Disclaimer: Keine von den Figuren in meiner Geschichte,
die euch bekannt vorkommen, gehören mir, sondern sind aus Meister
Tokiens genialem Verstand entsprungen. Außerdem verdien ich
keinen Cent an der Geschichte. (Würde mich auch arg wundern.)
Warnung: Ich bin noch eine absolute Anfängerin,
wenn es um Fanfics im Bereich Herr der Ringe geht. Also habt ein
bissel Mitleid und verbessert mich ruhig. Hoffe auf viele reviews.
Sonstige Anmerkungen: Bin mit Keksen und Früchtetee
bewaffnet und richtig in Stimmung was toll Romantisches zu schreiben.
°g°
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Herz zu erobern
Kapitel 29
Konsequenzen
War das ein Traum? Konnte das die Realität sein? Oder spielte ihre
Fantasie ihr einen so grausamen Streich? Vielleicht hatte sie ja durch
den Schock, ihren Verstand verloren. Oder sie hatte sich, als sie an den
Pfahl gebunden worden war, den Kopf angestoßen und bildete sich
das alles ein.
Es konnte doch gar nicht sein, dass Legolas vor ihr stand.. Siané
dachte an das Blut zurück, dass seinen Oberkörper und ihre Hände
benetzt hatte. An den Moment, in dem er seine Augen schloss. Noch immer
spürte sie den Schmerz des Verlustes in ihrer Brust. Den Schmerz,
den sie empfand, als seine Seele sich von ihrer trennte. Doch da war auch
noch etwas anderes. Etwas, dass sie schon seit Gilberts Tod fühlte,
aber nicht wahrgenommen hatte. Die unerträgliche Leere war verschwunden.
Noch immer kniete Siané auf dem Scheiterhaufen. Sie nahm kaum wahr,
dass die Mädchen bei ihr befreit wurden. Erst, als Legolas vor ihr
stand und sich hinkniete, blickte sie ihn mit Tränen in den Augen
an. Sie wollte etwas sagen, doch die Stimme versagte ihr. In dem Moment,
in dem sie die Lippen öffnete, drang nur ein leises Schluchzen daraus
hervor. Aufmunternd lächelte er und strich ihr mit dem Daumen die
Tränen von den blassen Wangen.
„Komm.. Wir müssen fort von hier.“ Er umfasste ihre Hände
und zog sie nach oben. Doch kaum das ihre Beine sie tragen sollten, knickten
sie auch schon wieder ein. Krampfhaft klammerte sie sich an seinen Umhang
und vergrub ihr Gesicht an seinem Hals.
„Legolas..“ Ihre Stimme war kaum zu vernehmen. Sie war erschöpft.
Wo sie eben noch den Willen gespürt hatte, aufrecht an dem Pfahl
zu sterben, war nur noch das Gefühl der Müdigkeit. Siané
wusste, dass sie nun sicher war. Einen letzten Moment betrachtete sie
noch einmal sein Antlitz, schloss dann aber endgültig die Augen.
„Sag mir, dass es kein Traum ist,“ flüsterte sie noch
einmal, bevor sie die Schwärze der Ohnmacht umfing.
----------*°*----------
„Nun, wie fühlt man sich, wenn man sich seiner Niederlage bewusst
wird?“ Elí stand neben Hauptmann Elanesse, der sichtlich
verwirrt seine eigene Waffe an seinem Hals betastete.
„Wie könnt ihr Weiber es wagen, mir eine Hexenkette umzulegen?“
Seine Stimme troff vor Hass, doch Cyria und Elí lächelten
ihn nur wissend an.
„Hauptmann, ihr solltet begreifen, dass ihr euch nicht in der Position
befindet, so mit uns zu sprechen. Eure Schattenfreundinnen sind geflohen,
als wir euch umstellten und viele eurer Männer sind dabei, sich zu
ergeben.“ Elí zog kräftig an einer silbernen Kette,
die an seinem Halsband befestigt war. Der Hauptmann schrie, seine Knie
knickten ein und er schlug schmerzhaft auf dem Boden auf.
„Wie.. Wie konntet ihr?“ Cyria lächelte ihn an, als sie
sich neben ihn hockte und ein paar Strähnen aus seinem Gesicht strich.
„Hauptmann.. Ihr wart so sehr damit beschäftigt, die Mädchen
zu verbrennen, dass niemand bemerkte, wie wir die Wachen an den Außenposten
niederschlugen. Selbst, als wir uns unter euch mischten, waren eure Augen
noch immer auf die Gefangenen gerichtet. Es wäre uns unmöglich
gewesen, euch zu überwältigen. Doch ihr habt euren eigenen Hass
nicht bedacht. Er ist euch zum Verhängnis geworden. Und nun werdet
ihr mit mir kommen..“ Elí zog ihn an der Kette auf die Beine.
Wieder zuckte der Mann unter Schmerzen zusammen, doch er folgte der jungen
Frau schließlich. Seine eigenen Männer blickten ihm verwirrt
nach. Sie sahen ihren Hauptmann zwischen den Schatten der Zelte verschwinden
und wussten in diesem Moment, dass er nie wieder zu ihnen zurück
kommen würde.
Auf einigen ihrer Gesichter machte sich ein glücklicher Ausdruck
breit. Der Verlust ihres Hauptmannes würde auch seine Tyrannei beenden.
Sie konnten zu ihren Familien zurück kehren. Zu ihren Frauen und
Kindern, die teilweise nicht einmal wussten, wo sie sich befanden oder
ob sie noch lebten. Ihre Blickte ruhten noch lange auf dem Punkt in der
Dunkelheit, an dem sie Hauptmann Elanesses Umhang ein letztes Mal gesehen
hatten. Erst eine Stimme, die den ganzen Platz zu erfüllen schien,
zog ihre Aufmerksamkeit an.
