Disclaimer: Keine von den Figuren in meiner Geschichte,
die euch bekannt vorkommen, gehören mir, sondern sind aus Meister
Tokiens genialem Verstand entsprungen. Außerdem verdien ich
keinen Cent an der Geschichte. (Würde mich auch arg wundern.)
Warnung: Ich bin noch eine absolute Anfängerin,
wenn es um Fanfics im Bereich Herr der Ringe geht. Also habt ein
bissel Mitleid und verbessert mich ruhig. Hoffe auf viele reviews.
Sonstige Anmerkungen: Bin mit Keksen und Früchtetee
bewaffnet und richtig in Stimmung was toll Romantisches zu schreiben.
°g°
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Herz zu erobern
Kapitel 30
Ankunft im Düsterwald
„Paps..“ Siané schluckte schwer. Sie traute ihren
Augen nicht. Das konnte doch gerade nicht wirklich geschehen.. Immer mehr
wurde ihr bewusst, dass sich ihre Hände auf Legolas’ nackter
Haut befanden. Genauso spürte sie, wie das Blut in Massen in ihr
Gesicht schoss. Sie öffnete und schloss ihre Augen immer wieder,
verharrte dabei in ihrer Position, doch ihr Vater verblieb im Eingang
des Raumes. Egal wie sehr sie ihn fort wünschte, sie konnte ihn weiterhin
vor ihren Augen sehen. Doch was sie als noch viel schlimmer als die bloße
Anwesenheit ihres Vaters empfand, war das blasse, erschrockene Gesicht
selbigen.
„Paps! Ich kann das erklären...“ Endlich fand sie den
Weg zu ihrer Stimme wieder. Vielleicht hätte sie sich aber ihre Worte
vorher zurecht legen sollen, denn durch den Klang ihrer Stimme erwachte
ihr Vater aus seiner Starre und legte schockiert eine Hand über seine
Augen. Unbeholfen stand sie vom Schoß des Elben auf, stolperte dabei
und kam gerade noch vor ihrem Vater zum Stehen. Dieser schenkte ihr aber
nur einen kurzen Blick durch die Finger seiner Hand und machte dann auf
dem Absatz kehrt. Er verließ das Gemach des Prinzen, allerdings
nicht ohne diesem einen vernichtenden Blick zuzuwerfen. Legolas war währenddessen
damit beschäftigt, die unangenehme Situation ganz zu erfassen und
rührte sich kaum. So konnte Siané ihrem Vater auch ungehindert
folgen..
Auf dem Flur angekommen, lief sie Marado nach. Dieser hatte eine Miene
aufgesetzt, die wahrscheinlich eine ganze Horde Orks verscheucht hätte.
Wer wollte sich denn schon einem wütenden Vater in den Weg stellen?
„Paps.. Bitte! Hör mich doch an!!“ Bettelnd umfasste
Siané seinen Arm, zog daran und zwang ihn stehen zu bleiben. Doch
als sie seinen Blick erneut erhaschte, wünschte sie sich plötzlich
in eine Erdspalte. Irgendwohin, wo sie diesen vorwurfsvollen, ärgerlichen
Augen nicht begegnen musste.
„Kind, was willst du mir erklären? Meine eigenen Augen konnten
dort alles genau erfassen. Es gibt nichts, was du mir sagen müsstest.“
Er wollte schon wieder weiter gehen, doch seine Tochter hielt seinen Arm
krampfhaft fest. Sie wusste zwar nicht, wie sie ihn überzeugen sollte,
doch irgendetwas musste sie tun.
„Nein.. Du hast dort das gesehen, was du sehen wolltest. Es ist
nicht so, wie du denkst. Legolas und ich--“ Doch sie verstummte,
als sie sah wie sich die Miene ihres Vaters bei dem Vornamen des Elben
weiter verfinsterte.
„Siané, du kannst mir danken, dass ich euch gestört
habe. Wer weiß, was sonst noch alles passiert wäre. Wer weiß,
wozu dieser so genannte Prinz im Stande gewesen wäre.“ Grummelnd
ging Marado weiter, doch das rothaarige Mädchen folgte ihm beharrlich.
Sie wusste, dass ihr Vater schon immer etwas gegen die männliche
Spezies hatte. Zumindest, wenn sie seiner Tochter zu nahe kamen. Allerdings
musste das doch irgendwann aufhören..
„Vater, Legolas würde mich zu nichts zwingen. Bitte, es ist
doch nichts passiert.“ Mit flehendem Blick lief sie neben ihm her,
versuchte einen Moment zu erhaschen, in dem sie seine Augen sehen konnte.
Doch der dunkelhaarige Mann betrachtete tief konzentriert den Boden.
„Ich war auch einmal jung, Siané. Ich weiß, was beinahe
passiert wäre. Du hättest das Bett mit ihm geteilt. Oh, wenn
ich daran nur denke.. Meine eigene Tochter… Mit einem Elben.. Was
für eine Vorstellung..“ Stirnrunzelnd beäugte sie ihren
Vater, doch dieser lamentierte unbeirrt weiter. „Wahrscheinlich
hast du über die Ausmaßen nicht einmal nachgedacht..“
Einen kurzen Moment dachte Siané an die Nacht zurück, in der
sie mit Legolas geschlafen hatte. Was wäre wohl, wenn ihr Vater davon
wüsste? Kurz flackerte die Vorstellung ihres Vaters in ihren Gedanken
auf, wie er mit einer Mistgabel bewaffnet hinter dem Elbenprinzen herjagte
und sie musste mühsam ein Kichern unterdrücken.
„Hast du mal daran gedacht, was passieren kann? Oder hatte einer
von euch tatsächlich soviel Verstand und hat einen Gedanken Herzwurzeltee
verschwendet?“ Siané blieb wie angewurzelt stehen und sah
ihren Vater mit großen Augen an. ‚Oh nein..’
„Habe ich es mir doch gedacht..“ Er verschränkte die
Arme hinter seinem Rücken und ging siegessicher weiter, als er keinen
Einwand von seiner Tochter hörte. „Wenn ich euch nicht gestört
hätte, wärst du nun vielleicht auf dem besten Weg zu einer Schwangerschaft..
Willst du dazu nichts sagen? – Siané? – Siané?“
Verstört blickte er sich um, doch von seiner Tochter war auf dem
Flur nichts mehr zu sehen. Seine Augen verengten sich und er spähte
unsicher durch den Flur.
Langsam drehte er sich wieder um, warf einen letzten Blick in den leeren
Gang und grummelte vor sich hin. Vielleicht hätte er seine Vorwürfe
ein wenig zurückschrauben sollen. Hatte er übertrieben? Wenn
nicht, wäre sie doch nicht einfach fortgerannt. Außerdem hatte
er eine anständige Tochter.. Die hatte er doch, oder?
----------*°*----------
Maeglin hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und blickte starr
an die Decke des Raumes. Auf ihrer Stirn hatten sich kleine Sorgenfalten
gebildet, außerdem brannten ihre Augen. Sie merkte gar nicht, dass
sie schon längere Zeit nicht mehr geblinzelt hatte. Das einzige woran
sie dachte war Mat. Mat und das verdammte Gefühl der Vertrautheit,
das sie in seiner Gegenwart verspürte. Immer wenn sie ihn ansah kam
es in ihr hoch. Aber das konnte doch gar nicht sein. Wie sollte es auch?
Sie kannten sich doch kaum. Trotzdem.. Immer wieder beschlich sie der
Gedanke, dass sie eine Erinnerung besitzen sollte, die mit ihm zusammenhängt.
Sie konnte sich aber beim besten Willen an keine entsinnen.
Sie zuckte zusammen und richtete sich mit hochgezogenen Augenbrauen auf,
als die Tür zu ihrem Gemach aufflog und eine blasse und schwer atmende
Siané eintrat. Sie konnte ihr nicht einmal etwas sagen, denn ihre
Freundin hatte die Tür genauso schwungvoll zugeschlagen, wie sie
diese geöffnet hatte und ließ sich zitternd neben sie auf das
Bett plumpsen.
„Sina?!“ Fürsorglich umfasste sie die kalten Hände
des rothaarigen Mädchens und versuchte ihren Blick zu erhaschen.
Doch Siané blickte, wie unter Schock, auf die weiße Decke
von Maeglins Bett.
„Sina, sag doch was.. Was ist denn bloß geschehen?“
Maeglin berührte besorgt die Wange ihrer Freundin und stellte erschrocken
fest, dass sie genauso kalt war, wie ihre Hände.
„Herzwurzeltee..“ Maeglin blinzelte. Wieso brabbelte Siané
denn von dieser Kräutermischung?
„Sina, ich weiß nicht was du meinst..“ Sie erschrak
ein wenig, als sie von ihrer Freundin an den Schultern gepackt und unsanft
durchgerüttelt wurde.
„Was ich meine? Was ich meine? Maeglin, sei nicht so ein Holzkopf!!
Ich habe keinen getrunken.. Du weißt schon.. In Bruchtal. Bevor
ich.. Na, du weißt doch was ich meine.“ Siané betrachtete
das ausdruckslose Gesicht des blonden Mädchens und schloss genervt
die Augen. Scheinbar begriff sie es doch noch nicht. „Ich habe keinen
getrunken, bevor ich mit ihm geschlafen hab! Stell dich nicht dumm.. Ich
könnte schwanger sein!!!“
Wie angestochen sprang Maeglin auf und schlug ihre Hand vor den Mund.
Ihre Augen hatten sich geweitet und sie schien in denselben Schockzustand
zu verfallen, wie Siané zuvor. „Du.. Du meinst..???“
„Ja.. Gottverdammte scheiße!! Was tu ich denn nun? Ich bin
zu jung für so was.. Oh, wieso war ich denn nur so dumm? Wenn mein
Vater das erfährt.. Er wird mir den Hals umdrehen. Und Legolas..“
Sie stiefelte in Maeglins Zimmer auf und ab. „Was wird er bloß
sagen? Und sein Vater? Ist das nicht eine Schande, wenn man vor der Heirat
schwanger wird? Und überhaupt.. Ich will noch kein Kind!!“
Maeglins Augenbrauen wanderten bei jedem weiteren Wort von Siané
ein Stückchen höher. Nach einer ganzen Weile räusperte
sie sich lautstark und erlangte somit die Aufmerksamkeit ihrer Freundin.
„Also, wenn du damit fertig bist, eine Kuhle in den Boden meines
Gemachs zu laufen und vielleicht auch noch dein Lamentieren einstellst,
können wir auch anfangen, dein Problem rational anzugehen und eine
Lösung finden.“
Sianés Mund stand ein wenig offen, als sie diese – für
Maeglin durchaus ungewöhnliche – Rede hörte. Verdattert
ließ sie sich wieder auf das Bett sinken und faltete ihre Hände
in ihrem Schoß.
