Lasst Bloom sprechen... aus
der Allegra Deutschland
Januar 2004
Danke an Angel of Rage für's Abtippen!
Lasst Bloom sprechen...
...ja, wenn er denn reden würde...
Allegra traf den angesagtesten, aber vermutlich unsichersten Hollywoodjungstar.
Keine leichte Aufgabe, aber eine schöne!
Sollten sie Mr. Bloom jemals begegnen: nennen Sie ihn bloss nicht
Orly!
Orlando Bloom ist zweifellos ein freundlicher junger
Mann. Meistens jedenfalls. Wer allerdings gern einmal seinen Bannstrahl
der Verachtung spüren möchte, muss nur nach seinem Spitznamen
fragen. Orly. Jetzt bloß nicht den Fehler machen und losgrölen.
Reicht ja, dass ihn so die Schar seiner Bewunderinnen nennt und
manch errötender Fan die vier Buchstaben sogar als Signatur
erbittet. Auch die Pubertätspresse beharrt auf Orly , als müsste
sie beim Schreiben Silben sparen.
Dabei ist doch Orlando ein wahrlich schöner Name für einen
schönen Schauspieler, der eben nur eines gar nicht so schön
findet: die Verniedlichung seiner Person und seiner Absichten.
Orlando Bloom legt die Stirn in ein betrübtes James-Dean-Runzeln,
rollt kurz die braunen Augen und bemüht sich wahrscheinlich
zum tausendsten Mal, den bizarren Kult um seine Person in Perspektive
zu rücken. Natürlich sei er sich bewusst, dass im Internet
Fanseiten sprießen und ihn Hollywood nicht nur in einem Atemzug
mit Brad Pitt oder Johnny Depp nennt, weil er zuletzt mit beiden
gedreht hat. Doch dass er als Pin-up für Teenager gelte (die
Formulierung kommt flüsternd)... Erneutes Runzeln. Ein Freund
, fasst sich Orlando schließlich, erklärte mir mal ganz
pragmatisch, dass es immer neue Idole oder Popstars geben wird,
an die junge Mädchen ihre Ideale klammern. Mir verdreht es
bloß den Realitätssinn, wenn ich darüber nachdenke.
Warum ich Gerade war ich noch dankbar, nach dem Schauspieltraining
überhaupt einen Job ergattert zu haben. Jetzt fragen mich Fremde
so selbstverständlich, mit wem ich ins Bett gehe, als wollten
sie wissen, wie spät es ist!
Nicht dass er klagt, Orlando Bloom ist nur rechtschaffend
irritiert von der Vereinnahmung durch Geister, die er nicht rief.
Kein Wunder, selbst in einer Mediengesellschaft, die schamlos aus
jedem Suppenkasper eine Superstar bastelt, ist Blooms Boom ein Phänomen.
Natürlich, als er in Fluch der Karibik den flottesten Oberlippenbartträger
seit Errol Flynn gab, erfüllte er alle Voraussetzungen für
einen universell einsetzbaren Kinohauptdarsteller. Unübersehbares
Talent, ein weiches Gesicht, androgyner Körperbau- es gibt
schon Gründe, warum ihn seither alle sehen wollen. Doch Orlando,
war bereits ein Orly, als er noch keine Figur zum Anhimmeln gespielt
hatte. Schon als ich ihn vor ein paar Jahren dass erste Mal im marokkanischen
Rabat traf, wo er für den Kriegsfilm Black Hawk Down mit kahl
rasiertem Schädel aus Hubschraubern fiel, warteten im Hotel
ein paar britische Kids auf ihn. Keinen Blick für Co-Star Ewan
McGregor, in England hatte die Orlandomanie frühzeitig ihren
Anfan!
g genommen. Und das alles nicht wegen erster Fernsehfilme, sondern
allein dank aufgeregter Mundpropaganda via Web. Meine Tochter schätzte
Orly jedenfalls schon, als er beruflich längst meine Pflicht
gewesen wäre. So entdeckten ihn vornehmlich Mädchen für
sich, gaben den geheimen Schatz im Verschwörerton an Freundinnen
weiter und suchten Petitionen seine Besetzungschancen zu fördern.
Ob diese basisdemokratische Welle der Bewunderung wirklich den Ausschlag
für seinen Part in Herr der Ringe gab?
