Kapitel
39
Slave for you
Der zehnte Tag...
Legolas stand vor einem Spiegel und betrachtete sich darin stirnrunzelnd.
Er sah in ifreyschen Gewändern seltsam aus. Nun, vielleicht
eher ungewohnt. Rinmaa mo Ifrey, der einäugige Schneider, hatte
ihm nach dem Frühstück beim Ankleiden geholfen. Er erklärte
dem Elben auch, daß er eigentlich vorher hätte in Blut
baden müssen, ehe er auch nur einen Fetzen Stoff tragen durfte.
Aber weil er kein Ifrey war, brauchte er es nicht. Legolas war ungeheuer
dankbar dafür. Allerdings fragte er sich, ob Asani es tun mußte.
Aber er fragte nicht, denn das Ankleiden eines Kriegers schien bei
den Ifreys eine ernste Angelegenheit zu sein. Die ganze Prozedur
verlief schweigend.
Rinmaa hatte dabei viele schwarze Bänder in Legolas‘
langes Haar eingearbeitet. Scheinbar unendlich viele Zöpfe
wurden anfangs dicht am Schädel geflochten, ehe sie auf der
Höhe des Hinterkopfs lose herunterfielen. Gleichgültig
wie Legolas seinen Kopf auch bewegte, nicht ein Zopf fiel ihm ins
Gesicht. Wie praktisch. Nur das Schwarz war seltsam in seinen Augen.
Es war ein sehr starker Kontrast zu seiner Haar- und Hautfarbe und
ließ ihn blaß und zugleich düster erscheinen. Die
Kleidung tat ihr übriges.
Rinmaa hatte wirklich gute Arbeit geleistet, denn Legolas paßten
die neuen Kleider ohne weiteres. Aber die Farben und der Schnitt
waren alles andere als passend für einen Elben. Über seinen
gewohnten Unterkleidern kam eine eng geschnittene, aber sehr schwere
Jacke mit hohem Kragen und langen Rockschößen aus einem
dicken, samtigen, blutroten Stoff, der so stabil wie eine Rüstung
zu sein schien. Der Kragen war obendrein mit Metall gefüttert,
damit Asanis Schwert daran abrutschen konnte, wenn sie ihn aus Versehen
köpfen sollte.
Auf dem Rücken prangte ein großes Zeichen, das Legolas
noch nie zuvor gesehen hatte. Vorne jedoch verliefen senkrecht drei
Reihen schwarzer Ornamente in keiner erkennbaren Ordnung über
seine Brust. Es waren sehr feine Stickereien. Als Legolas fragte,
wie Rinmaa sie so schnell machen konnte, hatte dieser geantwortet,
daß sie nicht von Menschenhand gemacht, sondern von Maja persönlich
auf den Stoff gezaubert wurden. Es war ein starker Schutzzauber
und keine Zierde.
Die Ärmel waren eng und mit mehreren kleinen, geschwärzten
Metallplatten verstärkt. Schilder waren bei dem Duell nicht
erlaubt, daher trug man seinen Schutz am Körper. Bei näherer
Betrachtung entdeckte Legolas zu seiner Verwunderung, daß
diese Platten mit windenden Körpern, Totenköpfen und kriechenden
Dämonen graviert waren. Die gleichen Platten befanden sich
an seinen Schienbeinen, die über die schwarze Hose geschnallt
wurden.
Als er fertig angekleidet vor die Tür seiner Gemächer
trat, erwarteten ihn bereits Aragorn und Gimli. Beide waren festlich
gekleidet und stopften sich gerade die Pfeifen. Anscheinend hatten
sie schon länger auf ihn gewartet. Sie sahen nicht auf, als
Legolas die Tür geöffnet hatte. Gimli brummte nur: „Ihr
flinken Elben braucht aber lange fürs Anziehen.“
Aber seine beiden Freunde ihn endlich anblickten, fiel dem Zwerg
zuerst die Pfeife aus der Hand. Ja, Legolas sah nicht nur anders
aus, er wirkte in diesem Aufzug sogar sehr bedrohlich. Sein freundliches
Lächeln milderte diesmal gar nichts.
„Interessante Frisur“, meinte Gimli dann, während
er seine Pfeife aufhob. Dann taxierte er seinen elbischen Freund
einige Male ungläubig. „Wirklich interessant.“
Als er sich ein wenig an Legolas‘ neuen Kleidern gewöhnt
hatte, fügte etwas schadenfroh hinzu: „Steht dir aber
nicht so gut.“
„Vielen Dank“, erwiderte Legolas säuerlichem Lächeln.
Er bemerkte, daß Aragorn sich ihm zögernd genähert
hatte. Der König klopfte vorsichtig gegen eins der Metallplatten
an seinem Arm und nickte anerkennend. „Willst du auch etwas
zu meinem Aussehen sagen?“
Aragorn lächelte verschmitzt. „Du weißt, daß
ich in diesen Dingen überfragt bin. Aber Gimli hat recht. Du
siehst in der Tat sehr interessant aus.“
„Darf ich bitten?“ Rinmaas Stimme dröhnte tief
und voll durch den Raum. Trotz des höflichen Tons wandten sich
die drei ehemaligen Ringgefährten erschrocken zu ihm um. Selbst
Legolas hatte den Schneider vergessen. Rinmaa schien das zu freuen,
denn er grinste breit. „Ihr müßt hinunter zum Kampfplatz.
Es fängt gleich an.“
Legolas nickte und machte sich mit seinen Freunden gemeinsam auf
den Weg. Schon als sie durch die Gänge schritten, bemerkte
der Elb, daß an diesem Morgen eine völlig andere Atmosphäre
in Bruchtal herrschte. Eine gewisse Spannung lag in der Luft, aber
sie war nicht bedrückend, sondern hatte ihren Ursprung in der
freudigen Erregung. Als sie die große Halle betraten, wußte
Legolas auch warum.
Der große Raum wurde gerade für ein Fest hergerichtet.
Diener huschten noch eilig durch die Gegend, um die letzten Vorbereitungen
abzuschließen, winkten ihm aber freudig zu, als er an ihnen
vorbeikam. Legolas spürte seine Nervosität schwinden.
Trotz der entschlossenen Worte, mit denen er sich von Asani verabschiedet
hatte, hatten dennoch Zweifel und Unsicherheit an ihm genagt. Aber
all die Dekorationen gaben ihm nun das Gefühl, daß man
fest an seinen Sieg glaubte. Er war für sie der Favorit dieses
Duells und es machte ihn leichter, es selbst zu glauben.
Als sie schließlich vor der Haupttür standen und den
Lärm der wartenden Zuschauer durch das dicke Holz hörten,
legte Legolas beide Hände auf das Holz, um sie aufzustoßen.
Aber der Zwerg hielt ihn zurück. Er schien etwas verzagt, als
er den Elben fragte: „Weißt du, was du tust?“
Sein Blick unter den buschigen Brauen wurde sehr besorgt. „Das
Fräulein, das du dir ausgeguckt hast, ist nicht gerade eine
zarte Blume, die sich bei jedem Windhauch beugt. Wenn du die andere
Tür nimmst, brauchst du sie nicht zu pflücken.“
„Oh Gimli, du bist so poetisch an diesem Morgen“, lachte
Legolas.
Gimli brummte etwas, das verdächtig nach einer Verwünschung
klang. Aber laut sagte er: „Du weißt, was ich meine.“
„Ich weiß sehr genau, was du meinst“, erwiderte
Legolas freundlich, „und ich danke dir für deine Sorge.
Aber diese Blume soll sich keinem Wind, sondern nur mir beugen.“
Entschlossen stieß Legolas die Tür auf und trat hinaus,
wo anscheinend ganz Bruchtal bereits auf ihn gewartet hatte. Obwohl
er den Jubel vernahm, bemerkte er die erstaunten Blicke und nahm
das Getuschel wahr.
„Rote Kleidung wie ein Ifrey, was hat das zu bedeuten?“
fragte jemand sehr, sehr leise.
„Ob es deren Hochzeitsgewand ist?“ wollte ein zweiter
wissen.
