Moviestar August 1999
Vielen Dank an Jasy fürs Abtippen!
Die
große Fantasy-Trilogie kommt ins Kino: Der Herr der Ringe
Moviestar sprach
mit Regisseur Peter Jackson
Bad Taste und
Braindead machten ihn
zum unübertroffenen Meister des Fun-Splatters (Anm: splatter =
besonders blutig), doch mit der sensiblen Charakterstudie
Heavenly Creatures
verstörte er viele seiner Fans und feierte bei denen Erfolge, die ihn
für einen Ekel-Regisseur hielten. Nach seinem Kommerz-Ausflug
The Frighteners will
der Neuseeländer nun Der Herr
der Ringe verfilmen.
Moviestar:
Wie lange brauchen Sie zu
Herr der Ringe, wie teuer wird der Film, und wer wird
mitspielen?
Peter Jackson:
Hey, langsam (lacht)! Es gibt noch keine konkreten Namen. Wir casten
schon seit zwei, drei Monaten. Deshalb bin ich auch momentan in
Europa. Wir nehmen keine Stars, denn es wird drei Filme geben, wir
werden 18 Monate in Neuseelanddrehen, und es gibt kaum bekannte
Schauspieler, die so lange an einem Projekt arbeiten wollen. Zudem
wollen wir unser Geld nicht verschwenden, man soll es auf der Leinwand
sehen. Wir möchten die beste Qualität für den Film erreichen! Seit
zwei Jahren arbeiten wir jetzt schon an diesem Projekt, und es wird
weitere drei Jahre dauern, bis alles fertig sein wird.
Der Herr der Ringe
wird also fünf Jahre in Anspruch nehmen! Im Septemberbeginnen die
Dreharbeiten, es wird zwischendurch kleine Pausen für die
Post-Production geben. Der erste Film soll 2001 in die Kinos kommen,
wann genau weiß ich noch nicht. Die anderen Filme sollen im Abstand
von fünf bis sechs Monaten folgen.
MS:
Wie sehen die Hobbits aus?
PJ: Nun,
Tolkien beschreibt sie fast wie Kinder mit großen Füßen. Es wäre keine
gute Idee, die Hobbits am Computer zu generieren, denn wir wissen wohl
alle noch, wie furchtbar die Menschen in
Toy Story aussehen. Die
Hobbits sollen schließlich die Herzen der Zuschauer gewinnen. Wir
haben Leinwandtests mit Kindern und kleinwüchsigen Menschen gemacht.
Die beste Art, einen Hobbit glaubhaft darzustellen, ist, einen
Menschen von knapp 1,60 m zu nehmen – also ungefähr meine Größe – und
ihn auf einen Meter runterzuschrumpfen. Sie sehen dann sehr echt aus,
aber auf den ersten Blick auch sehr seltsam. Es sind miniaturisierte
Erwachsene – für mich echte Hobbits!
MS:
Haben Sie sich bei den Sets von den zahlreichen existierenden
Illustrationen inspirieren lassen?
PJ: Wir wurden
von zwei Künstlern inspiriert, Alan Lee und John Howe. Beide haben im
Laufe der Jahre Bücher illustriert und waren für ein knappes Jahr in
Neuseeland. 1992 hat Alan Lee für eine Ausgabe von „Lord of the Rings“
Aquarelle gemalt, und seine Kunst war definitiv eine Inspiration für
uns. Alan und John werden keine herkömmlichen Sachen kopieren, alles
wird neu erschaffen. Sie designen alles, von Burgen bis zu einem
Tisch. 70 % der Arbeit ist vollbracht. Wir wenden uns nun Sachen wie
den Stühlen zu, die Gebäude und Landschaften sind fertig!
MS:
Wie sieht es eigentlich mit Ihrer kreativen Freiheit aus?
PJ: Bisher hat
uns noch keiner befohlen, was wir tun sollen.
MS:
Kein Druck vom Studio?
PJ: Nein,
alles läuft großartig, ich habe alle Freiheiten, die ich brauche. Es
ist gut, dass die Jungs von
New Line selber große Fans des Buches sind. Die wollen gar
nicht, dass die Verfilmung Hollywood angepasst wird, die mögen das
Buchen so, wie’s ist! Der Film soll schließlich das Feeling von
Tolkien rüberbringen, er wird in mancher Hinsicht nicht haargenau wie
das Buch sein, vieles wird anders sein und doch auch nicht – das hört
sich jetzt seltsam an -, aber auf jeden Fall wird es immer noch das
Buch sein!
MS:
Sie sind für Ihren großartigen Humor bekannt. In Tolkiens Buch gibt es
auch Humor, aber da ist auch der düstere Unterton. Wird das
beibehalten?
PJ: Der Film
wird definitiv Tolkien sein. Wir werden verschiedene Situationen
vielleicht etwas komischer gestalten, und die lustigen Sätze werden
eventuell auch nicht buchstabengetreu sein, aber wir werden keine
gravierenden Veränderungen zum Buch vornehmen! Natürlich wird ein
ernsthafter Charakter wie Gandalf nicht plötzlich zur Comicfigur
werden. Wir ändern nur einige Sachen etwas ab, die düstere Stimmung
behalten wir bei!
MS:
Stimmt es, dass die Armee Neuseelands bei Massenszenen aushelfen soll?
