„Ratten? Was meint ihr beiden denn bitte damit?“ Tari
war bei der Schilderung von Siané und Maeglin über den
Zustand der Vorratskammer weiß angelaufen. An der rechten
Seite ihrer Stirn pochte gefährlich ein kleine Ader und man
konnte nicht feststellen, ob sie den beiden glauben schenken oder
sie lieber zum Teufel jagen wollte.
“Na, das heißt, dass wir Ratten in der Vorratskammer
haben. Zumindest, wenn man den Geräuschen dort unten glauben
kann!“ Maeglin stützte sich mit einer Hand an der Arbeitsfläche
in der Kammer ab und blickte ihrer Herrin provozierend ins Gesicht.
Dabei war doch schon jetzt abzusehen, dass sie wiedereinmal den
Kürzeren ziehen würde.
„Erzählt nicht so einen Quatsch, Kinder!“ Während
Maeglin bei Taris letztem Wort eine Augenbraue in die Höhe
schoss und Siané eher lila als rot vor Wut wurde, sprach
die Küchenchefin einfach weiter. „Wir haben erst Anfang
des Jahres die Keller nach den kleinen Viechern durchsehen lassen.
Unser Schloss ist sauber, da gibt es keine Ratten. Also, macht euch
an die Arbeit und denkt euch keine Märchen aus. Du Maeglin,
ab in die Küche. Und Siané, du gehst auf den Markt.
Ich brauch noch einiges fürs Abendessen. Immerhin haben wir
sehr anspruchsvolle Gäste.“
Während Tari nach ihrer Einkaufsliste kramte, flüsterte
Maeglin Siané ein ‚Sie meint wohl eher kleine, verfressene
Gäste’ zu und verschwand mit ein paar anderen Mädchen
in der großen Küche, in der schon zwei Kessel brodelten.
„So Kind, das besorgst du mir bitte vom Markt!“ Tari
wollte gerade gehen, als sie Sianés schockiertes Gesicht
sah. „Stimmt was nicht?“ Doch das Mädchen schüttelte
den Kopf. Was sollte schon sein? Sie musste ja nur alleine Einkäufe
besorgen, für den sie eigentlich einen Packesel brauchte.
„Kann ich vielleicht..?“ Wiedereinmal durfte sie nicht
aussprechen. Tari kannte ihre Angestellten in und auswendig. „Nein,
du nimmst keines der Ponys zum Tragen mit. Mit ein paar Taschen
wirst du das schon schaffen!“ So stand Siané also wie
bestellt und nicht abgeholt auf dem Flur. Vor ihr lagen ein riesiger
Korb und zwei Tragetaschen. ‚Was für ein Tag’ schoss
ihr gerade noch durch den Kopf, als sie sich den Korb auf den Rücken
band und in Richtung Ausgang verschwand.
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Hüpfend versuchte Pippin einen Blick über die Stadtmauer
zu erhaschen. Die vier Hobbits hatten sich zusammen mit Gimli und
Legolas dort oben hingestellt und warteten auf Aragorn, der sich
immer noch mit den Wachen unterhielt. Sein Gesicht war bei dieser
Konversation angespannt und umso länger sie dauerte, desto
schlimmer wurde es. Anscheinend hatten die Wachposten keine guten
Nachrichten auf Lager und würden nicht zur Entwarnung beitragen
können.
Pippin und Merry seufzten fast gleichzeitig. Da waren sie schon
mal hier, um zu feiern. Mit all den Gefährten, die sie schon
lange nicht mehr gesehen hatten, und nun konnten sie dies nicht
mal genießen.
„Warum dauert das denn so lange?“ Pippin hielt sich
verkrampft am Rande der Mauer fest und ließ seinen Blick über
das Land schweifen. Er hatte sich auf dem Weg hierher gar nicht
darum gekümmert. Aber nun sah er, wie sich vor ihm weites grün
ausbreitete. Am Horizont sah man noch die Ausläufer eines Gebirges.
Außerdem sah er den Rand des Waldes, der sich hinter der grünen
Ebene ausbreitete. Wunderschön würde der Auenländer
dies finden, wenn er nicht die Orks im Hinterkopf hätte. Immerhin
schienen diese Wälder gefährlicher zu sein, als sie aussahen.
