Kapitel
19
Nachtnebel
Thranduil Orophelion erwachte schweißgebadet. Seine Träume,
Träume die eigentlich entspannend sein sollten, waren wirr...
furchterregend... Ja. Tatsächlich furchterregend! Sogar für
ihn, einen mehr als 5.000 Jahre alten König der Elben. Seit
ewigen Zeiten war er nun der König der Waldelben aus dem Düsterwald.
Sein Vater Oropher hatte die Waldlandelben aus den Reichen im Westen
hierher geführt und er war nach ihm erst der zweite König,
seit sie im Düsterwald angekommen waren. Niemand hatte jemals
das Bedürfnis gehabt, ihn durch einen anderen zu ersetzen.
Er hatte sein Volk durch zwei große Kriege geführt, falsche
Entscheidungen seiner Vorfahren korrigiert, sich niemals so sehr
durch Widrigkeiten entmutigen lassen, wie die Verwandten aus Laurelindórinan...
bis zu dieser Nacht! Die Angst hatte sein Herz zusammengeschnürt.
Was ihn beunruhigte war die Tatsache, daß er diesen Traum
nicht nur wie einen einfachen Traum empfand, sondern wie eine Warnung...
ein absolut schlechtes Omen.
Die Traumbilder zeigten ihm seinen Palast... die großen Hallen
in Flammen, seine Untertanen... sterbend in ihrem eigenen Blut,
er selbst in Hilflosigkeit erstarrt in der Gewalt eines gesichtslosen,
schattenhaften Fremden. Ein lautes irres Lachen und immer wieder
das Gesicht seines jüngeren Sohnes Finlass. So ungern Thranduil
den Kontakt zu seinen Verwandten in Laurelindórinan pflegte
- denn er hielt sie für überheblich - so sehr wünschte
er sich jetzt den Rat Galadriels einholen zu können. An Ruhe
war in dieser Nacht ohnehin nicht mehr zu denken, also stand er
auf und kleidete sich an. Beim Verlassen seines Schlafgemachs kam
er an einem großen Standspiegel aus Kristall vorbei, einem
Hochzeitsgeschenk an seine wunderschöne Gemahlin Mailtheniel.
Unvermittelt blieb er stehen und blickte seinem eigenen, müden
Spiegelbild entgegen.
Ja, müde und mutlos sah er tatsächlich aus. Der Traum
hatte seine Spuren hinterlassen.
Fast hatte er erwartet, daß Mailtheniel ihm aus dem Spiegel
tadelnd entgegenblickte. Tadelnd, weil sie mit Sicherheit der Meinung
wäre, er käme nicht mit ihren gemeinsamen Kindern zurecht.
Er hörte ihr silberhelles Lachen und darauf ihre zynische Bemerkung:
"Mein Liebster, die drei tanzen dir auf dem Kopf herum! Sie
sind wie du!"
Thranduil schüttelte den Kopf, um die Vision seiner anklagenden
Gemahlin loszuwerden. Was man sich alles einbildete! Vielleicht
lag es an seinem Alter, denn er hatte ein Alter erreicht, das die
Menschen als fortgeschritten bezeichnen würden. Aber... ja,
natürlich waren seine Kinder wie er. Mailtheniel war so früh
gestorben... sie war ja nicht dagewesen, um ihre Kinder zu erziehen.
Thranduil ließ sich in einem samtgepolsterten Scherenstuhl
aus kunstvoll gearbeiteten Ebenholz sinken. Er beobachtete mit Entzücken
die irisierenden Glanzlichter die der fahle Novembermond auf die
elfenbeinfarbenen Seidenvorhänge an den Fenstern zauberte.
Es war tatsächlich auch hier, tief im Düsterwald, im Reich
der Waldlandelben, sehr kalt geworden.
