Das Kind im Mann
Cosmopolitan Mai 2005
Interview von Frank Siering.
Danke an Steffi für's Abtippen!
Sein jungenhafter Charme macht den britischen Schauspieler Orlando Bloom,
27, so unwiderstehlich – obwohl er derzeit angestrengt versucht, das
Leben richtig ernsthaft anzugehen.
Aufgekratzt läuft Orlando Bloom über den Flur im „Beverly
Regent Wilshire Hotel“ in Los Angeles. Ein großer schwarzer
Hund folgt ihm. „Come on“, spornt Bloom den schon hechelnden
Labrador an. Als der ihn schließlich einholt, lässt sich der
27-jährige Hollywood-Star auf den Rücken fallen und rollt auf
dem Boden herum, als wäre er selbst noch ein junger Hund. Dann endlich
reißt sich Orlando los, wirft seine langen Haare zurück, die
er sich für seine Rolle des Ritters Baelion im Kreuzfahrer-Epos „Königreich
der Himmel“ wachsen ließ, und lächelt freundlich. Seine
Begrüßung ist ein artiges, britisches „How are you?“,
dann dreht er seine Wasserflasche auf und nimmt einen kräftigen Schluck.
An seinem Handgelenk reihen sich unzählige Armbänder und Bindfäden
aneinander. Symbole der Freundschaft, die ihm so wichtig ist, wie der gebürtige
Brite später erklären wird, als wir ruhig auf dem Sofa sitzen.
Er sucht Normalität jenseits des Rummels – vielleicht weil er
sich wegen zu viel Stress von seiner Freundin Kate Bosworth getrennt hat.
Hey, ihr Hund ist ja doch nicht verloren gegangen!
Nein, wie kommen Sie denn darauf?
Kürzlich wurde im Internet vermeldet: Orlando hat seinen Hund
verloren.
Herrlich, da tauchen die seltsamsten Meldungen auf. Aber auf meinen Hund
passe ich immer besonders gut auf.
Sie sind ohnehin ein großer Internet-Star. Wissen Sie, dass,
wenn man Sie „googelt“, mehr als zwei Millionen Treffer auftauchen?
Unfassbar, das wusste ich nicht. Ich sollte wohl wieder öfters online
gehen.
Wie gehen Sie mit dem unglaublichen Interesse an Ihrer Person um?
Berühmtheit ist ein merkwürdiges Tier. Es ist ja nichts weiter
als eine Wahrnehmung, die andere Menschen von dir haben. Es ist eine fixe
Idee. Mehr nicht. Mit mir selbst als Person muss ja nur ich jeden Tag leben.
An die Aufmerksamkeit der Fans musste ich mich ganz langsam gewöhnen,
bis heute habe ich da so meine Schwierigkeiten.
Sind Sie eher ein privater Mensch, der sich gern zurückzieht?
Ganz bestimmt. Ich halte dieses Stargetümmel für sehr kompliziert.
Auf einmal wird man auf einen hohen Sockel gestellt und soll als Vorbild
für Kids dienen. Da kommt auf einmal eine echte Verantwortung auf einen
zu.
Wie gehen Sie mit der Verantwortung um?
Man muss in erste Linie ehrlich zu sich und seiner Umgebung sein. Wen man
das nicht schafft, erfährt man auch niemals, was echtes Glück,
echter innerer Frieden bedeutet. Wenn jeder Mensch ein bisschen mehr Verantwortung
für seine Taten übernehmen würde, dann hätten wir wohl
weniger Ärger auf der Welt, oder?
Spricht da der Buddhist in Ihnen?
Ja, diese Philosophie fasziniert mich sehr. Der Buddhismus hilft mir, verschiedene
komplizierte Dinge in meinem Leben zu verstehen – und dabei, meinen
Weg im Leben zu finden.
Sind Sie ein Mann auf der Suche nach Antworten?
Sicher bin ich das. Sind wir das nicht alle? Ich nahm die Rolle des Ritters
Baelion in „Königreich der Himmel“ auch nur deshalb an.
Meine Figur ist auf einer Reise zu sich selbst. Und ich fühle mich
ebenso auf einem Kreuzzug zu mir selbst, zu gewissen Antworten im Leben.
In der Story geht es um große Dinge wie Ehre und Toleranz.
Wie stehen Sie dazu?
Liam Neeson fragt in dem Film, was wohl wäre, wenn am Ende des Weges
Liebe statt Hass, Frieden anstelle von Krieg läge. Ich hoffe, dass
die Zuschauer erkennen, dass es durchaus Parallelen von der Botschaft der
mittelalterlichen Haltung zum heutigen Leben gibt. Ich hoffe, das die Menschen
endlich erkennen, welcher Horror Krieg bedeutet – und was ein bisschen
Toleranz im Leben für einen Unterschied ausmachen kann.
