Disclaimer: Alles gehört Tolkien, außer Ravena
und Siägä.
Alles Gedankengut der Autorin unter dem Copyright des "persönlichen
Gedankenguts" als "geschützt" zu akzeptieren.
„Ich habe es also doch noch nicht verlernt.“
Mit einem zufriedenem Lächeln auf dem Gesicht setzte Ravena
ihren Bogen ab und schaute auf den Pfeil, der 100 Schritt von ihr
entfernt im Zentrum der Zielscheibe steckte. Das einzige was sie während
den letzten zwei Tagen getan hatte war üben, üben und nochmals
üben. Zu ihrer großen Freude hatte sie festgestellt, dass
sie gar nicht so aus der Übung war wie sie angenommen hatte.
Schon nach einigen Schüssen hatte sie ihr natürliches Gespür
für den Umgang mit ihrer Waffe wieder entdeckt. Sie war gut vorbereitet.
Dennoch kam sie um ein Bauchkribbeln nicht herum wenn sie an das morgige
Turnier dachte.
„Und das ist eindeutig der beste Bogen den ich je gebaut habe.“
Stolz inspizierte sie ihr Werk.
Das erste was man ihr beigebracht hatte, als man begann sie in der
hohen Kunst des Bogenschießen zu unterweisen, war die Herstellung
der eigenen Waffe. Diese hier hatte sie erst zu Beginn des Sommers
fertig gestellt- so als hätte sie schon damals gewusst wie nötig
sie sie einmal haben würde. Der Bogen mochte vielleicht hinter
den elbischen Maßstäben zurückstehen- waren sie es
doch, die diese Kunst perfektioniert hatten- aber er war etwas, dass
Ravena mit ihren eigenen Händen erschaffen hatte, und ihr somit
mehr bedeutete als jeder andere Bogen, und sei er noch so gut. Ihre
Seele steckte in dieser Waffe und sie würde ihr helfen Tarek
zu retten.
Erneut brachte sie einen Pfeil in Position, zielte und schoss. Ein
erfreuter Aufschrei entfuhr ihren Lippen als er schon wieder ins Schwarze
traf. Sie fuhr leicht zusammen als sie hinter sich plötzlich
ein anerkennendes Klatschen vernahm. Zuschauer waren nun wirklich
das letzte was sie gebrauchen könnte, denn jeder der sie nur
einigermaßen kannte würde sofort wissen, was sie vorhatte.
„Guter Schuss, aber du glaubst doch nicht im ernst dass du
damit durchkommen wirst? Ich hatte gehofft das kleine Bad würde
dich wieder zur Besinnung bringen, aber wie ich jetzt sehe scheint
das nicht der Fall gewesen zu sein.“
Siägä. Seit seinem Streich hatte sie ihn konsequent ignoriert
und sie gedachte auch das fortzuführen- zumindest bis ihr eine
geeignete Revanche einfallen würde. Immerhin war es seine Schuld,
dass sie sich ein weiteres mal vor dem Prinzen bis auf die Knochen
blamiert hatte. So leicht würde er ihr nicht davon kommen. Stattdessen
spannte sie erneut ihren Bogen und feuerte einen weiteren Pfeil ins
Schwarze. Ohne Eile marschierte sie daraufhin zu der Zielscheibe um
ihre Pfeile wieder einzusammeln.
„Ach komm schon. Stell dich nicht so an. Wenn du endlich mal
zur Vernunft kommen und dich nicht ständig wie ein Mann benehmen
würdest, wäre das gar nicht nötig gewesen.“
Langsam drehte Ravena sich zu ihm um und blickte ihn wütend
an. Innerlich war sie fuchsteufelswild. Das war wieder einmal so typisch.
Sie wusste sie war besser als viele der Männer in Gadara und
dennoch wollte man es ihr verwehren an diesem Turnier teilzunehmen-
und das nur weil einige Männer sich vielleicht in ihrer Stellung
bedroht sahen.
„Bitte Ravena“, startete Siägä, nun einen versöhnlicheren
Ton einschlagend, „ich will dir doch nur helfen. Du weißt
genau so gut wie ich, dass man dich dort nur auslachen würde.
Außerdem kannst du nicht abstreiten, dass du ein Händchen
hast wenn es darum geht in Schwierigkeiten zu geraten.“
Ravena konnte erkennen dass Siägä sich nur Sorgen um sie
machte. Sie musste sich sogar eingestehen dass sie ihre Berechtigung
hatten- man dachte nur an die Szene mit den Äpfeln. Aber dennoch
war sie noch nicht bereit ihm sein Verhalten zu verzeihen. Nein, vielmehr
würde sie es jetzt gegen ihn verwenden. Sie lächelte ihn
an.
Siägä, erfreut, dass seine Reden scheinbar doch auf fruchtbaren
Boden gestoßen waren, lächelte zurück. Doch sein Lächeln
gefror ihm auf den Lippen als Ravena ihren Bogen erneut spannte. Doch
diesmal zielte sie nicht auf die Scheibe, sondern auf ihn.
„Zieh dich aus.“, Ravenas Lächeln wurde noch breiter.
„Was?“, erwiderte ein geschockter Siägä.
