Disclaimer: Diese Geschichte wird aus
Orlis Sicht erzählt. Wir haben alle unsere Idee davon, wie er
ist. Bitte belästigt mich nicht damit, zu sagen, daß ihr
ihn Euch so nicht vorstellt – ich verstehe das. Das ist ganz
und gar meine Interpretation und wenn euch das nicht gefällt...
na, dann lest es nicht. Danke an Wisdom’s Fool für die
Idee und für die Überwindung meiner Schreibblockade und
an Kayla für ihre Ermutigung und die Namenssuche... - Aelora
Interlude III
This time, this fate
Takes a path you didn’t choose
Stay strong, keep faith
There’s a change that’s coming through
Hold on my love
Hold on
Heaven Coming Down – The Tea Party
Ich legte auf und lächelte Sean zu, der gerade durch die Tür
kam, um mir Gesellschaft zu leisten.
„Wie geht’s Elijah?“ fragte er.
„Großartig,“ antwortete ich ohne Zögern, obwohl
meine Herz in mir ungleichmäßig pochte. „Er wollte
wissen, wie die Show so läuft.“
Sean lächelte, kam zu mir, küßte mich und ich ließ
ihn mich in seine Arme ziehen, schloß meine Augen und tat so,
als sei der Anruf nie geschehen.
Ich war in jener Nacht zu Tode erschrocken gewesen. Erschrocken, weil
ich vom Tanzen zurück in unsere Sitzecke gekommen war und die
Menge Gläser gesehen hatte, die sich vor Orli stapelten. Erschrocken,
weil ich in seine rotgeränderten, leicht glasigen Augen gesehen
hatte. Erschrocken, weil ich wußte, daß ich es ihm nie
erlauben würde, allein nach Hause zu fahren. Ich wollte bei ihm
sein, ich glaube, deshalb versuchte ich nicht, ihn so stark zum ranfahren
zu bewegen, wie ich es hätte tun sollen. Ich glaube, ich hätte
ihn überreden können. Aber ein Teil in mir wünschte
sich, daß wir einfach weiterfahren konnten – und niemals
stoppen würden. Und ein weiterer Teil in mir hatte keine Angst,
zu sterben, nicht, wenn Orli neben mir war. Macht mich das zu einer
grausamen Person? Daß ich freiwillig Sean verlassen hätte,
um an Orlis Seite zu sterben? Jesus, meine Gedanken sind in letzter
Zeit zu durcheinander.
Als ich im Krankenhaus aufwachte, saß Sean neben mir und hielt
meine Hand, sein Gesicht blaß und mitgenommen. Ich hätte
nach ihm greifen und ihm versichern sollen, daß es mir gut ging,
ihm dafür danken sollen, daß er da war. Statt dessen fragte
ich nach Orli. Ich hatte wissen wollen, wo er war, ob es ihm gut ging.
Sean hatte geantwortet, daß es ihm gut gehe, aber dann wurde
er wütend und sagte, er wolle nicht, daß ich je wieder
in Orlis Nähe käme, daß er persönlich etwas Vernunft
in diesen Kerl prügeln würde. Da bemerkte ich, daß
ich einen schweren Fehler gemacht hatte – ich schob es auf den
Schock. Als erstes mußte ich Sean beruhigen. Er war am Ende
seiner Vernunft. Sean war jetzt meine Verantwortung, nicht Orli. Über
ihn könnte ich mir später Sorgen machen. Später fand
ich von Elijah heraus, daß Sean Orli schließlich doch
gesehen und ihn angegriffen hatte. Ich konnte es ihm wirklich nicht
übel nehmen. In diesen ersten Wochen hätte ich Orli wahrscheinlich
selbst geschlagen.
Es brauchte ein paar Tage, bis der anfängliche Schock des Unfalls
verarbeitet war, zusammen mit meinen Ängsten um Orli und was
aus ihm geworden war. Danach verlor ich mich in einer stillen Wut.
Ich haßte Orli dafür, daß er mich in seine Hölle
hinab ziehen wollte, daß er mein Leben gefährdet hatte,
als ob ich allein für sein gedankenloses Verhalten verantwortlich
wäre. Ich haßte ihn, daß er Sean weh tat, der immer
so geduldig und unterstützend durch alles hindurch gewesen war.
