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Moviestar - Januar/Februar 2002

Vielen Dank an Jasy fürs Abtippen!

 

Eine Reise nach Mittelerde

Der Herr der Ringe: Die Gefährten

 

„Es wird künftig zwei Arten von Leuten geben: die, die Herr der Ringe schon gelesen haben, und jene, die es noch tun werden“, schwärmte einst die „London Sunday Times“, als das Fantasy-Epos von J. R. R. Tolkien anno 1954 zum ersten Mal erschien.

 

Die Grundhandlung ist simpel: ein Kampf zwischen Gut und Böse, der um einen Meisterring tobt, der von zwanzig Ringen, die an unterschiedliche Gruppen verteilt wurden, der entscheidende ist im Kampf um die Macht. In Teil 1 Die Gefährten muss ein kleiner Hobbit namens Bilbo mit seinen Freunden sowie Elfen, Zwergen und Menschen zu einer langen Reise durch den Fantasy-Kontinent Mittelerde aufbrechen. Der Ring muss an einem bestimmten Ort zerstört werden, damit er nicht in die Hände des dunklen Herrschers Sauron fallen kann, der nach der Macht über alle Völker strebt. Um Frodo und die Gefährten zu stoppen, schickt Sauron seine schwarzen Reiter aus, die allesamt Ringgeister sind, sowie Heerscharen von brutalen humanoiden Monstern namens Orks …

So simpel wie die Grundhandlung ist, so komplex ist das Handlungsgewebe, in dem Tolkien detailliert die Geschichte und Geografie einer ganzen Welt entwickelt und dabei viele unvergessliche Gestalten und einen packenden Spannungsbogen erschafft. Inzwischen liegt die weltweite Auflage seines Romans bei 100 Millionen und das Epos zählt neben der Bibel (an deren Übersetzung Tolkien mitgearbeitet hat) zu den meistverkauften Büchern der Welt.

Der Traumfabrik waren solche Superlative noch nicht genug: Für spektakuläre 300 Millionen Dollar hat der Neuseeländer Peter Jackson das Werk in seiner Heimat verfilmt, alle drei Teile gleichzeitig – sehr zum Schrecken der Produzenten. Jedes Jahr zu Weihnachten soll als Bescherung eine neue Episode in die Kinos kommen. Wenn das Werk floppt, wird es ein ganzes Hollywood-Studio in die Tiefe reißen …

Doch die Gefahr scheint gering. Jene pompösen 20 Minuten, die beim Filmfest Cannes als Weltpremiere gezeigt wurden, bekamen tosenden Applaus und versprechen, dass hier das Fantasy-Genre neu definiert wird. Atemberaubende Bauten, spektakuläre Monster und grandiose Massenszenen, wie sie so noch nie zu sehen waren. Inmitten der effektvollen Wunderwelt keine kalten Computerspiel-Figuren, sondern märchenhafte Gestalten mit Seele – allen voran Elijah Wood als jugendlicher Held mit großen blauen Augen. Und Shakespeare-Mime Ian McKellen als sein Beschützer, der charismatische Zauberer Gandalf, natürlich mit Rauschebart.

Die Größenunterschiede zwischen den kleinwüchsigen Hobbits und den anderen Gestalten wirken verblüffend, raffinierte Kameratechnik und Spezialeffekte machen´ s möglich. Stolze 550 jener berühmten CGI’s (computer generated images) sollen die Trickkünstler in den ersten Teil eingebaut haben. Zudem wird jedes einzelne Bild noch digital bearbeitet, um so für die passenden Farben zu sorgen.

Auch die Ausstattung lässt sich nicht lumpen: 900 handgemachte Rüstungen, 2000 Waffen, 20.000 Requisiten-Teile sowie 1600 künstliche Füße und Ohren als Monstermasken sollen für die perfekte Illusion der künstlichen Fantasywelten sorgen.

Grandios gelungen ist das in jener Szene, in der die Abenteurer durch eine geheimnisvolle Bergmine wandern, in der dreiäugige Zyklopen, Kämpfer mit Alien-Fratzen und Heerscharen von bissigen Mini-Monstern lauern. In hochhaushohen Höhlen stürzen Treppen und Wände ein, auf dem freien Feld steht dann eine Armee, die an die legendäre Massensequenz aus Stanley Kubricks Monumentalepos Spartacus erinnert.