„Du hast schon richtig verstanden. Zieh deine Kleidung aus
und gib sie mir.“
„Jetzt hör aber auf Ravena. Soll das jetzt eine billige
Rache für die Sache am Fluss werden? Ich hätte mehr von
dir erwartet.“
„Keine Angst, du bekommst schon noch was besseres. Aber du
hast recht. Wenn ich dort morgen als Frau auftauche, wird man mich
nicht ernst nehmen. Also“, nun wurde ihr Lächeln noch einen
Tick breiter als es ohnehin schon war, „wird mir wohl nichts
anderes übrigbleiben als dort als Mann aufzutauchen- und jetzt
zieh dich endlich aus.“
„Was??? Aber das kann doch nicht dein Ernst sein“, Siägä
war ernstlich geschockt, „Ravena, ich bitte dich, komm zur Vernunft.
Wenn man dich erwischt- und glaub mir, bei deinem Talent in Schwierigkeiten
zu geraten geschieht das ganz bestimmt- landest du in einem Kerker,
wenn man dir nicht gar schlimmeres antun wird.“
„Nun, dann wird das eben geschehen.“, Irgendwie fand
sie Siägäs Sorgen süß. Allerdings wahr sie sich
dem Wahrheitsgehalt den sie beinhalteten durchaus bewusst- nicht zuletzt
deswegen begann sie allein beim Gedanken an das Turnier nervös
zu werden. „Doch was getan werden muss, muss nun mal getan werden.“
Sie machte sich selbst Mut.
„Und nun tu endlich was ich dir sage.“ Ravena begann
langsam ungeduldig zu werden.
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich dich bei deinem Selbstmord
noch unterstützen werde?“
„Nun dann wird es mir ein großes Vergnügen bereiten
dir diesen Pfeil in den Hintern zu jagen.“
„Das würdest du nicht wagen.“
„Ach ja?“, wie um ihre Drohung zu unterstreichen spannte
sie ihren Bogen noch etwas weiter.
„Bist du dir da ganz sicher?“ Innerlich musste sie laut
auflachen. Natürlich würde sie ihm nichts tun. Eine Tatsache,
derer Siägä sich eigentlich im klaren sein müsste.
Doch unter gewissen Umständen war sie eine gute Schauspielerin-
und momentan schien sie sehr bedrohlich zu wirken, denn Siägä
begann doch tatsächlich damit sich auszuziehen.
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Endlich war der Tag des Turniers gekommen. Noch immer schien es die
Sonne nicht Leid zu sein, den Bewohnern der Stadt das Fest durch einen
wolkenlosen Himmel zu versüßen.
Es war noch früh am Morgen, doch schon jetzt war Gadara, aber
vor allem dessen Turnierplatz, vollkommen überfüllt. Wo
man auch hinsah, überall wimmelte es nur so vor Menschen. Jeder
wartete gespannt auf den Beginn des Turniers. An jeder Straßenecke
fachsimpelte man darüber, wer wohl die größten Chancen
auf einem Sieg hätte.
Indessen bewegte Ravena sich mit klopfendem Herzen auf den Stand
zu, an dem man sich für das Turnier anmelden konnte. Würde
sie mit ihrer Verkleidung durchkommen? Sie schaute ein letztes mal
an sich herunter. Sie trug Siägäs kurze Latzhose und dessen
Hemd. Beides war ihr viel zu weit, sodass ihre weibliche Figur geschickt
verschleiert wurde. Dennoch hatte sie vor dem Ankleiden mit einem
Verband ihren Oberkörper einbandagiert um ihre Brüste so
weit wie möglich zu verbergen. Sicher war sicher. Ihre langen
Haare hatte sie geschickt unter einem Strohhut versteckt, den sie
sich von ihrem Chef „ausgeliehen“ hatte und um ihre weiche
Haut zu verbergen, hatte sie sich eine gehörige Portion Dreck
ins Gesicht geschmiert. Niemand würde sie so erkennen können.
Nachdem sie sich noch einmal davon überzeugt hatte, dass der
Hut fest genug auf ihrem Kopf saß und keine Haarsträhne
darunter hervorluckte, trat sie an den Stand heran. Ihren Köcher
trug sie, samt Bogen, auf dem Rücken.
„Na mein Junge, wie kann ich dir behilflich sein?“, fragte
der freundliche Mann, der den Stand besetzte.
Gut, er hatte sie Junge genannt. Jetzt galt es nur noch sich wie
einer zu benehmen.
„Ich würde gerne an dem Turnier teilnehmen.“, erwiderte
sie in der tiefsten Stimmlage, die sie aufbieten konnte.
„Na Bürschchen, da kann ich dir behilflich sein, wenn
du es bei deiner Konkurrenz auch ziemlich schwer haben wirst.“
Ob er damit wohl jemand bestimmtes meinte?
„Ach ja? Wer hat sich denn bereits angemeldet?“ Der alte
Mann lachte innerlich in sich hinein. Immer diese Jungspunde. Sie
glaubten doch tatsächlich jedes Mal alleine durch ihre Anwesenheit
siegen zu können. Dennoch antwortete er bereitwillig- erinnerte
er sich doch noch all zu genau, dass er in seiner Jugend keinen Deut
besser gewesen war. Dieser Junge würde seine Lektion noch früh
genug lernen.
„Nun“, setzte er an, „siehst du den edlen Herr
dort, der sich gerade mit dem alten Gandalf unterhält?“
Ravena schaute in die angegebene Richtung. Sie nickte. Tatsächlich
konnte sie einen vornehm gekleideten, gutaussehenden Mann ausmachen,
der sich gerade sehr angeregt mit einem Greis unterhielt. Das also
war Gandalf. Obwohl sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte, waren ihr
schon viele Geschichten über ihn zu Ohren gekommen- nicht zuletzt
die seiner legendären Feuerwerke. Doch nun erkannte sie, dass
er höchstwahrscheinlich mehr konnte als die Wesen Mittelerdes
durch seine Feuerwerke zu verzaubern. Es ging eine Aura von ihm aus,
die Ravena nicht richtig zuzuordnen wusste. Plötzlich wandte
er seine Aufmerksamkeit für einen kurzen Augenblick von seinem
Gegenüber ab um in ihre Richtung zu schauen. Obwohl es völlig
absurd klang, war sich Ravena sicher, dass er alles über sie
und ihr Vorhaben wusste. Irritiert wandte sie sich wieder dem Mann
hinter dem Stand zu, sodass sie Gandalfs zufriedenes Lächeln
nicht mehr sehen konnte.