„Also.. Gehen wir das ganze in Ruhe an: Woran erkennt man, das
man schwanger ist?“ Maeglin stand vor Siané wie eine Lehrerin.
Es fehlten nur noch die streng nach hinten gekämmten Haare.
„Was soll denn das? Willst du meine alten, grausamen Erinnerungen
an Paps Aufklärung wieder hervorholen? Das war soooo peinlich!“
Maeglin lächelte bei Sianés Einwänden, doch sie sprach
schnell weiter.
„Wann hast du deine letzte Monatsblutung gehabt?“
„MAEGLIN!!! Das will niemand wissen!“ Siané verschränkte
die Arme vor der Brust.
„Nein, eigentlich interessiert es mich auch nicht. Ich will dir
nur helfen..“
Siané seufzte und murmelte sich leise etwas in den nicht vorhandenen
Bart. Maeglin musste sie zweimal bitten ihren Satz zu wiederholen, bis
sie leise ‚Sie sind eine Woche überfällig’ flüsterte.
Fluchend ließ sich das blonde Mädchen auch auf dem Bett nieder
und blickte ihrer Freundin dann in die grünen Augen.
„Ich denke, du solltest mal zu einem Heiler gehen. Oder vielleicht
Legolas darauf ansprechen. Elben nehmen solche Dinge sicher anders auf,
als wir Menschen.“ Siané antwortete nicht. Sie stand schweigend
auf und verließ das Zimmer wieder. Maeglin, die eigentlich ganz
andere Dinge im Kopf gehabt hatte, folgte ihr lautlos.
Maeglin lief dicht hinter ihrer Freundin. Sie sprachen kein Wort. Siané
schien zu sehr in sich gekehrt. Vielleicht haderte sie gerade mit sich
selbst? Was auch immer es war: Maeglin würde da sein, wenn sie jemanden
brauchte. Doch dazu sollte es vorerst nicht kommen.
----------*°*----------
Als sie die Tür zur Bibliothek passieren wollten, vernahmen ihre
Ohren bekannte Stimmen. Siané blieb sofort abrupt stehen. „Hörst
du das auch?“
Die angesprochene Maeglin nickte nur leicht und horchte einen Moment.
„Das sind Legolas und dein Vater, wenn mich nicht alles täuscht.“
Nun war es an Siané, zu nicken. Sie hatte Legolas in seinem Gemach
zurück gelassen, um ihrem Vater zu folgen. Eigentlich hätte
ihr klar sein müssen, dass auch er ihm folgen würde. Vielleicht
hätte sie es verhindern können.. Wäre da doch nur nicht
der Vorfall mit der plötzlichen Erkenntnis gewesen.
Unbewusst strich sie sich mit der Hand über Bauch und Unterleib,
als sie Legolas’ Stimme erneut vernahm.
„Ich bitte euch, ihr müsst es einfach erlauben!“ Seine
Stimme war eindringlich und doch konnte Siané sich vorstellen,
wie er einen flehenden Ausdruck in den Augen trug.
„Ich muss nichts erlauben! Außerdem will ich von diesem Thema
nichts hören! Niemals werde ich meine Tochter in ein fremdes Elbenreich
ziehen lassen. Hört ihr? NIEMALS!“ Maeglin sah, wie Sianés
Hand sich zu einer Faust schloss und wieder öffnete. Langsam griffen
sie gemeinsam zur Klinke der großen Flügeltür und traten
ein. Es wunderte keinen von beiden, dass die Anwesenden sie nicht bemerkten.
Vielmehr setzten sie ihre Diskussion fort.
„Was spricht denn nur dagegen?“ Legolas hatte sich mit dem
Rücken gegen einen Sessel gelehnt und betrachtete das stetige auf-
und abschreiten Marados.
„Was dagegen spricht? Mein verehrter Elb, ihr glaubt wohl ich sei
dumm? Ich weiß sehr wohl, was ihr vorhabt!! Erst meine Tochter aus
meiner Reichweite führen und dann.. Ja, dann wollt ihr sie entehren.
Meine brave Siané hätte vorher nie etwas in der Richtung getan.
Und kaum ist sie meinem Schutz entrissen worden, finde ich sie in obszöner
Position auf eurem Schoß wieder!!!“ Siané spürte,
wie sie bei den Worten ihres Vaters rot anlief und auch Legolas’
Ohren schienen einen leichten Hauch von rosa anzunehmen.
„Wieso seht ihr nur etwas Schlechtes in meinen Absichten? Ich erfragte
lediglich eure Erlaubnis, um eurer Tochter meine Heimat zeigen zu dürfen!
Ich würde nie etwas tun, dass sie in irgendeiner Weise entehren kann.“
Marado stampfte gerade auf den Elbenprinzen zu, um ihm eine zweite, saftigere
Moralpredigt zu halten, als er einen starken Druck am Arm verspürte.
Er drehte sich um und erblickte die grünen, funkelnden Augen seiner
Tochter. Leider funkelten diese nicht vor Freude, eher vor Zorn.
„Paps, was fällt dir ein! Ich bin alt genug, um meine eigenen
Entscheidungen zu treffen.“
„Siané, auch wenn du es nicht glaubst: Ich weiß wie
es ist, jung zu sein. Ich verstehe es auch, dass du dich zu ihm hingezogen
fühlst, aber du hast alle Zeit der Welt. Ich habe mir immer gewünscht,
dass du einen guten Mann findest. Vielleicht einen Kaufmann, der dir ein
schönes zu Hause bietet.. Ich verlange doch nicht viel!“ Sianés
Augen schienen aus ihrem Gesicht hervortreten zu wollen. Immer größer
wurden sie vor Erstaunen und so drang auch kein Wort der Erwiderung aus
ihrem Mund hervor. Sie konnte nur ungläubig den Kopf schütteln.
In einer kleinen Ecke, unbemerkt von den anderen, saßen Merry und
Pippin. Sie hatten ihre Stühle so gestellt, dass sie einen guten
Blick auf die Personen hatten, die sich nun sprachlos anstarrten. Pippin
hob gerade einen Apfel seinem Mund entgegen und hatte seine Stirn in Falten
gelegt.
„Verstehst du das?“ Merry sah seinen Freund zwischen einigen
Stücken Kuchen fragend an.
„Nicht direkt. Soweit ich es nachvollziehen kann geht es darum,
dass Sianés Vater einen guten Ehemann für sie will, der ihr
ein zu Hause bieten und eine Familie ernähren kann.“ Pippin
biss geräuschvoll in seinen Apfel.
„Das habe ich auch gehört. Aber das macht doch keinen Sinn,
oder?“ Merry sah wieder zu Pippin, der nachdenklich die Augenbrauen
hochzog.
„Er würde einen Kaufmann einem Prinzen vorziehen.. Nein, für
mich macht es auch keinen Sinn..“ Er schüttelte den Kopf und
blickte auf den Tisch, auf dem Merry und Pippin ihr Essen aufgebaut hatten.
Vielleicht würden sie ja noch eine Antwort von Marado bekommen.
Die beiden Hobbits waren nicht die einzigen, die Marados Ansichten nicht
nachvollziehen konnten. Er wünschte sich einen Kaufmann für
seine Tochter, aber ein Prinz war unzulänglich? Siané schüttelte
immer noch den Kopf. Ihr war es zuwider geworden, zu versuchen, in die
verqueren Windungen von Marados Verstand einzudringen. Im Endeffekt, war
es immer am besten ihn zu ignorieren.
Langsam ging das rothaarige Mädchen an ihrem Vater vorbei und blieb
knapp vor Legolas stehen. Sie lächelte ihn kurz an und umfasste dann
seine Hand mit beiden Händen. Lautlos formte sie mit den Lippen den
Satz ‚Tu einfach so, als wäre er nicht da..’ und zog
ihn zum Ausgang der Bibliothek.
Marado stand wie angewurzelt auf der Stelle und blickte seiner Tochter
und ihrem ‚Geliebten’ nach. Bildete er sich das nur ein, oder
ließ sie ihn hier gerade wie einen dummen Jungen stehen?
Aus den Augenwinkeln konnte Maeglin die leichten Verfärbungen sehen,
die Sianés Vater gerade ins Gesicht stiegen. Sie schluckte leicht
und wollte sich gerade auf den Weg nach draußen machen – irgendwohin,
nur nicht in der Nähe von Marado bleiben – als er ihren Namen
klar und deutlich durch die halbe Burg rief.
„Maeglin!!“ Sie zuckte zusammen und drehte sich mit einer
Unschuldsmiene um. Wieso musste ihr das schon wieder passieren? In Teslon
hatte jeder gewusst, dass man nicht in seiner Nähe sein sollte, wenn
er schlechte Laune hatte. Trotzdem geriet sie immer wieder in solche Situationen.
„Was denn?“
„Was habe ich bloß falsch gemacht, dass meine Tochter ihn
nun mir vorzieht?“ Ein Grinsen schlich sich auf Maeglins Lippen.
Es war eine zu drollige Frage. Was hatte Legolas, was Marado nicht hatte,
abgesehen von der Tatsache, dass er nicht Sianés Vater war? Sie
hätte Stunden damit zubringen können, angefangen von dem komischen
Stirnband, dass Marado zierte.
„Siané scheint ihn zu mögen.. Und, wenn ich das mal
eben so sagen darf, hat Legolas ihr schon aus so mancher Zwickmühle
geholfen.“ Maeglin lächelte freundlich, doch die Miene von
Sianés Vater hellte sich kein bisschen auf.
„Aber er wird sie schon noch in so manche hineinbringen. Ich spüre
das..“ Grummelnd verließ er die Bibliothek. Maeglin pfiff
genervt durch die Zähne. Als ob Männer so etwas wie Intuition
hatten. Sie bezweifelte das. Sie bezweifelte das sehr.
Als Marado außer Sichtweite war, setzte Maeglin sich wieder in
Bewegung. Die beiden Zuschauer in der Bibliothek hatte sie immer noch
nicht bemerkt. Eilig rannte sie in den Flur hinaus. Nicht, dass sie neugierig
war. Sie wollte nur erfahren, was Siané nun mit ihrem Problemchen
tat…
„Hast du gesehen, Pip?“ Merrys Füße baumelten
von dem hohen Sessel herunter, während er seinem Freund zugrinste.
„Ja, Merry.. >mampf< Es ist nicht zu fassen..“ Wieder
biss er in sein Stückchen Kuchen. „Ich werde manche Menschen
nie verstehen.. >schmatz< Soll doch froh sein, dass seine Tochter
wahrscheinlich einen Prinzen heiratet.. >munch, munch< Sollen wir
mal mit ihm reden? – Was?“
Pippin sah seinen Freund fragend an, der nur entgeistert eine Augenbraue
anhob. Er hatte ja schon viele Art und Weisen des Essens kennen gelernt.
