Das "epische" Leben
des Orlando Bloom
Artikel aus der GQ, November 2005
Vielen Dank an Madeline fürs Abtippen und Übersetzen!
Lass dich nicht von seinem künstlerischen Kleidungsstil und seiner
freidenkerischen Art (oder auch der Tatsache, dass er sehr, sehr gut
in einem merkwürdigen neuen Film ist) trügen. Orlando Bloom
ist der Errol Flynn unserer Zeit – von Marshall Sella.
Orlando Bloom sitzt da und isst Bananen mit Erdnussbuttertoast,
trinkt seinen morgendlichen Tee und es könnte im Innenhof eines
bescheidenen kleinen Hauses irgendwo auf der Welt sein – er
beobachtet seinen kohlschwarzen Hund, wie er im Gras umher streunt,
an Zweigen herumkaut und sich erleichtert. Doch all die kleinen Dinge
überall weisen darauf hin, dass dies ein zum Teil künstliches
Königreich ist. Bloom ist in eines seiner Lieblingshalstücher
eingewickelt, von Schmuck bedeckt und trägt schwere schwarze
Stiefel, doch weil er so außerordentlich bekannt für seine
Heldenrollen ist, wirkt er im Gesamtbild irgendwie nicht wie ein moderner
Mann, sondern lediglich modern gekleidet. Und das ist kein normales
Haus sondern ein verschwenderisches Bungalow im Chateau Marmont in
Hollywood. Es gehört nicht einmal mehr zur Crème de la
Crème im ersten Stock, wo John Belushi zuletzt hauste. Dieses
Bungalow ist um einiges großartiger – es scheint geradezu
über dem ganzen Hotel zu schweben, durch große graue Holztüren
von der Außenwelt abgeschottet. Es hat sogar einen Privatausgang,
so dass Bloom kommen und gehen kann, ohne die Gefahr, von Paparazzis
belästigt zu werden.
Als er anfängt zu sprechen wird – trotz seiner
äußeren Erscheinung – klar, dass das einzig noch
nicht Unechte an ihm er selbst ist, der so unwahrscheinlich ausgeglichen
wirkt. Er hat soeben seine erste Rolle als zeitgenössischen Amerikaner
beendet, einen Charakter in der erfundenen und doch wahren Welt, in
Cameron Crowes neuer romantischen Komödie Elizabethtown. „Ich
bin Brite und habe die meiste Zeit entweder hier in New York oder
in L.A. verbracht“, sagt Bloom und spuckt ohne es zu bemerken
Erdnussbutter während er spricht. „Doch während wir
Elizabethtown drehten, wohnten wir im Brown Hotel, einem klassischen,
alten Ort in Louisville. Nach Kentucky zu gehen war eine total andere
Seite von Amerika zu entdecken, von der ich noch nichts wusste. Es
war Amerika. Die Hüte, die Anzüge – sie lassen nicht
locker von ihren Traditionen. Was gut ist! Ich liebe Traditionen,
also ich meine kulturelle Traditionen.“
Verglichen zu seinem vernünftigen Benehmen, sieht
Bloom zudem außerordentlich gut aus. Und es ist oft nicht leicht
im Hinterkopf zu behalten wie jung er eigentlich ist – wie viel
Arbeit und Ruhm er sich in gerade mal vier Jahren angesammelt hat!
Er ist regelmäßig auf all den Listen: People’s Most
Beautiful, the Internet’s Most Downloaded. Doch einige ziemlich
harte Erfahrungen ließen ihn im wahren Leben gegen das Gewöhnliche
ankämpfen. Wortkarg starrt er raus über die Dächer
und hohen Hibiskusse des Chateaus. Er isst ungeschälte Heidelbeeren
und scheint sich seines Hollywood Appeals nicht bewusst zu sein –
und er wirkt ganz sicher auch nicht so unerreichbar und abgehoben.
Auch das Innere seines Hauses ist nichts Besonderes. Es ist ein Saustall:
Naturkost, Nachforschungen und Andenken überall verstreut, vieles
davon noch in Kartons, seit Bloom vor einem Monat während einer
seiner Auszeiten mit Kate Bosworth hier einzogen ist. Im Schlafzimmer
liegen Reste seiner alten Arbeit: Eine DVD über Kreuzzüge,
ehemalige Hausarbeit für Ridley Scotts Kingdom of Heaven. Bloom
grinst und gibt zu, dass, obwohl es toll ist ganze Bücher zu
lesen, DVDs praktischer und einfacher sind. „Wissen ist Macht“,
sagt er, „doch zu viel zu haben, kann einem oft im Wege stehen.
