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Moviestar November/Dezember 2001

Vielen Dank an Jasy fürs Abtippen!

 

Der Herr der Ringe

An Weihnachten hat das Warten ein Ende!

 

„In einem Loch in der Erde, da lebte ein Hobbit.“ Als John Ronald Reuel Tolkien diesen Satz auf die Rückseite einer Examensarbeit schrieb, die ihn schrecklich langweilte, ahnte er freilich nicht, dass dies der Beginn einer phantastischen Saga sein würde, die Freunde phantastischer Literatur bis heute in ihren Bann schlägt. Tolkiens Der Hobbit und seine monumentale Fortsetzung, die Herr der Ringe-Trilogie, gehören bis heute zu den meistgelesenen Werken der Weltliteratur. Seit  Tolkiens Werk in den sechziger Jahren zu Weltruhm gelangte, haben die Anhänger seiner phantastischen Sagenwelten wieder und wieder nach einer Verfilmung der Bücher gerufen. Und sie wurden erhört …

 

Schon in den frühen 70ern gab es Bestrebungen, den Herr der Ringe als Realfilm zu adaptieren – die wohl prominentesten Interessenten an dem Stoff waren die Beatles, die denn auch planten, im Zuge ihrer erfolgreichen Filmkarriere selbst in dem Streifen mitzuspielen. Als Hobbits, versteht sich. Als aus dem Projekt jedoch nichts wurde, gingen die Rechte an dem Stoff an den Produzenten Saul Zaentz, der sich gemeinsam mit Zeichtrick-Filmer Ralph Bakshi daran machte, Tolkiens berühmtestes Buch als aufwendigen Zeichentrickfilm in die Kinos zu bringen. Das Ergebnis, das 1979 in die Kinos kam, konnte jedoch nur teilweise überzeugen – der Streifen war zu grausig, um bei Kindern Anklang zu finden, während Tolkien-Fans mit einer disneysierten Variante ihres Kultbuchs nichts anfangen konnten. Vor allem die von Bakshi verwendete Rotoskopie-Technik, bei der Realaufnahmen echter Darsteller lediglich mit Farbe verfremdet wurden, um ihnen einen Zeichentrick ähnlichen Anstrich zu geben, stieß vielfältig auf Kritik. Bakshis Herr der Ringe fiel beim Publikum durch. Da der Streifen jedoch auf zwei Teile angelegt gewesen war, wurde später noch eine Fortsetzung unter dem Titel The Return of the King fürs Fernsehen nachgeschoben. Im gleichen Zug wurde übrigens auch die Vorgeschichte The Hobbit als Trickfilm realisiert.

 

Danach wurde es lange Zeit ruhig um Tolkiens Werk. Während der Heroic Fantasy-Welle Anfang der 80er Jahre stand dem Publikum der Sinn nicht nach Hobbits und Elben, und George Lucas’ Willow machte 1988 deutlich, dass die Möglichkeiten, märchenhafte Fantasy auf die Leinwand zu bringen, begrenzt waren – auch tricktechnisch gesehen. Dass es ausgerechnet der neuseeländische Regisseur Peter Jackson sein würde, der dem Herr der Ringe schließlich zu Leinwandehren verhelfen sollte, damit hatte wohl niemand gerechnet. Jackson, der durch seine Braindead-Streifen, aber auch durch Heavenly Creatures bekannt wurde, hatte zunächst eigentlich vor, King Kong neu zu verfilmen. Das Projekt zerschlug sich jedoch und Jackson kündigte an, Tolkiens Der Herr der Ringe adaptieren zu wollen – sicher nicht die schlechteste Idee. Denn die neue Star Wars-Trilogie und TV-Serien wie Hercules oder Xena hatten Fantasy wieder populär gemacht. Die Zeit schien reif zu sein, um Tolkiens Werk endlich auf die Leinwand zu bringen.

 

Die Fans zeigten sich begeistert und skeptisch zugleich. Würde Tolkiens Werk nun endlich seine lang verdiente filmische Würdigung erfahren oder würde es wieder enden wie anno '79? Die Rechte am Stoff hielt noch immer Saul Zaentz, mit dem Jackson sich rasch einigte. Nachdem Verhandlungen mit der Disney-Tochter Miramax gescheitert waren, wandte man sich an New Line Cinema, wo man prompt zugriff und sich den Kassenschlager in spe sicherte. Nicht einen, sondern gleich drei Filme wollte man drehen, den drei Teilen des Buches entsprechend, mit einem Gesamtbudget von umgerechnet über 300 Mio. DM!

