Kapitel
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Ein Tag in Bruchtal
(quasi Intermezzo)
Morgens...
Sieben Tage waren seit Elronds Rückkehr in seinem Haus verstrichen
und Asanis Heilung ging zügig voran. Dennoch mußte er
seinen geplanten Besuch in Minas Tirith verschieben. Es hatte sich
etwas unerwartetes ereignet.
Asanis Paktpartner, das Schwert, lag seit seinem Eingriff neben
ihr auf dem Tisch. Niemand konnte sich erklären, warum es ausgerechnet
dort und nicht bei seiner Herrin lag. Erestor mutmaßte, weil
es auf die tiefe Furche aufmerksam machen wollte, die sich über
die rechte Seite der Klinge zog. Leider ließ es sich von niemandem
außer Asani selbst anfassen. Bevor die Hand eines anderen
das Schwert ergreifen konnte, löste es sich einfach in Luft
auf. Es gehorchte wirklich nur seiner Herrin.
Aber auch ohne es in die Hand genommen zu haben, wußte Elrond,
daß Asani das Schwert in dem Zustand nicht schwingen durfte.
Beim ersten Schlag würde die Klinge abbrechen und Asani sterben.
Seine Bemühungen um sie wären dann unnütz geworden.
Es mußte dennoch repariert werden. Aber wie sollte der Schmied
das anstellen, wenn das Schwert einfach verschwand? Eine Möglichkeit
wäre, wenn Asani bei der Reparatur das Schwert hielt. Ob der
Schmied damit einverstanden wäre? Es war an der Zeit, das herauszufinden.
Elrond richtete den Gürtel und schlüpfte in den weiten,
samtene Überwurf, schenkte der aufgehenden Sonne ein freundliches
Lächeln und machte sich auf dem Weg zur Halle. Es war Zeit
fürs Frühstück. An seinem Ziel angekommen, erwartete
ihn eine kleine Überraschung. Seine Söhne, die Elben aus
Düsterwald und Glorfindel befanden sich nicht am Tisch.
„Glorfindel sieht nach dem Fräulein und versucht sicherlich
Legolas dazu zu bewegen, das Frühstück mit uns einzunehmen.
Elladan und Elrohir sind noch auf ihren Morgenspaziergang. Sie haben
die Düsterwald Zwillinge mitgenommen“, berichtete Erestor
bereitwillig, als der Elbenfürst sich suchend umsah. Elrond
nahm es mit einem Nicken zur Kenntnis und begann mit dem Frühstück.
Wie immer fehlte es zu keiner Tageszeit weder an kulinarischen Genüssen
noch an anregender Gesellschaft in seinem Haus. Er unterhielt sich
während der Mahlzeit mit dem Waffenschmied Bruchtals und fragte
ihn, wie es mit Reparaturen von Mithrilschwertern aussah, die die
Angewohnheit hatten, sich in Luft aufzulösen.
Gerade als Elrond sich mit der Serviette die Mundwinkel abtupfte,
kamen Elladan und Elrohir herein. Statt wie gewohnt alle Anwesenden
fröhlich zu grüßen und sich hungrig über das
Essen herzumachen, blieben sie scheinbar unschlüssig an der
Tür stehen und suchten den Blick ihres Vaters.
Elrond setzte sich gerade hin und erwiderte ihre Blicke. Eine dunkle
Braue ging fragend in die Höhe, als keiner der beiden Anstalten
machte, etwas zu sagen oder sich gar zu bewegen. Mit einer einladenden
Geste bot er seinen Söhnen Platz an.
Aber Elladan schüttelte den Kopf und sagte ernst: „Vater,
Aragorn ist gerade angekommen.“
Elrond nickte langsam und wartete. Als keiner der beiden etwas
sagte, erwiderte er: „Dann laßt Essen und ein Bett vorbereiten.
Es war bestimmt ein langer Ritt und er wird müde sein.“
„Ja, Vater“, erwiderte Elladan gehorsam.
Elrond hob skeptisch eine Braue. Seine Söhne wirkten seltsam
verunsichert und schienen nicht zu wissen, was sie sagen sollten.
Aber er wartete wieder.
„Aragorn hat jemand mit gebracht“, begann Elladan wieder.
„Den solltest du dir ansehen“, fügte Elrohir hinzu.
„Den mußt du dir ansehen“, betonte Elladan eindringlich.
Elrond schmunzelte. „Ist es jemand sehr ungewöhnliches?“
„Ungewöhnlich ist nicht ganz das rechte Wort“,
meinte Elladan vorsichtig.
„Er ist schon ungewöhnlich, aber“, warf der Elrohir
ein und blickte etwas hilflos zur Decke hoch, während er nach
den richtigen Worten suchte, „...ich weiß nicht so recht...er
ist... nun...“ Er tauschte mit seinem Bruder einen langen
Blick. Dieser sah dann nach einer Weile weg und schien heftig zu
überlegen. Schließlich bat er: „Sieh ihn dir einfach
an, Vater.“
Elrond lächelte breit und erhob sich vom Tisch. „Ich
werde mal nachsehen, wer da ungewöhnliches in Bruchtal eingetroffen
ist.“
„Darf ich mich Euch anschließen?“ fragte Erestor
und stand eilig auf. Elrond nickte und verließ mit ihm und
seinen Söhnen die Halle.
„Es ist ein Elb“, meinte Elladan plötzlich. „Glaube
ich...“
Erestor grinste breit. „Ihr seid euch nicht sicher, ob der
ungewöhnlich Gast ein Elb ist?“
„Er sieht so aus wie ein Elb“, erwiderte der andere
Zwilling. „Aber er benimmt sich nicht wie einer.“
Elrond lachte leise bei diesen Worten, denn ein Bild aus längst
vergangenen Zeiten tauchte wieder vor seinen Augen auf. Es war sehr
lange her gewesen, als er diese Worte schon einmal gehört hatte.
Sie kamen von Isildur vor seinem Fall. Elrond erinnerte sich an
einem sehr kalten Wintertag, an dem der junge König völlig
durchnäßt und nur mit einem Handtuch bekleidet durch
das Lager gebrüllt hatte, daß ein gewisser Elb sich nicht
wie ein Elb benehme. Aber der gewisse Elb war schon lange tot...
„Da ist er, Vater“, flüsterte Elrohir beinahe
zaghaft, als sie im Freien standen und die Treppe hinunter zum Platz
gehen wollten. Das erste, was der Lord zu hören bekam, war:
„DAS HEISST GLOINS SOHN!! DU VERDAMMTES SPITZOHR!!!“
Elrond blieb verdattert stehen, um diese ungewöhnliche Szene
vor ihm zu betrachten. Gimli Gloins Sohn war tiefrot im Gesicht
und während er weiter schimpfte, schüttelte er seine Faust
in die Richtung eines der 10 Reiter, die auf dem Platz standen.
Dieser trug einen schwarzen Umhang mit silberner Borte und saß
mit dem Rücken zu Elrond auf einem riesigen schwarzen Hengst.
Frodo Beutlin und Samweis Gamdschie standen vor dem Zwerg und hielten
beschwichtigend und beschwörend die Hände hoch. Meriadoc
Brandybock und Perigrin Tuk redeten auf Gandalf ein, der ihnen wohl
nur mit halben Ohr zuhörte, denn er funkelte den bereits von
Gimli verfluchten Reiter wütend an und hielt seinen Stab angriffsbereit
in seinen Händen.
Der schwarze Hengst hielt anscheinend nichts von brüllenden
Zwergen und schnappte daher nach Gimli. Herr Gloins Sohn und die
Hobbits sprangen zwar sofort weg, aber der Zwerg machte wieder einen
Schritt vor und schimpfte diesmal: „Du dummes Gaul!!“
Aragorn und seine Ritter taten so, als hätten sie nichts gesehen
oder gehört, aber einige kicherten und lachten leise. Der gewisse
Reiter war nicht so zurückhaltend und lachte aus vollem Halse
über den wütenden Zwerg. Es sprach schon für ihr,
daß er sein Hengst davon abhielt, wieder nach Gimli zu schnappen.
„Haltet mich auf, sonst bringe ich ihn um!“ rief Gimli
und die Hobbits nahmen ihn bei Wort. Frodo und Sam griffen ohne
zu zögern seine Arme und redeten weiter auf ihn ein. Merry
und Pippin eilten sofort zur Hilfe. Erestor, Elrohir und Elladan
lachten leise über diese Szene und sahen zu Elrond. Dieser
starrte fassungslos den schwarz bemäntelten Reiter an.
