Disclaimer: Disclaimer: Abgesehen von Filegon und
Lalaithwen gehört mir nichts, alles andere *including Legolas*
gehört nur J.R.R. Tolkien...und wie immer verdiene ich kein Geld
mit dieser Story! *wäre ja auch n Ding...tz*
Alles Gedankengut der Autorin ist unter dem Copyright des "persönlichen
Gedankenguts" als "geschützt" zu akzeptieren.
Kapitel 29:
Festhalten und Loslassen
Er nahm den entfernten Duft von Rosenblüten wahr, Sonnenstrahlen
tanzten vor seinen geschlossenen Lidern und hüllten sein schönes
Gesicht in eine sanfte Wärme. Er atmete noch immer sehr flach,
zwar waren die Schmerzen verhältnismäßig zurückgegangen,
jedoch spürte er jetzt schon, obgleich er soeben erst zu sich
gekommen war, dass seine Bewegungen für die nächste Zeit
eingeschränkt sein würden. Legolas öffnete die Augen
nicht.
Zu friedlich war die ihn umgebende Stille, die nur durch das schwache
Zirpen einiger Grillen durchbrochen wurde. Das auf ihn einströmende
Licht und sämtliche Reize der reellen Gegenwart würden schnell
die innere Ausgeglichenheit, die er in seinem halbwachen Zustand empfand,
zerschmettern. Ihm war bewusst, dass er sich somit vor der Wirklichkeit
versteckte, lieber im Traum dämmerte, als die peinvolle Realität
wahrzunehmen. Legolas fühlte plötzlich, wie ein weicher
Stoff über seinen schmerzenden Brustkorb glitt und schwach wisperte
er Lalaithwens Namen, ohne die Augen zu öffnen, doch diesmal
aus Angst, sie nicht an seiner Seite wiederzusehen. „Ganz ruhig,
Legolas...du wirst sie ja bald wiedersehen...“, hörte er
eine vertraute Stimme sprechen und dann fühlte er, wie das Tuch
über seine schmerzenden Rippen geführt wurde. Langsam öffnete
er seine Augen, welche sich sehr schnell an das weiche Licht des Abends
gewöhnten, und sah Haldir an seiner Seite sitzen, ein feuchtes
Tuch kühlend auf seinen Oberkörper legend.
Er lächelte sanft und freundschaftlich auf ihn herab, doch auch
Sorge spiegelte sich in seinen klaren, blau-grauen Augen wider. Legolas
erwiderte den vertrauten Blick seines Freundes, sagte aber lange Zeit
nichts, lauschte nur dem zarten Rauschen der Bäume im Wind. In
diesem Moment fehlte ihm Lalaithwen so sehr, dass es ihm fast das
Herz brach. Unbewusst schluckte er schwer, schloss kurzzeitig die
Augen und kämpfte gegen das Stechen an, das seine Lungen bei
jedem tieferen Atemzug erfuhren. „Wo sind wir, Haldir?“,
murmelte er und dem Galadhrim erschien es fast, als stünde Legolas
wieder kurz davor, einzuschlafen. Er wusste, dass sein Freund noch
sehr erschöpft war und beschloss daher, ihn nicht durch ein aufgezwungenes
Gespräch an seiner Ruhe zu hindern. „Es ist alles gut,
wir sind an Caras Galadhons Grenzen, versorgen Verwundete und rasten
bis wir heimwärts aufbrechen“
„Wann?“, entwich es Legolas Kehle, seine Stimme war nicht
mehr als ein schwaches Hauchen. „Sobald es dir besser geht und
die Schmerzen gelindert sind“, antwortete Haldir leise. Der
Elb nickte leicht und senkte seine Lider, schloss sie jedoch nicht
ganz. „Geht es allen gut...auch meinem Vater?“
Haldir nickte, wollte das Gespräch nicht ausweiten, Legolas
war zu erschöpft und sollte sich nicht überanstrengen. „Und
Lalaithwen? Wie erging es ihr, als du am nächsten Tag mit der
Nachhut aufgebrochen bist?“ Haldir hatte mit dieser Frage gerechnet,
hatte sie gefürchtet. Aber er sah das Leuchten in den Augen des
Prinzen, als dieser den Namen der kleinen Elbe aussprach. „Ihr
geht es noch nicht sehr gut, sie überschätzt ihre Kräfte“,
begann er sanft und Legolas lächelte. Wann überschätzte
sich Lalaithwen nicht? „Sie bat mich, dir folgen zu dürfen.
Sie wollte unbedingt bei dir sein, selbst im Kampfe, für welchen
sie doch viel zu schwach und ungelehrt ist.“ In Legolas’
Augen schienen tausend Sterne zu tanzen und Haldir konnte förmlich
spüren, wie viel sein Freund für sie empfand. „Du
hast sie doch nicht...?“
„Nein, natürlich nicht. Allerdings hatte ich gegen großen
Widerstand anzukämpfen“, lächelte Haldir aufmunternd
und Legolas lachte leise auf. „Das kann ich mir bildlich vorstellen...“
Der lorische Elb legte eine Hand auf seine Schulter und feuchtete
das Tuch an, um es ein weiteres Mal auf die nur sehr langsam abschwellenden
Rippen zu legen. Legolas biss die Zähne zusammen und als Haldir
seine fürsorgliche Pflege von Legolas’ Wunden beendet hatte,
sahen sich die befreundeten Elben lange an. „Ich liebe Lalaithwen,
Haldir“ Der lorische Elb nickte langsam und sprach leise: „Ich
weiß.“ Dann lächelte er überraschenderweise
und fuhr fort: „Ich wusste, dass ich sie dir nicht ausreden
kann...ich hätte nie damit gerechnet, dass du dich tatsächlich
eines Tages verlieben würdest...“
Legolas hob die Brauen und murmelte überrascht: „Aber...ich
war doch...“
Haldir hob die Hand und deutete dem jüngeren Elben zu schweigen.