Cyria stand dort. Ihre Stimme wurde magisch verstärkt und ihre Aura
schien über allem zu stehen. Die Männer des brennenden Lichts
starrten sie gebannt an. Sie bemerkten nicht einmal, dass sich nur noch
die einfachen Soldaten von ihnen auf dem Platz befanden. Nur diejenigen,
die von Hauptmann Elanesse oder den anderen höheren Truppenführern
manipuliert worden waren. Der Rest war in der Dunkelheit der Nacht abgeführt
und in Richtung Burg gebracht worden. Sie würden schon bald für
ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden.
„Es ist vorbei.“ Cyria war auf eine kleine Erhöhung gestiegen
und begann ruhig zu ihnen zu sprechen. „Euer Hauptmann wird nicht
noch einmal die Chance bekommen, unsere Stadt anzugreifen. Viele von euch
werden zu ihren Kindern und Frauen zurückkehren wollen. Andere sehnen
sich nur danach, aus dem Einflussbereich des Hauptmanns zu kommen. Geht
eurer Wege. Wir werden euch nicht aufhalten. Ich kann euch versichern,
Elanesse wird keinen von euch je wieder erpressen können. Wir werden
ihn von seiner Macht trennen. Ihr seid frei. Trefft eure Entscheidungen,
bereist Mittelerde. Tut was euch beliebt, aber kehrt nie wieder nach Tirell
zurück. Wir werden niemanden von euch Willkommen heißen. Es
sei denn, er wäre bereit einen Eid zu schwören. Vielleicht hat
einer von euch die Gabe, die Quelle zu berühren? In diesem Fall sei
euch die Möglichkeit gegeben, euch der Burg anzuschließen.
Ich erwarte diese Männer beim nächsten Sonnenuntergang an den
Toren der Stadt. Alle anderen wünsche ich hier nie mehr zu sehen.“
Ihre Stimme verstummte. Einige Augenblicke ließen sich die Soldaten
ihre Ansprache durch den Kopf gehen. Elanesse würde nicht wiederkehren?
Er würde von der Macht getrennt? Einen Raunen ging durch die Menschen
und plötzlich bewegten sie sich auseinander, steuerten ihre Zelte
an, oder sattelten ihre Pferde.
Cyria lächelte zufrieden. Die Menschen würden diesen Ort verlassen
und in Tirell würde der Frieden wieder einkehren. Doch zuvor musste
sie sich ansehen, was aus Siané und den anderen geworden war. Langsam
schritt auch sie in die Nacht hinaus...
----------*°*----------
Es kam ihr alles vor, wie eine entfernte Erinnerung. Sie verspürte
dieses Gefühl, dass man hatte, wenn man sich nur noch dunkel beim
Aufwachen an einen bösen Traum erinnerte. Doch als Siané die
Augen aufschlug, wusste sie, dass ihr das alles wirklich passiert war.
Das stechende Gefühl an ihrem Rücken und die Kopfschmerzen,
deuteten darauf hin.
Schwerfällig setzte sie sich auf. Das Zimmer, in dem sie sich befand,
war abgedunkelt. Schwere Vorhänge verdeckten die Sonne. Sie wusste
nicht, wo sie sich genau befand oder wie sie hergekommen war. Aber sie
befand sich auf keinen Fall im Unterschlupf der Rebellen. Dafür waren
die Decken zu hoch.
Vorsichtig stand sie von ihrem Bett auf und tapste zu dem Fenster hinüber.
Sie zog die Vorhänge zur Seite und holte erstaunt Luft, als sie auf
die Stadt Tirell hinunterblickte, die wie Glas in der Morgensonne schimmerte.
‚Man könnte denken, es sei nie etwas geschehen. Alles sieht
so friedlich aus.’ Sie drehte sich um und betrachtete noch einmal
den Raum. Auf einem Stuhl neben dem Bett lag ein langes, weißes
Kleid. Es war an den Ärmeln und am Rande des Rockes mit bunten Streifen
gesäumt.
‚Vielleicht sollte ich die anderen suchen gehen..’ Schnell
schlüpfte sie aus ihrem Nachthemd, versuchte die Wunde an ihrem Rücken
zu vermeiden und zog das zurechtgelegte Kleid an. Es passte wie angegossen.
Der spitze Ausschnitt an ihrem Hals zeigte ein wenig ihrer Haut und der
schmale silberne Gürtel betonte ihre zierliche Gestalt nur noch..
Quietschend öffnete sich die Tür auf den Flur und sie lugte
vorsichtig heraus. Der Gang lag völlig leer vor ihr. Nichts war zu
hören und so schloss sie die Tür hinter sich und wählte
wahllos eine Richtung aus. Die Flure schlängelten sich durch die
Burg und schon bald hatte Siané das Gefühl, nicht mehr zu
ihrem Zimmer zurück zu finden. Es dauerte eine ganze Weile –
die Gänge zogen sich dahin, ohne dass sich etwas groß veränderte
– da stand sie vor einer dunklen Tür. Die anderen, die alle
in hellem Holz gehalten waren, hatten bei weitem nicht so wuchtig und
verziert ausgesehen. Also klopfte sie schweren Herzens an, in der Hoffnung
irgendwo eine lebende Seele anzutreffen.
„Da bist du ja endlich..“ Sie blickte mit offenem Mund in
Gimlis Gesicht, der ihr lächelnd die Tür geöffnet hatte.
„Scheinbar hat der Frühstücksduft nicht nur die Hobbits
zu uns geführt.“ Aragorn winkte sie hinein und deutete ihr
einen freien Platz neben Frodo an. Erst jetzt bemerkte sie den Geruch
von gebackenem Brot und süßem Honig. Ein Schmunzeln ging durch
die kleine Gruppe, als ihr Magen unweigerlich begann zu knurren.