Am wenigsten konnte ich es ab, daß er das Lebens so leichtfertig
und mißachtend behandelte. Ich wollte ihn vergessen. Ich fragte
nie nach ihm, wenn Elijah vorbei kam oder anrief, um zu fragen, wie
es mir ging. Ich hielt mich von Unterhaltungssendungen fern und als
ich vor Gericht aussagen mußte, tat ich so, als wäre es
mit jemand völlig anderem passiert. Ich wollte nicht über
ihn nachdenken. Ich wollte weder seinen Namen hören noch sein
Gesicht sehen. Nichts.
Und dann ruft Elijah an und fragt mich, ob ich mit ihm reden will.
Wenn es jemand anderes gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich
nein gesagt. Aber Elijah kennt mich. Er hätte mich nicht so davon
kommen lassen. Also hatte ich keine Chance. Seltsam, daß es
nur seine Stimme brauchte, um alles wieder aufzuwühlen. Nicht
den Unfall, aber wie sehr ich ihn liebte und vermißte und wie
froh ich war, daß der Unfall nicht schlimmer gewesen war. Er
klang auch gut. Nicht so müde und lustlos wie zuvor. Stark. Da
war so viel, was ich hatte sagen wollen, was ich ihm hatte versichern
wollen, aber Sean war aufgetaucht und ich konnte ihm das nicht antun.
Also hatte ich einfach aufgelegt. Es war besser so.
Ich kann mich nicht über die Behandlung beklagen, die ich von
Sean empfangen habe, seit ich aus dem Krankenhaus raus bin. Er bediente
mich von vorne bis hinten und war so aufmerksam und liebenswert. Das
ist eigentlich mehr, als eine Frau verlangen kann. Eines Tages gestand
er mir, wie erschrocken er gewesen war, als das Krankenhaus angerufen
hatte. Das berührte mich mehr als alles andere, daß er
mich nicht verlieren wollte. Und irgendwie erschreckte es mich auch,
muß ich zugeben. Jetzt mußte ich mich irgendwann entscheiden,
ob ich den Rest meines Lebens mit Sean verbringen wollte oder nicht.
In Wahrheit wußte ich nicht, ob ich den Rest meines Lebens mit
irgendwem verbringen wolle. Männer waren... ermüdend.
Als meine Rippen wieder ganz waren, konnten wir mit dem Dreh von 'The
Vast Blue' beginnen. Ein paar Teile filmten wir im Center, nur ein
paar kleine Stücke, in denen ich unsere Patienten vorstellte,
erklärte, wie sie hierher gekommen waren, wie wir sie pflegten
und was mit ihnen geschah, wenn wir sie wieder in die Freiheit entließen.
Wir folgten ihnen später, um zu sehen, wie es ihnen erging und
dies dem Publikum zu zeigen. Danach erhielt ich meinen Drehplan für
die Drehs an fremden Orten. Der einzige Ort außerhalb der USA,
an dem ich jemals gewesen war, war Kanada, aber das zählte nicht.
Eine schwierige Sache für jemanden, sich ans Fliegen zu gewöhnen,
wenn man Angst davor hat. Nun würde ich ins Mittelmeer reisen,
nach Japan, Rußland, Afrika, Neuseeland...
Yeah. Neuseeland. Darauf freute ich mich wirklich. Besonders, nachdem
Sean mit so einem Eifer davon erzählt hatte. Er hatte vor, mitzukommen,
mir ein paar spektakulärere Dinge zu zeigen. Dann rief Elijah
eines Tages an und meine Aufregung ebbte plötzlich ab.
„Hey Lij! Wie geht’s?“
„Großartig!“ Ich hörte, wie er am anderen Ende
der Leitung einen Zug von seiner Zigarette nahm. „Hör mal,
Torrie, ich wollte mich für das letzte Mal, als ich angerufen
habe, entschuldigen, daß ich dich ausgetrickst habe. Ich wollte
nicht - “
„Ist schon okay, Lij.“
„Wirklich?“ Er erschien überrascht.