„Es sieht...interessant aus“, meinte ein anderer und
Legolas spürte wieder ein säuerliches Ziehen an seinen
Mundwinkeln. Aus der Menge trat schon der junge Ifrey-Krieger Lenn
hervor und erklärte dem Prinzen, daß er ihn zu seinem
Platz bringen würde. Aragorn und Gimli wurden gebeten, ihre
Plätze bei den Zuschauern einzunehmen. Mit einem freundschaftlichen
Schlag auf die Schulter und einem gebrummten „Alles Gute,
Spitzohr“ verabschiedeten sich die Freunde. Lenn mochte ein
furchtbar unachtsamer Wächter sein, aber als Führer machte
er sich ganz gut. Er sorgte dafür, daß die Leute zur
Seite gingen, damit Legolas unbehelligt durch die wartende Menge
kam.
Jemand gesellte sich auf einmal still und kaum bemerkbar zu ihm.
Legolas wunderte sich doch sehr, als er aufsah. Es war der elbische
Bordellvater aus Perrigon. Er trug zur Feier des Tages Kleider,
die einem Elbenfürst würdig waren. Unter dem schweren,
blauen Umhang trug er weiße Gewänder mit aufwendigen
Stickereien. Silberne Ringe zierten seine langen Finger und ein
silberner Reif seine hohe Stirn. Dieser blinkte in der Sonne, als
Oberon den Kopf neigte und den Prinzen neckisch zuzwinkerte. Legolas
sah den anderen Elben stirnrunzelnd an. Führte dieser etwas
in Schilde? Was immer es war, er sollte sich lieber schnell zu seinem
Platz begeben, aber da sprach Oberon ihn in Sindarin mit dem ziemlich
schwer verständlichen Düsterwälder Akzent an: „Asani
wird sich nicht einfach erlegen lassen.“
„Ich weiß“, erwiderte Legolas leise. Er war erstaunt
über den ernsten Ton des Bordellvaters. „Ihre Ehre steht
hier auf dem Spiel.“
„Ja, und Euer Leben“, fügte der ältere Elb
still hinzu.
„Dessen bin ich mir bewußt, Herr Temonis.“
Oberon nickte mit einem traurigen Lächeln und verstellte Legolas
elegant dem Weg, damit er stehenblieb. Beide sahen sich von Angesicht
zu Angesicht, als Oberon seine Stimme so sehr dämpfte, daß
nur noch Legolas ihn hören konnte. „Ihr wißt, daß
ich einst Euren Vater beraten habe. Was immer mir angelastet wurde,
welche Schande ich auch Düsterwald antat, ich war immer Eurer
Familie treu ergeben und niemals habe ich meine Heimat verraten.“
Legolas blickte abwartend den älteren Elben an.
„Erlaubt mir daher, Euch mit einem Rat zu Diensten zu sein“,
wisperte dieser weiter, „Ihr dürft diesen Kampf nicht
in die Länge ziehen. Wenn Asanis Geist einmal ermüdet,
wird das Schwert die Kontrolle übernehmen. Wie Ihr sicherlich
auch wißt, unterscheidet es nicht zwischen Freund und Feind.“
Legolas nickte langsam, aber ein Muskel bewegte sich in seiner Wange.
Das einzige Zeichen der Wertschätzung für Oberons Rat.
Als er weitergehen wollte, hielt ihn der andere Elb zurück.
Lächelnd blickte dieser ihn an. „Und eine Bitte habe
ich an Euch. In diesem Kampf geht zu allererst um Ehre, Hoheit.
Wenn Euch Zweifel an ihren oder gar Euren Kräften kommen.“
Oberons Hand drückte Legolas‘ Arm fester und auch sein
Blick verlor alles spielerische. „Dann bitte ich Euch, gebt
Eure Ehre und Würde zuerst auf.“
Damit entfernte sich der elbische Bordellvater, noch ehe Legolas
ihm eine Frage stellen konnte. Er sollte seine Ehre aufgeben? Für
Asani würde er alles tun. Aber was bedeutete es genau? Verlangte
Oberon von ihm, daß er aufgeben und somit auch sterben sollte,
wenn Asani einmal die Kontrolle über sich verlieren sollte?
Stirnrunzelnd folgte der Elbenprinz Lenn zu dem Platz, an dem er
auf seine Braut endlich treffen sollte.
~*~
Wäre Damelos von Düsterwald ein Mensch würde er
wohl in diesem Moment auf den Ballen wippen oder an seinen Nägeln
kauen. Aber er war keiner, sondern ein Elb. Ein Prinz unter seinesgleichen
obendrein. Daher zwang er sich still zu sein und versuchte, die
gleiche Würde auszustrahlen wie die übrigen anwesenden
Elben. Es konnte nun wirklich nicht so schwer sein, schließlich
wirkte Damenyon, der neben ihm saß, auch sehr ruhig und gelassen.
Während er sich darauf konzentrierte, ruhig zu atmen, betrachtete
er zur Ablenkung das Geschehen um sich herum.
Auf dem Übungsgeländer Bruchtals wurde ein runder Platz
eingegrenzt, auf dem heute die Zeremonie statt finden sollte. Hohe
Holzpfähle markierten seine Größe. Damit nicht alles
zu karg und kalt aussah, hatte man sie mit hellen Stoffbahnen und
Blumen geschmückt. Trotz des recht brutalen Charakters des
Rituals, war es doch ein feierliches Ereignis. Der Boden des Kampfplatzes
wurde sorgfältig geebnet und mit feinem Sand bestreut. Auf
Blütenblätter hatte man verzichtet, damit die beiden Kämpfenden
nicht darauf ausrutschen konnten.
Auf seiner Nordseite hatten Maja und Lord Elrond Platz genommen.
Da die Ifreys sich auf fremden Boden befanden, kam man überein,
daß der Herr des Hauses gemeinsam mit dem Clanoberhaupt die
Zeremonie überwachen sollte. Aber leiten sollte sie Goleyn
mo Ifrey, da er besser zu Fuß war. Neben Elrond hatten König
Thranduil und seine beiden Söhne Platz genommen. Auf Majas
Seite saßen ihr Stellvertreter, Asanis Vater und einige des
Ältestenrates des Clans.
Die übrigen Zuschauer nahmen die gesamte südliche Hälfte
ein. Bis auf die erste Reihe, in der Elronds Zwillinge, Berater
und andere hohen Gäste wie der König von Gondor und die
übrige ehemalige Ringgemeinschaft saßen, herrschte dort
eine weniger formelle Sitzordnung. Elben und Menschen saßen
wild gemischt beieinander und warteten gespannt auf den Beginn der
Zeremonie. Es ging dort zu wie auf einem Volksfest. Die Atmosphäre
war beinah so gelöst wie bei Kraftprobe zwischen Aragorn und
Asani in Lothlorien. Das bedrückende Wissen, daß Legolas
Grünblatt den Platz womöglich nicht lebend verlassen könnte,
lag zwar in der Luft, aber niemand schien es wirklich wahrzunehmen.
Bis auf Damelos.
Er war immer noch so nervös wie vorhin. Als er aus dem Augenwinkel
zu seinem Bruder sehen wollte, bemerkte er erstaunt, daß dieser
ihn still und schweigend seit einer geraumen Zeit anstarrte. Als
er sich fragend zu ihm wandte, lächelte dieser schief und flüsterte:
„Ich beneide dich. Du bist so ruhig.“
„Es scheint nur so“, seufzte Damelos bedrückt und
lachte zittrig auf. „Ich komme mir vor, als müßte
ich gegen Fräulein Asani antreten.“
Damenyon lachte nicht, sondern nickte ernst. „Ja, heute ist
es soweit.“
Bei diesen wenigen Worten blieb es vorerst, denn die beiden Zwillinge
fielen ins Schweigen zurück. Sie starrten in die Zuschauermenge,
sahen zu ihrem Vater, blickten wieder zu den vielen Leuten und schauten
sich schließlich an. Damenyon sah als erster fort. Er schluckte
hart und begann seine Handknöchel zu bearbeiten, bis sie laut
knackten. Damelos rann dabei ein kalter Schauer über den Rücken.
Er fragte sich unwillkürlich, wie es wohl klingen mag, wenn
Knochen brechen. Elbische Knochen vor allem...
„Weißt du noch? Sie hat gegen Aragorn gewonnen“,
sagte Damenyon auf einmal.
