Glamour Deutschland
Ausgabe vom 26. 4. 2005
Dank an Aehireiel für's Abtippen!
Und es hat Bloom gemacht
Nach „Königreich der Himmel“ wird Orlando Bloom Hollywoods
A-Liste endgültig anführen. Doch will er das? Und ist er
dafür nicht einfach zu nett?
Kursiv Gedrucktes: Bemerkungen der Interviewerin
„Entschuldigung!“, sagt Orlando Bloom. Mehrmals
hinereinander. Weil sein schwarzer Mischlingshund Sidi, den er zum
Interview in die Suite des Luxushotels „Chateau Marmont“
in West Hollywood mitgebracht hat, partout nicht stillhält, immer
wieder aufgeregt durch den Raum schnüffelt und um Streicheleinheiten
bettelt. Schließlich sieht er keine andere Lösung, als
den kleinen Störenfied ins Nebenzimmer zu bugsieren. „Sorry“,
sagt er noch einmal und lässt sich aufs Sofa fallen, „jetzt
können wir aber loslegen.“ Der 28-Jährige sieht in
Jeans und weißem Hemd gut aus, verdammt gut. Um den Hals trägt
er mehrere Ketten , am Arm verschiedene buddhistische Bändchen
– mittlerweile fast schon sein Markenzeichen. Er gilt seit seiner
Rolle in „Herr der Ringe“ als einer der heißesten
Männer Hollywoods. Egal, was er trägt. Bestes Beispiel:
sein neuer Film „Königreich der Himmel“ (ab 5. Mai
im Kino). Obwohl er dort als uneitler, schmutzig-zerlumpter Ritter
daherkommt, ist er immer noch der Schönste auf der Leinwand.
Aber Bloom gibt sich im Glamour-Interview so unbefangen und aufgeschlossen,
als sei ihm der natürliche Sex-Appeal, den er ausstrahlt, gar
nicht bewusst.
Sie spielen in Ihrem neuen Film einen Helden,
der - zumindest legt es der Titel nahe – ein „Königreich
der Himmel“ schaffen will. Was dürfen wir uns darunter
vorstellen?
Einen idealen Ort, wo jeder er selbst sein kann und im Einklang mit
der Welt lebt. Wo es Liebe statt Hass gibt und die Menschen auf die
Stimme ihres Gewissens hören. Solch ein Zustand vollkommenen
Glücks streben wir ja alle an.
Im Einzelfall vermutlich schon. Aber im Grunde
sprechen wir hier doch von einer Utopie.
Finden Sie? Die Menschen haben es noch immer nicht geschafft, ein
tieferes Verständnis für sich und ihre Mitmenschen zu entwickeln.
Die einen gieren nach mehr Macht und Besitz, die andere verstricken
sich in religiösen Fanatismus und wieder andere genießen
es einfach, zu töten und zu quälen. Ich glaube aber, dass
es einen Weg jenseits von Krieg und Aggression gibt. Bloß, weil
er schwierig ist, heißt das nicht, dass er unmöglich ist.
Daher interessiere ich mich weniger für die Gründe, warum
die Dinge so schlimm sind. Ich beschäftige mich lieber mit der
Frage, wie ich anderen Menschen Frieden und Glück bringen kann.
Hoppla, was für ein Einstieg. Große Worte. Weltverbesserer-Worte.
Aber: Er scheint zu meinen, was er sagt. Schaut sein Gegenüber
mit großen, braunen Augen so offenherzig an, dass man für
einen Moment versucht ist, alle Skepsis bei so viel Enthusiasmus zu
vergessen. Vielleicht hat er ja einfach nur Recht.
Anderen Menschen Frieden und Glück bringen
– wie genau stellen Sie das an?
