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Visuell bestechend und erschreckend blutig

Mannheimer Morgen, Mai 2005
Dank an Allacaya für's Abtippen!
Der Neue Film: Der Regisseur Ridley Scott schickt Orlando Boom als Kreuzritter ins „Königreich der Himmel“

Es ist die Zeit der Kreuzzüge , das Jahr 1186. In Europa herrschen Armut und Hunger. Der Papst propagiert Kreuzzüge nach Jerusalem, christliche Wallfahrten, die Absolution verheißen. Seit „Gladiator“ typisches Ridley –Scott – Terrain. Nach dem antiken Rom nun das alte Jerusalem. „Königreich der Himmel“ nennt der britische Star – Regisseur sein aktuelles Monumentalepos, das Drehbuchautor William Monahan mit viel Detailliebe zu Papier gebracht hat. Zwischen dem zweiten und dem dritten Kreuzzug spielt die Geschichte, einer Zeit fragilen Friedens, ausgehandelt von zwei weitsichtigen Führern, dem Christenkönig Baldwin dem Vierten und dem Moslem Saladin, der das Reich der Araber geeint hat und auf dem Höhepunkt seiner Macht steht.
Mit einem imposanten Panoramaschwenk über kahles, kaltes Land beginnt der Film. Größe, Weite, Tiefe wird suggeriert. Neben einem bedrohlich wirkenden Steinkreuz – Ingmar Bergmans „ Das siebente Siegel“ schießt einem durch den Kopf – wird eine Selbstmörderin verscharrt. Zuvor enthauptet sie einen Priester, beraubt sie ihres einzigen Schmucks, eines Silberkreuzes. Wenig Worte werden gesprochen, doch es ist klar: Die Kirche liegt darnieder, Glaube ist Raffgier und Heuchelei gewichen. In seinem Zorn ob des Todes seiner Frau tötet der schmucke Schmied Balian (Orlando Bloom) den gefallenen Gottesmann, stößt ihn in die glühende Esse und folgt als unehelicher Sohn seinem Vater Godfrey von Ibelin ( Liam Neeson) ins Heilige Land. Um sich von seinen Sünden reinzuwaschen.
Weichlinge sind Scotts Sache nicht, selbst das so genannte „schwache Geschlecht“ darf bei ihm ordentlich austeilen – siehe Thelma & Louise“. Und so geht es nach der Exposition gleich richtig zur Sache. Balian soll sich für seine Tat verantworten, Papa Godfrey weigert sich, ihn den Truppen des Bischofs, auszuliefern. Die Folge: ein Scharmützel, Blut, Schweiß, Tränen. Durchbohrte Leiber, abgehackte Gliedmaßen, ein schwer verwundeter Godfrey, der bald darauf stirbt. Jedoch nicht, ohne Balian zum Ritter geschlagen und die Truppen übereignet zu haben. Ein Vorgeschmack auf anstehende Schlachten. Ein paar schnelle Schnitte, eine kluge Montage, ein betörender Blick über die Bucht von Messina, ein Schiffsunglück. Balian strandet im Heiligen Land. Nimmt im Kampf einem Sarazenen dessen Pferd ab. Reitet in Jerusalem ein.
Jerusalem, das „Königreich der Himmel“, hier manifestiert sich Scotts Film. Die Stadt steht stellvertretend für das Königreich des Gewissens . Soll Königreich der Hoffnung und der Einheit sein. Das Ideal einer Welt, für die wir alle eintreten sollten, auch Balian, die historisch verbriefte Figur, der letztendlich die antike Großstadt Saladin übergab. Wunderbar präsentiert sich Jerusalem, eine Meisterleistung des Produktionsdesigners Arthur Max, bei der reale Bauten und Computertricks nahtlos ineinander übergehen. Noch hat der weise, pazifistische, schwer leprakranke Baldwin ( Edward Norton versteckt sein Gesicht hinter einer silbernen Maske) das Sagen, wird von seinem Berater Tiberius (agiert wie gewohnt: Jeremy Irons) kräftig unterstützt. Doch die Gegner warten auf ihre Chance. Lauern. Der Templer Guy de Lusignan (Marton Csokas) und sein Kettenhund Reynald ( blinder Wüterich: Brendan Gleeson). Mordbrenner, Moslemhasser sind sie, wollen Reichtümer anhäufen. Die Lage spitzt sich zu, als Balian sich in Baldwins Schwester Sybilla (exotisch – mysteriös: Eva Green) verliebt, die eigentlich Guy versprochen ist...
Überraschend aktuell ist dieses Werk, wenn man bedenkt, dass der Konflikt zwischen Juden, Christen und Moslems auch heute, tausend Jahre später, noch ungelöst ist. Die fanatische Idee, mit Gewalt seinen Glauben zu verbreiten, noch Bestand hat. Und die Schlacht um Jerusalem ist letztendlich, die Scotts Meisterleistung ausmacht. Tausende von Pfeilen verdunkeln den Himmel, Feuerbälle erleuchten die Nacht, fahrbare Wehrtürme brechen krachend zusammen. Menschnmassen prallen mit Wucht aufeinander. Auge um Auge. Zahn um Zahn. Vergessen sind „Troja“ und „Alexander“, der wahre Kinofeldherr heißt Ridley Scott, strategisch beschlagen wie Balian und dessen charismatischer Gegenspieler Saladin (überzeugend: der syrische Star Ghassan Massoud). Die Arbeit bezieht ihre Kraft eindeutig aus dem Schwert, darüber übersieht man gerne manche Schwäche, Lücke im Plot. Dennoch: ein atemberaubender, optisch überwältigender, von Jahn Mathieson („Hanibal“) großartig gefilmter „Historienschinken“.

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