"In Celebration"
Fan-Review
Review des Stücks "In Celebration"
mit Orlando Bloom
von Elisabeth, die am 6. Juli 2007 die Vorstellung im Duke of York's
Theatre, London, besuchte
In Celebration (David Storey)
Hallo Ihr Lieben! Am Freitag war ich mit meinem Freund
im Duke of York's Theatre und habe mir „In Celebration“
mit Orlando in einer Hauptrolle angesehen. Ich habe diese kleine Kritik
geschrieben und möchte mich vorab für ihre Länge entschuldigen.
Da ich als Kostümbildnerin bei Theater und Fernsehen arbeite
sehe ich Theaterstücke als Ganzes und bin ich es nicht gewohnt,
mich kurz zu fassen. Viel Vergnügen!
Die Handlung
Es geht in dem Stück um drei Söhne eines Bergarbeiters,
die zur Feier des Hochzeitstages ihrer Eltern nach Hause zurückkehren.
Der Vater, Mr.Shaw, hat Zeit seines Lebens im Bergwerk geschuftet,
um seinen Söhnen eine bessere Ausbildung zu ermöglichen.
Auch seine Frau wollte, dass aus den Dreien „etwas Besseres“
wird.
Der älteste Sohn, Andrew, ist Rechtsanwalt, der Mittlere, Colin,
ein erfolgreicher Fabrikbesitzer, und der Jüngste, Steven (Orlando),
ist gehobener Angestellter. Nach Aussen entsprechen die drei also
dem Ideal ihrer Eltern, es kommt aber sehr schnell heraus, dass zumindest
Steven und Andrew nicht zufrieden sind. So hat Andrew zum Bespiel
seinen guten Job aufgegeben um zu malen, obwohl er selber sagt, dass
er nicht gut darin sei; Steven schreibt seit sieben Jahren an ein
und demselben Buch, welches er aber nicht zu veröffentlichen
gedenkt. Lediglich Colin geht völlig in der Rolle auf, die ihm
zugedacht ist. Er ist gleichzeitig auch der Liebling der Mutter, die
Steven freundlich behandelt, Andrew hingegen fast komplett ignoriert.
Überhaupt zeichnet sich im Verlauf der Geschichte ab, dass Steven,
der charakterlich eine Art Mittelding zwischen Andrew und Colin ist,
ein Problem mit der Mutter hat. Die Eltern hatten noch ein viertes
Kind (das älteste), das aber mit sieben Jahren an Misshandlungen
gestorben ist, wobei nicht ganz klar wird, ob nur einer oder beide
Elternteile das Kind misshandelt haben. Auf den Tod des Kindes hin
unternahm die Mutter einen Selbstmordversuch, und zwar während
sie mit Steven im sechsten Monat schwanger war. Man kann also davon
ausgehen, dass Steven, der seit dem Erwachsenenalter an Albträumen
und Nervenkrisen leidet, seiner Mutter insgeheim vorwirft, ihn fast
umgebracht zu haben.
Steven schilderte seinem Bruder Andrew seine seelischen Qualen und
dieser, rebellisch und emotional, rät ihm, sich an den Eltern
zu rächen. Colin hingegen, der sich sehr über seine Korrektheit
und die Meinung anderer Menschen definiert, rät ihm davon ab.
Nachdem Steven in seinem Zimmer im Bett geweint hat, entbrennt eine
heftige Diskussion in deren Verlauf Andrew versucht, Steven um jeden
Preis dazu zu bringen dem Vater, der hinzugekommen ist, alles über
seine Albträume zu erzählen, während Colin alles daran
setzt Steven genau daran zu hindern. Der Vater, entsetzt darüber,
dass seine Söhne alles über die Misshandlung des ältesten
Sohnes und den Selbstmordversuch der Mutter zu wissen scheinen, ist
wie versteinert. Alles was er möchte, ist die Geschichte von
seiner Frau fern zuhalten. Er vergöttert sie, für sie hat
er fast fünfzig Jahre in der Mine geschuftet hat. Er hatte sie
damals geschwängert und musste sie dann heiraten, woraufhin sie
lediglich die Frau eines Bergarbeiters wurde, anstatt eine Chance
zu bekommen etwas aus ihrem Leben zu machen. Dafür hasste sie
ihr erstes Kind so sehr, das sie es misshandelte, bis es daran starb.
Um den äusseren Schein aufrecht zuerhalten, geht er sogar so
weit zu drohen, Andrew zu verstoßen, der sich als einziger noch
an den toten Bruder und an dessen Misshandlung erinnern kann.