 

„Klotzen statt Kleckern“ machten sich auch die Marketingstrategen zum Motto. Über eine Million Mark ließ man sich die teuerste Cannes-Party aller Zeiten zum Tolkien-Großereignis kosten: Die Originalkulissen wurden eigens aus Neuseeland importiert, düstere schwarze Reiter samt diverser Fantasy-Monster begrüßten die verblüffte Gästeschar im exklusiven Landschloss, die bald nicht nur das Büfett, sondern auch allerlei der Originalrequisiten abräumte. Mittendrin, ganz entspannt und ohne die übliche VIP-Abschirmung, die Akteure: ein Hobbit, der in echt eher wie ein Punk aussieht, oder Elfen-Darstellerin Liv Tyler, barfuss im Gras und gelassen mit einer Zigarette in der Hand. „Wir Elfen sind unsterblich. Im Film bin ich schon 3000 Jahre alt, und Cate Blanchett ist sogar noch meine Großmutter“ gibt die hübsche Tyler zu Protokoll, sogar echtes Elfisch kann sie sprechen – eine Sprache, die Tolkien einst eigenhändig erfunden hat.

Dass er in seinem Roman die Frauen fast vergessen hat, wird auf der Leinwand leicht nachgebessert: Immerhin drei Frauen dürfen nun auftreten. Männlich bleibt derweil der Elf Legolas, gespielt vom britischen Newcomer Orlando Bloom, der sich frisch von der Theaterschule in das Fantasy-Abenteuer stürzen durfte. Gleiches Casting-Glück hatten die beiden bislang unbekannten Hobbit-Darsteller Billy Boyd (als Schussel Pippin) und Dominic Monaghan (als Komiker Merry). Eigentlich sollten alle Hobbits aus England stammen, doch die Insel gab trotz intensiver Suche nicht genügend der passenden Gesellen her. Die andere Hälfte des Zwergen-Quartetts fand man in Amerika: als Sam wurde Sean Astin (Goonies) engagiert, die Hauptrolle des fröhlichen Frodo Baggins bekam der 19jährige Elijah Wood (Der Eissturm, The Faculty) – mit einem selbst gedrehten Bewerbungsvideo setzte er sich gegen 150 Ring-Rivalen durch.

„Die Hobbits haben eine sehr positive Haltung zum Leben. Selbst nach einer Tragödie, bei der sie sich fast wie Kinder verhalten, sind sie einige Stunden später doch wieder guter Laune“, erläutert Wood die Philosophie der kleinen Helden, „zudem gibt es eine große Gemeinschaft zwischen ihnen, sie bestehen zusammen ihre Abenteuer, lassen sich nie im Stich, sondern sind stets füreinander da. Gerade für junge Leute kann das eine faszinierende Botschaft sein: Egal, wie schwer ein Weg auch scheinen mag, gemeinsam lassen sich alle Probleme lösen.“

 

Kein ganz leichter Weg waren auch die insgesamt 274 Drehtage für die Darsteller, völlig abgeschieden, jenseits von Hollywood, am Ende der Welt. Und zudem das Problem, drei Filme gleichzeitig zu drehen. Die Rollenverteilung von Gut und Böse galt selbst während der pausen: „Die schwarzen Reiter redeten beim Essen immer nur vom Bösen. Die Elfen philosophierten über Unsterblichkeit. Und wir Hobbits tranken eben unser Bier“, erinnert sich Wood amüsiert an die Drehzeit. Die phantastischen Vier verstanden sich derart gut, dass sie sogar noch ihren wohlverdienten Urlaub gemeinsam verbrachten.

Die drohende Hysterie durch eine kommende Kultwelle sieht Shakespeare-Mime Sir Ian McKellen (Gods and Monsters) ganz gelassen: „Wenn ich nun als kleine Puppe im Spielzeugladen ende, nehme ich das als Kompliment. Ich sammle ohnehin Figuren des 19. Jahrhunderts – warum also nicht auch einmal mich selbst.“ Sein Magier-Widersacher Saruman alias Christopher Lee sieht gleichfalls wenig Grund zur Aufregung: „Vermutlich wird es uns auch noch als Schachfiguren geben. Auch wenn wir es nicht zugeben, nehmen wir das alles als Kompliment.“ Wohl kaum ein Schauspieler hat mehr Filmrollen gespielt als er. Oder wie die Queen kürzlich sagte, als sie ihn zum CBE (Commander of the British Empire) ernannte: „Sie haben aber eine lange Karriere gehabt!“ Und die ist noch lange nicht zu Ende. So wird er auch in Star Wars – Episode 2 im nächsten Frühjahr dabei sein – (natürlich) wieder als Schurke.

In vielfacher Hinsicht kann man den Herr der Ringe mit Star Wars vergleichen. Beides sind Trilogien, die weniger aus Sequeln bestehen als vielmehr einen Film darstellen, der aus drei untrennbaren Teilen besteht, die als Ganzes konzipiert wurden. Gegenüber Episode 1, der technisch perfekte Unterhaltung bot, wurden viel ungerechte Vorwürfe laut. Aber weder Jar Jar Binks noch die auf Kinder zugeschnittene Story (die sicher einen Kontrast zu den düsteren Fortsetzungen schaffen sollte) waren wirklich kritikwürdig. Doch an einem gibt es nichts zu deuteln: Selbst gestandene Schauspieler wie Liam Neeson konnten ihren Klischeefiguren nicht sonderlich viel Leben einhauchen!