Ich lächelte. „Ja, Schatz. Wirklich. Ich mußte das
ohnehin irgendwann hinter mich bringen. Ich kann Orli nicht ewig meiden.“
„Kannst du nicht?“
Ich lachte. „Lij, die Welt ist klein.“
„Heh.“ Er schien nicht zu wissen, was er darauf antworten
sollte und ich merkte, daß er noch mehr Dinge fragen wollte,
sich aber nicht traute. Statt dessen sagte er, „Wir fangen bald
mit den Nachdrehs in Neuseeland an.“
„Wirklich?“ Ich lächelte. „Nun, so komisch
es auch klingen mag, ich sehe dich vielleicht da unten.“
„Was?“
„Wir filmen einen Teil der Meereswelt da unten.“
„Ohne Scheiß?“
„Ohne Scheiß.“
„Scheiße.“
„Ich dachte, damit wären wir durch?“ lächelte
ich.
„Nein, ich meinte 'Scheiße‘ im Sinne daß ich
dir nicht sagen will, was ich dir sagen sollte.“
Ich kaute auf meiner Lippe. „Und das wäre?“
„Orli hat auch ein paar Nachdrehs.“
„Oh.“ Also das war wirklich eine kleine Welt. Da waren
wir, flogen beide bald aus dem Land und waren beide auf dem Weg nach
Neuseeland. Das verschlug mir mehr die Sprache, als ich gedacht hatte.
Also würde ich Elijah nicht treffen, so lang ich dort unten war.
So einfach war das.
„Vielleicht wäre es eine gute Gelegenheit für dich
und Orli, um - “
„Sean kommt mit.“
„Oh.“
Es war schon lustig, daß es ein schönes Ereignis hatte
sein sollen, daß Sean und die anderen sich wiedersehen und ein
paar fröhliche Erinnerung wieder ins Leben rufen könnten,
dort unten, wo die Gemeinschaft begonnen hatte. Nun war da diese Furcht,
daß sie einander wiedersehen könnten. Und keiner konnte
vorschlagen, daß Sean und die anderen sich trafen und Orli ausschlossen.
Genau so, wie sich niemand vorstellen konnte, daß sie sich alle
in einem Raum befinden könnten. Ich für meinen Teil dachte,
daß Sean sich gegenüber Orli übertrieben aufführte,
aber wer konnte schon sagen, was passieren würde, wenn sie für
zu lange Zeit auf engem Raum aufeinander trafen. Diese Möglichkeit
wollte ich gar nicht erleben.
„Nun, ruf mich wenigstens an, wenn du da unten bist,“
schlug Elijah vor.
„Du weißt, daß ich das werde.“
„Wann fliegst du?“
„In fünf Wochen. So wie es scheint, werde ich achtzehn
Tage dort sein.“
Elijah seufzte. „Nun, vielleicht können wir uns ja treffen,
huh?“
„Klingt gut. Paß auf dich auf, Lij.“
„Du auch, Liebes.“
Das Leben ging weiter. Zwei Sendungen waren bereits ausgestrahlt worden
und die Quoten hatten sich für den Sender als beträchtlich
erwiesen. Es stand auf ihren Top Ten, und das war ein gutes Zeichen.
Nicht, daß jetzt jeder den Discovery Channel sah, aber die Produzenten
hofften, daß die Sendung von anderen Sendern übernommen
wurde. Mir war es egal. Es brachte dem Center Geld und das war alles,
was zählte.
Ich gebe zu, es war ein wenig seltsam, vor der Kamera zu stehen, besonders,
wenn mich die Leute erkannten, wenn ich Onkel Tony auf dem Pier besuchte.
Wie ich schon sagte, sah nicht jeder den Discovery Channel, also wurde
ich nicht ständig erkannt, aber jeder, der das Meer liebte, sah
ab und zu die Sendung. Sie hatten mir eine Sache versprechen müssen
– ich würde es nie erlauben, daß man aus mir eine
Action-Figur machte wie aus Steve Irwin, Crocodile Hunter oder so.
Das war einfach... nun, wirklich albern. Besonders, weil ich kein
Verlangen hatte, zu sehen, was man mit mir in einem Schwimmanzug machen
würde. Ich schüttelte mich bei dem Gedanken.
Bevor ich mich versah waren wir auf unserem Weg nach Neuseeland. Wow,
die Erste Klasse war wirklich ein Unterschied zur Touristenklasse,
das muß ich sagen. Ich glaube, sie haben da oben irgendein Gas
in der Luft, daß dich dazu bringt, daß es dir egal ist,
ob das Flugzeug abstürzt oder nicht, solange dein Sitz bequem
und daß Essen gut ist und sie dir weiter Alkohol servieren.
