~ ~ ~ Kapitel 29 ~ ~ ~
Der elbische Heilschlaf
Nach etlichen Tagen und Nächten erreichte die Gruppe um Legolas und Shanya schließlich die Wälder Bruchtals. Shanya hatte in den letzten Tagen viel von ihrer Kraft eingebüßt und war mittlerweile kaum noch ansprechbar.
Legolas machte sich die größten Sorgen um sie und war froh, als er Arod nun endlich auf den Platz treiben konnte, auf dem die Ringgefährten vor beinahe sieben Jahren ihre Reise zum Schicksalsberg begonnen hatten.
Bereits von weitem hatte er Lord Elrond und Gandalf entdeckt, die nun auch schon mit schnellen Schritten auf ihn zugeeilt kamen.
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Legolas hielt Shanya in seinen Armen, als Elrond und Gandalf an Arod herantraten. Er gab Shanya in die Hände eines Heilers, der neben Arod stand. Man hob Shanya von Arod herunter und legte sie sanft zu Boden. Legolas saß ebenfalls ab und gesellte sich dazu.
Elrond sagte nicht einen Ton, als er sich zu Shanya hinunterbeugte und ihre Verletzungen betrachtete. Ihre Bauchwunde hatte sich schwer entzündet. Shanya hatte hohes Fieber, schien aber dennoch zu frieren und kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn. Sie hatte die Augen geschlossen und ihr Atem ging schwer. Immer wieder gab sie wimmernde Geräusche von sich und zuckte keuchend zusammen.
Elrond sah Gandalf an, der stumm nickte, an Legolas' Seite trat und ihm eine Hand auf die Schulter legte. Gemeinsam beobachteten sie, wie Elrond Shanya in der alten traditionellen Sprache zu beruhigen versuchte. Zitternd schlug Shanya die Augen auf, doch es war offensichtlich, dass sie nicht einen der Umstehenden erkannte. Zu sehr hatte das Fieber sie geschwächt.
Elrond gab seinen Dienern ein Zeichen. „Bringt sie in die vorbereiteten Gemächer."
Legolas sah zu, wie ein Elb Shanya hochhob und in Richtung des Palastes trug. Er wollte folgen, doch Elrond stellte sich ihm in den Weg.
„Legolas, Ihr könnt nicht mit."
Legolas verstand nicht. „Aber..."
„Kein aber. Ihr könnt Ihr jetzt nicht helfen und mir würdet Ihr nur im Wege stehen. Ihr seht müde aus. Legt Euch ein bisschen hin und ruht Euch aus. Ich werde Euch rufen lassen, wenn ich denke, dass einem Besuch nichts entgegensteht."
Damit drehte Elrond sich um und verschwand in Richtung des Palastes.
Gandalf trat an Legolas heran. Der Elb sah fürchterlich aus. Er hatte vermutlich seit Tagen nicht geschlafen und die Sorge um seine Gefährtin stand ihm tief ins Gesicht geschrieben. Seine Augen waren von dunklen Rändern gezeichnet und seine Wangen waren eingefallen.
„Lord Elrond hat Recht, Legolas. Du musst dich ausruhen."
Gandalf hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass der Thronerbe des Düsterwalds dem so einfach zugestimmt hätte. Und Legolas reagierte auch genau so, wie der Zauberer es erwartet hatte.
Mit einem wütenden Gesicht wollte er Elrond hinterher. „Ich denke ja gar nicht daran."
Gandalf wartete, bis Legolas ein paar Meter von ihm entfernt war. Dann hob er seinen Zauberstab, zeigte damit in die Richtung des Elben und murmelte etwas in einer Sprache, die weder Aragorn, noch Gimli oder einer der Hobbits verstand. Ein goldener Lichtstrahl traf den Ringkrieger mitten in den Rücken.
Mit einem einzigen kleinen Seufzer fiel der Elb zu Boden und blieb regungslos liegen.
„Um Himmels Willen, Legolas!" Gimli rannte zu Legolas hinüber und drehte ihn vorsichtig auf den Rücken. Die Augen des Prinzen waren geschlossen, seine Atmung ging tief und regelmäßig.
Gimli sah den Zauberer an: „War das wirklich nötig?"
„Ja, das war es. Er ist im Moment nicht in der Lage, klug zu handeln. Sein Körper hat nun die Möglichkeit, Kräfte zu sammeln und sich zu erholen. Er wird so lange schlafen, wie sein Körper es für nötig hält."
Gandalf wies zwei Elben an, den schlafenden Legolas in sein Gemach zu tragen und gab ebenfalls den Befehl, dass ein Heiler nach ihm sehen und versorgen sollte. Gimli folgte ihnen mit grimmigem Gesicht: „Da bleib ich aber besser bei."
