Die Rückkehr
eines Prinzen
Endlich, endlich kehrte er zurück.
Zusammen mit seinen Gefährten hatte er Sauron, den dunklen
Herrscher und Herrn des einen Rings bekämpft und am Ende gewonnen
und damit ganz Mittelerde vor dem Untergang gerettet.
Nun richtete sein Vater, der König des Düsterwalds ein
großes Willkommensfest für den jungen Elbenprinzen aus.
Er stieg vor dem Palast seines Vaters Thranduil von seinem Pferd
und wurde dort von seinem Bruder Finlass, seiner Schwester Alfiriel
und seinem Vater begrüßt. Am liebsten wäre Valshiya
sofort zu ihm gelaufen. Doch ihr Halbbruder, wie gut er sie doch
kannte, hielt sie zurück.
"Weißt du, ob er dich überhaupt noch kennt? Es ist
schon lange her", meinte er.
Valshiya verlor den Mut. Sie hatte so gehofft, daß er sie
gleich als erstes sehen würde. Doch er war ein Königssohn
und er erinnerte sich mit Sicherheit nicht mehr an die junge Tochter
von Amarayl, dem Berater seines Vaters. Sie wandte sich von der
Wiedersehensszene ab und ihrem Bruder Tarawyn zu.
"Was weißt du schon?", fuhr sie ihn wütend
an, benutzte ihren Bruder als Ventil für ihre Enttäuschung.
"Du warst nicht einmal erwachsen, als er nach Bruchtal zum
Rat von Elrond gereist ist. Im übrigen ist er einer anderen
versprochen..."
"...die er nicht liebt!", fiel Valshiya ihrem Bruder ins
Wort.
"Und woher willst du das wissen?", fragte Tarawyn.
"Weil er es mir gesagt hat. Ich war eben nicht mehr so jung,
wie du denkst, als er den Düsterwald verlassen hat. Nicht zu
jung um Geheimnisse mit unserem Prinzen zu teilen.", erklärte
Valshiya.
Tarawyn schnappte nach Luft. Es würde einen Skandal geben,
wenn herauskäme, daß sich seine jüngere Schwester
dem Prinzen vom Düsterwald an den Hals geschmissen hatte.
"Du bist die Tochter des Ratgebers seines Vaters, ihr seid
wie Bruder und Schwester aufgewachsen. Ich denke nicht, daß
Du dir irgendwelche Hoffnungen machen kannst.", meinte Tarawyn.
"Bei allen Göttern, wieso muß ich gerade mit Dir
gestraft sein. Wieso läßt Du mich nicht einfach in Ruhe?",
fluchte Valshiya. Sie bemühte sich, ihren Bruder zu ignorieren
und wandte sich wieder dem heimkehrenden Elbenprinzen zu. Dieser
stand nun mit seinem Vater auf der Terrasse vor dem Palast und nahm
die Hochrufe der anderen Elben freundlich entgegen.
Valshiya versuchte dem Ereignis entsprechend fröhlich dreinzuschauen,
doch die Erinnerung an das, was ihr Bruder gesagt hatte, hing wie
Schlechtwetterwolken über ihren Gedanken. Nicht einmal der
Anblick des von ihr geliebten Elben vermochte sie jetzt wieder aufzumuntern.
Tarawyn würde schon sehen. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen,
daß Prinz Legolas sich nicht mehr an sie erinnerte.
Sie verließ die Lichtung vor dem Palast, nachdem Legolas sich
mit seinen Brüdern und seinem Vater in den Palast zurückgezogen
hatte. Am Abend würde ein großes Fest stattfinden und
Valshiya wollte sich noch umkleiden.
In ihrem silberdurchwirkten, lindgrünen
Kleid aus weich fließendem Stoff drehte sie sich abschätzend
vor ihrem großen Standspiegel hin und her. Es war ein wichtiger
Abend. Sie wollte auffallen. Sie wollte schließlich das Herz
eines Elbenprinzen gewinnen. Die Farbe des Kleides unterstrich die
dunkle, grüne Farbe ihrer Augen. Sie überlegte, ob sie
ihr schwarzes Haar hochstecken oder weich über ihre Schultern
fallen lassen sollte. Schließlich entschied sie sich dafür,
ihr Haar offen zu lassen.
