~ ~ ~ Kapitel 33 ~ ~ ~
Eine einsame Entscheidung
Erste Sonnenstrahlen fielen ins Zimmer und tauchten es in warmes Licht. Die Vögel zwitscherten und begrüßten einen warmen Frühlingstag, während auch Legolas Grünblatt, Thronerbe des Düsterwaldes, langsam erwachte.
Sich streckend drehte sich der Thronerbe um und wollte seine Geliebte an sich ziehen. Doch als seine Hände nach ihrem warmen, schlanken Körper griffen, fassten sie ins Leere.
Verwundert setzte sich Legolas auf und sah sich im Zimmer um. Keiner da. Er lauschte - vielleicht war Shanya ja bereits aufgestanden. Doch er hörte weder ihr vertrautes Summen noch das Plätschern von Wasser, welches in die Wanne lief.
„Shanya?"
Legolas erschrak. Seine Stimme klang verlassen in dem großen Raum. Es war niemand da.
Verwundert sah er noch einmal auf die Stelle des Bettes, an der Shanya jede Nacht lag.
„Bitte nicht", sagte er leise, als er den Brief entdeckte, der auf dem kalten Kopfkissen lag.
Sein Magen zog sich zusammen, als er mit zittrigen Fingern nach dem Pergament griff und es vorsichtig entfaltete. Sein Herz pochte wild in seiner Brust, doch er wusste bereits, dass Shanya nicht mehr da war.
Während er las, bildeten sich Tränen in seinen strahlend blauen Augen und sein Herz wurde schwer.
Das konnte doch nicht wahr sein.
~ * ~ * ~
„Legolas! Da bist du ja endlich!"
Thranduil begrüßte seinen Sohn mit lächelndem Gesicht. Er saß mit Gimli und den Hobbits an einem reichlich gedeckten Frühstückstisch. Wieder einmal hatte der Thronerbe verschlafen, aber man hatte sich dazu entschieden, ihn und seine Verlobte nicht zu wecken. Die Feier war lang und anstrengend gewesen und sicherlich war die Nacht für die Beiden nicht weniger aufregend gewesen.
„Guten Morgen." Legolas erwiderte den Gruß seines Vaters mit dünner Stimme.
„Legolas, ist alles in Ordnung?" Sein Vater sah ihn besorgt an, denn der Thronerbe sah schrecklich blass aus.
Legolas sah zu Boden, als er langsam den Kopf schüttelte. Er wollte all seine Wut und seine Enttäuschung hinausschreien, doch sein Körper war nicht in der Lage, auch nur ein Wort hervorzubringen.
Gimli stand auf und ging auf seinen treuen Freund zu. Es war totenstill im Raum geworden.
„Legolas, was ist mit dir? Wo... wo ist Shanya?" Gimli erhaschte einen Blick in das Gesicht des eigentlich so stolzen Elben, doch was er sah, war nichts anderes als purer Schmerz und reine Verzweiflung. Gimli erschrak und trat näher an Legolas heran.
„Legolas, wo ist Shanya?"
Doch Legolas schüttelte nur den Kopf und reichte Gimli den Brief, den er vor ein paar Minuten gefunden hatte. Dann ging er an ihm vorbei an ein großes Fenster und sah gedankenverloren hinaus in den Düsterwald.
Gimli sah ihm verwirrt hinterher, entfaltete dann jedoch den Brief in seiner Hand und begann, ihn laut vorzulesen.
~ * ~ * ~
Mein geliebter Legolas,
wenn du diesen Brief liest, habe ich den Düsterwald bereits verlassen.
Bitte verzeih' mir, aber ich kann nicht bleiben.
Du hast mein Leben gerettet, doch andere Mädchen leiden und haben nicht das Glück, dass sie einen Elben haben, der ihnen hilft.
Die letzten Wochen, die mir gezeigt haben, wie viel Glück ich hatte, machten mir ebenso deutlich, dass ich eine Verantwortung habe. Ich habe alles im Leben - doch so viele Mädchen und junge Frauen haben nichts von all dem.
Sie leiden, werden versklavt, misshandelt und getötet. Ich kann diese Mädchen nicht im Stich lassen, Legolas. Ich kann nicht so tun, als sei alles in Ordnung.
Ich werde versuchen, so viele Mädchen wie möglich zu retten und die Verantwortlichen für all das Leid zu finden.
Es ist eine Aufgabe, die ich allein zu erfüllen habe. Es ist etwas, was ich erledigen muss, bevor ich in Ruhe an deiner Seite leben kann.
Ich bitte dich, folge mir nicht. Du wirst mich nicht im Düsterwald halten können. Noch nicht.
Ich befürchte, dass du dich an diesen Wunsch nicht halten wirst. Du bist der Thronerbe eines Königreiches und ich deine Braut. Ich kann verstehen, dass du mich an deiner Seite haben willst. Deswegen habe ich dir von meiner Entscheidung auch nichts gesagt. Du hättest mich nie gehen lassen.
Doch ich muss mir selbst beweisen, dass ich ohne dich leben kann. Ich möchte nicht mehr dienen, Legolas. Ich möchte eigene Entscheidungen treffen, ganz frei leben können. Zumindest eine gewisse Zeit.