Aber sich während einer Rede so dermaßen voll zu stopfen, war
ihm noch nie untergekommen. Pippin war manchmal einfach unmöglich..
Trotzdem entschied er sich dazu, nichts weiter zu sagen. Es war doch eh
nur verschwendete Zeit. Wenn es ums Essen ging, würde er sich nie
ändern.
Stattdessen stand Merry ohne ein weiteres Wort auf und ging Richtung
Flügeltür. Pippin folgte ihm sogleich, allerdings nicht ohne
sich noch ein weiteres Stück Kuchen mitzunehmen.
----------*°*----------
Siané schloss seufzend die Tür hinter sich. Legolas hatte
sie bis zu ihrem Gemach begleitet und ließ sich nun schwungvoll
– aber immer noch graziös – auf ihr Bett fallen. Sie
lehnte sich gegen die Tür und starrte kurze Zeit auf ihre Füße,
bis Legolas sie aus ihren Gedanken riss.
„Ist er immer so.. so.. stur?“
Sie betrachtete ihn einen Moment, wie er sich mit den Ellenbogen auf
der Matratze abstütze und sie ansah. Er trug ein Lächeln auf
seinen Lippen, doch sie senkte ihren Blick wieder auf den Boden. „Nennen
wir es eher peinlich.“
„Ich überzeuge ihn noch.“ Seine Stimme war ganz sanft
und brachte Siané dazu, ihren Kopf wieder zu heben. Ihre Schultern
entspannten sich bei dem liebevollen Lächeln auf den Lippen des Elben.
Es waren nur einige Schritte, die sie trennten. Sie konnte diese Meter
in einem Augenblick überbrücken. Und doch tat sie es nicht.
„Du musst IHN nicht fragen..“ In seinem Gesicht entstand
ein kurzer Moment des Unverständnisses, doch dann lächelte er
wieder.
„Ich würde es aber nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können,
wenn ich dich einfach entführe und er nicht die Möglichkeit
hat, sich von dir zu verabschieden.“ Nun war es an Siané,
zu lächeln. Sie ging auf ihr Bett zu und ließ sich von Legolas
in die hellen Decken ziehen. Er sah zu ihr auf, während sie neben
ihm kniete und verträumt sein Antlitz betrachtete.
„Er wird sich nicht umstimmen lassen. Außerdem musst du erst
einmal meine Erlaubnis erfragen, bevor du mich an einen fremden Ort verschleppst.“
Sie piekste ihm mit dem Finger spielerisch in die Seite und lächelte
ihn verschmitzt an.
„Deine Erlaubnis muss ich doch nicht erfragen. Ich weiß,
wie sehr du dich danach verzehrst, mit mir allein zu sein..“ Behutsam
zog er sie zu sich hinunter und berührte ihre Lippen sacht mit seinen.
Siané aber schnappte empört nach Luft. Nicht nur, dass er
glaubte, ihre innersten und tiefsten Wünsche zu kennen. Nein, er
hatte auch noch Recht. Wie oft hatte sie sich an einen Ort gewünscht,
an dem kein Gimli sie stören würde? „Ich verzehre mich
gar nicht nach..“ Sie wollte protestieren, wollte ihm sagen, dass
er nicht der Mittelpunkt ihrer Gedanken war, doch er verschloss ihren
plappernden Mund mit seinen Lippen. Einen kurzen Augenblick schloss sie
die Augen, genoss die Berührungen seiner Zunge, doch dann setzte
sie erneut an. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du..“
Sie schloss die Augen erneut, als seine Hand über ihre Wange strich
und seine Lippen schon wieder ihren Mund verschlossen. Unbewusst ließ
sie sich in seinen Zärtlichkeiten fallen, umfasste seinen Nacken
mit ihren Händen und zog sein Gesicht näher zu ihrem.
Inzwischen hatte er sich über sie gebeugt, strich mit einer Hand
die Haut an ihrem Arm entlang und hielt sie mit dem anderen Arm ganz fest.
Als er merkte, wie sehr sie seine Berührungen genoss, hob er seinen
Kopf ein wenig an und blickte ihr in die Augen. Fragend erwiderte sie
seinen Blick, doch er tupfte ihr nur lächelnd einen weiteren Kuss
auf die Lippen. „Wolltest du nicht etwas sagen?“ Sie blinzelte,
öffnete den Mund, um das vorherige Gespräch wieder aufzugreifen,
doch auch dieses Mal war es ihr nicht vergönnt.
Atemlos trennten sich die beiden einen Moment später wieder voneinander.
Legolas Gesicht war aber ihrem noch so nahe, dass sie seinen Atem auf
ihrer Haut spüren könnte. „Warum sprichst du nicht aus,
was du sagen möchtest?“ Siané lächelte und zog
Legolas, statt einer Antwort, nur erneut herunter.
Als sie sich voneinander lösten, strich er ihr verträumt ein
paar Strähnen aus dem Gesicht. Ihre Hände verweilten noch immer
in seinem Nacken, während er auf einem Ellenbogen aufgestützt
über ihr lag. „Kommst du mit mir in den Düsterwald?“
Ihre Augen begannen zu strahlen und ihre Lippen wurden von einem wunderschönen
Lächeln geziert.
„Du weißt die Antwort doch schon längst..“
„Ich wollte mich nur noch einmal vergewissern.“ Kurze Zeit
sah er sie nach seinen Worten einfach nur an. Sein Blick war ernst und
die verspielten Züge von vorhin waren gänzlich verschwunden.
Zärtlich nahm er eine ihrer Hände in seine und legte sie neben
ihrem Kopf ab. Während er ihre Hand öffnete und mit den Fingerkuppen
langsam über die empfindliche Haut fuhr, unterbrach er ihren Blickkontakt
nicht einmal. Seine Finger glitten über ihre Handfläche, über
ihr Handgelenk, ihren schmalen Unterarm und hinterließen dabei ein
ungewöhnliches Kribbeln auf ihrer Haut. Siané begann zu Zittern,
dabei spürte sie nur den Hauch einer Berührung.
„Ich möchte dich sehr gerne begleiten.“ Sie lächelte
wieder. Legolas beugte sich zu ihr hinunter und vertiefte den Kuss, den
sie zuvor schon geteilt hatten. Seine Hand glitt von ihren Armen hinunter
zu ihrem Oberschenkel und schlüpfte unter den weißen Rock ihres
Novizinnenkleides.
Siané genoss diesen Moment der Zweisamkeit, doch als seine Finger
an dem Bündchen ihrer Wäsche ankam, zuckte sie zusammen. Plötzlich
erinnerte sie sich wieder ihres Problems und schob seine Hand bestimmt
weg.
Den fragenden Blick des Prinzen stellte sie sich mutig, doch die richtigen
Worte fand sie nicht auf Anhieb.
„Wir können das nicht tun..“ Sie senkte ihren Blick
auf das Laken, doch Legolas schob ihr Gesicht mit seinen Fingern wieder
nach oben und zwang sie, ihn anzusehen.
„Was meinst du?“
„Na jaaaaa..“ Sie spürte, wie ihre Wangen sich rot färbten.
„Wennwirdaswiedertunkönnteichschwangerwerdenunddaswillichnichtundwirhabenesjaschon
einmalgetanundichweißnunnicht obichvielleichtschonschwangerbinichbinabernochzujungfüreinkindalsoseimitnichtböse,
ja?“
Legolas blinzelte nur verstört angesichts dieses Redeschwalls, der
ihm da entgegen kam.
„Würdest du das vielleicht noch einmal langsam wiederholen?
Vielleicht hast du davon gehört, dass die Sinne der Elben ausgeprägter
sind, als die der Menschen. Aber ich konnte deine Worte trotzdem nicht
erfassen.“ Er lachte sie belustigt an, doch in ihrem Gesicht verblieb
der ernste Ausdruck.
„Was, wenn ich das letzte Mal schwanger geworden bin?“ Beschämt
blickte sie wieder das Laken an und wartete auf die Reaktion des Elben.
„Das bist du nicht.“ Ihr Kopf hob sich ruckartig wieder nach
oben. Ungläubig sah sie ihn an. Woher wollte er das denn wissen?
Und vor allem: Wieso war er sich so sicher?
„Was.. Warum. Ich meine, das kannst du doch gar nicht wissen.“
„Elben bekommen nur Kinder, wenn beide es sich wünschen.“
Er fuhr sanft mit den Fingern die Konturen ihres Gesichtes nach, während
er sprach. „Und in dieser Nacht wäre es für uns beide
zu früh gewesen.“ Er lachte auf, als er Siané betrachtete.
Ihr schien bei seinen Worten alles aus dem Gesicht zu fallen.
„Ich gehöre nicht dem elbischen Volk an.“ Ihre hochgezogene
Augenbraue zeigte ihm deutlich, was sie von seinen Erklärungen hielt.
„Ich aber.“
„Ist es nicht so, dass beide Seiten elbischen Blutes sein sollten,
damit das funktioniert?“ Ihre Finger tippten unbewusst auf der Matratze
des Bettes herum.
„Wahrscheinlich. Würde es dich beruhigen, wenn ich sagte,
dass Elben es spüren, wenn sie ein Kind bekommen?“ Hoffnungsvoll
blickte er sie an. Er wollte ihr nicht sagen, warum er wusste, dass sie
nicht schwanger war.
„Nein, würde es nicht. Denn ich bin keine Elbin und spüre
damit auch nicht, ob ich ein Kind bekomme oder nicht.“ Sauer verschränkte
sie die Arme vor der Brust und sah ihn finster an.
„Aber auch ich würde spüren, wenn ich Vater werde.“
In ihren Augen blitzte einen Moment lang der Zweifel auf. Zweifel darüber,
ob er nicht vielleicht doch Recht hatte. Legolas wollte schon erleichtert
aufatmen, als sie einen pfeifenden Laut von sich gab.
„Tzzzz! So ein Humbug! Das könnt ihr nie und nimmer spüren.
Also, warum willst du mich in Sicherheit wiegen? Ich sollte vielleicht
einen Heiler aufsuchen.“
„In Ordnung.. Ich sage es dir..“ Siané hob erneut
die Augenbrauen, als sie den geschlagenen Ausdruck in den Augen des Elben
sah. Sie sagte nichts weiter.. Wartete einfach nur auf das, was er ihr
zu sagen hatte.
„Erinnerst du dich noch daran, was an dem Abend gewesen ist, an
dem wir miteinander schliefen?“ Siané nickte leicht und besann
sich einen kurzen Augenblick der Ereignisse. Sie hatte diese Auseinandersetzung
mit Laurelin gehabt. Später war sie mit Maeglin aus dem Speisesaal
getreten und hatte die Nachricht von Legolas gelesen. Was wiederum danach
geschah, hatte sie in die gegenwärtige Situation gebracht. Also was
war daran so besonderes?