Ganz anders Peter Jacksons Der Herr der Ringe. Bei dem einstigen Splatter-Meister führt jeder Charakter ein Eigenleben und hat eine Tiefe, von der die Star Wars-Helden nur träumen können. Ein Grund dafür ist, dass Jackson zwar – wie Lucas – alle Fäden in der Hand hält, sich aber nicht zum Tyrannen aufspielt, der Schauspieler auf Stichwortgeber für die Technik reduziert, sondern Jackson gab jedem Akteur die Gelegenheit, zu seiner eigenen Interpretation zu finden, um Tolkiens Figur zum Leben zu erwecken.

Und somit haben wir es hier mit einem Film zu tun, der inszenatorisch voller Wunder ist und damit doch keine der unzähligen Figuren erdrückt, sondern ihnen Raum gibt, sich zu entfalten und zu plastischen Charakteren zu werden. Das ist vielleicht das größte Wunder an diesem grandiosen Herr der Ringe, der es verdient hätte, ein Blockbuster zu werden, weil er nicht mit einfacher Story und simplen Typen darum buhlt.

Dieter Oßwald

 

Der Herr der Ringe: Die Gefährten

The Lord of the Rings: The Fellowship of the Ring

Farbe, USA 2001, 165 Min.

Regie: Peter Jackson. Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson nach dem Roman von J. R. R. Tolkien. Musik: Howard Shore. Titelsong: Enya. Kamera: Andrew Lesnie. Schnitt: John Gilbert, D. Michael Horton, Jamie Selkirk. Casting: Victoria Burrows, John Hubbard, Amy MacLean, Liz Mullane, Ann Robinson. Spezialeffekte: Digital Domain, Weta Digital. Produktinsdesign: Grant Major. Art director: Dan Hennah. Set decorators: Tanea Chapman, Alan Lee, Victoria McKenzie. Kostüme: Ngila Dickson. Associate Producers: Rick Porras, Ellen Somers. Ausführende Produzenten: Mark Ordesky, Bob Weinstein, Harvey Weinstein, Saul Zaentz. Co-Produzentin: Fran Walsh. Produzenten: Peter Jackson, Barrie M. Osborne, Tim Sanders. Produktion: New Line Cinema, The Saul Zaentz Company, WingNut Films

Darsteller: Elijah Wood (Frodo Beutlin), Ian McKellen (Gandalf der Graue), Viggo Mortensen (Aragorn), Sean Astin (Samweis „Sam“ Gamdschie), Liv Tyler (Arwen Undómiel), Cate Blanchett (Galadriel), John Rhys-Davies (Gimli), Billy Boyd (Peregrin „Pippin“ Tuk), Dominic Monaghan (Meriadoc „Merry“ Brandybock), Orlando Bloom (Legolas Grünblatt), Hugo Weaving (Elrond), Sean Bean (Boromir), Ian Holm (Bilbo Beutlin), Andy Serkis (Smeagol/ Gollum), Alexandra Astin (Elanor), Brad Dourif (Grima Schlangenzunge), Sala Baker (Sauron), Christopher Lee (Saruman)

Verleih: Warner

Deutscher Start: 19. Dezember

 

 

 

Herr der Ringe von A – Z

 

Alles oder nichts

Erstmals in der Filmgeschichte wurde eine Trilogie am Stück abgedreht. Mit der Mammutinvestition von 300 Millionen Dollar wird hoch gepokert. Denn für die letzte Episode klingelt die Kasse erst an Weihnachten 2003. Wird das erste Werk ein Flop, schaut es zappenduster aus.

 

Boom

Der Roman zählt zu den meistverkauften Büchern der Welt. Er ist in 40 verschiedenen Sprachen erhältlich, die Auflage liegt bei 100 Millionen. Entsprechend groß ist die Neugier auf den Film: Kaum war der Trailer im Netz, gab es in der ersten Woche superlative 6,6 Millionen Zugriffe. Die Klick-Zahl bei Star Wars fiel sechsmal geringer aus.

 

CGIs

Von den berühmten „computer generated images“, der Spezialeffekt-Maßeinheit, werden 550 allein für Teil 1 versprochen. Neben diesen digitalen Tricks wird zudem jedes einzelne Bild digital bearbeitet.

