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Cinema
April 2005

Vielen Dank an Roxane für's Abtippen!

Ritter aus Leidenschaft
Plötzlich stoßen sie aus dem Zwielicht hervor. 30 Mann, hoch zu Ross in voller Rüstung, die Speere gegen den Sandsturm gestemmt. Zaumzeug und Schwertgehänge klirren, Staubböen reißen an den Kutten der Reiter, auf denen rötliche Kreuze prangen.
Geduldig kauern die Froschmänner im Geröll, bis sich die Ritter auf Rufweite genähert haben. Dann schieben sie ihnen leise ein klobiges Ungetüm entgegen. Das erschreckte Wiehern eines Pferdes zerreißt die Stille zwischen den Windstößen.
Jemand brüllt „Cut!“. Zufrieden entledigen sich die Kameraleute ihres Froschlooks, ziehen Taucherbrillen und tarnfarbene Turbane von den Köpfen. Die Reiter schirmen vergeblich die Augen vor dem tückischen Wüstenstaub ab. Steinsammler schaffen eilig von Hufen aufgewühlte Brocken beiseite.
Regisseur Ridley Scott ist auf der Geröllhalde von Ouarzazate, Marokko, ein alter Bekannter. Hier drehte er Teile von „Gladiator“ und „Black Hawk Down“. Jetzt inszeniert der von Queen und Oscar geadelte Sir Ridley vor den Toren der filmerprobten Wüstenstadt „Kingdom of Heaven“ (deutscher Titel voraussichtlich „Königreich der Himmel) – ein Historien Abenteuer, das Ende des 12. Jahrhunderts spielt, als Kreuzritter um die Vorherrschaft im Heiligen Land rangen und dabei mit Sultan Saladin aneinander gerieten.
Mitten ins Hauen und Stechen hinein gerät der unbescholtene Waffenschmied Balian, der von Orlando Bloom gespielt wird. Das macht Sinn. Schließlich hat der Engländer bei „Fluch der Karibik“ hinreichend Erfahrung in dieser Zunft sammeln können. Balian deckt am Hof von Jerusalem eine Intrige auf, verknallt sich unglücklich in eine Prinzessin, avanciert schließlich zum Verteidiger der Heiligen Stadt und zum Vermittler zwischen den Kulturen. Dazwischen gibt es natürlich mächtig was auf den Turban. Kein wunder also, dass durch den „Kingdom of Heaven“ – Set nicht nur eine dichte Schwade Räucherstäbchenqualm zieht, der aus zahllosen Silberbecken aufsteigt, sondern auch ein Hauch von „Gladiator“ und „Troja“ – nur dürfen die Jungs statt Röckchen und Sandalen ungleich coolere Kettenhemden tragen. Die Schwerter sind auch größer, und das ist gut so. Denn ohne das schwere Rüstzeug wäre der feingliedrige Orlando Bloom von mancher Bö aus dem Sattel gefegt worden: „Ridley ist erbarmungslos“, sagt der Legolas a.D. „Wo andere vor dem Sand flüchten , sagt er: Prima, das gibt großartige Bilder! Und jagt uns vor die Kamera.“
Mit dekorativ verdeckten Gesicht und Johnny-Depp-Gedächtnis-Zotteln sitzt Bloom im sturmumtosten Catering-Zelt und macht seiner Bewunderung für den charismatischen Landsmann keinen Hehl: „Der Mann ist ein gottverdammtes Genie!“, sagt er und knufft Regisseur Scott in die Seite. Ansonsten hat der junge Recke nicht allzu viel von Belang zu sagen. So rollt er still eine Weintraube auf seinem Shirt auf und ab, während Sir Ridley gegen die britische Presse grantelt. Dort stand zu lesen, das der Muslim Saladin „in diesen Zeiten“ nicht so positiv gezeigt werden dürfte, wie Scott das vorhabe. Zumindest nicht neben der dekadenten christlichen Ritterhorde. Wo von doch der Sultan seinerzeit Iraks Ex-Diktator Sadam Hussein zum Nationalhelden erkoren worden sei. „Ist mir Scheißegal“, brummt Scott. Fast zwei Jahrzehnte hat der Regisseur für dieses Projekt gekämpft. „Wir haben akkurat recherchiert“, sagt er. „Außerdem drehen wir keinen Dokumentarfilm.“
Von ein paar Quenglern lässt sich Ridley Scott ebenso wenig einschüchtern wie von der Terror-Drohungen, über die am Set niemand gerne spricht. „Wir bringen 25 Millionen Doller ins Land. Die wären doch bescheuert, wenn sie uns in die Luft jagen würde“, beschwichtigt Produzent Branko Lustig. Um die Sicherheit der Crew kümmert sich das marokkanische Königshaus trotzdem höchstselbst. Die Security ist diskret, aber allgegenwärtig.
Vor dem Zelt sind die Froschmänner unterdessen dabei, den Kreuzfahrern aus den Sätteln zu helfen. Mit roten Augen suchen die Schauspieler hinter der Kameraaufbauten Schutz. Nur Brendan Gleeson alias Reynald, Anführer der Rittermeute, muss seinen Angriffsbefehl nochmals ins Mirko des Tonmannes brüllen. Gleeson stellt sich gegen den Wind und stößt einen markerschütternden Schrei aus. Nicht mal die Pferde zucken zusammen. Brüllende Krieger sind hier Alltag.
