~ ~ ~ Kapitel 30 ~ ~ ~
Gib mir deine Hand
Die Sonne schien. Es war warm und die Vögel zwitscherten. Legolas sah sich um. Nie war er an einem schöneren Ort gewesen. Es herrschte absoluter Frieden und von nirgendwo drohte Gefahr. Langsam dämmerte Legolas, wo er sich befand. Das war der Ort, von dem Shanya geträumt hatte. Er war in einem Wald, hohe Bäume ragten in den Himmel.
Legolas' Ohren vernahmen sanftes Wassergeplätscher und er ging in diese Richtung. Es dauerte nicht lange und er war an einem kleinen Wasserfall angelangt, der in einem ruhigen Teich mündete. Sattes, grünes Gras umspielte seine Beine, während er sich hilflos umsah. Wo war sie nur? Er konnte doch nicht den ganzen Wald absuchen. So viel Zeit hatte er nicht.
„Was willst du hier?"
Shanyas Stimme durchbrach die Stille. Legolas wirbelte erschrocken herum und suchte seine Gefährtin. Er konnte sie nirgends entdecken.
„Ich bin hier oben."
Seine Augen wanderten nach oben und dort saß sie tatsächlich. Shanya hatte sich auf einen dicken, stabilen Ast gesetzt, ihre Beine baumelten in der Luft. Sie trug ein langes, eng anliegendes silbernes Kleid, welches ihre Figur umspielte. Es war tief ausgeschnitten, allerdings sehr schlicht gehalten und die Ärmel wurden zu den Händen hin weiter. Sie war barfuss, ihre Haare waren offen und fielen ihr in langen Wellen über den Rücken. Ihre Augen blitzten ihn an. Sie sah wunderschön aus.
„Shanya. Ich... Wie geht es dir?"
Legolas trat näher an den Baum heran. Schon bald stand er nur wenige Meter entfernt unter ihr und sah zu ihr nach oben.
Shanya sah hinüber zum Wasserfall, der ruhig vor sich hinplätscherte und absolute Ruhe ausstrahlte. Sie schien zu überlegen. Dann zuckte sie mit den Schultern: „Gut, denke ich."
„Shanya, was... was tust du denn hier?"
„Ich weiß es nicht."
„Warum bist du dann hier?"
„Weil es sich richtig anfühlt."
Legolas ging noch etwas näher an sie heran und hielt ihr seine Hand entgegen.
„Bitte gib mir deine Hand."
Shanya hätte sich nur herunterbeugen müssen und sie hätte seine Hand ergreifen können. Doch stattdessen sah sie ihn noch nicht einmal an. Ihr Blick war noch immer auf die Umgebung gerichtet.
„Ist es nicht wunderschön hier?"
„Ja, Shanya, hier ist es wunderschön. Aber bitte gib mir nun deine Hand."
„Hast du so etwas Schönes schon mal gesehen?"
„Shanya, bitte."
Nun endlich sah sie ihn an. Traurigkeit hatte sich in ihren Blick gezogen, als sie ihm leise gestand: „Ich will hier nicht weg."
Legolas spürte, wie sich sein Herz zusammenzog. Angst zog sich in seine Gedanken, als er sich bemühte, ruhig zu bleiben. Er lächelte sie an.
„Shanya, du kannst nicht hier bleiben."
„Wieso nicht?"
„Weil das hier nicht die wahre Welt ist. Es sind nur deine Gedanken, deine Wünsche. Diesen Ort gibt es nicht."
„Wie kannst du so etwas sagen? Ich bin doch hier. Du bist auch hier!"
„Weder du bist hier, noch bin ich es. Ich meine, wir sind nicht wirklich hier. Shanya, unsere Körper sind in Bruchtal. Wir liegen in einem großen Bett und du liegst in meinen Armen. Wir schlafen beide. Und unsere Freunde warten darauf, dass wir wieder aufwachen. Aber dafür musst du mir deine Hand geben."
„Ich verstehe das nicht. Ich bin doch hier."
„Deine Gedanken sind hier. Dein Körper ist es nicht."
„Aber wenn es mein Traum ist, wieso bist du dann hier?"
„Gandalf hat mich mit Magie hergebracht. Shanya, bitte, das alles ist jetzt unwichtig. Wir haben nicht mehr lange Zeit. Jetzt gib mir bitte deine Hand. Lass uns nach Hause gehen."
Shanya sah ihn verständnislos an. „Zuhause? Wo ist das? Ich habe kein Zuhause."
Legolas erwiderte ihren Blick. „Ich kann dir ein Zuhause geben."