„Das ist der Herzog Randulf“, erwiderte dieser, sich
wieder auf Gandalfs Gesprächspartner beziehend, „Er ist
der Anführer der Leibgarde von unserer Königin Arwen und
ein begnadeter Schütze. Es heißt“, fuhr er in verschwörerischem
Ton fort, „dass Elbenblut durch seine Adern fließt.“
In Gedanken schalt sich Ravena selbst für ihre Kurzsichtigkeit.
Natürlich waren mit dem Königspaar auch eine Menge Soldaten
aus der Hauptstadt gekommen. Soldaten die für ihre Künste
in ganz Mittelerde gerühmt wurden- und natürlich würden
sie auch an dem Wettbewerb teilnehmen. Doch höchstwahrscheinlich
hätte selbst dieses Wissen keinen Einfluss mehr auf Ravenas Entschluss
gehabt. Eine Chance war schließlich ein Chance- wenn sie auch
noch so gering war.
„Außerdem“, wieder ergriff der Standhüter
das Wort, „geht das Gerücht um, dass einige Elben teilnehmen
werden.“
„Elben?“ Ravena hatte darauf spekuliert, dass der Prinz
des Düsterwaldes mangels einer ernstzunehmenden Konkurrenz nicht
an dem Wettbewerb teilnehmen würde. So weit sie wusste war er
momentan der einzige Elb in der Stadt. Der Mann aber hatte den Plural
verwendet. Wer also konnten die anderen sein?
Der alte Mann lachte. „Wo hast du denn in den letzten zwei
Tagen bloß deine Ohren gehabt, Junge? Die ganze Stadt spricht
doch schon darüber. Gestern ist aus Lorien überraschend
eine Gesandtschaft der Hohen Frau Galadriel eingetroffen um den König
für seine Regierungserfolge zu beglückwünschen. Es
heißt ihr Anführer Haldir wäre sehr daran interessiert
an dem Wettbewerb teilzunehmen um sich mit Prinz Legolas aus dem Düsterwald
und Glorfindel zu messen.
„Glorfindel?“ Irgendwo hatte Ravena den Namen schon mal
gehört.
„Ach Junge, was weißt du denn überhaupt? Das ist
einer der Ratgeber Lord Elronds, dem Vater unserer Königin.“
Als er Ravenas verständnislosen Gesichtsausdruck sah, fügte
er hinzu: „Lord Elrond ist gestern ebenfalls mit seinem Gefolge
aus Bruchtal hier eingetroffen um die Feierlichkeiten gemeinsam mit
seiner Tochter zu begehen.“ Ravena war doch tatsächlich
so in ihr Training vertieft gewesen, dass sie nichts von alldem mitbekommen
hatte. Vielleicht hätte sie Siägä doch nicht ignorieren
sollen. Er hatte es bestimmt gewusst.
Plötzlich wurde ihr die gesamte Tragweite dieser unerwarteten
Informationen bewusst. Nicht nur die Männer aus Minas Tirith
würden teilnehmen, sondern auch Elben. Sie würde nicht einmal
den Hauch einer Chance haben.
„Ist das denn nicht etwas unfair- oder zumindest langweilig?“,
fragte Ravena nicht ganz zu unrecht, denn die Elben würden durch
ihre Talente einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Menschen
haben. Das Turnier wäre bereits entschieden bevor es angefangen
hätte.
Der alte Mann lachte: „Vielleicht bist du ja doch ein cleveres
Bürschchen, Kleiner. Aber glücklicherweise ist dem König
diese Idee auch schon gekommen, sodass es jetzt zwei von einander
unabhängige Turniere gibt.“
„Zwei Turniere?“, fragte Ravena hoffnungsvoll? Vielleicht
würde sie dann ja doch noch eine Chance haben.
„Genau, zwei Turniere, oder sollte ich sagen drei? Eins für
Menschen und eins für die Elben. Auf eine Runde des Menschenturniers
wird eine Runde des Elbenturniers folgen, bis die beiden Sieger feststehen.“
Erleichtert seufzte Ravena auf. Dann würde sich für sie
ja nicht allzu viel ändern. Doch was hatte es mit diesem dritten
Turnier auf sich?
„Und woraus besteht dann dieses dritte Turnier?“, fragte
sie also neugierig, schon schlimmes befürchtend.
„Das wird ein Wettstreit zwischen den drei besten Elben und
den drei besten Menschen sein, indem es aber nur um die Ehre geht.
Also musst du nur das Menschenturnier gewinnen um die 100 Silberlinge
mit nach Hause zu nehmen.“, beendete der Mann, nicht ohne eine
gewisse Ironie, seine Auskunft über das Turnier.
„Also, immer noch Interesse daran teilzunehmen?“
„Sicher doch“, antwortete Ravena etwas überzeugter
als sie sich fühlte.
„Name?“
„Landewin, Sohn von Lodewik.“ Das war knapp gewesen.
Beinahe hätte Ravena ihren wirklichen Namen verraten.
