Das Kind im Star
RD November 2005
Vielen Dank an queenoftherings fürs Abtippen!
Ob Pirat, Kreuzritter oder Elf
- wenn Orlando Bloom eine Rolle spielt, fühlt er sich wieder wie ein
kleiner Junge. In Elizabethtown zeigt er jetzt auch seine
komische Seite.
Orlando Bloom begrüßt mich mit
einem Lächeln. Seine dunklen Locken hat er zurückgekämmt, die
durchdringenden Augen scheinen in mein tiefstes Inneres zu blicken.
Der Bartansatz lässt seine weichen Züge zwar nicht härter
erscheinen, verleiht ihm aber eine gewisse Männlichkeit. Schließlich
spielt er mittlerweile auch reifere Charaktere als Legolas in Herr
der Ringe oder Will Turner in Fluch der Karibik. Zum
Beispiel Balian in Königreich der Himmel. "Dabei bin ich
gerne ein Junge", gesteht Bloom. "Ich bin ja auch erst
28." Erst 28, aber schon einer der gefragtesten Schauspieler in
Hollywood.
Sein Leben ist allerdings nicht ganz
ohne Rückschläge verlaufen. Bloom wurde im englischen Canterbury
geboren und wuchs bei seiner Mutter Sonia auf. Sein Vater Harry, ein
südafrikanischer Aktivist, der gegen die Apartheid kämpfte, starb,
als Orlando vier Jahre alt war. Als Teenager erfuhr Orlando, dass
Colin Stone, ein Freund der Familie und sein Vormund, sein leiblicher
Vater ist. Fragen zu diesem Thema beantwortet der Filmstar mit
Zurückhaltung. "Wenn ich anfange, darüber zu sprechen, sitzen
wir den ganzen Tag hier. Und ich müsste Ihnen ein Therapeuten-Honorar
zahlen!"
Mit 21 versuchte Bloom, von einem
Fenster im dritten Stock auf eine Dachterrasse zu klettern, stützte
ab und brach sich das Rückgrat. Die Ärzte sagten, er werde
wahrscheinlich nie wieder gehen können. "Wenn man so eine
Verletzung überlebt, schätzt man danach vieles ganz anders",
sagt er. Vielleicht lässt ihn der Ruhm deshalb so unbeeindruckt. Wir
sprachen mit Orlando Bloom über Helden, Familie und Religion.
Angesichts so vieler
Abenteuerfilme scheint das Schwert zu Ihrem verlängerten Arm geworden
zu sein.
Ja, ich habe schon einige Filme
gedreht, in denen Schwerter vorkommen. Aber in der romantischen
Komödie Elizabethtown, die derzeit im Kino läuft, zeige ich
meine unbeschwertere Seite. Vielleicht erwartet man das nicht von mir
- aber ich kann auch amüsant und etwas verschroben sein.
Haben Sie als Kind auch
Abenteuergeschichten gelesen oder nachgespielt?
Ich besitze ein blühende Fantasie.
Ich habe im Garten Cowboy, Indianer und Piraten gespielt. Heldenhafte
Persönlichkeiten haben es mir schon immer angetan, und als mir klar
wurde, dass sie nicht real sind, wollte ich Schauspieler werden.
Inzwischen war ich Soldat, Pirat, Geächteter, Boxer und Elf - ich
fühle mich wieder wie ein Kind!
Was macht Ihrer Meinung nach
einen Helden aus?
Aufrichtigkeit, Rechtschaffenheit,
Klugheit, Mut und Mitgefühl.
Suchen Sie auch in Ihrem eigenen
Leben nach Helden?
Man braucht nicht weit zu gehen, um
heldenhafte Menschen zu finden. Als ich mit gebrochenem Rückgrat im
Krankenhaus lag, waren die Ärzte und Schwestern meine Helden. Eine
Krankenschwester kam zum Beispiel alle zwei Stunden an mein Bett und
bewegte meine Beine, weil ich es selbst nicht konnte. Sie arbeitet
wahrscheinlich noch im selben Krankenhaus und tut dasselbe für jemand
anderen. Das ist wahres Heldentum. Harry, der Mann meiner Mutter,
kämpfte gegen die Apartheid und war mit Nelson Mandela im Gefängnis.
Er ist ein großer Held. Genauso wie mein Vater, weil er mich geliebt
und unterstützt hat, weil er in guten und in schlechten Zeiten da
war. Er ist ein hervorragendes Beispiel für einen bescheidenen,
anständigen und aufrichtigen Menschen.
Inwieweit hat die Enthüllung,
wer Ihr leiblicher Vater ist, Sie geprägt?
Man kann aus jeder Situation - egal,
ob gut oder schlecht - etwas lernen. Die Wahrheit über meinen Vater
zu erfahren hätte schrecklich sein können. Aber ich habe es als eine
Chance gesehen zu wachsen. Ich bin kein Philosoph; ich bin jung und
möchte immer jung bleiben; ein jugendliches Gemüt kann einem durch
die meisten Widrigkeiten des Lebens helfen.
Was haben Sie aus Ihrem Unfall
gelernt?
Er hat mich wachgerüttelt. Ich war
depressiv, hatte Schmerzen und habe mich gefragt: "Warum musste
mir das passieren?" Wenn man jedoch gesagt bekommt, dass man nur
knapp dem Tode entronnen ist und vielleicht nie wieder gehen kann,
überdenkt man das Leben neu. Ich war ziemlich leichtsinnig, aber mir
ist klar geworden, dass ich nicht unverwundbar bin.
Hat Ihre Suche nach
Spiritualität Sie zum Buddhismus geführt?
Auf jeden Fall. Mit 18 habe ich
einen Künstler kennen gelernt, der Buddhist war und mir etwas über
seinen Glauben erzählt hat. Seither spielt die Lehre des Buddhismus
eine große Rolle in meinem täglichen Leben und gibt mir das Gefühl
des Friedens. Ich möchte unerschütterlich in mir selbst ruhen,
sodass weder Gutes noch Schlechtes mich aus der Bahn werfen kann und
ich nicht das Gefühl dafür verliere, wer ich wirklich bin.