„Stimmt“, erwiderte Damelos knapp und begann unruhig
auf der Bank herumzurutschen. Die Bilder des Kampfes kamen zurück.
Bei dem Gedanken, daß Legolas das gleiche wie Aragorn erwartete,
kamen dem junge Elbenprinz einige Zeilen eines Trauerliedes in den
Sinn, das man in Düsterwald für gefallene Helden anstimmte.
Der Lärm auf der Südseite nahm etwas ab und ein Gemurmel
rollte durch die Zuschauer, das die Zwillinge aufblicken ließ.
Sie sahen die Elben und Menschen miteinander tuscheln und nach links
und rechts schauen.
„Da sind sie“, flüsterte Damenyon gedämpft
und deutete mit dem Kinn auf den Platz. Am linken Rand stand Asani
und ihr gegenüber am rechten wartete bereits Legolas.
„Sieh doch, sie haben Legolas ganz neu eingekleidet“,
bemerkte Damelos erstaunt.
„Ja“, meinte Damenyon stirnrunzelnd. „Es sieht
interessant aus.“ Sein Runzeln vertiefte sich. „Aber
Rot ist eher ihre Farbe.“
Tatsächlich trug Asani beinah das gleiche wie Legolas. Die
Stickereien ihres roten Überrocks waren golden und schimmerten
im Sonnenlicht. Statt der vielen Metallplatten hatte sie Legolas‘
Geschenk angelegt. Die beiden Armschienen aus Mithril schienen gerade
poliert worden zu sein, denn sie reflektierten das blendende Sonnenlicht.
Ihr Haar war in derselben Art geflochten wie bei Legolas. Nur waren
ihre Bänder weiß und die kurzen Haare standen am Hinterkopf
wie Stacheln ab.
Mit ernsten Gesichtern standen sie so da und sahen sich so fest
in die Augen, daß der Eindruck entstand, daß sie nichts
und niemanden außer sich wahrnahmen. Aber man konnte kein
Zeichen der Zuneigung in ihren Blicken entdecken. Man sah nur pure,
kalte Entschlossenheit.
Feierliche Stille senkte sich über die Menge, als sich Goleyn
mo Ifrey von seinem Sitz erhob und den Kampfplatz betrat. Legolas
und Asani setzten sich ebenfalls in Bewegung. Alle drei trafen dann
in der Mitte zusammen. Jeder fünf Schritte von dem anderen
entfernt.
„In Namen unseres Oberhauptes Maja mo Ifrey werde ich für
den Anfang und für das Ende der Geschehnisse auf diesem Platz
sorgen“, sagte er mit lauter klarer Stimme. „Nun, sprechet.
Wer tritt hier an?“
Asani trat einen Schritt vor und erwiderte: „Ich, Asani mo
Ifrey ti Yanca no An.“
Ihr elbischer Gegenüber tat es ihr gleich. „Und ich,
Legolas Grünblatt von Düsterwald.“
Goleyn nickte wohlwollend und fragte wieder: „Was ist der
Grund dieses Kampfes?“
Legolas antwortete sofort: „Hoher Herr der Ifrey, ich will
diese Kriegerin erlegen.“
Der Stellvertreter wandte sich zu Asani. „Wirst du diese Herausforderung
annehmen oder dich Legolas Grünblatt ergeben, Asani mo Ifrey?“
„Nur ich nehme mir meine Ehre und niemand sonst“, erwiderte
Asani fest. „Ich nehme die Herausforderung an.“
„So sei es“, tönte Goleyns Stimme über den
Platz und die Ifreys jubelten freudig los. „Jedem von euch
steht eine Unterbrechung zu. Nutzt sie weise, um zu überlegen
und neue Kräfte zu sammeln.“
Legolas und Asani nickten zeitgleich.
Dann hob Goleyn die Hand. „Dann möge der Kampf beginnen!“
Asani und Legolas machten sich bereit und warteten, bis der Ifrey
den Platz verlassen hatte. Beide maßen sich auch weiterhin
kühl und abschätzend, während sie einige Schritte
aufeinander zu taten. Niemand hätte diese beiden für ein
Liebespaar, geschweige diesen Kampf für eine Zeremonie des
ewigen Bundes gehalten.
Dann hoben sie ihre Schwerter und begrüßte sich nach
alter Tradition mit einem dreimaligen Aufeinanderschlagen der beiden
Klingen. Und gleich einen Herzschlag nach der dritten Berührung,
griff Asani an. Legolas wich nur sehr knapp aus und parierte den
Schlag aber sehr geschickt. Die Menge wurde schlagartig still und
schnappte unisono nach Luft. Einen so schnellen Auftakt hatte wohl
niemand erwartet. Die Zuschauer bekamen nicht die Möglichkeit,
weiter zu atmen, denn ebenso schnell wurde das Duell fortgesetzt.
Legolas antwortete bereits mit einem ähnlich harten Angriff.
Damelos‘ Augen folgten jeder Bewegung der beiden Kämpfenden
und er war so konzentriert, daß er heftig zusammenfuhr, als
eine große schwere Hand auf einmal auf seiner Schulter ruhte.
Es war der einäugige Rinmaa mo Ifrey. Er grinste den Elben
an. „Nun, Hoheit. Habt Ihr schon gesetzt?“
„Gesetzt?“ wiederholte Damelos verblüfft. „Was
meint...“ Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den
Augen. „Sagt mir nicht, daß es hier Wetten gibt!“
„Die gibt es bei uns immer“, meinte der Schneider achselzuckend.
„Bei euch nicht?“
Damelos schüttelte vehement den Kopf.
„Wie stehen denn die Wetten?“ fragte Damenyon interessiert.
„Nyon!“
„Fremde Völker, fremde Sitten“, sagte Nyon lässig.
„Sei nicht so engstirnig, Bruder.“
„Ich fasse es nicht.“
Rinmaa winkte einen der Krieger heran und nahm ihm das Blatt mit
den Einsätzen ab. „Es steht 249:16.“
„So viele?“ Damelos staunte nicht schlecht. Sein Verstand
hatte schnell nach gerechnet. Es waren nur 15 Ifreys, vier Hobbits
und einige Menschen in Bruchtal. Waren die übrigen Wettenden
etwa Elben? „Wer hat denn alles gewettet?“ Er blickte
noch einmal flüchtig auf das Blatt. Vielleicht stand irgendwo
ein Name, aber nur die Einsätze stachen ihm unangenehm ins
Auge. „Aber Moment, 249:16?!“ Dem Elbenprinzen sank
das Herz in die Untiefen der Panik. „Legolas ist nun wirklich
nicht so schlecht!“
„Nein, nein“, meinte Damenyon, der sich die Liste genauer
angesehen hatte. „Die 249 haben auf Legolas gesetzt.“
„Oh.“ Damelos rutschte dichter zu seinem Bruder. Beide
studierten gründlich die Wetten. Wieder wandte er sich an Rinmaa.
„Aber wenn Legolas gewinnt, wird der Gewinn nicht sehr hoch
sein.“
„Es geht nur um den Spaß, junger Freund“, erwiderte
der Ifrey Krieger lachend und zwinkerte. „Kommt, macht mit,
junger Prinz.“
Nyon hatte seinen Geldbeutel schon geöffnet, als sein Bruder
zurückhielt. Als dieser ihn enttäuscht ansah, sagte Damelos
ernst: „Wenn wir auf jemanden setzen, dann sollten wir einen
oder zwei Goldmünzen auf unsere neue Schwägerin setzen.“
Nyon sah ihn zunächst verwirrt an, nickte aber nach einer Weile
langsam und zustimmend. „Du hast Recht. Wenn sie dieses Blatt
jemand zu Gesicht bekommt, soll nicht denken, wir würden sie
unterschätzen. Sie könnte es persönlich nehmen.“
Damelos zückte auch seinen Geldbeutel. „Genau, das ist
nicht gut, wenn man zu einer Familie gehört.“
~*~
Asani wußte nicht, daß die Wetten beinah alle zu Legolas‘
Gunsten geschlossen wurden. Aber das interessierte sie in diesem
Moment auch nicht. Zehn Angriffe hatte sie bereits versucht, aber
nicht einer hatte Legolas getroffen, geschweige aus dem Gleichgewicht
bringen können. Immer wieder wich dieser Elb ihr aus oder blockte
jeden Angriff mit einer Leichtigkeit ab, die ihr Blut kochen ließ.