Sie saß erst einige Augenblicke auf ihrem Platz, als die Tür
erneut geöffnet wurde. Dieses Mal allerdings so schwungvoll, dass
Siané sich erschrocken dem Neuankömmling widmete und ihr Frühstück
vor sich für einen Moment vergaß. Maeglin war feuerrot im Gesicht.
Niemand hätte ihren gestrigen Zustand auch nur erahnen können.
Siané fand sogar, dass sie außerordentlich gesund aussah.
Genau so, wie sie ihre beste Freundin aus Teslon kannte.
„Geht es dir gut?“ Siané schaute fragend zu Maeglin
hinüber, die sich mit einem grummeligen Seufzer auf einen der Stühle
hatte plumpsen lassen.
„Natürlich.. Wieso sollte es mir nicht gut gehen?“ In
ihrer Stimme schwang deutlich ein Hauch von Ironie, den Siané aber
gepflegt ignorierte.
„Nun.. Gestern lagst du bewusstlos auf dem Boden und nun siehst
du aus, als würdest du am liebsten jemanden den Hals umdrehen.“
Es war wie ein Stichwort. Bei ihren Worten öffnete sich wieder die
große Flügeltür und Mat – auch mit einem leichten
Hauch von rot auf den Wangen – trat ein. Zielstrebig ging er auf
Maeglin zu und blieb vor ihr stehen.
„Wie oft soll ich dir noch versichern, dass ich nicht weiß,
wie es passiert ist???“ Seine Stimme war ruhig – zu ruhig,
wie Siané fand.
„Lass es einfach sein. So etwas lässt sich nicht erklären.
Zumindest nicht in die Richtung, wie DU es gerne hättest..“
Maeglin seufzte genervt auf, funkelte ihn dann aber an. „Immerhin
gibt es keine vernünftige Erklärung, warum du in MEINEM Zimmer,
über Nacht und dann auch noch in MEINEM Bett gewesen bist!“
Langsam hob Siané die Hand und winkte den beiden so lange zu, bis
sie ihre Aufmerksamkeit gewonnen hatte. „Vielleicht hat er sich,
nach deinem Zusammenbruch, Sorgen um dich gemacht. Das ist doch normal..“
„Das erklärt noch lange nicht, was er in meinem Bett gemacht
hat, Sina!“ Sie zuckte zusammen, als sie die schneidende Stimme
ihrer Freundin vernahm.
„Wieso nicht? Ihr habt doch die Nacht vor der Schlacht auch in einem
Raum verbracht. Und da hat es euch scheinbar nicht im geringsten gestört...“
Eine Stille trat ein, die Siané eine Gänsehaut über den
Rücken jagte. Alle Anwesenden sahen sie an, als wäre sie verrückt
geworden. „Was denn?“ Ihre Stimme war ganz leise und erinnerte
an das leise Piepsen einer Maus.
„Wieso sollte ich mit IHM das Zimmer geteilt haben?? Mit so einem
Weiberhelden will ich nichts, aber auch gar nichts, zu tun haben! Sina,
du solltest mich besser kennen..“
„Du willst nichts mit mir zu tun haben? Pah, man könnte dich
mir auf den Bauch binden und ich würde dich nicht anrühren..“
Sauer ließen sich die beiden an den gegenüberliegenden Enden
des langen Tisches nieder und schwiegen sich an. Siané aber war
der Hunger vergangen. Mit einem üblen Gefühl im Magen betrachtete
sie ihr Frühstück, stand dann aber auf und verschwand aus dem
Speisesaal. Sie hatte kein Wort gesagt und auch die verwunderten Blicke
der anderen scherten sie nicht. ‚Ich muss Cyria finden.. Unbedingt..’
Sie lief los.. Panik kam in ihr auf und sie spürte, wie Tränen
in ihre Augen stiegen.
„Wohin so eilig?“ Sie stoppte abrupt, als sie eine vertraute
Stimme hinter sich vernahm. Sie hatte sich zwar gefragt, warum er nicht
beim den anderen gesessen hatte, aber so richtig zum Grübeln war
sie nicht gekommen.
„Legolas..“ Sie drehte sich um. Er stand dort. Mitten im Flur
und blickte sie an. ‚Ich verstehe es nicht..’ Aber das war
auch nicht wichtig. Lächelnd lief sie zu ihm. „Legolas..“
Übermütig schlang sie die Arme in seinen Nacken und drückte
sich fest an ihn. Ihr Herz hämmerte gegen ihren Brustkorb, als sie
seinen Geruch in sich aufnahm und seine Arme um ihre Taille spürte.
„Melamin.. Was--“ Er sprach nicht weiter. Er konnte es auch
gar nicht. Er spürte ihre Lippen auf seinen. Zärtlich erwiderte
er ihren Kuss. Bis seine Wangen durch ihre Tränen benetzt wurden.
Widerwillig schob er sie ein wenig von sich und betrachtete das verwirrte
und zitternde Mädchen vor sich.
„Sina.. Du solltest dich ausruhen..“ Zärtlich strich
er mit den Fingern die Konturen ihres Gesichtes nach und versuchte sie
aufmunternd anzulächeln.
„Nein..“ Sie schüttelte heftig mit dem Kopf. „Ich
muss Cyria sprechen. Es ist dringend.“
„Kann das nicht warten?“ Er umfasste ihre Hand mit seiner.
Es überraschte ihn nicht, dass sie seine Frage verneinte. „Na
dann.. Komm, ich zeige dir den Weg.“
„Danke..“ Schweigend liefen sie nebeneinander her. Die Gänge
waren ihr genauso unbekannt, wie zuvor. Es wäre ihr wohl auch nicht
aufgefallen, wenn sie an ihrem Schafgemach vorbei gegangen wären.