„Du bist die Verbindung zu Celendra eingegangen, aber nicht,
weil du dich wirklich verliebt hattest...viel eher scheinst du mir
gefürchtet zu haben, nie die Eine zu finden, die du aus tiefstem
Herzen liebst. Du hast dir die ganze Zeit über selbst vorgespielt,
sie zu lieben, Legolas...aber das schaffen selbst Elben nicht...nicht,
wenn man nur einmal wirklich liebt, wie wir.“, Haldir sah ihn
ernst an, obgleich Anzüge eines Lächelns auf seinen Lippen
lagen. Legolas schloss die Augen und atmete tief durch. „Ich
muss es meinem Vater sagen“
„Du weißt, wie ich darüber denke...aber das musst
du selbst entscheiden. Du hast dich da in eine ganz schöne Zwickmühle
begeben, dessen bist du dir doch bewusst?“, belehrte ihn Haldir.
„Ich weiß.“, war das einzige, was Legolas antwortete,
bevor sein Kopf erschöpft in die Kissen zurücksank und sein
Blick an die Decke wanderte. Haldir glaubte fast, Tränen in den
Augen des Elben zu sehen und entschied sich, Legolas in dieser Situation
in Ruhe zu lassen. „Ich werde jetzt gehen. Soll ich deinem Vater
Bescheid geben, dass du wach bist oder willst du dich lieber noch
ausruhen?“, fragte der Hauptmann der lorischen Truppen und erhob
sich aus seinem Sessel.
„Warte noch ein bisschen, ich möchte erst einmal etwas
allein sein. Ich werde es ihm sowieso frühestens in Caras Galadhon
erzählen, schließlich muss Celendra es auch erfahren und
ich möchte nicht zweimal hintereinander für verrückt
und rücksichtslos erklärt werden. Lieber alles auf einmal
hinter mich bringen...“ Haldir nickte. „Wie du wünschst.“,
langsam ging er zur Tür des Gemachs und bevor er hinaustrat wand
er sich noch einmal zu ihm um, „Legolas?“ Der in einem
komfortablen Bett liegende Elb schaute Haldir an, worauf dieser matt
lächelte, „Du magst verrückt sein...aber rücksichtslos
bist du bestimmt nicht“ Mit diesen Worten ließ Haldir
Legolas allein, welcher mit abwesendem Blick die abendlichen Schattenspiele
an der Zimmerwand beobachtete. „Verrückt...ich bin verrückt...“,
säuselte er müde und lächelte, bevor Iluvatar ihn zurück
ins Reich der Träume trug und ihm die Ruhe schenkte, die er zur
vollständigen Genesung benötigte.
~*~*~
Es waren einige Wochen vergangen, Wochen, die Lalaithwen wie Jahre
erschienen. Die Maisonne kündigte schon den baldigen Sommer an,
Blumen blühten in den reichen Gärten Caras Galadhons, neues
Leben war vollends erwacht. Und vergangenes war noch nicht verabschiedet
worden. Filegon lag noch immer aufgebahrt in einem fensterlosen Raum,
die Bestattung würde erst stattfinden, wenn sämtliche Truppen
aus dem Kampfe zurückkehrten. Allein der Gedanke an den endgültigen
Abschied von ihrem Bruder zerriss Laiths Herz. Und dann auch noch
Ranwés Tod...wie würde Legolas damit umgehen können?
Schließlich waren sie beste Freunde gewesen. Trotz des reichen,
blühenden und duftenden Lebens, das sie umgab, fühlte sich
die Elbe so, als stürbe sie innerlich. Die Sonne ging immer wieder
auf und nach dem kalten, frostreichen Winter kehrte der Frühling
zurück, egal, wie qualvoll einem das Leben manchmal erschien,
es würde einen Frühling geben. Lalaithwen zweifelte nicht
daran, aber sie konnte ihn derzeit nicht spüren. Sie saß
allein auf einer Gartenbank, Bienen tanzten in der Luft und tranken
vom süßen Nektar jeder Blume.
Was sollte nur mit ihr geschehen? Sie trug Legolas’ Kind in
sich und wusste noch nicht einmal, wie sie es ihm sagen sollte. Würde
er sich überhaupt für sie entscheiden? Vielleicht hatte
Haldir recht, vielleicht würde er glücklicher werden, wenn
er König würde. Die innere Zerrissenheit zerstörte
Lalaithwen nach und nach. Sie sehnte sich so sehr nach Legolas, aber
gleichzeitig wusste sie, dass sie ihn nur unter Geheimhaltung treffen
konnte. Jedenfalls, solange niemand von ihr und ihm wusste. Lalaithwen
lauschte dem Frühlingsgesang und zwang sich dazu, wenigstens
einmal unbeschwert zu sein, was ihr nahezu unmöglich schien.
Was, wenn Celendra von ihr erfuhr? Und dazu noch von ihrer Schwangerschaft?
Seit ihrem auferzwungenen Gespräch mit der edlen Elbe hatte Lalaithwen
kein Wort mehr mit ihr gewechselt, war ihr wissentlich ausgewichen,
ja, versteckte sich fast vor ihr. Aber so würde es nicht weitergehen
können.
Leise seufzend lehnte sie den Kopf zurück. Wenn nur Filegon
bei ihr wäre. Sicher, sie hatte seine Eltern an ihrer Seite,
aber sie wagte ja nicht einmal, ihnen von der unerwarteten Schwangerschaft
zu erzählen. Filegon hätte sofort gespürt, dass etwas
mit ihr anders war. Er war es schließlich auch gewesen, der
ihr erst einmal klar gemacht hatte, dass sie sich in Legolas verliebte.