Sehr bald wird klar, dass es eigentlich nicht Steven, sondern Andrew
um Rache geht. Und zwar nicht um Stevens oder des toten Bruders Willen,
sondern nur aufgrund der Tatsache, das er wegen des Ehrgeizes der
Eltern, nicht das Leben führen konnte das er wollte, da er immer
dem Ideal entsprechen musste das seine Eltern für ihn gewählt
hatten. Er ist letztlich auch derjenige der Rache nimmt, indem er
seine Mutter als Hure entlarvt, die sich leichtsinnigerweise mit einem
einfachen Bergarbeiter eingelassen hat. Er tut dies sehr subtil, so
dass man nicht genau weiss, ob die Mutter überhaupt verstanden
hat worum es ging. Als die Söhne wenig später abfahren,
bleibt die Mutter allein im Haus zurück. Sie bricht für
einen kurzen Moment weinend zusammen und lässt den Zuschauer
erkennen, das sie durchaus verstanden hat worum es ging, und dass
sie sich schuldig fühlt. Außerdem hat sie zu dem als Kind
Verstorbenen nun noch einen Sohn verloren, denn der Blick, den Andrew,
bevor er das Haus verlässt, noch einmal auf das Wohnzimmer schweifen
lässt, zeigt, das er nicht zurückkommen wird.
Die Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme
Das Stück ist sehr gut inszeniert. Das Bühnenbild ist ein
klassisches 60er-Jahre Arbeiterhaus, das interessanterweise zweistöckig
aufgebaut und der Höhe nach durchgesägt wurde. Die Handlung
spielt sich also auf zwei Ebenen ab. Nur der untere Teil des Hauses,
das Wohnzimmer, ist voll beleuchtet, die Küche ist nur teilweise
sichtbar. Das Treppenhaus ist nicht einzusehen. Das obere Stockwerk
liegt im Halbdunkeln. Möbel und Darsteller sind gerade so zu
erkennen. Hier befinden sich die Schlafräume der Eltern und das
Kinderzimmer, in dem Steven auch seinen Weinkrampf bekommt. Alles
Private, seelische, spielt sich oben im Halbdunkeln ab. Nur das „Offizielle“,
in den unteren Räumen Stattfindende, ist erleuchtet. Auch die
Kostüme ist klassische 60er-Jahre Bekleidung. Jeder trägt
die Kleidung, die seinem gesellschaftlichen Rang entspricht. So trägt
Colin einen Anzug in grau mit Weste und Hut, Andrew die typische Schlabberkleidung
der Künstler, und Steven die etwas abgetragene und zu große
Cordbekleidung eines Angestellten.
Die Darsteller
Die Darsteller sind alle durch die Bank weg phantastisch. Jeder wird
seiner Rolle gerecht und unterstreicht mit seinem Spiel und seiner
Rolleninterpretation aufs Beste den Kontrast zwischen den Charakteren.
Ich schreibe hier nicht ausführlich über jeden, da ich weiss,
dass besonders Orlando für Euch von Interesse ist.
Was soll ich sagen... er spielt hervorragend!
Er betritt als Erster die Bühne und spielt am Anfang sehr zurückhaltend,
fast zaghaft. Ich wusste zuerst nicht, ob er nur nervös war oder
diese Zurückhaltung Teil seiner Rolle war, da ich das Stück
und seine Charaktere vorher nicht kannte. Da sich Steven aber sehr
schnell als ein nervöser, sehr stiller und zurückhaltender
Charakter entpuppte, war Orlandos Art zu spielen sehr schnell verständlich.
Er schafft es sehr gut, die wachsende Anspannung in Steven und seinen
inneren Konflikt darzustellen, ohne übertrieben zu agieren. Er
hat nicht viel Text, aber auch wenn er gerade nicht spricht, lohnt
es sich ihn zu beobachten, da seine Mimik immer in Bewegung ist. Fast
mechanisch wirkt es manchmal, wenn er zwar charmant zu seiner Mutter
und herzlich zu seinem Vater ist, aber man merkt: Es brodelt unter
der Oberfläche. Nachdem die Familie vom gemeinsamen Abendessen
zurückkehrt und bei einem Drink im Wohnzimmer sitzt, sondert
er sich immer weiter ab. Er sitzt abseits und während alle anderen
einen Drink nach dem nächsten zu sich nehmen, trinkt er seinen
gar nicht aus. Als die Unterhaltung in eine kritische Richtung steuert,
beginnt die Mutter sich mit Summen, das immer lauter wird zu beruhigen.
Nach und nach stimmt die ganze Familie mit ein, und wieder ist Steven
der letzte der mitsingt.
Jawohl ihr Lieben, Orlando singt!
Zwar nur leise, und nicht solo, aber das Lied klang sehr homogen und
melodiös. Daraus lässt sich schließen, dass Orlando
eine recht schöne Stimme hat, ich meine sogar ihn kurz herausgehört
zu haben, aber ich kann mich irren. Es war ein offensichtlich sehr
bekanntes Lied, da das Publikum teilweise mitgesungen hat.
