~ ~ ~ Kapitel 3 ~ ~ ~
„Zum Falken“
Gimli und Legolas näherten sich mit der bewusstlosen Frau dem Gasthaus. Es hieß „Zum Falken“. Es war nicht besonders groß. Es war ein Holzhaus, welches sich im Laufe der Jahre dunkel verfärbt hatte und war von einer Art Veranda umgeben. Neben dem Hauptgebäude stand eine etwas kleinere Scheune. Diese schien nicht so alt zu sein wie das Gasthaus selbst. Ein alter und struppiger Hund lief frei herum und begrüßte die Neuankömmlinge mit lautem Bellen. Legolas und Gimli kümmerten sich nicht weiter um ihn und gingen zum Gasthaus weiter. Gimli trat vor und öffnete die Tür. Sie traten ein und fanden sich in der Stube wieder.
Legolas wunderte sich. So ordentlich hatte er es hier nicht erwartet. Der Hof war etwas verwildert, hier drinnen aber war es zumindest sauber. Gemütlich weniger, aber sauber.
„Hallo? Ist hier jemand?“, rief Gimli und sah sich ebenfalls um. Eine Treppe führte nach oben in ein weiteres Stockwerk. Auf einmal hörten sie von dort stapfende Schritte und eine tiefe Stimme schallte nach unten: „Shanya! Wo zum Donnerwetter bist du so lange geblieben? Denkst du, das Essen kocht sich von allein?“ Thramos hatte seit zwei Stunden auf seine Nichte gewartet. Sie hatte noch einiges zu erledigen. Die Gästezimmer mussten noch hergerichtet werden und das Abendessen stand auch noch nicht auf dem Tisch. Mit einem wütenden Knurren zwischen den Zähnen erschien er auf der Treppe. Dort blieb er überrascht stehen. In der Stube stand ein Elb, der seine Nichte auf dem Arm trug. Neben ihm stand ein Zwerg. Herrlich, ein Zwerg und ein Elb. Schlimmer konnte der Tag nicht enden. Nun musste er sich auch noch mit diesen Kreaturen abgeben. „Wer seid Ihr?“ Diese Frage war einfach und selbst ein Elb konnte sie beantworten.
Legolas seufzte. Schon wieder ein Mensch, der Elben nicht ausstehen konnte. Das spürte er sofort. „Ich bin Legolas Grünblatt und das hier ist Gimli, Gloins Sohn. Wir haben dieses Mädchen vor einer Horde Orks gerettet. Ihr wisst nicht zufällig, wer sie ist und wo sie hingehört, mein werter Herr?“ Legolas bemühte sich, freundlich zu bleiben. Er mochte diesen Mann instinktiv nicht, aber noch gab es keinen Grund, diese Abneigung zu zeigen. Elben waren da anders als Menschen. Legolas betrachtete den Mann, der nun die Treppe hinunter kam. Er war zwar recht groß, an die Größe des Elben kam er allerdings nicht heran. Er sah schmierig aus und schien nicht viel von Körperhygiene zu halten. Seine Haare waren ungepflegt und fettig. Ein stoppeliger Bart zierte sein unfreundliches Gesicht und es machte den Anschein, als ob er gerne die eine oder andere Nacht als Gast in seiner eigenen Bar verbrachte.
Thramos sah an Legolas, den er zuvor genauso auffällig gemustert hatte, herunter und sein Blick fiel auf seine Nichte. Sie war noch immer bewusstlos. Er grinste den Elben frech an. „Das ist Shanya und sie gehört hierher. Sie ist meine Nichte. Ich bin Thramos, der Herr des Hauses.“ Er betrachtete ihr Gesicht etwas genauer. Sie sah schlimm aus. Anscheinend war sie verprügelt worden. Blut und Dreck hatten sich vermischt und waren dann getrocknet. Thramos lachte in sich hinein. Noch vor einer Woche hatte sie genauso ausgesehen. Allerdings war das kein Ork gewesen.