Ein Gefühl, das sie als Elbe nie zuvor verspürt hatte. Obwohl
sie nicht blutsverwandt waren, hatte Lalaithwen immer das Gefühl
gehabt, dass Filegon genau so fühlte wie sie, ihre Seelen miteinander
verbunden waren. „Der Himmel ist viel zu schön, als dass
man ihn mit solch trüben Gedanken ergrauen lassen sollte“,
sprach eine sanfte Stimme und als sich Laith umdrehte, sah sie, wie
Pernoth vor ihr stand, in seiner Hand eine weiße Rose haltend.
„Du bewegst dich so leise, als wärest du ein Elb, alter
Mann“, lächelte Lalaithwen und bot ihm den freien Platz
neben ihr auf der Bank an. Er erwiderte das Lächeln und seine
weisen, grauen Augen leuchteten, als er sich neben sie niederließ.
„Die Bezeichnung „alter Mann“ verbitte ich mir,
junge Dame!“
Lalaithwen lachte auf und Pernoth stimmte mit ein. Dann, in einem
darauffolgenden Moment der Stille, steckte Pernoth Lalaithwen die
Rose in das blonde, im Sonnenlicht golden schimmernde Haar. Das Medaillon
glitzerte in allen Farben, sie hatte es nicht mehr abgelegt, seit
ihr Vater es ihr zurückgegeben hatte. „Wenn du lächelst,
bist du zehnmal schöner, als wenn ich Tränen in deinen Augen
sehen muss“, sagte er dann leise und strich ihr eine Strähne
des langen Haares hinter das feine, leicht gespitzte Ohr. Lalaithwens
Lächeln verweilte auf ihren Lippen, aber sie senkte den Blick.
„Weiß es denn der Vater schon?“
Prima! Musste denn dieser Mann sofort mit diesem Thema anfangen?
Laith seufzte, schüttelte mit dem Kopf und murmelte: „Ich
selbst wusste bis vor kurzem nicht einmal, dass ich ein Kind in mir
trage, wie bitteschön soll es der Vater wissen? Sofern er keine
Kenntnisse in Magie oder anderem Hokuspokus hat...“ Das zumindest
hoffte Lalaithwen inständig. Bei diesen reinblütigen Elben
konnte man ja nie wissen. „Warum möchtest du es mir nicht
sagen?“, Pernoth war wieder einmal sehr direkt. „Ich...ich
möchte nicht, dass alle Welt es weiß, bevor er es selbst
erfährt...außerdem...“, Lalaithwen stockte und Pernoth
suchte ihre Augen: „Was...außerdem?“, bohrte er
und sie blickte hinauf zu dem klaren, fast wolkenlosen Himmel. „Ach...nichts...“
Pernoth wollte wieder eine Diskussion vom Zaun brechen und danach
stand ihr derzeit wirklich nicht der Sinn. Gerade wollte der alte
Mann Einspruch erheben, als plötzlich aus naher Entfernung ein
Horn laut und melodisch erklang und Hufgetrappel zu vernehmen war.
„Sie...sie sind zurück!“, rief Lalaithwen erfreut
aus und ungeachtet dessen, dass Pernoth ihr die Hand hinhielt, um
ihr beim Aufstehen behilflich zu sein, stürmte die kleine Elbe
an ihm vorbei. „Sie ist so eigenartig...“, murmelte Pernoth,
der noch nicht so rasch auf den Beinen war, „Eigenartig einzigartig“,
ergänzte er dann nachdenklich lächelnd und folgte ihr langsamen
Schrittes.
Als Lalaithwen auf die Terrasse eilte und dort schon eine Menge Elben
erblickte, die sich zur Begrüßung der erfolgreichen Krieger
versammelt hatten, hielt sie kurz inne, um sich einen Überblick
zu verschaffen. Sie sah den Banner Düsterwalds im warmen, frühsommerlichen
Wind wehen, Thranduils prunkvolle Rüstung schimmerte golden und
silbern im Licht, wenn die Strahlen der Sonne darauf ihren Tanz vollführten.
Sie sah viele der nun ihr bekannten Elben wieder, Ioreweth und Iorelass
gaben Haldir und dem König mit stolzer Brust das Geleit. Lalaithwen
musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um besser sehen zu können,
doch in dem ganzen Begrüßungstumult konnte sie Legolas
nicht erkennen. Also zwängte sie sich folglich an den Leuten
vorbei, bis sie fast in der ersten Reihe stand. Und dann sah sie ihren
Legolas und wie ihm behutsam vom Pferd geholfen wurde. Er schien verletzt
zu sein, jedenfalls ließ dies seine etwas gekrümmte Körperhaltung
vermuten. Er sah sich ebenso geschwind um, wie Laith es zuvor getan
hatte und brachte sie somit zum Lächeln. Am liebsten hätte
sie laut seinen Namen gerufen und gewunken, doch die tadelnde Erinnerung
kehrte zu ihr zurück. Ihr blieb nichts anderes übrig, als
zu hoffen, dass er sie bald wiedersehen würde. Und dann wand
er sich zu ihr um, seine Augen, die tiefer waren als jedes Meer, schienen
das sanfte Sonnenlicht förmlich zu reflektieren, als er sie erblickte
und ein strahlendes Lächeln seine Züge erhellte.
„Da bist du ja, Meleth nîn...“, hauchte er noch
immer lächelnd, sodass sie, obgleich sie seine Worte nicht hören
konnte, seine Freude über ihr Wiedersehen spüren konnte.
Er machte einige kurze Schritte vorwärts, als plötzlich
Celendra seitlich aus der Menge stürmte und rief: „Ja,
hier bin ich“, und ihn innigst umarmte.