Von draußen hörte sie leise Musik.
Jemand spielte auf einer Flöte eine romantisch-traurige Weise.
Valshiya trat auf den kleinen Balkon ihres Zimmers und lauschte
eine Weile dieser wunderschönen Musik, die von dem Wind zu
ihr hergetragen wurde. Ihre menschliche Hälfte war immer wieder
fasziniert von diesen wunderschönen Klängen.
Leider hatte ihr Sindar-Vater ihr zwar ein durch und durch elbisches
Aussehen vererbt aber eben nicht die den Sindar eigene Fähigkeit,
mit Instrumenten aller Art umzugehen.
Das einzige Instrument, mit dem sie wirklich umgehen konnte, war
ihre eigene Stimme aber das konnten die Menschen auch.
Sie seufzte und ließ ihren Blick zum Horizont schweifen. Die
Sonne würde bald untergehen und dann würde das große
Fest für den Sindar-Prinzen beginnen.
Valshiya begann zu träumen.
Legolas, Thranduils Sohn, war wirklich älter als sie, wenn
er auch nicht so aussah, und er hatte sie auch tatsächlich
immer wie eine kleine Schwester behandelt. Nun, wenn man es so betrachtete,
dann hatte er alle jüngeren Sindar wie seine Geschwister behandelt.
Er würde einmal ein guter Nachfolger seines Vaters sein.
Was Tarawyn gesagt hatte, entsprach der Wahrheit. Er sollte wirklich
mit einer anderen den Bund eingehen.
Valshiya schüttelte den Kopf. Sie wollte
mußte
diesen unangenehmen Gedanken unbedingt verdrängen.
Er hatte ihr vor seiner Abreise gesagt, daß ihm der Auftrag
seines Vaters, nach Bruchtal zu reisen, durchaus gelegen kam, denn
dann würde er nicht daran denken, seinen Sohn und Thronfolger
zu verheiraten. Er fühle sich einfach noch zu jung dafür
- wobei dieses Argument den Menschen in Valshiya beinahe zum Lachen
gebracht hätte.
"Valshiya! Kommst du endlich?",
rief eine weibliche Stimme von unten zu ihr hinauf.
Valshiya schrak aus ihren Träumen und entdeckte ihre Freundin
Luyeni, die gleichzeitig eine entfernte Cousine von ihr war. Sie
hoffte, daß diese nicht ihren sehnsüchtigen Blick bemerkt
hatte. Luyeni wußte, daß Valshiya in den Prinzen verliebt
war und das gefiel ihr nicht. In ihren Augen schickte es sich einfach
nicht. Riona, das Mädchen, das dem Wunsch seines Vaters entsprechend
den Bund mit Legolas eingehen sollte, war ebenfalls eine Freundin
von Luyeni.
Valshiya mochte Riona nicht. Sie war überhaupt nicht weiblich,
ritt den ganzen Tag durch den Wald und hatte sich sogar ihr langes
Haar kurz geschnitten. Eine Elbe mit kurzem Haar - das mußte
man sich einmal vorstellen.
"Ja, ich komme sofort, ich habe nur den Sonnenuntergang bewundert!",
rief Valshiya zurück. Sie eilte zu ihrem Spiegel, steckte sich
das Diadem, das sie von ihrer Mutter geerbt hatte, mit dem langen
weißen Schleier aus durchscheinendem Stoff an und verließ
dann ihr Zimmer.
Unten wurde sie schon von Luyeni aufgeregt erwartet. Ihre Freundin
trug ein mitternachtsblaues Gewand mit weißer, zierlicher
Spitze, das ausgezeichnet zu ihrem fast weißen Haar paßte.
Sie hatte aufgeregt gerötete Wangen und Valshiya glaubte, daß
das von der Vorfreude auf das Fest kam.
"Laß uns gehen, ich habe keine Lust, etwas zu verpassen.",
schlug Luyeni atemlos vor und zog Valshiya mit sich.
"Was ist denn bloß los mit dir?", wollte Valshiya
wissen.