Du willst einfach nur wissen, in was für einer Welt du lebst,
und tauchst selbst darin unter.“ Er hat sich die Zeit genommen
ein Cool Hand Luke Poster aufzuhängen, da er Paul Newman verehrt.
Die Küche zeigt das Ergebnis einer Bio-Futter Explosion: Wo du
dich auch hindrehst, überall wimmelt es von Proteinshakes, Behältern
mit Karotten und Mangosaft, Orangen und Tomaten und Gott-weiß-was-für
Tofukram.
„Ich bin nicht wieder Vegetarier geworden“, sagt Bloom,
als er das Chaos überblickt. „Ich achte lediglich wieder
darauf, welches Essen mir Energie gibt. Wenn du arbeitest und es nötig
wird aufzudrehen, musst du wissen was dir Kraft gibt.“
Sogar Sidi, der wilde schwarze Hund, hat ein oder zwei
Besitztümer im Dschungel der Kartons, CDs und Fotos. Cameron
Crowe hat den Hund mit einem kleinen gerahmten Elizabethtown Poster
geehrt und darauf unterschrieben: „Versuch kleinere Portionen
zu essen!“
Wenn man aus der Tür austritt, sieht man das letzte kunstvolle
Objekt des Hauses: ein Schild, auf dem in Druckbuchstaben „LASS
DEN HUND NICHT REIN!“ geschrieben steht. Sidi ist aufgrund seines
Geschmacks für absolutes Chaos ausdrücklich aus dem Haus
verbannt worden. „Wenn ich nicht hier bin, verwüstet er
das ganze Haus“, sagt Bloom, während sich die einsame Falte
in seiner Stirn leicht vertieft. „Er kann extrem zerstörerisch
sein.“
Es war dasselbe während den Dreharbeiten zu Elizabethtown.
Kirsten Dunst staunte was für ein Schlitzohr dieser Hund sein
konnte, und sagte, Orlandos Wohnwagen müsste „Sidi-sicher“
sein.
„Sie mussten ein Stück Plastik auf den Boden legen!“,
sagt sie und lacht. „Dieser Hund kümmerte sich nicht darum.
Orlandos Art, zwischen den Takes herunterzukommen, ist wie ein Fünfjähriger
herumzuspringen oder auf einem Roller durch die Gegend zu fahren,
wohingegen ich selbstkritischer bin. Er spielte zwischen den Takes
immer mit Sidi, und Sidi ist immer noch in vielerlei Hinsicht ein
Straßenköter.“ Und genauso ist auch Orlando.
Elizabethtown ist ein typischer Cameron Crowe Film:
genau zwischen Komödie und Drama. Er beginnt mit Blooms Charakter,
der einen beruflichen Misserfolg – genauer gesagt, wie sein
Charakter es erzählt, ein Fiasko – in enormen Ausmaßen
erlebt. Ein Schuh, den er für eine Kampagne von Oregon (ein klarer
Abklatsch von Nike) designt hat, wird zu einem solchen Desaster, dass
dieser zurückgerufen wird und der Firma 972 Millionen Dollar
kostet, einzig und allein durch Blooms Fehler. Um Blooms Selbsthass
noch zu vergrößern, führt ihn der Geschäftsführer
(gespielt von Alec Baldwin) in einem entmutigenden Gang durch den
Firmen Komplex und erklärt ihm das unglaubliche Ausmaß
dieser Katastrophe.
An einem Punkt starren die beiden auf ein riesiges ökologisches
Laboratorium mit NASA-Größenverhältnissen. Baldwins
Charakter hält inne und bemerkt reuevoll „Wir hätten
den Planeten retten können.“ An einer anderen Stellen,
lacht er sein Leid aus sich heraus: Baldwin macht die Bemerkung gelesen
zu haben, dass Blooms Schuh „tatsächlich dazu führen
hätte können, dass eine gesamte Generation wieder barfuß
läuft.“
Blooms Charakter reagiert darauf, indem er eine ausgeklügelte
Suizid-Maschine kreiert und ist gerade dabei sie zu benutzen, als
er erfährt, dass sein Vater gestorben ist. Er muss nach Kentucky
reisen um den Leichnam zurückzuholen. So beginnt eine Kette von
Ereignissen, die, wie es selten in Hollywood Filmen der Fall ist,
schwer vorherzusagen ist. Crowe arbeitet nicht wie gewöhnliche
Filmemacher. Der Film ist auf seltsame Weise sowohl intim als auch
extrovertiert, trifft viele schwere Themen – Väter und
Söhne, Leben und Tod, Hoffnung und Reue – durch kleine,
raffinierte Begegnungen.