 

Devotionalien

Der finanzkräftige Fan kann fas alles auf seinen Fantasy-Altar stellen: von Briefpapier über Tuschfeder bis zum Kalender, von Figürchen über Sammelkarten bis zum Rollenspiel, von Gewändern bis zum offiziellen Ring aus echtem Gold für reale 900 Mark. Es gibt eigens einen online-Shop unter: www.elbenwald.de

 

Elfisch

Tolkien hat die Sprache einst eigens erfunden. Und Liv Tyler als Arwen gab sich alle Mühe, sie auch ordentlich zu sprechen. Klingt wie eine Mischung aus Gälisch und Walisisch – und wird im Film untertitelt.

 

Frauen

Im Roman spielen sie nur eine kleine Rolle, doch auf der Leinwand wird leicht nachgebessert, Drehbuchautorin Fran Walsh hat für eine Prise Frauen-Power gesorgt: neben der hübschen Liv Tyler auch die grandiose Cate Blanchett (The Gift) als Lady Galadriel,d ie Königin der Elfen.

 

Gandalf

Den großen Zauberer von Mittelerde spielt der Shakespeare-Mime, geadelte Sir und britische Schwulen-Aktivist Ian McKellen, der für seine Darstellung als Horror-Regiemeister James Whale in Gods and Monsters viel Lob einheimsen konnte und in der Hochgelobten Superhelden-Verfilmung X-Men in der Schlacht zwischen Gut und Böse bereits auf der anderen Seite stand.

 

Hobbits

Schon in Tolkiens erster Mittelerde-Erzählung Der Hobbit spielte einer dieser Halblinge die Hauptrolle, die den Menschen nur bis zur Taille reichen, aber nicht so gedrungen und bärtig wie die Zwerge sind. Außerdem ziehen sie ein fröhlich-harmloses Genussleben in idyllischem lichtem Grün dem verbissenen Buddeln nach Gold und Metallen im Dunkel unter der Erde vor. Besagter Hobbit hieß Bilbo Beutlin und entdeckte in einer von einem Drachen bewachten Höhle den sagenhaften Ring, der im Kampf zwischen Gut und Böse eine entscheidende Rolle spielen sollte, und Jahre später Bilbos Neffen Frodo übergeben wurde.

 

Internet

Klar, dass Fantasy-Freaks Tag und Nacht online sind. Die schicksten Seiten finden sich unter der Adresse www.herr-der-ringe-film.de (mehr zum Thema gibt´ s wohl nicht), www.lordoftherings.net Wer´ s lieber wissenschaftlich mag geht auf die Seite der Hardcore-Fans unter www.tolkiengesellschaft.de

 

J. R. R. Tolkien

Was in Dallas noch für Bösewicht stand, macht ein „R“ mehr zum Hohepriester aller Fantasy-Fans: J(ohn) R(onald) R(euel) Tolkien. Der Professor aus Oxford und Freund von dem ebenfalls phantastisch begabten C. S. Lewis hat die Mythen aus Mittelerde ausgeheckt und damit einen literarischen Evergreen geschaffen, der mit seiner Detailgenauigkeit schon Generationen von Lesern in seinen bann gezogen hat. Als ideale Einstiegsgeschichte gilt der Hobbit, als Vertiefung Das Silmarillion über die Frühgeschichte von Mittelerde. Letzteres wurde wie vieles aus dem Nachlass des verschrobenen Gelehrten veröffentlicht, der mit seiner Frau Edith im katholischen Teil des Wolvercote-Friedhofs im Norden von Oxford begraben liegt. Auf dem Grab steht: „Edith Mary Tolkien, Lúthien, 1889 – 1971“ und „John Ronald Reuel Tolkien, Beren, 1892 – 1973“. Die nachgestellten Namen sind die von Liebenden aus dem Silmarillion.

 

Kommerz

Wie bei jedem Mega-Film klingeln die Kassen vor allem auch durch die Vermarktung der Fan-Artikel. Frodo und Co. Sind nicht nur in jedem siebten Überraschungsei oder in Cornflakes-Schachteln zu finden. Auch Hamburger-Bratereien reiten auf der Kult-Welle werbewirksam mit.

 

LOTR

Wer etwas auf sich hält sagt niemals Herr der Ringe, sondern verwendet das schicke englische Kürzel für Lord of the Rings.

 

Musik

Ihre Klänge nutzten TV-Anstalten im September für den Soundteppich zu den New Yorker Schreckensbildern. Nun avancierte Enya mit dem Titelsong „May it be“ auch zur Musikfrau vom Herrenring.

 

Neuseeland

Die Heimat von Regisseur Peter Jackson gab nicht nur die grandiose Naturkulisse ab. Auch die Produktionskosten am Ende der Welt sind günstiger als in den USA.

