jetzt war, doch sie hatte es dem Prinzen nicht gesagt. Aber
sie hatte es genossen, in seiner Nähe zu sein und es freute
sie auch, daß er anscheinend ebenfalls ihre Nähe suchte.
Valshiya wagte kaum zu atmen, als Amarayl mit großen Schritten
auf sie zukam. Er faßte sie grob am Handgelenk und zog sie
vor den Augen ihres schadenfroh, grinsenden Bruders hinter sich
her in sein Lesezimmer. Mit einer einzigen Bewegung, warf Berater
des Königs die Tür hinter sich zu und schrie seine Tochter
an, sie solle sich setzen.
"Du törichtes Ding!", schrie Amarayl und Valshiya
zuckte ängstlich zusammen. Vater war wirklich sehr wütend.
"Vielleicht solltest du ein sterbliches Leben wählen,
damit du mich nicht auf ewig mit deinen Dummheiten in Verlegenheit
bringst."
"Vater, was habe ich denn getan?", wagte sie sich leise
zu fragen.
"Das fragst du noch? Ja, bist du denn eben so leichtgläubig
wie deine Mutter?", sagte er aufgebracht.
Ja, er war wirklich sehr wütend. Es kam selten vor, daß
er über Valshiyas Mutter sprach. Das war ein Thema, das er
ansonsten lieber mied.
"Du benimmst dich wie ein menschliche Dirne. Iluvatar, Varda
und Manwe sein dank, daß Tarawyn mich früh genug gewarnt
hat. Meine Güte, ich bin Thranduils Berater und meine Aufgabe
ist es, Dinge zu sehen, die anderen verborgen bleiben. Ich hätte
niemals gedacht, daß ich gerade bei meiner eigenen Tochter,
meinem Fleisch und Blut, versagen würde."
Langsam ahnte Valshiya, was er meinte. Tarawyn mußte ihm von
dem Gespräch erzählt haben, das sie am Tag von Legolas'
Rückkehr mit ihm geführt hatte. In diesem Moment wünschte
sie sich, Frodo, der Hobbit, hätte versagt und Mittelerde wäre
an den dunklen Herrscher gefallen, dann wäre ihr Vaters Ärger
erspart geblieben.
"Wie kannst du nur? Wie kannst du dich dem Prinzen derart an
den Hals werfen? Ich muß mich korrigieren: Du benimmst dich
schlimmer als eine menschliche Dirne. Valshiya, er ist einer anderen
versprochen. Ja, ich halte Thranduils Wahl auch nicht für besonders
weise, doch es ist die Entscheidung des Königs. Ganz Düsterwald
spricht von deinem unmöglichen Benehmen anläßlich
der Verlobungsfeierlichkeiten. Du machst mich zum Gespött...,
ich darf gar nicht darüber nachdenken. Was hast du dazu zu
sagen?"
Valshiya wartete einen Moment ab, denn sie hatte nicht wirklich
das Gefühl, daß ihr Vater eine Rechtfertigung ihrerseits
hören wollte. Als er nicht weitersprach und sie wartend anblickte,
antwortete sie:
"Ich weiß nicht, was Tarawyn dir erzählt hat. Jedenfalls
ist es nicht so, wie du denkst. Legolas hat mich gebeten, Zeit mit
ihm zu verbringen..."
"... und du machst dir Hoffnungen, es könnte mehr daraus
werden...", unterbrach Amarayl sie.
"Nein! Nein, so ist nicht!", schrie Valshiya. "Ich
habe ihm durch nichts in meinem Verhalten gezeigt, daß ich...
ich ihn liebe."
Jetzt war es raus. Alle haben es geahnt, besonders ihre Freundinnen,
doch sie hatte es nie so offen gesagt. In diesem Moment wußte
sie, daß sie es sich auch jetzt erst selbst richtig eingestanden
hatte. Tränen schossen ihr in die Augen. Amarayl verzog schmerzvoll
sein fein geschnittenes Gesicht. Wenn er so schaute, sah er mehr
aus wie Valshiyas älterer Bruder und nicht, wie ihr Vater.
Die Tränen seiner Tochter erweichten auch Amarayls Herz. Er
konnte es nicht ertragen, Trauer in den smaragdfarbenen Augen seiner
Tochter zu sehen. Er trat auf sie zu und schloß sie in seine
Arme. Er lächelte leicht, als er daran dachte, daß sie
ihn so schon immer weich gekriegt hatte.
"Shh, mein Mädchen", tröstete er sie, wie er
es früher immer getan hatte, als sie noch ganz klein war, damals,
als Lylia, ihre menschliche Mutter gestorben war. "Ich habe
es nie geahnt. Ihr seid aufgewachsen wie Bruder und Schwester. Niemals
hatten Thranduil und ich daran gedacht, daß ihr... nun ja,
es kam uns einfach nicht in den Sinn. Wir haben immer angenommen,
daß du für Legolas einmal die Position einnehmen wirst,
die ich jetzt bei Thranduil habe. Der König und ich sind ebenfalls
wie Brüder aufgewachsen." Valshiya zitterte in den Armen
ihres Vaters.
"Bitte Vater, verzeih mir. Wenn du mir nun auch zürnen
würdest... ich könnte es nicht ertragen.", bat sie.
Er antwortete:
"Natürlich verzeihe ich dir. Du weißt, daß
ich dir nicht lange böse sein kann. Aber wir müssen jetzt
eine Lösung finden. Ich will nicht, daß du dich quälst."
Valshiya nickte stumm, schmiegte ihren Kopf dankbar an die starke
Schulter ihres Vaters.
"Wie wäre es, wenn du, bis der Prinz verheiratet ist,
Königin Arwen in Gondor besuchst? Sicher erinnert sie sich
noch an dich. Als du noch ganz jung warst, hat sie oft mit dir gespielt.
Kleiner Wildfang hat sie dich genannt. Immerhin seid ihr auch miteinander
verwandt.", schlug er vor.
Valshiya war einverstanden. Er hatte recht, sie fortzuschicken.
Es wäre das beste für sie. Andererseits... wie konnte
sie Legolas allein lassen. Er war schließlich nicht in der
Lage, einfach fortzulaufen...
"Ja, so machen wir es. Es wird besser so sein.", sagte
sie.
Kapitel
3