„Vater?“
Elrond hörte Elladans besorgte Stimme nicht. Er setzte sich
in Bewegung. Er mußte wissen, ob das Unmögliche wahr
war. Die Stufen ging er wie im Traum hinunter, während er den
Reiter mehrmals von oben bis unten genau musterte. Ja, allein von
der Gestalt her, hätte er es sein können. Der Elb, den
Elrond für tot gehalten hatte. War er letzten Endes doch nicht
tot. „Oberon?“
Der Reiter hörte abrupt auf zu lachen und drehte sich zu Lord
Elrond herum. Dabei nahm er die Kapuze ab und man sah langes, helles
Haar, das ein Gesicht umrahmte, das Elrond nur noch in seinen Erinnerungen
wähnte. Er war nicht tot.
Der Reiter sprang ab und kam freudestrahlend auf ihn zu. „Elrond!“
„Oberon?“ Elrond blickte den anderen Elben fassungslos
an. Er musterte Oberon ungläubig und faßte ihn an den
Schultern, um sicher zu gehen, daß es wirklich sein alter
Kampfgefährte war. „Du lebst?“
Oberon legte die langen, schmalen Hände um Elronds Gesicht
und strich sanft mit den Daumen über die hohen Wangen des Elbenlords,
der ihn immer noch voller Erstaunen ansah, und küßte
ihn auf den Mund. Sehr lange. Sehr zärtlich.
„Ich glaube, sie kennen sich“, murmelte Pippin mit
glühenden Wangen. Niemand erwiderte etwas darauf. Die anderen
drei Hobbits blickten betreten und peinlich berührt fort. Die
Elben, Gimli, Aragorn und seine Männer starrten fassungslos
die beiden Elben an. Nur Gandalfs Gesicht verfinsterte sich zunehmend.
Er schüttelte mißbilligend den Kopf und verdrehte die
Augen gen Himmel.
Als Oberon von Elrond abließ, blinzelte dieser einige Male
und starrte ihn sprachlos an. Dann jedoch brach er in helles Gelächter
aus. „Ja, du bist es!“ Er umarmte Oberon herzlich und
klopfte freundschaftlich auf seine Schultern. „Du bist es
wirklich!“
Oberon hingegen verzog mißmutig das Gesicht und murrte verdrossen:
„Warum geht das bei dir nicht?“
„Und du hast dich nicht verändert!“ lachte Elrond
immer noch.
„Es gab keinen Anlaß dazu“, erwiderte Oberon
nonchalant und erwiderte die feste Umarmung seines Freundes. „Es
ist gut, dich wiederzusehen, alter Freund.“ Seine Hände
drückten die Schultern des anderen. „Ich habe dich vermißt.“
„Und ich habe um dich getrauert, Oberon“, erwiderte
Elrond wehmütig. Er schüttelte Oberon leicht, als er vorwurfsvoll
fragte: „Warum bist du damals zu mir gekommen? Weißt
du denn nicht, daß du hier jederzeit willkommen bist?“
„Ich war mir nicht sicher“, flüsterte Oberon nur
für Elrond hörbar. Aber sein melancholisches Lächeln
war für jedermann sichtbar. Einen Augenblick später kehrte
der übliche Schalk in seine Augen zurück. „Hat sich
Glorfindel endlich aus seinem Versteck getraut und ist wieder dein
Ratsherr.“
Elrond lachte laut auf. „Wir sollten dich wirklich vor Glorfindel
verstecken! Aber sag, alter Freund, was führt dich nach so
langer Zeit in mein Haus? Was hat deine Meinung geändert?“
„Meine kleine Asani!“ rief der verbannte Elb. „Man
sagte mir, daß du dich ihrer annehmen würdest. Wie geht
es ihr? Ist sie wohlauf?“
Elrond blinzelte und fragte zurück: „Asani mo Ifrey?
Was hast du mit ihr zu schaffen?“
„Sie ist mein Nachkomme. Hast du die Ähnlichkeiten zwischen
uns nicht bemerkt?“
„Nein“, antwortete Elrond so nüchtern, daß
Oberon ihn erstaunt ansah. Der Elbenfürst dachte an das schwarze
Haar, die dunklen Augen und das mürrische und stille Wesen,
das er in Lothlorien begegnet war. Ihm war nie der Gedanke gekommen,
daß sie mit Oberon Temonis verwandt sein könnte. Er hatte
es nie in Erwägung gezogen. „Sie stammt aus deiner Blutlinie?“
Als Oberon stolz nickte, fühlte Elrond einen sehr schweren
Stein in der Magengrube. Aufseufzend drückte er die Schulter
seines alten Freundes. Asani mo Ifrey war ein Nachfahre von Oberon
und liebte den Prinzen von Düsterwald, dessen Vater wiederum
Oberon vor einigen Jahrtausenden verbannt hatte. Der Elbenfürst
schluckte. Er sah einen grauenhaften Sturm am Horizont aufziehen.
Aber war es denn jemals ruhig gewesen, wenn Oberon seine Finger
im Spiel hatte?
„Seid Ihr sicher, daß dieses Mädchen mit Euch
verwandt ist?“ fragte eine kalte Stimme hinter Elrond. Er
wandte sich um und bemerkte erst jetzt, daß Glorfindel hinter
ihnen stand. Dieser stierte Oberon kühl und abweisend an. Die
ersten dunklen Wolken zogen auf...
„Ah...Glorfindel“, schnurrte Oberon viel zu freundlich.
Bevor der Herr Bruchtals dazwischen treten konnte, glommen Oberons
blaue Augen bereits vor böser Vorfreude. Ihn vor Glorfindel
zu verstecken, war kein Scherz gewesen...
„Oberon“, knurrte Glorfindel zurück. „Ihr
seid ja am Leben.“
„Ihr doch auch“, gab Oberon mit einem glatten, weichen
Ton zurück. Eine greifbare Spannung brachte die Luft zwischen
ihnen zum Knistern und ließ alle gebannt jedes Wort der beiden
in sich aufsaugen.
„Was nicht Euch zu verdanken war“, entgegnete der Ratsherr
im gleichen Ton zurück. Sein Lächeln war über alle
Maßen kühl und geradezu grausam.
„Du übertreibst“, erwiderte Oberon gedehnt. Er
sah zwar aus dem Augenwinkel, wie Elrond heftig den Kopf schüttelte,
aber sein Lächeln wurde immer freudiger und zugleich immer
böser. „Von der Menge wäre niemand gestorben. Am
allerwenigsten ein so spröder Elb wie du.“
„Ich hätte für Jahre in dieser Höhle liegen
können!“ fuhr Glorfindel wütend an.
Oberon blinzelte unschuldig. „Aber du hattest doch nette
Gesellschaft, wenn ich mich recht erinnere. Waren es zwei oder doch
drei?“
Ein weit über Scham und Zorn gehendes Rot färbte Glorfindels
Wangen und in seinen Augen glitzerte pure Mordlust. Dazu paßte
verständlicherweise seine ruhige und sanfte Stimme ganz und
gar nicht. „Es war eine dumme Entscheidung, nach Bruchtal
zu kommen. Du überlebst diesen Tag nicht, Temonis.“
„Drohst mir, Goldlöckchen?“ spottete Oberon, als
er einen Schritt auf Glorfindel zu machte.
„Ich drohe nicht.“ Glorfindel wich nicht einen Zoll
zurück und er starrte böse zurück, als sie so nah
voreinander standen, daß er Oberons Atem auf seinem Gesicht
spürte. Mit samtweicher Stimme flüsterte der Ratsherr:
„Du bist ein toter Elb, Temonis.“
Oberon lächelte wölfisch. „Versuch es doch.“
„Darauf warte ich schon seit Jahren“, fauchte Glorfindel
und begann seine Handknöchel zu knacken. Oberons Blick verließ
nicht einmal Glorfindels Gesicht, während er seinen Umhang
ablegte und sein langes Haar zurück strich. Aus dem Augenwinkel
bemerkte er jedoch, daß der Umhang nie auf den Boden landete.