Es ist beeindruckend wie gut Bloom in Alltagskleidung
und das 21. Jahrhundert passt, nachdem er doch den Großteil
seiner Karriere in Kettenhemden, auf Pferderücken oder mit Sätzen
wie „Der Ring muss zerstört werden!“ verbracht hat.
Kein in Erinnerung gebliebener Schauspieler ist so stark mit den Epen
und dem Fantasy-Genre verbunden wie Orlando Bloom. Nachdem er 1997
sein Kino-Debut als Stricher in einem Film über Oscar Wild gegeben
hat, verbrachte er drei Jahre auf der „Guildhall School of Music
& Drama“ – und gleich im Anschluss daran bekam er
die Rolle des Legolas in der Der Herr der Ringe -Trilogie. Seitdem
konnte man ihn kaum ohne ein Schwert oder Bogen in Reichweite sehen:
in Ridley Scotts Köngreich der Himmel, in Wolfang Petersens Troja,
in der Australischen Legende Ned Kelly [wobei Orlando in diesem Film
zwar auf einem Pferd reitet, doch Pistolen und kein Schwert und Bogen
trägt] und, natürlich, in der noch immer erfolgreichen Fluch
der Karibik -Trilogie. (Wäre er einige Jahre älter, hätte
er garantiert auch in Braveheart mitgespielt.) Seine einzige Ausnahme
war eine sehr kleine Rolle in Black Hawk Down, in dem sich Orlandos
Charakter den Rücken bricht – Bloom wurde teilweise für
die Rolle genommen, da er im wirklichen Leben tatsächlich mal
seinen Rücken gebrochen hat. [Und nicht zu vergessen: In Calcium
Kid spielte der gute Bloom einen friedlichen, milchsüchtigen
Boxer!]
Liam Neeson, der in dem kontroversen Historien-Epos
Königreich der Himmel Blooms Vater spielte, ist sich sicher,
dass nicht jeder Schauspieler die Qualität dazu hat, in einem
Epos mitzuspielen. „Manchen Schauspielern stehen zeitgenössische
Kostüme“, sagt Neeson, „und anderen nicht. Ich denke
immer an Errol Flynn. Anzüge standen ihm nicht – doch zog
man ihm ein lächerliches Paar Strumpfhosen an, sah er wie dafür
geschaffen aus! Ein Johny Wayne, der Genghis Khan spielte, war da
ganz was anderes. Clint Eastwood würde in einem Kilt lächerlich
aussehen. Ich weiß nicht, woran es liegt. Orlando passt einfach
hinein.“
Von ihrer Erfahrung in Königreich der Himmel wissen
Neeson und Bloom dass sich dieses besondere Talent auch doppelt als
Fluch herausstellen kann, da Ridley Scott ein peinlich genauer Regisseur
ist. „Sogar unsere Unterwäsche war an die Zeit angepasst“,
wie sich Neeson lachend in Erinnerung ruft. „Es war die volle
Ladung, verstehen Sie?“
Diese epische Qualität ist so selten, dass du,
wenn du dich einmal in diesem Genre bewiesen hast, immer und immer
wieder gefragt bist – ein weiterer Punkt, indem sich Liam Neeson
gut auskennt. „Wäre ich Jack Warner, würde ich mir
ein Team von Autoren zulegen und sie dazu bringen, Historien-Dramen
zu schreiben, und meinen Namen drunter schreiben“, sagt Neeson.
„Orlando ist wie ein klassischer Filmstar der 40er.“
Mit nichts davon ist gesagt, dass sich Neeson damit
auf Blooms Kostüme beschränkt; er scheint einfach beeindruckt
davon, wie enorm fokussiert dieser Mann ist, besonders für einen
jungen Schauspieler. „Als ich in dem Alter war – Oh Gott!
– das waren die dunklen Zeiten meines emotionalen Wachstums.“,
sagt Neeson. „Ich glaubte verdammt noch mal alles zu wissen!