Sean und ich waren im Trinken wirklich gleichstarke Gegner. Wir waren
nicht wirklich gute Reisegefährten, da wir uns beide die schrecklichsten
Szenarien ausmalten, wie man abstürzen konnte und mit verschieden
Geschichten und Alpträumen ankamen. Es ging immer so fort. Der
Regisseur der Sendung, Tim French, sagte uns schließlich, wir
sollten die Klappe halten, oder er würde uns das Beruhigungsmittel
verpassen, daß er normalerweise für die Haie aufsparte.
Ich fragte sogar danach. Ich wollte, daß das Flugzeug landete,
verdammt, und ich wollte schlafen, bis das geschah. Leider ging er
nicht auf meine Bitte ein.
Neuseeland war wunderschön. Sogar den Flug wert. Und ich liebte
das Wasser da unten. Den ersten Tag verbrachten wir damit, die Führer
kennenzulernen, verschieden Orte zu erkunden, zu tauchen und die Tierwelt
da unten kennenzulernen. Ich war verblüfft über die Menge
Robben und die Delphine, denen wir begegneten. Und sie waren alle
äußerst neugierig und zahm, wollten wisse, was wir taten
und schwammen direkt zu den Kameras. Nur zwei Mal hatten wir Probleme
mit Haien, einmal verloren wir einen Teil der Ausrüstung, was
immerhin besser war, als ein Körperglied zu verlieren.
Der Sender bezahlte dafür, daß Sean und ich uns eine Wohnung
an der Küste mieten konnten, und während ich tagsüber
fort war, um zu drehen, relaxte er, und die Abende verbrachten wir
damit, auf Erkundungstour zu gehen und vorzugeben, daß wir im
Urlaub seien. Er wußte, daß das Team dort war, um 'Die
Rückkehr des Königs‘ zu drehen, aber wir sprachen
eigentlich nie darüber. Ich wollte es. Ich wollte die Idee zur
Sprache bringen, das Set zu besuchen, nur um zu sehen, was er sagen
würde, aber ich hatte Schiß. Yep. So bin ich. Ein Eins-A-Angsthase.
Elijah rief einmal an, um zu fragen, ob wir gut hinübergekommen
waren und wie es so ging. Wir versprachen, uns wenigstens einmal zu
treffen, während wir dort unten waren.
Am Morgen unseres siebten Tages saß ich draußen am Strand,
als die Sonne aufging und wartete auf den Moment, an dem ich wieder
zurück in den Hafen mußte. Wie würden ein paar Meilen
in tiefere Gewässer fahren, um zu sehen, was für Material
wir über Haie kriegen könnten. Tim war scharf drauf, einen
Großen Weißen zu finden. Ich sagte ihm, er sei verrückt.
„Quoten,“ antwortete er. Die Quoten. Wundervoll.
„Morgen, Kleines,“ sagte Sean zärtlich hinter mir
und legte seine Arme um meine Schultern, als er sich zu mir hinab
beugte und meinen Nacken küßte. „Gut geschlafen?“
„Yep.“ Ich lehnte mich an ihn, ein Blick schweifte immer
noch über die heranrollenden Wellen. Wir saßen lange schweigend
da, als sich die Sonne vom Horizont löste. Das taten wir oft
zusammen, zuzusehen, wie die Morgendämmerung ihren Weg über
den Ozean bahnte. Es war egal, ob das vor oder hinter uns geschah.
Es war immer schön und egal, was im Leben geschehen würde,
die Morgendämmerung würde mich immerzu an Sean erinnern.
„Torrie,“ flüsterte er in mein Ohr.
„Hmmm?“
„Ich...“ Eine Pause. Dann, „Ich wollte damit bis
zu unserem letzten Abend hier warten, aber ich will nicht länger
warten.“
Ich sah hinab, als seine Hand einen Moment hinter mir verschwand und
dann wieder auftauchte und ein kleines, samtenes, schwarzes Kästchen
in seiner Handfläche lag. Er klappte es mit seinem Daumen auf
und dort im Satin war, soweit ich das sagen konnte, ein zweikarätiger
Diamant eingebettet, flankiert von zwei halbkarätigen, eckigen
Diamanten, eingefaßt in ein Platinband. Ich konnte nur darauf
starren, als die Benommenheit durch meinen Körper fuhr. Ich konnte
nicht denken. Nicht jetzt.
„Torrie?“ fragte er sanft und wartete irgendwie auf eine
Antwort, das wußte ich.