Es war ein schönes Gefühl, die Wärme von Legolas’
Hand zu spüren. Lächelnd fiel ihr Blick auf ihre verschlungenen
Finger. Sie zog die Augenbrauen ein wenig zusammen. Irgendetwas war an
diesem Bild nicht richtig. Es war etwas, dass an ihrem Gewissen nagte.
Eigentlich dürfte Legolas nicht bei ihr sein. So dankbar, wie sie
auch für diese Situation war. Eigentlich hätte es alles anders
laufen müssen.
„Wir sind da..“ Siané wurde aus ihren Gedanken gerissen,
als Legolas vor einer weißen, schmalen Tür verharrte. Lilien
waren an den Rändern eingeschnitzt und teilweise mit Gold abgesetzt.
„Soll ich dich hineinbegleiten?“ Sie schluckte einmal kurz
und sah dann zu ihm auf. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie
den Kopf leicht schüttelte.
„Nein.. Das werde ich allein tun. Aber danke..“ Siané
stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen flüchtigen
Kuss auf die Lippen. Legolas blieb kaum ein Moment, diese kurze Berührung
zu erwidern. Zu schnell war sie in der Tür zu Cyrias Arbeitszimmer
verschwunden. Verblieb nur noch das kribbelnde Gefühl, dass ihre
Lippen auf seinen hinterlassen hatten.
----------*°*----------
Als Siané die Tür hinter sich schloss, blickte sie sich sofort
in Cyrias Arbeitszimmer um. Es war weitaus kleiner, als das von Elanor.
Außerdem war die Atmosphäre viel gemütlicher und einladender.
Die Wände, die in hellem Holz gehalten waren, wiesen viele Gemälde
auf. Zu Sianés Überraschung konnte man auf ihnen die Gesichter
einiger Schwestern sehen. Vielleicht lag es ja an den Bildern, dass Cyrias
Zimmer so familiär wirkte? Aber auch die großen, lichtspendenden
Fenster, die bunten Teppiche und die schweren Vorhänge, taten ihr
übriges.
„Ich habe schon mit dir gerechnet.“ In mitten des Raumes saß
Cyria. Sie hatte ein schmales Gestell auf ihrer Nase. Scheinbar hatte
sie einen Moment zuvor noch über wichtigen Dokumenten gebrütet.
„Ich muss eine Menge mit euch besprechen. Ich..“ Siané
senkte den Kopf und erinnerte sich an das Gefühl der Hilflosigkeit,
als sie erkannte, dass sich durch Gilberts Tod mehr geändert hatte,
als sie zuvor angenommen hatte. „Ich möchte mehr über
die Konsequenzen wissen... Habe ich.. Habe ich viel angerichtet?“
Sie senkte ihren Blick erneut auf den Boden, als sie Cyria nachdenklich
einatmen hörte.
„Setz dich erst einmal, Siané.“ Langsam trat das rothaarige
Mädchen näher und ließ sich auf einem weichen, braunen
Ledersessel nieder.
„Cyria, ich meine... Entschuldigt, Mylady...“
„Nenn mich ruhig Cyria. Du bist weder meine Schülerin, noch
ein kleines Mädchen, welches meinen Respekt nicht verdiente.“
Ein mütterliches Lächeln zierte die Lippen der älteren
Frau und ließ Siané sichtlich entspannter werden.
„Wisst ihr,“ begann Siané und stellte sich das streitende
‚Paar’ vom Frühstück erneut vor. „Ich verstehe
nicht so recht, was passiert sein könnte. Als ich heute Morgen im
Speisesaal erschien... Es wirkte, als hätten Mat und Maeglin sich
gerade erst kennen gelernt. Und auch die anderen wirkten nicht so, als
sei ihnen ihre Beziehung bewusst. Was.. Was genau ist geschehen?“
Nun blickte sie wieder auf. In ihren Augen stand die Angst, etwas schlimmes
angerichtet zu haben.
Cyria schien über ihre Worte nachzudenken. Schweigend stand sie auf
und trat zum Fenster. Sonnenstrahlen fielen in das Zimmer und ließen
die weise Frau in einem anmutigen, mysteriösen Licht erstrahlen.
Immer noch sagte sie nichts. Ihre Hände hatten sich um den Sims der
Fenster geschlossen, während sie ihre Augen über Tirell schweifen
ließ. „Weißt du..“ Siané zuckte ein wenig
zusammen. Cyrias Stimme klang so traurig.
„Ich habe dir erklärt, dass du jemanden auslöschst, wenn
du jemanden mit diesem Zauber tötest.“ Siané nickte,
ließ Cyria aber weiter sprechen. „Das bedeutet: Gilberts Tod..
Nein, das habe ich falsch ausgedrückt. Dadurch, dass Gilbert jetzt
nicht mehr lebt, aber auch nie gelebt hat, treffen alle Gegebenheiten
nicht mehr ein, die durch ihn geschehen sind. Gilbert tötete Legolas...
Da du ihn ausgelöscht hast, machtest du diese Tat ungeschehen. Es
ist sicher positiv für dich.
Aber Mat hat Maeglin nur kennen gelernt, weil er Informationen für
uns von Gilbert hatte. Gilbert existierte nie... Also ist Mat nie zu uns
gekommen, als Maeglin bei uns war. Sie haben sich erst vor kurzem kennen
gelernt und müssen sich wohl erneut verlieben. Das ist sicherlich
negativ.
Aber: Dadurch, dass Mat Maeglin nie zu uns gebracht hat, ist Elí
nie von Elanor entführt worden. Daher war es ihr möglich, uns
bei eurer Befreiung zu helfen. Sie kann die Quelle noch immer erreichen
und ist lebensfroh wie eh uns je.