Legolas zuckte zusammen bei dem scharfen Schmerz in seinem Oberkörper,
als sie sich mit ihren Armen an ihn klammerte. Ein verzweifelter Blick
wanderte geschwind zu Lalaithwen, doch sie lächelte traurig und
deutete ihm mit einer Handbewegung, dass sie sich später noch
unterhalten könnten. Haldir sah zufrieden in die Gesichter seiner
Freunde, der Schatten war endgültig aus dem Goldenen Wald vertrieben
worden. Dann schwang er sich von dem Rücken des edlen Pferdes
und führte das Tier in die Stallungen Caras Galadhons. Legolas
sah Lalaithwen sehnsüchtig nach, zu der sich nun Pernoth gesellte.
Sie stand noch regungslos einige Momente da, sprach mit dem alten
Mann und als sich die Menge um die Krieger langsam auflöste,
die Pferde und die Ankömmlinge versorgt wurden, spazierte sie
langsam zurück in den Rosengarten. „Oh, wie viele Tränen
habe ich vergossen aus Angst, dich nicht mehr in meinen Armen halten
zu können“, schluchzte Celendra, Freudentränen weinend,
an seiner Brust. „Es ist doch alles gut, du musst dich nicht
sorgen“, erwiderte er sanft und schob sie leicht von sich, da
ihr Klammergriff ihm das Atmen erschwerte.
„Was muss ich da sehen? Du bist verletzt, nichts ist gut“,
rief sie besorgt aus und berührte sacht seinen Verband. Er nahm
ihre Hand, zwang sich zu einem müden Lächeln und führte
sie dann mit sich fort von den Truppen. „Celendra...ich muss
mit dir bald über etwas Wichtiges sprechen...“, begann
er leise, doch sie fasste seine Hand fester und zog sie hinauf, um
einen Kuss auf die weiche Haut zu hauchen. „Du kannst mir bald
alles erzählen, was du magst, Legolas. Schließlich werden
wir ab jetzt nie wieder getrennt sein. Wir werden bis in alle Ewigkeit
den Weg des Lebens gemeinsam bestreiten“, jauchzte sie fast
vor Glück und schmiegte sich an ihn. Es tat ihm weh, sie so euphorisch
zu sehen, so glücklich. Niemals hätte er beabsichtigt, sie
zu verletzen, denn das hatte sie nicht verdient.
„Komm jetzt, Liebster, ich möchte dir unbedingt jemanden
vorstellen“, Legolas konnte nichts widersprechen und ließ
sich von ihr durch Caras Galadhons Zentrum zerren.
~*~*~
„Was hast du gesagt? Tot?“, Haldir war fassungslos. Seine
Hände zitterten, ließen beinahe den feinen Bogen fallen,
der ihm in der Schlacht so treue Dienste geleistet hatte. Feriál,
die Wache, die Ranwé erschossen hatte, senkte schuldbewusst
das Haupt. „Wir konnten nichts anderes tun, als auf ihn zu schießen.
Er ist einfach auf die junge Elbenmaid losgegangen, die mit Prinz
Legolas und einem Händler aus Seestadt vor einigen Wochen in
unsere Stadt reiste.“
„Lalaithwen...“, brachte Haldir leise hervor, „Ich
hätte wissen müssen, dass es gefährlich wäre,
wenn sie allein in seiner Nähe ist...“ Haldir ballte die
Hand, die seinen Bogen noch immer umfasste, zu einer Faust, seine
Lippen zitterten. Er hätte Ranwé fort von Caras Galadhon
bringen müssen, fort von all dem, das ihn zu solch einer Tat
getrieben hatte. Aber Haldir hatte gezögert und deshalb gab er
sich nun indirekt die Schuld für den Tod eines seiner engsten
Freunde. Der Tag, der zuerst so schön zu sein schien, war in
Haldirs Augen nur noch ein trübes, schwarz-weißes Bild,
gefärbt von Trauer und, was ihn selbst überraschte, Wut.
Wut über sich selbst. „Mein Hauptmann, ist alles in Ordnung?“,
fragte Feriál vorsichtig, als er den Anführer der Galadhrim
mit fast glasigen Augen vor sich stehen sah. Haldir presste die Lippen
zusammen und zwang sich, die Fassung zu bewahren. Er nickte knapp
und wand sich dann von der Wache ab, musste einen klaren Gedanken
fassen. „Mein Herr, wann werden wir die Toten beisetzen?“,
fragte Feriál leise, fast scheu. „Verabschieden wir uns
noch heute Abend von ihnen, zum Gedenken an all die tapferen Elben,
die ihr Leben lassen mussten.“, Haldirs Stimme brach fast, die
überlegene, fast schon an Arroganz grenzende Haltung, die er
immer gegenüber seinen Leuten bewahrte, schien zu wanken. „Was
ist mit Ranwé, mein Herr...“
„Auch er soll heute seine ewige Ruhe finden“, brachte
Haldir mühsam hervor, seine Hand stützte gegen den Stamm
eines Mallorn. „Aber...“, wollte Feriál Einspruch
erheben, doch dann sah ihn Haldir scharf in die Augen. Tränen
tanzten im sanften Blau der Augen des Elben und der junge Wachmann
stockte. Noch nie hatte er Haldir so gesehen, nie solch einen Schmerz
in den Augen eines Elben lesen müssen, nie so viel Trauer in
einem Blick. Haldir sagte nichts, senkte fast beschämt sein Haupt
und ließ Feriál allein stehen. Er musste mit Legolas
reden, musste ihm klar machen, dass einer seiner besten Freunde verstorben
war. Egal wie viel Hass er Ranwé gegenüber verspürt
haben musste, als er erfuhr, dass dieser seine Freunde und sein Volk
hintergangen hatte, Legolas würde trotzdem trauern, da war sich
Haldir sicher. Zu intensiv waren die Erinnerungen an Ranwé,
die beide Elben für immer in ihren Herzen behalten würden.