„In Ordnung Landewin, Sohn von Lodewik. Du hast die Startnummer
Hundert.“ Während er das sagte lachte er Ravena an. „Na
wenn das keine Glückszahl ist.“ Damit entließ er
sie und wandte sich dem nächsten Bewerber zu. Ravena hoffte inständig,
dass er recht behalten möge.
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Ravena stand am Rande des Turnierplatzes und beobachtete das Geschehen.
Der riesige Turnierplatz war umsäumt mit großen Tribünen,
die extra für das heutige Turnier erweitert worden waren. Bereits
zu dieser frühen Stunde waren sie vollkommen überfüllt,
sodass sich die Menschen auch auf den großen Wiesen vor den
Tribünen niederließen. Jeder war bemüht einen guten
Platz zu finden. Am Kopfende des Platzes war die Tribüne für
das königliche Paar und dessen Gefolge. Doch jetzt tummelten
sich dort nur einige Diener, die die letzten Vorbereitungen trafen.
Dann ließ Ravena den Blick zu ihren Kontrahenten weiter wandern,
die langsam begannen sich am Turnierplatz zu sammeln. Es war eine
große Konkurrenz. Sie schätzte ihre Anzahl auf circa einhundertfünfzig
Männer und Elben. Sie kamen aus allen gesellschaftlichen Schichten.
Es handelte sich um Bauern, Stadtbewohner und Adelige.
Ravena konnte sich an der Schönheit und Eleganz des schönen
Volkes nicht satt sehen- und obwohl sie fest der Überzeugung
war, dass keiner dieser Elben auch nur annähernd an Legolas heranreichen
konnte, erkannte sie, dass sie diesen Beinamen zurecht trugen. Unbewusst
hielt sie nach einem ganz bestimmten Elb Ausschau, konnte ihn aber
nirgendwo ausmachen.
„Und das ist auch gut so!“, sagte sie zu sich selbst.
Nach dem was sie sich innerhalb der letzten Tage geleistet hatte,
bestünde vielleicht die Möglichkeit, dass er sie erkennen
könnte. Immerhin war er ein Elb und wer wusste schon in wie weit
sie sich von den Menschen unterschieden? Hatte sie nicht auch irgendwann
einmal gehört, dass manche sogar Gedanken lesen konnten?
Sie musst sich beruhigen. Immerhin hatte sie vor die gesamte Garde
von Minas Tirith zu besiegen- und dazu brauchte sie nun mal ein ruhiges
Händchen.
„Na Junge, sind wir nicht noch ein bisschen jung für so
ein großes Turnier? Dir steht ja noch nicht mal ein Bart im
Gesicht.“
Ravena drehte ihren Kopf in Richtung des Sprechers, der sich gerade
mit seinen Freunden einen Spaß daraus machte, sich über
sie lustig zu machen. Sie erkannte einen kleinen Stadtadeligen namens
Loi, der sich für das Zentrum des gesamten Universums hielt.
Hin und wieder kehrte er nach einer Hatz im Wald im „bellenden
Hund“ ein. Sie hatte ihn als einen Halbstarken, mit einem großen
Mundwerk hinter dem aber keine Taten standen, in Erinnerung. Dementsprechend
machte sie sich auch nur wenigen Sorgen über eine mögliche
Demaskierung, denn obwohl er ihr schon oft sehr derb nachgestellt
hatte, hatte sie schnell herausgefunden das sie nur eine von vielen
war. Als Loi’s starker Biergeruch ihre Nase erreichte konnte
sie einer Antwort nicht wiederstehen:
„Und haben wir nicht schon so früh am Morgen einen zu
viel gehoben? Ihr schafft es ja kaum euren Becher zu den Lippen zu
bringen.“ Schon während sie das aussprach erkannte sie,
das ihr Mundwerk einmal mehr mit ihr durchgegangen war, denn Loi’s
Wangen begannen vor Wut förmlich zu glühen und seine Hände
hatten sich zu Fäusten geballt- bereit Ravena zu verprügeln.
Indessen gratulierte Ravena sich selbst. Jetzt hatte sie es doch
tatsächlich geschafft ihre Maskerade noch vor dem eigentlichen
Beginn des Turniers ernstlich zu gefährden. Sie hätte wissen
müssen das dieser aufgeblasene Loi nicht der Typ war, der sich
eine Beleidigung- wenn sie auch angebracht gewesen sein mag- nicht
ohne weiteres gefallen lassen würde.
Siägä hatte recht gehab- bei ihrem Talent in Schwierigkeiten
zu geraten, würde sie ihr Tarnung niemals aufrecht erhalten können.
Von seinen grölenden Freunden angetrieben machte er einen Schritt
auf Ravena zu, als plötzlich eine Einhalt gebietende Stimme hinter
Ravena erklang.
„Na, na, na, Loi, Ihr werdet eure Kraft doch nicht schon vor
dem Turnier vergeuden wollen. Lasst doch statt dessen die Bögen
sprechen. Das Turnier wird schon bald beginnen.“ Wer immer auch
der Sprecher dieser Worte war- er hatte einen so großen Einfluss,
dass Loi sich ihm beugte und mit seinen Freunden verschwand. Ravena
schaute sich nach ihrem Retter um und staunte nicht schlecht als sie
Herzog Randulf erkannte. Sie war sich plötzlich sicher, dass
der alte Standhüter mit seiner Vermutung über dessen elbisches
Blut recht hatte. Er hatte langes schwarzes Haar, dass ihm in einem
Pferdeschwanz den Rücken hinabhing und ein Gesicht das mehr Lebenserfahrung
verriet, als man sie bei seiner offensichtlichen Jugend annehmen würde.