Mein geliebter Legolas, bitte sei nicht enttäuscht von mir. Ich habe deinen Antrag angenommen, weil ich dich über alles liebe und die Ewigkeit mit dir verbringen möchte. Und das werde ich.
Eines Tages werde ich zurückkehren und ich weiß, du wirst auf mich warten.
Doch wann dieser Tag kommen wird, das kann ich dir nicht sagen. Ich weiß nicht, was mich erwartet. Ich weiß nicht, wie lange ich fort sein werde.
Aber ich trage dich und deine Liebe in meinem Herzen und ich weiß, diese Liebe wird mich am Leben erhalten.
Bitte versuche, mich zu verstehen. Ich kann nicht anders.
Eines Tages werde ich die Königin sein, die du verlangst und die dein Volk braucht. Aber noch bin ich nicht so weit.
Verzeih mir.
Ich werde die Kette, die mich mit dir verbindet, niemals abnehmen.
Ich liebe dich von ganzem Herzen,
Shanya
~ * ~ * ~
Es war totenstill im Raum. Jeder der Anwesenden versuchte, zu verstehen, was soeben geschehen war. Shanya hatte Legolas verlassen. Sie war gegangen.
Dann durchbrach die Stimme des Königs die Stille. „Seht nach, ob ihr Pferd weg ist." Eine Wache eilte daraufhin mit schnellen Schritten hinaus.
„Sie will zurück und diese Mädchen retten? Allein? Das kann nicht ihr Ernst sein." Frodo sah seine Freunde geschockt an, erntete jedoch nur hilfloses Schulterzucken.
Gimli fasste die Befürchtungen der Anderen dann schließlich in Worte: „Sie kann in Mittelerde niemals alleine überleben. Es ziehen noch immer zu viele Orkbanden durchs Land."
„Wo will sie denn überhaupt hin?" Pippin war aufgestanden und ging unruhig auf und ab. Doch keiner hatte eine Antwort auf seine Frage. Mittelerde war groß. Zu groß, um sie einfach so finden zu können.
„Ich werde Wachen hinterher schicken, die sie wieder einfangen sollen." Thranduil war außer sich und hatte seine Stimme erhoben. Er ignorierte das Kopfschütteln seines Sohnes. „Sie ist deine Braut, Legolas! Sie hat nicht kreuz und quer durch Mittelerde zu reisen und sich solchen Gefahren auszusetzen. Sie hat hier an deiner Seite zu sein."
Legolas' Stimme ließ alle zusammenfahren. Sie klang anders als sonst. Härter - nicht mehr so weich und gefühlvoll. „Nein! Es war ihre Entscheidung und sie wird ihre Gründe gehabt haben. Wir waren nie in ihrer Situation. Vielleicht würden wir dasselbe tun. Abgesehen davon wirst du sie nicht einfangen können, Vater. Glaub mir. Keiner unserer Männer würde das schaffen."
„Ach, und wieso nicht?"
Legolas lächelte matt: „Weil ich sie ausgebildet habe."
Die Tür ging auf und eine Wache eilte ins Zimmer. Nach einer schnellen Verbeugung sagte er: „Das Pferd der Kronprinzessin ist nicht mehr da. Allerdings ist auch das Pferd des Dienstmädchens Samin verschwunden, ebenso wie Samin selbst."
Legolas atmete erleichtert aus. „Dann ist sie nicht allein, gut. Samin begleitet sie. Das ist immerhin etwas. Dann haben sie eine Chance."
Wieder herrschte Schweigen.
Nach einer Weile trat Gimli an Legolas heran.
„Willst du wirklich gar nichts tun, mein Freund?"
Legolas schüttelte den Kopf. „Nein, Gimli, ich werde vorläufig nichts tun."
Gedankenverloren sah er hinaus in die Wälder des Düsterwaldes, als er sagte: „Ich kann ihre Motive verstehen, Gimli. Sehr gut sogar. Sie muss diese Aufgabe hinter sich bringen. Allein, um mit der Vergangenheit abschließen zu können. Und daran werde ich sie nicht hindern. Eines Tages wird sie zurückkehren und die Königin sein, die wir uns alle wünschen. Und bis dahin begleite ich sie in Gedanken."
~ * ~ * ~
Legolas stand an jenem Tag noch lange am Fenster und sah hinaus in den Düsterwald.
Shanya war gegangen. Hatte ihn verlassen und dem Düsterwald den Rücken gekehrt - vorläufig.
Wie gerne hätte er Arod satteln lassen und wäre ihr hinterher geritten. Doch er wusste, dass er sie so nicht zurückbekam.
Es war, wie Shanya geschrieben hatte: sie hatte diese Aufgabe allein zu erfüllen. Er konnte und durfte ihr dabei nicht helfen.
Und dennoch lächelte Legolas, als sich der Tag dem Abend näherte, denn ihm war etwas klar geworden: er hatte Shanya zu dem gemacht, was sie war. Eine starke Elbin, die ihren Weg finden und alleine beschreiten wollte.
Und Legolas wusste: ihr Weg würde irgendwann zurück in den Düsterwald führen.
Ganz bestimmt.
~ ~ ~ tbc ~ ~ ~
Epilog