Orlando ist da ähnlich, aber nicht auf diese pseudocoole Art.
Er weiß, was man braucht, um einen Film zu machen, daher behandelt
er jeden am Set gleich: den Schlüsseljungen, den Vorarbeiter,
jeden. Er hat damit recht. Ohne sie, sind wir gar nichts.“
Die Tatsache, dass Orlando ungewöhnlich gute Vorkenntnisse
für einen 28-Jährigen hat, hat traurigerweise viel mit seiner
Vergangenheit zu tun. Seine Karriere (und unweigerlich damit verbunden,
seine Fähigkeit vorausschauend zu handeln) veränderte sich
vollständig durch einen fatalen Sturz 1998. Spät in der
Nacht, als er Quatsch machte, lehnte er sich auf eine Regenrinne,
während er versuchte auf eine Dachterrasse zu klettern; die Rinne
gab nach und Bloom fiel drei Stockwerke tief und zerschmetterte hierbei
seine Rückenwirbel. „Bis zu diesem Zeitpunkt konnte ich
Leben und Tod nicht vernünftig einschätzen – also
dass wir nicht unbesiegbar sind“, sagt er. „Und vier Tage
lang, musste ich der Möglichkeit ins Auge sehen, für den
Rest meines Lebens im Rollstuhl sitzen zu können. Ich machte
mir viele düstere Gedanken. Ich realisierte, dass ich entweder
wieder laufen kann oder eben nicht.
Der Doktor sagte, er war sich nicht sicher, wie ernst das Knochenmark
verletzt war.“, sagt Bloom, während ein seltsam unattraktiver
Ausdruck des Ekels, sogar Horror, über sein Gesicht schleicht.
„Ich erinnere mich daran, wie er mir das erzählte, und
ich auf die Decke starrte und mir dachte, dass ich noch nie zuvor
auf eine Decke gestarrt hatte. Und ich fragte mich, ob ich für
den Rest meines Lebens auf Decken starren würde.
Aber da gibt es auch etwas Interessantes,“ fügt er sehr
schnell hinzu. „Ich wusste, dass ich das nicht tun würde.
Ich wusste, dass ich das nicht tun würde. Ich wusste,...“
Er wiederholt den Satz fünf Mal – er sagt es so schnell,
dass es wie ein Stottern klingt, als ob er noch immer gegen alle Hoffnung
versucht, sich davon zu überzeugen, dass dies nicht sein Schicksal
sein würde.
Das Ergebnis des Unfalls war nichts anderes als ein
Wunder. Er war nur ein paar Wochen im Krankenhaus und verließ
es mit eigenen Kräften wieder. Und kaum war er aus dem Krankenhaus
draußen, noch immer mit Klammern im Rücken, testete er
erneut die Grenzen seines eigenen Körpers und Geistes aus. Als
es an der Zeit war, die Titan-Nadeln von seinem Rückgrat zu entfernen,
waren sie, zum Schrecken der Ärzte, zerbrochen. Sie kamen alle
in Scherben heraus. Eine der Nadeln drang, dank Orlandos physischen
Überbelastungen, zu tief ein, um wieder entfernt zu werden. „Ich
habe sofort wieder Unfug gemacht.“, erinnert er sich und schüttelt
den Kopf. „Ich hab sofort wieder damit angefangen, Mann.“
Doch Orlando Blooms Ruhe, die er heute ausstrahlt, kam
nicht von selbst. „Als ich aus dem Krankenhaus heraus kam, hab
ich sofort wieder Partys gemacht – mit den Klammern im Rücken.
Ich brauchte mehrere Monate um zu realisieren, dass das mein Leben
war und ich es nicht versauen wollte.
Doch der Unfall hat mein ganzes Leben beeinflusst“, sagt er.
„Erst wenn du kurz davor bist es zu verlieren, merkst du das.
Ich fuhr Motorräder und Autos immer als wäre ich auf einer
Rennstrecke; es war lächerlich. Ich hab das nicht getan, weil
ich dachte, es wäre cool; sondern einfach nur, weil ich den Nervenkitzel
liebte. Doch mittlerweile hat sich das gelegt.“
Cameron Crowe sieht in alledem den Schlüssel für
Blooms schnelle Entwicklung als Schauspieler. „Dieser gebrochene
Rücken – das ist seine Rosenknospe“, sagt Crowe.