Aber zunächst musste er mit Lalaithwen sprechen. Zuvor hatte
er sie mit Pernoth in den Rosengarten gehen sehen. Haldir musste aus
ihrem Munde hören, was sich zugetragen hatte. Auch wenn es schmerzte,
aber er war es Ranwé schuldig, nun aufrichtig und stark zu
sein, hatte er doch selbst angeordnet, Ranwé erschießen
zu lassen, wenn dieser einen Fluchtversuch startete. Er hatte einen
Freund ermordet. Wenn auch nicht mit eigenen Händen, aber im
Grunde seines Herzens würde Haldir auf ewig diese Last mit sich
tragen und seine Seele würde keinen Trost finden.
~*~*~
„Ich glaube, er will mit dir reden, Lalaithwen. Ich lasse euch
einen Augenblick allein“, sagte Pernoth, als er Haldir auf sich
und die kleine Elbe zukommen sah. Laith nickte dankbar und als der
alte Mann fortgegangen und Haldir bei ihr war, senkte sie den Blick.
„Wie geht es dir?“, fragte er so leise, dass das Summen
der Bienen beinahe seine noch immer heisere Stimme übertönte.
Laith sah ihn an, seine leicht geröteten Augen verrieten ihn
seiner Tränen. „Mir geht es gut.“, sagte sie sanft
und ein kühler Wind strich über die schönen Gesichter
der Elben. „Wirklich?“, fragte er nach einigem Schweigen
und sie nickte. „Es tut mir leid...wegen Ranwé“,
Lalaithwen suchte flehend Haldirs Augen, doch er starrte stur zu Boden.
„Es ist nicht geschehen, weil du zur falschen Zeit am falschen
Ort warst, sondern weil ich den Befehl gab“, wehrte er dann
ihren Versuch, sich zu entschuldigen mit tonloser Stimme ab. „Ist
dir wirklich nichts geschehen?“, fragte Haldir erneut und Laith
schüttelte den Kopf. „Ich sagte doch, mir geht es gut“
`Abgesehen davon, dass ich von deinem besten Freund schwanger bin´,
ergänzte sich Lalaithwen in Gedanken selbst und ein schiefes
Lächeln huschte über ihre Lippen. „Die Wachen sagten
mir, du hättest fast zehn Tage besinnungslos in deinem Krankenbett
gelegen, ohne dass wirklich jemand wusste, was dir zugestoßen
war...“, hakte Haldir nach und seine Fragerei schnürten
ihr die Brust zu. „Ich hätte eben auf dich hören sollen,
großer, weiser, reinblütiger Elb...ich habe wohl zu wenig
auf meine eigene Gesundheit geachtet, das ist alles...aber mir geht
es wieder gut...wirklich“, fügte sie hinzu, als Haldir
nichts als einen skeptischen Blick entgegnete.
„Hat Celendra noch einmal...“, begann Haldir, doch Laith
schüttelte frühzeitig erneut den Kopf und murmelte: „Sie
hat mich nicht mehr ausgefragt wie bei einem Verhör, wenn du
das wissen möchtest“
„Lalaithwen, bitte verstehe mich nicht falsch, ich will mich
nicht zwischen dich und Legolas stellen...“, wollte er klarstellen,
doch sie lachte nur schalkhaft und sah ihn ernst an. „Nein,
natürlich nicht, deswegen hast du mir auch gesagt, ich soll die
Finger von ihm lassen...“
„Laith, ich will nur...“
„Dass er glücklich ist, schon klar, selbst bei einer nicht
reinblütigen Elbe kommt das irgendwann im Oberstübchen an.
Haldir, es ist Legolas’ Entscheidung. Seine! Und seine allein.
Entschuldige bitte, dass ich ihn liebe“, Lalaithwens Stimme
wurde immer schwächer, letzten Endes wand sie sich von dem lorischen
Elben ab und schaute in die Ferne. „Ich mache dir keinen Vorwurf...ich
will dir nur Ärger ersparen.“, sagte er kurz angebunden
und wollte gerade gehen, als er plötzlich Celendras Stimme aus
unmittelbarer Nähe vernahm. „Da ist sie ja, Lalaithwen,
hallo!“, sie winkte der völlig entsetzten Elbe zu, als
sie mit Legolas an der Hand auf Haldir und Lalaithwen zugestürmt
kam. Haldir warf ihr einen fragenden Blick zu, doch sie versicherte
ihm durch einen festen Blick, nicht mehr mit Celendra gesprochen zu
haben.
„Lalaithwen, ich wollte dir doch meinen Verlobten vorstellen...das
ist Legolas, Prinz und Thronfolger Düsterwalds, der wohl begehrteste
Elb in ganz Mittelerde“, sagte Celendra stolz und deutete auf
Legolas, als wäre dieser der Hauptgewinn bei einer Tombola. Legolas
sah Lalaithwen vertraut an und seine Lippen formten leise Entschuldigungen.
Dann nickte er ihr höflich zu, als würden sie sich wirklich
erst kennen lernen und Lalaithwen spielte mit, machte einen ehrerbietenden
Knicks. „Ihr Name ist Lalaithwen, ein schöner Name, nicht
wahr?“, plapperte Celendra los und lächelte fröhlich.
