Das große Schlachten
im Namen Gottes
Ridley Scotts Film "Königreich der Himmel"
Nordsee-Zeitung, 07.05.05
Dank an Sandra für's Abtippen!
Bremerhaven. Nein, nein, George Dubbeljuh Bush wird
"Königreich der Himmel" sicherlich nicht als Blaupause
für seinen eigenen "Kreuzzug gegen das Böse" zitieren
können. Und dass christliche Fundamentalisten in den USA sich
auf Ridley Scotts Kreuzfahrer-Epos ein-schießen, weil er die
Gleichwertigkeit der Religionen propagiert, spricht auch nicht gerade
gegen ihn. Schade nur, dass der Film vor lauter political correctness
und dem Bestreben, bloß keine Unausgewogenheiten zwischen Christen
und Muslimen aufkommen zu lassen, quasi an sich selbst zerbricht.
Zu welchen großartigen Bildern der Schöpfer von stilbildende
Kino-Ikonen wie "Blade Runner" und "Alien" nach
wie vor in der Lage ist, zeigt er zum Beispiel beim verzweifelten
Ritt von ein paar dutzend Kreuzrittern gegen ein tausendfach überlegenes
Heer. Wie sich die Kamera im Rücken der Templer aus dem Staub
und Sonnengeflirre der Wüste nach oben erhebt, immer höher,
und aus der Sicht der Beute witternden Geier die taktische Formation
der Sarazenen-Reiter erfasst, wie sie sich zu einem rotierenden Mahlstrom
öffnet, der sich hinter den Angreifern wieder schließt
und sie verschlingt, das verdient den großen "Lawrence-von-Arabien"-Gedächtnispreis.
Regisseur Scott, der mit "Gladiator" den Sandalenfilm selbst
wiederbelebt hat, hat "Kingdom of Heaven" – so der
Originaltitel – in der Zeit vor dem dritten (1189 – 1192)
von insgesamt acht Kreuzzügen angesiedelt. Einer relativ friedlichen
Epoche, denn Baldwin, der König von Jerusalem und der muslimische
Sultan Saladin, der von dem syrischen Filmstar Ghassan Massoud mit
charismatische Ausstrahlung verkörpert wird, haben sich auf eine
friedliche Koexistenz und den freien Zugang zu den heiligen Stätten
geeinigt.
Aber Fanatismus, Gier und Eifersucht unter den Kreuzfahrern schüren
den Konflikt. Besonders der machthungrige Guy de Lusignan betätigt
sich mit gezielten Terroraktionen als Kriegstreiber. Die Vertreter
der alten Rittertugenden, die mit Liam Neeson und Jeremy Irons hervorragend
besetzt sind, werden mitgerissen in diesem Strudel. Es kommt zum Krieg,
in dem die Christen nichts zu gewinnen haben.
"Tapfer und aufrecht"
Ob Mädchenschwarm Orlando Bloom, der Elbenkrieger
Legolas aus "Herr der Ringe" und weinerlicher Paris aus
"Troja", einer anspruchsvollen Hauptrolle wirklich gewachsen
ist, lässt sich auch nach diesem Film schwer sagen. Seine Figur
des Balian, eines an Gott und der Welt verzweifelnden jungen Franzosen,
den das Schicksal zum Ritter und Verteidiger von Jerusalem werden
lässt, wird im Wesentlichen von starken Partnern getragen. Zum
Beispiel von Eva Green, die als selbstbewusste, zwischen Prinzessinnenpflichten
und Liebesverlagen hin- und hergerissene Amazone Sibylla ungeheure
weibliche Präsenz in diese ausschließlich von Männern
geprägte Welt einbringt. Smartie Balian dagegen ist das reine
Herz, das die Tugendhaftigkeit ("Seid tapfer und aufrecht, sprecht
die Wahrheit, beschützt die Wehrlosen und tut kein Unrecht")
ein wenig penetrant vor sich herträgt.
Die großen Bilder in diesem moralisierenden Epos sind dagegen
rar und werden von anderen geprägt. Vom jugendlichen König
Baldwin, zum Beispiel, der hinter seiner Maske aus Gold ein von Lepra
entstelltes Gesicht verbirgt. Wenn er Saladin auf offenem Feld mit
knabenhafter Stimme noch einmal einen Friedenspakt abringt, und man
dem Himmel in dem schimmernden Metall vorüberziehen sieht, die
Fahnen flattern und die Nüstern der Schlachtrösser beben,
dann spricht das mehr als tausend Worte von Vergänglichkeit,
von Verlust, vom heraufziehenden Ende. Der "beautiful loser"
des 12. Jahrhunderts. Daran wird man sich erinnern.