Elrond stand mit einem leicht gereizten Gesichtsausdruck neben ihm
und hatte das schwarze Kleidungsstück aufgefangen. Seufzend
fragte er: „Warum muß ich das jedes Mal tun?“
„Lord Elrond bitte!“ rief Glorfindel entsetzt über
die Einmischung des Fürsten. „Es dauert nicht lange und
ich entsorge auch die Leiche!“
„Elrond, bitte nur dieses eine Mal! Ich tue ihm auch nicht
allzu sehr weh...“, begann Oberon jammernd, aber der Elbenfürst
legte jeweils eine Hand über Oberons und Glorfindels Augen
und sofort verstummte die beiden Streitenden. Absolut zeitgleich
rollten ihre Köpfe in den Nacken und sie fielen nach hinten.
Während Oberon in Elladans ausgestreckte Arme sank, landete
Glorfindel sicher bei Erestor. Wieder seufzte Elrond. „Es
ist doch immer das gleiche.“
Es herrschte eine unangenehme und atemlose Stille auf den Platz.
Erst als Elrond aufsah, bewegten sich die Ritter aus Gondor und
verließen den Platz so eilig wie es die Höflichkeit erlaubte.
Aragorn folgte seinen Männern mit einem verschmitzten Lächeln
zu den Ställen. Die Hobbits verbeugten sich und gingen mit
einem zufrieden lächelndem Zwerg und Zauberer ins Haus. Sie
drehten sich einige Mal nach dem Elbenfürst um und tuschelten
miteinander. Elrond machte sich Sorgen. War er vorhin sehr furchteinflößend
gewesen?
„Lord Elrond?“ wagte Erestor zu fragen. „Was
sollen wir machen?“
„Bitte sorgt dafür, daß Glorfindel in seine Gemächer
gebracht wird“, sagte Elrond zu dem Ratsherrn, der auch dem
Befehl sofort Folge leistete.
„Vater, was geschieht mit Herrn Temonis?“ fragte Elladan.
Elrond blickte seufzend auf den bewußtlosen Oberon. Seine
Söhne hatten seine Arme um ihre Schultern gelegt. „Bringt
ihn in den Ostflügel und bleibt bei ihm, bis er wieder wach
ist.“ Nach einigem Zögern fügte Elrond hinzu: „Bewacht
ihn dann.“ Die Zwillinge nickten, als der Elbenfürst
wieder etwas sagt: „Aber laßt es ihn nicht merken. Auf
keinen Fall, hört ihr?“ Die Zwillinge sahen zwar etwas
erstaunt aus, aber sie nickten wieder und steuerten den Ostflügel
an, aber ihr Vater hielt sie wieder auf. „Und laßt keine
jüngeren Elben in seine Nähe.“ Ihre Überraschung
war ihnen nun deutlich ins Gesicht geschrieben. Langsam drehten
sie ihre Köpfe zu ihrem Vater und der hatte die Stirn in Falten
gelegt und schien zu überlegen. „Nehmt ja nichts von
ihm an.“
„Äh...nein, machen wir nicht. Noch etwas, Vater?“
fragte Elrohir vorsichtig, während Elladan Oberon mit einem
wachsamen Blick betrachtete.
Tatsächlich nickte Elrond heftig. „Haltet ihn von unserer
Apotheke und den Kräutergärten fern. Wenn er danach fragt...wir
haben keine.“
~*~
Nachmittags...
Glorfindel hatte gerade die letzten Wirkungen von Elronds Betäubungszauber
überwunden, als er schon in die Bibliothek gestürmt war.
Er war wütend wie seit vielen Jahren nicht mehr und zwar so
sehr, daß er sich nicht mehr beherrschen konnte. Seine vollen,
sanft geschwungenen Lippen waren zu einer dünnen weißen
Linie zusammen gepreßt und eine steile Falte zierte seine
hohe, elegante Stirn, als er seine Hände auf Lord Elronds Tisch
in der großen Bibliothek stützte und ihn aus schmalen
Augen anblickte. „Mylord, das kann nicht Euer Ernst sein!
Oberon Temonis darf nicht bleiben!“
„Glorfindel, das kann nicht Euer Ernst sein“, mischte
sich Erestor ein. Er stand hinter Lord Elrond, der schweigend Glorfindels
zornigen Blick in aller Ruhe erwiderte. „Verlangt Ihr etwa,
daß Lord Elrond, auch nur einen seiner Gäste fortschickt,
weil Ihr ihn nicht mögt? Glorfindel, ich bin erstaunt über
Euch!“
„Erestor, diesmal bitte ich Euch, aus dieser Angelegenheit
herauszuhalten“, sagte Glorfindel scharf, „Ihr kennt
Oberon Temonis nicht. Er ist eine sehr große Gefahr.“
„Macht Euch nicht lächerlich!“ rief Erestor aus.
„Kein Feind kann Bruchtal betreten!“
„Oberon Temonis ist auch kein Feind“, erwiderte Glorfindel
so gereizt, daß er mit der flachen Hand auf die Tischplatte
schlug. „Dieser Elb ist eine Gefahr!“
Elrond begann zu kichern und sah verschämt fort, wo Glorfindels
Blick immer finsterer wurde und schließlich begann er leise
zu knurren. Erestor war nur noch mehr verwirrt. „Glorfindel,
Ihr redet in Rätseln! Er ist kein Feind, aber eine Gefahr.
Als oberster Ratsherr Bruchtals erwarte ich Aufklärung.“
Glorfindels grauen Augen schossen Blitze ab und ohne zu antworten,
ging er einige Male auf und ab. Es schien, als wollte er sich mit
etwas Bewegung beruhigen. Schließlich setzte er sich an seinem
üblichen Platz in der Bibliothek und schien nun jede Antwort
zu verweigern.
Erestor seufzte gereizt und wandte sich an den Elbenfürsten,
der Glorfindel beinahe mitleidig beobachte. „Mylord, würdet
Ihr die Güte haben, mir zu erklären, was es mit Herr Temonis
auf sich hat?“
„Nun, mein lieber Erestor“, begann Elrond lächelnd.
„Das ist wohl eine der seltsamsten Geschichten Mittelerdes...“
Er lachte auf einmal und Erestor folgte seinem Blick. Dieser lag
auf Glorfindels ziemlich verstimmten Antlitz, aus dem ein warnender
Blick sprach. Der Fürst wackelte neckisch mit den Zeigefinger.
„Ach Glorfindel, Ihr seid nachtragend. Es ist doch schon so
lange her und Oberon hat seine Strafe erhalten.“
„Man hätte ihn hängen sollen, wie es bei den Menschen
damals üblich war“, murrte Glorfindel böse.
„Was war passiert?“ fragte Erestor sofort.
Bevor Glorfindel ihm wieder wütend über den Mund fahren
konnte oder bevor Elrond lachend Einhalt gebieten konnte, wurde
die Tür zur Bibliothek aufgestoßen. Zwei Grenzwachen
platzten ohne Begrüßung und Entschuldigung herein. Bei
Glorfindels ohnehin schon unterkühlten Blick erstarrten sie
und kamen zur Besinnung. Mit einer nachsichtigen Geste beendete
Elrond die vielen gestotterten Entschuldigungen der beiden.
Etwas atemlos und gehetzt sagte einer: „Mylord, König
Thranduil von Düsterwald ist eben eingetroffen.“
„Und das mit allen seinen Ratsherren und 20 bewaffneten Kriegern!“
fügte der andere aufgeregt hinzu.
„Laut Seiner Majestät nähert sich ein bedrohlicher
Feind Bruchtal. Mylord, seine Schilderungen sind ungeheuerlich.
Mit Verlaub, ich glaube, wir sollten uns in Acht nehmen.“
Lord Elrond sah die beiden jungen Elben mit hochgezogenen Brauen
an. Zu allem Überfluß rieselte ein feines unangenehmes
Gefühl in seinen Magen und verklumpte sich zu einer bösen
Vorahnung. Dennoch hatte sein Lächeln nichts an Freundlichkeit
verloren, als er sie bat: „Was oder wer immer sich Bruchtal
nähert, übereilt nichts. Führt den König bitte
herein und laßt die Küche wissen, daß wir noch
mehr Gäste haben.“
Die Grenzwachen zögerten zwar, verneigten sich doch dann und
gingen wieder. Für einen Moment herrschte bedrückende
Stille in der Bibliothek, die Erestor sehr irritierte. Er sah von
dem Elbenlord zu dem anderen Ratsherrn. Plötzlich fuhr Glorfindel
senkrecht von seinem Stuhl hoch und verkündete ernst: „Ich
werde Bruchtal für eine Weile verlassen.“
„Was?“ rief Erestor völlig verwirrt aus. „Aber
warum denn?“
„Lord Elrond“, fuhr Glorfindel in einem düsteren
Ton fort. „Laßt mich bitte nach Lothlorien gehen.“
Er hielt kurz inne und sagte: „Nein, ich gehe zu den Grauen
Anfurten und kehre in das Land unserer Väter zurück.“
„Was ist auf einmal in Euch gefahren?“ platzte Erestor
heraus.