Sie schätzte ihn auf nicht mehr als achtundzwanzig Jahre. Obwohl
ihm nichts übermenschliches anhaftete, besaß er eine einnehmende
Ausstrahlung.
„Sie dich vor, Junge“, warnte er sie nun mit einem vergnügten
Gesichtsausdruck, „Er mag deine schlagfertige Antwort verdient
haben, doch hin und wieder kann auch ein Schweigen von Vorteil sein.
Ich bin schon sehr auf deine Leistungen gespannt.“ Damit machte
auch er sich auf den Weg zum Sammelplatz. Verdutzt schaute sie dem
Herzog nach. Was war denn das nun schon wieder gewesen? Mittlerweile
stand Ravena schon über ihren Ausrutschern. Zuerst der König,
dann der Elb und nun auch noch der Herzog. Wer würde als nächster
kommen, die Königin? Zuzutrauen wäre es ihr noch.
„Aber wir wollen ja nichts heraufbeschwören.“, wies
sie sich selbst zurecht.
In dem Moment erschallte ein Trompetensignal, das die Ankunft des
Königs ankündigte und die Bogenschützen dazu aufforderte
vor der königlichen Tribüne Aufstellung zu nehmen. Ravena
beeilte sich zu ihrem Platz zu kommen. Nach einigem Chaos gelang es
den hundertfünfzig Mann dann auch geordnet Haltung anzunehmen,
wobei die teilnehmenden Elben damit allerdings weit weniger Probleme
zu haben schienen.
Als der König und die Königin dann endlich erschienen brach
das gesamte Volk in einen tosenden Jubel aus. Jeder konnte die Liebe
die das Volk seinem Herrscherpaar entgegenbrachte erkennen. Schließlich
nahmen Aragorn und Arwen vor ihren Sitzen auf der Tribüne Aufstellung
um sich dem Volk zu präsentieren und zurückzuwinken. Ihnen
folgten vier fröhlich wirkende Hobbits, ein Zwerg, ein alter
Zauberer und ein Elb, der sich beeilte seinen Platz in den Reihen
der teilnehmenden Elben einzunehmen. Ravenas Herz schlug schneller
als sie ihn erkannte. Sie war sich nicht sicher ob es nur die Nervosität
vor dem Turnier oder ihre unklaren Gefühle zu ihm waren die das
bewirkten. Wahrscheinlich beides.
Den Gefährten folgten noch der Baron und einige Hochrangige Adelige
der Stadt.
Ravena versuchte einen Blick auf die Königin zu erhaschen, hatte
sie doch noch nie das Glück gehabt sie zu sehen. Ihre elbische
Schönheit war unübertroffen. Sie fragte sich mit einem Stich
im Herzen ob wohl alle weiblichen Elben solch eine Schönheit
besaßen. Wie hatte sie nur auf die Idee kommen können,
dass der Prinz vielleicht auch etwas für sie empfinden könnte?
Wahrscheinlich war er einfach nur so nett zu ihr gewesen weil sie
ihm Leid getan hatte. Weiter erlaubte sie ihren Gedanken nicht zu
wandern- hatte sie sich doch auf wichtigeres zu Konzentrieren.
Mit einer Handbewegung bat der König um Ruhe. Als der Jubel
endlich abgeklungen war sprach er mit lauter Stimme:
„Bürger und Bürgerinnen Gadaras. Ich möchte
diese Gelegenheit nutzen um mich für diesen denkwürdigen
Empfang zu bedanken“, wieder brach ein tosender Jubel aus, den
der König nur mit einem erneuten Handwinken zum Ruhen bringen
konnte, „und es ist mir eine Ehre dieses Bogenschießen
feierlich zu eröffnen. Möge der Wettkampf gerecht sein und
der beste den Sieg davon tragen.“
Damit verbeugten sich alle Teilnehmer ehrfürchtig vor ihrem
König und begaben sich wieder an den Rand des Turnierplatzes,
wo sie warten sollten bis sie aufgerufen wurden. Da die 150Männer
und Elben nicht alle auf einmal ihre Schüsse abfeuern konnten
wurden sie in kleinere Gruppen eingeteilt, die nacheinander an die
Reihe kamen. Davon einmal abgesehen, dass man zwei unabhängig
voneinander laufende Turniere zu sehen bekam, hielt man sich an die
allgemein gültigen Regeln. Das bedeutete für die Menschen,
dass man in der ersten Runde von zwanzig Schritt, in der zweiten Runde
von 50Schritt und schließlich, im Finale, von 150Schritt Entfernung
seine Pfeile auf eine Zielscheibe feuern musste, die vier Zielringe
besaß. Die Höchstpunktzahl erreichte man bei einem Schuss
ins schwarze Zentrum. Je weiter man sich von ihm entfernte, desto
weniger Punkte erhielt man. Jeder hatte pro Weite drei Versuche, deren
Ergebnisse zusammenaddiert wurden und letztendlich auch darüber
entschieden, wer eine Runde weiter kam. Von den einhundertacht teilnehmenden
Männern würden die fünfzig besten den zweiten Durchgang
erreichen und von diesen würden wiederum nur zehn den Sieg unter
sich ausmachen. Dem Elbenturnier lagen im Grunde die selben Regeln
zugrunde. Der einzige Unterschied war, dass man, aufgrund der besseren
Sehkraft der Elben, schon in der ersten Runde mit 50Schritt begann.
