Herzensbrecher der Meere
FOCUS 36/2003
Dank an Yvonne und Karen für's Abtippen!
Das Bild zum Artikel!
Als Elbenprinz Legolas begeisterte Orlando Bloom Millionen
Mädchen.
Im „Fluch der Karibik“ entert er als Pirat zum Ober-Teenieschwarm
auf
Die Wege des Herzens sind bekanntlich unergründlich
– und die von jungen Mädchen ganz besonders. Nur wenn sich
diese in Millionenstärke vereinen, wenn sich die Fanbegeisterung
auf ein Objekt der Begierde fixiert, hat es die Welt mit einem Phänomen
zu tun, das nach Erklärung verlangt.
Der Normalmensch, sogar der durchschnittliche Kinogänger jenseits
der 20, hat den Namen wahrscheinlich noch nie gehört oder zumindest
registriert. Doch für den Teenager weiblichen Geschlechts gibt es
nur einen: Orlando Bloom. Kein anderer junger Schauspieler wird auf so
vielen Websites im Internet von jugendlichen Anhängerinnen angehimmelt.
Legolas war er in den beiden bisherigen „Herr der Ringe“-Epen,
ein ätherisch-androgynes Wesen mit unförmigen Spitzohren und
langen, fast schlohweißen Haaren. Und als ebenjener Bogenschütze
vom Fabelvolk der Elben verstand er es nicht nur, riesige Orks unschädlich
zu machen, sondern sich auch mit seinen Pfeilen tief in die Herzen kleiner
Mädchen zu bohren.
Der Schwarm der Kids – eine Rolle, die er inzwischen
auch zu spielen gelernt hat, wenngleich er sehr viel viriler daherkommt.
Braun gebrannt, mit dunklen Locken und einem Anflug von Schnurr- und Kinnbart
sitzt der Shooting-Star in einer Londoner Hotelsuite, auf kurzem Stopover
zwischen Malta und Mexiko, wo gerade Wolfgang Petersens „Ilias“-Version
„Troja“ entsteht und Bloom an der Seite von Brad Pitt den
Prinzen Paris mimt. So ist sein wirklicher Look, und so sieht man ihn
auch in der Piratenfilm-Travestie „Fluch der Karibik“, einer
der wenigen US-Sommer-Blockbuster.
Wahnsinniges Glück habe er bisher mit seinen Rollen gehabt, dabei
sei er doch nur „ein Junge aus der englischen Grafschaft Kent“,
gibt er ganz das bescheidene Nachwuchstalent. Man könnte ihm die
bubenhafte Natürlichkeit glatt abnehmen, wenn er sich nicht andauernd
übers knappe T-Shirt fahren und so verlegen-frivol Brust und Bauch
streicheln würde. Und wenn man darüber hinwegschaute, dass dieser
Junge nicht 16, sondern bereits 26 ist.
Hat er denn das „Swashbuckling“ genossen, das
klabauternde Säbelrasseln?
„Nicht wirklich. Mit Bob Anderson, der schon bei ‚Der Herr
der Ringe’ dabei war, hatten wir einen tollen Schwertmeister. Er
ist Ende 70 und hat schon Errol Flynn gezeigt, wie man die Klingen kreuzt.
Ansonsten bin ich viel geschwommen und trieb mich auf den Segelschiffen
herum“, beschwichtigt der Piratenlehrling schnell – schließlich
ist „süß“ das Hauptmerkmal, mit dem ihn seine Verehrerinnen
auf mehr als 200 Fan-Sites charakterisieren.
Und wenn er mal an Land ging auf der Karibikinsel St. Vincent?
„Will ist kein Prahlhans“, weicht Bloom gleich wieder auf
seine Filmfigur aus. „Er ist geradeheraus, ein aufrechter Schmiedgeselle,
der die ganze Bandbreite des Lebens kennen lernt. Und als er sich mit
Captain Jack Sparrow (Johnny Depp) zusammentut, öffnen ihm diese
Abenteuer sicherlich die Augen. Sparrow ist der klassische Aufschneidertyp.“
N dieser äußerst amüsanten und überraschend schrägen
Kino-Adaption einer Disneyland-Attraktion verkörpert Depp einen bizarren
Oberseeräuber, in einer unglaublich unterhaltsamen Mischung aus trunkener
Nonchalance und tuntiger Exaltierheit.
„Er hat diese besoffene ‚Keith Richards der Meere’-Nummer
einfach so aus dem Hut gezaubert“, sagt Bloom voler Bewunderung.
„Er ist ein toller Schauspieler, den ich immer verehrt habe –
er hat mir viel beigebracht, ein echter Gentleman.“
Die Teenieschwarm-Erbfolge von Stars wie Brad Pitt, Johnny
Depp und Leonardo DiCaprio geht nun an Bloom über. Von ersteren beiden
ließ er sich karrieretechnisch beraten. Von Depp lernte er, sein
Privatleben abzuschotten. Schließlich ist die Aura des Reinen und
Unschuldigen, die Bloom bisher ausstrahlte, immer noch sein größtes
Kapital. Ein Leinwand-Charisma, das ohne die Verlockung von Sex und Leidenschaft
auskommt, die auf kleine Mädchen bedrohlich wirken könnten.
Damit sticht er ja auch erfolgreich seine juvenilen Hollywood-Konkurrenten
wie Elijah Wood („Herr der Ringe“), Josh Hartnett (Pearl Harbor“)
oder Heath Ledger („Ritter aus Leidenschaft“) aus, mit denen
er pikanterweise jeweils schon gemeinsam vor der Kamera stand. Und Ashton
Kutscher („Voll verheiratet“) hat sich durch seine Affäre
mit der 16 Jahre älteren Demi Moore ohnehin bei den Teenies disqualifiziert.
Was natürlich noch mal den Blick auf den gar nicht mehr so jungen
Mann lenkt, der in seinem Kinodebüt „Oscar Wilde“ einen
Lustknaben spielte und in „Black Hawk Down“ kaum erkennbar
als Marinesoldat mitkämpfte; den seine Eltern nach Virginia Woolfs
Romanhelden Orlando tauften und der in „Troja“ nun einen greisen
Vater namens Peter O’Toole verpasst bekam.
Ein gewisser Colin Farrell (FOCUS 32/03) agiert in Hollywood in einer
ganz anderen Liga – verkörpert nicht nur böse Buben und
Sexsymbole, sondern genießt seine privaten erotischen Eskapaden
ohne jede Scheu. Farrell ist 27 und Ire – Bloom ein Jahr jünger
und Brite. Ob das den Unterschied ausmacht?
Harald Pauli/Catherine Mayer