Doch Laith war viel eher zum Heulen zumute. „Ja...ein sehr schöner
Name“, wiederholte Legolas leise und für einen Moment vergaß
er Celendra, die begeistert neben ihm stand und starrte Laith förmlich
an. Haldir bekam Wind von der plötzlichen knisternden Spannung
zwischen den beiden, die in der Luft lag und murmelte: „Und
was ist mit mir?“
Celendra warf ihm einen fragenden Blick zu, verstand nicht, was er
meinte, als er lächelnd ergänzte: „Bin ich denn minder
begehrenswert?“, dann hob er den Arm, bot Celendra an, sich
einzuhaken, was sie dann auch lachend tat. „Mein Herz ist schon
vergeben, aber vielleicht solltest du einmal Lalaithwen fragen“,
sie drehte sich kurz zu ihr um und zwinkerte lächelnd. Laith
drehte es den Magen um und sie wollte einfach nur weglaufen, doch
Legolas fasste sie am Handgelenk, ehe sie diesen Gedanken zu Ende
spinnen konnte. Sein Blick sagte mehr als tausend Worte. Haldir und
Celendra waren ihnen schon einige Schritte voraus, gemeinsam würden
sie durch den Rosengarten spazieren. „Ich liebe dich“,
wisperte Legolas Lalaithwen zu und drückte ihre zierliche Hand
fester. Vorsichtig erwiderte sie den sanften Druck, schloss ihre Augen
und folgte den anderen. „Du hast mir so gefehlt“, murmelte
sie zögerlich und sah ihn lange an. „Bald ist dieses Versteckspiel
für uns vorbei, Laith...bald werden wir zusammen sein und nichts
und niemand wird uns trennen können“, flüsterte er,
Haldir verwickelte Celendra in ein ablenkendes Gespräch, damit
sich die beiden ungestört miteinander unterhalten konnten. „Legolas...du
würdest alles verlieren...“, sie wagte kaum, jene Worte
des Bedenkens auszusprechen. Er sah sie ernst an, doch ein warmes
Lächeln vermittelte ihr, dass er seine Worte ernst meinte. „Nein,
Laith...ich würde alles gewinnen“
Sie hielt kurz inne, errötete leicht und schlenderte dann langsam
mit Legolas weiter. Nach einigen Momenten des wohligen Schweigens,
sprach Lalaithwen schließlich eines der Themen an, vor denen
sie sich am meisten fürchtete mit ihm zu sprechen. „Legolas...warum
hast du mir verschwiegen, dass Ranwé Schuld an Filegons Tod
hatte?“ Sein Gesicht verriet seine Überraschung und er
wäre stehen geblieben, hätte Lalaithwen ihn nicht weitergeführt.
„Ich...ich wollte es dir sagen...aber später...du warst
noch viel zu schwach und die Lücke, die Filegon hinterlassen
hat zu groß...ich wollte dir nicht auch noch so etwas zumuten...“
„Sie ist immer noch groß, Legolas...die Lücke, die
Filegon hinterlassen hat. Und sie wird auch so schnell nicht wieder
geschlossen werden“, sagte sie ernst, „Legolas...ich weiß
nicht, ob du es schon gehört hast?“, begann sie dann zögerlich,
wurde kurzzeitig von Celendras vergnügtem Auflachen unterbrochen
und sah ihn dann fest an. Es fiel ihr unheimlich schwer, so distanziert
gegenüber ihm zu sein, da seine Verlobte so nah war. „Was
ist? Was möchtest du mir sagen, Laith?“, in den Augen des
Elben konnte Lalaithwen Sorge und Schmerz lesen. Sie hatte ihn nicht
verletzen wollen mit der Aussage, Filegons Lücke sei nicht wieder
auffüllbar, aber Filegon war wie ein Bruder für sie gewesen
und nicht einmal Legolas’ Liebe hätte ihr auf Dauer ihres
endlosen Lebens die Trauer und den Schmerz erspart, nur gemildert.
„Ranwé...Ranwé ist tot“, sprach sie leise
und drückte seine Hand fester. „Was?“, wiederholte
er atemlos, sah sie verwirrt und entsetzt an, schüttelte hastig
den Kopf. „Das kann nicht sein, wie...warum?“, Legolas’
Ton wurde lauter, sodass sich Haldir schon besorgt zu ihnen umdrehte
und Mühe hatte, Celendra weiterhin abzulenken. „Am Tage
als Haldirs Nachhut aufbrach, die Grenzen zu erreichen. Er...er wurde
erschossen von den Wächtern. Wie wildes Vieh...sag mir, Legolas,
wie konnte es so weit kommen?“
Völlig schockiert weiteten sich die Augen des Elben, dann blieb
er stehen und Lalaithwen konnte sehen, wie blass er wurde. Seine sonst
so gesunde Blässe, die an feines Porzellan erinnerte, wich einer
Gesichtsfarbe, die fast einen kränklichen Eindruck auf sie machte.
„Ranwé...“, brachte er mit erstickter Stimme hervor,
er wusste nicht, ob er wütend, traurig oder gleichgültig
der Nachricht gegenüber sein sollte, oder alles zugleich. „Liebster,
sieh dir diese wohlgedeihenden Rosen an!“, wurden sie plötzlich
von der anmutigen Elbe hohen Namens unterbrochen, die ihren Verlobten
an der Hand fasste und mit sich zog, sodass nunmehr Haldir und Lalaithwen
allein waren. „Du hast es ihm erzählt?“, fragte er
vorsichtig, als er seinen Freund so durcheinander sah, fast apathisch
stand er neben Celendra, die vor den herrlichsten Rosenbüschen
kniete und an beinahe jeder Blume roch. Laith nickte. „Ich konnte
und wollte ihm nichts verheimlichen, früher oder später
hätte er es sowieso erfahren...sieh sie dir an...sind sie nicht
ein schönes Paar? Die Marionettenspielerin mit ihrer liebsten
Puppe...“, Lalaithwens Stimme bebete vor Zorn und unterdrückten
Tränen.