„Ist es ein bestimmter Moment, an den ich mich erinnern sollte?“
Siané grübelte angestrengt, doch sie erinnerte sich an nichts,
was irgendwie außergewöhnlich war.
„Wir haben zu Abend gegessen. Erinnerst du dich an irgendetwas,
dass an deinem Platz stand?“ Siané schüttelte den Kopf.
Das elbische Essen war für sie sowieso neu gewesen. Besonderheiten
wären ihr darunter wohl nicht aufgefallen.
„Dann hast du den bitteren Geschmack deines Weines nicht bemerkt?“
Sianés Mund öffnete sich leicht. Es stimmte. Sie hatte es
an dem Abend darauf geschoben, dass der Wein von Elben hergestellt worden
war. Sie hatte nicht einen weiteren Gedanken daran verschwendet und wollte
damals auch nichts sagen, da es ihr als unhöflich erschien.
„Dann hast du??“ Sie stemmte ihre Hände leicht in die
Hüften und funkelte ihn an.
„Ja, ich habe dir etwas hineingemischt..“ In seinen Augen
schien ein leichter Funken von Schuld zu liegen. Doch von Bedauern konnte
nicht die Rede sein. Nein, er würde es immer wieder tun.
„Du hast den Abend also ganz und gar geplant?“ Sie zog eine
beleidigte Schnute. Soviel dazu, dass ihr erstes Mal spontan sein sollte.
Ein Dienstmädchen, mit dem sie gearbeitet hatte, erzählte ihr
einmal, dass ein geplantes Erlebnis alles zunichte machen konnte. Und
nun sollte sie so etwas erfahren. Andererseits: War der Zettel nicht Beweis
genug, dass er sich mehr als einmal am Tag Gedanken darum gemacht hatte?
„Du bist doch jetzt nicht beleidigt, Melamin?“ Er sah sie
unschuldig an. Siané atmete hörbar aus und boxte ihm gegen
die Brust.
„Doch.. Ganz schrecklich! Ich werde kein Wort mehr mit dir wechseln.“
Gespielt empört stand sie auf und ging zur Tür.
„Oh, wie kannst du mir das antun? Mein armes Herz.. Verlass mich
nicht, meine geliebte, kleine Hexe.“ Siané begann zu kichern,
als Legolas theatralisch die Hand übers Herz legte und sie schmerzvoll
ansah.
„Ich bin nicht klein!“ Sie streckte ihm die Zunge heraus
und drückte die Türklinke herunter. „Außerdem muss
ich meinen Vater doch nun überzeugen, dass ich dich begleiten kann.“
Legolas Gesicht hellte sich bei ihren Worten auf und er folgte ihr zur
Tür.
„Das klingt wunderbar. Dann werde ich mich darum kümmern,
dass wir am besten sofort aufbrechen können.“ Die beiden traten
zusammen aus der Tür von Sianés Gemach und blickten sich noch
einmal an.
„Und du bist wirklich nicht böse?“
„Unsinn!! Nur..“ Sie grinste verschmitzt, als Legolas sie
fragend ansah. „Das nächste Mal soll es nicht geplant sein.“
Sie zwinkerte ihm zu und lief den Gang entlang. Irgendwo würde sie
ihren Vater schon finden. Immerhin würde sie ihn sicher jammern hören,
wenn sie nah genug an ihn herangekommen war…
----------*°*----------
Es war schwieriger ihren Vater zu finden, als sie angenommen hatte. Eigentlich
glaubte sie, er würde lamentierend im Garten sitzen und seine unbarmherzige
Situation beweinen. Aber er war im Schloss nicht aufzufinden.
Missmutig war sie einige Zeit in den Gängen herumgelaufen. Doch
irgendwann – es war, als sie die Bibliothek auf ihrer Suche ein
drittes Mal passierte – entschloss sie sich, in der Stadt nach ihrem
Vater zu sehen. Vielleicht klagte er ja Alés, der sich in einem
der Gasthäuser von Tirell aufhielt, gerade sein Leid.
Die schmalen Gassen waren voller Menschen. Niemals hätte Siané
sie sich so vorgestellt, als sie vor wenigen Tagen hier eintraf. Wie viel
war in der Zwischenzeit geschehen? Und vor allem: Wie sehr hatte sie sich
auf dieser Reise verändert?
Als sie in Teslon aufgebrochen waren, war sie ein mehr oder weniger eingeschüchtertes
Mädchen gewesen, welches mit Sicherheit nie ein Fettnäpfchen
verfehlte. Inzwischen war sie gar nicht mehr so schüchtern. Gut,
Fettnäpfchen erwischte sie noch immer, doch sie war stärker
geworden. Leider trug sie nun auch andere Lasten auf ihrem Gewissen. Sie
hatte ein Mädchen getötet… Nun, sie hatte auch schon Orks
von ihrem Lebensfaden getrennt. Aber hierbei bestand ein Unterschied.
Ein ziemlich großer sogar: Sie hatte die Orks töten müssen,
um ihr eigenes Leben zu schützen. Doch Layla.. Sie war nur gestorben,
weil sie ihre Magie nicht unter Kontrolle hatte.
Ihre Magie.. Ja, damit musste sie sich auch noch auseinander setzen.
Bevor sie mit Legolas in den Düsterwald ging, musste sie Cyria unbedingt
um Rat fragen. Doch bevor sie in den Düsterwald gehen KONNTE, musste
sie ihren Vater finden.
Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Gasse – und das
genau zur rechten Zeit: Ein klappriger Wagen, von zwei Eseln gezogen,
polterte auf sie zu. Im letzten Moment sprang sie zur Seite, missachtete
dabei die Schimpftiraden des alten Mannes auf dem Kutschbock und setzte
ihren Weg fort. Dieses Mal ließ sie sich nicht von ihren beschwerenden
Gedanken übermannen..
Kurze Zeit später stand Siané vor dem Gasthaus, in dem ihr
Bruder verweilte. Das Schild über der Tür versprach in großen
goldenen Lettern ‚Zum glücklichen Dasein’. Irgendwie
musste Siané darüber lachen. Wer wohl auf so einen Namen gekommen
war?
Sie trat durch die Tür des Hauses und wurde sogleich mit den üblichen
Gerüchen konfrontiert. Der Kamin an der rechten Seite des Raumes
spendete ein wenig Wärme, doch sie achtete nicht sehr darauf. Vielmehr
lauschte sie den Worten, die auf dem Weg zur Theke zu ihr herüberschwebten.
„Ich verstehe nicht, weshalb du dich so aufregst!“ Siané
lehnte sich mit dem Rücken an eine Holzsäule und lugte zu dem
Tisch, vom dem sie die Worte vernommen hatte. Lächelnd stellte sie
fest, dass sie die Personen richtig erraten hatte. Marado und Alés
saßen sich gegenüber. Während ihr Vater grummelnd seine
Bedenken erzählte, bildeten sich Falten des Unverständnisses
auf der Stirn ihres Bruders.
„Weshalb ich mich aufrege? Wann ist die Welt denn so verrückt
geworden? Alés, mein Junge.. Ist dir nicht aufgefallen, dass er
ein Elb und ein Prinz ist??“ Marado hatte seine finsterste Miene
aufgesetzt.
Alés dagegen, grübelte einen Moment über die Worte des
Älteren nach. „Ja.. Das.. Nein, das verstehe ich nicht.. Was
ist daran schlecht, ein Prinz zu sein?“ Siané lächelte,
als sie die Miene ihres Bruders sah. Ihm schien wirklich alles aus de
Gesicht zu fallen. Scheinbar ging es ihm ähnlich, wie ihr. Es wollte
nicht in seinen Kopf, was für ein Problem Marado hatte.
„Er wird sie verletzten. Irgendwann wird er das Interesse verloren
haben. Und dann? Was ist, wenn es in einer Zeit ist, wo wir nicht mehr
da sind? Ich möchte nicht, dass sie irgendwann allein ist!!“
Sianés Augenbrauen schossen fast unisono mit denen von Alés
hoch. Vielleicht hatte ihr Vater ja doch seine Gründe, so beschützend
zu reagieren.
„In Ordnung.. Das verstehe ich ja auch. Aber.. Hast du schon versucht,
sie zu verstehen? Ich bin mit der ganzen Gemeinschaft bis hierher gereist.
Und mir ist mehr als einmal bewusst geworden, dass er keine Schwärmerei
für sie ist.“ Alés sah Marado eindringlich an. Vielleicht
war es nicht leicht, ihn von etwas zu überzeugen. Aber er hatte schon
die ganze Zeit das Gefühl, als sei ihm bewusst, was Siané
fühlt.
„Das weiß ich doch.. Ich mache mir einfach nur Sorgen. Sie
möchte mit in seine Heimat. Was, wenn sie dort nicht bleiben will?
Wenn sie zu uns zurück möchte und er sie nicht lässt?“
Marado stützte seinen Kopf auf seinen Händen ab und verschob
damit sein altes Tuch, dass er um seinen Kopf gewickelt hatte. Seine Haare,
die eigentlich schwarz waren, wurden vorne schon grau.
„Er würde mich überall hinbringen, wo ich möchte.“
Marado und Alés sahen auf, als Siané hinter der Holzsäule
hervortrat.
„Sina!“ Ihr Vater sah aus, als würde er auf sie zustürzen
und sie in den Arm nehmen wollen. Sie wusste aber, dass er solche offensichtlichen
Gefühlsregungen nie zeigte.
„Paps..“ Langsam setzte sie sich neben ihn und sah erst ihren
Bruder und dann wieder ihren Vater an.
„Nein.. Sag nichts. Ich weiß es ja schon.. Du möchtest
deinen Elben begleiten. Aber bist du dir im klaren darüber--“
„Ich liebe ihn..“ Marados Mund blieb offen stehen. Siané
hatte ihm gekonnt das Wort abgeschnitten und ihn für die nächsten
Sekunden unfähig eines weiteren Kommentars gemacht.
„Paps.. Ich möchte mit ihm in den Düsterwald. Ich möchte
auch, dass du damit einverstanden bist. Selbst wenn nicht, ich würde
gehen. Aber ich will mich nicht in einem Streit von dir trennen.“
Sie blickte ihren Vater mit großen Augen an und ihr Vater erwiderte
ihren Blick mit seiner üblichen mürrischen Miene.
„Ach Kind.. Du weißt doch, dass ich nur dein bestes will.“
Siané wollte gerade wieder zum Sprechen ansetzen, als er beschwichtigend
die Hand hob. „Nein.. Lass mich ausreden. Ich will nur dein bestes..