Shanya lächelte, als sie langsam den Kopf schüttelte. „Kannst du das wirklich, Legolas? Du verlangst von mir, dass ich diesen Ort verlasse und in die wahre Welt zurückkehre. Aber wieso soll ich in eine Welt zurückkehren, die für mich nichts anderes übrig hatte, als Qualen, Schmerz, Unverständnis und Pein?"
Legolas ließ seine Hand langsam sinken. Traurig sah er sie an, denn sie hatte völlig Recht: „Hast du all die schönen Stunden vergessen, die wir miteinander verbracht haben? Erinnerst du dich nicht mehr an den Ball? Weißt du nicht mehr, wie du die Herzen Aller erobert hast? Nur durch deine Art? Weißt du nicht mehr, wie du mein Herz erobert hast? Denkst du gar nicht mehr an unsere gemeinsame Nacht? Wie wir uns geliebt haben?" Legolas sah, wie Shanya verzweifelt die Augen schloss und er schöpfte neue Hoffnung. Vielleicht kam er so an sie heran. „Liebling, soll das wirklich die einzige Nacht gewesen sein? Es gibt noch so viel, was ich dir zeigen kann. Shanya, ich möchte dich lieben, bis ans Ende unser beider Leben."
„Ist diese Nacht das Einzige, woran du denkst? Legolas, du tust so, als würdest du mich kennen! Aber das tust du nicht! Du hast keine Ahnung, wer ich bin! Du weißt doch noch nicht einmal, wann ich Geburtstag habe!" Shanya wurde wütend. Tränen hatten sich in ihren Augen gebildet.
Legolas senkte beschämt den Blick. Sie hatte ja völlig Recht. Er wusste wirklich nicht viel über sie. „Wann hast du Geburtstag?"
„Ach! Jetzt auf einmal! Und vermutlich fragst du mich als nächstes noch, was ich gerne esse und so weiter. Wenn wir schon mal dabei sind, Legolas - wie alt bist? Wann hast du Geburtstag? Hast du Geschwister? Was isst du gerne? Merkst du denn nicht, dass wir uns völlig fremd sind?"
Legolas erwiderte darauf gar nichts. Er wartete.
Dann, nach einer Weile, hieß es leise: „Ich habe am 7. Mai Geburtstag, diesen Tag aber noch nie gefeiert. Ich liebe Tiere, wilde Raubkatzen ganz besonders. Ich mag Bäume und Wälder. Ich gehe nicht gern in tiefes Wasser, weil ich nicht gut schwimmen kann. Was ich überhaupt nicht mag, ist gekochtes Fleisch."
Legolas lächelte. „Du hast Fleisch gegessen."
„Ja, aber das war ja nicht gekocht. Sondern gebraten. Dann mag ich das."
„Achso."
Wieder Stille.
„Shanya, kommst du mit mir? Ich werde dir alles über mich erzählen, was du wissen möchtest, aber ich lebe nun schon beinah 3000 Jahre. Ich habe viel zu erzählen, das kann ich hier nicht tun."
„Hast du Geschwister?"
„Nein."
„Wann hast du Geburtstag?"
„Am 23. Juli."
„Hmm."
Stille.
„Hast du... hast du jemals so gelitten wie ich?"
Shanya sah direkt in seine blauen Augen, während er nach einer Antwort suchte. Dann sagte er wahrheitsgemäß: „Nein. Ich gebe zu, du hast mit deinen 22 Jahren mehr Schmerzen erlitten als ich mit beinahe 3000 Jahren. Du darfst aber nicht immer nur zurückblicken. Shanya, sieh nach vorne. Vor dir liegt die Ewigkeit."
„Und was soll ich mit der Ewigkeit anstellen?"
„Du könntest sie mit mir verbringen. Du weißt, dass ich dir all das geben würde, was du brauchst, was du begehrst."
„Ja, aber du kannst es auch nicht ungeschehen machen."
Legolas sah ihr an, dass ihre Gedanken wieder zu Thramos wanderten. Sie schien ganz in Erinnerungen versunken.
„Shanya?"
Langsam schüttelte sie den Kopf: „Wenn er mir einen Grund gegeben hätte, warum er all das getan hat. Wenn er mir nur hätte erklären können, warum ich all das erleben musste."
„Shanya, ich kann dir keinen Grund für die Taten deines Onkels geben, aber ich kann dir einen Grund geben, mir deine Hand zu geben."
„Welchen?"
„Liebe."
Legolas hob langsam wieder die Hand, während er ihr direkt in die Augen sah. „Shanya, ich liebe dich. Von ganzem Herzen. Das weißt du. Bitte, lass mich nicht allein. Komm zurück zu mir."