Die zweite Runde würde man von 150Schritt und das Finale von
200Schritt in Angriff nehmen. Da allerdings nur vierundvierzig Elben
teilnahmen, würden auch nur 20 den zweiten Durchgang und drei
das Finale bestreiten.
Mit jeder verstrichenen Minute wurde Ravena nervöser. Zweifel
packten sie. Würde für sie alles Gut ausgehen? Sie wollte
sich nicht ausmalen was mit ihr geschehen würde, sollte man ihre
kleine Maskerade aufdecken. Doch sie schob ihre Zweifel weit weg als
der Festredner begann die Namen der ersten 12 Schützen aufzurufen,
die ihr Können unter Beweis stellen konnten. Dazu sprach er in
ein fremdartig aussehendes Horn, dass seine Stimme weit über
den Turnierplatz bis hin zu den hintersten Rängen trug. Das Turnier
würde mit einer Menschengruppe eröffnet werden. Würde
sie schon unter den ersten zwölf sein und würde sie in der
Aufregung ihren Namen überhaupt erkennen? Sie lachte sich selbst
aus. Mit ihrer hohen Startnummer war es wahrscheinlicher dass sie
in der letzten Gruppe landete.
„Ich bitte darum Aufstellung zu nehmen: Herzog Warmund, Sohn
von Teutobod; Falkmar, Sohn von Parsifal; Graf Ludgerus, Sohn von
Nandolf; Farold, Sohn von Gernot; Lieuwe, Sohn von Nahum; Filibert,
Sohn von Theodemar; der Edle Waltram, Sohn von Gerwin; Thoralf, Sohn
von Nathan; Pelagius, Sohn von Wendelin; Freiherr Gilbert, Sohn von
Glaubrecht, Graf Fryderyk, Sohn von Frodewin und der Edle Loi, Sohn
von Wiggo.“
Wie sie vermutete: Sie war noch nicht darunter. Die Aufgerufenen
begaben sich unter dem Jubel des Volkes wieder auf den Platz um vor
ihrem König Aufstellung zu nehmen. Sie verbeugten sich. Als König
Elessar ihnen mit einem Handwink bedeutete aufzustehen, drehten sie
sich zu den zwölf Zielscheiben um. Damit ein irregeleiteter Pfeil
nicht versehentlich das königliche Paar treffen konnte, schossen
sie mit dem Rücken zum König. Der Sprecher gab das Kommando:
„Sowie sie bereit sind, feuern sie.“ Der erste der einen
Pfeil abschoss war Loi. Das verwunderte Ravena nicht. Er war viel
zu ungestüm, als dass er sich die Zeit nehmen würde um sich
zu konzentrieren. Dementsprechend landete sein Pfeil auch nur im Zweiten
Ring. Sie war sich sicher, dass sie Loi rot werden sah. Wie angenehm
es war das einmal bei jemand anderem beobachten zu können. Nachdem
nach und nach auch die übrigen elf ihre Pfeile abgeschossen hatten,
begab sich ein Schiedsrichter von Zielscheibe zu Zielscheibe um die
genaue Punktzahl bekannt zu geben, die vom Publikum dann entweder
anerkennend bejubelt oder ausgelacht wurde. Dabei machte man keinen
Unterschied zwischen Adel oder Bürger, sodass Loi sich einigem
Spott gegenüber sehen musste. Die darauffolgenden zwei Versuche
folgten der selben Prozedur. Loi gelang es noch sich einen Ring näher
ans schwarze Zentrum heranzuarbeiten, doch ob das reichen würde
um in die zweite Runde zu kommen, war fraglich.
Nach diesen zwölf kam noch eine Gruppe von Menschen bis die
ersten Elben endlich an der Reihe waren. Dazu wurden die Zielscheiben
von einigen Dienern geschwind weitere 30Schritt nach hinten gestellt.
Während der Sprecher die Namen der Elben verlas, setzte ihr Herz
für einen Augenblick aus. Legolas war bereits unter ihnen. Endlich
würde sie sich selbst von seinem vielbesungenem Können überzeugen
können.
Die elf aufgerufenen Elben stellten sich ebenfalls vor König
Elessar auf und beugten in Ehrerbietung ihre Köpfe, bevor sie
sich ihren Zielen zuwandten. Es war ein Anblick, der niemand der Anwesenden
jemals vergessen würde und von dem man noch seinen Enkelkindern
erzählen würde. Mit einer unglaublichen Eleganz und Leichtigkeit
spannten sie ihre Bögen. Sämtliche Pfeile trafen die schwarze
Mitte. Ravena fragte sich wie diese Elben jemals zu einer Entscheidung
kommen würden. Wenn sie diese Zielsicherheit beibehalten sollten,
wären sie am nächsten Morgen noch daran einen Sieger unter
sich auszumachen. Doch anscheinend hatten die Organisatoren auch daran
gedacht, denn die Schiedsrichter machten sich daran die Positionen
der Pfeile bis auf den letzten Millimeter auszumessen. Legolas hatte
exakt das Zentrum getroffen, sodass ein Großteil des donnernden
Applauses ihm galt. Er quittierte ihn mit einem fröhlichen Winken.
Bei seinem zweiten Schuss galt Ravenas Aufmerksamkeit ihm allein.
Sie schaute ihm zu wie er sich vor seinem Schuss sammelte, den Pfeil
anlegte, seinen muskulösen Körper ansperrte, sein Ziel fixierte,
schoss- und ein zweites mal ins Schwarze Traf. Dort stand ein ganz
anderer Legolas als der, der sich von ihr vom Pferd bombardieren gelassen
hatte oder der, der ein fröhliches Lied anstimmte. Sein Körper
und seine stetig umherwandernden Augen zeigten eine ständige
Wachsamkeit- gerade so als erwarte er einen Angriff aus dem Hinterhalt.