Elrond seufzte tief und hatte für Glorfindels plötzliche
Pläne nur ein müdes und leicht säuerliches Lächeln
übrig. „Nein, Ihr werdet hierbleiben und es gemeinsam
mit uns durchstehen.“
„Was durchstehen?“ wollte Erestor wissen.
Keiner antwortete. Glorfindel stützte sich wieder am Tisch
ab und sah Elrond direkt in die Augen. „Mylord, Ihr wart damals
nicht in Düsterwald gewesen.“
„Das stimmt“, erwiderte Elrond ruhig. „Aber Düsterwald
gibt es immer noch und du hast keinen Schaden genommen.“
„Äußerlich!“ verbesserte Glorfindel inbrünstig.
„Ich habe nur äußerlich keinen Schaden genommen!“
„Was war Euch in Düsterwald passiert? Hängt es
mit Herrn Temonis zusammen?“ Erestor war kurz davor, sich
die dunklen Haare zu raufen.
Glorfindel funkelte Erestor an, errötete aber plötzlich
bis unter die Haarwurzeln und murmelte kaum verständlich: „Ist
nicht der Rede wert.“
Erestor blickte sehr gereizt drein, erhielt aber keine Möglichkeit
mehr, nachzuhaken. Der Elbenkönig Thranduil stürmte in
diesem Moment herein. Dicht hinter dem König folgten die drei
Ratsherren Düsterwalds. Alle drei Elben waren beinahe so alt
wie Lord Elrond und bekannt für ihre Weisheit und Würde.
Im Moment wirkten sie sehr besorgt um ihren König, der scheinbar
mühsam seinen Zorn unterdrückte. Er war furchtbar zerzaust
und sein helles, edles Antlitz war gerötet. Steckten da nicht
ein paar lose Blätter in den langen Haaren des Königs?
Elrond ließ sich jedoch seine Verwunderung nicht anmerken
und kam dem König freundlich lächelnd entgegen. "Thranduil!
Welch überraschender Besuch. Was führt Euch..."
„ist dEr HALUNKE SCHON HIER?!?“ brüllte Thranduil
statt einer Begrüßung. Seine blauen Augen sprühten
Funken und Elrond meinte, ein Knurren zu hören. „Ich
werde ihn höchstpersönlich bis nach Valinor treten! Aber
vorher werde ich ihn an den Haaren zu den Grauen Anfurten schleifen
und im Ozean ERTRÄNKEN!!“
„Aber, aber, Thranduil! Immer mit der Ruhe!“ rief Elrond
überrascht.
„Ruhe?“ wiederholte Thranduil verständnislos.
„Elrond, dieser Elb ist eine Gefahr für Mittelerde!“
Er hielt kurz inne und breitete dann seiner Arme aus, als er sich
verbesserte: „Für das gesamte Universum!“
„Von wem redet Ihr?“ fragte Elrond verblüfft.
Thranduil beantwortete seine Frage selbstverständlich. „Ich
rede von OBERON TEMONIS!!“
„Oberon?“ wiederholte Elrond etwas müde. Nachlässigerweise
bot er seinen Gästen keinen Platz an, als er sich selbst hinsetzte.
Er mußte sich hinsetzen, denn es schien ein anstrengendes
Gespräch zu werden.
„Genau der!“ Unaufgefordert nahm der König gegenüber
von Elrond Platz.
„Ist das nicht ein wenig übertrieben?“ fragte
der Elbenlord gutmütig.
„Das ist eher untertrieben!“ erwiderte Thranduil im
Brustton der Überzeugung. „Ich bin eigentlich auf der
Suche nach meinem Sohn und diesem Mädchen. Aber ich hielt es
für wichtig, um Euch zu warnen, Elrond. Ich war zuvor in Perrigon
und habe erfahren, daß Oberon auf den Weg nach Bruchtal ist...“
Der Elbenfürst atmete tief ein und beugte sich etwas vor.
„Also, eigentlich...“
„Hört mir zu!“ befahl der König scharf. „Weist
Euren Grenzwachen an, diesen Elben ja nicht Bruchtal betreten zu
lassen. Oberon ist eine Gefahr!“
Elrond lehnte sich zurück und erwiderte vorsichtig: „Ihr
wißt, daß Oberon und ich alte Kampfgefährten waren.
Noch immer würde ich ihm mein Leben anvertrauen. Daher denke
ich nicht, daß Oberon jemals eine Gefahr für mich oder
Bruchtal sein könnte.“
„Die Zeit vermag selbst da Wesen der Elben zu ändern“,
dozierte Thranduil pikiert.
Elrond verkniff sich ein müdes Lächeln und dachte bei
sich, daß Oberon sich niemals ändern würde. Laut
jedoch fragte er: „Aber sagt, was ist geschehen, daß
Ihr Euch auf die Suche nach Oberon macht?“
Thranduil seufzte mit der Tragik eines zum Tode verurteilten Unschuldigen.
Mitleid regte sich in Elrond und es verstärkte sich, als der
König mit leiser und rauher Stimme antwortete: „Etwas
grauenhaftes ist eingetroffen, Lord Elrond. Etwas, das ich nie erwartet
hätte.“
„Das Schicksal nimmt gelegentlich seltsame Wendungen und
die Wege scheinen an den unmöglichsten Punkten zu enden“,
erwiderte Elrond mit einem milden Lächeln. „Aber es ist
nie ausweglos.“
Der König betrachtete voller Leid den Fürsten und nickte
bedächtig. Schließlich flüsterte er gebrochen: „Er
hat Legolas verführt und nun ist ein Kind unterwegs.“
Glorfindel und Erestor blinzelten verwirrt. Mit einem kleinen Grinsen
blickten sie vorsichtig zu Lord Elrond, der den König mit unverhohlenem
Erstaunen ansah. Langsam kräuselten sich auch seine Mundwinkel
und er fragte mit unterdrücktem Lachen: „Und welcher
der beiden Herren bekommt das Kind?“
Für einen Augenblick herrschte verblüfftes Schweigen,
bis einer der Düsterwälder sich laut räusperte und
entschied, einige Schritte zu gehen. Dabei zuckten seine Schultern
verdächtig. Thranduil errötete bis unter die Haarwurzeln.
Der König rieb sich die Stirn und schien sich zu sammeln. Als
er aufsah, war er immer noch sehr rot im Gesicht, aber seine Stimme
war ruhiger, als er sprach. „Ich meinte, ein Nachkomme Oberon
hat Legolas verführt und nun erwartet sie ein Kind von ihm.“
Elrond zog erstaunt die Brauen hoch. Es befand sich ein Nachkomme
Oberons in diesem Haus und ganz offensichtlich liebte der Sohn Thranduils
sie. Aber sie war nicht schwanger. Ratlos sahen sich die Bruchtal
Elben an, bis eine zweifelnde Frage in Erestors Augen auftauchte.
Hatte das Orkgift das Kind getötet? Hatte das Schwert wirklich
nur Asani geschützt und das Kind nicht als einen Teil seiner
Herrin anerkannt? Der Elbenfürst runzelte besorgt die Stirn.
Ihm kamen die selben Gedanken.
„Sagt mir, was soll ich in so einer Lage tun?“ fragte
Thranduil leise. „Es ist eine Katastrophe.“
Elrond rieb sich nachdenklich das Kinn und sagte geradeheraus:
„Das Mädchen ist nicht schwanger, Thranduil.“
„Woher wißt Ihr das?“ Thranduil setzte sich kerzengerade
hin. „Ist sie etwa hier? Ist Legolas auch hier?“
Elrond nickte bedächtig. „Das Mädchen fiel einem
bösartigen Gift zum Opfer und Euer Sohn brachte sie hierher,
damit ich ihr helfen konnte.“
„Er ritt drei Tage und Nächte durch, um sie uns zu bringen“,
fügte Glorfindel hinzu. „Und genauso lange verharrte
er an ihrer Seite, ehe Lord Elrond sich ihrer annehmen konnte.“
Thranduil sah sehr erstaunt aus. „Mein Sohn?“
„Wir wissen nicht, ob sie jemals von Eurem Sohn schwanger
war“, fuhr Elrond fort. „Aber wenn es so war, dann hat
das Gift das neue Leben sicherlich sofort getötet.“
Thranduil schwieg und sank langsam in seinen Stuhl zurück.