Schließlich begibt sch die Familie zu Bett. Die Söhne losen
aus, wer im Kinderzimmer im Bett schlafen darf und das Los fällt
auf Steven. Er begibt sich hinauf und legt sich hin. Für die
vorderen Publikumsreihen ist er damit ausser Sicht (ich saß
in Reihe 4), aber mein Freund, der in Reihe 14 gesessen hat, konnte
ihn gut sehen. Steven liegt also dort im Bett und kann nicht schlafen.
Die beiden Brüder unterhalten sich noch im Wohnzimmer und hören
ihn plötzlich laut weinen. Mein Freund sagte hinterher Orlando
hätte auch dementsprechend agiert und nicht nur die Geräusche
von sich gegeben. Ehrlich Leute, es lief mir kalt den Rücken
herunter. Es kam völlig unerwartet, ebenso wie das Singen, und
es war wirklich überzeugend. Auch als Steven nachher wieder ins
Wohnzimmer kommt und sich die Diskussion zwischen den Brüdern
und dem Vater ergibt, sitzt er meist nur zusammengekauert auf dem
Sofa oder steht wie angewurzelt nach Luft ringend und völlig
aufgelöst im Raum. Orlando bringt die seelischen Qualen wirklich
gut rüber. Seine Mimik und seine ganze Körpersprache sind
einfach klasse. Dieses Hadern mit sich selbst, die Mischung aus Angst,
seine Sorgen laut zu äußern und dem Wunsch, endlich reinen
Tisch zu machen, sind großartig dargestellt. Ab und zu sieht
es so aus als wolle er endlich den Mund aufmachen und seinen Vater
zur Rede stellen, aber immer kommt etwas dazwischen, da einige Nachbarn
in diesem Haus ungehindert ein und aus gehen und Steven hin und her
gerissen ist zwischen seinem Bedürfnis nach Klarheit und seinem
Widerwillen, die Eltern bloßzustellen.
Interessant ist, dass nicht klar wird, warum gerade Steven am Ende
des Stückes plötzlich und ohne erkennbare Entwicklung eine
Entscheidung getroffen hat, und den Mund hält. Er lässt
sich also nicht zum Werkzeug der Rache seines Bruders Andrew machen,
der ihm geraten hatte sich an den Eltern für seine seelischen
Qualen zu rächen. Orlandos Spiel lässt von diesem Moment
an eine Erleichterung Stevens erkennen, als ob er zur Ruhe gekommen
wäre. Er ist von den Söhnen also der Einzige, der sich letztendlich
von seinen Dämonen befreit. Colin bleibt weiter in der Rolle
des erfolgreichen Sohnes und Andrew übt selbst seine Rache, und
verliert am Ende seinen Platz in der Familie. Steven hingegen entschließt
sich einfach seinen Eltern nicht weh zu tun, und scheint mit seiner
Situation ausgesöhnt. Er ist der Einzige der eine Umarmung von
seinem Vater erhält, und damit als Einziger der Söhne seinen
Vater wirklich nahe kommt. Als die Söhne abgefahren sind, geht
das Zusammenleben der Eltern normal weiter als ob nichts geschehen
wäre. Der verstorbene Sohn kommt nicht zur Sprache.
Ein Wort zum Schluss
Das Publikum war voller junger Mädchen. Alle haben sich gut benommen,
keine hat gekreischt oder sich irgendwie ungebührlich verhalten.
Nachher haben viele am Bühneneingang auf Orlando gewartet. Als
er kam gab es kein Geschrei und er konnte in Ruhe einige Autogramme
geben. Zwar liefen die Mädchen etwas unkontrolliert über
die Strasse und versperrten den Autos den Weg, aber alles lief zivilisiert
und erfreulich ruhig ab. Zwar konnte Orlando das Theater nicht verlassen
und musste nach kurzer Zeit wider hineingehen, aber er sah sehr zufrieden
und fröhlich aus.
Er hat irgend etwas gerufen, aber ich stand zu weit entfernt, als
dass ich ihn hätte verstehen können. Vielleicht hat die
eine oder andere Theaterbesucherin näheres mitbekommen und es
ins Netz gestellt.
Es war ein Erlebnis, ihm aus nächster Nähe bei der Arbeit
zusehen zu können und eine Freude für mich, diese Kritik
zu schreiben. In diesem Sinne alles Gute, Elisabeth.
P.S.: Wer sich das Stück ansehen möchte und es noch nicht
kennt, dem empfehle ich es vorher zu lesen. Die Darsteller sprechen
Yorkshire - Akzent und sind streckenweise selbst für Englischcracks
kaum zu verstehen.