Für gewöhnlich war ihre Freundin, wie alle Sindar, ein
Muster an Beherrschtheit. Meist waren die anderen überrascht,
wenn bei ihr selbst ihr menschliches Temperament zum Vorschein kam.
"Ja, weißt du es denn noch nicht?" fragte Luyeni
und blieb abrupt stehen. "Thranduil will heute die Verlobung
zwischen seinem Sohn und Riona bekanntgeben." Valshiyas Herz
setzte aus. Alles Blut wich ihr aus dem Gesicht und sie bekam eiskalte
Hände.
"Ist das nicht wundervoll? Es wird ein großes Fest geben.
Wir sollten uns jetzt aber beeilen, damit wir auch ja nichts verpassen."
Luyeni faßte ihre Freundin an der Hand und zog sie mehr oder
weniger hinter sich her. Sie hatte nicht bemerkt, wie blaß
Valshiya geworden war. Diese hatte plötzlich keine rechte Lust
mehr, auf das Fest zu gehen.
Doch ihr Vater Amarayl würde darauf bestehen, daß sie
auf diesem Fest auftauchte. Er legte sehr viel Wert auf Etikette.
*****
Legolas war zwar froh, endlich wieder
zu Hause zu sein, doch auf die ein andere Art langweilte es ihn
auch. Er vermißte seine Freunde, die ihm beim Kampf gegen
Sauron, den dunklen Herrscher, der ganz Mittelerde bedroht hatte,
begleitet hatten. Kaum, daß er wieder in Thranduils Hallen
weilte, fing sein Vater auch schon wieder damit an, daß er
unbedingt den Bund eingehen sollte. Allerdings machte er diesmal
anscheinend ernst. Das Mädchen, daß er dazu ausersehen
hatte, war die Nichte einer Cousine des Königs. Oh, er hatte
schon fast vergessen, wie kompliziert die Familienverhältnisse
bei den Elben sein konnten.
Er konnte sich kaum noch an Riona erinnern. Sie war nicht viel jünger
als er, doch sie hatte einige Zeit in Lothlorien und unter den Menschen
gelebt. Heute wollte Thranduil ihre Verlobung bekanntgeben. Legolas
war davon nicht begeistert. Es war das ewige Streitthema zwischen
ihm und seinem Vater und das nun schon fast seit 2000 Jahren, eine
unvorstellbare Zeit für einen Menschen.
Es gab Zeiten, da hatte er sogar daran gedacht, den Düsterwald
zu verlassen.
Das Fest, auf dem Thranduil die Verlobung bekanntgeben wollte, würde
in wenigen Minuten offiziell beginnen. Legolas saß grübelnd
in seiner großen Bibliothek, trank ein Glas süßen
Weins und versuchte seine Gedanken zu sammeln.
Zwar hatte er wieder einmal versucht, seinen Vater davon zu überzeugen,
daß er eigentlich noch gar nicht den Bund eingehen mußte,
doch die Diskussion hatte zu dem erwarteten Ergebnis geführt.
Thranduil wich nicht von seinem Standpunkt ab.
Alfiriel, seine wunderschöne Schwester, betrat leise den Raum.
Ihren Namen, der in der Sprache der Menschen Silberblüte bedeutete,
verdankte sie ihrer Haarfarbe. Ihre Haare waren fast schneeweiß
und ihre Augen waren von einem hellen, silbrigen Grau. Wenn seine
Braut doch nur so anmutig wäre, wie seine Schwester... Vater
hatte tatsächlich auch noch eine schlechte Wahl getroffen.
Es gab viele Elbenfrauen, die zumindest das Auge mehr erfreuten
als Riona. Die Hoffnung, eine Frau zu finden, die auch seinen Geist
erfreute, hatte Legolas schon vor langer Zeit aufgegeben.
"Legolas, du grübelst schon wieder nach und ich weiß
auch worüber.", sagte sie leise.
Zwar hatte Legolas ihr Eintreten nicht bemerkt, doch es überraschte
ihn auch nicht, daß sie plötzlich neben ihm stand und
ihre Hand auf seine Schulter legte. Wenn ihr sanftes Aussehen auch
darüber hinwegtäuschte, Alfiriel war eine ausgezeichnete
Jägerin und konnte sich dementsprechend auch sehr leise bewegen.