Er gab ihr das Gefühl, langsamer als sonst zu sein. Asani wußte,
daß sie unterlegen war, aber sie wollte es sein, ohne ihr
Gesicht zu verlieren. So wie Legolas ihren Angriffen aus dem Weg
ging, war sie scheinbar kurz davor.
Etwas begann in ihr zu lodern und sie konnte es nicht unterdrücken.
Es war das Schwert, das wieder Blut schmecken konnte und mit ihr
um die Kontrolle rang. Denn je mehr Fehler sie machte, umso mehr
versuchte es sie zu überreden. Das Schwert könnte sie
bestimmt zum Sieg über diesen Elben führen. Aber zu siegen
bedeutete für das Schwert lediglich Tod des Gegners. Wenn sie
nur doch nur einen Schlag landen könnte, dann wäre das
Schwert still!
Sie knurrte bei diesem Gedanken verhalten und blockte Legolas‘
nächsten Schlag stärker ab als bisher. Aber statt etwas
Abstand zu wahren, kam sie ihm näher und eine Sekunde später
schoß ihre Faust ins Legolas‘ Nase. Ihre Raserei erkaltete,
als sie ein leises Knirschen hörte und Blut in die Luft spritzen
sah.
Ihr Herz hörte auf, zu schlagen und sie verstand erst gar nicht,
was passiert war. Aber die Erkenntnis ließ nicht lange auf
sich warten. Einige Tropfen waren auf ihre Stirn gelandet. Sie fühlten
sich unangenehm warm auf ihrer bereits erhitzten Haut an. Es war,
als brannten sie sich in ihren Verstand ein. Legolas blutete wegen
ihr. Entsetzt ließ sie das Schwert fallen und schlug fassungslos
die Hände vors Gesicht, als Legolas nach hinten torkelte. Was
hatte sie getan? Zitternd streckte sie die Hände nach ihm aus
und ballte sie dann hilflos zu Fäusten, weil sie einfach nicht
wußte, ob sie ihn mit diesen Händen, die ihn verletzt
hatten, noch anfassen durfte. „Legolas, habe ich dir weh getan?“
Sie bemerkte nicht, daß die Zuschauer ihr erstaunt zusahen.
Fragende Blicke wurden ausgetauscht und ratloses Gemurmel durchdrang
die gespannte Stille. Welch erstaunliches Wechselbad der Gefühle!
Noch vor wenigen Augenblicken hatte Asani mo Ifrey wie ein Tier
gewütet und nun? Nur ihr Vater kaute ungläubig an seinen
Fingernägeln.
Asanis gesamte Aufmerksamkeit hingegen galt nur Legolas, der mittlerweile
zu Boden gestürzt war und sich mit beiden Händen seine
Nase hielt. Er blinzelte sie einige Male bestürzt an und eine
der Welle der Scham und Schuld ertränkte Asanis letzte Gedanken
an Duell und Ehre. Als schließlich Tränen aus seinen
Augenwinkeln liefen, mußte sie beinah selbst weinen.
„Hab ich dir weh getan?“ wiederholte sie ängstlich
und kniete sich zu ihm. Ihr Herz sank, als Legolas von ihr weg rutschte
und etwas benommen den Kopf schüttelte. Asani kam ihm dennoch
besorgt näher. „Wirklich nicht?“
Als er sie endlich wieder ansah, blitzte etwas gefährliches
in seinen Augen auf und Asani verstand nun, daß sie in eine
Falle getappt war. Leider war sie nicht schnell genug. Vielleicht
hätte sie den entrüsteten Atemzug nicht tun sollen, denn
er verschaffte dem Elben genügend Zeit, ihren Arm zu greifen
und sie zu Boden zu werfen. Er setzte sich auf ihren Bauch und versuchte,
ihre Arme und Beine stillzuhalten.
Es war beinah so wie im Elbenwald und die Erinnerungen daran färbten
ihre Ohren blutrot. Der unterschwellige Blutdurst des Schwertes
fand endlich seinen Kanal in ihr Bewußtsein. Sie brüllte
vor Zorn und warf Legolas ab. Dieser sah zu seinem Entsetzen, daß
langsam etwas helles und bedrohliches Funken in ihren Augen sprühen
ließ. Sie ballte ihre Hand zur Faust und das Schwert erschien
in seiner grausamen Schönheit vor den Augen aller.
Legolas überlegte nicht lange, sondern schloß blitzschnell
den kurzen Abstand zu ihr und schlug nach ihrem Kinn. Er wand sich
innerlich vor Ekel vor sich selbst, als Asani mit einer uneleganten
Drehung mit dem Gesicht auf den Boden fiel. Er wagte es kaum, sie
anzufassen, während er inbrünstig hoffte, daß sie
weiterhin liegenbleiben würde.
Als sich tatsächlich einige Augenblicke nichts tat, erhob sich
Goleyn mo Ifrey von seinem Platz und schritt zu den beiden Kämpfenden
hin. Laut und für alle verständlich fragte er: „Asani
mo Ifrey, große Schlächterin des Nordens! Gibst du auf?“
Alle hielten die Luft an. War hiermit die Zeremonie zu ende? Legolas‘
Herz konnte sich nicht entscheiden, zu rasen oder still zu bleiben
und brachte dabei seine Atmung völlig durcheinander. Lange
Sekunden verstrichen, während alle gebannt auf Asani starrten,
die immer noch auf dem Boden lag. Einige hatte sich halb von ihren
Sitzen erhoben und reckten ihre Hälse, um etwas zu sehen. Manche
wiederum wagten es nicht einmal zu atmen. Es kam immer noch keine
Antwort.
„Asani mo Ifrey, gibst du auf?“ fragte Goleyn wieder.
Legolas begann zu allem zu beten, das ihm lieb und teuer war. Bitte
bleib liegen, Asani. Laß es uns damit beenden. Niemand erhörte
seine Gebete. Asani bewegte sich wieder und als sie sich schwerfällig
erhob, räumte Goleyn hastig den Platz. Sie wischte sich mit
dem Arm über den Mund und spuckte etwas aus, das nach einem
Zahn aussah. Als sie sich Legolas zuwandte, waren ihre Lippen von
ihrem Blut rot glänzend gefärbt und in ihren Augen glühte
purer Zorn. Legolas‘ Herz schmerzte bei ihrem Anblick. Was
hatte er ihr da angetan? Aber zugleich meldete sich eine große
Enttäuschung bei ihm. Warum hatte er nicht fester zugeschlagen?
Dann wäre jetzt alles vorbei. Er war wirklich ein blöder
Elb!
In ihre Muttersprache fallend stieß Asani derbe Verwünschungen
gegen ihn aus, von denen er nur „Ich werde dich klein hacken
und an die Wölfe verteilen“ verstand. Er sah sich nach
seinem Schwert um. Zum Glück lag es nicht ganz weit weg. Im
Hintergrund hörte er den Herzog leise lachend sagen: „Jetzt
hat er den bösen Geist in ihr erweckt.“
„Wenn sie eines nicht mag, dann ist es ins Gesicht geschlagen
zu werden“, fügte ein Ifrey Krieger fachmännisch
zu.
„Vor allem dann nicht, wenn sie ihr eigenes Blut schmeckt“,
sagte ein weiterer Krieger.
„Dann ist es gleich vorbei“, meinte der andere. „Gleich
wird sie ihn einen Kopf kürzer machen. Sein Ende ist sehr,
sehr bald.“
Legolas atmete tief ein und machte sich bereit...
*~*~*
sechs Stunden später...
Die Schreie und das Schwertgeklirre nahmen kein Ende. Damelos konnte
es schlichtweg nicht fassen. Er räkelte sich dezent auf der
Bank und fragte seinen Bruder zynisch: „Gibt es Wetten, wie
lange das dauern wird?“
Sein Bruder gluckste vergnügt, während er sich einige
Trauben in den Mund schob. Er wandte sich um und winkte den Buchhalter
her, der die Wetten aufschrieb.