Dann seufzte er tief und seine Gedanken kehrten zu Mailtheniel
zurück. Mailtheniel: Entfacherin der Liebe. Welch treffenden
Namen ihre Eltern ihr gegeben hatten. Sie mußten gewußt
haben, daß sie, flatterhaft, frei, neugierig und begeisterungsfähig
- wie ein schimmernder Schmetterling - sein stilles Herz im Sturm
erobern würde. Sein ganzes Leben lang, was zu diesem Zeitpunkt
gerade einmal 2123 Jahre zählte, war er auf das Amt als König
vorbereitet worden. Seine Nase hatte ständig in irgendwelchen
Büchern gesteckt oder er hatte sich auf dem Kampfübungsplatz
ausgetobt. Seine Lehrer hatten immer wieder betont, was für
ein großartiger Kämpfer er war. Da war plötzlich
eine zierliche junge Elbin, nicht minder gebildet und weltgewandt,
wie ein entfesselter Sturm in sein bis dahin langweiliges Leben
geplatzt, hatte alles auf den Kopf gestellt. Mailtheniel... Prinzessin
des Lichts, mit Haaren wie glänzende Rabenfedern, Zierde des
Düsterwalds, Hoffnung ihres Volkes... es war gewiß nicht
ihr Wunsch gewesen, aus dem Leben zu scheiden, schon gar nicht auf
diese Art. Schnell verdrängte er die Erinnerung an seine wunderschöne
Gemahlin, er wollte nicht daran denken, wie sie ums Leben gekommen
war. Es wäre ein Verleugnen seiner eigenen Fehler, wenn er
die Schuld für die - in seinen Augen - "ungezogenen"
Kinder in ihrem Fehlen sah.
Erinnerungen, zwischen die Seiten meiner Erinnerung gepreßt,
dachte Thranduil bei sich. Erinnerungen, die wie Wein mit den Jahren
immer süßer aber auch wehmütiger werden. Stille
Gedanken schweben herab und legen sich um meine Füße
wie goldene Herbstblätter. Ich versuche sie zu berühren
und sie zerfallen zu Staub wie süße Erinnerungen.
Thranduils schüttelte den Kopf. Er hatte plötzlich das
dringende Gefühl, unbedingt an die frische Luft zu müssen.
Zwar waren seine Gemächer besonders groß - fast zu groß
für eine einzige Person - doch mit einem Mal hatte er das Gefühl,
keine Luft mehr zu bekommen. Der Raum beengte ihn plötzlich.
Der hochgewachsene, blonde König mit den sturmgrauen Augen,
der seinem ältesten Sohn so ähnlich sah, warf sich seinen
formellen grünblauen Samtmantel über die Schultern und
verließ schleichend seine Gemächer. Wer ihn so verstohlen
über die gähnend leeren Flure des Palastes huschen sah,
hätte ihn für den Geist eines der legendären Könige
aus längst vergangenen Tagen halten können. Vielleicht
gar König Elu Thingol, dessen Gemahlin die Maia Melian gewesen
war, und der in den prächtigen unterirdischen Hallen von Menegroth
geherrscht hatte.
Thranduil verließ den unterirdischen Palast, der nur ein
Abglanz der einstigen Pracht der alten Könige war, durch einen
Seiteneingang, um seinen Untertanen, zumindest denen, die womöglich
noch wach waren, aus dem Weg zu gehen, möglichen unangenehmen
Fragen aus dem Weg zu gehen. Seine Fingerspitzen strichen zart im
Vorbeigehen über die marmornen Reliefs an den Wänden.
Das kühle Gefühl des harten Steins gab ihm kurzfristig
ein wenig seiner königlichen, inneren Ruhe zurück. Zwar
wollte er es sich nicht eingestehen, doch sein Traum... oder seine
Vision - wenn es denn eine war - hatte ihn in seinem tiefsten Inneren
doch erschüttert. Doch, außer Alfiriel, hatte niemand
in seiner Familie jemals magische Anlagen gehabt. Es konnte keine
Vision gewesen sein... hoffte er.