Doch, und das muss ich dir sagen, gibt es einen weitaus schlimmeren Verlust,
den wir Gilberts Auslöschung zuschreiben müssen. Gilbert hatte
eine Schwester. Sie lebte hier in Tirell und arbeitete mit den Kindern
der Stadt. Damals, als sie hier zusammen eintrafen...“ Cyria drehte
sich um und lehnte sich gegen die kühle Wand ihres Arbeitszimmers.
Zu deutlich erinnerte sie sich an die verregnete Nacht, in der Gilbert
und Layla hier angekommen waren. Das Mädchen lag in seinen Armen.
Sie war aschfahl und dem Tode viel zu nahe. Elanor hatte sie aufgenommen
und geheilt. Allerdings einzig unter allein unter der Bedingung, er würde
für sie arbeiten. So wurde er zu dem skrupellosen Diener Elanors.
Doch in der Nähe seiner Schwester war er gutherzig und sanft. Sie
hatte schon so viel gelitten und erlebt. Sie sollte nur noch unbeschwert
leben können. Das war ihm wichtig.
„Dadurch, dass er nun nicht mehr existiert und es auch nie hat,
ist Layla nie in Tirell eingetroffen. Sie ist auf dem Weg hierher an ihrer
schweren Krankheit gestorben. Reisende fanden ihren Körper. Ihr Grab
liegt auf einem begrünten Hügel außerhalb der Stadtmauern.
Dort, wo Mittelerde noch friedlich und menschlich aussieht.“ Cyria
verstummte und ließ sich wieder in ihren Sessel fallen. Siané
hielt ihren Kopf krampfhaft gesenkt und betrachtete ihre Hände. ‚Meinetwegen
ist jemand gestorben? Weil ich es so wollte? Weil ich nur an mich dachte?’
Schuldgefühle krochen ihr in hoch. Sie biss sich auf die Lippen und
schloss gequält ihre Augen. Doch das stechende Gefühl in ihrem
Magen verringerte sich nicht.
Als Cyria merkte, dass Siané nicht mehr antworten würde, begann
sie erneut. „Siané...“ Das junge Mädchen blickte
auf und die Schwester war nicht überrascht, Tränen in ihren
Augen zu entdecken. „Weißt du.. Im Leben gleicht sich grundsätzlich
alles aus. Soviel leid es auch geben mag, soviel Glück gibt es auf
der anderen Seite wieder. Durch die erloschenen Erinnerungen von Mat und
Maeglin, erhielt Elí ihren Lebensmut zurück. Genauso erhielt
Legolas durch Laylas Tod sein Leben zurück. Es ist niemals für
alle gerecht, aber wir können diese Tatsachen nun nicht mehr ändern.
Merke dir eins für dein weiteres Leben: Gehe den Weg, den du für
dich erwählt hast. Blicke dabei nie zurück, damit du ihn ohne
Reue gehst und deinen Weg nach hause nicht verlierst.“
Siané schluckte. Es gab nichts mehr zu sagen. Wortlos stand sie
auf, drehte sich aber noch einmal um, bevor sie das Arbeitszimmer ganz
verließ. „Sagt mir nur noch eins: Alle haben die früheren
Erlebnisse vergessen. Wieso erinnert ihr euch an alles?“
Cyria schenkte ihr ein Lächeln, bevor sie antwortete: „Mein
liebes Kind...“ Ihre Augen glitzerten bei ihren Worten. Die Anrede
war keineswegs böse gemeint. „Untergrabe meine Macht nicht.
Es gibt Zauber, die mich nicht beeinflussen. Fragt Gandalf bei Gelegenheit
doch einmal nach dieser Gabe.“ Cyria zwinkerte ihr zu und widmete
sich wieder ihren Dokumenten. Siané verließ den Raum mit
einem mulmigen Gefühl. Konnte sie mit diesem Schuldgefühlen
weiter leben? Konnte sie noch etwas tun, um ihre Taten zu verbessern.
Ungeschehen machen, konnte sie sie nicht mehr. Aber was sagte Cyria? ‚Gehe
deinen Weg ohne Reue. Du hast dich immerhin für ihn entschieden.’
Trotzdem nagte der Gedanke an Gilberts Schwester an ihr..
----------*°*----------
„Was soll das bedeuten, hä?“ Maeglin stand mit bösem
Blick vor Mat und deutete auf die Kekse in seiner Hand.
„Nichts... Ich wollte ausnahmsweise mal nett zu dir sein.“
Er funkelte sie an und Maeglin überlegte einen kurzen Moment, ob
sie vielleicht überreagierte. Doch dann entschied sie sich wieder
anders.
„Irgendwas bezweckst du doch damit! Das sieht man dir an!“
Misstrauisch beschnüffelte sie die Kekse und beobachtete Mats Unschuldsmiene
erneut.
„Ich würde sie nicht essen.“ Die beiden drehten ihre
Köpfe und warteten, bis Siané ganz bei ihnen angelangt war.
„Ach, und warum nicht?“ Sauer stemmte Mat eine Hand in die
Hüfte.
„Weil du Hazia reingemischt hast. Und zwar soviel, dass man leicht
benebelt davon wird und seltsame Dinge tut.“ Siané grinste
gehässig, als Mat sie erschrocken ansah.
„Bist du unter die Hellseher gegangen, Sina?“ Das blonde Mädchen
hatte einen fragenden Blick aufgesetzt.
„Frag IHN doch mal, ob ich recht habe.“ Siané kicherte
und deutete dabei auf dem dunkelhaarigen Jungen, der verzweifelt einen
Ausweg suchte.
„Sagt sie etwa die Wahrheit???“ Maeglin drehte den jungen
Mann neben sich um, der stotternd und mit rotem Gesicht zu einer Antwort
ansetzte.