Damelos schlug sehr unzeremoniell die Beine übereinander und
verfolgte das Kampfgeschehen mit hochgezogenen Brauen. Stunden waren
bereits vergangen und das Ende schien noch immer weit entfernt zu
sein. Zumindest hatten sich die Zuschauer darauf eingestellt. Lord
Elrond saß immer noch auf seinem Platz, hatte aber vor vier
Stunden einen kleinen Tisch holen lassen, auf dem sich Papier, Tintenfaß
und Feder um Platz stritten. Seelenruhig las der Herr Bruchtals
einige Dokumente durch und setzte hier und da seine Unterschrift.
Elrohir und Elladan brüteten über ein Schachspiel und
sahen nur noch bei besonders lautem Schwertgeklirre auf. Aragorn
hockte rauchend dazwischen. Merry, Pippin schnarchten mit Gandalf
um die Wette im Schatten eines Baumes, während Sam Frodo, Bilbo
und Gimli gebratene Kartoffelspalten anbot.
Die Elben waren sich anfangs nicht so sicher gewesen, wie sie sich
verhalten sollten, als der Kampf bereits über eine Stunde ging.
Sollten sie weiterhin stehen und sitzen bleiben? Schließlich
war es eine feierliche Zeremonie. Erst als ein Ifrey Krieger in
die große Halle verschwand und sich etwas zu essen holte,
wagten sich die ersten unter ihnen, sich zu rühren. Es waren
zwar immer noch sehr viele Zuschauer da, aber es herrschte mittlerweile
ein reges Kommen und Gehen, denn man schleppte Tische an, auf den
sich Essen und andere Sachen befanden.
Die Handwerker hatten ihre Werkzeuge und Materialien mitgebracht
und widmeten ihnen und dem Kampf abwechselnd ihre Aufmerksamkeit.
Einige Elben saßen sogar mit Papier und Feder da, um das Geschehen
sozusagen ganz frisch für die Nachwelt niederzuschreiben oder
verfaßten bereits die ersten Balladen darüber. Einzig
die Ifreys verfolgten den Kampf und schlossen weiterhin Wetten zu
allem möglichen mit der gleichen Begeisterung wie zu Beginn.
~*~
Wieviel Zeit war vergangen?
Asani wußte es nicht. Sie sah nur, daß die Sonne schon
sehr weit gewandert war und daß der Himmel sich langsam verdunkelte.
Der Tag neigte sich also allmählich seinem Ende. Aber die Zeremonie
schien hingegen endlos zu sein.
Asani war inzwischen naß geschwitzt und ihr Haar, aus dem
sich schon einige weiße Bänder verabschiedet hatten,
und ihre Kleider klebten auf ihrer Haut. Obendrein war sie so verstaubt,
daß man das schöne Blutrot ihrer Gewänder gar nicht
mehr erkennen konnte. Aber so erschöpft sie auch aussah, sie
bewegte sich immer noch schnell und präzise. Von ihrer Kraft
hatte sie jedenfalls nicht viel eingebüßt.
Legolas war in der gleichen Kondition. Nur sah er auch noch so aus,
wie er sich fühlte. Er schwitzte nur sehr wenig und nur die
rosa Färbung seiner Wangen deutete auf Anstrengung hin. Nicht
eines seiner Zöpfe war verrutscht oder aufgegangen und weil
er kaum hingefallen war, sahen seine Kleider immer noch sehr ordentlich
aus.
Aus irgendeinem Grund schien das Asani zunehmend zu verärgern,
denn sie ließ ihr Schwert fallen und warf den Elben zu Boden.
Wie Legolas zuvor setzte sie sich auf seine Brust und bearbeitete
sie mit einigen zwar frustrierten, aber leichten Schlägen.
Legolas blickte sie verwirrt und dann aber doch schwer gereizt an,
als er sie abwarf. Asani war schnell wieder auf den Knien und fiel
wieder über ihn her. Diesmal zog sie an seinen Haaren und rieb
sie mit Sand ein. Verständnislos befreite sich Legolas von
ihr und schüttelte seine Zöpfe aus, aber Asani schubste
ihn erneut auf den Sand. Wie zwei kleine Kinder rangen sie miteinander
und erst das zurückhaltende Gekicher einiger Gäste brachte
die Einsicht, wie dumm und sinnlos diese „Kabbelei“
eigentlich war. Schweratmend trennten sie sich voneinander und sahen
sich dabei jedoch wütend an.
Asani kroch von Legolas fort und machte das Zeichen, um die erste
Pause einzufordern. Goleyn erwiderte es mit einem Nicken und verkündete
die Unterbrechung laut. Kurz darauf standen auch schon die ersten
Zuschauer auf. Jetzt, wo es offiziell war, wagte man sich eher fort.
Bald saßen nur noch sehr wenige von ihnen dort.
Man brachte Asani und Legolas etwas zu trinken und zu essen, aber
letzteres lehnten beide ab. Legolas bediente sich großzügig
beim Wasser, während Asani, statt es zu trinken, es sich lieber
ins Gesicht schüttete. Dann legte sie sich mit ausgestreckten
Armen und Beinen auf den Sandboden. Sie hörte zwar Legolas
amüsiertes Lachen, kümmerte sich jedoch nicht darum. Die
gespannte und beinah feindliche Atmosphäre zwischen den beiden
war wie weggeblasen.
Als Legolas sich dicht neben Asani auf den Boden setzte und keine
Ermahnung von den Ifreys erhielt, begann er mit einem Tuch Asanis
Gesicht abzutupfen. Asani wehrte sich auch nicht, sondern blickte
ihn dankbar an.
„Bei allem Respekt, Asani“, wisperte er. „Eure
Sitten sind furchtbar.“
„Wem sagst du das?“ flüsterte sie mürrisch.
„Mein Vater brauchte 15 Stunden, um Mutter zu erlegen.“
„15 Stunden?“ Legolas verschluckte sich fast.
„Wir beide sind auf dem besten Weg, es ihnen gleich zu tun
und gemessen an meinen Kräften durch den Pakt und deinen Fähigkeiten
als Elb“, murrte sie weiter, „könnte es bei uns
noch länger dauern.“
„Asani, das kannst du doch nicht wollen!“ rief er ungläubig.
Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. „Aber ich darf
nicht einfach aufgeben.“
„Asani...Willst du aufhören?“ fragte er sanft.
„Willst du etwa?“ fauchte sie auf einmal gereizt.
„Nicht, wenn es bedeutet, dich zu verlieren“, erwiderte
er ruhig. „Aber Asani, mein Gewissen leidet jetzt schon darunter,
daß ich dir Schmerzen zufüge.“
Asani drehte den Kopf zu ihn und in ihren Augen spiegelte sich unendliches
Bedauern wider. „Auch ich will nicht gegen dich kämpfen.
Ich will dich nicht verletzen, Legolas.“
Ihre Worte waren so leise, daß selbst er sie kaum hörte.
Aber die Zerrissenheit und Verzweiflung darin erreichten ihn dennoch.
Ihr Schmerz war für einen Moment greifbar und er bedrückte
Legolas sehr. Er wollte sie trösten und neigte sich zu ihr,
um sie zu küssen. Aber sie hielt ihn zurück. Ihre Hand
drückte warnend gegen seine Brust und ein schelmisches Lächeln
funkelte kurz in ihren Augen auf. „Noch hast du mich nicht
erlegt.“
Komischerweise rutschte ihre Hand dabei etwas höher, bis ihre
Fingerspitzen die warme Haut über seinem Kragen berührten.
Legolas verharrte in dieser ungemütlichen Position, denn das
war ihre erste zärtliche Berührung seit vielen, vielen
Stunden.
„Wenn ich einfach so aufhöre, wird mein Clan mich verachten“,
flüsterte sie und blickte ihn ernst an. „Ich bin die
erste Ti Yanca no An seit 300 Jahren. Ich darf nicht einfach aufgeben.
Ich kann nicht einfach...“ Sie verstummte abrupt und sah ihn
nicht mehr an, als sie fortfuhr: „Selbst für dich nicht.“
Legolas war weder enttäuscht noch gekränkt. Selbst ein
Sproß einer Herrscherfamilie verstand er durchaus den Stellenwert
der Pflicht und die sich dahinter verborgene Verantwortung. Diese
Bürde war manchmal schwer zu tragen und er bewunderte Asani,
daß sie nicht davonlief, auch wenn es ein großer Nachteil
für ihn war. Er legte seine Hand über ihre und plazierte
sie über sein Herz. Mit einem schiefen Lächeln sagte er:
„Dann muß ich dich wohl besiegen.“
Einen Moment sah sie ihn schweigend an und nickte dann betrübt.