Er erreichte den heiligen Hain der Waldelben. Dort war es sogar
noch stiller als im übrigen Teil der Siedlung. Selbst die Tiere
des Waldes waren still, als ob sie die Heiligkeit des Ortes spürten.
Thranduil erinnerte sich an andere Tage, die er hier erlebt hatte,
die nicht still aber voller Licht und Freude gewesen waren. Hier
waren viele Feste gefeiert worden. Sein Regentenfest, als sein Vater
Oropher ihn zu seinem Mitregenten erhob, sein Bund mit Mailtheniel,
die Geburt von Legolas. Lächelnd erinnerte sich der König,
daß sein ältester Sohn bei seiner Geburt ebenso rabenschwarzes
Haar gehabt hatte wie seine Mutter. Dann wurde Alfiriel, die Silberblüte,
geboren und schließlich und letztendlich Finlass, sein Sorgenkind
- auch wenn er das nur ungern zugab. Finlass war, seit er alt genug
dafür gewesen war, nicht nur Bruder sondern in erster Linie
Rivale für Legolas gewesen. In allem, was Legolas machte, wollte
Finlass besser sein. Zunächst hatte Thranduil es für eine
Art kindlichen Wettbewerb gehalten. Ohne daß Legolas etwas
davon gemerkt hätte, hatte Finlass immer um die Gunst seines
Vaters gebuhlt. In den letzten Jahren schien sich das Verhältnis
von Finlass zu Legolas allerdings ein wenig entspannt zu haben,
was Thranduil ungemein beruhigt hatte. Legolas war... nicht stur...
allerdings konnte man ihn kaum von einem Vorhaben abbringen, wenn
er es sich einmal in den Kopf gesetzt hatte. Das hatte er von seiner
Mutter. Finlass allerdings hatte anscheinend - leider - einige negative
Züge seines Großvaters geerbt. Legolas war sehr schnell
im Denken und im Erkennen von Zusammenhängen, er hörte
immer aufmerksam zu und lernte schnell. Alfiriel allerdings war
weise, ruhig und gleichzeitig schlagfertig. Sie konnte einem das
Gefühl geben, sie hätte nachgegeben und sie kam dennoch
zu genau dem von ihr gewünschten Ziel. Nicht selten hatte sie
einen aufflammenden Streit zwischen den beiden so verschiedenen
Brüdern geschlichtet.
Im Mondlicht glitzernde Tautropfen benetzten das Gras am Boden.
Thranduil wunderte sich abermals über die ungewöhnliche
Kälte, die sogar hier - im heiligen Hain - vorherrschte. Etwas
knackte im Gebüsch rund um den Hain. Thranduil wandte sich
blitzschnell in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen
war. Er verharrte lautlos und lauschte. Mit seinem ohnehin guten
elbischen Hörsinn, den er überdies über Jahrtausende
hatte schulen können, hätte er ein winziges Insekt im
Gebüsch hören können. Doch... als hätte es sich
nur um eine Einbildung, eine Nachwirkung seiner wirren Träume
gehandelt: Er hörte nichts mehr. Gar nichts! Aber andererseits
war es gerade das, was ihn mißtrauisch machte... das völlige
Fehlen aller natürlichen Geräusche.
Ein dichter Nebel zog auf die Lichtung. Thranduil kniff ungläubig
die Augen zusammen und seine Hand tastete unwillkürlich nach
dem langen Kampfdolch, den er tagsüber für gewöhnlich
bei sich trug. Dieses kurze Zögern war es, das ihm die Zeit
nahm, sein Volk zu warnen. Wie geisterhafte, fahle Hände kroch
der Nebel an seinem Körper hoch. Er war eiskalt und lähmte
jede seiner Bewegungen. Der Nebel - er war überraschenderweise
leicht gelblich - erreichte seine Brust und preßte die Atemluft
aus seinen Lungen. Was, bei allen dunklen Dienern Morgoths, war
das? Ein vages, furchtähnliches Gefühl ergriff ihn. Sein
elbisches Wesen bewahrte ihn davor, in kalte, unkontrollierte Panik
auszubrechen. Stattdessen sorgte er sich um sein ahnungsloses Volk.