Ravena beschloss umgehend ihn nie wieder in irgendeiner Weise zu überraschen,
denn sie begriff plötzlich, dass das unter Umständen tödliche
Folgen haben konnte- sein Versagen bei ihrem „Apfelbombardement“
hin oder her. Sein dritter Pfeil traf ebenfalls sein Ziel. Vielbejubelt
verließen die Elben den Platz.
In diesem Rhythmus ging es weiter: Zwei Menschengruppen folgte eine
Elbengruppe bis, mit der letzten Gruppe, schließlich auch Ravena
aufgerufen wurde. Unter ihren elf Mitstreitern befand sich auch Herzog
Randulf. Sie fragte sich wie sie neben ihm bestehen würde. Mit
klopfendem Herzen bewegte sie sich auf die Tribüne zu. Glücklicherweise
schien der König sie nicht länger unter Augenschein zu nehmen.
Noch immer nagte die Angst entdeckt zu werden an ihr. Sie schaute
kurz nach Siägä. Er stand am Wiesenrand und signalisierte
ihr, dass er ihr beide Daumen drückte. Er hatte ihr also doch
noch verziehen. Das gab ihr neuen Mut.
Mit den anderen Bogenschützen kniete sie vor dem König
nieder. Das brachte ihr Zeit um ihre Gedanken wieder zu sammeln. Sie
würde sich jetzt konzentrieren müssen. Nachdem der König
ihnen das Zeichen zum Erheben gegeben hatten drehte sie sich um und
nahm ihr Ziel in Augenschein. Auf diese Entfernung machte es ihr eigentlich
keine allzu großen Probleme ins Schwarze zu treffen, doch welche
Leistung würde sie vor den Augen dieser vielen Zuschauer zeigen?
Der Sprecher gab sein Kommando:
„Feuern sie, sowie sie bereit sind.“
In diesem Moment gab es für Ravena nichts mehr als sie und ihr
Ziel. Alle ihre Ängste und Hoffnungen vergrub sie tief in sich.
Ihre Konkurrenten sperrte sie aus ihrem Bewusstsein aus. Sie nahm
sich einen Pfeil aus ihrem Köcher und legte ihn an. Anschließend
brachte sie den Bogen in Position und achtete darauf dass ihr Körper
während dem gesamten Prozess seine Spannung nicht verlor. Sie
fixierte ihr Ziel und ließ instinktiv im richtigen Moment den
Pfeil los. Das alles wirkte auf sie wie eine Zeitlupe. Noch während
sie ihrem Pfeil nachblickte, wusste sie dass er sein Ziel treffen
würde- und tatsächlich: er landete genau im Schwarzen.
Nachdem sie realisiert hatte, dass sie besser nicht hätte schießen
können schaute sie auch auf die Ergebnisse ihrer Konkurrenten.
Neben ihr hatte nur noch Herzog Randulf dieselbe Leistung erbracht.
Als sie den Kopf in dessen Richtung drehte sah sie, wie er ihr grinsend
zu nickte. Erleichtert über ihren guten Schuss nickte sie Zurück.
Ein Austausch, der auch vielen Zuschauern nicht entgangen war. Man
begann sich zu fragen wer der kleine Dreckspatz war, dem es gerade
gelungen war ebenso gut wie der Anführer der königlichen
Garde zu schießen. Man wartete gespannt, ob sie ihren Erfolg
wiederholen würde. Ravena enttäuschte sie nicht. Auch ihr
zweiter Schuss traf ins Schwarze, was ihr nicht wenig Jubel einbrachte.
Nun machte sie sich etwas erleichtert, aber dennoch nicht übermütig,
daran ihren dritten Pfeil in sein Ziel zu befördern. Dabei wurde
sie von drei sehr interessierten Augenpaaren genauestens beobachtet.
„Mir scheint als hätte Randulf ernstzunehmende Konkurrenz
bekommen.“
„In der Tat, der Kleine dort stellt sich nicht schlecht an.“
„ ‚Nicht gerade schlecht’ ist gut, Haldir. Wenn
er nicht aufpasst wird der Anführer der königlichen Garde
von einem kleinen Jungen besiegt. Das könnte peinlich enden.“
„Etwa peinlicher als von einem menschlichen Rotschopf vom Pferd
bombardiert zu werden?“ Glorfindels Kommentar brachte Haldir
zu einem herzhaften Lachen und Legolas zum aufseufzen.
„Dann hattet ihr heute also schon das Vergnügen mit Gimli
gehabt?“, fragte der Prinz resignierend.
„So war es, obwohl ihm die Kunde bereits voraus eilte- wir
haben es von Pippin erfahren.“ Vergnügt machte Glorfindel
keine Anstalten von seinem Freund abzulassen.
„Also Legolas“, mischte sich jetzt auch Haldir ein, „was
genau ist denn nun zwischen dir und diesem Menschenmädchen? Sollte
ihr etwa wirklich das gelungen sein was in all den vielen Jahrhunderten
noch nicht einmal die schönste Elbe fertig gebracht hat?“
Es machte ihm sichtbar Spaß Legolas in Verlegenheit zu bringen.
„Du weißt, dein Vater ist mittlerweile schon so verzweifelt
dass er dich sogar eine stinkende Orkfrau heiraten lassen würde,
wenn die ihm nur endlich einen Thronerben schenken würde.“
Glorfindel konnte sich mittlerweile vor Lachen kaum noch halten.