Sein Blick fiel auf den Elben, der ihn mit grimmigem Gesicht misstrauisch musterte. „Nun gut, danke, dass Ihr sie gerettet habt. Und nun gebt sie mir.“ Thramos trat vor und wollte Shanya an sich nehmen, aber Legolas dachte gar nicht daran, ihm das Mädchen zu überlassen. Schnell sprang er leichtfüßig ein paar Schritte zurück. Das Gewicht in seinen Armen schien ihm rein gar nichts auszumachen. Schützend drückte er das verletzte Mädchen an sich. Auch wenn dieser Mann ihr Onkel war – Legolas spürte, dass von ihm Gefahr ausging.
„Verzeiht, mein Herr. Aber ich bestehe darauf, mich selbst um sie zu kümmern. Eure Nichte ist verletzt und braucht Hilfe. Ich kenne mich in der Heilkunst aus. Bitte zeigt mir ihr Gemach, damit ich sie dort niederlegen und versorgen kann. Des Weiteren gedenken ich und mein Gefährte, für ein paar Tage Eure Gäste zu sein. Euer Gasthaus wurde uns sehr empfohlen.“ Es kostete Legolas einiges an Überwindung, so höflich zu sein. Aber alles in ihm sträubte sich bei dem Gedanken, Shanya mit diesem Mann allein zu lassen. Sicher, vielleicht irrte er sich und es war alles in Ordnung. Aber davon wollte er sich selbst überzeugen.
Thramos war ganz und gar nicht begeistert von der Idee, einen Elben zu beherbergen. Vor allem diesen Elben! Er war Ringkämpfer und seine Taten waren legendär. Ebenso wie die des Zwergen. Allerdings konnte er ihr Geld gut gebrauchen. Und Zwerge waren dafür bekannt, dass sie viel aßen und tranken. Also gab er sich geschlagen und sagte: „Also schön, wenn Ihr meint. Folgt mir.“
Gimli sah Legolas an. Dieser nickte und die beiden folgten Thramos in Shanyas Gemach. Es war klein und spartanisch eingerichtet. Legolas konnte nicht eine persönliche Note erkennen. Er ging zu ihrem Bett und legte das Mädchen vorsichtig nieder. Zu Thramos sagte er: „Bitte bringt mir Handtücher und heißes Wasser.“
Thramos wurde sah ihn entgeistert an. Er sollte tun, was ein Elb ihm sagte? Das wurde ja immer schöner!
Er trat an Shanya heran und nahm ihr Gesicht in eine Hand. Legolas ließ ihn dabei nicht aus den Augen. Nach einer kurzen Betrachtung sagte er: „Sie wird das schon überleben. Lasst sie hier liegen. Wenn sie aufwacht, wird sie sich schon melden.“ Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.
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„Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ Gimli konnte nicht glauben, was er eben gehört hatte. So viel Gleichgültigkeit war ihm schon lange nicht mehr untergekommen. Legolas schüttelte den Kopf und begann, Shanya die noch immer feuchten Sachen auszuziehen. Seine Stimme klang leise, als er sich an Gimli wandte: „Gimli, bitte sieh nach, ob du irgendwo Handtücher und heißes Wasser findest. Ich muss ihre Wunde auswaschen.“
Gimli nickte traurig. Das Mädchen tat ihm leid. Anscheinend war sie ganz allein auf dieser Welt. Vermutlich hätte niemand um sie getrauert, wenn sie heute gestorben wäre. Diese Gedanken beschäftigten den Zwerg, als er das Zimmer verließ und sich auf die Suche nach dem Badezimmer machte.
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Shanya erwachte langsam. Sie spürte, wie jemand ihr Gesicht abtupfte. Eine Weile lag sie nur da und spürte die sanften Berührungen. Als sie endlich genügend Kräfte gesammelt hatte, um ihre Augen öffnen zu können, blickte sie in das freundliche Gesicht eines Mannes. Shanya blinzelte ein paar Mal. Dann erkannte sie, dass es sich bei dem Mann um einen Elben handelte. Neugierig betrachtete sie ihn.