„Ja, denn etwas anderes bleibt dir nicht übrig.“
Ihre Hand entzog sich seinem Griff und fiel wieder auf den Boden.
Asani schloß dann die Augen und lag nur noch still da. Der
Elb blieb neben ihr sitzen und trank noch etwas Wasser, während
er sie beobachtete. Der eine spürte die Nähe des anderen
und doch blieben sie im Gedanken jeder für sich.
Dann mit einem Male setzte sie sich auf, schüttelte den Sand
aus ihrem Haar und stand auf. Ruhig und gelassen klopfte sie sich
ab. Sie verlangte nach Wasser und trank davon reichlich, ehe sie
sich wieder Legolas zuwandte. Sie sah ihm fragend in die Augen und
er antwortete ihr mit einem Nicken. Daraufhin gab Asani Goleyn mit
einem Zeichen zu verstehen, daß sie wieder soweit waren. Schnell
wurde diese Nachricht verbreitet und die Zuschauer kamen wieder
zugeströmt. Noch während die Leute wieder Platz nahmen,
stellten sich Asani und Legolas gegenüber.
Der Elb griff wieder zu seinem Schwert und wartete auf Goleyns Zeichen,
das die Pause offiziell beenden sollte. Sein Herz setzte kurz aus,
als Asani ihn direkt anblickte. Ihr ungebrochener Wille flammte
in ihren Augen auf und ihre Lippen waren entschlossen zusammengepreßt.
Es war, als hätte es den kurzen Augenblick des Friedens nicht
gegeben.
Legolas atmete tief durch und stellte sich auf lange Stunden des
Kampfes ein. Gerade in diesem Augenblick kreuzte sein Blick sich
mit dem von Oberon, der sich in die erste Reihe gesetzt hatte und
gerade von seinem Wein nippte. Dabei sah er ihn über den Rand
des Kelches lächelnd an. Als er ihn abgestellte, sah Legolas,
wie seine Lippen lautlos die Worte „Gebt endlich Eure Würde
auf“ formten.
Gebt Eure Würde auf...so einfach war das nicht! Legolas bemerkte
gerade mal am Rande, daß Goleyn die Unterbrechung beendet
hatte, denn er sah Asanis ersten Hieb einen Wimpernschlag zu spät
und konnte ihm nur haarscharf ausweichen. Er mußte sich besser
konzentrieren. Wenn er jetzt unvorsichtig wurde, mußte Asani
ihn töten. Aber er hatte nicht vor, zu sterben. Er sah seine
Zukunft mit Asani ganz deutlich vor sich. Es war ihm noch ein Rätsel,
wie er dahin kam. Aber er war sich sicher, daß die Lösung
bald kommen mußte.
Was kam, war nicht die Lösung, sondern eine reichlich wahnwitzige
Idee und wenn es nicht die Aussicht auf einen stundenlangen Kampf
mit Asani gäbe, hätte er sie auch wieder verworfen. Er
verstand aber auch auf einmal, daß es doch nicht zwangsweise
sein Tod bedeutete, wenn er seine Würde oder Ehre hier aufgab.
Legolas sah seine Braut ins fest entschlossene Gesicht und schluckte
seinen Stolz hinunter. Nein, er wollte nicht gegen sie kämpfen.
Er wollte sie in seinen Armen halten und gemeinsam mit ihr bis ans
Ende der Welt gehen. Aber vorher mußte das hier enden. Er
blockte jedes ihrer Hiebe ab, bis er ihren Arm zu fassen bekam.
Asani hätte sich jederzeit wieder herauswinden können,
aber er flüsterte eindringlich: „Warte, hör mich
an, Asani.“
„Was willst du?“ knurrte sie leise und wollte sich schon
befreien, aber Legolas griff so fest zu, daß er ihr fast den
Arm gebrochen hätte. Das überraschte sie anscheinend,
denn sie hielt still und sah ihn mißtrauisch an.
„Laß uns das beenden“, fuhr er schnell fort.
„Dann besiege mich endlich“, zischte sie gereizt.
Als sie wieder Anstalten machte, nach ihm zu treten, fügte
er hastig hinzu: „Ich schlage dir einen Handel vor.“
„Handel?!“
Legolas leckte sich nervös die Lippen. Für einen Moment
bäumte sich alles in ihm auf. Dennoch wurde seine Stimme weich
und verführerisch, als er sich zu ihr neigte und verheißungsvoll
in ihr Ohr hauchte: „Gib auf, dafür will ich dein Sklave
sein. Ich will alles tun, was du von mir verlangst.“ Sein
Stolz meldete sich jedoch an dieser Stelle wieder. „50 Tage
lang.“
Asani war von seinen Worten so überrascht, daß sie tatsächlich
stillhielt. Legolas konnte in ihren Augen sehen, daß sie bereits
nachgab, aber sie schüttelte unwirsch den Kopf und schimpfte:
„Mach dich nicht lächerlich!“
Sie entwand sich seinem Griff und stieß ihn von sich. Legolas
konnte sich vorstellen, daß ein stolzer Ifrey Krieger sich
nicht bestechen ließ. Aber sein Angebot war so ungeheuerlich,
daß er es nicht mehr zurückziehen oder sich dafür
entschuldigen konnte. Im Gegenteil, er mußte es ihr noch schmackhafter
machen!
Legolas änderte seine Kampftaktik. Er versuchte nicht mehr
länger, sie auf Abstand zu halten, sondern suchte bei jeder
Gelegenheit den Körperkontakt. Er brauchte ihn, um seine Worte
wirkungsvoller in ihren Geist einsickern zu lassen. Außerdem
wollte er nicht, daß einer der Elben zufällig seine peinlichen
Worte mithören oder sie gar von seinen Lippen ablesen konnte.
Als er Asani wieder zu fassen bekam, ließ er sein Schwert
fallen, um sie an beiden Armen packen zu können. Er preßte
sie hart an seinen Körper und flüsterte: „Überlege
es dir, Asani. 50 Tage lang tue ich alles, was dein Herz von mir
verlangt und noch viel mehr.“
Sie zog den Atem scharf ein und trat mit aller Kraft auf seinen
Fuß. Während er zurückstolperte, zischte sie ihn
fassungslos an: „Hast du keinen Stolz?“
Er bewegte seinen Fuß, um die Schmerzen zu vertreiben und
fragte: „60 Tage?“
„Idiot!“ Asani hielt ihr Schwert wieder in den Händen
und stürzte sich wutentbrannt auf ihn.
„70 Tage!“ Legolas entkam darauf nur sehr knapp ihrer
Klinge. Im Augenwinkel sah er die ersten verwirrten Blicke der Zuschauer.
In einigen glimmte Neugier auf. Legolas biß sich auf die Lippen.
Er war zu laut gewesen.
„Für meine Ehre bietest du dich mir nur lausige 70 Tage
als Sklave an?!?“ brüllte Asani zornig. Legolas seufzte
innerlich laut auf. Warum hatte er geglaubt, das geheim halten zu
können?
Er hörte die ersten Zuschauer ungläubig auflachen. Zaghaft
blickte er zu Maja und Goleyn. Aber die eine lachte und der andere
zuckte schmunzelnd die Schultern und nickte anschließend,
als wollte er sagen, daß Legolas so ruhig fortfahren konnte.
Er hatte also mit seinen Handelsversuchen nichts verbotenes getan.