Sein Blick ging in die Ferne und schien sehr traurig zu sein. „Bei
Eru...das arme Mädchen.“ Mit einem Blinzeln kehrten seine
Gedanken dann wieder in die Bibliothek zurück. Er war ernst
und ruhig, als er fragte: „Darf ich sie sehen?“
Elrond nickte lächelnd. „Jederzeit. Dort werdet Ihr
auch Euren Sohn wieder antreffen. Aber zuvor...“ Der Fürst
erhob sich von seinem Stuhl. „Seid meine Gäste. Eßt
und ruht Euch bitte von Eurer Reise aus.“
„Habt vielen Dank, Lord Elrond“, erwiderte der König.
„Verzeiht bitte die Umstände unseres Besuchs.“
Elrond winkte lässig ab. „Nicht der Rede wert.“
Auf ein Zeichen von ihm betraten zwei Dienerinnen die Bibliothek
und bekamen die Aufgabe, den Gästen aus Düsterwald in
den Westflügel zu bringen.
Als die Elben Elrond und seine Berater verlassen hatten, rieb sich
Glorfindel müde über das Gesicht. „Es wird nicht
reichen, sie in verschiedene Flügel unterzubringen, Mylord.“
Elrond wußte natürlich, wovon die Rede war. Es war reine
Berechnung gewesen, daß er Thranduil in den Westflügel
geschickt hatte. Oberon saß ja im Ostflügel. „Was
sollte ich Eurer Meinung nach tun? Ich habe doch nicht mit dem Besuch
dieser beiden gerechnet.“
Auf einmal wurde eines der Fensterläden geöffnet und
eine sehr beleidigte Stimme schallte laut und deutlich herein: „Elrond,
du Geheimniskrämer! Ich habe gerade gehört, daß
Thranduil noch zwei Söhne zur Welt gebracht hat! Warum hast
du mir das nicht erzählt, alter Freund?“
Glorfindel atmete scharf ein, als er den verbannten Elben lässig
durch eins der hohen Fenster der Bibliothek herein hüpfen sah.
Dieser öffnete den Mund, um ihn mit einem arroganten Grinsen
zu begrüßen, als die Türen der Bibliothek kurz darauf
wieder aufgerissen wurden und König Thranduil samt Gefolge
hereinkam. Glorfindel schrumpfte in sich zusammen und wand sich
innerlich. Entweder hörte Seine Majestät sogar für
einen Elben viel zu gut oder Oberon hatte einfach zu lange unter
Menschen gelebt. Letztere wurde beim Anblick seines früheren
Herrn schlagartig still und starrte ihn nur an. Dieser sah mit der
gleichen Intensität zurück.
Einen Augenblick später kamen auch Elladan und Elrohir an.
Entsetzlich schwer nach Atem japsend und scheinbar schwach in den
Beinen. Sie schienen nicht einmal die Kraft zu haben, Oberons Sprung
nachzuahmen. So stützten sie sich auf der Fensterbank ab und
blickten entschuldigend ihren Vater an. Auf seinen enttäuschten
Blick hin, zuckten sie hilf- und ratlos die Schultern.
Die ganze Zeit hörte man nur den Wind, wie er mit den weißen
Vorhänge an den hohen Fenstern spielte. Aber keiner der Elben
war untätig gewesen. Vor allem die Düsterwald Ratsherren
hatten viel zu tun. Hastig räumten sie Bücher und alles
Zerbrechliche aus der Griffweite ihres Königs. Glorfindel tat
unter Erestors verwirrten Blick dasselbe. Nur Elrond blieb ruhig
und hielt sogar die Augen geschlossen. Er machte den Eindruck, als
erwartete er eine Katastrophe. Und diese wurde sogleich eingeläutet...
Mit hochrotem Kopf explodierte der König Düsterwalds.
„OBERON!!!“
„ALTER ORK!“ brüllte Oberon in der gleichen Lautstärke
zurück und brach in schallendes Gelächter aus.
Der König schnaubte einmal und wollte sich auf seinen ehemaligen
Ratsherrn stürzen, aber zum Glück hielten ihn die drei
anderen Ratsherren aus Düsterwald zurück.
„Zu spät.“ Glorfindel seufzte tief und laut. Elrond
nahm sich die Freiheit, zu nicken. Nur Erestor blickte alarmiert,
aber völlig verwirrt zwischen Oberon Temonis und den König
hin und her. Sogar die Zwillinge vergaßen ihre Müdigkeit
und hüpften kurzerhand durch das Fenster.
„Sollten wir nicht etwas unternehmen?“ fragte Erestor
besorgt. Glorfindel und Elrond schüttelten einheitlich die
Köpfe. Der Lord wies seine Söhne sogar an, sich auf die
Bank unter dem Fenster zu setzen.
„Das ist der gewöhnliche Umgangston zwischen den beiden.
Sehr nervenaufreibend, aber nicht besorgniserregend. Am besten man
geht einfach zur Seite“, meinte Elrond gutmütig und ging
zu seinen Söhnen. Es kam Erestor so vor, als verließ
Elrond aus taktischen Gründen das Schlachtfeld.
„Wenn...wenn...das so ist.“ Mit einem verdatterten
Gesichtsausdruck nahm Erestor dann zwischen Elladan und Glorfindel
auf der Bank Platz.
„Thranduil! Hast du dich unterwegs verlaufen oder warum hast
du so lange gebraucht?“ fragte Oberon fröhlich und war
klug genug, um den Sicherheitsabstand von 10 Fuß einzuhalten.
„Oberon, du mißratener Elb!“ brüllte Thranduil
und hob seine geballte Faust. „Was hast du dir dabei gedacht?“
„Wobei?“ fragte Oberon in einem unbekümmerten
Ton und einem entnervend fröhlichen Lächeln.
„Du weißt genau, was ich meine!“ fuhr der König
fort und seine Stimme kippte bei der ungeheuren Lautstärke.
„Woher denn?“ Oberon blinzelte ihn verwirrt an. „Wir
haben uns zwar mehr als 2000 Jahre nicht mehr gesehen. Aber du kannst
dich doch erinnern, daß ich keine Gedanken lesen kann, oder?“
„Ich werde dich vierteilen und in alle Himmelsrichtungen
verstreuen!“ schrie Thranduil weiter. „Das wirst du
mir büßen.“
„Wofür denn?“
„Dafür, daß du meinen Sohn verführt und dein
eigen Fleisch und Blut ins Verderben gestürzt hast!“
„Ich deinen Sohn verführt?! Dein Sohn hat angefangen!
Und meine kleine Asani stürzt sich ständig ins Verderben!
Dazu braucht sie meine Hilfe nicht!“ fuhr Oberon ihn empört
an. „Dein Sohn ist der wahre Übeltäter. Er konnte
sich nicht beherrschen! Man hätte dann von ihm erwarten können,
daß er sie schwängert! Weißt du, daß ich
nachhelfen mußte? Was hast du für einen Sohn zur Welt
gebracht?“
Elladan und Elrohir saßen mit verschränkten Armen, übereinander
geschlagenen Beinen und sehr interessierten Gesichtsausdruck da.
Sie überlegte sich, ob sie nicht Tee und Gebäck holen
lassen sollten. Glorfindel, die drei Ratsherren und der König
aus Düsterwald hingegen sahen Oberon voller sprachlosem Entsetzen
an. Nur Elrond seufzte und begann sich, die Schläfen zu massieren.
Erestor verstand zwar immer noch nichts, hatte aber wieder das sehr
dringende Bedürfnis, für Ruhe zu sorgen. Als er den Mund
öffnete, um etwas zu sagen, hob der Lord die Hand und seine
Lippen formten lautlos: „Hat keinen Zweck.“
„DU HAST WAS GETAN?“ donnerte Thranduil auf einmal.
„NACHGEHOLFEN??“
„JA!“ schrie Oberon nach Leibeskräften zurück.
„Sie mußte ja schließlich von ihm schwanger werden!