„Es ist der Schlüssel zu ihm. Er hat immer noch Schmerzen
darin. Deswegen ist seine ruhige Art so interessant. Wo andere Schauspieler
glauben, sie müssten immer etwas tun, macht Orlando das nicht.
Was wirklich toll ist. Er ist ein echter Kerl mit echten Problemen.
Unter dieser jugendlichen Energie steckt Dunkelheit.“
Vielleicht war es Blooms Erziehung, die ihn dazu befähigte
letzten Endes auf der Rennstrecke des Lebens langsamer zu fahren.
Aufzuwachsen in Canterbury und über das hinaus der Bezirk Kent,
enthüllt dir eine der Wiegen der Welt des gesunden Menschenverstandes
– ein Reich der Beständigkeit – auch wenn einige
der Bewohner von weiter weg wild aussehen.
„Meine Generation in England wurde einer riesigen
Antidrogenkampagne ausgesetzt.“, erinnert sich Bloom. „Ich
war eines dieser Kinder in der Schule, die sagten: ‚Dieser Scheiß
ist nicht gut.’ Ich hab dafür trotzdem Schläge bekommen,
versteht mich nicht falsch. Nicht jeder dachte so.“
An diesem Punkt des Gesprächs wechselt Bloom überraschend
von seinen romantischen Drogengeschichten zum Rausch nach Frauen.
„Ich erinnere mich daran, wie ich meinen Biologie-Lehrer fragte:
‚Wie wird es mit HIV und AIDS enden?’“, sagt er,
während er immer noch auf seinen sauren Heidelbeeren herumkaut.
„Und der Typ sagte: ‚Wenn die Leute keinen Sex mehr haben’
Ich antwortete: ‚Mann, das ist hart. Das wird nicht so schnell
passieren.’ Ich hatte genug Laster, die in mir brodelten. Doch
wenn du 21 bist, wachst du irgendwann auf und realisierst, dass dein
Körper nichts ist, mit dem du’s dir versauen willst.“
Letzen Endes hatte Bloom sogar dem Koffein entsagt –
was, für viele Engländer, eine so bittere Niederlage wäre
wie Gallipoli oder Yorktown. „Ich hatte Nachtdrehs für
Elizabethtown“, sagt er, „und habe mich mit grünem
Tee wach gehalten, der Koffein enthält. Nicht besonders viel.
Gerade genug um mich durch den Dreh zu bringen. Bei Tagesanbruch,
hat mich mein Rücken fast umgebracht. Es dehydriert deine Wirbelsäule.
Und mein Rücken – das ist eben immer noch meine Alarmglocke.“
Bloom redet ununterbrochen davon, wie viel Glück
er hat; nach sieben Jahren ist die Erinnerung an den schlimmsten seiner
halsbrecherischen Unfälle noch nicht verblasst. „Wenn du
solch einen körperlichen Schmerz durchlebst, wie ich ihn erleiden
musste, merkst du, dass du kein Gott bist“, sagt er –
„dass es Grenzen gibt, die du nicht überwinden kannst.
Es hält dich davon ab, unecht zu werden. Ich meine, ich kann
laufen, ich kann ein Bad im Ozean ebenso wie einen wundervollen Tag
genießen. Und ich war sehr nah daran, das alles zu verlieren.
Ich versuche jetzt den Sinn für Balance zu behalten. Ich war
in meiner Jugend sehr extrem – alles was ich tat, war in Extremen,
Mann! Ich bin nun in einer sehr interessanten Zeit meines Lebens:
viele Veränderungen, Wachstum... jede Menge Geld. Ich habe vieles,
wofür ich dankbar sein kann!“
Es ist merkwürdig dies von einem Schauspieler zu
hören, der, seit diesem und vielen anderen Unfällen, jeder
Gefahr aus dem Weg ging. (Ganz zu Schweigen der Tatsache, dass Orlando
Bloom, während er für Herr der Ringe enorm viel Zeit in
Neuseeland, der Hauptstadt des Adrenalin-Sportes, verbrachte, den
meisten dieser Versuchungen widerstand.) Doch wenn es heute an die
Stunts geht, kennt er kein Zögern. „Ich habe einen dieser
Ärzte, die mir sagen ‚Tu’s doch, Mann!’“,
sagt er. „Ermutigt mich das? Nein. Aber ich habe selbst versucht,
körperlich wieder fitt zu werden, damit ich solche Sachen tun
kann.“
„Ganz zu schweigen von Sex!“, füge
ich hinzu, um die Situation etwas aufzuheitern.