Um dennoch rationell produzieren zu können, beschloss man, die drei Teile Die Gefährten, Die Zwei Türme und Die Rückkehr des Königs „back to back“ zu drehen, also am Stück. Dieses Vorgehensweise, die früher schon bei Superman bzw. den Fortsetzungen von Zurück in die Zukunft Anwendung gefunden hatte, bietet den Vorteil, dass Sets besser genutzt werden können, keine langwierigen Vertragsverlängerungen mit Darstellern ausgehandelt werden müssen etc. Sie birgt aber auch einen entscheidenden Nachteil: Sollte sich der erste Herr der Ringe-Streifen in den Kinos als Flop erweisen, besteht die Produktionsfirma keine Möglichkeit zur Umkehr. Ein finanzielles Desaster wäre die Folge.

 

Daran mag im Augenblick jedoch niemand recht glauben – vor allem jene nicht, die vorab schon einen Blick auf den 25minütigen Teaser des Films werfen konnten, der zur Zeit auf Festivals zu sehen ist und Ausschnitte aus allen drei Filmen enthält. Auch die Trailer des ersten Teils, die schon in den Kinos zu sehen waren, lassen beim Publikum wie bei der Fachwelt nur einen Schluss zu: Peter Jackson und seiner Crew ist da etwas ganz besonderes gelungen. Etwas, das des Namens Tolkien wirklich würdig ist. Jackson, der selbst ein erklärter Fan der Bücher ist und die Filme nicht nur inszenierte, sondern auch die Drehbücher schrieb und coproduzierte, setzt offenbar alles daran, dem Original so treu wie möglich zu bleiben und jenen mythischen Hauch, der von den Seiten des Buches ausgeht, auch in der Verfilmung einzufangen. Wo sich Tolkien in ausführlichen Beschreibungen lieblicher Landschaften, schneebedeckter Höhen oder finsterer Wälder ergeht, schwelgt Jackson in atemberaubenden Landschaftsbildern seiner neuseeländischen Heimat. Die Helden, die Tolkien in seinem Buch beschreibt, werden von Schauspielern verkörpert, denen die Rollen geradezu auf den Leib geschrieben zu sein scheinen – von Elijah Wood als Frodo über Ian McKellen als Gandalf bis hin zu Liv Tyler als edle Elbin Arwen. Die Szenen, die bislang von Der Herr der Ringe zu sehen sind, atmen Atmosphäre aus jeder Pore, scheinen die Tolkiensche Sagenwelt lebendig werden zu lassen: Da gibt es den gedrungenen Bau von Frodos Zuhause in Hobbingen, die finsteren Minen von Moria und die geheimnisvollen Wälder von Lothlorien. Da gibt es Heere grausiger Orks, die sich über die Ebene wälzen, unheimliche Ringgeister und finstere Balrogs; Schlachtengetümmel, als die Heere Saurons und der Menschen bei Helms Klamm und Minas Tirith aufeinander treffen. Dabei hat Peter Jackson keine Mühen gescheut: Mehr als 15.000 Statisten waren in den Massenszenen im Einsatz, die mittels CGI-Technik (Anm: kurz für Computer Generated Images – zu Deutsch: Computergenerierte Bilder) zu Heeren von 200.000 Kämpfern aufgeblasen wurden. Monumentale Schlachtengemälde des Kampfs zwischen dem Guten und dem Bösen.

 

Mit den Szenen auf der Festung Minas Tirith, die in der Nähe von Wellington errichtet wurde, gingen im vergangenen Dezember auch die 15monatigen Dreharbeiten der drei Filme zu Ende. Seither sind Peter Jackson und seine Crew mit der Postproduktion beschäftigt: Zahllose Effekt-Shots müssen bearbeitet, die Darsteller der Hobbits und Zwerge mittels digitaler Manipulation verkleinert werden. Danach folgt der Endschnitt sowie die Unterlegung mit der Musik, die aus der Feder von Howard Shore stammen wird.

Gegenwärtig dürfte sich zumindest der erste Teil die Gefährten seiner Vollendung nähern, denn der Start des Films ist bekanntlich für Dezember angekündigt. Die Teile 2 und 3 sollen dann im Jahresabstand folgen. Zu Weihnachten werden Tolkien-Fans in aller Welt also endlich selbst sehen können, ob Peter Jackson die Erwartungen erfüllen konnte und das Kultbuch endlich seine adäquate Umsetzung erfahren hat. Moviestar wird im nächsten Heft mit einem ausführlichen Tolkien- und Herr der Ringe-Special über das Filmereignis des Jahres berichten.

 

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