Soviel ich weiß, ist dein Sohn ein ganzer Elb! Da war Hilfe
wohl angebracht!“
„Hast du etwa mit diesem Pulver nachgeholfen?“ krächzte
Thranduil fassungslos.
„Was dachtest du denn?“
„Du verwendest es immer noch?!?“ Thranduil holte tiefe
Luft. „HAST DU DENN GAR NICHTS DAZU GELERNT?“
Oberon tat es dem König gleich und atmete für seine Antwort
ebenfalls kräftig ein. „DAS HABE ICH SEHR WOHL!“
Dann grinste er und sagte im Plauderton: „In stark verdünnter
Form verkauft sich das im Bordell sehr gut.“
Thranduil keuchte fassungslos auf. „Du machst Geschäfte
mit...mit...diesen Häusern? Mit diesem Pulver? Mit Menschen?
Bist du WAHNSINNIG?!?“
„Ich verkaufe es ja nur in meinem Bordell.“
„Deinem...deinem...WAS???“
„Er führt ein Bordell?“ flüsterte Glorfindel
und schnellte von der Bank hoch. Elrond hielt ihn fest und schüttelte
streng den Kopf. Sein Ratsherr, der sonst die Beherrschung und Würde
personifizierte, verzog zutiefst unglücklich das Gesicht und
sank auf der Bank zu einem Häufchen Elend zusammen.
„Es ist ein Bordell“, erwiderte Oberon gelassen. „Sprich
mir nach, Thranduil: Bor-dell. Es sind nur zwei Silben. Bor-dell.“
„Du führst ein...ein...Bor-dell?“ fragte Thranduil
betont. „Konntest du kein einfaches Gasthaus führen?“
„Das ist langweilig“, maulte Oberon.
„Oberon!“
„Was sollte ich bitte machen?“ fragte Oberon beleidigt.
„Du hast mich hinausgeworfen!“
„Mit gutem Grund!“
„Du hast mich verbannt und mich mir selbst überlassen!
Einsam und allein irrte ich ziellos durch Mittelerde...“
„Du warst bei den Ifreys!“
„...fern von Familie und Freunden“, fuhr der Elb fort,
als hätte Thranduil ihn nie unterbrochen, „und völlig
mittellos.“
„Du hast dein BOR-DELL!!“
Immer noch ignorierte Oberon Thranduils Gebrüll. „Mein
Titel wurde mir genommen. Ich trug Schande über mehrere Jahrtausende
und du warst schuld!“
„ICH??“
„Hättest du mich bleiben lassen, würde ich nicht
dieses Bordell führen!“
„WAS??“
„Einsam und allein wie ich war“, begann Oberon wieder
und seine Stimme triefte nur so vor Dramatik und Pathos. „Und
ohne eine Münze in meiner Tasche. Was blieb mir da übrig,
außer ein Bordell zu eröffnen?“
„RED NICHT SO EINEN UNSINN!!!!“ Thranduil war mittlerweile
wieder dunkelrot im Gesicht.
Oberon, der viel zu beschäftigt mit seiner eigenen Leidensgeschichte
war, überhörte ihn wieder einmal. „...dann kommt
dein Sohn einfach daher und rollt sich wie ein grüner Junge
auf meiner Wiese herum! Wo jeder weiß, daß sie der einzige
Ort in meinem Bordell ist, den niemand außer mir betreten
darf.“
Thranduil füllte gerade seine Lungen, um wieder eine dröhnende
Antwort von sich zu geben, als ihm die Worte anscheinend im Halse
stecken blieben. Er machte einige Male den Mund auf und zu und sah
Oberon dabei irritiert an. Dann war nur noch absolute und atemlose
Stille. Unschuldig erwiderte Oberon Thranduils entsetzten Blick
aus den weit aufgerissenen Augen.
„Moment...“, flüsterte Thranduil nach einer Weile
und klang dabei wieder nach dem vernünftigen und weisen König.
„Soll das heißen...mein Sohn...mein Erbe....mein Nachfolger...Legolas
war in diesem...diesem Bor-dell?!?“
Oberon nickte anerkennend. „Du wirst immer schneller mit
den Jahren, Thranduil. Ich bin beeindruckt.“
„Mein Sohn...wurde in einem...einem Bord-dell verführt?“
preßte Thranduil heraus.
Oberon spitzte die Lippen. „Fast. Richtig wäre: dein
Sohn hat mein Nachkomme in meinem Bordell verführt.“
„Du lügst!“
„Frag deinen Sohn!“
„Mein Sohn tut so etwas nicht!“
„Deswegen hat er mich vorher um Rat gefragt!“
„Du hast ihn also dazu ermutigt?“ rief Thranduil beinahe
triumphierend aus. „Ha!“
Oberon lächelte maliziös. „Der Junge brauchte zwar
einen Rat, aber ganz gewiß keine Ermutigungen.“
„OBERON TEMONIS!! DU BIST TOT!!“ brüllte Thranduil
auf einmal und diesmal klirrten sogar die zierlichen Kronleuchter
an der Decke. Seine drei Ratsherren atmeten unisono scharf ein und
eilten zu ihrem König, um ihn festzuhalten. Oberon schenkte
sich grinsend Wein ein und prostete Thranduil zu. Zwei der Düsterwald
Ratsherren versuchten ihren König zu beruhigen, während
der Dritte auf Oberon einredete. Sie sprachen Sindarin mit dem schweren
Düsterwalder Akzent, so daß man sie kaum verstehen konnte.
„Ich glaube, sie bringen sich um“, murmelte Elrohir
nachdenklich.
Elladan sprang auf und verkündete vergnügt: „Ich
gehe ein paar Süßigkeiten holen.“
Elrond quittierte es zwar mit einem mißbilligenden Blick,
aber sein Sohn schlüpfte wieder durch das Fenster hinaus. Erestor
wandte sich etwas steif zu Elrond und fragte stirnrunzelnd: „Ist
das wirklich deren Umgangston?“
Elrond nickte mit einer gewissen Schwere. Der Ratsherr mochte es
nicht wirklich glauben und sah zu Glorfindel hinüber, der sich
die klingenden Ohren rieb. Dieser beachtete ihn nicht, sondern flüsterte:
„Wir können immer noch zu den Grauen Anfurten.“
„Und Bruchtal diesen Streithähnen überlassen?“
fragte Lord Elrond mit einem Anflug von Humor.
Glorfindel senkte die Stimme und gab zu Bedenken: „Nur weil
Düsterwald stehengeblieben ist, heißt das nicht, daß
auch Bruchtal dieses Glück haben wird.“
~*~
Abends...
Lord Elrond stand in seinen Gemächern und schlüpfte in
einen dunkelgrünen Samtüberwurf. Er würde liebend
gerne den Abend hier verbringen. Aber er hatte Gäste...schwierige
Gäste. Er wollte Erestor nicht allein lassen. Glorfindel würde
sich sicher auf die Seite des Elbenkönigs schlagen und mit
ihm gemeinsam gegen Oberon konspirieren. Oberon wußte sich
sicherlich auszuteilen. Aber er hatte Gimli Gloins Sohn und Gandalf
gegen sich aufgebracht. Es konnte sehr böse enden. Vielleicht
sogar mit der Zerstörung Bruchtals, wie Glorfindel es vorausgesagt
hatte. Die Grauen Anfurten schienen auf einmal sehr verlockend zu
sein...
Es klopfte an seiner Tür und Elladan trat etwas unsicher ein.
Er schien zu zögern. Elrond ahnte nichts gutes.
„Was ist denn?“ fragte Elrond und unterließ es
noch rechtzeitig, das Wort „diesmal“ hinzuzufügen.
„Eine Gruppe des Ifrey Clans ist auf unserem Land eingetroffen“,
antwortete Elladan vorsichtig.
„Sind sie das?“
Elladan nickte vorsichtig. „Sie haben freiwillig ihre Waffen
an der Grenze abgegeben und sind zu Fuß gekommen. Jetzt stehen
sie vor unserer Tür und würden gerne Fräulein Asani
sehen.“
Elrond nickte bloß und zupfte an seinen Überwurf. Elladan
räusperte sich: „Soll ich der Küche Bescheid sagen?“
„Ja...“, erwiderte sein Vater gedehnt. „Das wäre
sehr freundlich von dir.“
„Natürlich“, erwiderte Elladan automatisch und
machte sich auf den Weg. Er war von der Ruhe geradezu verwundert,
die sein Vater ausgestrahlt. Als er die Nachricht Glorfindel und
Erestor überbracht hatte, wurde der erste Elb wachsbleich und
hatte etwas abgrundtief gestöhnt, das nach „Eru, warum
nur?“ klang. Der zweite Elb hingegen goß den Inhalt
zweier Gläser Wein in rascher Folge die Kehle hinunter und
hatte Elladan schließlich gebeten, seinem Vater ebenfalls
Bescheid zu geben, denn er bräuchte noch ein drittes Glas Wein.