Sie hatte Legolas noch zu beichten, dass er Vater werden würde,
doch die Zeit lief ihr davon. Es geschah nichts, es änderte sich
nichts an ihrer hilflosen, verzweifelten Situation, solange er keine
eindeutige Entscheidung getroffen hatte. Und dieser Gedanke machte
sie verrückt.
„Sag nicht so etwas, Lalaithwen.“, sagte Haldir streng,
wand sich im Gehen noch einmal zu ihr um und murmelte: „Heute
Abend, Lalaithwen...heute Abend werden Filegon und Ranwé bestattet...es
sei denn, du wünschst, dass beide getrennt voneinander beerdigt
werden“
„Nein...nein, es ist in Ordnung...heute Abend, sagst du?“,
er sah, wie ihre Lippen zitterten und dachte kurzzeitig darüber
nach, ob seine Worte nicht zu hart erklungen waren. „Ja...kurz
nach Sonnenuntergang...hinter der großen Halle...hör zu,
Laith, wenn du dich noch nicht stark genug fühlst...“
„Heute Abend hinter der großen Halle...ich werde da sein...und
von meinem Bruder endgültig Abschied nehmen“, dann wand
sie sich geschwind um und lief eilig den Weg zurück, den sie
vorher gemeinsam entlanggegangen waren. Haldir sah ihr noch einige
Sekunden nach, beobachtete dann Celendra und Legolas. Sie strich ihm
sacht über die Wange, eine tröstende Geste, wie Haldir fand.
Trost, der ihm so sehr fehlte, den er nie gefunden hatte in all den
Jahren seines langen Lebens, in welchem er zu viel Leid und Tod mit
hatte ansehen müssen. Seufzend machte er kehrt. Er hatte noch
eine Trauerfeier vorzubereiten... .
~*~*~
Die Berge hatten schon fast die Sonne verschluckt, als Lalaithwen
in ihrer Kammer saß und sich auf den Abschied von ihrem Bruder
vorbereitete. Schatten krochen durch den kleinen Raum, malten Gestalten
und nächtliche Ungetüme an die Wand und die seidenen Vorhänge.
Sie hatte Legolas seit dem Nachmittag nicht mehr gesehen, hatte ihr
Zimmer nicht wieder verlassen. Zu aufgebracht waren alle um sie herum,
weil endlich die letzte Schlacht gefochten und gewonnen war, Haldir
hatte bereits angekündigt, in zwei Tagen ein großes Frühsommerfest
zu veranstalten, als Zeichen des Friedens, der nun hoffentlich endgültig
eingekehrt war. Doch zuvor galt es, sich von den Opfern des Krieges
und des Hasses zu verabschieden. Laith spielte mit dem kleinen Medaillon
in ihrer Hand. Nichts verband sie damit, keine Erinnerung an ihre
Herkunft flammten in ihr auf, wenn sie es berührte. Nichts. Es
war nur ein Schmuckstück, das nur Rätsel aufwarf, die vorhandenen
aber keineswegs löste.
Die letzten Sonnenstrahlen wärmten ihr Gesicht, der Abendwind
wog die Baumkronen in seinen Armen und fröhliches Vogelgezwitscher
erklang. Es klopfte jemand an die Tür ihres Gemachs, doch Lalaithwen
wand sich nicht um, sagte nichts, blieb nur auf ihrem Bett sitzen
und beobachtete den Kampf der Sonne gegen deren alltäglichen
Untergang. „Lalaithwen?“, hörte sie Helthons vertraute
Stimme und drehte sich zu ihm. Traurig blickte er zu seiner Ziehtochter,
seine Augen waren leicht gerötet. Doch es rührte nicht vom
Abendrot her, sondern von den vielen Tränen, die vergossen worden
waren. Tränen um Filegon. Sie nickte und erhob sich langsam,
noch immer schmerzte ihr Bauch.
Helthon legte den Arm um die Schultern der kleinen Elbe und führte
sie mit sich nach draußen. Der Abend war friedlich. Leise, Klänge
lagen in der lauen Luft und es duftete nach Blüten und Leben.
Von ebendiesem würden sie gleich Abschied nehmen. Der Gedanke
allein zerriss einem das Herz.
Beide Elben wechselten kein Wort miteinander. Lalaithwen zog den
Mantel enger um ihren Körper und schob die Kapuze über den
Kopf. Sie wollte nicht, dass jedermann ihre Tränen sehen würde,
wenn Filegons Körper von den Flammen verzehrt wurde. Viele waren
anwesend, doch trotzdem herrschte absolute Stille, als Lalaithwen
und ihr Vater zu der Trauermenge traten. Leise, elbische Klagelieder
drangen nun an ihre Ohren. Lalaithwen sah Legolas nicht an, der nur
wenige Meter von ihr entfernt mit Celendra an seiner Seite stand und
ihr einen mitfühlenden Blick zuwarf. Obgleich ihm selbst der
Schmerz um Ranwés Tod die Brust zuschnürte, so fühlte
er die doppelte Pein durch Lalaithwens Trauer. Viel zu selten hatte
er ihr ausgelassenes Lachen gehört. Viel zu selten ihre Augen
vor Glück leuchten sehen. Aber all das wollte und würde
er sehen. Am Tage der Feier, die Haldir angekündigt hatte, würde
er seinem Vater und Celendra unterbreiten, dass er Lalaithwen liebte.
Egal, mit welchen Vergeltungstaten sein Vater drohte, egal, ob ihn
seine Familie fortan verachtete – wenn er jetzt nicht auf sein
Herz hörte, würde es vor Sehnsucht und Schmerz brechen.
Pernoth gesellte sich zu Laith, wie auch ihre Mutter. Helthon ergriff
ihre Hand, denn Lalaithwen zitterte schon jetzt, obgleich die toten
Körper nur vor ihnen aufgebahrt lagen. Wie gerne hätte Legolas
sie in seinem Arm gehalten, seinen eigenen Schmerz vermindert, indem
er sie hätte halten können, einfach nur ihre weiche Haut
an der seinen gespürt und ihre Tränen fortgeküsst hätte.