„Wahrscheinlich ist die Situation schlimmer, als Herr Aragorn
es befürchtet hat. Oder die Wachen haben mehr zu sagen, als
der Fürst es wusste.“ Sam ließ seinen Blick in
die Stadt schweifen. Die Straße hinauf ging es auf den Marktplatz,
auf dem reges treiben herrschte. Auch Legolas hatte schon lange
seine Augen in diese Richtung gewand und sagte seitdem nichts mehr.
Doch war sein Augenmerk nicht auf den Marktplatz gerichtet, sondern
auf den weiten Horizont, an dessen Ende der Stadt für Sam nur
der Hafen zu sehen war. Doch der Elb konnte mit Sicherheit weit
auf das Meer hinausblicken. Auf etwas, wonach sich alle Elben irgendwann
sehnten. Und hier, in der Hafenstadt Teslon, war er dem Meer näher,
als sonst in seinem Leben.
„So schlimm wird es nicht sein. Das würde man ihm ansehen!“
Die vier Hobbits und Gimli drehten sich zu Legolas um. Sie hatten
angenommen er sei mit seinen Gedanken woanders, aber anscheinend
hatte er ihnen zugehört.
„Ach, und du siehst den Unterschied? So ein angespanntes
Gesicht hatte er auch, als wir auf dem Weg zum schwarzen Tor waren!“
Gimli stampfte selbstbewusst mit dem Fuß auf, was ihm aber
nur ein müdes Lächeln seines Gegenübers einbrachte.
„Seine Augen, Gimli. Sie sind nicht so wie damals. Auch jetzt
sind sie besorgt, das mag sein. Aber nun schimmert mehr Hoffnung
darin, als wir sie vor 2 Jahren gehabt haben. Außerdem kommt
er gerade zu uns.“ Das stimmte. Als Pippin sich von der Mauer
schwang, sah er Aragorn auf sie zukommen. Er lächelte ihnen
entgegen.
„Gut, dass ihr gewartet habt. Es sieht doch etwas ernster
aus, als wir erwartet haben.“ Er legte eine Pause ein und
sah seine Freunde an. Die Hobbits fürchteten sich, man konnte
es in ihren Gesichtern lesen. Sei es Furcht um sich selbst oder
um ihr Fest. Aber die Furcht war da. Gimli und Legolas dagegen schienen
es mit Fassung zu tragen. Sie ließen sich kaum eine Regung
anmerken.
„Fürst Areneon ist vorhin selbst mit ein paar Männern
seiner Truppe geritten, um sich der Gefahr bewusst zu werden. Anscheinend
nimmt er die Lage doch ernster, als wir zuerst angenommen haben.“
Gimli zog bewundernd eine Augenbraue hoch. Entweder der Fürst
hatte Gandalfs Worte sehr ernst genommen, oder er sie hatten ihn
falsch eingeschätzt. Trotzdem ließ er Aragorn weitersprechen.
„Außerdem sind zwei aus meiner Garde mitgeritten. Spurensucher.
Ich hoffe, dass sie etwas finden werden. Etwas, aus dem wir schließen
können, dass wir nicht in Gefahr sind oder wenigstens etwas,
um gegen sie schnell genug vorzugehen. Warten wir ab, was für
eine Situation herrscht, wenn die Gruppe zurück ist. Mehr als
abwarten können wir im Moment nicht.“ Die anderen nickten
ihm zu, machten aber keine Anstalten zu gehen.
„Mit so ein paar Orks werde ich doch alleine fertig!“
Gimlis raue Stimme durchbrach die Stille und ließ Legolas
mit den Augen rollen.
„In Helms Klamm hast du aber oft Hilfe benötigt!“
Grinsend blickte der blonde Elb nach unten und fing sich einen drohenden
Blick des Zwerges ein, der sich aber plötzlich in ein gehässiges
Lächeln verwandelte.
„Wer hat denn den Elben in Helms Klamm um einen Uruk geschlagen?“
Mit einem triumphierenden Lachen kletterte er die Leiter hinunter,
ließ einen kopfschüttelnden Legolas zurück und wartete
auf die anderen.