Die Statisten, die in den Innenhöfen des Jerusalem-Sets auf Regisseur Scott warten, sind besser dran. Windgeschützt sitzen sie hinter 175 Meter Stadtmauer an ihren Markständen, in Backstuben, im Badehäuschen oder vor dem Brunnen, trinken süßen Minztee, schwatzen oder verscheuen ein paar kecke Ziegen, die an dem dekorativ aufgetürmten Gemüse knabbern. Dazwischen gackern Hühner, schreien mit Gewürzen beladene Esel, brüllen Kamele. 500 Statisten, so genannte Extras, sind heute beim Dreh dabei. Zu Hochzeiten sind es über 100, darunter viele Angehörige der marokkanischen Armee.
Produzent Lustig hat sich in einem der Innenhöfe niedergelassen: „Jetzt trinken wir erst mal Tee. Schließlich bin ich eigentlich im Ruhestand.“ Wohl eher im Unruhezustand. Denn von seinem langjährigen Weggefährten Ridley Scott lässt sich der „Schindlers Liste“ – Produzent nur allzu gern Arbeit aufhalsen. Und die hat der Oscar-Preisträger während der fünfmonatigen Dreharbeiten reichlich. „Kosten?“ Ein Grinsen huscht über sein Gesicht „Kingdom of Heaven kostet mehr als Black Hawk Down und weniger als Troja.“ Also rate: 30 Millionen? Lustig lässt sich ein „Mmm“ entlocken. Ob ihm eine solche Riesensumme Magengrimmen bereite?
Der Produzent blickt freundlich, aber ernst: „Ich habe Bergen-Belsen überlebt. Glauben Sie, dass mir noch irgendetwas Angst machen kann?“ Dann blitzen seine Augen schelmisch: „Obwohl.... versuchen sie mal Ridley beizubringen, dass der Helikopter, den er unbedingt für seine Luftaufnahmen haben will, partout nicht mehr im Etat drin ist.“
Dabei ist die Produktion alles andere als knauserig: Allein für das Anpflanzen der Bäume gingen 92.000 Dollar drauf. Die eigens erbaute Wüstenstadt kostete rund 600.000 Dollar und dient sowohl als Kulisse für das belagerte Jerusalem als auch für die Burg Kerak. Die Mauern samt Balkonen und Wehrgängen werden von 18 Metern hohen Wachttürmen begrenzt, zwei Tore geben den Blick auf vier Innenhöfe frei, über die sich riesige Stoffsegel spannen – kein Kunststoff, sondern nach historischen Überlieferungen eingefärbte Wolle. Mindestens 1200 Menschen arbeiten hier täglich, darunter sechs Feuerwehrleute und zwei Ärzte. 500 Pferde müssen versorgt werden. Lustig persönliches Highlight: „Gestern Nacht haben wir die Katapulte getestet. Samt Griechischen Feuer!“ Elf Nachtdrehs sind für den Angriff der Kreuzritter angesetzt. „Saladin brauchte nur vier Tage, um Jerusalem zu stürmen – wir fast zwei Wochen“, frotzelt er. Während Lustig weiter von der Schleuderkraft seiner Riesezwillen schwärmt, huscht Hauptdarstellerin Eva Green alias Prinzessin Sibylla vorbei. Nicht nur wegen ihres hellen Make-ups sieht die Französin bedenklich blass aus. „Ich bin ein bisschen krank“, entschuldigt sie sich, während sie gen Klohäuschen eilt. „Mein Lieblingsort“, bemerkt sie sarkastisch. Eva hat Glück: Die Magenverstimmung erspart ihr den abendlichen Empfang im Haus der Provinz-Gouverneurs. Doch davon später.
Aus den Staubwirbeln löst sich ein weiterer Schatten: Jeremy Irons gibt sogar in Overall und mit Palästinensertuch eine stattliche Figur ab. Gelassen bahnt sich der Hüne seinen Weg durch Trauben von Statisten an Esel- Ziegen- und Kamelhintern vorbei und lotst alle zu seinem Trailer. Als Berater des Stadthalters hat Irons nur eine Nebenrolle. “Ist mir egal, ich wollte unbedingt mal bei einem solchen Mega-Projekt dabei sein“, sagt er. Zumindest am Abend spielt der Brite im Haus des Gouverneurs, der die Crew zum Dinner gebeten hat, eine Hauptrolle – oder besser: Seine Garderobe tut es. Mit seinem bodenlangen Kaftan sticht Jeremy Irons den Rest der artig in Jackett tragenden Gäste aus.
Eilfertig tischen Kellner einheimische Köstlichkeiten auf: Couscous, Rosinen-Hühnchen, Hammeleintopf. Wie der Vegetarier Orlando Bloom die Fleischberge bewältigt, verbergen die breiten Schultern seiner „Kreuzritter“ – Kumpane Brendan Gleeson und David Thewlis ebenso wie seine Reaktion auf die Leckerei des Abends: gegrillte Lammhoden. Später, als sich die meisten bei Minztee und süßem Kuchen auf der Terrasse erholen, kommentiert der britischer „Harry Potter“ – Recke Thewlis die kulinarische Extremerfahrung knapp mit „strange, merkwürdig, während Orlando Bloom tapfer in die eilig gezückten Kameras der Gastgeber lächelt. Und damit beweist, dass er eindeutig der richtige Mann für die Heldenrolle ist.

 

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