Schon bald hörte Siané die beiden kaum noch. Sie hatte sich
unauffällig entfern, als das Pärchen zu ihrem Streit ansetzte.
‚Wenn ich es schon nicht ungeschehen machen kann, werde ich wenigstens
versuchen, sie wieder näher zueinander zu bringen.’ Ein leichtes
Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, welches aber schnell wieder
verschwand, als sie an den Ort dachte, den sie aufsuchen wollte.
----------*°*----------
Die Sonne stand an ihrem höchsten Punkt. Die Straßen von Tirell
waren fast verlassen. Nur wenige Menschen kreuzten Sianés Weg und
diese schenkten ihr höchstens einen flüchtigen Blick. Trotzdem
zog sie ihren Umhang fester um ihre schmale Gestalt. Sie wollte nicht,
dass sie auffiel. Oder vielleicht noch von jemandem erkannt wurde.
„Sina?“ Zu spät. Wie versteinert blieb sie auf der Straße
stehen. Wieso musste das nun passieren? Wieso tauchte er immer in diesen
Momentan auf? „Ich habe dich gesucht.“ Sie spürte seine
Hand auf ihrer Schulter und drehte sich widerwillig um. Legolas stand
dort. Eigentlich hätte sie damit rechnen können.
„Ich wollte ein wenig allein sein.“ Sie senkte ihren Blick.
Nicht aus Scheu, wie es sonst gewesen war. Nein... Sie konnte ihm nicht
in die Augen sehen. Sobald sie in das tiefe Blau blickte, erinnerte sie
sich erneut an den Moment seines Todes. Seinen Augen hatte der wunderschöne
Glanz gefehlt. Dieser war zurück gekehrt. Aber zu welchem Preis?
„Verstehe.. Dann gehe ich besser wieder.“ Er hob ihr Kinn
mit den Fingern an, zwang sie in seine Augen zu schauen. „Es sei
denn, du redest mit mir. Ich möchte dir helfen.“ Sie zwang
sich zu einem Lächeln. Doch Legolas spürte sofort, dass es nur
aufgesetzt war. „Ich sehe schon, du möchtest es nicht.“
Entschuldigend blickte sie ihn an, sagte aber nichts weiter. Sanft strich
sie mit den Fingern über seinen Handrücken und lief dann fort
von ihm. ‚Es tut mir leid..’ Tränen glitzerten in ihren
Augen. Sie hätte ihn nicht so abweisen dürfen. Aber seine bloße
Anwesenheit führte ihr immer wieder vor Augen, dass sie ein Leben
für seins genommen hatte.
Er blickte ihr noch einen Moment nach, ging dann aber seinen Weg zurück
zur Burg. Er wusste, dass sie nicht mit ihm über ihre Gedanken reden
würde. Er hatte es in ihren Augen gesehen. Doch was er nicht gesehen
hatte, waren Schuld und Zweifel, mit denen Siané so sehr zu kämpfen
hatte.
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis Siané die Stadtmauern erreichte.
Die Wachen davor sahen düster und missgelaunt aus, doch zu ihrer
Überraschung lächelten sie leicht, als sie das Tor passierte.
Als sie hindurchgetreten war, sah sie sich um. Vor ihr breitete sich die
Ebene von Carn Dûm aus. Zumindest, wenn sie die Berge hinabsteigen
würde. Aber von hier aus hatte sie einen atemberaubenden Blick hinab.
‚Hier müsste doch irgendwo...’ Sie drehte sich ein wenig
und konnte einen schmalen Weg ausmachen, der hinauf führte. ‚Vielleicht
dort oben...’
Sie raffte den Rock ihres weißen Kleides zusammen, zog ihre Kapuze
über ihren Kopf und stolperte den steinigen Weg nach oben.
Nach einiger Zeit drehte sie sich um. Tirell war hinter ihr immer kleiner
geworden. Doch nun konnte sie vor sich eine Wiese sehen. Das hohe Gras
war noch grün und ließ sich von dem leichten Hauch des Windes
hin und her wehen.
Dort stand er. Vor ihr, vielleicht ein paar Meter entfernt, stand ein
niedriger, geschliffener Grabstein. Mit zittrigen Knien schritt sie näher
an ihn heran und ließ sich vor ihm nieder. Er war schmutzig. Die
eingravierten Worte waren kaum noch zu erkennen.
Sie seufzte und zog einen Lappen aus ihrer Tasche. Behutsam strich sie
über den glatten Stein. Langsam wurden die Zeilen sichtbar. Buchstaben
formten sich zu Worten:
Layla Yaventil,
Tochter von Damion Yaventil
In Gedanken fügte Siané aber noch hinzu: ‚Geliebte Schwester
von Gilbert Yaventil’. Wieder fühlte sie das stechende Gefühl
in ihrem Herzen. Lange Zeit umfasste sie Laylas Grab bis ihr noch etwas
auffiel:
‚Götter sind nicht allmächtig. Sie können keine Wunder
vollbringen. Sie können nur das Licht zur Erde senden und die Welt
weiter bewegen. Du fühlst diese Macht der Götter jederzeit.
Manchmal sanft und manchmal stark. Sie sind bei dir, auch wenn du sie
nicht beachtest. Fühlst du manchmal den Wind? Warm und sanft? Es
ist ihre Antwort. Ich werde dein Wind sein...’
Wie hatte sie diesen Text bloß übersehen können? Er war
sehr klein geschrieben und auf eine Goldscheibe gemeißelt. Layla
musste Cyria eine Menge bedeutet haben. Siané war sich sicher,
dass sie diese Platte hatte anbringen lassen. Sie schien neuer zu sein,
als das Grab selbst.
„Und alles nur meinetwegen..“ Fast zärtlich strich sie
über den Grabstein. „Es tut mir so leid. Ich war so egoistisch.