Dieser erwiderte ihren Blick und lächelte: „Guten Abend, junge Dame. Wie fühlt Ihr Euch?“
Shanya sah ihn irritiert an, Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Dann entdeckte sie den Zwergen, der neben dem Elben stand.
„Wer seit Ihr?“, fragte sie mit zittriger Stimme.
„Ich bin Legolas Grünblatt und das hier ist Gimli, Gloins Sohn. Wir haben Euch gerettet, als Ihr angegriffen wurdet. Erinnert Ihr Euch?“
Shanya sah den Elben an, als der sich neben sie setzte und nickte zaghaft. Das waren also die beiden Gestalten, die sie gesehen hatte. Noch immer betrachtete sie den Elben neugierig. Seit dem Tod ihres Vaters hatte sie keinen Elben mehr zu Gesicht bekommen. Er hatte tiefblaue Augen und sein Gesicht war makellos. Selbst im Sitzen sah man ihm Stolz und Mut, aber auch Gutmütigkeit und Klugheit an. Dann stutzte die plötzlich. Was hatte er gesagt? Legolas war sein Name?
„Seid… seid Ihr der Ringkämpfer?“, fragte sie leise.
Legolas nickte. „Ja, der bin ich. Und Gimli hier gehörte auch zur Ringgemeinschaft.“
Shanya sah den Zwerg leicht lächeln. „Was… was tut Ihr denn in dieser Gegend?“
„Wir sind auf dem Weg nach Minas Tirith“, antwortete der Elb ruhig. Shanya nickte und betrachtete ihn weiter.
Er hatte die Ausstrahlung, die man von dem Sohn eines Königs erwarten würde. Zahllose Geschichten und Legenden drehten sich um die Ringgefährten und auch um den einzigen Elben dieser Gemeinschaft. Allerdings waren es zumeist bösartige Geschichten gewesen – sie wurden von Menschen dieser Gegend erzählt.
„Wir haben Euch hierher gebracht, weil wir nicht wussten, wer Ihr seid“, berichtete Legolas weiter. „Wir konnten ja nicht ahnen, dass der Wirt dieses Hauses Euer Onkel ist, Shanya.“
Als Legolas auf ihren Onkel zu sprechen kam, wurde Shanya schlagartig hellwach. Ihr Onkel! Die Gästezimmer! Die Wäsche! „Oh nein“, dachte sie. Dafür würde es bestimmt Prügel geben. Schnell sprang sie aus dem Bett und eilte zum Schrank, um sich frische Sachen herauszuholen. Die protestierenden Einrufe des Elben und des Zwergen ignorierte sie ebenso wie das Pochen ihres Kopfes.
„Ich danke Euch, dass Ihr Euch um mich gekümmert habt. Aber ich habe noch einiges zu erledigen“, sagte Shanya, während sie sich voller Eile anzog, ihre Haare hochsteckte und zur Tür eilte.
Dort wurde sie von Legolas aufgehalten, der nach ihr griff und sie festhalten wollte. Seine Berührung war keinesfalls schmerzhaft gewesen und doch wich Shanya erschrocken zurück. Ihre Augen waren weit aufgerissen und sie starrte den Elben völlig überrascht und irritiert an. Dieser hatte sich sofort zurückgezogen und war einige Schritte zurückgetreten.
Er sah sie an. Seine Stimme klang ganz ruhig. „Ihr braucht Ruhe, Shanya. Ihr könnt heute auf keinen Fall mehr arbeiten. Euer Onkel wird das sicher verstehen.“
Irgendetwas in seinem Blick fesselte sie. Was es war, wusste sie nicht. Vielleicht allein die Tatsache, dass er sie nicht voller Wut und Verachtung anfunkelte. In seinem Blick lag vielmehr Sorge und Mitgefühl. Etwas, was sie schon seit Jahren nicht mehr erlebt hatte.
„Ich danke Euch für Eure Hilfe, Eure Hoheit“, antwortete Shanya traurig. „Aber Ihr kennt meinen Onkel nicht.“
~ ~ ~ tbc ~ ~ ~
Kapitel 4