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"Ich musste schon einige Schicksalsschläge verkraften"
Interview mit Orlando Bloom aus der Cinema, Ausgabe November 2005

Vielen Dank an Jasy fürs Abtippen!

Orlando Bloom Berühmt wurde er als spitzohriger Elbe und kühner Pirat. Hier äußert sich der 27-Jährige über ernsthafte Rollen, Trauer und Misserfolg.

Nach „Der Herr der Ringe“ und „Fluch der Karibik“ war es für Sie sicher erfrischend, mal keine Kostüme zu tragen?
Ja, diesmal musste ich keine Schwerter oder Kettenhemden mit mir rumschleppen (lacht). Es war toll, einfach mal eine ganz normale Figur zu spielen, die sich mit echten menschlichen Problemen auseinandersetzt. Außerdem wusste ich, dass Cameron Crowe für solche Themen der perfekte Regisseur ist. Er ist fürsorglich und präzise zugleich. Mit seiner Hilfe konnte ich verwundbar sein, mich auf extreme Situationen einlassen und lebensverändernde Erfahrungen machen.

Drew, die von Ihnen gespielte Figur in „Elizabethtown“, muss gleich zu Beginn eine geschäftliche und dadurch auch private Katastrophe durchleiden. Wie stehen Sie zu Misserfolgen?
Es gab schon einige Schicksalsschläge, die mich wachgerüttelt haben. Ich musste bereits als Kind den Verlust meines Vaters verkraften, der an einem Herzanfall starb. An meinen Kummer kann ich mich bis heute erinnern. Mit 21 habe ich mir die Wirbelsäule gebrochen, wodurch die Gefahr bestand, für den Rest meines Lebens im Rollstuhl sitzen zu müssen. Da denkt man zwangsläufig über den Sinn des Daseins nach, über Glück und Unglück. Das hat mich ein gutes Stück weitergebracht. Ich habe mir vorgenommen, trotz aller Widrigkeiten des Lebens niemals aufzugeben, und konnte dadurch mit späteren Misserfolgen, zum Beispiel an der Schauspielschule, besser umgehen. Man darf keine Angst haben, sonst entwickelt man sich nicht weiter.

Würden Sie in einem Ort wie Elizabethtown leben wollen?
Nun, die Leute dort führen ein beschauliches Leben und halten zusammen. Alles läuft in einem eher gemächlichen Tempo ab. Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass ich dort hinpassen würde. Ich bin viel zu verführt von den Möglichkeiten eines Lebens in großen Städten. Für einen Schauspieler ist es ja schon ein Problem, wenn der nächste Flughafen weiter als eine Autostunde entfernt ist. Ob das immer noch so sein wird, wenn ich älter bin, kann ich noch nicht sagen. Und dann stelle ich immer wieder fest, dass mein Herz für England schlägt. In Großbritannien bin ich geboren und aufgewachsen. Und wenn das Land wir kürzlich durch einen Terroranschlag in der Londoner U-Bahn erschüttert wird, trifft mich das härter als Katastrophen, die anderswo passieren. Womit ich nicht gesagt haben will, dass jene Unglücksfälle weniger schlimm sind.

Haben Sie jemals eine Reise wie Drew im Film unternommen?
Ja, direkt nach dem Ende der Dreharbeiten. Ich fuhr von Scottsbluff in Nebraska, wo wir die letzten Aufnahmen gemacht haben, allein im Auto nach Los Angeles und hatte nur meinen Hund dabei. In solchen Situationen staunt man über die schiere Größe der Vereinigten Staaten. Und ich habe es genossen, wie nett und hilfsbereit die Leute waren, die ich während meiner Pausen getroffen habe. Insgesamt war das ein toller Trip.

Der Regisseur Cameron Crowe hat einen ganz speziellen Erzählstil. Gab er Ihnen die Möglichkeit, an der Entwicklung Ihrer Rolle mitzuarbeiten?
Nur eingeschränkt, denn Cameron hängt sehr an seinem Drehbuch. Er ist ein großartiger Autor. Wir kennen uns durch die Arbeit an einem Werbespot schon einige Jahre und sind immer in Kontakt geblieben. Wir haben uns Postkarten geschickt oder per Mail Musikstücke ausgetauscht, bis er schließlich mit dem Angebot zu „Elizabethtown“ kam. Gut, bei einigen wenigen Szenen gab es Raum für Improvisationen. Aber eigentlich hatte ich nie das Gefühl, irgendetwas ändern zu wollen.

Sie erwähnten eben den Austausch von Musik. Um welche Stücke ging es da?
Im Prinzip ging es darum, meinen bis dahin wenig ausgeprägten Musikgeschmack zu schulen. Camerons hat bekanntlich früher als Reporter bei der Zeitschrift Rolling Stone gearbeitet, und in seinem Leben geht gar nichts ohne Musik. Er weiß absolut alles darüber. So wurden am Set bestimmte Stücke gespielt, um uns Schauspieler in die richtige Stimmung zu versetzen. Das funktionierte so prima, dass ich mich danach fragte, wie ich jemals ohne Musik drehen konnte. Durch Cameron bin ich jetzt Fan der Live-LP „Mr. Tambourine Man“ von Bob Dylan sowie von allen Stücken, die Tom Petty jemals eingespielt hat. Ein ganz schöner Schritt für einen, der sich als erste Single „Bad“ von Michael Jackson gekauft hat!

Was tun Sie, um nicht zu sehr von Ihrer Arbeit vereinnahmt zu werden?
Das ist eine schwierige Sache. Gerade in dieser Branche, wo man Gefahr läuft, Zweckbündnisse mit echten Freundschaften zu verwechseln. Ich denke, man sollte alles versuchen, um die Verbindungen zu den Menschen zu pflegen, zu denen man eine natürlich gewachsene Beziehung hat. Tut man das nicht, verliert man früher oder später den Bezug zur Realität. Ich habe das reichlich spät kapiert und verbringe jetzt bewusst möglichst viel Zeit mit meinen Eltern und meiner Schwester, die ich zuletzt ziemlich vernachlässigt habe. Die Arbeit an „Elizabethtown“ hat mir diesbezüglich sehr geholfen, wofür ich ewig dankbar sein werde.

Rezession und Interview: Scott Orlin


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