Und wenn es nun mal das Beste sein soll, dass du mit diesem Elben fort
gehst.“ Er schwieg einen Moment und nahm die Hand seiner Tochter
in die Seine. „Dann soll es wohl so sein..“
Siané lächelte und zum ersten Mal seit langer Zeit, umarmte
sie ihren Vater wieder herzlich.
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„Was tust du denn da?“ Gimli lief neben Legolas her, der
seine Arme mit irgendwelchem Klimbim voll gepackt hatte. Sie gingen scheinbar
Richtung Stallungen, doch sicher sein konnte sich der Zwerg nicht. Immerhin
wurde er von dem Elben nach allen Regeln der Kunst ignoriert.
„Gottverdammter Elb, antworte mir gefälligst!“ Der Zwerg
hüpfte vor dem Prinzen auf und ab, doch dieser bog einfach in einen
anderen Gang ab. Schimpfend lief Gimli hinter ihm her und trat dem laufenden
Elben gegen das Bein.
„Gimli!!“ Legolas blieb abrupt stehen und funkelte zu dem
Zwerg hinunter. „Siehst du denn nicht, dass ich es eilig habe?“
Gimli blieb fassungslos zurück, als Legolas seinen Weg fortsetzte.
„Ich dachte immer, Elben haben alle Zeit der Welt?“ Sauer
lief er seinem elbischen Freund nach, sagte auf dem Weg allerdings nichts
mehr.
Einige Zeit später, kamen sie auf dem Hof der Burg an und Legolas
schlug, so wie Gimli es erwartet hatte, den Weg zu den Stallungen ein.
Zielstrebig ging er auf Arod zu und brachte ihn hinaus auf die angelegte
Wiese, die im Hof an die Stallungen angrenzte.
„Nun? Würdest du mir nun sagen, was du vorhast?“ Seufzend
blickte Legolas zu dem Zwerg und lächelte ihn kurz an.
„Ich werde, sobald es mir möglich ist, mit Siané in
den Düsterwald aufbrechen.“ Unschuldig, als hätte er nichts
Besonderes gesagt, sattelte er Arod. Gimli stand neben ihm, wie vom Donner
gerührt. Er war ein wenig beleidigt, dass Legolas ihm nichts von
der kommenden Abreise gesagt hatte. Doch er war auch nicht in der Lage,
weiter darauf einzugehen, da sie weitere Gesellschaft bekamen.
„Wie ich es mir gedacht habe. Du willst abreisen.“ Legolas
sah von seiner Tätigkeit auf und lächelte seine Gefährten
Aragorn, Gandalf und die Hobbits entschuldigend an.
„Verzeiht mir.. Aber wir haben beschlossen, sobald es uns möglich
ist in den Düsterwald zu gehen.“
„Und wann hattest du vor, und etwas davon zu sagen???“ Gimli
nickte Elladan, Elrohir und Haldir eifrig zu. Er war auf ihrer Seite.
Wo auch immer sie gerade hergekommen waren: sie hatten Recht.
„Ich hätte euch etwas gesagt. Es war nur so..“
„Das ihr meine Tochter am liebsten sofort aus meinem Schutze entführt
hättet???“ Legolas schwieg, als er Marado mit Alés und
Siané durch das Tor treten sah. Während seine Gefährten
anfingen zu schmunzeln, wollte er sich am liebsten verstecken. Sollte
man ihn in eine Kammer mit Orks stecken. Dagegen konnte er sich wenigstens
wehren. Aber dieser Mann war ihm ein wandelndes Rätsel.
„Paps.. Lass deine Sticheleien!“ Und zur Überraschung
aller, lächelte er seine Tochter an und schwieg.
„Es sieht so aus, als könnten wir sofort aufbrechen.“
Sianés Augen begannen zu strahlen, als sie an die Reise dachte.
Eine Reise, bei der sie sich eigentlich keine Sorgen machen brauchte,
was der Ausgang sein würde. Nichts Böses würde auf sie
warten.
„In der Tat.. Wir können aufbrechen, sobald du es möchtest..“
Siané lächelte wieder und ging auf ihn zu.
„Ich muss Cyria noch einmal sehen. Ich werde bald wieder da sein..“
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen kurzen Kuss
auf die Lippen, der von den meisten Anwesenden mit einem herzallerliebsten
‚aaaaahhhh’ kommentiert wurde.
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Siané klopfte ein paar Mal gegen die schwere Holztüre, die
in Cyrias Gemächer führte. Sie musste einen Moment warten, bis
sie die Aufforderung zum Eintreten von ihr bekam. Langsam drückte
sie die Tür auf und lächelte die weise Frau an.
„Ich hatte nicht angenommen, dich so schnell wieder hier zu sehen.
Setz dich doch.“ Cyria deutete ihr den freien Sessel vor ihrem Schreibtisch
an. Erst jetzt bemerkte Siané, dass auch Maeglin im Raum war. Sie
hielt einen grauen Ring in den Händen, der augenscheinlich aus Stein
oder einem ähnlichen Material bestand.
„Ich möchte mit Euch über etwas reden. Es geht um meinen
Aufenthalt hier in Tirell.“ Siané setzte sich in das bequeme
Möbelstück und schlug ihre Beine übereinander.
„Dann möchtest du uns also jetzt schon verlassen? Ach, das
geht ja alles schneller, als vermutet.“ Sie machte eine kurze Pause,
in der sie sich zu Maeglin wand. „Mädchen, du wirst dich am
besten erstmal an eine der Schwestern wenden, die gerade in der Bibliothek
sind. Sag ihnen, ich habe dir aufgetragen, dich mit diesem Ring zu befassen.
Sie werden dir dann die richtigen Bücher geben.“
„Vielen Dank, Herrin. Ich werde mich gleich auf den Weg machen.“
Siané machte große Augen, als Maeglin sich respektvoll vor
Cyria verbeugte, ihren Rock, der zum Novizinnenkleid gehörte, raffte
und das Arbeitszimmer verließ.
„Siané..“ Cyria lachte. „Du scheinst diesen
Anblick noch ein wenig seltsam finden. Aber wir haben deine Freundin als
Schülerin in unsere Burg aufgenommen. Und Schülerinnen haben
sich sehr respektvoll gegenüber der Herrin der Burg und den anderen
aufgenommenen Schwestern zu verhalten. Eigentlich habe ich angenommen,
dass du noch einige wenige Unterrichtsstunden miterlebst. Aber ich sehe
bereits, dass du dich zur Abreise entschlossen hast.“
Siané betrachtete ihre zusammengefalteten Hände. Also hatte
die Herrin sie schon in dieser Burg leben gesehen. Vielleicht wäre
es ja sogar das Beste gewesen… „Ich möchte gerne wissen,
ob es klug wäre, diesen Ort schon zu verlassen.“
„Nun, du musst mit Sicherheit noch einiges lernen. Aber unter den
gegeben Umständen, kann ich deinen Wunsch auch verstehen. Du möchtest
diesen Ort verlassen und die Geschehnisse vergessen. Ich kann dir nur
ans Herz legen, dass du dich weiterhin mit deiner Gabe auseinandersetzt.
Natürlich wäre es am besten, wenn du dich in die Obhut der Schwestern
begeben würdest. Sie würden dich lehren, die Magie zu lenken
und anderen Wesen damit zu helfen.“ Cyria stand auf und ging zu
einem Regal hinüber. Zielstrebig Griff sie nach einigen Büchern,
die sie dann Siané reichte.
„Nimm diese mit. Studiere sie. Vielleicht helfen sie dir, etwas
mehr über uns und die Magie zu erfahren. Und tu mir den Gefallen
und besuche uns. Immerhin musst du trotz allem noch ein wenig unterrichtet
werden. Wir könnten das gröbste in einigen Wochen tun.“
Sie lächelte, als sie Siané wieder gegenüber saß.
Siané erwiderte das Lächeln. „Ihr wollt mich also gehen
lassen?“
„Natürlich! Ich sagte dir zwar, wir würden Novizinnen
solange hier behalten, bis sie sich selbst nicht mehr schaden können.
Die meisten wollen danach eh noch länger bleiben. Aber bei dir..
Nun, du hast schon so viel erlebt. Ich denke, du wirst vorsichtig mit
deiner Gabe sein.“ Wieder lächelte die alte Frau. Es war, wie
ein abschließendes Lächeln.
„Danke.. Ich werde diese Burg sicher nie vergessen.“ Siané
stand von dem Sessel auf und trat zur Tür.
„Ach, bevor ich es vergesse: Es gibt eine Sache, die ich dir beibringen
möchte. Es ist ein Zauber, den du sicher schnell beherrschen wirst.
Ein Zauber, mit dem du immer zu uns zurückfindest.“
Und so öffnete Siané die Tür in den Gang noch nicht.
Sie verweilte noch einige Zeit mit der Herrin der Hexen. Als sich die
Tür dann hinter ihr schloss und sie sich auf den Weg in den Hof machte,
spürte sie, dass sie hier ein zu Hause hätte haben können…
----------*°*----------
Als sie auf den Hof hinaustrat, hatte Siané einen dunkelblauen
Umhang um ihre Schultern gelegt. Cyria hatte ihr diesen mitgeben. In Höhe
der Brust war ein kleines Emblem gestickt. Ein Emblem, welches sie als
Mitglied der Burg auszeichnete. Auch, wenn sie noch nicht einmal eine
Novizin war.
Zwei Pferde standen in der Nähe des Tores, dass sie in die Stadt
führte. An ihre Sattel waren kleine Taschen geschnürt, in denen
sich die Habgüter, der beiden Aufbrechenden befanden. Doch was sich
um die Pferde herum befand, brachte Siané viel mehr zum Lächeln.
Alle waren gekommen.
Sie sah ihren Vater, der sich auf die Erde gehockt hatte und Sam mit
den neuesten Rezepten aus Teslon versorgte. Der kleine Hobbit bekam große
Augen, als er sich die ganzen Leckereien vorstellte.
Aragorn und Gandalf standen neben Merry und Pippin und schienen ihnen
eine Moralpredigt zu halten. Als sie näher heranging hörte sie,
dass die beiden Kleinen sich heimlich etwas aus dem Reiseproviant von
Legolas und ihr gemopst hatten.
Frodo stand etwas abseits neben Alés und Elí. Bildete sie
sich das ein, oder sprach der Hobbit mit der Hexe, während ihr Bruder
das Mädchen anschmachtete? Ach, hätte sie noch ein wenig Zeit
hier, sie würde Alés mit seinem ‚Was hast du mit mir
gemacht?’ – Blick aufziehen.
Sie schaute noch ein wenig herum und sah die vier Elben zusammen stehen.
Elladan klopfte Legolas gerade grinsend auf die Schulter. Irgendwie sah
es aus, als würden sie ihm gerade zu seinem ‚Fang’ gratulieren.