„Er ist wunderschön,“ konnte ich nur sagen und die
Tränen stiegen mir auf. Das war es, es war Zeit. Und ich war
nicht bereit. Ich hatte es bis dahin nicht begriffen, aber ich war
noch nicht bereit, aufzugeben. Ich konnte mich nicht gehen lassen.
„Torrie, sieh mich an,“ sagte Sean hinter mir. Ich konnte
nicht. „Kleines, bitte?“
Ich sah, wie er den Ring wegsteckte, mich an den Schultern griff und
mein Gesicht zu seinem drehte. Sean legte seine Finger unter mein
Kinn und hob meine Augen zu seinen. Wir starrten einander einfach
nur an, lange Zeit. Ich war erschrocken über den Kummer in seinen
Augen. Er wußte es, bevor ich es tat, glaube ich.
Er strich mein Haar zurück, berührte meine Wange und sagte,
„Die ganze Zeit, in der ich versucht habe, dich ihn vergessen
zu lassen, habe ich keine Erfolg gehabt, nicht wahr?“
Ich sah weg, ich konnte ihn nicht länger ansehen. Er wischte
eine Träne von meiner Wange.
„Ich will nicht, daß du eine Lüge lebst, Torrie.
Das kann ich nicht erwarten. Ich habe dir gesagt, daß ich selbstsüchtig
bin. Ich will all deine Liebe. Dein ganzes Herz. Wenn du mir das nicht
geben kannst, dann sag nein. Jetzt, bevor ich dich und mich in einen
Fehler stürze.“
Ich zuckte zusammen. Ich wollte nicht zugeben, ich hatte dabei versagt,
diese Beziehung am Laufen zu halten, genauso wie ich bei der mit Steve
versagt hatte. Was stimmte überhaupt nicht mit mir? Warum wollte
ich immer etwas anderes? Ich fühlte, wie Sean wieder mein Gesicht
nahm und zu ihm drehte.
„Beantworte mir nur noch eine Frage, Torrie, und beantworte
sie mir ehrlich, egal, wie sehr es schmerzt, okay?
Ich nickte und unsere Blicke kreuzten sich.
„Wenn du morgens aufwachst, an wen denkst du dann?“
Ich schluckte und hatte Angst, es zu sagen, weil ich es mir nie wirklich
eingestanden hatte. „Orli,“ flüsterte ich, und nun
flossen meine Tränen. Verdammt, würde ich denn nie über
ihn hinweg kommen?
Sean nickte nur, schob mein Haar hinter mein Ohr und berührte
mich sanft, zögerte dann einen Moment, als ob er seine Gedanken
ordnen müßte. Ich haßte mich so sehr dafür,
daß ich ihm weh tat. Was für eine Schlampe war ich nur?
Er hatte so viel für mich getan, war immer da gewesen, und so
gab ich ihm die Liebe, die er mir gegeben hatte, zurück. Indem
ich jemand anderen liebte.
„Weißt du, ich habe es immer gewußt,“ sagte
er und sah hinaus aufs Wasser, seine Hände immer noch auf meinen
Schulten. „Wann immer du ihn ansahst, wann immer er zur Sprache
kam. Da war einfach etwas in deinen Augen. Und als wir ihn dann zu
uns geholt hatten... ich glaube, dann bemerkte ich, daß ich
den Kampf verlor. Aber ich wollte dich nicht gehen lassen. Nach dem
Unfall hoffte ich, daß du dich mir zuwenden würdest. Aber
satt dessen schienst du dich mir immer mehr zu entziehen.“
„Sean - “
Er wandte sich wieder mir zu und legte einen Finger auf meine Lippen.
„Shh. Sag es nicht, Torrie. Ich bitte nicht um Erklärungen
oder Entschuldigungen. Ich bin ein erwachsener Mann. Ich habe das
schon mal durchgemacht. Es wird wehtun, aber ich werde darüber
hinweg kommen und weitermachen.“
„Ich wollte dich nie verletzten,“ sagte ich ihm. „Ich
liebe dich wirklich - “
„Ich weiß.“ Er beugte sich vor und küßte
mich. „Und irgendwie reicht das auch. Aber ich kann dich nicht
mit ihm teilen, besonders da ich weiß, daß er den Löwenanteil
hat.“ Er lächelte zärtlich.
