"Eine Frage des Schicksals"
Interview aus der CINEMA 06/04 Juni (S.52/53)
Danke an strumpfhase
für's Abtippen!
Nachdem er als Paris den Trojanischen Krieg ausgelöst
hat, darf ORLANDO BLOOM jetzt Jerusalem retten. Mit "Gladiator"-Regisseur
Ridley Scott dreht der Brite in Marokko das 130-Millionen-Dollar-Kreuzritterspektakel
"Kingdom of Heaven".
Mit CINEMA sprach er über neuen Ruhm und alte Schicken.
Ruß, Wüstensand und Straßenschmutz - die Make-up-Mannschaft
am Set von "Kingdom of Heaven" hat alles gegeben. Doch einen schönen
Mann entstellt nichts.
Orlando Bloom umweht selbst mit dreckiger Visage, in Cargo-Hosen
und abgewetztem T-Shirt ein Hauch porentiefer Legolas-Reinheit.
Und das, obwohl der 26-jährige Brite seine 1,83 Meter in einen Plastikstuhl
gefläzt hat und versucht, Reden und Mittagessen zu kombinieren.
Er hat wenig Zeit : Kostümprobe, dann ein Außendreh in den monumentalen
Innenhöfen der Jerusalem-Kulisse, die für das Kreuzritterepos, das
hier alle nur mit „KOH“ abkürzen, in der marokkanischen
Wüste hochgezogen ist.
Rund 800 Statisten sind heute am Set. Neben Bloom thront Oscar-Preisträger
Ridley Scott.
„Ich mag den Burschen“, sagt der Regisseur und klopft
dem Jüngeren auf die Schulter.
Bloom spielt die Hauptrolle in seinem Multi-Millionen-Dollar-Projekt
- einen jungen Schmied, der in Heilige Land zieht und zum Verteidiger
der Stadt Jeru salem avanciert - und schon wieder in einem Kostümfilm
mit.
Erst „Der Herr der Ringe“, dann „Fluch
der Karibik“ und „Troja“, jetzt „Kingdom
of Heaven“ - Sie drehen einen Kostümschinken nach dem anderen.
Ja, unglaublich, nicht wahr? Und jetzt spiele ich zum ersten Mal
eine Hauptrolle - in einem Ridley-Scott-Film! Der Mann ist ein gottverdammtes
Genie! (Er lacht und knufft den Regisseur in die Seite.)
Und? Haben Sie nun eine Schwäche für historische Epen?
Yeah, Meisterwerke wie „Lawrence von Arabien“ finde
ich seit jeher klasse. Verstehen Sie mich nicht falsch, die zeitgenössischen
Filme, in denen ich mitgespielt habe, haben Spaß gemacht, aber die
Recherche für eine solche Zeitreise stellt einen vor viel größere
Herausforderungen. Ich zumindest möchte Stil und Kultur der Zeit
ergründen, in der der Film spielt.
Dann haben Sie jetzt ja einen bunten Epochenmix im Kopf. Haben Sie
auch etwas Alltagstaugliches gelernt?
Nun, abgesehen davon, dass ich bei Brad Pitt, Johnny Depp und Ian
McKellen abgucken konnte, habe ich eine gewisse Routine bei der
Arbeit an Mammutprojekten entwickelt (grinst). Verstehen
Sie, was ich meine? Für den „Troja“-Dreh wurde eine
ganze Stadt samt Verteidigungswall hochgezogen - einfach gigantisch,
die trojanische Mauer eben. Hier bei „Kingdom of Heaven“
ist es ähnlich : Draußen vor unserem Catering-Zelt liegt Jerusalem
samt Stadtmauern. Einige Kollegen finden das beklemmend. Für mich
sind diese Anlagen Arbeitshilfe. Und außerdem: Darum geht es doch
schließlich im epischen Kino - größer, höher, weiter.
Nach dem „Herrn der Ringe“ sind Sie vom Nobody zum Teenie-Schwarm
avanciert. Als Sie jüngst Szenen für „Kingdom of Heaven“
in Spanien drehten, rasteten Ihre weiblichen Fans völlig aus. Wie
gehen Sie damit um?
Gut, hoffe ich. Sogar nachdem „Der Herr der Ringe“ in
die Kinos gekommen war, bin ich noch eine ganze Weile unbehelligt
geblieben. Die Aufmerksamkeit, die mir in letzter Zeit zuteil wurde,
erforder deswegen einiges Umdenken meinerseites (überlegt kurz).