 

Orlando

Der britische Newcomer Orlando Bloom durfte sich frisch von der Theaterschule in das Fantasy-Abenteuer stürzen. Mit langem Haar und Pfeil und Bogen gibt er den smarten Elfen-Softie Legolas, über den Liv Tyler anerkennend sagt: „Wie ein Hobbit sieht Orlando ja nun wirklich nicht aus!“

 

Party

Um die Weltpremiere des 20minütigen Ausschnitts in Cannes standesgemäß zu feiern, wurden die Originalkulissen eigens aus Neuseeland importiert, schwarze Reiter samt Fantasy-Monster inklusive. Dass die exklusive Gästeschar im exklusiven Landschloss nicht nur das Büfett, sondern auch allerlei Originalrequisiten abräumte, war im Party-Etat von einer Million Mark wohl nicht einkalkuliert.

 

Regisseur

Geboren an Halloween anno 1961, erlangte der Hardcore-Horrorfilmer Peter Jackson mit blutspritzenden Streifen wie Bad Taste und Braindead sowie der ungeschminkten Muppets-Parodie Meet the Feebles zu Kult-Status. Mit seiner subtilen, auf Tatsachenberuhenden Studie Heavenly Creatures über zwei jugendliche Mörderinnen überraschte er alle, die ihn als reinen Metzelfilmer missverstehen wollten. Dabei hatte er u. a. auch schon im überladenen Splatter-Fest Braindead bewiesen, dass er sehr wohl fähig war, eine brillante Charakterstudie zu entwerfen.

 

Statistik

300 Millionen Dollar, 274 Drehtage, 900 handgemachte Rüstungen, 2000 Waffen, 20.000 Requisiten-Teile sowie 1600 künstliche Füße und Ohren als Monstermasken.

 

Tonträger

Wem die 1008 Seiten zu viel zum Lesen sind und das pompöse Filmspektakel zu wenig Phantasie fördernd, der ist mit dem Hörspiel gut bedient. Brillant jenes von der BBC. Auch nicht schlecht die deutsche Produktion SWF – als CD überall im Buchhandel.

 

Vampir

Ex-Dracula Christopher Lee ist als mieser Magier Saruman (nach anfänglicher Unentschlossenheit) einmal mehr zum bösen Buben verdammt. Der „Opa der Ringe“ sieht´ s gelassen: „Wie Anthony Hopkins so treffend sagte: `Ich spiele keine Bösewichter, ich spiele Menschen.´ Es gibt eine besondere Qualität, die mich daran reizt, und das ist die Traurigkeit dieser Figuren. Böse zu sein ist eine sehr einsame Angelegenheit.“

 

Warner

Wenige Wochen vor dem Start übernahm die deutsche Filiale des Hollywood-Studios den Vertrieb in den hiesigen Kinos. Eigentlich sollte der Kinowelt-Verleih den Goldesel bei uns auf die Leinwand bringen, scheiterte in der Zielgeraden jedoch an seiner klammen Finanzlage. Nun macht sich Kino-Riese Warner selbst die Harry Potter-Konkurrenz.

 

X Millionen

Die Erwartungen sind hochgeschraubt. LOTR soll die Massen locken. Schon in Cannes gab ein Marketingprofi die nicht ganz unbescheidene Erfolgsprognose: „Dagegen wird die Titanic wie ein Ruderboot aussehen“.

 

Yrch

Der elfische Plural von „Orch“, jene finsteren Gesellen im Dienste des bösen Sarumen, die auf gut Deutsch „Orks“ genannt werden.

 

Zeichentrick

Rotoskopiert, also teils mit Schauspielern aufgenommen, aber dann überzeichnet, brachte Ralph Bakshi 1978 die Fantasy-Legende auf die Leinwand. Der Erfolg blieb bescheiden, die geplante Fortsetzung wurde gestrichen, weshalb der auf zwei Teile angesetzte Film mittendrin endet. Es folgte immerhin noch eine nicht von Bakshi gedrehte TV-Fortsetzung auf niedrigerem Niveau, die das Geschehen abschloss. Heute kann man sich auf Video oder einer brandneuen DVD davon überzeugen, dass Bakshis Werk zwar Mängel hat, aber zu Unrecht verdammt wurde.

 

„Meine Liebe gilt einem Kino, das den Zuschauer auf eine Reise mitnimmt“

Ein Interview mit Peter Jackson

 

Geboren wurde er an Halloween anno 1961 in Neuseeland. Mit seinen blutspritzenden Splatter-Streifen Bad Taste und Braindead kam Peter Jackson zu Kult-Status bei den Horror-Freaks. Zu einem „Silbernen Löwen“ in Venedig sowie reichlich Feuilletonisten-Lob brachte er es danach mit seiner auf Tatsachen beruhenden Mörder-Mädchen-Geschichte Heavenly Creatures. Nach seiner in Hollywood realisierten Geistergeschichte The Frighteners wagte sich Jackson an das größte Filmabenteuer aller Kinozeiten: Für 300 Millionen Dollar drehte er an einem Stück alle drei Teile des Kult-Romans Der Herr der Ringe von J. R. R. Tolkien. Den ersten Teil präsentiert er zum diesjährigen Weihnachtsfest, der Rest der Trilogie folgt 2002 und 2003, jeweils zur selben festlichen Zeit.