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Shanya fühlte, wie sie mit schnellen Schritten irgendwo hin getragen wurde. Aber etwas war anders. Es war nicht Legolas, der sie trug. Sie kannte den Griff ihres Elben und der Mann, der sie nun hielt, fühlte sich anders an und roch auch anders. Sie bekam Angst, konnte aber nichts tun. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, die Augen offen zu halten.
Sie wurde in weiche Kissen gelegt. Sie merkte, wie man ihr die Kleidung auszog. Der mit Blut und Eiter getränkte Verband ihrer Stichwunde wurde entfernt. Shanya spürte die kalte Herbstluft an ihrer Wunde, welche pochte und brannte.
Sie fror. Sie hatte Angst. Das war alles nicht richtig. Sie versuchte, die Augen zu öffnen, doch sie brachte nur ein schwaches Blinzeln zustande. Legolas war doch vor ein paar Minuten noch da gewesen. Wo konnte er denn nun nur sein? Zu viele Hände griffen nach ihr, auch wenn man ihr nicht wehtat. Im Gegenteil - die Berührungen der Elben taten Shanya gut. Sie roch Kräuter und der Duft von blumigen Ölen lag in der Luft.
Shanya spürte, wie jemand eine Hand unter ihren Kopf schob und ihr einen Becher an die Lippen legte. Shanya bemerkte den unangenehmen Geschmack und verzog angewidert das Gesicht. Sie versuchte, den Kopf wegzudrehen, doch derjenige, der sie festhielt, zeigte keine Gnade. Shanya war nicht in der Lage, Widerstand zu leisten und trank ergeben.
Ein seltsames Gefühl zog sich durch ihren Körper, als die Halbelbin von Lord Elrond in den elbischen Heilschlaf versetzt wurde. Eine Wärme zog sich durch ihre Gliedmaßen, wie sie sie noch nie gespürt hatte. Sie hörte sanft gesprochene elbische Wörter, doch es war nicht Legolas, der diese Worte sprach.
„Legolas..." Ihre Stimme brach, als sie immer weiter in die Tiefen des Heilschlafes gerissen wurde.
Lord Elrond saß neben ihr. Seine Hand strich über ich blondes Haar. „Ruhig, Shanya. Legolas wird da sein. Entspannt Euch. Alles wird gut."
Doch Shanya hörte ihn bereits nicht mehr.
Sie schlief.
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Legolas erwachte nach beinahe zwei Tagen Schlaf körperlich zwar völlig erholt, aber mit allerlei Wut im Bauch. Was erlaubte sich dieser Zauberer eigentlich? Legolas legte ja wirklich nicht oft Wert auf seine Stellung, aber er war nun mal ein Thronerbe und würde in absehbarer Zukunft König werden. Und so jemanden verzaubert man nicht einfach so!
Gimli betrat das Gemach des Elben, als dieser sich grade anzog.
„Oh, gut, du bist wieder wach!"
Legolas' Antwort bestand in einem einzigen gemurmelten Grummeln, während er in seine Hose schlüpfte und seine Tunika überzog.
„Wo ist Shanya? Wie geht es ihr?"
„Sie schläft noch immer. Aber es geht ihr besser. Komm mit, ich bring dich zu ihr."
Legolas nickte und hüpfte Gimli auf einem Bein hinterher, da er sich seine Stiefel im Gehen anziehen wollte. Gimli bemerkte dies. „Legolas, so viel Zeit haben wir wohl noch."
„Neenee, geht schon. Geh nur, ich folge dir."
Gimli schüttelte seufzend den Kopf und führte einen hüpfenden und stolpernden Legolas durch die Flure des Palastes bis hin zu Shanyas Gemach.
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Als Legolas das Zimmer betrat, erwarteten ihn bereits die Hobbits, Aragorn, Samin, Elrond und auch Gandalf. Den Zauberer belegte der Thronerbe mit einem bösen Blick, allerdings wurde sein Gesichtsausdruck augenblicklich wieder weich, als er Shanya erblickte.
Sie lag in einem großen Bett und schlief. Legolas setzte sich neben sie und betrachtete sie. Sie sah viel besser aus als noch vor ein paar Tagen. Die Wunden in ihrem Gesicht waren verschwunden, es hatte wieder eine normale Färbung angenommen und kein getrocknetes Blut klebte mehr in ihren Haaren. Er schlug die Bettdecke zurück. Shanya hatte ein leichtes Nachthemd an. Legolas legte seine Hand auf ihre rechte Schulter. Sie war völlig geheilt. Legolas sah weiter an ihr hinunter und schob ihr Nachthemd leicht nach oben. Ihre Stichwunde war mit weichen Tüchern bedeckt. Legolas hob diese vorsichtig hoch und staunte. Die Stichwunde war beinah völlig verheilt. Man hatte sie genäht, Legolas konnte noch die Fäden sehen.