Erst mal versuche ich jeden zu verstehen, und ich meine: jeden. Ich
habe keine vorgefasste Meinung , sondern interessiere mich dafür,
was andere Leute denken und fühlen. Dazu ist es wichtig, dass
ich mich selbst nicht zu ernst nehme. Ein aufgeblähtes Ego hindert
nur daran, auf andere einzugehen. Und wenn ich einen Menschen wirklich
mag, dann zeige ich ihm das auch.
Seien wir ehrlich: Eigentlich klingt das nach ein bisschen zu
viel des Guten. Andererseits: Johnny Depp sagte nach den Dreharbeiten
zu „Fluch der Karibik“ über Bloom: „Er hat
einen durch und durch guten Kern. Und das gibt es heutzutage nur noch
selten.“
Im vergangenen Dezember sind Sie offiziell zum
Buddhismus übergetreten. Welche Rolle spielt Religion in Ihrem
Leben?
Für mich ist der Buddhismus ein Wegweiser durchs Leben. Ein Freund
hat mich vor vielen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Seither lese
ich Bücher, um die Philosophie – und damit auch mich selbst
– noch besser zu verstehen.
Hat das Ihr Leben verändert?
Ich kenne jetzt meine wichtigsten Eigenschaften. Ich bin sehr enthusiastisch
und viel belastungsfähiger, als ich dachte. Früher glaubte
ich, ich brauche wilde Partys, um das Leben genießen zu können.
Heute weiß ich, dass mir ruhige Gespräche mit Freunden
wesentlich mehr bringen. Aber das sind alles nur einzelne Beobachtungen.
Ich bin noch ein Sucher, der unterwegs zu sich ist.
Der ersten so genannten vier edlen Wahrheiten
Buddhas zufolge soielt das Leiden im Leben eine große Rolle.
Glauben Sie das auch?
Wow, wird das ein Gespräch über Buddhismus? Darauf bin ich
gar nicht vorbereitet. Aber nein, ich verbinde mit Leiden nichts ausschließlich
Negatives. Es hilft, sich im Leben weiterzuentwickeln. Daran, wie
du mit schwierigen Situationen umgehst, erkennst du, wer du bist.
Verglichen mit den meisten Menschen ist es mir dabei bisher ziemlich
gut ergangen. Ich bin in einer sehr privilegierten Umgebung aufgewachsen,
habe immer die Liebe meiner Familie gehabt, bekam während meiner
Ausbildung großartige Chancen. Wie gut es mir geht, zeigt sich
ja schon daran, dass ich hier sitze.
Apropos Familie: Orlandos Vater Harry Bloom, ein engagierter Bürgerrechtler,
der in Südafrika an der Seite von Nelson Mandela gegen die Apatheit
kämpfte, starb, als Orlando erst vier Jahr alt war. Nach seinem
Tod kümmerte sich Colin Stone, ein enger Freund der Familie,
um die Witwe, Orlando und dessen zwei Jahre ältere Schwester
Samantha. Als Orlando 13 war, enthüllte seine Mutter, dass Colin
sein biologischer Vater sei. Auf seine Familiengeschichte angesprochen,
sagte Bloom einmal in einem Interview: „Natürlich ist es
ungewöhnlich. Aber zeigt mir doch mal eine wirklich ganz `normale´
Familie...“
Bei allem Erfolg: In Ihrem Leben lief nicht
alles glatt. Im Alter von 21 Jahren wurden Sie bei einem Szurz lebensgefährlich
verletzt.
Es passierte bei einem Freund auf dem Hausdach, einer Art Terrasse.
Ich kletterte hinauf, um eine klemmende Tür zu öffnen –
und fiel herunter. Drei Stockwerke tief. Ich brach mir den Rücken,
und die Ärzte meinten, dass ich nie mehr würde gehen können.
Das hat mich völlig fertig gemacht, von den Schmerzen mal ganz
abgesehen. Damals glaubte ich, ich könne alles mit meinem Körper
anstellen. Und auf einmal sah es so aus, als wäre diese Art von
Leben für mich vorbei. Dadurch begriff ich erst, wie zerbrechlich
meine Existenz ist und dass ich nichts für selbstverständlich
nehmen darf. Diese Erfahrung hat mich tief geprägt, bis heute.