Er hätte es warnen können, doch wovor? Erst jetzt wurde
ihm klar: Dieser Nebel war eine Bedrohung für sein Volk. Er
konnte sein Volk nicht mehr warnen. Das war das letzte, was er dachte,
als ihn ein Schwindel ergriff und ihm die Sinne raubte. Bewußtlos
sank der König der Waldlandelben zu Boden.
((
Eine schemenhafte Gestalt, die nur aus Schatten zu bestehen schien,
trat aus den Gebüschen heraus und auf die Lichtung. Die Gestalt
beugte sich über den niedergesunkenen Körper des Elbenkönigs.
Als sie sich wieder aufrichtete, verschwomm der Schatten und manifestierte
sich zu einer schlanken Frauengestalt mit flammend roten Haaren.
Sie hatte ein sehr schmales Gesicht mit besonders hohen Wangenknochen
und hochmütig funkelnden Augen. Sie drehte sich um und gab
einer jemandem einem Wink. Ein hochgewachsener Mann kam aus dem
Gebüsch. Die Frau - die Form ihrer Ohren verriet sie als Elbin
- ging mit langsamen Schritten auf den bleichhäutigen Mann
zu. Sie legte ihre Hände vorsichtig auf die Brust des Mannes,
der ebenfalls ein Elb zu sein schien.
"Nun, Prinz", flüsterte sie, "hast du mit einem
einzigen Schlag das größte Hindernis auf deinem Weg zum
Thron beseitigt."
Der mit Prinz titulierte erwiderte schwer atmend:
"Ja, wahrhaftig! Ein glücklicher Zufall! Aber... Merilwen...
er ist nicht tot und mir wäre wohler zumute, wenn einige andere
auch ausgeschaltet und für immer zum Schweigen gebracht wären."
Die Frau, Merilwen, schüttelte den Kopf und erwiderte zögerlich:
"Wieso nur gleich zum Äußersten gehen, Finlass?
Ich weiß Dinge, die es dir leicht machen würden, das
ganze Düsterwaldvolk zu manipulieren - vergiß nicht,
daß ich auch einige Zeit mit deinem Bruder verbracht habe.
Du könntest Osclyn eine mächtige Elbenarmee zur Verfügung
stellen. Geh nichtzu unüberlegt vor."
Finlass, der jüngere Sohn des bewußtlosen Königs,
blickte nachdenklich an der rothaarigen Elbin vorbei. Er schien
die verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen, die sich ihm
boten. Schließlich blickte er die Elbin direkt an und bat:
"Du mußt mir dabei jedoch mit deiner Magie zur Seite
stehen. Du darfst mich jetzt auf keinen Fall verlassen."
Er faßte Merilwen bei den Schultern und schüttelte sie.
"Merilwen, ohne dich weiß ich nicht weiter. Ich hatte
nie einen wirklichen Plan, bis ich dich traf. All die verworrenen
Ideen, die ich hatte, wurden erst von dir zu einem großen
Ganzen gemacht.", gestand er.
Die Elbin Merilwen wich, überrascht von Finlass' Ausbruch,
vor diesem zurück. Ihr fiel nun endgültig auf, welch unheimliche
Veränderung mit ihm vorging. Allerdings hatte sie bisher nicht
geahnt, daß sie selbst mit ihrem verletzten Stolz, ihrer zurückgewiesenen
Liebe, den Stein letztendlich vollkommen ins Rollen gebracht hatte.
Ihr wurde klar, daß - wenn man alles andere beiseite ließ
- sie allein für Legolas' Tod verantwortlich sein würde.
Kapitel 20