"Könnte ich jemals etwas vor dir verbergen, kleine Schwester?"
fragte Legolas und ein sanftes Lächeln umspielte seine Mundwinkel.
"Wahrscheinlich nicht.", sagte Alfiriel und lächelte
ebenfalls.
Alfiriel kannte seine Einstellung dazu, daß er Riona heiraten
sollte. Alfiriel ging es in dieser Hinsicht nicht anders. Allerdings
wollte Legolas aus Prinzip den Bund noch nicht eingehen, Alfiriel
lehnte die Person ab, die er heiraten sollte.
"Bist du auf meiner Seite?", fragte Legolas, griff nach
der Hand seiner Schwester, die immer noch auf seiner Schulter ruhte
und wandte sich halb zu ihr um.
"Ebenso wie Finlass. Allerdings meint er, man müßte
nur eine andere Braut für dich finden.", antworte Alfiriel.
Legolas Augen blitzten wütend und er wollte gerade aufspringen
und etwas erwidern, doch Alfiriel drückte ihn mit ihren zarten
Händen zurück in den Sessel. Sie hatte geahnt, daß
er so reagieren würde.
"Er will damit nur sagen, daß er Riona auch nicht gerne
zur Frau haben wollte. Allerdings haben Finlass und ich nachgedacht.
Es gäbe da eine Möglichkeit, wie du noch einmal um diese
Verlobung herumkommen könntest."
"Hm!", machte Legolas und schien plötzlich sehr interessiert.
"Du könntest behaupten, daß es da schon ein anderes
Mädchen gebe. Du warst jetzt lange fort und niemand, außer
deinen Freunden, kann den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung anzweifeln.",
erklärte Alfiriel.
"Es gibt aber kein anderes Mädchen! Ich will Vater nicht
belügen!", erwiderte Legolas und stand nun doch auf.
Alfiriel seufzte:
"Nun dann wirst du dich langsam mit dem Gedanken anfreunden
müssen, daß du mit Riona den Bund eingehen wirst."
Muß ich wohl, dachte Legolas und verließ schnellen Schrittes
seine Bibliothek. Wenn es schon sein mußte, dieser Unsinn
mit der Verlobung, dann wollte er es wenigstens schnell hinter sich
bringen und die Feier zu seinen Ehren schnell verlassen.
Alfiriel wollte ihrem Bruder noch etwas hinterherrufen, doch sein
Gesicht war finster wie ein stürmischer Gewitterhimmel und
seine Schritte waren schnell und entschlossen. Er war wieder in
dieser Stimmung, in der man ihn besser nicht ansprach. Das kam sehr
selten vor, doch Alfiriel hatte schon einige Male die unangenehme
Erfahrung gemacht, was passierte, wenn man es wagte, ihn dennoch
anzusprechen und aus Fehlern lernte sie für gewöhnlich.
*****
Thranduil, König des Düsterwalds,
betrat in Begleitung seiner drei Kinder das Festzelt. Er hielt eine
Rede, von der Valshiya weniger als die Hälfte mitbekam. Sie
hatte ihre Blicke auf Prinz Legolas geheftet, der ihr alles andere
als glücklich erschien. Einige Male hatte sie sogar das Gefühl,
er schaue in ihre Richtung.
Neben ihr saß Luyeni und jauchzte:
"Schau nur, wie gut der Prinz aussieht. Er hat sich seine besten
Kleider für seine Braut angezogen."
Valshiya zog die Augenbrauen zusammen. Warum mußte Luyeni
sie nun schon wieder daran erinnern.
"Ja, er sieht wirklich sehr gut aus.", erwiderte sie und
meinte das durchaus ernst. Er trug ein silbernes Seidenwams mit
goldenen Stickereien zu einer schwarzen Lederhose und schwarzen
Stiefeln. An einem schwarzen Gürtel um seine Hüfte hing
ein prunkvoller Dolch. Für gewöhnlich trug er zwei Dolche
über Kreuz auf seinem Rücken. Seine Schultern waren von
einem bodenlangen schwarzen Mantel umhüllt. Valshiya erinnerte
sich, daß er so förmliche Kleidung eigentlich nicht schätzte,
also mußte er sich wohl tatsächlich für seine Braut
so angezogen haben. Wahrscheinlich auf Anweisung seines Vaters.