„Ich weiß überhaupt nicht was genau ihr eigentlich
meint.“, erwiderte Legolas mit einer Unschuldsmiene.
„Ach komm schon, Freund. Uns kannst du doch nichts vormachen.
Der Zwerg hat uns da von einigen ganz prekären Situationen berichtet.“
„Hat er das?“, fragte Legolas mit einer hochgezogenen
Augenbraue.
„Ja, das hat er“, erwiderte nun Haldir wieder, ebenfalls
mit einem schelmischen Grinsen auf den Lippen. „Es war sogar
die Rede von einem gemeinsamen Bad.“
„Außerdem sollst du dich bereits von ihr herumkommandieren
lassen, mein Freund.“ Glorfindel konnte es einfach nicht lassen.
Dafür waren Legolas Ohren, die normalerweise die gesamte weibliche
Elbenwelt zu literarischen Ergüssen anregten, schon viel zu rot.
„Seit wann vertraut ihr denn einem Zwerg?“, versuchte
Legolas das Ruder wieder herumzureißen. Doch vergebens.
„Warst du es nicht, der uns immer wieder versichert hatte,
dass der Zwerg ein guter Freund und vertrauenswürdig wäre?
Nun, wir beginnen jetzt das auch zu erkennen.“, konterte Haldir
geschickt.
In solchen Momenten wagte Legolas das zu bezweifeln. Dennoch musste
er mitlachen. Wäre das alles Haldir oder Glorfindel geschehen,
er hätte nicht anders gehandelt. Die Frage war nur was genau
ihm wiederfahren ist. Er wusste nur, dass er Ravena vor zwei Tagen
am liebsten nicht mehr aus seinen Armen entlassen hätte. Er hätte
eine Ewigkeit mit ihr an seinem Herzen weiter reiten können.
Aber konnte eine solche Liebe eine Zukunft haben? Eine Frage, die
er sich in den letzten zwei Tagen nur allzu oft gestellt hatte. Schließlich
war sie ein Mensch und damit sterblich. Auf der anderen Seite ist
er gelehrt worden, dass sich solche Dinge mit etwas Zeit und Geduld,
ganz von alleine klären würden. Nun, darauf würde er
wohl vertrauen müssen. Er konnte nicht anders als schmunzeln,
als er bemerkte wie wahr Glorfindels Kommentar über seinen Vater
tatsächlich wahr.
Legolas war wie jeder andere gewöhnliche Elb im Düsterwald
aufgezogen worden. Zu gefährlich war dieser Ort, als dass man
sich königliche Extratouren hätte leisten können. Somit
hatte sein Vater ihn auch nie gedrängt gegen seinen Willen zu
heiraten. Etwas, wofür er sehr dankbar war. Dennoch ließ
der Elbenkönig, besonders nachdem Legolas in die Jahre gekommen
war und noch immer nicht gedachte sich zu binden, keine Gelegenheit
aus, ihm sämtlich Elbinnen Mittelerdes vorzustellen- allerdings
vergeblich. Gewiss, in seinem langen Leben hatte er bereits mehr als
eine Liebschaft gehabt, doch um wahre, aufrichtige Liebe, für
die es sich gelohnt hätte zu sterben und wie die Dichter sie
priesen hatte es sich nie gehandelt.
Nun, sein Vater war noch nicht ganz so verzweifelt, dass er einer
Heirat mit einer Orkfrau zugestimmt hätte- nicht das Legolas
da großen Wert drauf gelegt hätte- aber das Wort Zwergin
ist in diesem Zusammenhang schon mal gefallen. Also wäre er nicht
zu enttäuscht wenn er plötzlich mit der Menschenfrau seines
Herzens auftauchen würde.
„Jetzt gebt acht. Er zielt wieder.“ Durch Haldirs Ausspruch
aus seinen Gedanken gerissen konzentrierte sich Legolas wieder auf
das Turniergeschehen. Der Junge war gerade dabei seinen Pfeil anzulegen
und seinen Bogen in Position zu bringen.
„Schaut euch diese Körperspannung und Schrittstellung
an.“, ließ Glorfindel verlauten.
„Wo er die wohl erlangt haben mag? Für einen Menschen
scheint er noch sehr jung zu sein.“, warf Legolas ein.
„Ein Naturtalent. Seht nur, er verlässt sich beim Schießen
vollkommen auf seinen Instinkt. Wenn ich Randulf wäre, würde
ich ihn noch heute in meinen Dienst nehmen. Mit etwas Training würde
er einen guten Krieger abgeben.“ Haldir war sichtlich beeindruckt.
Ravena ließ den Pfeil los- und schoss erneut ins Schwarze.
Zufrieden betrachtete sie ihr Werk. Sie war jetzt sichtlich entspannter.
„Das war jetzt schon das dritte Mal die volle Punktzahl.“
„Ich muss die Recht geben, Legolas. Randulf sollte wirklich
aufpassen, wenn er nicht von diesem Dreckspatz besiegt werden will.“,
meinte Glorfindel spaßhaft.
Jetzt sah Legolas endlich seine Chance um zurückzuschlagen.
Er grinste seine Freunde breit an: „Ich denke ihr solltet euch
in Acht nehmen, damit er euch im Anschluss nicht ebenfalls besiegt.“
„Meinst du wirklich, dass er es bis unter die besten drei schaffen
wird?“, fragte Haldir, einen weiteren abschätzenden Blick
auf Ravena werfend.
„Nun, das wird der nächste Durchgang zeigen.“, schloss
Legolas.
Kapitel 6 (zweiter
Teil)
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