Tränen liefen stumm ihre Wangen hinab. „Ich..."
„Shanya, bitte. Lass deinen Onkel nicht gewinnen. Wenn du jetzt aufgibst, dann hat er dich am Ende doch gebrochen. Und das willst du doch nicht, oder?"
Shanya schwieg und das machte Legolas plötzlich doch wütend. Er spürte, wie sein Körper schwächer wurde. Gandalf konnte ihn nicht mehr lange auf dieser Ebene halten, er wusste das. Und Shanya entglitt ihm.
Seine Stimme wurde lauter, als er näher an sie herantrat: „Willst du deinen Onkel gewinnen lassen?"
Sie schwieg. Tränen rannen über ihre Wangen, während sie den Blick gesenkt hatte. Sie wagte es nicht, ihn anzusehen.
„Shanya! Willst du deinen Onkel wirklich gewinnen lassen?" Legolas schrie Shanya nun schon bald an und das tat ihm auch Leid. Aber anders konnte er die Mauer, die sie um sich herum aufgebaut hatte, nicht brechen. Das wusste er.
„Shanya, verflucht noch mal! Sieh mich an!"
Sie reagierte nicht. Sein Körper wurde schwächer.
„Sieh mich an!"
Er schrie. Sie reagierte. Sie sah ihn an.
„Willst du ihn gewinnen lassen?"
Sie schüttelte den Kopf.
„Dann gib mir jetzt endlich deine Hand!"
~ * ~ * ~
Langsam näherte sich Shanyas Hand der ihres Geliebten. Legolas hätte sie bereits ohne Probleme ergreifen können. Aber dennoch wartete er, bis Shanya ihre Hand nach einigen Sekunden des Zögerns doch freiwillig in seine legte. Erst, als er die warme Haut an seinen Fingern spürte, schloss sich seine Hand fest und unbarmherzig um ihre und er zog sie mit einem Ruck vom Baum hinunter.
Mit einem überraschten Schrei fiel sie ihm direkt in die Arme und auch Legolas verlor das Gleichgewicht.
Doch sie schlugen nicht auf dem Boden auf.
Sie fielen.
Legolas' Arme schlossen sich um Shanyas Taille, während auch sie sich an ihn klammerte.
Plötzlich verlangsamte sich ihr Sturz. Alles drehte sich um sie herum, als sie sich ihren eigenen Körpern näherten. Dann war alles vorbei - von einem Augenblick auf den anderen.
~ * ~ * ~
Legolas und Shanya erwachten beide gleichzeitig. Während Legolas wusste, wo er war, war Shanya völlig orientierungslos. Lord Elrond hatte sich sofort zu ihr begeben und sprach beruhigend auf sie ein, während sich Gandalf um Legolas kümmerte.
Mit weit aufgerissenen Augen und völlig verängstigt versuchte Shanya, immer weiter von Elrond wegzurutschen, der ihr immer näher kam. „Shanya, bitte beruhigt Euch. Es ist alles In Ordnung."
Shanya drehte sich von Elrond weg, als der nach ihr greifen wollte und landete direkt in Legolas' Armen. Sofort umschloss dieser ihren Körper mit seinen Armen und hielt sie fest.
Seine leise Stimme drang an ihr Ohr. „Shanya, Liebling, es ist alles in Ordnung. Du hast es geschafft. Es wird alles wieder gut. Er hielt sie in den Armen und Shanya beruhigte sich langsam.
Sie sah sich im Zimmer um. Neben ihrem Bett standen alle vier Hobbits, Gimli und Aragorn waren auch da, ebenso wie Samin. Alle waren da und lächelten sie an. Auch ein großer weißhaariger Mann mit einem langen Bart war da. Das musste wohl Gandalf sein.
Ihr Blick suchte den von Legolas, der noch immer halb auf ihr lag und sie eingehend betrachtete.
„Ist es vorbei?"
Legolas lächelte und nickte dann. „Ja, es ist vorbei."
In Shanya machte sich Erleichterung breit und sie spürte Tränen in sich aufsteigen. Alles brach in diesem Moment über sie herein. Sie hatte die Misshandlungen ihres Onkels überlebt, sie hatte sich nicht brechen lassen. Und dennoch fühlte sie sich so hilflos. Legolas hielt sie fest, während sie weinte und sich an ihn klammerte.
Aragorn und Gimli sahen sich an und nickten. Die Gefährten verließen den Raum und ließen Legolas und Shanya allein.
Hier waren sie nun fehl am Platz.
~ ~ ~ tbc ~ ~ ~
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Kapitel 31 ab 18 Jahren