Meinetwegen...“ Eine Träne rollte über ihre Wange. „Nur
weil ich meine Kräfte nicht kontrollieren kann. Du hättest leben
können... Es tut mir alles so leid...“ Weitere Tränen
gesellten sich zu der ersten.
Es war völlig windstill geworden, was Siané aber nicht bemerkte.
Ihre Hände hielten sich krampfhaft im Gras fest, während ihre
Tränen ihre Wangen befeuchteten. Innerlich fühlte sie sich so
zerrissen wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Auf der einen Seite hatte
sie Legolas nicht verloren. Auf der anderen Seite wusste sie, dass sie
das Leben dieses Mädchens auf dem Gewissen hatte. Und gerade das
tat ihr unglaublich leid. Auch, wenn sie Layla nie kennen gelernt hatte.
Der Gedanke, ein unschuldiges Leben ausgelöscht zu haben, war unerträglich..
„Ich weiß nicht, wie ich ihm wieder in die Augen schauen soll..“
Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie die verschwommenen Umrisse
des Grabes. Die Tränen hatten ihren Blick getrübt.
„Du wirst mir das nicht verzeihen, ich weiß..“ Ihre
Hände strichen über die Oberfläche des Grabsteines. „Ich
würde es so gern rückgängig machen.. Hätte ich doch
nur meine Kräfte kontrollieren können. Alles wäre anders
gelaufen..“
Neben ihr begannen die Grashalme, sich zu bewegen. Doch sie nahm das Kitzeln
an ihren Fußgelenken gar nicht wahr. „Ich weiß, dass
ich dir nicht helfen kann. Aber ich verspreche, dass ich lerne, wie man
diese Macht lenkt. Nie wieder wird so etwas geschehen.“ Sie blickte
auf und strich ihren Rock herunter. Der Wind hatte sich verstärkt
und ließ ihren Rock ein wenig wehen.
Unsicher blickte sie wieder zu Laylas Grabstein. „Ich werde es mir
sicher nicht verzeihen, so unbedacht gehandelt zu haben..“ Sie schloss
ihre Augen und atmete einmal tief ein. Ganz leise, so dass ihre Stimme
im Wind fast unterging. „Verzeih mir bitte..“ Wieder rollten
Tränen über ihre Wangen, doch dann öffnete sie überrascht
die Augen. Der Wind war lauter geworden. Und er war .. warm. Es war so
unwahrscheinlich zu dieser Jahreszeit. Er umschmeichelte ihre Wangen,
wehte ihre Kapuze herunter und wirbelte ihre Haare herum.
‚Ich werde dein Wind sein..’ Die Schrift auf dem Grab, kam
ihr wieder in den Sinn. Und während der warme Wind abnahm, begann
Siané langsam zu lächeln.
„Danke..“ Ihre Worte wurden von den letzten Zügen des
Windes davongetragen..
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„Wo ist sie?“ Pippin drehte sich erschrocken in seinem Sessel
um, als er eine herrische, männliche Stimme hinter sich vernahm.
„Seid ihr denn schwerhörig? Ich habe gefragt, wo sie ist!“
Noch immer rührte sich niemand von ihnen. Die vier Hobbits saßen
in einem der Aufenthaltsräume der Burg. Viele Sessel und Sofas waren
dort verteilt, während zwei Kamine dem Raum Wärme spendeten.
Einige Bücher lagen auf den kleinen Tischchen herum und ließen
darauf schließen, dass Schüler manchmal ihre Zeit hier mit
Lernen verbrachten.
„Verzeihung, wir waren nur überrascht, euch zu sehen.“
Merrys Stimme klang etwas unsicher. Der Mann vor ihm sah sauer aus. Er
hatte nicht den Wunsch, ihn noch weiter zu verärgern.
„Sagt ihr Jungen mir nun endlich, wo sich meine Tochter aufhält?“
Marado hatte seine Hände in seinem weißen Kittel vergraben
und blickte die Hobbits böse an.
„Mein Herr, wir sind Hobbits, keine Jungen..“ Frodo hatte
eigentlich angenommen, dass inzwischen mehr Menschen mit dem Begriff ‚Hobbit’
etwas anfangen konnten. Aber die verwirrte Miene des Mannes zeigte ihm
eindeutig, dass er die vier nur als menschliche Kinder sah.
„Wie auch immer.. Ich will meine Tochter sehen. Ich hoffe, dass
ich nicht umsonst hergeholt wurde und sie nun nicht mehr hier ist.“
„Kann ich euch vielleicht weiter helfen?“ Marado drehte sich
nun zum Eingang, aus dem die Stimme kam.
„Ach, bei Eru.. Mit dir hätte ich ja rechnen können.“
Merry hatte nicht angenommen, dass sich die Miene von Sianés Vater
noch weiter verfinstern konnte, aber das tat sie bei Legolas Anblick sehr
deutlich. „Wo hast du meine Tochter gelassen? Ich hoffe für
dich, dass du auf sie aufgepasst hast. Wehe, wenn mir irgendwelche schlechten
Dinge zu Ohren kommen. Ich werde..“
„Meine Güte, Herr Dúvall. Was tut ihr hier?“ Wieder
drehten sich alle zur Tür, in der Maeglin plötzlich aufgetaucht
war.
„Kind, wie oft sagte ich dir schon, mich Marado zu nennen? Weißt
du vielleicht, wo sich meine Tochter aufhält? Ich möchte sie
sehr gerne sehen..“ Die Münder der Hobbits öffneten sich.
War der Mann nicht eben noch abweisend und mürrisch gewesen? Aber
nun war er so freundlich.. Unglaublich, wie schnell Menschen ihre Launen
ändern konnten.