„Oh ja, all dieses Mitleid, das ich bekam“, sagt er mit
einer künstlichen Sehnsucht. „Schließlich war ich
das Kind mit dem gebrochenen Rücken!“
„Oh – du brauchst Sex aus Mitleid?“, wiederhole
ich und spucke beinahe meinen Tee aus. „Dass ist das lustigste,
was ich je in meinem Leben gehört habe. Du musstest wahrscheinlich
darum flehen.“
Bloom ließ von dem Scherz nicht locker: „Ich war das Kind
mit dem gebrochenen Rücken!“
Orlando Bloom wurde ganz offensichtlich im Laufe der
Zeit ausgeglichener. Doch der Adrenalinchip in seinem Gehirn ist nach
wie vor eingeschaltet. Er scheint seine Fähigkeiten von knochenbrechenden
Leistungen zu potenziell Seelen-zerschmetternden Risiken auf einer
emotionaleren Ebene umgeschaltet zu haben. „Ich möchte
spüren, dass ich lebe, Mann“, sagt er. „Teil davon
ist Gefahr, Teil davon Liebe. Obgleich ich versuche diese beiden Gebiete
nicht zu sehr miteinander zu verbinden. Ich hatte schon einige gefährliche
Frauen. Mein Cousin sagte mir einmal 'Du bist groß, du siehst
gut aus – und du wirst dich dein Leben lang dafür entschuldigen
müssen.’ Er teilte mir diese Information mit.“
„Somit bist du immer noch auf der Suche nach Mitleidssex?“
„Das stimmt!“, sagt er, und weißt mit seinen Händen
auf Bescheidenheit hin. „Bin ich noch immer. Genau!“
Auch wenn, wie er behauptet, Bloom zu Unfällen neigt, ist er
einer der anmutigsten Trottel auf dieser Welt. Er bewegt sich langsam,
scheint dir allerdings immer ein wenig voraus zu sein; er gestikuliert
selten, doch wenn er es tut, scheint jedes Gelenk von jedem Finger
einen anderen, subtilen Teil seiner Gedanken zu betonen.
Trotz all der alten Verletzungen (gebrochene Knochen
an seinem ganzen Körper – an der einen Stelle von einem
Motorradunfall, an der anderen von etwas Merkwürdigen was mit
einem Seil passierte), ging seine athletische Geschicklichkeit nicht
verloren, egal mit wem er arbeitete. Liam Neeson staunt über
Blooms Kampfszenen in Königreich der Himmel. „Einige Schauspieler
sind absolut verloren, wenn du ihnen ein Schwert in die Hand drückst“,
sagt er. „Orlando ist körperlich vollkommen graziös
– und da hätten wir wieder Errol Flynn!“
Cameron Crowe, für seinen Teil, hat übrigens
Bloom in der einzigen Fernsehwerbung, die er je gedreht hat, ein Abklatsch
von „Invasion of the Body Snatchers“, in schwarz-weiß
gedreht, für Cap Klamotten, gecastet. Alles was wir sehen konnten,
waren Orlando Bloom und Kate Beckinsale, die durch schattige Straßen
rannten. „Er hat diese Hard Day’s Night Ausstrahlung“,
sagt Crowe. „Als wir uns anschauten, was wir für die Gap-Werbung
gedreht hatten, sahen wir Kate Beckinsale – die wirklich heiß
ist! – doch wir konnten nicht aufhören ihn anzuschauen.
Er explodiert einfach von Lebensausstrahlung.“
Die Mischung von Bescheidenheit und einem Filmstaraussehen
kann nur zu Orlando Blooms Berühmtheit beigetragen haben. In
einer gewöhnlichen Woche, auch wenn gerade kein Film in naher
Zukunft anläuft, ist er in Hunderten Artikeln weltweit –
umso mehr wenn irgendwas mit der glänzenden Kate Bosworth ans
Licht kommt.
Daher kennt er sich mit den Tricks in Hollywood aus.
Wenn zum Beispiel eine Berühmtheit in einem Hotel übernachtet,
so checken sie, wie die meisten Leute ja wissen, unter falschen Namen
ein, wie Fred Flintstone oder Jay Gatsby. Billy Bob Thornton zum Beispiel
benutzt manchmal Namen von bestimmten Schriftstellern. Und Kirsten
Dunst ihrerseits bezieht sich auf Musik.