Zum Glück sind Sie – im wahrsten
Sinne – heil davongekommen.
Ja, ich wurde operiert und humpelte zwölf Tage später auf
Krücken aus dem Krankenhaus. Weil ich nie die nie die Hoffnung
verloren habe. Ich habe immer daran geglaubt, dass ich damit zurechtkommen
und mein Leben leben würde. Kurze Zeit danach kam das Angebot
für „Herr der Ringe“. Seither läuft es super.
Ich kann nur hoffen, dass es so weitergeht.
Die Figur des Elb Legolas im „Herr der Ringe“-Epos
war 2001 sein Durchbruch. Weitere große Filme folgten: In „Fluch
der Karibik“ spielte Bloom an der Seite von Johnny Depp. In
„Troja“ neben Brad Pitt. Nun ist er in „Königreich
der Himmel“ in seiner ersten großen Hauptrolle zu sehen.
In Ihrem neuen Film spielen Sie einen Ritter,
der zur Zeit der Kreuzzüge zwischen die Fronten des Christentums
und des Islams gerät.
Ich mag diese Figur: ein junger Mann vom Land, der un geheure Probleme
zu überwinden hat, aber daran wächst. Er verliert seine
Familie und gerät in die intrigante Ritterwelt. Am Schluss wird
er der Geliebte der Königin und zum Verteidiger Jerusalems. Das
heißt aber nicht, dass jeder etwas Spektakuläres durchmachen
muss, um sich zu entwickeln. Die Herausforderung, sein tägliches
Brot zu verdienen, ist groß genug.
„Königreich der Himmel“ wird
Sie vermutlich endgültig zum Star machen. Angst davor, zu versagen?
Du darfst nie glauben, dass das Leben ein Zuckerschlecken ist. Dann
wirst du sofort untergehen. Wenn du fällst, darfst du nie jemand
anderem die Schuld geben, auch wenn das so einfach ist. Du musst wieder
austehen und von neuem anfangen.
Demonstratives Schnüffeln am Türschlitz. Leichtes Kratzen.
Als das nicht hilft: Winseln. Sidi findet, er hat sein Herrchen lang
genug entbehrt. Und Herrchen wird schwach. Als Orlando Bloom die Tür
öffnet, springt der Hund so übermütig an ihm hoch,
als könnte er sein Glück kaum fassen. Man kann es ihm nicht
verdenken. Bloom entdeckte ihn bei einem Spaziergang während
der Dreharbeiten zu „Königreich der Himmel“ in Marokko:
ausgehungert und völlig verlaust. Er nahm sich seiner an und
zahlte, wie es heißt, einige Tausend Euro Ausreisegebühren.
Wenn man sieht, wie er seinen Hund knuffelt, ertappt man sich bei
dem Gedanken: Vielleicht, vielleicht wäre die Welt tatsächlich
besser, gäbe es mehr Orlando Blooms.
GLAMOUR FACTS
Seine Heimat:
Er wurde im Januar 1977 im englischen Canterbury geboren und zog im
Alter von 16 Jahren nach London, um am „National Youth Theatre“
zu spielen. Heute pendelt er zwischen London und L.A.
Sein Spitzname:
Orli oder O.B. Wobei er ersteren hasst. Sein vollständiger Name
lautet: Orlando Jonathan Blanchard Bloom.
Seine Tattoos:
Am rechten Unterarm ließ er sich nach „Herr der Ringe“
eine elbische „9“ tätowieren. Neben dem Bauchnabel
trägt er, seit er 15 ist, das Symbol einer Sonne.
Seine große Liebe:
Surfen. Das lernte er während des Drehs zu „Herr der Ringe“.