"Und schau, wie hübsch Prinzessin Alfiriel ist. Ich wünschte,
ich hätte auch so ein Kleid.", plapperte Luyeni weiter.
"Ich bin gespannt, wie Riona aussieht. Ich denke doch, daß
sie auch bald kommen wird."
"Ja, ja, ich denke auch!", erwiderte Valshiya monoton
und hoffte, daß Luyeni sie bald zufrieden lassen würde.
Doch der Redeschwall ihrer Freundin ließ nicht nach. Als nächstes
lobte sie den Prinzen Finlass, der das jüngste von Thranduils
Kindern war und seinem älteren Bruder immer ähnlicher
wurde, was die Abenteuerlust anging.
Plötzlich wurde sie von der Seite angestoßen.
"Shiya, du hörst mir gar nicht zu!", beschwerte Luyeni
sich.
"Doch... ich habe dir zugehört. Ich habe nur... kurz an
was anderes gedacht.", stotterte Valshiya.
In diesem Moment betrat Riona zusammen mit ihrer Familie das Festzelt.
Valshiya schluckte schwer. Auch Riona hatte sich für diesen
Tag besonders hübsch gemacht. Das war eine Seite an ihr, die
bisher nur wenige kannten. Sie trug einen Kranz aus rosafarbenen
Blüten auf ihrem dunkelroten, kurzen Haar, passend zu ihrem
roten Seidenkleid und dem rosafarbenen Schleier. Nein, sie war nicht
hübsch, stellte Valshiya sogleich fest, dazu trug sie ihre
Nase ein wenig zu hoch, war anscheinend stolz darauf, eine so gute
Partie wie den Prinzen zu machen. Valshiya schaute zu Legolas, der
seine Verlobte erwartete. Irgendwie schien er in sich zusammengesunken
zu sein. Er bemühte sich, möglichst nicht in Richtung
seiner zukünftigen Braut zu schauen. Plötzlich traf sein
Blick den ihren. Sie glaubte, Erkennen in seinen Augen zu sehen
und er lächelte ihr traurig zu. Ob er sich an das Gespräch
erinnerte, daß sie vor seiner Abreise miteinander geführt
hatten? Seine Schwester zupfte ihn an seinem Mantel. Er wandte sich
ihr zu. Prinzessin Alfiriel flüsterte ihrem Bruder etwas ins
Ohr und dieser nickte. Finlass ging Riona entgegen, nahm ihre Hand
und führte sie zu Legolas. Bei ihm angekommen, legte Finlass
ihre Hände ineinander und Thranduil sprach die überlieferten
Worte um eine Verlobung zu besiegeln. Während alle anderen
laut aufjubelten, verbarg Valshiya ihr Gesicht in den Händen
und weinte heiße Tränen. So konnte sie nicht sehen, wie
Legolas sich schnell von seiner zukünftigen Braut zurückzog
und einen einsamen Platz unter den Feiernden suchte.
"Sie ist wirklich nicht sehr
ansehnlich.", meinte Finlass und setzte sich neben seinen Bruder,
der schon das vierte Glas Wein in sich hineinschüttete. Legolas
bedachte seinen den jüngeren Elb mit einem gleichgültigen
Blick.
"Ist's so schlimm, daß du dich - hoffentlich das erste
Mal in deinem Leben - betrinken mußt?"
Immer noch bekam er von dem älteren Elb keine Antwort.
"Entschuldige aber ich finde Vaters Entscheidung nicht ganz
unrichtig. Immerhin warst du bisher nicht in der Lage, dir selbst
eine Braut zu suchen.", meinte Finlass. Der Seitenhieb hatte,
wie der jüngere Prinz es erwartet hatte, gesessen.
"Vielleicht lag es ja einfach daran, daß ich den Bund
gar nicht eingehen wollte. Nebenbei war ich auch noch mit meinem
Freunden damit beschäftigt, Mittelerde zu retten. Nun ja, das
ist ja nichts, da hätte ich mir nebenbei ja auch noch eine
passende Braut suchen können.", Legolas schoß vor
und faßte seinen jüngeren Bruder am Kragen, "Wenn
es doch so schlimm nicht ist, dann nimm doch du Riona zur Frau.