Aber es kam Siané falsch vor, so von den Elben zu denken.. Obwohl..
Die Zwillinge hatten es ja schon faustdick hinter den Ohren.
Als sie schon fast bei den Pferden angekommen war, entdeckte sie zwei
weitere Gestalten. Sie standen in der Nähe von einigen Bäumen.
Maeglin trug Bücher in den Händen, die sie wohl in der Bibliothek
bekommen hatte. Und Mat.. Ja, Mat stand neben ihr und sah so sauer aus,
wie immer. Die beiden stritten schon wieder. Innerlich seufzte Siané.
Wenn sie hier bleiben würde, hätte sie es sich bestimmt zur
Aufgabe gemacht, die beiden wieder zusammen zu bringen. Verflucht seien
die Konsequenzen ihres Zaubers. Die beiden Sturköpfe wieder zusammenzubekommen
war, als würde man versuchen, zwei Maulesel durch die stinkenden
Sümpfe Mordors zu ziehen: Absolut unmöglich und wahrscheinlich
eine Lebensaufgabe.
„Da bist du ja.“ Sie drehte sich strahlend zu Legolas um,
der neben ihr aufgetaucht war.
„Ja, und wir können gehen. Ich habe alles bei mir.“
Sie drückte ihm eine Tasche in die Hand, in der sich die Bücher
von Cyria befanden.
„Dann komm. Umso eher wir los reiten, desto früher sind wir
im Düsterwald.“ Er führte sie zu ihrem Pferd und wollte
ihr gerade aufhelfen, als ihr Vater auf die beiden zukam.
„Siané, du hast also gelernt auf diesen Viechern zu reiten?“
Er grinste sie an und sie wusste, dass er am liebsten die alte Geschichte
erneut erzählen wollte.
„Nein, aber irgendwann muss man das doch lernen.“ Sie grinste
zurück.
„Pass bloß gut auf sie auf. Sie ist meine einzige Tochter!
Ich werde dich persönlich von deinen Haarzotteln befreien, wenn du
sie verletzt.“ Siané hörte Elladan und Elrohir lachen,
als Legolas Gesicht einen leichten Hauch von Rosa annahm.
„Macht euch keine Sorgen. Es liegt mehr fern, sie in irgendeiner
Weise schlecht zu behandeln.“ Legolas bemühte sich, eine ausdruckslose
Mimik zu behalten. Es war wirklich eine Herausforderung. Man gebe ihm
doch einen Ork anstelle dieses Mannes. Mit denen wusste er wenigstens
umzugehen.
„Sina.. Ich werde doch sooooo vermissen.“ Maeglin drückte
sie fest an sich und Siané holte schwerfällig Luft.
„Ka-nn… ni-ch-t.. a-t-me-n..“ Maeglin ließ sie
kichernd los und rieb sich eine Träne aus den Augenwinkeln.
„Ich werde dich auch vermissen. Besuch uns bitte!“ Alés
nahm seine Schwester in den Arm und Maeglin nickte zustimmend auf Grund
seiner Worte.
„Natürlich besuche ich euch. Ihr bleibt also alle hier?“
Ihr Vater, ihr Bruder und Maeglin nickten alle. Keiner von ihnen sah einen
Grund, nach Teslon zurück zu kehren. Alles, was ihnen lieb und teuer
war, befand sich inzwischen hier.
Noch einmal nahm Siané ihren Bruder in den Arm. „Schreib
mir mal. Und dann will ich wissen, was das mit dir und Elí ist.“
Ihr Bruder errötete bei ihren geflüsterten Worten, nickte aber
nichtsdestotrotz.
„Du kommst uns mal im Auenland besuchen, ja?“ Siané
nickte fleißig, als die Hobbits auf sie zugestürmt kamen. Aus
den Augenwinkeln sah sie, wie Legolas sich von den anderen verabschiedete.
„Eine angenehme Reise wünsche ich dir.“
„Danke Gandalf.“ Sie umarmte den alten Zauberer kurz.
„Ich denke, wir werden euch mal besuchen kommen. Oder ihr beide
kommt mal wieder nach Bruchtal.“ Siané lächelte die
Zwillinge an und ließ sich von den beiden bei ihrer Umarmung fast
vom Boden anheben.
„Ihr seid uns in Lorien natürlich herzlich willkommen.“
Haldir legte seine Hand übers Herz und verbeugte sich vor den beiden.
Siané versuchte es ihm, noch etwas ungeschickt, gleichzutun. Bei
den Elben wirkte so etwas immer graziöser, als bei ihr. Sie schmunzelte.
„Was soll ich euch beiden noch sagen? Kommt mich und Arwen doch
einmal in Gondor besuchen. Ich wünsche euch viel Glück.“
Aragorn nahm Siané in den Arm und während er das tat, flüsterte
er ihr noch etwas ins Ohr. ‚Nimm dich in Acht. Sein Vater kann manchmal
sehr anstrengend sein.’ Er lachte, als er ihr erschrockenes Gesicht
sah.
„Du bleibst also nicht in der Burg?“ Mat stand vor ihr und
grinste sie an.
„Nein.. Wohl nicht..“
„Kann ich Maeglin nicht gegen dich eintauschen? Du bist viel umgänglicher,
als sie.“ Siané lachte, als Maeglin ihm unsanft gegen den
Arm schlug und Mat voller gespielter Schmerzen das Gesicht verzog.
„Ich glaube, ihr beiden werdet irgendwann noch sehr gut miteinander
auskommen.“ Sie umarmte Mat kurz und zwinkerte ihm zu.
„Mit dieser verrückten Schnalle?“
„Mat!!!!!“ Wieder fing er sich einige Schläge ein. Doch
Siané konnte gut sehen, dass sie ihn lieb gewonnen hatte. Auch,
wenn sie es nicht zugeben wollte. Sie konnte sich vielleicht nicht mehr
daran erinnern, mit ihm zusammen gewesen zu sein. Aber sie empfand trotzdem
noch etwas für ihn.
„Ihr wisst, ich will zu eurer Hochzeit eingeladen werden!!“
Siané lächelte, als sie die Stimme vernahm. Sie hatte den
Zwerg vorher gar nicht gesehen.
„Gimli, ohne dich wäre es doch nicht dasselbe.“ Er grinste
stolz zu ihr auf und umarmte sie, als sie sich zu ihm hinunter beugte.
„Wir wünschen dir alles Gute.“ Siané blickte
zur Burg. Cyria und Elí standen nebeneinander. Hinter ihnen noch
ein paar andere Schwestern der Burg.
„Danke!“
„Wollen wir?“ Siané nickte Legolas zu und ließ
sich von ihm auf das Pferd setzen. Elegant nahm er auf Arod Platz und
wollte ihn zum laufen bewegen, als Cyria noch einmal vortrat.
„Ich habe da noch etwas für euch.“ Sie winkte Elí
zu sich und zusammen formten sie ein großes, silbernes Tor. In der
Mitte glitzerte es und sie konnten das Bild eines Waldes erhaschen.
„Was ist das?“ Gimli starrte fassungslos das Gebilde an.
„Ein Wegetor. Tretet hindurch. Es wird euch sofort in den Düsterwald
bringen. Wir haben es so geschaffen, dass ihr noch eine Stunde bis zum
Palast brauchen werdet. Es ist sozusagen ein Geschenk dafür, dass
ihr uns von diesem Übel befreit habt.“ Sei winkte den beiden
zu, die noch ein wenig unschlüssig auf das Tor zutraten.
„Siehst du Aragorn.. War also nicht schlimm, dass wir etwas von
ihrem Reiseproviant genommen haben.“ Pippin grinste, als der König
offensichtlich die Augen verdrehte.
„Sina!“ Das rothaarige Mädchen drehte sich noch einmal
zu ihrem Vater um.
„Vergiss ja nicht, mich hier zu besuchen! Wir werden dich vermissen..“
„Ich hab dich lieb, Paps… Ich werde euch besuchen kommen.
Versprochen!“ Sie winkte noch einmal, bevor sie beide durch das
Tor traten.
Es dauerte nur einige Sekunden. Sie spürte nicht einmal, dass sich
etwas um sie herum veränderte. Keiner der beiden war sich der Magie
bewusst, aber sie war da. Hinter ihnen erlosch das Tor und vor ihnen breitete
sich das Elbenreich Düsterwalds aus. Die grünen Zweige der Bäume
und das fröhliche Gezwitscher der Vögel war eine wahre Wohltat
für die Seele des blonden Elben. Und was das Beste war: Er konnte
seine Heimat nun mit ihr teilen.
----------*°*----------
Als die beiden durch die Tore des Palastes ritten, staunte Siané
nur noch. Schon auf dem Weg hierher, war sie von dem Reich überwältigt.
Die Elben lebten in völligem Einklang mit den Bäumen. Anstatt
Platz für ihre Häuser zu schaffen, bauten sie um die Pflanzen
des Waldes herum.
Sie waren an kleinen Bauwerken am Boden vorbeigekommen, aber auch an
Wohnmöglichkeiten in den Bäumen. Und überall hatten Elben
die Ankunft des Prinzen gesehen. Sie hatten ihre Tätigkeit liegen
gelassen und hatten ihm zugewinkt. Siané kam sich gerade in diesen
Momentan völlig fehl am Platz vor.
Und nun standen sie hier. Vor dem Eingang des Palastes. Er schien groß
zu sein. Vor ihr türmte sich ein weißes Gebäude auf, welches
in der Sonne umso heller strahlte. Aus Erzählungen wusste Siané
aber, dass sich der Palast auch noch unter die Erde erstreckte.
Diener kamen auf Legolas zugelaufen und nahmen die Zügel von Arod
in die Hand, nachdem sie sich vor dem Prinzen verbeugt hatten. Siané
hatten sie noch gar nicht richtig wahrgenommen.
Erst als Legolas selbst zu ihr ging und ihr von Sternenstaub herunterhalf,
beäugten sie die anwesenden Elben. Sie fühlte sich gar nicht
mehr wohl in ihrer Haut. Unter diesen Wesen musste man sich ja unzulänglich
vorkommen.
„Beschwer dein Herz nicht mit Sorgen, Melamin.“ Sie blickte
in seine strahlenden Augen. Sie sollte sich keine Sorgen machen? Er hatte
ja Recht. Aber für sie war dieser Ort noch viel zu fremd. Außerdem
war sie noch kein bisschen auf das Treffen mit seinem Vater vorbereitet.
Am liebsten wäre sie wieder umgedreht und hätte sich als Novizin
in der Burg eingeschrieben. Aber dazu war es ja nun wirklich zu spät.