PJ: Die
Regierung unterstützt uns wirklich sehr, der Film bringt auch viel
Geld nach Neuseeland – soviel wie unsere Weinindustrie in einem ganzen
Jahr erwirtschaftet! Der Premierminister hat uns besucht und gefragt,
womit er uns helfen könnte, und ich meinte, dass die Armee ein guter
Anfang wäre (lacht)! Wenn man Hilfe von der Regierung bekommt, dann
darf man nicht unbedingt ans Geld denken, denn das wollen sie nicht
rausrücken, und die Army hat ja eh nichts zu tun bei uns. Es gibt kein
Land, wo wir jetzt gerade 'ne Invasion vornehmen könnten, selbst an
den Fidschi-Inseln haben wir kein Interesse! Die Armee wird uns bei
den Kampfszenen helfen, aber für die monumentalen Szenen werden wir
CGIs (Anm: CGI = Computer Generated Images – zu Deutsch:
Computergenerierte Bilder) einsetzen, denn da werden 50.000 bis
60.000 Leute gegeneinander kämpfen! Seit zwei Jahren schreiben wir an
einem Computercode, der uns in die Lage versetzen wird, diese
Computersoldaten richtig miteinander kämpfen zu lassen. Diese Soldaten
sehen sehr echt aus, woran wir seit zwei Jahren arbeiten, ist eine Art
künstliche Intelligenz. Wenn wir 100.000 kleine Soldaten erschaffen,
werden alle sozusagen ihr eigenes Hirn haben, sie haben dann die
Fähigkeit, einen gegnerischen Soldaten zu erkennen, und sie werden den
Feind angreifen, und ihre Gegner werden sich dann mit einem Schild
schützen. Diese Jungs werden sich wirklich bekämpfen, darauf haben wir
sie trainiert, und wir müssen gar nichts weiter tun, als den Knopf zu
drücken. Das ist echt superlustig, und wir wissen noch nicht mal
genau, was passieren wird! Wir können zwar die eine Armee etwas
stärker machen als die andere wie bei einem Videospiel, wo man
festlegt, dieser Typ kann sechs Treffer einstecken, bevor er zu Boden
fällt, und der andere kann zehn verkraften, wir können die Figuren
auch entsprechend positionieren, hier 1000 Elfen, dort 1000 Zwerge, da
drüben 3000 Orks und noch ein paar berittene Kämpfer, aber sobald es
losgeht, passiert alles ohne jegliche Kontrolle, die Reiter werden die
Orks sehen und denken „Hey, ich mach euch kalt“ (lacht), und dann geht
die Action so richtig los, und wir werden dasitzen und zusehen, das
Ganze ist wirklich erstaunlich. Dies wird speziell für die
Massenszenen eingesetzt werden.
MS:
Können Sie eigentlich schon an die Zeit nach
Lord of the Rings
denken, an eine neues Projekt vielleicht?
PJ: Danach ist
erst mal Urlaub angesagt, man nennt es auch „in Rente gehen“ (lacht)!
Es gibt natürlich noch Stoffe, die mich interessieren, aber das sind
Sachen, die kleiner sind. Fünf Jahre sind eine verdammt lange Zeit für
einen Film – nun gut, eigentlich sind es ja drei! -, aber danach plane
ich wieder Filme, die innerhalb eines Jahres entstehen. Ich würde
liebend gern ein Sequel (Anm: Sequel = Fortsetzung) zu
Bad Taste drehen
oder auch andere Splatterfilme. Fran Walsh und ich möchten auch gern
wieder einen Film mit einem wahren Hintergrund machen wie
Heavenly Creatures.
Das war eine tolle Erfahrung. Man muss Nachforschungen anstellen,
Leute interviewen, Polizeiakten durchlesen – es gibt schon ein neues
Projekt dieser Art, das ich ins Auge gefasst habe.
MS:
Ich konnte nach Bad Taste
und Braindead
erst gar nicht glauben, dass
Heavenly Creatures
von Ihnen ist. Wie sind Sie darauf gestoßen?
PJ: Es war ein
berühmter Mordfall in Neuseeland, aber ich wusste nicht viel darüber.
Doch Fran hatte schon mit zwölf Jahren ein Buch darüber gelesen. Als
Braindead
gedreht wurde, sprachen wir darüber, dass das ein toller Film werden
könnte. Noch während der Dreharbeiten fingen wir mit unseren
Nachforschungen an, und als ich tagsüber
Braindead schnitt,
schrieb ich abends am Drehbuch zu
Heavenly Creatures.
Es ist fast immer so, dass ich bereits mit dem nächsten Projekt
beginne, während ich das aktuelle fertig stelle.
MS:
Denken Sie, dass das Sequel zu
Bad Taste den
Gore-Faktor (Anm: Gore = Blut, Gewalt) von
Braindead noch mal
steigern kann?
PJ: Was ich
gerne machen würde – aber da wir mir bestimmt jemand zuvorkommen -,
wäre ein Splatterfilm gänzlich mit Computereffekten. Die Titanic und
die Saurier wurden schon so zum Leben erweckt, und der ultimative
CGI-Splatter wäre mein Traum.
MS:
Werden Sie in Herr der
Ringe einen Cameo-Auftritt (Anm: Cameo = versteckte
Auftritte von der Filmcrew in einem Film) haben?
PJ: Ja, aber
ich weiß noch nicht, wie.
MS:
Stimmt es, dass es bei der Ausstrahlung Ihrer Pseudo-Dokumentation
Forgotten Silver
Ärger gab?
JP: Was heißt
Ärger, aber bei der Ausstrahlung im neuseeländischen Fernsehen hat
wohl keiner kapiert, dass das Ganze nur erfunden war. Alle Leute haben
sich darüber gewundert, dass ihnen ein so mutiger Volksheld bisher
vorenthalten wurde. Die Presse hat sich schier überschlagen.
Schließlich kam die Regierung auf mich zu, und ich musste am nächsten
Tag in den Nachrichten antreten und erklären, dass alles nur ein Film
war und dieser Forscher nie existiert hat. Es war wirklich tragisch,
Neusseland entdeckte und verlor einen Nationalhelden innerhalb eines
einzigen Tages …