Ich verzichte gerne auf den Thron für dich."
Finlass blickte grinsend in das wütende Gesicht seines Bruders.
Immerhin hatte er nun endlich eine Reaktion bekommen. Legolas' Wut
verflog schnell und resigniert ließ er seinen Bruder wieder
los.
"Am liebsten würde ich mich von diesem Fest verabschieden.",
flüsterte Legolas leise.
Finlass klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.
Thranduil und sein weiser Berater Amarayl kamen auf die beiden zu.
"Legolas, Amarayl machte mich darauf aufmerksam, daß
seine Tochter eine ausgezeichnete Sängerin ist. Er meinte,
wir sollten sie bitten, ein Lied zur Feier des Tages zu singen.",
schlug der König vor.
Legolas brummte irgend etwas in sich hinein, das nach tu was du
nicht lassen kannst klang.
"Vielleicht erinnert ihr euch noch an sie. Ihr Name ist Valshiya.",
ergänzte Amarayl.
"...Shiya..., ja natürlich. Ich habe früher viel
Zeit mit ihr verbracht. Was ist aus ihr geworden? Natürlich
sollten wir sie fragen.", erinnerte sich Legolas plötzlich.
Amarayl wandte sich um und suchte nach seiner Tochter. Wie nicht
anders zu erwarten, entdeckte er sie bei seiner Freundin Luyeni.
"Seht ihr, Prinz, da drüben steht sie, ich werde sie gleich
holen.", sagte Amarayl.
Finlass folgte dem Berater mit seinen Blicken und entdeckte Valshiya.
Im Halbdunkel des Festzeltes konnte er ihr Gesicht nicht richtig
erkennen. Anscheinend hatte sie einen kurzen Disput mit ihrem Vater
aber der griff wortlos nach ihrer Hand und zog sie hinter sich her.
Überrascht stieß Finlass seinen Bruder an, als Amarayl
mit seiner Tochter zu den Wartenden zurückkehrte.
"Das ist Amarayls Tochter? Ich hatte ja keine Ahnung...",
flüsterte er seinem Bruder zu.
Legolas' rechte Augenbraue schoß in die Höhe. Das war
dieser Blick, der immer sein Gesicht zierte, wenn er sich um den
Geisteszustand seines jüngeren Bruders Sorgen machte. Doch
dann sah er Shiya, das junge Mädchen, mit dem er vor seiner
Abreise viel Zeit verbracht hatte. Tatsächlich war inzwischen
eine wunderschöne junge Elbenfrau aus ihr geworden.
"Mein Prinz!", hauchte sie, legte die Hand auf ihr Herz
und neigte den Kopf vor ihm.
Ein leichtes Zittern war in ihrer Stimme zu hören.
"Warum denn so förmlich?", fragte Legolas das Mädchen,
"Ihr erinnert euch doch noch an mich... oder nicht?"
Er nahm ihre Hand und war überrascht, wie kühl sie sich
anfühlte. Und er spürte noch etwas anderes. Sie zitterte
- nur ganz leicht - aber er konnte es dennoch spüren.
"Ja, schon, ich erinnere mich auch euch Prinz, doch ich war
noch sehr jung..."
Legolas lachte. Er lachte das erste Mal an diesem Abend, wie Finlass
scharfsinnig bemerkte.
"Im Vergleich zu mir seid ihr immer noch jung, doch ihr seid
eine wunderschöne Frau geworden.", erwiderte Legolas.
Aufgeregte rote Flecken zeigten sich auf den hellen Wangen des schwarzhaarigen
Mädchens. Finlass bemerkte, wie Valshiya seinen Bruder mit
großen Augen anstarrte. Sekundenlang sagten die beiden kein
Wort, so daß Thranduil und Amarayl schon fragende Blicke wechselten.
Um seinem Bruder aus der peinlichen Situation zu helfen, räusperte
Finlass sich. Das schwarzhaarige Halbelbenmädchen zuckte zusammen
und fand dann schnell ihre Stimme wieder.