Sie sind als jemand bekannt, der sich sehr unter Druck setzt, um
immer gut zu sein um das Publikum nicht zu enttäuschen. Zweifeln Sie
manchmal an sich selbst?
Ich möchte in allen Facetten meines Lebens mein Potenzial voll ausschöpfen.
Nur dann bin ich zufrieden. Natürlich zweifle ich an mir und manchen
meiner Entscheidungen. Das ist ein Reifeprozess, den wir alle durchmachen
müssen.
In diesem neuen Epos sehen Sie nicht mehr wie ein Teenager aus.
Der Bart macht Sie älter. Ihre erste große Rolle als Erwachsener?
Ja, es ist tatsächlich meine erst richtig große Hauptrolle.
Und Sie haben Recht: Ich fühle das der Übergang vom jugendlichen
Helden zum Mann jetzt für mich abgeschlossen ist. Aber keine Angst,
ich möchte immer noch einige meiner Kindheitsträume ausleben.
Wie wichtig ist es Ihnen, ernst genommen zu werden?
Ich möchte der Welt schon etwas hinterlassen. Bisher hatte ich viel
Glück mit meinen Filmen. Ich sollte jetzt vielleicht einfach aufhören,
dann kann ich keine großen Fehler mehr machen.
Sie sollen einmal gesagt haben, dass Sie verliebt sind in die Idee
der Liebe. Ist da was dran?
Hört sich interessant an. Ich weiß nicht, ob ich das gesagt
habe, aber ich glaube schon, dass es stimmt. Wir lieben doch alle die fantastische
Vorstellung von einer großen Liebe. Aber die eigentliche Realität
dieser Liebe ist nur sehr schwer zu erreichen. So viele Dinge beschäftigen
uns im Leben, da fällt es nicht leicht, sich die Zeit zu nehmen, um
die echt Liebe zu finden.
Die Frauen müssen doch Schlange stehen, um einmal mit Ihnen
zum Dinner gehen zu dürfen?
Nein, die Mädels heute sind viel zu cool. Außerdem lieben alle
nur Johnny Depp. Er ist das große Los. Ich bin immer noch der kleine
Bruder von Johnny.
Haben Sie das Gefühl, dass der Ruhm für Sie zu schnell
kam?
Ja, oft.
Wie entfliehen sie dem Stress des Prominentendaseins?
Ich verbringe so viel Zeit wie möglich mit meinen Freunden und mit
meiner Familie. Ich reise gern nach Brasilien, um dort Ferien zu machen.
So lange ich nicht meine Seele verkaufe und Rollen nur annehme, weil sie
viel Geld bringen oder ich deshalb das Mädchen kriege, so lange ich
alles okay.
Wie normal ist Ihr Leben noch?
Wissen Sie, es gibt tatsächlich Menschen in Hollywood, die normal
sind. Man muss sich ja nicht die ganze Zeit nur mit Schauspielern und anderen
Berühmtheiten umgeben. Ich verbringe Zeit mit Leuten, die normale Leben
führen und normale Probleme wälzen. Diese Leute kümmert es
herzlich wenig, wer ich bin. Im Leben geht es immer um Entscheidungen. Wir
haben die Wahl, wie wir unser Leben verbringen.
Sie sind auch ein großer Fan des Independent-Kinos jenseits
der großen Hollywood-Studios, stimmt das?
Ja, das stimmt. Deswegen machte ich auch den Indie-Film „Calcium
Kid“. Wir brauchen diese Filme in unserer Industrie. Sie sind wichtig,
weil sie ein anderes Kino zeigen, eines, das auch ohne viel Geld und viel
Aufsehen existieren kann. Leider fehlt Ihnen am Ende meist die Marketing-Maschine,
die Filme wie „City of God“ – den ich geliebt habe –
zum Publikum bringt.
Glauben Sie, dass Sie irgendwann auch hinter der Kamera arbeiten
werden?
So weit denke ich noch nicht. Ich habe zwar gerade als Ko-Produzent für
den Film „Haven“, der bald ins Kino kommt, gearbeitet, aber
im Moment habe ich noch viel Spaß vor der Kamera.
Jetzt geht’s gleich wieder in den Flieger Richtung Süden,
stimmt’s?
Ja, ich drehe dort die Fortsetzung von „Fluch der Karibik“
mit Johnny Depp. Gott sei Dank ist Johnny auf dem Set. Über zu viel
Aufmerksamkeit von den weiblichen Fans muss sich dann sonst niemand Gedanken
machen, und ich habe schön meine Ruhe."
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