„Nein, Sir. Aber ich werde sie gerne suchen. Sie muss sich hier
irgendwo in der Burg aufhalten. Wollt ihr mit mir kommen?“ Maeglin
lächelte, als sich Marado zu einem freundlichen Nicken zwang und
Legolas noch einen vernichtenden Blick zuwarf.
„Gern.. Ich freue mich, sie wiederzusehen. Es ist schon lange her,
seid sie aus Teslon verschwunden ist.“ Zusammen gingen die beiden
den Flur hinunter, fort vom Aufenthaltsraum.
„Legolas, es tut mir leid es dir zu sagen, aber ich habe das Gefühl,
dass Sianés Vater dich nicht leiden kann.. .. ... Au...“
Pippin rieb sich den Hinterkopf, auf den er eben einen Schlag von Merry
bekommen hatte. Wieso musste er auch immer so ein vorlautes Mundwerk haben?
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Es war ein eigenartiges Gefühl, vor seiner Tür zu stehen. Eines
der Mädchen der Burg hatte sie zu Legolas Gemach geführt. Doch
nun traute sie sich nicht hinein. Was, wenn sie ihm schon wieder nicht
in die Augen sehen konnte? ‚Ich sollte es wohl auf einen Versuch
ankommen lassen..’
Zitternd griff sie nach dem Türknauf und drehte ihn herum. Mit einem
leichten Knarren öffnete sich die Tür und gab ihr den Blick
auf das Innere frei. Legolas war nicht da. Seufzend trat Siané
ein. ‚Irgendwann wird er schon wieder kommen..’
Sein Zimmer unterschied sich nicht von ihrem. Anscheinend war die Burg
nie für einen hohen Besuch ausgestattet gewesen. Oder vielleicht
machte sie sich auch nichts aus den Adligen der anderen Reiche?
Nachdenklich ließ sie sich auf der Kante seines Bettes nieder. Die
aufgeschlagene Decke und das leicht zerwühlte Laken zeugte davon,
dass er die Nacht hier verbracht hatte.
„Sina..“ Sie schreckte aus ihren Gedanken auf, als sie seine
Stimme von der Tür her vernahm.
„Du hast dir tatsächlich angewöhnt, mich Sina zu nennen..“
Sie lächelte ihn an und klopfte neben sich. Leise schloss er die
Tür hinter sich, kam näher heran und setzte sich.
„So, wie du es gewollt hast. Wo bist du gewesen?“ Er sah so
ernst aus. Ihr Herz krampfte sich schon wieder zusammen, als sie sich
an das Blut erinnerte, dass seinen Oberkörper bedeckt hatte.
„Ich.. Legolas.. Du würdest es nicht verstehen..“ Ihre
Hände umfassten den Stoff ihres Kleides, zerknüllten das weiße
Gewand.
„Versuch es doch mir zu erklären..“ Innerlich lachte
sie bei seinen Worten auf. Wie sollte sie ihm erklären, dass sie
ihn sterben sah? Das sie ihren eigenen Albtraum durchlebt hatte und nun
alles so war, als wäre es nie geschehen? Und vor allem: Das er sich
an nichts von dem erinnern konnte, während sie gegen ihre Schuldgefühle
kämpfte.
Wieder erinnerte sie sich an seine letzten Worte. Aus den Augenwinkeln
sah sie ihn lächeln, ganz so wie es noch in Bruchtal gewesen war.
„Ich bin so froh, dass dir nichts geschehen ist.“ Sie ignorierte
seine vorangegangen Worte und rückte näher an ihn heran. Übermütig
schlang sie ihre Arme um seinen Hals, setzte sich auf seinen Schoß
und begann seine Lippen zu küssen.
„Meine liebste Sina.. Was ist nur los mit dir? Ich habe dich schon
lange nicht mehr so erlebt. Nein, verzeih es zu sagen. Aber ich habe dich
noch nie so erlebt.“ Seine Augen strahlten, doch bevor sie gegen
seine Aussage protestieren konnte, begann nun er ihre Lippen mit seinen
zu liebkosen.
Seine Hand erfasste ihren Haarschopf, während seine andere auf den
unverletzten Stellen ihres Rückens ruhte. Sie vertiefte den Kuss,
umfasste ihrerseits mit den Händen seine Tunika. Überrascht
öffnete er die Augen. „Was tust du da?“
Sie hielt ihre Augen geschlossen und lächelte gegen seine Lippen.
„Wonach fühlt es sich an?“ Nun war es an Legolas zu lächeln.
Sie knöpfte langsam jeden Knopf auf, den sie an seiner Tunika finden
konnte und löste die Schnüre seines Leinenhemdes. Sanft strich
sie den Stoff auseinander und betrachtete seinen blassen Oberkörper.
Sie lächelte immer noch und strich mit der Hand über seine makellose
Haut. Keine Narbe war darauf zu sehen und langsam begriff sie, dass Legolas
wirklich nie verletzt worden war. Wenn sie jetzt nur noch beginnen könnte,
sich selbst zu verzeihen.. ‚Vielleicht, wenn ich meine Macht zu
lenken gelernt habe..’
„Sprich Elb, wo bei Eru steckt meine Tochter?“ Legolas und
Siané, die gerade im Begriff waren, erneut ihre Lippen zueinander
zu führen, schraken auseinander. Die Tür zu Legolas’ Schlafgemach
war aufgeflogen und Marados donnernde Stimme zu ihnen geschallt. Sianés
Augen weiteten sich, als sie ihren Vater erblickte, der bei dem Anblick
der beiden erbleichte.
Siané schluckte schwer. Was dachte ihr Vater wohl gerade? Seine
Tochter auf dem Schoß eines Elben, dessen Oberkörper fast vollständig
unbekleidet war und zu allem Überfluss lagen die Hände seiner
Tochter auch noch auf der nackten Haut des Prinzen.
„Paps.. Was.. Was tust du hier?“
Kapitel 30