Mit seinem offiziellen Durchbruch, der Rolle als 2931-jährigen
Elbenblondie Legolas in der erfolgreichen Filmtriologie, begann
Bloom aber keineswegs, die Rampensau herauszulassen. Vielleicht
befürchtete er den Leo-Fluch , der einen guten Schauspieler
wie Leonardo DiCaprio nach Titanic in die Isolation trieb und nun
in Männerrollen schwach aussehen lässt. Blooms Öffentlichkeitsarbeit
jedenfalls lässt zu wünschen übrig. Dabei ist er
mit seiner Erklärung, dass er dank Dauerdrehs für Fluch
der Karibik oder Ned Kelly ohnedies kaum Zeit für Werbung in
eigener Sache hätte, nicht getan. Schon frühe Interviews
deuten an, dass Orlando Bloom kein Freund freizügiger Informationspolitk
ist. Als ihm einmal herausrutschte, erst mit dreizehn Jahren erfahren
zu haben, dass ein guter Freund und nicht etwas der Mann seiner
Mutter sein Vater gewesen sei, biss er sich auf die Zunge. Und wies
abmildernd auf Binsenweisheiten hin, dass schließlich alle
Schauspieler aus dysfunktionalen Familien kämen. Dass er sich
ein Jahr vor dem Herr der Ringe -Drehbeginn nach einem Sturz den
Rücken gebrochen und ein Leben im Rollstuhl befürchtet
hatte Orlando macht eine unwirsche Handbewegung. Dunkle Gedanken
mögen Lichtgestalten anscheinend gar nicht.
Generell könnte Orlando Bloom bei unserem Gespräch
in New York nicht unverbindlicher sein. Der Erfolg hat mich nicht
verändert. Solche Sätze sagt er.
Oder: Ich hoffe, dass meine Arbeit für mich spricht.
Ja, und wohin die Reise in die Zukunft führen mag, könne
er noch nicht prognostizieren: "Ich bin doch erst 26!"
Dass Orlando Bloom erst 26 ist, sagt er in einer halben Stunde dann
auch fast 26-mal, ganz so, als könne oder wolle einer in diesem
Alter nicht für voll genommen werden. Doch weil er bei jedem
Problemthema entwaffnend lächelt und man auch nicht möchte,
dass sein andauerndes Schulterzucken zu Folgeschäden an seiner
Hungerhakenstatur führt, gewöhnt man sich eben an den
Selbstschutz.
Aber warum er sich so verweigert, möchte man
dann doch irgendwie ganz gerne noch wissen.
Zwei Möglichkeiten.
Entweder hat sich der in Canterbury und London aufgewachsene Jungstar
von vielen US-Kollegen anstecken lassen, die von Presseberatern
gezielt aufs Nichtssagen gecoacht werden. Insofern wird man von
Bloom auch nichts darüber erfahren, dass er neuerdings als
Darling von Kate Bosworth der aus Blue Crush - gehandelt wird.
Möglichkeit zwei: Bloom ist tatsächlich
noch nicht richtig in seine extrem exponierte Rolle gewachsen und
wartete ab. Mauert lieber, als etwas Falsches zu sagen. Wofür
spricht, dass er auf eine Menge Fragen Ratschläge von Co-Stars
wiederholt: Brad Pitt habe ihm gerade beim Dreh des Historienfilmes
Troja beigebracht, wie man ungehindert Paparazzimassen passiert.
Und von Johnny Depp habe er sich ein wenig sein Lampenfieber kurieren
lassen. Überhaupt Depp. Sicher gibt es kaum bessere Mentoren,
doch dass nun auch Bloom mit schweren Ringen, zig Freundschaftsbändern
und wallendem Hemd antritt, ist doch etwas viel des Glaubensbekenntnisses.
Unter seinen derzeit noch wuchernden Korkenzieherlocken wirkt Orlando
Bloom im Minutentakt fahrig, überrumpelt, schüchtern,
listig, sensibel, verschwörerisch und vor allem so arglos,
wie es nur ein netter Kerl sein kann. Nur von demonstrativem Selbstbewusstsein:
keine Spur.
Ähnliche Ausbeute in Sachen Ehrgeiz. Auf die Frage, ob er im
Filmgeschäft einmal mehr als nur schauspielern wolle, lässt
er sich erst erklären, dass die Formulierung auf Regie- oder
Autorenambitionen zielt. Ach so. Ja, warum eigentlich nicht Wieder
sieht man: Der Mann ist offen für Fremdimpulse. Zum Theaterleistungskurs
kam er, weil seine Mutter es für eine gute Idee hielt, von
seiner Schwester ließ er sich damals in England die Klamotten
aussuchen: Damit ich in Londoner Clubs meine kurze Partyphase ausleben
konnte.
Allerdings nur, solange er das letzte Wort hat, denn
bevor der Eindruck eines Traumtänzers entsteht: Wer bis zu
acht Millionen Dollar pro Film kassiert und beim Überqueren
einer Londoner Straße eine Massenpanik in Kauf nehmen muss,
wird schon einen Instinkt dafür entwickeln, was ihm schadet
und was nicht.
Hi, Orly, grüßt die nächste Journalistin.
Ich heiße Orlando, sagt Orlando Bloom.