„Seid so gut und bringt die Taschen in meine Gemächer. Ich
werde meinen Vater aufsuchen!“ Einige der Elben verbeugten sich
wieder vor Legolas und begannen damit, das Gepäck von den Pferden
zu nehmen.
„Komm.. Sei nicht so nervös. Niemand wird dich hier auffressen.“
Er lächelte sie an und nahm ihre Hand. Sanft zog er sie Richtung
Palast und kurze Zeit später, gingen sie schon die breiten Gänge
im Inneren entlang.
Der Palast war weitaus größer, als sie es sich vorgestellt
hatte. Außerdem war er mindestens mit so vielen verwirrenden Gängen
gebaut, wie Elronds Haus in Bruchtal. Sie schenkte den Wandgemälden
und Gobelins, die wahrhaft edel aussahen, kaum Beachtung. Ihr Herz klopfte
dazu viel zu schnell. Sie spürte ihren Puls rasen und je weiter sie
gingen, desto schlimmer wurde es. Aragorn hatte gesagt, Legolas’
Vater konnte anstrengend sein. Was, wenn er sie nicht mochte? Oder schlimmer..
Was, wenn sie sich völlig daneben benahm und er sie seines Landes
verwies? Sie sah sich schon in Ketten über die Grenze gebracht werden,
weil sie roten Wein über die weißen Gewänder des Königs
geschüttet hatte. Bei dem Gedanken wurde sie gleich um viele Noten
blasser, auch wenn das kaum mehr möglich war.
„Melamin.. Du hast Angst..“ Sie sah zu ihm nach oben und
fühlte sich gleich wieder wohler. Wie dumm ihre Gedanken doch eben
gewesen waren. Solange Legolas bei ihr war, konnte doch gar nichts Schlimmes
passieren. Sie lächelte, als sie sein glückliches Antlitz betrachtete.
„Ja.. Ich.. Irgendwie bin ich nervös.“ Sie lachte krampfhaft
und drückte sich hilflos an den Körper des Elben.
Legolas schloss die Arme um sie und legte seine Wange einen kurzen Moment
auf ihrem Haarschopf ab. „Du musst keine Angst haben.“ Er
hob ihr Gesicht ein wenig an und lächelte wieder. Zärtlich verschloss
er ihren Mund mit seinem. Zaghaft erwiderte sie seinen Kuss. Auch, wenn
ihre Gedanken immer noch rasend schnell um ihr bevorstehendes Treffen
mit dem König kreisten, so beruhigte sich ihr Körper doch ein
wenig. Sie zitterte nicht mehr und ihr schneller Puls rührte nun
von diesem Kuss her.
Atemlos trennte sie sich von seinen Lippen. „Lass uns hineingehen,
ja?“
Er lachte. „Du willst es ja nur hinter dich bringen.“
„Weshalb durchschaust du mich nur so leicht?“ Sie lachte
nun auch. Zärtlich stupste er ihre Nase mit seiner an und blickte
ihr noch einmal in die Augen.
„Er muss dich einfach mögen.“
----------*°*----------
Legolas zog die große Tür auf und trat ein. Siané,
die gleich hinter ihm herging, betrachtete einen kurzen Moment den Thronsaal.
Er war riesig und nur mit den feinsten Stoffen geschmückt. Der Boden
schien aus Marmor zu sein und die Wände mit goldenen Ornamenten verziert.
Schnell fiel ihr Blick auf den Thron selbst. Erleichtert atmete sie aus.
Er trug dunkelgrüne, aber ungemein elegante Kleidung. Soviel zu ihrem
vorhergesehenen Missgeschick. Rotwein auf dieser Kleidung würde nicht
so sehr auffallen. Sie kicherte in sich hinein. Wieso dachte sie nun wieder
an so etwas?
„Legolas?“ Die Stimme des Elben war tiefer als die seines
Sohnes. Auch seine Züge wiesen ihn als älter aus. Doch an seinem
Aussehen konnte man Legolas’ Verwandtschaft zu ihm sehr wohl ausmachen.
Er hatte dieselben blonden Haare, die allerdings von einer Krone geziert
wurden.
Seine Augen schimmerten in einen warmen blau, doch seine Mimik war genauso
unleserlich, wie die seines Sohnes. Wenn nicht sogar schlimmer. Immerhin
hatte Legolas für sie viel mehr Gefühl in seine Gestik gelegt.
Sie mochte es nicht, wenn sie nicht ahnen konnte, was Menschen, bzw. Elben
dachten.
„Legolas.. Wieso habe ich nichts von deiner Ankunft gehört?
Wieso haben mir die Wachen nichts mitgeteilt?“ Der König war
aufgestanden und kam nun auf Legolas zu. Er nahm seinen Sohn einen kurzen
Moment in die Arme und erlaubte seinen Gesichtszügen, ein Lächeln
zu zeigen.
„Das ist wirklich eine lange Geschichte, Vater. Wir sind nicht
auf dem üblichen Weg hierher gekommen.“ Siané, die sich
immer noch ein wenig hinter ihrem Geliebten versteckte, wurde ganz mulmig.
Er redete von ‚wir’. Musste er es so offensichtlich machen,
dass er nicht allein war?
„Mein Sohn.. Willst du mir deine Begleitung nicht vorstellen?“
Siané schluckte schwer, als sie die hochgezogene Augenbraue seines
Vaters sah.
„Natürlich, Vater.. Natürlich. Das hier..“ Er zog
Siané sanft vor sich. Sie spürte, wie die Augen des Königs
über sie glitten und an ihren Ohren hängen blieben. Sie konnte
allerdings nicht feststellen, was er davon hielt, dass sich sein Sohn
keine Elbin mit in den Palast gebracht hatte. „..ist Siané
Dúvall, Tochter von Marado Dúvall aus Teslon und Tochter
von Elanor Dúvall, Herrin der Hexen aus Tirell.“ In Sianés
Hals bildete sich ein unangenehmer Kloß. Sie konnte kaum noch schlucken.
In Sekundenschnelle war ihr Mund trocken und ihre Hände begannen
wieder zu zittern. Wieso musste Legolas denn gleich alles erzählen?
Das hätte er seinem Vater auch schonender beibringen können.
Doch zu Sianés Überraschung entspannten sich die Züge
des Elben. Ja, er begann sogar zu lachen. ‚Wenn er das für
einen Scherz hält, will ich gar nicht wissen was er macht, wenn er
merkt, dass es die Wahrheit ist..’ Siané seufzte innerlich
laut auf.
Doch statt zu fragen, ob es ein Scherz sein sollte, klopfte er seinem
Sohn nur belustigt auf de Schulter. „Legolas.. Ich wusste, dass
du eines Tages mit einer Frau durch diese Tür trittst. Ich rechnete
auch damit, dass sie nicht eine der adligen Elbinnen Düsterwalds
sein wird. Aber damit..“ Er sah grinsend zu Siané hinüber.
„Damit habe ich beim besten Willen nicht gerechnet.“
Sianés Schulter entspannten sich wieder ein wenig, als der König
sich auf seinen Thron setzte. „Nun, Siané.. Ich darf dich
doch so nennen?“ Sie nickte schnell, vielleicht zu schnell. „Sei
mir willkommen. Ich denke, du wirst dich umziehen wollen?“ Er deutete
auf ihr leicht angestaubtes Reitgewand.
„Ja, eurer Hoheit. Das wäre, in der Tat, sehr angenehm.“
Er nickte ihr zu und winkte eine der Dienerinnen zu sich.
„Sie wird dich in seine Gemächer führen.“ Er schenkte
ihr ein Lächeln und Siané lächelte glücklich zurück.
„Vater, ich kann das auch tun. Ich--“
„Nein, ich möchte noch mit dir sprechen. Es ist viel geschehen,
seit du das letzte Mal hier warst.“ Legolas nickte mit finsterer
Miene. Siané wunderte sich noch einen Moment, doch dann wurde sie
auch schon aus dem Thronsaal herausgeführt.
----------*°*----------
Siané trat durch die Tür, die ihr zugewiesen wurde. Die junge
Elbin hatte den ganzen Weg nichts gesagt und sie verschwand genauso schweigend
wieder. Dem rothaarigen Mädchen war das egal. Sie stand in den Gemächern
von Legolas. Der Raum war groß und mit bequemen, beigefarbenen Möbeln
ausgestattet. An den Wänden standen Bücherregale und der Raum
konnte durch einen breiten, steinernen Kamin erwärmt werden.
Neugierig trat sie durch die Tür zu ihrer rechten Seite. Ein großes
Himmelbett, dessen seidene Vorhänge mit dicken, schimmernden Kordeln
an den Säulen festgebunden waren, stand an der Wand zu ihrer Linken.
An den Wänden standen verzierte Schränke und ein Arbeitstisch.
Außerdem hingen harmonische Bilder und ein großer Spiegel
an der Wand. Alles war in hellen Tönen gehalten und strahlte nur
Freundlichkeit aus.
Sie sah noch eine Tür, die sich an der gegenüberliegenden Wand
befand. Sie ging davon aus, dass sie ins Bad führte, prüfte
es aber nicht nach. Vielmehr waren ihre Augen auf die Taschen gefallen,
die auf Legolas’ Bett lagen.
Als sie aus dem Fenster sah, stellte sie fest, dass es schon Nachmittag
war. Die Zeit war schnell vergangen. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass
sie schon ein paar Stunden von Tirell fort war. Irgendwie begann sie schon
jetzt, ihre Freunde zu vermissen. ‚Aber ich hab doch Legolas..’
Sorgfältig packte sie die Bücher aus, die Cyria ihr mitgegeben
hatte. Sie blätterte ein wenig in ihnen herum. Eines von ihnen beinhaltete
die Geschichte der Burg. Wie sie gegründet wurde und wie sie seitdem
lebten. Ein anderes trug den Namen ‚Die Magie lenken’. Es
war ein Buch für Novizinnen, die gerade erst damit begonnen hatten,
ihre Gabe zu erforschen.
Sie legte auch dieses beiseite und schlug das Letzte auf. In silbernen
Buchstaben war ‚Fortgeschrittene Magie’ in die lederne Oberfläche
eingraviert. Schon beim reinschauen, fand sie den Zauber, den Cyria ihr
am Vormittag erklärt hatte. Es dauerte nicht lange, da war sie in
den Text vertieft. Die Stunden verstrichen und der Nachmittag wurde zum
Abend.
„Sina?“ Legolas wedelte nun mit der Hand vor ihrem Gesicht
herum. Wenn sie schon nicht auf seine Stimme reagiert hatte, so blickte
sie nun endlich zu ihm auf.
„Legolas..“ Er lächelte, als er ihren verwirrten Gesichtsausdruck
sah.
„Verzeih mir, dass ich so lange fort war.“ Er setzte sich
neben sie und strich ihr mit den Fingern über die Wange. Erst jetzt
bemerkte sie den dunkel werdenden Himmel.