„Wenn ihr mich fragt, sollten wir uns nach unserem Mittagessen
umsehen. Das zweite Frühstück ist etwas mager ausgefallen!“
Pippin blickte die drei anderen Hobbits an, von denen zwei ihm zustimmten
und mit ihm die Mauer hinab stiegen.
„Bist du sicher, dass wir nicht mehr tun können, als
abwarten?“ Frodo blickte ängstlich zu Aragorn hinauf.
Er hatte in den Nächten, nachdem er aus Mordor zurückgekehrt
war, häufig Alpträume gehabt. Und Orks bereiteten ihm
in kleiner Zahl schon große Angst. Auch, wenn er diese in
viel riesigeren Armeen überlebt hatte. Aragorn allerdings beugte
sich zu ihm hinab und legte aufmunternd seine Hand auf seine Schulter.
„Keine Angst! Wir haben schlimmeres zusammen durchgestanden.
Und dieses Mal bist du nicht so allein, wie damals mit Sam in Mordor!“
Frodo nickte und zwang sich sogar zu einem Lächeln.
„Wollen wir nicht ein bisschen die Stadt anschauen? Auf dem
Markt scheint eine Menge los zu sein. Und die anderen drei sind
doch schon auf zur Küche Taris!“ Legolas und Aragorn
stimmten sofort zu und auch Gimli konnten sie nach kurzem Mosern
überzeugen. Hätte er doch lieber auf seinem Sofa in seinem
Gemach gesessen und sich ein wenig Pfeifenkraut gegönnt. Aber
was tat man nicht alles für seine Freunde?
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‚Verdammt, ich bin doch nur ein Mädchen!’ Der
Korb, den Siané sich auf den Rücken geschnallt hatte,
war inzwischen mehr als voll beladen. Als wenn das allein nicht
schon schlimm genug wäre, nein, ganz unten in dem Ding mussten
sich Unmengen von Kartoffeln befinden. Eine allein war ja nicht
schwer, kamen aber mehrere zusammen, war es eine Qual. Außerdem
hatte sie noch andere Sachen zu kaufen. Normalerweise wurden mehrere
Mädchen zum Einkaufen von frischem Gemüse für das
Abendessen weggeschickt. Aber seitdem Siané immer mal wieder
unangenehm bei dem Prinzen aufgefallen war, hatte Tari es förmlich
auf sie abgesehen. Als ob sie das alles mit Absicht tun würde..
„Guten Tag, Siané! Heute ganz alleine unterwegs? Armes
Ding, kannst du das alles tragen?“ Die alte Frau, die in einer
der Ecken des Marktes ihren Stand betrieb, blickte sie mitleidig
an.
„Ja Dori, ich werde es schon schaffen, danke. Gibst du mir
das Übliche mit?“ Die alte Frau nickte und stopfte die
zwei anderen Taschen voll mit verschiedenen Sorten Gemüse.
„Warst du schon bei deinem Vater? Sein Stand geht gut wie
immer, aber er hat bestimmt einen Moment Zeit für dich!“
Siané blickte sich bei Erwähnung ihres Vaters um und
erblickte fast in der Mitte des Marktes seinen Stand. Eigentlich
hatte sie dort immer arbeiten sollen, aber im Palast wurde man einfach
besser bezahlt, so dass er jemanden angestellt hatte und sie mehr
Geld verdienten.
„Nein, ich war noch nicht da. Aber ich hab auch leider kaum
Zeit. Tari wartet auf mich.“ Sie gab der alten Dori ein paar
Münzen in die Hand.
„Na, da wird der gute Marado aber traurig sein. Wink ihm
wenigstens mal zu.“ Siané gab der Aufforderung nach
und machte sich auf den Weg zu ihm.
Seit sie denken konnte, kümmerte sich die Verkäuferin,
die eine Freundin von Sianés Vater war, um sie. Als sie noch
klein war, ersetzte sie ihr die Mutter und wenn es Streit gab, versuchte
sie zu schlichten. Auch sonst hat sie immer versucht sich um die
beiden zu kümmern. Aber nachdem Siané ins Schloss zog,
um dort zu arbeiten, probierte sie mit aller Kraft Marado zu überzeugen,
dass es die richtige Entscheidung war, seine Tochter gehen zu lassen.