Ich schüttele den Kopf. „Ich habe so sehr versucht, ihn
zu vergessen, ihn hinter mich zu bringen. Selbst wenn ich mir sicher
war, daß ich nicht an ihn dachte, tat ich es doch.“
Sean wischte meine Tränen fort. „Torrie, warum sagst du
ihm nicht einfach, was du für ihn empfindest?“
Ich atmete tief ein, entzog mich seiner Umarmung und stand auf. Ich
ging ein Stück weg, starrte wieder auf den Strand und legte die
Arme um mich. Schließlich antwortete ich, „Erst konnte
ich den Gedanken nicht ertragen, seine Freundschaft zu verlieren.
So ein Geständnis hätte die Tiefe unserer Freundschaft behindert.
Ich wußte, daß ich nicht das war, was er wollte. Ich hoffte,
Trophy könnte das sein und daß ich seine beste Freundin
belieben könnte, mich in den Schatten verstecken und ihn bewundern
könnte. Aber dann... nun, etwas passierte und - “
„Ihr habt miteinander geschlafen.“ Das war keine Frage.
Ich drehte mich zu ihm. „Wie hast du - “
„Torrie.“ Sean lächelte. „Jeder hat es gesehen.
Es war die einzige Erklärung für das, was plötzlich
zwischen eure Freundschaft kam, die ihr geteilt habt.“
„Jeder?“ Ich zog ein Gesicht. „Nun, das ist peinlich...
Sean, es tut mir leid. Ich wollte nicht, daß das passiert. Keiner
von uns.“
„Ich weiß.“ Er zuckte mit den Schultern, stand auf
und kam zu mir. „Unfälle passieren. Es war zu erwarten
gewesen, ihr habt zusammen gelebt. Deshalb bist du auch ausgezogen,
richtig?“
Ich nickte.
Sean seufzte, sah einen Moment aufs Wasser und drehte sich dann wieder
zu mir, „Also, was ist denn jetzt deine Entschuldigung?“
„Was meinst du?“
„Ich meine, warum rennst du nicht aus der Tür, stürmst
das Set und schreist zu Orli, was du wirklich fühlst?“
Ich schüttelte den Kopf. „Das könnte ich nie - Sean,
wie in aller Welt soll ich das jetzt tun, wenn ich es vorher nicht
konnte? Es ist nicht so als könnte ich jetzt leichter mit der
Ablehnung umgehen oder so. Er würde nicht... warum lachst du?“
„Jesus Christus, Torrie! Wenn du nicht die starrköpfigste,
dämlichste Frau bist, die ich je getroffen habe!
Ich runzelte die Stirn. „Das war unangebracht. Aber Spaß
beiseite, warum sagst du sowas?“
Sean schüttelte einfach nur seinen Kopf und lachte weiter. Ich
schlug ihn auf den Arm.
„Das ist nicht komisch!“
„Im Gegenteil,“ kicherte er. „Es ist verdammt komisch,
auf eine traurige, irregeführte Art und Weise.“
„Ich verstehe nicht - “
„Torrie, wie kannst du es nur nicht gesehen haben? Wie kannst
du nur die ganzen Monate so blind gewesen sein? Warum glaubst du,
tut er dir so weh? Warum glaubst du, bist du es, den er wählt,
wenn er jemandem weh tun will?“
„Sean - “
„Orli liebt dich, du dummes, kleines Mädchen!“
Ich stand einfach nur da und starrte den Mann vor mir ungläubig
an.
„Hast du mich verstanden?“
„Du hast Unrecht,“ sagte ich und schüttelte den Kopf.
„Das ist nicht möglich.“
„Und warum nicht?“
„Darum.“
„Oh, na das ist ja ein guter Grund. Das sollte ich mir merken.
Das könnte auch eine gute Verteidigung vor Gericht sein. Warum
haben Sie diese Person umgebracht? Darum. Genial, Torrie.“
„Nein, du verstehst nicht. Orli kann mich nicht lieben. Er könnte
mich nicht lieben.“
„Ich glaube wirklich ,daß du den Verstand verloren hast.“
Sean runzelte die Stirn.
Ich entzog mich ihm und wußte nicht, warum ich so erschrocken
war, warum ich die Wahrheit bekämpfte, die mein Herz fühlte.
Tief in mir drin wußte ich, daß er Recht hatte. Ich glaube,
ein Teil von mir hatte es immer gewußt, und deshalb hatte ich
es nie zugelassen. Aber jetzt war da einfach zu viel und ich konnte
mich dem nicht stellen. Also verleugnete ich es.