„Ich bin mir nicht ganz sicher, unter welchem
Namen Orlando reist.“, sagt Dunst, „doch ich könnte
schwören, es ist etwas sexuelles. Er flirtet sehr gerne. Und
das kann man leicht nachvollziehen. Sie hätten ihn in Kentucky
sehen sollen: Die Mädchen stellten sich in Schlangen auf und
hielten Schilder mit seinem Namen hoch. Er war sehr willkommen.“
Typischerweise betrachtet Bloom die meiste Aufmerksamkeit
– vor allem die der Boulevardzeitungen – als vorübergehend.
Und er ist nicht daran interessiert, kostbare Zeit in vorübergehende
Dinge zu stecken.
„Dieser Kram ist kein Teil meines täglichen
Lebens“, sagt er. „Das meiste davon ist einfach nur Müll.
Es fängt sogar an kompliziert zu werden, wenn man eine flüchtige
Freundschaft haben will, denn auf einmal bist du an diese Person ‚gebunden’...
Ich denke der Ruhm hat eben seinen Preis. Du kannst nicht mit der
Beute leben, ohne die andere Seite der Münze gesehen zu haben.
Man lernt damit zu umzugehen.“
Seltsamerweise ist Bloom so berühmt in Kostümen,
dass sich dies auch bemerkbar macht, wenn er in der Öffentlichkeit
ist. Cameron Crowe erinnert sich daran, wie die Mädels, als Elizabethtown
gedreht wurde und Orlando und die Crew in Kentucky hausten, sich in
Schlangen aufstellten, nur um einen kurzen Blick von Orly Bloom zu
erhaschen. (Obgleich ihn eigentlich niemand außer den Boulevardzeitungen
Orly nennt.)
„Er war unglaublich berühmt, doch niemand
wusste wirklich, wie er eigentlich aussieht.“, sagt Crowe, noch
immer begeistert. „In Lexington war eine Mädchen-Fußballnationalmannschaft
im Hotel. Sogar diese Mädchen liefen durch die Hallen –
schweiften in Gruppen herum – nur um ihn zu sehen. Ich hörte,
wie sie Dinge sagten, wie ‚Er ist im siebten Stock!’ und
er stand genau dort. Genau dort. Dann ist er einfach in den Anbau
verschwunden.“
Geheimnisvolles Auftreten gefällt Filmregisseuren.
Crowe erinnert sich daran, gelesen zu haben, was Warren Beatty einmal
sagte – dass 75 Prozent davon, was die Leute in einen Film bringt,
ihre Wahrnehmung der Schauspieler ausmacht. „In diesem Sinne
ist es toll einen jungen Kerl in den Mittelpunkt eines Films zu stellen.“,
sagt Crowe. „Wir wissen nicht wirklich, wer er ist. Orlando
hat eine reine Weste. Seit Tom Cruise in Risky Business, gab es nur
Wenige, die es schafften, in einer Komödie oder einem Drama so
interessant anzuschauen zu sein – und wirklich die Zentralstelle
des Filmes zu halten.“
Heutzutage gleicht Blooms Mutter seine Abneigung gegen
die Boulevardpresse aus. (Und nehmen wir mal Anstand und Genauigkeit:
so machen die Boulevardzeitschriften ihre Amerikanischen Verwandten
zu Huxleys Illustrated History of Gardening). Sie schneidet alles
aus, verfolgt genau seinen Status als „the most downloaded human
on earth“, und schaufelt sich durch die Berge von Fanbriefen,
die er bekommt. Bloom weicht davon zurück. „Ich sage immer
‚Mama, ich will davon nichts wissen’“, sagt er.
„Mich interessiert es nicht, ob ich in irgendwelchen Charts
bin. Irgendwann werde ich es eh nicht mehr sein. Das soll jetzt nicht
heißen, dass ich nicht dankbar bin. Doch ich sage immer zu ihr
‚Sie halten mich immer weiter hoch um mich irgendwann fallen
zu lassen!’
Ich werde nach wie vor gefragt, wie es ist, ein Herzensbrecher
zu sein“, fügt er hinzu. „Doch es kommt ein anderer
Typ, glaubt mir, der in meine Fußstapfen tritt – und auch
wenn es nicht gerade jetzt ist, er wird kommen!“
Bloom wirkt überzeugend, wenn er solche Dinge sagt.