 

Moviestar: Der Roman hat eine Auflage von 100 Millionen, erschien in 40 Sprachen und hat Kultstatus erlangt. Ihre Trilogie hat ein Budget von 300 Millionen Dollar – wie lebt man mit solche einem Erwartungsdruck?

Peter Jackson: Ich habe das einfach verdrängt. Es wäre kaum nützlich gewesen, wenn ich mir jeden Tag Gedanken über das große Budget gemacht hätte. Ich hatte einen Job zu erledigen und der hieß: Mach den bestmöglichen Film aus diesem Stoff! Ein großer Actionfilm mit aufwendigen Spezialeffekten kostet in Hollywood 120 bis 130 Millionen Dollar. Wir haben drei Filme – und sind im Endpreis 100 Millionen Dollar billiger. Zum einen, weil wir alle drei Teile gleichzeitig gedreht haben, zum zweiten, weil wir nicht in Hollywood, sondern im billigeren Neuseeland produziert haben.

 

MS: Drei Filme auf einmal zu drehen – ist das nicht schwierig?

PJ: Wir haben das Projekt für uns nicht in drei Teile geteilt, die Dreharbeiten verliefen wie bei einem sehr langen Film, der sieben Stunden dauert. Hollywood hätte den Stoff gerne zu einem einzigen Film verarbeitet. Doch das ist unmöglich. Die Story ist zu bekannt, die Figuren sind zu beliebt. Mit nur einem Film würde man den Charakter des Buches verlieren.

 

MS: Kann man einem 1000-Seiten-Roman mit Kultstatus überhaupt auf der Leinwand gerecht werden – zumal kaum ein Stoff derart eifrige Fans hat wie Herr der Ringe?

PJ: Für ein Projekt wie dieses gibt es keine Regeln, auf die man zurückgreifen könnte. Man muss sich auf seine Instinkte und Gefühle verlassen. Auch mit drei Filmen ist es unmöglich,  alles aus dem Roman unterzubringen. Eine meiner kleinen Regeln lautete, dass es ein Film sein sollte für jene Leute, die das Buch vor zehn Jahren gelesen haben. Hartgesottene Fans werden natürlich sofort merken, was wir alles weggelassen oder verändert haben. Aber wir haben die Schlüsselelemente der Figuren und der Story beibehalten. Zudem war es wichtig, dass ein Film nach dieser komplexen Vorlage auch von jenen verstanden wird, die das Buch überhaupt nicht kennen.

 

MS: Hatten die Tolkien-Erben Einfluss auf das Projekt?

PJ: Die Filmrechte wurden 1969 von J. R. R. Tolkien selbst an United Artists verkauft. Von dort hat sie später Saul Zaentz erworben, der damals die Zeichentrick-Version produzierte. Weil die Rechte verkauft waren, hatten die Erben nichts mehr mit unserer Verfilmung zu tun und wollten das auch nicht. Es gab informelle Kontakte mit Christopher Tolkien und der Stiftung. Aber für sie wäre es natürlich frustrierend gewesen, wenn Sie versucht hätten Einfluss zu nehmen – und letztlich doch keine Macht dazu hätten. Man war sehr nett zu uns, aber es gab keine direkte Verbindung.

 

MS: Wie sind Sie überhaupt auf das Projekt gekommen?

PJ: Fran Walsh [Peter Jacksons Partnerin im Leben und im Beruf] und ich waren mitten bei den Dreharbeiten von The Frighteners im Oktober 1995, als wir überlegten, was wir als nächstes tun sollten. Ich weiß nicht mehr genau, wie es passierte, aber irgendwie kam mir plötzlich Der Herr der Ringe in den Sinn. „Warum wurde das nie verfilmt?“ und „Wer hat die Rechte?“ fragte ich mich, immerhin gab es den Roman schon seit 40 Jahren. Wir fanden heraus, dass Saul Zaentz die Rechte daran hatte. Zu jener Zeit hatten wir mit Miramax einen First-Look-Deal, also rief ich Harvey Weinstein an und fragte: „Was hältst du von Herr der Ringe?“ Harvey und Saul drehten damals Der Englische Patient, beide einigten sich über die Rechte. Doch Miramax wollte keine Trilogie. Und wir wollten keinen einzelnen Film. Also suchten wir nach einem anderen Studio.