Aber er konnte nicht. Noch nicht. Sie war ihm so nah und gleichzeitig
so fern. Er hätte nur die Hand ausstrecken müssen und er
hätte sie berühren können, aber so schien es auch mit
den Sternen. Man konnte die Hand danach ausstrecken, sie jedoch nie
anfassen.
Einer der lorischen Elben trat vor die versammelte Menge und las
aus elbischen Schriften einige Verse vor. Langsam traten weitere zwei
Elben, bekleidet mit weißen Gewändern, nach vorn, sie führten
Fackeln mit sich, welche sie sacht sinken ließen und das Reisig,
auf dem Filegon und Ranwé, sowie viele andere gefallene Elben
gebettet waren, in Brand steckten. Lalaithwen sah ein letztes Mal
in Filegons friedliches, schönes Gesicht, sein langes, golden
schimmerndes Haar, das sich wie pure Seide angefühlt hatte, wenn
sie es zwischen ihren Fingern hielt. Ein letztes Mal, bevor die Flammen
ihn mit ihrem rot-goldenen Umhang bedeckten, sein Gesicht in dunkelrote
Schatten legten.
Der Elb sprach weitere Worte in Sindarin, doch Lalaithwen bekam sie
nicht wirklich mit, sie sah nur Filegon, ihren Filegon. Und wie er
von den Flammen fortgetragen wurde. Erinnerungen erschienen vor Lalaithwens
innerem Auge, wie er sie immer geneckt und an den Haaren gezogen hatte,
als sie noch viel kleiner gewesen war.
You said when you’d die that you’d walk with me every
day
And I’d start to cry and say please don’t talk that way
Wie er sie tröstend in die Arme genommen hatte, wenn sie schlecht
geträumt hatte oder einfach nur traurig war.
With the blink of an eye the Lord came and asked you to meet
You went to a better place but He stole you away from me
Wie sie miteinander gelacht hatten, weil sie wieder irgendeine Dummheit
angestellt hatten.
There’s a strange kind of light
Caressing me tonight
Wie viele Diebeszüge sie unternommen und die besten Methoden
manchmal stundenlang ausgetüftelt und diskutiert hatten.
I miss your love I miss your touch
But I’m feeling you every day
Wie oft sie sich gestritten, ab und an sogar gegenseitig verprügelt
hatten, wenn dies auch nur wieder zu einer erneuten Versöhnung
mit großen Gelächter geführt hatte.
And now you live in heaven
But I know they let you out
To take care of me
Wie viele Opfer er für sie gebracht hatte. Für sie, seine
Schwester, die nie wirklich seine Schwester war.
You taught me kings and queens
While stroking my hair
Wie es immer schien, dass er ihre Gedanken lesen konnte, immer wusste,
was sie fühlte oder dachte, sie in- und auswendig kannte.
In my darkest hour I know you are there
Kneeling down beside me
Whispering my prayer
Yes there’s a strange kind of light
Caressing me tonight
Dann konnte Lalaithwen ihre Tränen nicht mehr daran hindern,
über ihre Wange zu rollen und wie salzige Regentropfen zu Boden
zu fallen. Sie presste gezwungen ihre Lippen zusammen, um nicht auch
noch zu schluchzen. Filegon hätte sie jetzt wieder eine elende
Heulsuse genannt, dessen war sie sich sicher. Und er hätte es
nicht gewollt, hätte seine kleine Schwester nie so bitterlich
weinen sehen wollen und das auch noch wegen ihm.
Die Sonne war endgültig untergegangen, doch der Himmel wurde
noch von ihrem letzten, sterbenden Licht erhellt, in Rot und Orange
getaucht.
„Filegon hat Sonnenuntergänge geliebt...für ihn war
es die schönste Zeit des Tages...“, flüsterte Laith
mit tränenerstickter Stimme und Helthon umarmte sie liebevoll.
„Er ist nicht für immer fort, Lalaithwen, er ist bei dir,
für alle Ewigkeit“, murmelte er ihr tröstend zu, obgleich
ihm selbst Tränen in den Augen standen, als er sah, wie sein
Sohn von den Flammen mitgenommen wurde.
Legolas weinte nicht. Zu nah war ihm der Schock, zu ergreifend die
Ereignisse, die seine Welt ins Wanken brachten. Nach einiger Zeit,
als die letzten Flammen verloschen, war die Zeremonie beendet und
viele der Elben verließen die Trauerstätte mit gesenkten
Köpfen. Auch Celendra machte Anstalten, zu gehen, wollte ihn
mit sich ziehen, doch Legolas drehte sich kaum zu ihr um und murmelte:
„Ich komme gleich nach...bitte gib mir noch ein paar Minuten...“
Verständnisvoll nickte sie, drückte sanft seine Hand und
kehrte sich dann zum Gehen um. Helthon und Sûrathiel wollten
ebenfalls gehen und Lalaithwen mit sich nehmen, doch als diese Legolas
erblickte, bat sie ihre Eltern, sie allein zu lassen. Als nur noch
wenige Elben den Trauerplatz bewachten, standen sich Legolas und Lalaithwen
wortlos gegenüber, sahen sich nur an. Dann ging er den letzten
schritt auf sie zu und legte seine Arme um ihre zierliche Gestalt,
zog sie ganz nah an sich. Er fühlte, wie sie die innige Umarmung
erwiderte, sanft, um ihm nicht wehzutun. Immer noch sagte keiner von
beiden ein Wort.
Und so standen sie noch engumschlungen da, bis der Mond hell am Himmel
stand und die Nacht ihr einziger Zeuge war.
Kapitel 30