Elladan hatte eine ähnliche Reaktion bei seinem Vater erwartet,
aber zum Glück hatte er sich geirrt. Er schließlich nicht
umsonst der Herr von Bruchtal. Lächelnd schlenderte der Zwilling
in die Küche.
Derweil begab sich Lord Elrond hinunter zum Eingangsbereich seines
Hauses. Er hatte die Stirn gerunzelt und sah aus, als würde
er über etwas nachdenken. In Wirklichkeit hatte sich ein feines
Pochen hinter seiner Stirn zu einem penetranten Klopfen entwickelt.
Es war äußerst nervenaufreibend.
Aber das freundliche Lächeln kam immer noch vom Herzen, als
er die Gruppe Ifreys auf den Platz vor der Eingangstür entdeckte.
Die blinde Maja, Clanoberhaupt der Ifreys, stützte sich auf
Goleyns Arm und auf ihren langen Stab. Ein Schritt hinter ihr stand
der Herzog Yuk mo Ifrey, der Vater von Asani. Er wirkte sehr blaß
und die dunklen Bartstoppeln bildeten einen derart harten Kontrast
zu seiner Haut, daß man sie sogar im Schein der Fackeln einzeln
sehen konnte. Hinter diesen drei Ifrey Adligen standen 15 Krieger.
Aufgestellt in dreier Reihen und alle in dergleichen Kleidern und
Umhängen. Die Begrüßung war höflich und beide
Seiten ließen nichts an Herzlichkeit missen. Aber die Ifreys
schienen sehr bedrückt zu sein.
„Die Nachricht ereilte uns, daß Asani einem bösartigen
Gift zum Opfer gefallen war“, sagt die Alte langsam. Sie nahm
ihre Hand von Goleyns Arm und kam langsam vor. „Ein Gift,
der ihren Geist angriff, so hieß es. Für jemand, der
sich an eine Waffe gebunden hat, ist das besonders gefährlich.“
„Wir sind sofort her geeilt, als wir auf dem halben Weg nach
Perrigon erfuhren, daß man sie hierher gebracht hatte“,
fügte der Herzog hinzu. Seine tiefe Stimme zitterte ein wenig.
Elrond verstand seine Sorge um seine Tochter sehr gut und lächelte
milde. „Wir haben gedacht, daß wir Asani nicht schnell
genug erreichen würden.“
„Aber Ihr, Lord Elrond, Ihr habt unserer einzigen Ti Yanca
no An das Leben gerettet“, sagte die alte Frau und kam langsam
auf den Elben zu. Sie hielt sich mit beiden Händen an ihrem
Stock fest, während sie sich langsam vorbeugte. Ehe Elrond
sie aufhalten konnte, war sie schon auf die Knie gesunken. Mit ihr
verneigte sich die gesamte Gruppe tief vor dem Elbenlord. „Habt
Dank für Eure unendliche Güte, Lord Elrond. Wir stehen
tief in Eurer Schuld.“
Lord Elrond streckte beide Hände nach der alten Frau aus und
faßte sie vorsichtig an den Ellbogen an. „Bitte steht
wieder auf, Frau Maja.“ Elrond blickte lächelnd in die
weißen Augen der alten Frau. „Kommt in mein Haus und
seid meine Gäste.“
Galant bot er Maja seinen Arm an. Die alte Frau nahm lächelnd
sein Angebot an. Ihnen folgten die Ifreys nun in das Haus Elronds.
Während der Hausherr sich nach der Reise der Gruppe erkundigte,
wünschte er sich im Gedanken, dieser Tag wäre anders verlaufen,
denn er beherbergte nun unter anderem ein mittlerweile tragisches
Liebespaar, einen verbannten Elben, einen sehr wütenden König
und die Ifreys. Hoffentlich blieb Sauron dort, wo immer er gerade
war...
~*~
Nachts...
Es waren Jahrhunderten, als Oberon sich das letzte Mal mit den
Elementen unterhalten hatte. Aber den kalten Nachtwind nach seinem
Willen in ein Krankenzimmer zu lenken, war noch im Bereich seiner
Fähigkeiten.
Gehorsam tanzte der Wind durch Asanis Zimmer, während Oberon
einen Blick hinein wagte. Er brauchte nur einen Moment allein mit
Asani, um etwas zu überprüfen. Aber es war besser, wenn
der Elbenprinz nicht zugegen war. Still beobachtete er Legolas,
der neben ihrem Bett saß und las. Er rieb sich gerade die
Oberarme, stand auf und zog die schweren Vorhänge vor den Fenstern
zu. Oberon verschwand wieder in seinem Versteck und flüsterte
dem Wind zu, einen kalten Nebel unter die Ritze der Vorhänge
zu schicken. Wieder gehorchte die Natur seiner schmeichelnden Stimme
und man hörte bald Legolas‘ verwunderten Ausruf. Der
Bordellvater verzichtete darauf, nachzusehen, denn er rechnete fest
damit, daß der Elbenprinz spätestens jetzt das Zimmer
verließ und Decken zu holen. Asani war trotz ihres Paktes
ein Mensch, der bei Kälte fror und zitterte. Oberons Taktik
ging auf, denn der Prinz hastete kurz darauf an ihm vorbei.
Oberon schlüpfte ohne zu zögern in das Krankenzimmer
und sah sich schnell um. Das erste, was ihm auffielt, war Asanis
Schwert. Es lag neben auf einer Anrichte, die dicht neben dem Bett
stand. Er entdeckte den tiefen Kratzer auf der oberen rechten Hälfte
des Schwertes. Sein geschultes Auge bemerkte, wie dünn das
Metall an der Stelle war. Was immer Elrond zu diesem Schritt bewegt
hatte, er war sicher nötig gewesen. Oberon hatte Elrond in
solchen Fragen immer bedingungslos vertraut.
Die Herrin des Schwertes lag schlafend inmitten weißer, weicher
Kissen und unter dünnen Decken und einem Elbenumhang auf dem
großen Bett. Ihr Haar war kurz und lockte sich noch mehr als
sonst. Oberons Fingerspitzen glitten zitternd über die warme,
glatte Wange und berührten die ungewohnt kurzen Haare im Nacken.
Vorsichtig setzte sich Oberon auf das Bett. Was hatte ihr dieser
Ork bloß angetan? Aber er hatte keine Zeit, sich damit zu
beschäftigen. Dieser Elbenprinz konnte jeden Augenblick zurückkommen.
Oberon schob den Umhang beiseite und zog rasch die dünnen
Laken von Asanis Körper. Vorsichtig hob er ihren Unterkörper
an, während er ihr Nachthemd hochraffte. Seine Hand zitterte
entsetzlich, als er sie direkt tief unter ihrem Bauchnabel legte.
Während der Reise nach Bruchtal hatte Angst und Furcht an ihm
genagt. Das Orkgift war stark genug gewesen, daß ihr Schwert
sich genötigt sah, seine Herrin zu schützen.
Oberon atmete tief ein, schloß die Augen und konzentrierte
sich auf Asanis Herzschlag. Einem Elben war es möglich, das
neue Leben in einem Schoß einer Frau zu spüren, selbst
wenn es noch keinen eigenen Herzschlag besaß. Es war zwar
in den ersten Tagen nach der Zeugung etwas schwer zu finden, aber
für einen so erfahrene Elben wie Oberon Temonis war es ein
Kinderspiel. Dennoch ließ er sich bei Asani sehr viel Zeit.
Nach einer Weile jedoch öffnete er widerwillig die Augen. Sein
Blick war verschwommen und heiß rann eine Träne über
seine Wange. Schnell blinzelte er die nachfolgenden weg. Da war
nichts. Gar nichts. Kein neues Leben. Das Gift war doch stärker
gewesen...