„Ach.. Ich hab es gar nicht bemerkt.“ Sie lächelte ihn
an.
„Wolltest du dich nicht umziehen?“ Er deutete auf ihr staubiges
Reitgewand und sie errötete ein wenig.
„Ja, richtig.“ Sie lachte. „Ich habe es tatsächlich
vergessen.“
„Wir werden gleich zum Essen erwartet. Das ist natürlich nur,
wenn du möchtest.“ Siané dachte einen Moment darüber
nach.
„Habe ich denn eine Wahl?“
„Nun.. Entweder wir gehen in den Speisesaal und du musst dich den
Fragen meines Vaters stellen. Er ist durch mein Gespräch mit ihm
etwas neugierig geworden, was die Sache mit der Magie angeht. Oder ich
sage jemandem bescheid, dass wir müde von der Reise sind und wir
essen hier etwas.“ Er lächelte.
Siané wog einen Moment die Vor- und Nachteile ab. Entweder sie
ertrug die Blicke der Elben oder sie blieb mit Legolas hier. Sie grinste
ihn an.
„Ja, ich sehe schon. Ich sage jemandem bescheid.“ Er hauchte
ihr einen Kuss auf die Lippen und ging aus dem Schlafgemach hinaus. Sie
hörte ihn etwas in Sindarin sprechen, fragte sich aber nicht weiter,
was er genau sagte. Einen Augenblick später kam er wieder zu ihr.
„Sie werden uns etwas hierher bringen.“ Er zog Siané
das Buch aus den Händen und streifte mit seinen Fingern durch ihr
Haar. Langsam beugte er sich zu ihr hinunter und begann ihre Lippen sanft
zu liebkosen.
Willig erwiderte sie den Kuss. Sie schlang die Arme in seinen Nacken,
als er seine Hände auf ihrem Rücken ablegte und sie näher
zu sich zog. Ihre Zunge drang sanft in seine Mundhöhle ein und umkreiste
seine. Auf ihren Armen breitete sich eine angenehme Gänsehaut aus,
bis sie ein leises Klopfen an der Tür vernahm.
Missmutig stand Legolas auf. Siané blieb auf seinem Bett zurück.
Wieder hörte sie ihn in Sindarin sprechen. Als die Tür wieder
geschlossen wurde, betrat sie den anderen Raum. „Hunger?“
Sie lächelte, als sie das Essen auf dem Tisch sah. Sie nickte eifrig
und setzte sich auf einen der weichen Stühle.
Viel später, draußen glitzerten die Sterne am Nachthimmel,
saß Siané wieder auf Legolas’ Bett. Sie trug ein seidenes
Gewand, welches ihr nur bis knapp über die Knie reichte. Sie hatte
die weiche, warme Decke über ihre Beine gezogen und hielt ihr Buch
erneut in den Händen. Legolas und sie hatten zusammen gegessen und
sich unterhalten. Sie war etwas verunsichert, da er ihr nicht viel über
das Gespräch mit seinem Vater erzählte. Sie bohrte aber auch
nicht weiter nach.
Nach dem Essen war sie in das geräumige Bad verschwunden, in dem
Legolas sich nun befand. Das Buch auf ihren Knien hatte sie erneut in
den Bann gezogen. Sie mochte die Anweisungen, die darin standen. Was für
Möglichkeiten sie doch hatte, wenn sie all das beherrschte. Sie würde
ihre Freunde immer besuchen können. Egal wann..
Als die Tür des Badezimmers sich öffnete blickte sie nicht
auf. Erst, als sich die Matratze neben ihr ein wenig senkte und Legolas
ihr erneut das Buch wegnahm, blickte sie ihn an. Er legte das Buch auf
dem kleinen Tischchen ab und lächelte sie an. „Melamin.. Du
bist so still.“ Er strich über ihre Arme und ließ seine
Hand auf ihrer liegen.
„Ich muss mich erstmal an meine neue Umgebung gewöhnen, denke
ich.“ Er nickte, aber sie wusste, dass er ihr nicht glaubte. Sie
waren an dem Punkt angelangt, vor dem sich beide am meisten gefürchtet
hatten. Sie war fort von ihren Freunden und ihrer Familie. Sie hatte hier
niemanden außer ihm. Es war schön, mit ihm zusammen zu sein.
Aber sie hatte auch noch niemanden, mit dem sie reden und zusammen sein
konnte, wenn er nicht da war. So jemanden wie Maeglin.
Und er.. Er wusste inzwischen, was sein Vater dachte. Er vermochte nicht
zu sagen, wie er es ihr beibringen sollte. Geschweige denn, wie er die
Meinung seines Vaters ändern konnte. Aber das sollte jetzt noch nicht
zählen. Sie waren hier. Zusammen. Sie hatten es soweit gebracht..
Behutsam strich er ihr einige Haarsträhnen aus dem Gesicht und küsste
ihre Lippen. „Ist dir klar, dass uns niemand stören wird?“
Sie schmunzelte und schmiegte sich ohne eine Antwort an seinen Oberkörper.
„Wer weiß, wer uns hier alles stören könnte.“
Sie dachte an eifersüchtige Elbinnen, wie in Bruchtal und grinste
ein wenig.
„Nein, ich habe allen gesagt, dass wir unsere Ruhe wollen. Es wird
niemand hierher kommen.“ Er schob sie ein wenig von sich fort und
drückte sie sanft in die Kissen des Bettes.
„Du bist müde, nicht wahr?“ Sie nickte leicht. Sie wusste
nicht warum, aber sie war tatsächlich müde. Ob es von den Tagen
kam, die sie zuvor durchlebt hatte? Vielleicht..
„Legolas?“
Er legte sich neben sie und zog sie an sich. „Hmm?“
„Ich.. Ich habe dir das noch nie gesagt.. Aber..“ Sie blickte
zu ihm auf und begann ihn zärtlich zu küssen. Er erwiderte ihren
Kuss, bis sie sich wieder von ihm trennte. „Ich liebe dich.“
Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Er umfasste ihre Hand mit
seiner und beugte sich über sie. „Ich liebe dich auch..“
Ihre Lippen trafen sich erneut. Langsam fuhr er mit der anderen Hand über
ihren Hals. Er streifte ihr Seidenhemd langsam von ihren Schultern und
fuhr mit seinen Fingern weiter über ihre Haut. Seine Lippen verließen
dabei nicht einmal die ihren.
Als er sich wieder von ihr löste, war ihr Gesicht leicht gerötet
und ihr Atem war nicht mehr so ruhig, wie er noch wenige Minuten zuvor
gewesen war. Er legte sich wieder neben sie und zog sie mir sich. Ihr
Kopf ruhte auf seiner Schulter, während sie ihren Arm über seinen
Bauch geschlungen hatte. Er hielt sie fest und streichelte ihre Schulter.
Er spürte, wie ihr Atem immer ruhiger wurde und sie langsam in das
Reich der Träume hinüberschwebte.
----------*°*----------
Der Mond war in seiner Bahn am Himmel schon weit gewandert, doch Legolas
hatte noch keine Minute Schlaf bekommen. Die Worte seines Vaters hallten
in seinem Kopf wieder. Er akzeptierte Siané als eine Geliebte seines
Sohnes. Aber niemals würde er es zulassen, dass er sie zur Frau nahm.
Ein ehemaliges Dienstmädchen war als zukünftige Königin
Düsterwalds unvorstellbar.
Legolas seufzte leise. Das Mädchen in seinen Armen bewegte sich
ein wenig. Lächelnd beobachtete er ihren Schlaf.
‘As the moon in the distant sky still looks like it was sleeping,
like even the night and someone's distantly flowing song are still too
much to bear,
even though I know tomorrow will come, I still can't sleep.’
Sie schlief so friedlich. Und doch wusste er, dass sie nicht das verkörperte,
was sein Vater als seine zukünftige Schwiegertochter im Sinn hatte.
Er konnte einfach nicht schlafen. Wie konnte er ihn überzeugen? Immerhin
war sie alles, was er selbst wollte.
‚It's not because the night was lonely; it's because I still want
to watch your sleeping face.’
So, wie sie dort vor ihm lag. Wie der Mond auf ihrer blassen Haut schimmerte.
Es war alles, was er brauchte. Ihr Anblick allein machte ihn glücklich.
‘If it's a short kiss, it's better if it's too short.
Our pleasant breaths nearly touch each other; come here, a little closer...’
Ihr Atem war nur ein sanfter Hauch auf seiner Haut. Aber er wusste, dass
er nur diesen Hauch spüren musste, um das alles für sie aufzugeben,
was er hier im Düsterwald besaß.
‘I sing to your dreams... without speaking to anyone else.
Without feeling any shame, tell me softly...
If, in the middle of a frightening dream,
you were lost and crying,
let me dry your tears with a kiss, and
no matter where you are, I'll come to meet you.’
Sie hatte in dieser kurzen Zeit sein Leben so sehr verändert. ‚Du
kannst nicht deinen Thron mit einem Dienstmädchen an deiner Seite
besteigen. Selbst, wenn sie noch so hübsch ist.’ Das hatte
er gesagt. Und genau in diesem Moment wusste er, dass er den Thron entweder
mit ihr oder gar nicht besteigen würde.
Siané regte sich ein wenig. Ihre Augen waren fest verschlossen,
so als hätte sie einen Albtraum. Sanft strich er über ihre Wangen
und berührte ihre Augenlider mit seinen Lippen. „Melamin..
Ich bin hier..“ Seine sanfte Stimme drang bis in ihre Träume
vor und ihre Gesichtszüge entspannten sich wieder. Er lächelte.
‘From the first moment I heard your voice, I fell in love... even
now,
both the strength of your spirit and your sulking face, what I hated
and what
brought happiness -- I love all of it.
I sing to your dreams without speaking to anyone else.
Without feeling any shame, tell me softly...
If you dream of a near future
where the two of us are bound together,
that's surely not a dream,
since I'm already standing by your side.’
Ob sie es verstehen würde? Ob sie es zulassen würde? Und vor
allem: Ob sie woanders zusammen leben konnten? Wer vermochte diese Dinge
in einer Nacht wie dieser schon zu sagen? Er konnte nur abwarten..
Even when the night comes, since I'm right here with you, let's wait
for the next
dawn together again.
Weiterhin betrachtete er ihren Schlaf. Er hoffte, dass die kommenden
Tage nur Gutes bringen würden. Doch irgendwo in seinem Inneren spürte
er, dass er sie nicht mehr lange so in seinen Armen halten würde..
Traurig vergrub er sein Gesicht in der Beuge zwischen ihrem Hals und ihrer
Schulter. Langsam atmete er ihren Duft ein und ließ den Schlaf zu,
der ihn schon länger übermannen wollte