Er hatte es nie glauben wollen...
Siané hatte sich überlegt, noch nicht zu ihrem Vater
zu gehen. Stattdessen setzte sie sich auf den Brunnen, der in der
Mitte des Marktes seinen Platz gefunden hatte. Jedermann konnte
auf diesen Brunnen schauen, außerdem war es nicht nur die
Mitte des Platzes, sondern die Mitte der Stadt. Zumindest besagten
das einige Bücher, die Siané einmal gelesen hatte.
Sie hatte ihre beiden Taschen abgestellt und den Korb vom Rücken
genommen, als sie zu ihrem Vater hinüberschaute. Er war gerade
ziemlich beschäftigt.
Sein Stand war der einzige auf dem Markt, der einen so wundervollen
Duft versprühte. Seine Teigwaren, die unglaublich süß
schmeckten, waren bekannt und sogar im Palast beliebt.
Unwillkürlich musste sie an die Hobbits denken, wie sie diese
Dinger haufenweise in sich hineinstopften und musste schmunzeln.
Wahrscheinlich würde ihr Vater sich sehr geehrt fühlen.
Gerade meckerte er wieder mit seiner Gehilfin. Seinem Gesichtsausdruck
nach, hatte sie etwas anbrennen lassen. Diesen Blick kannte sie
nur zu gut. Die großen Augen, der erhobene Finger und die
Haare, die sich scheinbar mit aufstellten. Außerdem fügte
er immer seinen berühmten Satz hinzu, den viele auf diesem
Markt schon auswendig konnten. ‚Willst du unseren Kunden etwas
angebranntes verkaufen? Du ruinierst mich!’ Natürlich
war er dadurch nicht ruiniert, aber wenn man etwas theatralisch
darstellen konnte, tat er es auch.
„Müssen wir heute etwa nicht arbeiten?“ Siané
schreckte hoch, als sie eine Stimme hinter sich hörte. Eine
Stimme, die ihr nur allzu bekannt war. Sie wagte es kaum sich umzudrehen,
oder etwas zu erwidern. Gerade, als sie sich doch zu einer Antwort
durchgerungen hatte, kam noch eine andere Stimme hinzu, die sie
aber eigentlich eher kannte, wenn die dazugehörige Person lachte.
„Legolas, warum bist du auf einmal gegangen? ... Oh, wenn
das nicht unsere Miss ‚ich schlag den Prinzen KO’ ist.“
Und da war es wieder. Das raue Lachen des Zwerges, dass ihr noch
einmal den peinlichen Auftritt von heute morgen verinnerlichte.
„Ich.. Ich habe das doch nicht mit Absicht getan!“
Sie sah immer noch nicht auf. Konnte sie sich doch vorstellen, wie
die beiden grinsten.
„Das hat ja auch niemand behauptet.“ Nun stand sie
doch auf und drehte sich um. Vor ihr stand Aragorn und daneben der
Ringträger Frodo. Hektisch knickste sie vor ersterem und wollte
sich gerade ihre Taschen nehmen, als sie eine Hand daran hinderte.
„Sind das alles deine Taschen? Sag nicht, die willst du allein
tragen?“ Sie blickte zu dem Hobbit hinunter und lächelte.
„Doch, Herr Frodo. Meine Herrin hat mir aufgetragen diese
Dinge für das Abendessen zu besorgen. Bis zum Schloss ist es
ja nicht allzu weit. Das schlimmste sind die Massen Kartoffeln im
Korb.“ Sie deutete mit einer gerunzelten Stirn auf das große
geflochtene Ding, das schon Beulen an den Seiten hatte. Anscheinend
war mehr darin, als der Korb ertragen konnte.
„Sieht aber doch ein wenig schwer aus!“ Siané
winkte ab, als sie den Einwurf von Legolas vernahm. Dieses Mal konnte
sie ihm zeigen, dass sie keine Hilfe brauchte und in ihrer Nähe
nicht nur Missgeschicke passierten. Doch wie aus einem schönen
Traum zu erwachen, hörte sie plötzlich ihren Namen, der
aus ein paar Metern Entfernung gerufen wurde.