Es erleichterte ihn und die ersten Anfeuerungsrufe der Menge stachelte
ihn auch an. Er zuckte nonchalant zuckte er die Schultern, als er
rief: „Dann 100 Tage.“
Der erhöhte Einsatz ließ eine gewisse Heiterkeit in der
Menge aufkommen, aber er besänftigte Asani keineswegs, ihre
Empörung wuchs nur noch mehr. „Ich soll meine Ehre für
100 Tage einfach aufgeben?“
Legolas lächelte säuerlich. Warum kam sie nicht auf den
Gedanken, daß er seine Würde mit diesem Angebot abgelegt
hatte? Wußte sie denn nicht, daß man ihn damit ewig
aufziehen würde? Er konnte sich wahrscheinlich nie wieder in
Bruchtal sehen lassen. Dennoch fühlte er sich nicht wirklich
gedemütigt. Im Gegenteil, er begann Vergnügen daran zu
finden, daher sagte er: „Du hast Recht. Sagen wir 200 Tage.“
Asanis Faust landete auf einmal in seinem Gesicht und diesmal war
sie nicht entsetzt darüber. Sie war wirklich wütend. „Ob
100 oder 200 Tage. Ich will dich nicht als meinen Sklaven.“
Legolas blutete zwar nicht, aber er taumelte etwas zurück.
Irgendwo im Hintergrund hörte er die Menge überrascht
aufkeuchen. Er schüttelte seinen Kopf, um wieder klar zu denken
und zu sehen, und lächelte Asani herausfordernd an. Es provozierte
sie in den nächsten Minuten zu einer falschen Bewegung, die
Legolas dazu nutzte, sie an sich zu ziehen.
„Du weißt nur nicht, zu was ich fähig bin“,
flüsterte er ihr zu und atmete wieder dicht an ihrer Haut.
Als sie sich abwenden wollte, kam er ihr noch näher und seine
Lippen berührten fast ihr Ohr, als er fragte: „Kannst
du dir nicht vorstellen, wie es sein wird, mich als Sklaven zu haben?“
„Nein!“ knurrte sie und stieß ihn mit aller Macht
von sich. Ihr Gesicht war derart gerötet, daß es Legolas
erheiterte. „Und ich will nicht!“
Er ignorierte sie und wich wieder einmal jedes ihrer Schläge
aus, während er unbeirrt fortfuhr: „Es gäbe nur
dich in meinen Augen. Deine Wünsche wären mein Lebensinhalt.
Ich würde dir mit Haut und Haaren gehören. Ich täte
alles, was du verlangst.“ Er wehrte erneut einen Angriff ab
und zog sie am Kragen dicht zu sich. Die anzüglichen Pfiffe
und Rufe beachtete er nicht. Seine Augen bohrten sich entschlossen
in Asanis und lähmten ihren Geist und ihren Körper. Er
nahm die Gelegenheit wahr und biß leicht in ihre Unterlippe.
„Tu mit mir, was du willst.“
Er spürte, sie bei seinen Worten erzitterte und ihre Augen
ungläubig aufriß, aber sie schlug dennoch nach ihm und
spie ihm entgegen: „Mit so einem Gerede kannst du mich niemals
überzeugen! Kämpf endlich!“
Legolas fügte aber noch weiteres Gerede hinzu: „Dein
Schatten wäre ich bei Tag. Ich würde an deiner Seite sein,
nur um darauf zu warten, daß du mir befiehlst. Kein Wunsch
soll mir unmöglich sein. Niemand soll mich daran hindern können.
Wenn die Sonne hinter den Baumwipfeln verschwindet, dein Geist und
Körper müde von Kampf sind, dann bin ich da. Ich würde
dir all deine Sorgen nehmen, deinen erschöpften Körper
ins heiße Bad führen. Ich will dir alle Schmerzen nehmen
und deine aufgewühlte Seele mit den Gesängen meiner Ahnen
besänftigen. Die Nächte würdest du in meinen Armen
verbringen. Dort wirst du beschützt und geliebt und leidenschaftlich
begehrt sein. Dort sollst du vergessen, was dich am Tage plagte,
denn ich will dafür sorgen, daß dir nichts und niemand
Sorgen und Kummer bis zum nächsten Tag bereiten kann.“
„Ins heiße Bad?“ wiederholte sie etwas ungläubig.
Er blickten sie erstaunt an, als sie ausgerechnet diesen Teil seiner
Ausführung wiederholte. Aber dann sprühten seine blauen
Augen nur so vor Lachen. Er hatte scheinbar einen wunden Punkt bei
ihr getroffen. Warum hatte er nicht früher daran gedacht, daß
eine Kriegerin aus dem eisigen Norden eine Vorliebe für heiße
Bäder haben konnte? Es kam ihm eine weitere wirklich beschämende
Idee, um Asanis Konzentration zu schwächen und er war sich
sicher, daß er hinterher dafür schwer büßen
mußte. Er nickte dennoch lächelnd und wiederholte bekräftigend:
„Ein heißes Bad. Gleich hiernach können wir damit
beginnen.“
Asani schien alle Kraft zu verlieren und wurde langsam hysterisch,
als sie wütend rief: „Hör auf, solche unsinnigen
Reden zu halten.!“
Legolas seufzte gespielt bedauernd auf. „Du würdest meine
Worte nicht für unsinnig halten, wenn du die heißen Quellen
hier kennen würdest.“
„Ich will sie nicht kennenlernen.“
„Aber sie haben etwas sehr besonderes.“
„Hör auf!“
„Sie sprudeln.“
„Sprudeln?“ Asanis nächster Schlag ging zwar daneben,
aber er spaltete fast die Erde. „Lügner! So etwas gibt
es nicht.“
„Woher willst du das wissen?“
„Du lügst!“
Asani war mittlerweile so aufgebracht, daß ihre Konzentration
wirklich sehr nachgelassen hatte. Legolas erkannte das schnell in
ihren nicht mehr überlegten Bewegungen und Schlägen. Jetzt
mußte er es riskieren. Unbarmherzig packte er sie, fegte mit
einem Tritt ihre Füße unter ihr weg und sorgte dafür,
daß sie diesmal auf ihrem Bauch fiel. Schnell hielt er beide
Arme hinter ihrem Rücken fest, drückte sein Knie tief
in ihr Kreuz und verlagerte sein Gewicht darauf, als er sich zu
ihr neigte. Asani zappelte unaufhörlich und Legolas mußte
darauf achten, daß sie sich nicht selbst den Arm auskugelte
oder etwas ähnlich dummes tat.
Goleyn hatte sich in der Zwischenzeit tief gebeugt, um mit den beiden
auf gleicher Augenhöhe zu sein, als er wieder einmal fragte:
„Asani mo Ifrey! Große Schlächterin...“
„Ich bin noch nicht erlegt!“ schrie Asani ihn unwirsch
an und wehrte sich auch weiterhin gegen den Elben. Halb zu ihm gewandt,
schimpfte sie: „Du blöder Elb! Wie kannst du es wagen?!“
Als Legolas sich noch tiefer zu ihr beugte, verstummte Asani auf
der Stelle, denn sein Knie bohrte sich noch etwas fester in ihren
Rücken.
„Gib auf, Asani. Ich bitte dich, gib auf“, wisperte
er an ihrem Ohr.
„Vergiß es!“ zischte sie immer noch böse.
„Asani, bitte“, flehte er. „Laß es uns jetzt
beenden.“
Sie bäumte sich noch einige Male auf, aber bald verließ
sie die Kraft und sie blieb keuchend und schwer atmend liegen. Legolas
wagte es dennoch nicht, sie loszulassen. Goleyn hatte sich dem Paar
genähert, als Asani sich nicht viel geregt hatte. Wieder begann
er zu fragen: „Asani mo...“ Er hörte auf, als Asani
sich weit genug aufgerichtet hatte, um ihn kalt anzufunkeln. Der
Stellvertreter lächelte nur und blieb diesmal jedoch, wo er
war. Er wartete. Asani wußte natürlich, was es zu bedeuten
hatte. Jeder hatte bereits erkannt, daß Legolas sie erlegt
hatte. Sie mußte es nur noch zugeben, dann war alles vorbei.
Mürrisch starrte sie zu Goleyn hoch, der verstehend nickte
und sich dezent zurückzog. Als Legolas das sah, sanken seine
Schultern enttäuscht herab. Asani würde wohl doch nicht
so schnell aufgeben wollen. Aber da fragte sie kaum hörbar
und in einer herzerweichenden Unschuld: „Gibt es sie wirklich?“
„Was denn?“ fragte Legolas überrascht, aber ebenso
leise.