„Orli könnte mich niemals lieben. Ich bin nicht gut genug
für ihn. Ich bin nicht – Es ist einfach so, es ist unmöglich,
so ist es einfach. Und ich werde mir noch erlauben, darüber auch
nur nachzudenken.“ Sean schien etwas sagen zu wollen, wollte
zu mir kommen, aber ich hielt die Hände von mir und stoppte ihn.
„Nein. Nicht mehr. Ich kann nicht... ich muß zum Hafen.“
„Torrie, du machst mich so langsam wirklich wütend,“
warnte mich Sean.
Ich muß gehen.“ Ich wandte mich ab und eilte ins Haus,
Sean dicht hinter mir. Ich griff meine Tasche, schlüpfte in meine
Schuhe und stand da und wußte nicht, was ich als nächstes
tun sollte.
Sean tauchte hinter mir auf und legte seine Hände auf meine Schultern.
„Torrie, ich lasse dich nicht gehen und mir mein Herz brechen,
nur um zu sehen, daß du und Orli das Glück verleugnen,
das ihr vor euch liegen habt.“
„Glück existiert nicht.“
„Was?“
Ich schüttelte den Kopf und erinnerte mich an Orlis Worte.
„Sag es ihm , Torrie,“ flüsterte er in mein Ohr.
Ich drehte mich ihm zu, meine Augen untersuchten sein Gesicht. „Warum?
Warum tust du das?“
Sean zuckte mit den Schultern. „Ich denke, ich sehe es so, daß
entweder ich glücklich sein kann, und zwei Menschen, um die ich
mich sorge, können ihr Leben damit verbringen, sich elend zu
fühlen, oder ich gehe mit etwas Kummer um und komme schließlich
darüber hinweg und ermögliche diesen beiden Menschen, um
die ich mich sorge, etwas Glück.“
„Er liebt mich nicht, Sean. Ich glaube das nicht. Falls er es
täte, hätte er doch was gesagt – “
„Hast du ihm gesagt, was du empfindest?“
„Nein, aber das ist was anders.“
„Warum?“
Das konnte ich nicht beantworten.
Er lächelte, beugte sich zu mir und küßte mich auf
die Nasenspitze. „Denk darüber nach, wenn du es mußt,
Torrie. Ich will dich nicht wieder hier sehen, bis du Orli gesehen
und ihn gestanden hast, was du empfindest, verstehst du?“
Ich nickte. Ich konnte mich nicht bewegen.
„Dann geh jetzt, Kleines. Ich denke... ich denke, ich brauche
etwas Zeit für mich.“
Ich sah wieder zu ihm hoch und mir kamen wieder die Tränen. „Sean,
ich will nicht – “
„Bitte, geh?“ fragte Sean und umarmte mich noch einmal.
„Wenn du noch länger hier bleibst, werde ich wahrscheinlich
nicht so großzügig bleiben können.“
Ich küßte seine Wange und entzog mich ihm, ging zur Tür.
„Ich... ich werde dich immer lieben, Sean.“
„Ich weiß. Ich dich auch. Und nun raus mit dir.“
Ich lächelte und stürmte aus der Tür.
Aber ich konnte mich nicht dazu bringen, Orli gegenüber zu treten.
Ich ging zum Hafen, bestieg das Boot und wir verbrachten den Tag damit,
nach Haien zu suchen. Wir fanden ein paar – keine Großen
Weißen, Gott sei Dank – drehten etwas Material und Tim
mußte mich zwei Mal an meine Konzentration erinnern. Ich konnte
nicht aufhören, nachzudenken, über Sean, über Orli,
über alles, was passiert war. Mein Herz wollte nicht akzeptieren,
was Sean mir versichert hatte. Ich könnte den Schmerz nicht ertragen,
falls es nicht stimmen sollte. Aber ich konnte jetzt nicht mehr zurück.
Sean würde mich nicht akzeptieren, wenn ich ihm nicht mein ganzes
Herz schenkte, was er sicherlich verdiente, und ich hatte zu viel
Angst, zu Orli zu gehen. Zu viel Angst, daß der Traum, den ich
so lange mit mir herumgetragen hatte, plötzlich zerstört
würde.
Und vielleicht hatte ich auch Angst, daß er schließlich
wahr würde.
Kapitel 17