"Vater meint, ihr würdet es mögen, wenn ich zur Feier
des Tages etwas für euch singe.", erklärte sie.
"Ja... natürlich würde ich es mögen. Aber nur,
wenn ihr mir anschließend einen Tanz gewährt.",
sagte Legolas.
Nein. Nein! Das würde sie garantiert nicht. Das konnte sie
einfach nicht. Sie würde ihre Tränen, die sich gerade
in ihr aufstauten, nicht mehr zurückhalten können und
ihren Vater zum Gespött von Düsterwald machen. Sie sagte
nichts. Valshiya nahm sich vor, ihr Lied zu singen und dann von
diesem... Fest zu verschwinden. Sie wollte einfach nur allein sein.
Ich kann es nicht mehr ertragen, ihn zu sehen, sagte sie sich.
Legolas führte sie zu einem Platz in der Mitte des Festzeltes
und augenblicklich wurde es still. Viele der Sindar wußten,
welch schöne Stimme Amarayls Tochter hat. Valshiya setzte sich
und begann ihr Lied. Zunächst schüchtern und leise, dann,
als sie an Legolas dachte, mit fester, sicherer Stimme.
Estel a calad togir trî i fuin
Il awarthag, gwannthar mi i mor
Bado cîn len, a il in dai telir
Lasto, i gwaew têg nîn bith
Tûlon nîn nara estel
Ind nîn nara calad
Im i ninniach i toga
Nan chî bel nîn
Anîron, heno calad nîn
Bado i len
Anim a an cen
Hoffnung und Licht führen durch
die Nacht
Wenn du aufgibst, werden sie in der Dunkelheit vergehen
Gehe deinen Weg, und wenn die Schatten kommen
Höre, der Wind bringt meine Worte
Mein Name ist Hoffnung
Mein Herz ist das Licht
ich bin der führende Regenbogen
aber du bist meine Kraft
Ich wünsche mir, sehe mein Licht, für dich und für
mich
Die Musik verklang und Valshiya wurde
plötzlich klar, welches Lied sie gewählt hatte. Dieses
Lied handelte von Liebe und Hoffnung. Sie hatte es wirklich nur
für den Prinzen gesungen. Sie wurde blaß, schaute sich
in der Runde um, die sich um sie gebildet hatte. Die meisten waren
sehr ergriffen. Prinzessin Alfiriels Augen glänzten verräterisch.
Legolas kam zu ihr, kniete vor ihr nieder und ergriff ihre Hände,
die sie schüchtern in den Schoß gelegt hatte.
"Shiya, du bist nicht nur wunderschön, sondern auch noch
außergewöhnlich. Ich war so lange fort, daß ich
die schönsten Blumen des Düsterwalds nicht erblühen
sehen konnte. Ich bin froh, daß ich wieder hier bin.",
flüsterte er.
Das war nun wirklich zu viel. Valshiya schluchzte leise, sprang
von ihrem Platz auf und lief davon.
Legolas fuhr herum und rief:
"Shiya, was ist denn?"
Er kam sich vor wie ein Trottel, fragte sich, was er wohl falsch
gemacht hatte. Er blickte in die verblüffte Runde, traf auf
den harten Blick seiner zukünftigen Braut und konnte Mißbilligung
in den Augen seines Vaters lesen. Er schüttelte stur den Kopf.
Es interessierte ihn einfach nicht, was die anderen von ihm denken
mochten. Er stand auf und lief Valshiya hinterher.