Ein Freund sagte mir neulich etwas, dass diese ganze Hysterie sehr
schön relativiert: Die nächste Boygroup, der nächste Schauspielschwarm
steht schon in den Startlöchern, weil es immer junge Menschen geben
wird, die nach jemanden Ausschau halten, in den sie all ihre Träume
und Wünsche legen können. Die Kids wollen jemanden, über den sie
sagen können: „Das ist mein Traumtyp.“ Und zwar im wahrsten
Sinne des Wortes, denn sie werden ihrem Schwarm mit größter Wahrscheinlichkeit
nie begegnen. Wenn du dieses Prinzip geschnallt hast, denkst du:
„Okay, das schmeichelt mir“, bleibst aber auf dem Teppich.
Glauben Sie mir, in ein paar Jahren stellen Sie einem anderen Typen
genau diese Frage wiede r.
Noch hängt Ihr Poster in vielen Mädchenzimmern.
Solange ich auch als Schauspieler ernst genommen werde, macht mir
das wenig aus. Schauen Sie sich Brad Pitt an. Der ist ein unglaublich
guter Schauspieler und gilt nebenbei gemeinhin als einer bestaussehenden
Männer der Welt. Was sich zum Glück nicht negativ auf seinen Charakter
ausgewirkt hat. Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Sobald
dieser ganze Rummel tatsächlich meine Persönlichkeit verändert,
hat er mich verkorkst. Im Moment kommt es folglich für mich darauf
an, die richtigen beruflichen Entscheidungen zu treffen.
Und nach welchen Kriterien gehen Sie dabei vor?
Mmm ... (denkt einen Moment nach) ... also, Material ...,
Regisseur ... Wenn ich einen Part wirklich möchte, gehe ich wie
alle anderen zum Vorsprechen. Ich hatte Screentests für Ridley (Scott),
für Cameron Crowe, für Wolfgang Petersen - für Rollen also, die
jeder haben wollte. Oder gibt es einen Schauspieler auf diesem Planeten,
der nicht für Ridley Scott arbeiten würde? (Scott, der bis zu
diesem Moment in ein anderes Gespräch vertieft war, hält kurz inne
und grinst.) Es ist immer etwas Glück dabei. Zum Beispiel hatte
ich nur zwölf Stunden Zeit, mich auf das Vorsprechen für „Kingdom
of Heaven“ vorzubereiten - und einen Riesenbammel. Zu Hause
habe ich zwar sechs Stunden lang ohne Pause meinen Text gebüffelt,
aber den Rest muss man trotzdem dem Schicksal überlassen. Ich verließ
die Schauspielschule mit der Gewissheit, dass es Tausende von Schauspielern
gibt, die genau dieselben Fähigkeiten haben wie ich. Also arbeitete
ich mir den Hintern ab, um eine Chance zu bekommen. Wenn es trotzdem
nicht klappt - auch gut. So ist das Leben (zögert einen Moment).
Manchmal fliegen dir Dinge zu, manchmal eben nicht. Wenn du dann
das Optimum aus ihnen herausholen kannst, umso besser.
Das haben Sie bislang geschafft. Allerdingt auf Kosten Ihrer
Privatsphäre.
Ich musste lernen, anderen und mir selbst Grenzen zu setzen. Natürlich
ist meine Arbeit etwas, das ich gern mit der Öffentlichkeit teile.
Aber Privates soll auch privat bleiben - schon allein deswegen,
weil es schön ist, eine Schutzzone zu haben, in die man sich zurückziehen
kann. Allerdings wird das immer schwieriger. Obwohl mein Privatleben
nicht halb so spannend ist wie das der Jungs, die ich in meinen
Filmen spiele.
Vielleicht haben Sie nach der „Troja“-Premiere ein wenig
Ruhe. Schließlich spielen Sie einen fiesen Frauenräuber.
Paris ist ein Mann, der ein Leben ohne Pflichten führen kann, denn
König wird sein älterer Bruder Hektor. Das macht ihn ein wenig selbstherrlich
und verantwortungslos. Sagen wir so: Er muss ziemlich an sich arbeiten,
nachdem er diesen dummen Krieg ausgelöst hat. Mal sehen, wie das
dem Publikum gefällt (lacht).