Normalerweise denkt man, eine bescheidene Person macht solche Bemerkungen,
um in einem Artikel nicht wie ein eingebildetes, selbstverliebtes
Arschloch zu wirken. Doch wenn er sagt, dass er zu viele Selbstzweifel
hat, um dem ganzen Rummel zu glauben, gibt es keine Spur davon, als
würde er eine bestimmte Haltung einnehmen wollen.
Ein Casting-Agent erzählte ihm einmal, dass ein bisschen Selbstzweifel
einem ganz gut tun kann: Man arbeitet dann härter und es hält
einen scharf. „Wenn du glaubst, du könntest alles“,
sagt Bloom und zeigt plötzlich etwas Erregung, „lehnst
du dich einfach zurück. Wohingegen ich immer daran arbeite: ich
mache noch mehr Schwert Training für Fluch der Karibik, bekomme
Sprachunterricht, um sicher zu gehen, dass mein Dialekt gut genug
für Elizabethtown ist. Ich arbeite immer, denn ich weiß,
wenn ich es einmal nicht mehr tue, habe ich den Zeitpunkt erreicht,
das garantiere ich, indem ich nur noch dasitze und ‚Oh nein!’
sage.“
Er schaut besorgt auf seine enorme Armbanduhr, da er
eigentlich in einer Stunde oder so einen Sprachtermin hat, und er
brachte mehr als einmal zum Ausdruck, dass ihm das wirklich wichtig
ist. (Dies war auch der einzige Zweifel, den Cameron Crowe gegenüber
Orlando hatte, doch dieser eine Zweifel legte sich schnell, wie Crowe
sagt.)
„Wissen Sie, ich will einfach nur normal bleiben“,
sagt Bloom, völlig normal. „Das ist die größte
Herausforderung: in der Lage zu sein in ein Café zu sitzen
und die Welt an sich vorbeiziehen lassen.“
Selbstverständlich ist die Straße der Versuchung
groß und – mindestens bis der nächste Reporter Orlando
J. B. C. Bloom erwischen möchte – in seiner Welt, gibt
es ein Meer von Versuchungen. Doch er ist auf sich selbst stolz und
lernt Lektionen, sogar aus dem Leben von anderen. „Mein Dad
erzählte mir einmal, dass einer seine Träume es war, nach
Los Angeles zu gehen, einen Mustang zu kaufen und den Sunset Boulevard
hinunter fahren.“, sagt er und strahlt. „Eines Tages wurde
sein Traum wahr. Und dann wurde er von der Polizei angehalten. Wissen
Sie, weswegen er angehalten wurde? Wissen Sie, warum? Weil er zu langsam
fuhr! Das ist eine tolle Geschichte für mich. Er schützte
die Umwelt und er hat es geschafft!
‚Sir, Sie haben es geschafft!’“
In vielerlei Hinsicht ist Bloom noch nicht fertig. Sogar
am Anfang seiner Karriere flimmert immer mal wieder sein Hang zum
Buddhismus durch. Er erstickt bei der Tatsache, dass er in einer Industrie
lebt, in der es eine Tugend ist, Produkte zu verkaufen (einschließlich
Schauspieler). Noch hat er keine Ahnung, was auf seinem Etikett stehen
soll. „Ich versuche noch immer, den Gedanken zu formulieren,
wer ich wirklich bin – und nebenbei ist es auch schwierig von
diesen ganzen Vorstellungen und Bildern, die auf einen projiziert
werden, den Scheiß auszusortieren.“
Sogar im „Shangri-la“, begrenzt von Blooms
vorübergehendem Zuhause, steht die Zeit nicht still, und es wird
schnell spät. In dem Büro eines Sprachtrainers auf der anderen
Seite der Stadt, muss eine neue Identität poliert werden: einige
„R“ klingen zu hart, ein paar „A“ zu flach.
Orlando schüttelt den Kopf und isst eine letzte schlechte Heidelbeere.
„Bisher gibt es nur eine Geschichte des Erfolges“, sagt
er, um nicht von der philosophischen Ebene abzukommen, bevor er durch
seinen Privatausgang aus dem Hotel flieht. „Daher hat Cameron
Crowe einen Film übers Scheitern gemacht – über ein
Fiasko. Denn irgendwann treffen wir uns alle im Dreck wieder. Dort
werden wir uns wieder treffen.“