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„Siané? Siané!! Mein Kind, mit was für
Leuten treibst du dich denn herum?“ Die Gesellschaft, in der
sie sich befand, reagierte sofort auf das Wort ‚herumtreiben’
und drehte sich nach dem Herkunftsort um. Ein Mann, ungefähr
40, kam auf sie zugelaufen. Sein Haar war trotz seines Alters noch
ganz schwarz und war mit einem kleinen weißen Tuch bedeckt.
Außerdem trug er eine Schürze, auf der ein paar Teigflecken
zu sehen waren.
„Hab ich dich nicht gut genug erzogen, dass du dich mit solchem
Gesindel herumtreibst?“ Sianés Gesicht wurde blass.
Sie sah sich um. Irgendwo musste es doch ein Loch geben, in dem
sie sich verkriechen konnte. Aber anscheinend blieb ihr nichts anderes
übrig, als zu bleiben.
„Gesindel, ähm, wen meinst du denn bloß? Hehe..“
Sie blickte sich zu den anderen um, deren Gesichter von erschrocken
zu schockiert wechselten. Ihr eigenes Gesicht war immer noch so
weiß, wie die Steine im Palasthof. Doch ein leichter Rotschimmer
bildete sich knapp unterhalb ihrer Wangenknochen, der durch den
hervortretenden Angstschweiß hervorgerufen wurde.
„Kind, stell dich nicht dumm. Was sind denn das für
Leute? Ich habe dir immer gesagt..“ Doch er stockte kurz,
als er ihren Gesichtsausdruck sah. Außerdem schien es ihm,
als würde sie mit den Zähnen knirschen.
„Paps, benimm dich doch einmal. Das sind Gäste des Palastes!“
Schnell wollte sie ihre Taschen nehmen, als Legolas ihr den Korb
abnahm.
„Ich trag die für dich. Wir gehen eh zurück zum
Schloss!“ Er lächelte sie an, was er aber vielleicht
nicht hätte tun sollen.
„Und sie junger Mann sind bitte wer?“ Marado drehte
sich zu Siané um und blickte sie beschwichtigend an. „Kind,
was soll aus dir werden? Solche Zottelköpfe taugen doch nichts.
Du hast noch Zeit genug, dir einen vernünftigen...“
„PAPS!“ Ihre Stimme schallte auf dem ganzen Markt wieder.
„Musst du mich so in Verlegenheit bringen? Weißt du,
wer hier vor dir steht?“ Ihr Gesicht hatte inzwischen mehr
Farbe, als es nötig gehabt hätte. Da glaubte sie doch
wirklich in der Nähe ihres Vaters kam es zu keinen Peinlichkeiten.
Wie konnte sie nur so naiv sein?
„Wer sollte denn vor mir stehen? Ich wusste nicht, dass Fürst
Areneon inzwischen schon irgendwelche Dorflinge im Palast als Gäste
aufnimmt.“
Siané wäre fast der Kragen geplatzt, aber dann betrachtete
sie Aragorn und Gimli noch mal genauer. Die beiden trugen sehr abgewetzte
Kleidung. Der Zwerg hatte sich sogar einen Brustharnisch übergezogen,
der nicht mehr der neueste zu sein schien. Vielleicht war er noch
aus dem Ringkrieg? Aragorn selbst wollte wohl nicht auffallen und
hatte sich gekleidet, wie er es damals als Waldläufer getan
hatte. Aber Legolas sah doch wirklich gut aus. ‚Ah, die Haare..
Stimmt, mein Vater hat etwas gegen so was. Wie sagte er damals noch
zu dem Jungen in der Nachbarschaft, der seine Haare bis über
die Schultern trug? ... Stimmt, eine Frisur wie ein Putzlappen hatte
er gesagt. Aber sieht er denn nicht, dass dies ein Elb ist?’
„Paps, das sind..“
„Nein, schon gut. Ich werde das regeln. Werter Herr, wie
war ihr Name noch gleich?“ Aragorn war auf ihn zugetreten
und richtete sich in voller Größe auf. Er überragte
ihren Vater um einen Kopf.
