~ ~ ~ Kapitel 1 ~ ~ ~
„Shanya - Ein trauriges Schicksal “
Erschöpft machte sich Shanya auf den Weg nach Hause. Sie blickte nach oben in den Himmel. Schon bald würde die Sonne untergehen. Den ganzen Tag lang hatte sie Körbe voller Wäsche im Fluss gewaschen. Ihre Hände und Schultern taten weh und sie spürte, wie sich Müdigkeit in ihren Körper schlich. Sie seufzte. Hinlegen würde sie sich zu Hause aber nicht können. Sie brauchte noch nicht einmal daran zu denken. Zu viel hatte sie noch zu erledigen und ihren Onkel reizen wollte sie auf gar keinen Fall. Zu hart waren die Schläge in der vergangenen Woche gewesen.
Shanya tätschelte Camaro, ihrem treuen Hengst, den Hals. Dieser schnaubte zufrieden und trottelte weiter ruhig neben ihr her.
„Was meinst du, Camaro? Würde es uns besser gehen, wenn Mutter und Vater noch leben würden?“ Shanya kannte die Antwort. Natürlich würde es ihnen besser gehen. Vermutlich könnte sie eine unbeschwerte Jugend genießen.
Aber das Leben war nun einmal so, wie es war. Der Ringkrieg hatte getobt und auch Shanyas Familie war von den Auswirkungen nicht verschont geblieben. Ihre Mutter, ein Mensch, war dem Pfeil eines Orks zum Opfer gefallen. Ihr Vater, ein Elb, hatte den Tod seiner geliebten Frau nicht verwunden. Doch ehe er seine Tochter nach Bruchtal hatte bringen können, war er seinem Kummer erlegen. Nun lebte Shanya, eine Halbelbin, bei ihrem Onkel Thramos, dem Bruder ihrer Mutter.
Der Ringkrieg war nun schon seit sechs Jahren vorbei. Doch noch immer war das Leben in Mittelerde alles andere als sicher. Orkbanden strichen mordlustig durch die Gegend und versetzten die Menschen in Angst und Schrecken. Und daran würde sich vermutlich nie etwas ändern. Leider.
Shanya ging weiter den kleinen Pfad entlang. Sie dachte nach. Warum Thramos sie zu sich genommen hatte, hatte sie am Anfang nicht verstanden. Ihre Eltern hatten eine Pferdezucht betrieben und nie viel mit ihm zu tun gehabt. Nun aber machte alles langsam einen Sinn. Thramos hasste alle Elben. „Einem Elben kann man nicht trauen“, sagte er immer und was er sagte, das hatte zu stimmen. Widersprach man ihm, setzte es Prügel. Shanya hatte ihren Onkel einmal gefragt, warum er sie zu sich genommen hatte. „Damit du verstehst, dass Elben keine heiligen Geschöpfe sind, so wie deine Eltern es dir immer erzählt haben. Du wirst dich für dein menschliches Dasein entscheiden, Shanya. Dein Vater war der letzte Elb in unserer Familie. Der Einzige. Dafür werde ich sorgen.“
Seit sechs Jahren lebte sie nun bei Thramos. Noch hatte sie es geschafft, diese Entscheidung nicht treffen zu müssen. Noch war sie eine Halbelbin im Schwebezustand. Sie wusste noch nicht, ob sie als Mensch oder als Elbin leben wollte. Sie persönlich fand, dass sie sich für diese Entscheidung auch noch Zeit lassen konnte. Immerhin war sie erst 22 Jahre alt.
Aber ein geübtes Auge erkannte ihre Herkunft sofort.
Shanya hatte zwar keine spitzen Ohren, ihr blondes Haar allerdings war lang und seidig. Halt so wie das eines Elben. Auch ihre grünen Augen hatten den leichten silbrigen Schimmer, den die Augen ihres Vaters gehabt hatten. Ihre Sehkraft war besser als die jedes Menschen, aber das behielt sie wohlüberlegt für sich. Auch im Umgang mit Pfeil und Bogen war sie geschickt. Nun, zumindest war sie das gewesen. Ihr Onkel hatte ihr ihren Bogen und die Pfeile weggenommen. Auch den Dolch ihres Vaters hatte er ihr abgenommen und weggeschlossen. Ihre Haare musste die Halbelbin hochstecken. Nichts sollte daran erinnern, dass elbisches Blut durch ihre Adern floss. Und auch, wenn es ihr schwer fiel, ihre Herkunft verleugnen zu müssen, sie hatte sich damit abgefunden. Allerdings konnte Shanya nicht verhindern, dass sie in manchen Nächten mit offenen Augen schlief. Das kam zwar nicht oft vor, aber wenn, dann setzte es Prügel von ihrem Onkel. Sofern dieser es bemerkte. Shanya hatte es aufgegeben, ihm zu versuchen zu erklären, dass sie das nicht ändern konnte.
Alles was ihr geblieben war, war Camaro. Der schwarze Rappe war ein überaus edles Tier. Er war damals, während des Ringkrieges, kaum ein Jahr alt gewesen. Ihr Onkel hatte ihn ihr gelassen. Warum, wusste Shanya nicht. Aber das war egal. Sie hatte ihn behalten dürfen. Das war alles, was wichtig war. Denn das Tier war ihr einziger Freund.
Sie war auf dem Weg nach Hause. Ihr Onkel betrieb ein kleines Gasthaus etwa drei Tagesritte von Minas Tirith entfernt, welches bevorzugt von Wanderern und Reisenden aufgesucht wurde. Shanya beschleunigte ihre Schritte. Sie musste noch die Gästezimmer herrichten und das Abendessen zubereiten. Also schluckte sie den Kummer über ihr eigenes Dasein hinunter und machte sich schleunigst auf den Weg nach Hause.
Sie war so in Gedanken versunken, dass sie nicht merkte, wie Camaro unruhig neben ihr wurde. Als sie spürte, dass etwas nicht stimmte, war es schon zu spät.
~ ~ ~ tbc ~ ~ ~
Kapitel 2