 

MS: Vom schmuddeligen Bad Taste zum pompösen Herr der Ringe – gibt es da einen Zusammenhang?

PJ: Vor 13 Jahren kam ich mit Bad Taste auf die Filmmesse nach Cannes – und in diesem Jahr wurden dort, in genau demselben Kino, die ersten Ausschnitte von Herr der Ringe gezeigt. Ich fühle mich noch immer als der gleiche Filmemacher wie früher. Meine Liebe gilt einem Kino, das die Zuschauer auf eine Reise mitnimmt, die er normalerweise nicht gemacht hätte – das war bei Bad Taste nicht anders als bei Herr der Ringe. Nur dass dies nun eben der ultimative Kinotrip ist. Mein Lieblingszitat von Hitchcock heißt: „Manche Filme sind ein Stück vom Leben. Meine Filme sind ein Stück von einem Kuchen.“ Das beschreibt für mich sehr gut die Aufgabe von Kino.

 

MS: Inwieweit ist Harry Potter ein Rivale um die Publikumsgunst?

PJ: Ich hoffe, dass Harry Potter ein guter Film wird, schließlich habe ich die Bücher ebenso gelesen wie meine Kinder. Wenn das Publikum Harry Potter gut findet, wird damit der Weg für Magie und Zauberer geebnet – da kann für uns nur gut sein. Danach ist das Publikum bestens vorbereitet für Tolkien. Harry Potter richtet sich an ein eher jüngeres Publikum, unser Film an alle Altersschichten.

 

MS: Ihre anderen Filme fielen oft einer hohen Altersfreigabe zum Opfer – wie soll es diesmal sein?

PJ: Es wäre dumm und unverantwortlich, aus Herr der Ringe einen film „nur an 18 Jahren“ zumachen. Natürlich könnte man eine Version mit vielen brutalen und gewalttätigen Szenen aus dem Stoff machen. Aber wir wollten ganz bewusst, dass auch Kinder diesen Film sehen können.

 

MS: Nach welchen Aspekten haben Sie Ihr Mammutwerk besetzt?

PJ: Hollywood hat uns völlige Freiheit bei der Besetzung gelassen. Es macht sehr viel Spaß, wenn man die ganzen Kultfiguren des Romans auf einer Liste hat und überlegt, welcher Schauspieler würde zu Frodo, Bilbo oder Elrond am besten passen. Unser Motto hieß: Wer erweckt die Tolkien-Figur am besten zum Leben? Für die Hobbits wollten wir ursprünglich englische Akteure, weil sie im Roman einen Bezug zu England haben. Für Frodo haben wir über 150 Darsteller getestet, doch keiner hat uns überzeugt. Bis schließlich Elijah Wood in unserem Londoner Büro auftauchte. Er hatte gehört, dass wir nur in England nach Hobbits suchen und brachte ein selbst gemachtes Video mit, auf dem er Sätze aus dem Roman vorlas. In unserer Verzweiflung legten wir das Band ein – und er hatte die Rolle.

 

MS: Sollte nich tSean Connery den Zauberer Gandalf spielen?

PJ: Das war nur ein Gerücht. Ich bin ein großer Sean Connery-Fan und würde gerne einmal mit ihm arbeiten. Aber Connery ist eben auch auf der Leinwand immer Connery, seine Persönlichkeit würde jeden Tolkien-Charakter überstrahlen. Während unser Ian McKellen völlig von dieser Figur des Gandalf aufgesogen wird.

 

MS: Wie macht man aus normalen Schauspielern kleine Hobbits?

PJ: Visuell ist das natürlich eine besondere Herausforderung. Man verwendet verschiedene Kameraeinstellungen, ausgefeilte Blue-Screen-Technik und Computertricks. Bisweilen geht das aber auch ganz simpel: Da muss der Hobbit einfach auf die Knie gehen und der Zauberer auf eine Kiste steigen. Wir hatten zudem Doubles: kleinwüchsige Darsteller für die Hobbits und sehr große für die Zauberer.

 

MS: Das Zauberwort für jeden Special-Effects-Film heißt CGI, computer generated Images – welche digitalen Tricks haben Sie auf Lager?

PJ: Wir mussten eine ganz eigene Software entwickeln. Mit unserem „Massive“-Programm konnten wir bei einer Trickszene mit 20.000 Figuren jeder einzelnen ganz individuelle Merkmale verpassen. Per Mausklick können Sie jede vergrößern und ihr in die Augen sehen. Unsere Figuren können wie von selbst agieren. Statt der üblichen Animation gibt man als Befehl „Marschiert auf den Berg!“ – und sie tun das! Wir konnten die CGI-Figuren gegeneinander kämpfen lassen. Zu unserer Überraschung sind sie dabei bisweilen sogar geflohen, ohne dass wir das wollten. Sie hatten plötzlich ihr eigenes Leben entwickelt. Wir haben übrigens jede einzelne Szene mit dem Computer bearbeitet. So schön Neuseeland auch ist, für die Tolkien-Welt wollten wir einen ganz besonderen Look. Deshalb haben wir alle Farben nachbearbeitet, um die richtige Atmosphäre für Mittelerde zu erzeugen.