Schnell zog er das Nachthemd herunter und zupfte die Bänder
an ihrem Kragen gerade, damit Legolas auch wirklich nichts von seinem
Besuch hier merkte. Es war fast alles nach Plan gelaufen. Der Prinz
hatte unter dem Einfluß des Gewürzes Asani geschwängert
– da war Oberon sich sehr sicher - und der Clan hätte
ihre Erlegung nie hinterfragt. Dann hätte das Paar sich in
aller Ruhe mit Legolas Vater auseinandersetzen können. Aber
wer hätte gedacht, daß ein heimtückisches Gift eines
wild gewordener Orks und die Pläne einer abgrundtief bösen
Frau seine Pläne so durchkreuzen konnten. Er hätte Thranduil
den Brief damals nicht schreiben und besser abwarten sollen...
Aber nur zu bereuen, half nicht weiter. Er mußte sich etwas
überlegen, um Asani vor ihrem blutrünstigen Clan zu schützen.
Pflicht und Ehre gingen bei den Ifreys vor Zuneigung. Oberon verurteilte
sie nicht, denn diese Einstellung hatte den Ifreys das Überleben
über Jahrtausende gesichert. Irgendwie mußte er Thranduil
dazu bewegen, Asani als Legolas‘ Braut anzuerkennen und zu
schützen. Dann blieb ihr der Weg zu ihrem Clan erspart und
ihre Unsterblichkeit erhalten. Oberon biß sich auf die Lippen.
Allerdings würde Asani das gar nicht gefallen. Sie liebte ihren
Vater und würde niemals so von ihm gehen. Der kleine Sturkopf
würde früher oder später von Gewissensbissen geplagt
die Reise in seine alte Heimat machen und sich den Konsequenzen
stellen. Der verliebte Elb würde ihr folgen und am gebrochenen
Herzen sterben, wenn sie entweder den Folgen ihrer Strafe erlag
oder nach 30 oder 40 Jahren ins Jenseits ging.
Als Oberon sich seufzend von Bett erhob und Asani einen Kuß
auf die Stirn geben wollte, entdeckte er zu seinem Schrecken eine
hochgewachsene Gestalt im Augenwinkel. Zuerst dachte er, es wäre
Legolas, denn der Neuankömmling wirkte wie ein Elb. Das lange
Haar war hell wie das Mondlicht. Seine Gesichtszüge hatte die
Natur eben und schön gezeichnet. Aber seine Augen blickten
zu verschlagen für einen Elben. Nachdem auch der Schock nachgelassen
hatte, bemerkte er schnell, daß der andere sterblich war.
Es war niemand geringeres als Goleyn mo Ifrey.
„Müßt Ihr mich so erschrecken?“ fauchte
Oberon verstimmt. Goleyn war zwar sterblich, aber er bewegte sich
leiser als ein Elb. Wahrscheinlich hatte ihn die blinde Maja deswegen
zu ihrem Stellvertreter ausgewählt. Der perfekte Spion...
Dieser lachte bei dem Vorwurf und kam langsam näher. „Lange
nicht gesehen, Oberon. Wie laufen die Geschäfte?“
„Sehr gut“, erwiderte Oberon lächelnd. „Was
treibt ein Ifrey in Bruchtal?“
„Das Gleiche, das einen verbannten Elben von seinem geliebten
Bordell hierher getrieben hat“, erwiderte Goleyn mit einem
feinen Lächeln. „Wir haben von Asanis Vergiftung gehört.
Ihr Vater hat sich sehr große Sorgen um sie gemacht.“
„Aber was macht Ihr hier?“ fragte Oberon. Er setzte
sich wieder aufs Bett und beugte sich leicht über Asanis Gestalt.
Goleyn stand nun auf der anderen Seite des Bettes und sah ihm lächelnd
in die Augen. Unter anderen Umständen hätte Oberon diesen
verschlagenen Blick amüsant gefunden.
„Ich wollte etwas überprüfen“, erwiderte
der Ifrey ruhig. „Aber ich denke, daß Ihr es schon getan
habt. Nun? Wie lange noch bis zur Geburt?“
Oberon behielt sein Lächeln bei. „Das werdet Ihr noch
früh genug erfahren.“
Sein Tonfall deutete darauf hin, daß Goleyn entlassen war.
Oberon blieb, wo er war. Unter keinen Umständen durfte er Asani
mit dem da allein lassen. Noch blieb die Möglichkeit der Täuschung.
Aber der Ifrey rührte sich nicht. Seine Augen verengten sich
und er blickte Oberon nachdenklich an. „Vorausgesetzt sie
ist schwanger, nicht wahr?“
Verdammt...Oberon lächelte dennoch. „Zweifelt Ihr daran?“
Goleyn legte alles spielerische ab und sagte in einem ernsten Ton:
„Prinz Legolas ist immerhin ein Elb und Elben sind nicht gerade
dafür bekannt, bei jedem – sagen wir - Zusammentreffen
ein Kind zeugen zu können. Laut Gerüchten liegen die Geburtstage
des Düsterwald Erbens und die seiner jüngeren Brüder
500 Jahre auseinander. Daher ja...ich habe erhebliche Zweifeln,
daß sie von ihm schwanger ist.“
„Sie ist von ihm schwanger!“ erwiderte Oberon heftiger
als gewollt. Goleyn sah ihn mißtrauisch an. Der Elb verdrehte
die Augen. Hatte ja doch keinen Zweck. Wenn nicht dieser unerträgliche
Ifrey das herausfand, würde das die blinde Maja auf jeden Fall.
„Sie war es bestimmt gewesen.“
„Was meint Ihr?“ fragte Goleyn. Diesmal sah ihn Oberon
skeptisch an. Hatte die Stimme des Sterblichen vor Sorge gezittert.
„Was soll das heißen, sie war es gewesen?“
Der Bordellvater seufzte tief. „Ich weiß selbst, wie
fruchtbar wir Elben sind, daher habe ich etwas nachgeholfen und
dem Prinzen das entsprechende Mittel verabreicht.“
Ein wissendes Lächeln huschte über Goleyn schönes
Gesicht und er hustete dezent in seine Faust. Er schwieg und ließ
Oberon fortfahren: „Das Orkgift muß das neue Leben in
ihr getötet haben. Anders kann ich es mir nicht erklären.“
Es herrschte Stille und Oberon meinte Schmerz und Trauer bei dem
Ifrey zu spüren. Er gab dem Sterblichen die Zeit, zu verstehen,
was Asani widerfahren war, und darüber nachzudenken, was das
für Konsequenzen für sie hatte. Aber Goleyn fragte: „Ihr
habt Euch sicherlich in der Menge vertan.“
Oberon schnaubte verächtlich zur Antwort und sah den Ifrey
Fürsten herausfordernd an. Goleyn ging jedoch nicht darauf
ein und fragte ernster: „Ihr seid Euch also sicher, daß
sie auf jeden Fall empfangen hat?“
Der Elb war nicht wirklich besänftigt, aber genug, um zu nicken.
„Dafür gebe ich Maja meine rechte Hand.“
Goleyn verzog das Gesicht. „Na, unser Clan ist auf dem Weg
der Besserung und hat sich von der Barbarei verabschiedet.“
Oberon betrachtete wachsam den Ifrey, aber sein arrogantes Lächeln
verriet nichts davon. „Eure Gesetze sind mir bekannt. Asani
wird ihre Hand verlieren und sterben. Aber das werde ich nicht erlauben,
Ifrey.“
Auf Goleyns Gesicht erschien zum ersten Mal ein mildes Lächeln.
Ungetrübt von Arroganz und Spott. Ohne auf den Elben zu achten,
setzte sich Goleyn aufs Bett und betrachtete Asani. „Ihr wart
lange fort. In der Zwischenzeit hat sich auch in unserem Clan viel
verändert.“
Ende von Kapitel 35 ½ (Intermezzo)
*********************************
Es ist ziemlich lang für ein Intermezzo, aber
dennoch zähle ich dieses Kapitel als 35½ , weil es nicht
wirklich etwas zur Handlung beiträgt. Man hätte alles
bis auf die letzte Passage weglassen können, aber ich hatte
sehr viel Spaß an den Szenen mit Oberon/Thranduil und Oberon/Glorfindel,
so daß ich sie euch nicht vorenthalten wollte. ^o^
Was ist nun aber zwischen Glorfindel und Oberon
geschehen? Was die noch ältere Frage aufwirft, was ist zwischen
Oberon und Gandalf passiert? Diese Fragen werden im nächsten
Kapitel beantwortet...
Kapitel 36