„Die Quellen, von denen du geredet hast.“
Legolas zögerte, versprach aber ehrlich: „Ich werde sie
dir zeigen.“
Scheinbar endlos zog sich die Zeit hin, bis Asani wieder etwas sagte:
„500.“
„500?“
„Du zeigst mir die Quellen und ich will dich 500 Tage als
Sklaven, dann gebe ich auf“, erwiderte sie so schnell, daß
er sie kaum verstand.
An seinem Kinn spürte er, wie heiß ihre Ohren wurden.
Erleichtert küßte er sie. „Alles, was dein Herz
begehrt, feredir.“
„Dann schlag mich nieder“, bat sie harsch. „Laß
es uns so beenden. Ich will Goleyns Fragen nicht beantworten müssen.“
Legolas schüttelte lächelnd den Kopf. Asani blieb bis
zuletzt eine Ifrey. Kämpfe verlor man wohl, aber man gab nicht
auf. Er zupfte zärtlich an ihrem Ohr und drückte einen
Kuß auf ihren feuchten Nacken. „Dein Wunsch ist mir
Befehl.“
Er ließ sie los und erlaubte ihr, sich wieder auf den Rücken
zu drehen. In dem Moment, als sich ihre Blicke trafen und Asani
den Atem anhielt, schlug er mit der Handkante fest auf ihre Halsschlagader.
Sie fuhr keuchend hoch und versank kurz darauf in die Bewußtlosigkeit.
Legolas rutschte von ihr herunter und blieb neben ihr sitzen. Es
war vorbei...
Goleyn stellte sich neben ihm und seine Stimme schallte erneut über
den Platz: „Asani mo Ifrey! Große Schlächterin
des Nordens! Ich frage dich, gibst du auf?“
Keine Antwort.
„Asani, ich frage dich, gibst du auf?“
Wieder keine Antwort.
Goleyn lächelte bereits, als er die Frage erneut stellte. Wieder
gab Asani keine Antwort.
Er berührte Legolas an der Schulter und wisperte: „Sehr
gut gemacht, Hoheit.“ Dann verkündete er feierlich: „Sehet
her! Der Jäger ist erlegt!“
„Das Fest kann beginnen!“ rief sofort jemand. Tumult
und tosender Jubel brachen auf der Stelle los und manch scharfes
Elbenohr hörte hier und da einen zutiefst erleichterten Seufzer.
Vor allem hörte man aber Oberon in die Menge brüllen:
„Holt den Wein!“ Hinterher erzählte man sich, König
Thranduil, Glorfindel und Gandalf hätten den Elben kurz darauf
umzingelt.
Aber hier und jetzt stürmte die Leute auf den Kampfplatz und
ein wahrer Regen von warmen Glückwünsche rieselte auf
Legolas herunter, der Asani beschützend an sich drückte.
Seine Freunde schafften es nur mit Mühe, sich einen Weg zu
ihm bahnen. Die Hobbits beglückwünschten und seine Brüder
umarmten ihn.
„Wie konntest du ihr so etwas erzählen?“ fragte
Aragorn streng, als er endlich an der Reihe war. Aber er begann
schadenfroh zu grinsen, als er hinzufügte: „Ich würde
euch gern für die nächsten 200 Tage begleiten, denn ich
brenne darauf zu wissen, wie sie dich dafür büßen
lassen wird.“
Legolas sah ihn mit hochgezogenen Brauen an schnaubte fein über
die schändliche Neugier seines Freundes. Aber er war auch sehr
erstaunt. 200 Tage? Es hatte wohl niemand von Asanis letzten Wünschen
gehört. Legolas wollte ihn aber auch nicht berichtigen. Vielleicht
erholte sich seine Würde dann etwas schneller, wenn es bei
der Schmach der 200 Tage blieb.
„Ich werde bei ihnen bleiben und dir jeden Tag von seinem
Unglück berichten“, meinte Gimli lachend zu Aragorn,
„aber ich finde schon, daß sie sich unterm Wert verkauft
hat.“
„Das denke ich auch“, murrte eine tiefe Stimme über
Legolas. Es war Asanis Vater, der wie ein schwarzer, dunkler Turm,
Barad-dûr nicht unähnlich, über ihm ragte. Der Elb
drückte Asani unwillkürlich näher an sich. Gimli
und Aragorn machten schnell Platz für ihn, als er sich zu dem
Paar in den Sand kniete. Der Herzog zog wie üblich eine finstere
und unversöhnliche Miene, als er seine Hand auf Legolas‘
Schulter legte. Er sah ihm fest in die Augen und drückte so
stark zu, als wollte er dem Elben etwas brechen. „Ich will
hoffen, daß Ihr mehr als 200 Tage gut zu meiner Tochter seid.“
„Für immer und ewig will ich Eure Tochter in Ehren halten“,
erwiderte Legolas ernsthaft.
Yuk nickte knapp und seine Augen verengten jedoch sich zu Schlitzen,
als er bedrohlich flüsterte: „Sonst komme ich wieder
und schneide Euch mehr als die Ohren ab.“
Nun war es Legolas, der nickte, denn er glaubte jedes Wort. Mit
klopfenden Herzen sah er zu, wie Yuk seiner bewußtlosen Tochter
über das feuchte Haar strich und einen Kuß auf ihre Stirn
hauchte. Dann umfaßte der Herzog zu Legolas‘ Überraschung
sein Gesicht und küßte ihn herzlich auf die Stirn. Er
tätschelte mit seiner großen schwieligen Hand seine Wange
und sagte: „Ihr seid nicht nur ein guter Krieger, sondern
seid auch ein kluger Elb. Willkommen in unserem Clan.“
Dann, als wären ihm diese Worte peinlich gewesen, erhob sich
der Ifrey schnell und schritt von dannen. Wohin, konnte Legolas
nicht erkennen, denn der nächste Gratulant stand schon vor
ihm. Es war Lord Elrond, der sich mit einem gütigen Lächeln
zu ihm hinunter beugte.
„Ihr solltet sie erst einmal ins Haus bringen, Legolas“,
schlug der Elbenfürst vor. „Sie braucht sicherlich Ruhe,
auch wenn ihre Wunden diesmal schneller heilen.“
Mit Asani in den Armen stand Legolas auf und folgte dem Fürsten,
der dafür sorgte, daß der direkte Weg zum Haus nicht
versperrt wurde. Die Elben und Menschen bildeten für ihn eine
Gasse, als sie ihm zujubelten und anerkennend auf die Schulter klopfte.
Legolas nahm jeden Glückwunsch glücklich lächelnd
entgegen. Schließlich, als er mit Elrond die Haupttür
erreicht hatte, wandte sich dieser sich zu ihm.
„Legolas“, begann Elrond mit einem amüsierten Lächeln.
„Ich glaube, Ihr werdet in Eurer Sklavenzeit großes
Leid ertragen müssen.“ Er schaute dabei bedeutungsvoll
auf Asani. „Wir haben hier in Bruchtal keine heißen,
sprudelnde Quellen.“
Legolas lächelte schief, verlagerte Asanis Gewicht in seinen
Arme und seufzte nicht ohne eine gewisse Tragik: „Ich weiß,
Herr Elrond. Ich weiß.“
Ende des 39. Kapitels
Gewidmet an Seoko aka Sleepy Bird
Ebenso erfolgreich mitgetüftelt haben: Phoebe, Engwalhugiel,
Seni, Julia und Kim, „Bötin“ Anne und Co.
****************************************
Ich weiß, daß da noch mehr mitgemacht haben. Aber sie
haben sich leider nicht mehr gemeldet...Ehrlich gesagt, hatte ich
ja schon Skrupel, dieses Kapitel jemandem zu widmen. Beim Schreiben
tauchte nämlich die philosophische Frage auf, wieviel einem
die eigene Ehre wert ist. Philosophisch, weil ich sie noch nicht
richtig beantworten konnte. Ich hänge immer noch an dem praktischen
Beispiel fest, ob man sie wirklich für eine Runde im Whirlpool
und Legolas als Sklaven aufgeben würde?
Es haben sicherlich einige gemerkt, daß dies das obligatorische
Hochzeitskapitel ist. Ich bin deswegen nicht beim üblichen
„Ja, ich will“ geblieben, weil ich mich – obwohl
ich Hochzeitsfeste wirklich liebe - während der langen Zeremonien
jedes Mal tödlichst langweile und mir etwas mehr...ähm...sagen
wir...Action wünsche.
Epilog