*****
Valshiya lief und lief, bis sie schließlich
den Rand der königlichen Stadt im Wald erreichte und mitten
im Düsterwald stand. Wie angewurzelt und völlig außer
Atem blieb sie stehen, als ihr bewußt wurde, wie weit sie
gelaufen war. Zwar war der Ringkrieg vorüber, doch trotzdem
traute sie sich nicht weiter. Angestrengt lauschte sie in die Stille
hinein, ob ihr vielleicht jemand gefolgt war. Wieder ein Nachteil,
den das menschliche Blut in ihr mit sich brachte. Sie hatte einfach
nicht so gute Ohren wie die Grauelben. Als alles still blieb, atmete
sie auf, lehnte sich an einen Baum. Sie schloß die Augen und
sah sein Gesicht vor sich, wie er sich vor ihr niederkniete um sich
für ihr Lied zu bedanken. Valshiya spürte den Stich in
ihrem Herzen und ließ ihren Tränen freien Lauf, ließ
sich ohne Rücksicht auf ihr schönes Kleid auf den Boden
sinken und vergrub ihr Gesicht in den Armen. Warum mußte das
Schicksal sie so quälen? Warum mußte sie sich in einen
edlen Prinzen verlieben, der einer anderen versprochen war? Sein
königliches Blut ließ ihm nichts anderes übrig,
das war klar, aber wieso konnte sie nicht einfach ganz weit weg
sein? Sie erschrak, als sie plötzlich Schritte hörte.
Zum Weglaufen war es zu spät. Wieder einmal fluchte sie über
das schwache menschliche Blut in ihr, das sie nicht hatte aufhorchen
lassen. Doch diwiederzusehen."
Legolas musterte sie aufmerksam mit seinen hellen, graublauen Augen.
Er schien abzuschätzen, ob er ihr die Erklärung abnehmen
sollte oder nicht. Valshiya hätte ahnen müssen, das ihm,
mit einer Lebenserfahrung von weit mehr als 3000 Jahren, nicht verborgen
bleiben konnte, das sie nicht die Wahrheit sprach.
"Ich freue mich auch, dich wiederzusehen. Du bist wirklich
eine wunderschöne Frau geworden. Ich meinte, was ich eben zu
dir sagte. Doch eine gute Lügnerin bist du nicht!" stellte
er nüchtern fest.
Er ließ sanft seine Finger über ihre Wange streichen.
"Was bringt ein Mädchen wie dich zum Weinen? Alle männlichen
Elben des Düsterwalds, erst recht die Prinzen Loriens müßten
dir zu Füßen liegen."
Die Stelle, an der er sie berührt hatte, brannte heiß
und wieder stiegen ihr Tränen in die Augen.
"Mein Prinz.... es tut mir so leid, so leid. Ihr sollt eine
Frau heiraten, die ihr nicht liebt. Ich erinnerte mich an ein Gespräch,
das wir geführt haben, bevor ihr gingt.", sagte sie schließlich
und kam der Wahrheit damit sehr nahe.
Legolas sah überrascht aus. Doch sie sah in seinem Gesicht
auch, daß sie recht hatte. Er liebte Riona tatsächlich
nicht.
"Ich erinnere mich. Ja, ich habe mit dir darüber gesprochen.
Shiya, ich bin froh, daß ich wieder mit dir zusammen sein
kann. Du hast mir immer zugehört, während die anderen
nur geredet haben. Du hast mir zugehört, selbst wenn ich Scherze
auf deine Kosten gemacht habe. Du warst noch so jung... Ich möchte
gerne etwas mehr Zeit mit dir verbringen. Noch etwas... sag doch
bitte Legolas zu mir. Du bist die Tochter Amarayls! Solche Förmlichkeit
ist zwischen uns nicht notwendig."
Valshiya mußte nun so heftig weinen, daß es sie schüttelte.
Er wollte mehr Zeit mit ihr verbringen? Ja, ahnte er denn nicht,
daß es ihr nur weh tun würde?
Er reichte ihr die Hand und half ihr aufzustehen. Fürsorglich
klopfte er ihr den Schmutz vom Kleid und nahm sie anschließend
in die Arme. Wie warm und geborgen sie sich in seinen starken Armen
fühlte, wie sehr sie sich wünschte, für immer dort
zu verweilen.
"Bitte, weine doch nicht mehr. Riona wird Düsterwald morgen
schon verlassen und zu ihren Eltern nach Lorien zurückkehren.
Ich würde mich freuen, wenn du mich dann auf einen Ausritt
begleitest. Aber jetzt laß uns zurückgehen. Es wird bald
dunkel werden und du bist mitnichten für eine Herbstnacht gekleidet."
Nur sehr widerwillig löste sie sich aus seiner Umarmung und
ließ sich von ihm fortführen.