Auch ihre Rippenbrüche waren anscheinend geheilt, zumindest zogen sich keine blauen Flecken und Blutergüsse mehr über ihren Oberkörper.
Der Elb deckte seine Geliebte wieder zu und beugte sich dann zu ihr hinunter. Zärtlich legte er seine Lippen auf ihre und lächelte. Sie waren wieder so weich und zart, wie sie gewesen waren, bevor Thramos seine Wut an ihr ausgelassen hatte.
„Shanya. Hörst du mich? Ich bin da!" Legolas sprach mit ihr, wusste aber, dass er keine Antwort bekommen würde. Und dennoch, er hatte das Gefühl, dass sie seine Anwesenheit spüren konnte. Aber vielleicht war es auch nur eine vage Hoffnung.
Elrond trat hinter Legolas und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Der Elb sah den Heiler an, der seinen Blick mit traurigen Augen erwiderte.
„Der Schein trügt, Legolas. Auch, wenn sie wieder gesund aussieht, ihr Leben ist noch keineswegs gerettet."
„Was... was meint Ihr?"
„Ihre körperlichen Verletzungen konnte ich heilen. Allerdings hätte sie schon längst aufwachen müssen. Kein Körper hält den elbischen Heilschlaf länger als drei Tage aus."
„Wieso wacht sie denn nicht auf?"
„Sie ist traumatisiert, steht noch immer unter Schock. Sie versteht die Motive ihres Onkels nicht. Sie findet keinen Grund, aufzuwachen, Legolas. Sie wurde von der Welt enttäuscht."
„Was wollt Ihr damit sagen? Dass sie stirbt?"
„Nicht zwangsläufig."
Gandalf trat vor. „Es gibt vielleicht noch eine Möglichkeit, ihr einen Grund zu geben. Es ist alte Magie, schwierige Magie, aber vielleicht gibt es doch noch eine Möglichkeit."
Legolas stand auf und straffte seine Schultern. „Welche?"
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„Und vergiss nicht, du hast nicht lange Zeit. Ich werde versuchen, dich so lange auf ihrer Bewusstseinsebene zu halten, wie es geht, aber ich kann dich nicht ewig dort halten. Dieser Zauber zerrt auch an meinen Kräften." Gandalf stand neben Shanyas Bett und sah auf Legolas hinunter. Er hatte sich zu Shanya gelegt und sie in seine Arme gezogen. Der Elb erwiderte den Blick des Zauberers und nickte dann.
„Wenn ich sie nicht innerhalb der ersten Minuten überzeugen kann, dann kann ich es gar nicht. Ich kenne sie."
„Deswegen schicke ich dich ja auch dorthin. Legolas, du musst ihr einen Grund geben, weiterzuleben. Rede nicht viel über das bereits Geschehene, sondern mehr über das, was sie noch alles erleben kann. Gib ihr einen Grund, dir zu vertrauen. Sie muss wieder zurück in diese Welt wollen."
Legolas nickte. Mehr gab es nicht zu sagen. Sein Blick fiel auf Gimli, der ihn besorgt ansah. „Mach dir keine Sorgen, mein Freund. Ich bin bald zurück."
Gimli lächelte und nickte dann. „Aber bring sie mit, ja?"
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„Bereit?"
„Ja. Bringen wir es hinter uns." Legolas drückte Shanya enger an sich, als Gandalf begann, in einer ihm nicht bekannten Sprache zu sprechen. Er legte seine Hand auf die Stirn des Elben.
Legolas spürte, wie ihm zuerst heiß wurde, sich dann aber plötzlich alles abkühlte. Sein Blick verschwamm, er konnte seine Freunde nicht mehr erkennen. Das Zimmer begann, sich zu drehen und er hatte das Gefühl, als würde er in ein tiefes Loch gerissen.
Er fiel. Shanya war nicht mehr da. Er hatte sie doch eben noch im Arm gehalten! Wo war sie hin?
Er fiel.
Dann, ganz plötzlich, wurde sein Sturz langsamer. Dennoch schlug er hart auf dem Boden auf. Alle Luft entwich seinen Lungen und er blieb keuchend liegen. Nach einer Weile erhob er sich und sah sich um.
Wo war er?
~ ~ ~ tbc ~ ~ ~
Kapitel 30