 

MS: Sind all Ihre Heere nur aus der digitalen Trickkiste?

PJ: Nein, nein. Zu Beginn der Dreharbeiten besuchte uns die Premierministerin und fragte, wie sie uns unterstützen könnte. Wir sagten, dass ein paar Soldaten als Statisten nicht schlecht wären. Da drehte sie sich zum Verteidigungsminister um, der auch dabei war, und sagte: „Geben Sie Ihnen ein Bataillon, wenn sie es benötigen.“ Wir haben die dann zu Schwert- und Speerkämpfern ausgebildet – was bei dem sinkenden Militärhaushalt unseres Landes vielleicht ja einmal von Nutzen sein kann (lach).

Das Interview führte Dieter Oßwald

 

 

„Immer perfekt ist gar nicht so einfach!“

Ein Interview mit Liv Tyler

 

Moviestar: Als Elfe musst du immer supergut und freundlich sein – wird man da nicht neidisch auf einen Fiesling, wie Christopher Lee ihn spielt?

Liv Tyler: Stimmt! Elfen sind einfach perfekt: völlig ausgeglichen und immer souverän. Es ist wirklich nicht einfach, so etwas zu spielen. Schließlich darf man sich als Elfe keine menschlichen Nachlässigkeiten erlauben. Das sind Wesen, die 12 Stunden am Tag meditieren können. Für meinen Kollegen Orlando, der den männlichen Elf spielt, war das alles noch schwieriger: Er musste mit dieser Haltung sogar Kampfszenen spielen.

 

MS: Nicht nur bei den Elfen ist der Herr der Ringe eine reine Männerwelt – wie lässt es sich da arbeiten?

LT: Stimmt schon, es gibt lediglich drei weiblich Figuren in dem ganzen Film. Aber zum Glück waren in der Crew etliche Frauen dabei, das war ganz gut für die Atmosphäre.

 

MS: Du hast kleine Filme gedreht und Blockbuster wie Armageddon – was war anders an Herr der Ringe?

LT: Für mich ist kein Film wie ein anderer. Obwohl Herr der Ringe das größte Projekt ist, das ich jemals gedreht habe, kam mir die Atmosphäre doch vor wie bei einem Independent-Film. Es gab nicht diese großen Wohnwagen oder eine Luxusbehandlung. Es war alles sehr einfach und sehr intim – was bei Armageddon überhaupt nicht der Fall gewesen war.

 

MS: Was war die größte Herausforderung für dich?

LT: Wir mussten lernen zu reiten, mit dem Schwert zu kämpfen und dann natürlich die Elfen-Sprache. Tolkien hat mit 15 begonnen, diese eigene Sprache zu erfinden, mit 17 war er damit fertig. Am Anfang hatte ich ziemliche Angst davor und fand es zunächst sehr schwierig. Aber inzwischen spreche ich Elfisch sehr flüssig (lacht). Eines Tages, wenn ich nicht einmal mehr meinen eigenen Namen aussprechen kann, werde ich noch immer diese Elfen-Dialoge können.

 

MS: Wie fühlt man sich, wenn man sich selber als Spielzeug-Puppe in den Geschäften widerfindet?

LT: Die erste Puppe bekam ich damals in einer Schachtel. Ich war ganz allein zu Hause und fand es überaus seltsam, als diese Puppe, die aussah wie ich, mir auf meinem Küchentisch gegenübersaß. Leider fiel dann auch gleich der Arm ab, aber nur, weil es sich um einen Prototyp handelte. Als Kind hatte ich viele Barbie-Puppen und das erste, was ich machte, war, ihnen die Kleider abzunehmen.

 

MS: Hast du keine Angst vor der großen Fan-Welle, die nun über dich hereinbrechen wird?

LT: Ich habe mich darum noch gar nicht gekümmert. Ich war nur einmal auf der offiziellen Website – und bin technisch schnell damit gescheitert. Das Faszinierende am Drehort Neuseeland war, dass wir so weit weg von allem und vor allem von Hollywood waren, so dass wir uns nach einiger Zeit wirklich so gefühlt haben, als wären wir in Mittelerde. Erst als ich wieder nach Hause kam und bei einem Freund meine Email abgerufen hatte, sah ich plötzlich auf dem Browser das Gesicht von Eijah Wood und mir. Da wurde mir erst klar, wie groß das Ganze werden würde.

 

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