„Ich heiße Marado und ich bin der Vater von Siané!“
Er kreuzte sie Arme vor seiner Brust, ein Zeichen, dass er sich
nichts sagen lassen wollte.
„Ja, man erkennt die Verwandtschaft.“ Gimli fing sich
für seinen Kommentar einen giftigen Blick von Seiten Sianés
und ein von ihr gezischtes ‚was soll das denn bitte heißen?’
ein.
„Mein Name ist Aragorn, Arathorns Sohn. Ich bin der König
von Gondor, wie sich sicher schon in eurer Stadt herumgesprochen
hat. Meine Gefährten, Prinz Legolas, Thranduils Sohn aus dem
Düsterwald, Gimli, Gloinssohn vom einsamen Berg und Frodo aus
dem Auenland. Ihre Tochter befindet sich ganz sicher nicht in schlechter
Gesellschaft.“ Er lächelte leicht und Siané hätte
am liebsten angefangen zu lachen, da ihrem Vater anscheinend die
Augen aus dem Kopf fielen. Und doch kannte sie ihn und seine Kommentare,
die grundsätzlich zu den ungünstigsten Momenten kamen.
„Aha.“ Er drehte sich um und ging. Siané verstand
die Welt nicht mehr. Sie hatte ihren Vater noch nicht sprachlos
erlebt. Doch ein Blick zum Himmel ließ sie hochfahren.
„Oh je, ich muss los. Müsste schon längst wieder
im Schloss sein und bei Tari die Einkäufe abgeben haben.“
Schnell schnappte sie sich ihre beiden Taschen und suchte verzweifelt
den Boden nach dem großen Korb ab. Er war verschwunden. ‚Oh
nein, man hat mich bestohlen.. Was mach ich denn nun? Die Sachen
muss ich aus eigener Tasche bezahlen!’ Ihr war zum Heulen
zumute, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte, die wieder
ein leichtes Kribbeln durch ihren Körper schweben ließ.
Als sie sich umdrehte sah sie den Korb, den Legolas um eine Schulter
gehängt hatte.
„Wollen wir gehen? Die anderen sind schon fast in der Menge
verschwunden.“ Sie folgte seinem Blick und sah Aragorn und
Frodo fast am Ende des Marktes. Gimli aber stand immer noch neben
den beiden.
„Also, ich muss dir etwas sagen. Ich sehe nun endlich, woher
diese Missgeschicke kommen. Sie wurden dir in die Wiege gelegt.
Und wenn mich meine Menschenkenntnis nicht täuscht, hast du
eine genauso lose Zunge wie dein Vater.“ Gimli brach in schallendes
Gelächter aus und Siané verspürte den plötzlichen
Drang ihm gegen das Schienbein zu treten.
„Dich täuscht deine Menschenkenntnis nicht, sie hat
eine lose Zunge. Ich durfte schon zweimal damit Bekanntschaft machen.“
Siané zuckte unter den lachenden Worten des Elben zusammen
und sie erinnerte sich lebhaft an den Tag, an dem sie ihn zweimal
als ‚dämlichen Elben’ beizeichnet hatte.
Gerade, als sie sich mit den beiden und ihren Taschen auf den Weg
machen wollte, rief ihr Vater noch einmal nach ihr. Legolas blieb
neben ihr stehen und blickte sich auch nach ihm um. Gimli dagegen
war schon etwas vorgelaufen, stoppte nun aber auch.
„Was ist denn noch, Paps?“ Er kam von seinem Stand
ein Stück weg, faltete seine Hände um den Mund und rief
ihr entgegen.
„LASS DICH JA NICHT MIT DEM ZOTTELKOPF NEBEN DIR EIN!!“
Damit verschwand er wieder zu seinen Waren und ließ eine purpurrote
Siané, einen blassen Legolas und einen grölenden Gimli
zurück. Schon zum zweiten mal an diesem Tag, wollte sie im
Boden versinken. Aber auch diesmal war es ihr nicht vergönnt.
‚Wie peinlich’ war das einzige, was sie noch dachte,
als sie eine Berührung an ihrer Hand spürte und sich von
Legolas Richtung Schloss ziehen ließ.